Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
20 Jahre lang hat der Holocaust-Überlebende Sinto Hugo Höllenreiner Tausenden junger Menschen von seiner "Kindheit" in Konzentrationslagern erzählt. Sein Zeitzeugenbericht und seine Persönlichkeit haben dazu beigetragen, dass die Erinnerung an diese Vergangenheit wach gehalten wird. Dieser Band fragt nach Konsequenzen für Pädagogik, Literaturwissenschaft, Ethik und Theologie, präsentiert historische Hintergründe und zeigt notwendige Aufgaben für Bildungsprozesse und politisches Handeln auf. In dem Bewusstsein, dass auch die Gegenwart unter dem Schatten von Auschwitz steht, erschließen die Beiträge Zugänge zu grundlegender Auseinandersetzungen mit Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismus.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 426
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Zwanzig Jahre lang hat der Holocaust-Überlebende Sinto Hugo Höllenreiner Tausenden junger Menschen von seiner 'Kindheit' in Auschwitz-Birkenau, Mauthausen, Ravensbrück und Bergen-Belsen erzählt. Sein Zeitzeugenbericht und seine Persönlichkeit haben dazu beigetragen, dass die Erinnerung an diese Vergangenheit wach gehalten wird und nicht folgenlos bleibt. Der interdisziplinär angelegte Band fragt nach Konsequenzen für Pädagogik, Literaturwissenschaft, Ethik und Theologie, präsentiert historische Hintergründe und neue Forschungsergebnisse und zeigt notwendige Aufgaben für Bildungsprozesse und politisches Handeln auf. Das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg sowie das NS-Dokumentationszentrum München stellen ihre konzeptionellen Überlegungen vor und illustrieren diese an ausgewählten Beispielen. In dem Bewusstsein, dass auch die Gegenwart unter dem Schatten von Auschwitz steht, erschließen die Beiträge Zugänge zu individuellen und institutionellen Auseinandersetzungen mit Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismus. Prof. Dr. Matthias Bahr lehrt Religionspädagogik im Fachbereich für Kultur- und Sozialwissenschaften der Universität Koblenz-Landau (Campus Landau). Peter Poth ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte am Regental-Gymnasium Nittenau bei Regensburg.
Prof. Dr. Matthias Bahr lehrt Religionspädagogik im Fachbereich für Kultur- und Sozialwissenschaften der Universität Koblenz-Landau (Campus Landau). Peter Poth ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte am Regental-Gymnasium Nittenau bei Regensburg.
Matthias Bahr und Peter Poth (Hrsg.)
Hugo Höllenreiner
Das Zeugnis eines überlebenden Sinto und seine Perspektiven für eine bildungssensible Erinnerungskultur
in Zusammenarbeit mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma Heidelberg dem NS-Dokumentationszentrum München
Verlag W. Kohlhammer
Alle Rechte vorbehalten © 2014 W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart Umschlaggestaltung: Peter Horlacher Printed in Germany
Print: 978-3-17-023668-4
E-Book-Formate
pdf:
978-3-17-025862-4
epub:
978-3-17-025863-1
mobi:
978-3-17-025864-8
EinleitungMatthias Bahr und Peter Poth
GeleitwortRomani Rose
Begegnungen und Anstöße
München stellt sich seiner schwierigen VergangenheitChristian Ude
Brief an meinen Freund HugoErnst Grube
Die Erinnerung an die Vernichtung der Roma. Gedenken in Polen heuteRoman Kwiatkowski
Versöhnungsarbeit vor Ort: Oświęcim/AuschwitzManfred Deselaers
„Wenn Menschen erst ausgegrenzt und verfolgt werden...“ Ein Münchner Ausstellungsprojekt mit Hugo Höllenreiner im Jahr 1993Ludwig Eiber
„Wie es in mir aussieht, weiß keiner...“ Hugo Höllenreiner in Bergen-BelsenElke von Meding
Erinnerungen an das Zeitzeugengespräch mit Hugo Höllenreiner 2005 in EmdenLeonie Christiansen
„Denk nicht, wir bleiben hier!“ – Wie das Buch entstandAnja Tuckermann
„Dui Rroma“ – ein Film über eine unwahrscheinliche BegegnungEin Interviewmit Iovanca Gaspar
„Bari Duk“ (Großer Schmerz) – eine musikalische Gabe für Hugo HöllenreinerEin Interviewmit Adrian Gaspar
Über das Persönliche hinaus: Perspektiven für eine erinnerungssensible Bildungsarbeit
Rassismus als Leitkategorie. Plädoyer für eine (didaktische) HorizontverschiebungPeter Poth
„Jetzt stehen wir vor dem ‚Zigeunerlager‘...“ Überlegungen für eine Religions-Pädagogik im Angesicht von AuschwitzMatthias Bahr
Erziehung nach, in und über Auschwitz hinaus: Bildungsarbeit an einem Ort des nationalsozialistischen TerrorsWolf Ritscher
Aspekte einer „Ethik nach Auschwitz“Bernhard Laux
„Richtig frei bin ich trotzdem nie.“ Hugo und Hermann Höllenreiner in Anja Tuckermanns ErinnerungsbüchernFriedmann Harzer
Historische Einwürfe
Die „Dienststelle für Zigeunerfragen“ der Münchner Kriminalpolizei und die Verfolgung der Sinti und RomaJoachim Schröder
Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-BirkenauJerzy Dębski
Die Enteignung der Münchner Sinti und Roma und die Rolle der ReichsfinanzverwaltungJosephine Ulbricht
Ein Auftrag: Das Erinnern weitertragen
Die Stimmen der Opfer. Autobiografische Zeugnisse von Sinti und Roma und der lange Weg der ErinnerungFrank Reuter
Das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma und der ErinnerungsdiskursSilvio Peritore
Dem NS-Völkermord gedenken: Zum Bildungskonzept des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und RomaSilvio Peritore
Sinti und Roma in der Schule – eine BestandsaufnahmeReinhold Lagrene/Oliver von Mengersen
Bildungsarbeit am NS-Dokumentationszentrum München: Das Seminarkonzept „Weil wir Sinti sind ...“Kerstin Schwenke/Thomas Rink
Auf den Spuren einer Minderheit – Alternative Stadtführungen und Exkursionen als BildungsimpulsEva Strauß
„Stimmen der Roma“. Interkultureller Dialog und Kulturvermittlung in der Münchner StadtbibliothekAnke Buettner
Sinti und Roma – Sündenböcke unserer Zeit. Über Feindbilder im politischen, sozialen und medialen AlltagJacques Delfeld jun.
Zur Lage der Sinti und Roma in Europa – und die politische Agenda
Verzeichnis der Mitarbeiterinnen und MitarbeiterClaudia Roth
Wo auch immer Hugo Höllenreiner seine Geschichte erzählt: Man kann im Saal eine Stecknadel fallen hören. Tausende junger Menschen haben ihn in den vergangenen 20 Jahren bei seinen Vorträgen erlebt. Danach gab es oft nichts mehr zu sagen; die Bilder, die er in den Köpfen der Zuhörer hervorgerufen hat – sie wirken jedoch weiter.
Das vorliegende Buch ist ein Ergebnis dieser Wirkung. Alle Autorinnen und Autoren kennen Hugo Höllenreiner, viele sind ihm persönlich sehr verbunden. Sie sind berührt von seiner Geschichte, die für immer mit dem Ort, der ihn zeitlebens nicht mehr losgelassen hat, verbunden ist: Auschwitz. Sein Zeugnis wirkt weiter. Es verändert den Blick auf die Menschen, auf die Welt, auf das eigene Leben und auf den Bereich, in dem wir arbeiten. Das Zeugnis eines überlebenden Sinto eröffnet Perspektiven für eine erinnerungssensible Bildungsarbeit: Erinnern, das die unschuldigen Opfer der Geschichte nicht vergisst, ist der Gegenwart verpflichtet. Der Schatten von Auschwitz, er führt zur Grundlagenarbeit in Ethik, Literaturwissenschaft, Geschichte, (Religions-)Pädagogik und Politik. Bildungsprozesse werden auf diesem Hintergrund zum Ausgangspunkt einer verändernden Praxis, weil von Auschwitz her die Dinge dieser Welt anders aussehen und unsere kulturellen Selbstverständlichkeiten (immer wieder) einer grundlegenden Kritik ausgesetzt sind. Den Schatten von Auschwitz auf dieser Welt zu sehen, ist identisch mit dem Aufruf, sie zu verändern – um der Menschen willen.
Das ist ein mühsamer Prozess. Nur langsam und unter großen Anstrengungen gelingt es den Sinti und Roma, ihre Erinnerungen und Anliegen in der Öffentlichkeit angemessen zu Gehör zu bringen. Keineswegs wurden die, die 1945 der Vernichtung entronnen waren, mit offenen Armen wieder aufgenommen – ihre Diskriminierung ging anhaltend weiter. Auch und gerade die Geschichte der Verfolgung der Sinti und Roma lehrt, dass die Mechanismen von Ausgrenzung und Verfolgung lange vor 1933 begonnen haben und in Auschwitz kulminierten – nicht aber ihren Endpunkt fanden. Der weitgehende Ausschluss ihrer Erinnerungen – und damit ihrer Leidensgeschichte – aus allen kulturellen, pädagogischen und wissenschaftlichen Diskursen bis in die Gegenwart hinein kann nur als unglaublicher Vorgang bezeichnet werden. Auch dagegen mussten Hugo Höllenreiner und viele andere ankämpfen. Auch das ist Teil seines und ihres Zeugnisses von der Wahrheit „Auschwitz“, die 1945 mitnichten untergegangen ist. Es gehört zum bleibenden Auftrag, die Bedingungen, die Auschwitz ermöglicht haben, umfassend zu reflektieren und zu verändern. Die Mahnung „Nie wieder Auschwitz“ zielt auf nichts anderes.
Und gleichzeitig muss jeder sagen, was er meint, wenn er von Auschwitz spricht. Als Name für ein konkretes Geschehen in Raum und Zeit ist das am Ort selbst am intensivsten erfahrbar, wenn man sich Zeit lässt und auf die Botschaft der Gedenkstätte zu hören vermag. Dieser rassistisch motivierte Angriff auf die Menschlichkeit wird heute mit dem Begriff des „Zivilisationsbruches“ bezeichnet. In seiner ganzen Radikalität sagt er nichts anderes, als dass in den Todeslagern das Selbstverständnis vom „zivilisierten Menschen“ inexistent geworden ist. Alles, was bis dahin vertraut und sinnvoll, dem Menschen gemäß und der Gesellschaft geschuldet schien, ist dadurch infrage gestellt.
Verantwortete Bildung wird sich in Zukunft auch von daher bestimmen lassen, inwiefern sie die (verstummten) Schreie der Gequälten nicht ignoriert und sie mit aufnehmen kann in ihr Versprechen, „die Menschen (zu) stärken, die Sachen (zu) klären.“ (Hartmut von Hentig)
Den Worten der Zeitzeugen kommt dabei bleibende Bedeutung zu, jedoch nur dann, wenn es gelingt, ihre Botschaft gerade in ihrem verstörenden und die Alltagsroutinen unterbrechenden Gehalt weiterzutragen. So bleiben sie für Gegenwart und Zukunft gefährliche Erinnerungen, die die ansonsten fraglose Kontinuität unserer Geschichte und unserer Lebensvorstellungen irritieren. Nach Auschwitz haben ethnische, soziale, kulturelle und ökonomische Ausgrenzungen und Diskriminierungen endgültig ihre Un-Schuld verloren und zeigen dies in einem so krassen Licht, das an dieser Stelle keiner weiteren Begründung bedarf. Selbst wenn der Nationalsozialismus als historische Epoche in die weitere Ferne rückt – der Menschheit ist fürderhin die bleibende (moralische) Zeitgenossenschaft zu Auschwitz eingeschrieben, zu der sie sich praktisch verhalten muss. Allerdings: Eine „Identifikation mit den Opfern“ gibt es letztlich nicht: Kein Medium, keine Imagination, keine Empathie führen in diese Hölle, in dieses „Jenseits der Menschlichkeit“. Die kennen nur die Überlebenden – hier muss das schreckliche Geheimnis von Auschwitz gewahrt werden und bleiben.
In diesem Sinne will das Buch wirken. Ein erster Abschnitt (Begegnungen und Anstöße) sammelt Stimmen von Menschen, die mit Hugo Höllenreiner zusammengetroffen sind und diese Begegnung als bedeutsam für ihr Selbstverständnis oder ihr berufliches Tätigsein erfahren haben – in der Politik, in der Kunst oder einfach im Gespräch. Ein zweiter Abschnitt geht Über das Persönliche hinaus und entwirft Perspektiven für eine erinnerungssensible Bildungsarbeit von Menschen, die berufsmäßig mit der „Wissensvermittlung“ beschäftigt sind und durch die Einsprüche Hugo Höllenreiners ihre Arbeit einer Revision unterziehen. Das Kapitel Ein Auftrag: das Erinnern weitertragen macht deutlich, welche Aufgaben, anregenden Projekte und Impulse aus der Erinnerungsarbeit erwachsen – gerade in Bezug auf die Minderheit der Sinti und Roma. Zwischendrin informieren Historische Einwürfe über Grundsätzliches der Verfolgungsgeschichte und präsentieren neuere Forschungsergebnisse.
Das Buch wäre nicht möglich gewesen ohne Vertrauen, Tatkraft und Geduld. So danken wir vor allem den Verantwortlichen des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg und des NS-Dokumentationszentrum München für das entgegengebrachte Vertrauen, das für uns gleichermaßen Verpflichtung war, ein entsprechendes Werk zu schaffen. Dies ging nicht ohne Einsatz und entschiedene Tatkraft – unser Dank geht an alle Autorinnen und Autoren aus Wissenschaft, Kunst, Bildung und Politik; sie haben neben vielen anderen Aufgaben engagiert, konzentriert und unentgeltlich die Beiträge erstellt. Die Aufbereitung der Manuskripte begleiteten zuverlässige und liebe Menschen, danken dürfen wir den studentischen Hilfskräften Tanja Liedtke (Universität Koblenz-Landau, Campus Landau) und Rita Groh (Universität Regensburg).
Herzlich danken wir dem Förderverein der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz (IJBS) für die Gewährung eines großzügigen Druckkostenzuschusses; den Bildungsanliegen der Begegnungsstätte fühlen wir uns tief verbunden. Ebenso geht unser Dank an das Kulturamt der Stadt Ingolstadt für die freundliche Zusage, eine größere Zahl unseres Buches abzunehmen – möge das Werk auch in der neuen Heimatstadt Hugo Höllenreiners Verbreitung finden und Denkanstöße bieten.
Und eine große Portion Geduld war vonnöten: zu danken ist dem Lektor des Kohlhammer-Verlages, Herrn Dr. Daniel Kuhn, der mit großer Ruhe zeitlichen Verzögerungen zugesehen hat und dafür sorgte, dass dieses Buch zum 27. Januar 2014 erscheinen konnte. Geduld brauchten neben den Herausgebern aber auch die Autorinnen und Autoren angesichts mancher Wünsche und Änderungsvorschläge – Ihnen und Euch allen ein herzliches Dankeschön!
Alle Beiträge des Buches gehen von Hugo Höllenreiner aus: ihm, der mit seinen Erzählungen berührt und uns – trotz allem – seine vorbehaltlose Zuwendung geschenkt hat, ihm sei dieses Buch gewidmet. Am 13. September 2013 konnte er sein 80. Lebensjahr vollenden. Besser als wir es könnten, würdigen Romani Rose, Christian Ude und Ernst Grube mit ihren Beiträgen seine Lebensleistung und überbringen unser aller Glückwünsche!
München/Regensburg im November 2013
Matthias Bahr & Peter Poth
Romani Rose
Mit großer Freude bin ich dem Wunsch der Herausgeber gefolgt, dieser Festschrift anlässlich des 80. Geburtstags von Hugo Höllenreiner einige persönliche Gedanken voranzustellen.
Hugo Höllenreiners Leben ist geprägt von der existenziellen Verfolgungserfahrung, die er als Kind im Nationalsozialismus, darunter im Lager Auschwitz und anderen Konzentrationslagern, machen musste. Seine Familie ist seit Generationen in Bayern beheimatet. Unter seinen Vorfahren waren hochdekorierte Soldaten, die bereits im Ersten Weltkrieg und im Kaiserreich ihren Patriotismus unter Beweis gestellt hatten. Die überlieferten Dokumente der Familie, die vor den Nationalsozialisten gerettet werden konnten, entlarven das Stigma des „Fremden“ und des „Minderwertigen“, mit dem die NS-Propaganda unsere Menschen belegte, als zynischen Rechtfertigungsversuch einer menschenverachtenden „Rassenpolitik“.
So wie Hugo Höllenreiners Familie in München fest verwurzelt war, so waren die anderen Sinti-Familien integraler Bestandteil der Gesellschaft, bevor sie von den Nazis systematisch entrechtet, entmenschlicht und schließlich in Viehwaggons in die Vernichtungslager deportiert wurden. Auf einem Familienfoto, aufgenommen wenige Jahre vor der Verschleppung nach Auschwitz, sieht man den damals achtjährigen Hugo mit seiner Mutter Sofie und seinen Geschwistern. Es ist ein letztes bewegendes Zeugnis bürgerlicher Normalität und familiärer Geborgenheit, die bald darauf auf furchtbare Weise zerstört werden sollten.
Die historische Erfahrung des Holocaust, dem europaweit eine halbe Million Sinti und Roma zum Opfer fielen, hat die Identität unserer Minderheit auf tiefgreifende Weise geprägt. Innerhalb weniger Jahre wurden unsere Familien fast völlig ausgelöscht. Sie erlagen in den Todeslagern dem Hunger und den Krankheiten, wurden zu qualvollen medizinischen Experimenten missbraucht, in die Gaskammern getrieben und bestialisch umgebracht. In den nationalsozialistisch besetzten Ländern Ost- und Südosteuropas wurden unzählige Angehörige unserer Minderheit Opfer der systematischen Massenerschießungen. Und auch diejenigen, die von den alliierten Armeen befreit wurden, blieben ihr Leben lang gezeichnet von den körperlichen und seelischen Wunden – bis heute.
Es bedurfte eines jahrzehntelangen Kampfes, bis die deutsche Gesellschaft die an unseren Menschen begangenen Verbrechen öffentlich wahrgenommen und als einen rassenideologisch motivierten Völkermord politisch anerkannt hat. An diesem Kampf um Anerkennung und um ein würdiges Erinnern an unsere Toten hat Hugo Höllenreiner wesentlichen Anteil. Unermüdlich hat er auf Gedenkveranstaltungen oder in Schulen Zeugnis vom eigenen Leidensweg abgelegt und an die Gräuel der Nazi-Barbarei erinnert. Dabei hat er sich niemals auf die Rolle des passiven Opfers reduzieren lassen. Für Hugo Höllenreiner ist Erinnerung stets auch Verpflichtung für die Gegenwart. Dafür wurde er im Mai 2013 zu Recht mit dem renommierten Austrian Holocaust Memorial Award geehrt.
Zu seinem 80. Geburtstag möchte ich Dir, lieber Hugo, von ganzem Herzen gratulieren. Deine Geschichte ist eine bleibende Mahnung für die nachfolgenden Generationen. Dein langjähriges Engagement für unsere gemeinsame Sache werden die deutschen Sinti und Roma niemals vergessen. Mein Dank geht ebenfalls an die Herausgeber und an die Autoren, die Hugo Höllenreiner mit dieser Festschrift die Ehre erweisen.
Die besondere Verantwortung, die aus der Erfahrung der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen erwächst, ist inzwischen zu einem Fundament unserer politischen Kultur und unseres europäischen Selbstverständnisses geworden. Das im Oktober 2012 eingeweihte nationale Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma, direkt neben dem Berliner Reichstag gelegen, ist für unsere Minderheit von kaum zu überschätzender Bedeutung. Ich bin sicher, dass dieser zentrale Erinnerungsort weit über die Grenzen Deutschlands hinaus seine symbolische Kraft entfalten wird.
Doch diese unübersehbaren Fortschritte können nicht darüber hinwegtäuschen, dass gerade in Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrise tief verwurzelte Feindbilder in den europäischen Gesellschaften erneut Konjunktur haben und Minderheiten erneut als Sündenböcke für gesellschaftliche Verwerfungen herhalten müssen. Auch wenn Sinti und Roma oder Juden besonders im Fokus der rechten Propaganda stehen: Neonazismus und Rassismus richten sich gegen die demokratische Gesellschaft als Ganzes, nicht nur gegen Minderheiten. Jede rassistisch motivierte Gewalttat ist ein Anschlag auf unsere demokratische Kultur und auf die Grundlagen unseres Zusammenlebens.
Demokratie lebt vom Engagement eines jeden Einzelnen. Vor allem auf den Mut und auf die Entschlossenheit der jungen Generation wird es ankommen, damit Menschenverachtung und Rassismus in unserer Gesellschaft künftig keine Chance mehr haben.
Christian Ude
Hugo Höllenreiner ist das, was man ein „Münchner Kindl“ nennt. Er wurde im Stadtteil Giesing geboren. Sigi Sommer („Und keiner weint mir nach“) hat seine eigene Kindheit in diesem Viertel wehmütig melancholisch beschrieben. Hugo Höllenreiner verbrachte seine Kindheit bis zum Alter von neun Jahren in Giesing. Das klingt nach einer vielleicht kargen, aber auch beschaulichen und vergnügten Kindheit. Wie es so schön bei Eugen Roth heißt: „Vom Ernst des Lebens halb verschont, ist der schon, der in München wohnt“. So ist das Selbstbild dieser Stadt schon seit Generationen.
In Wahrheit hat Hugo Höllenreiner schon in seiner Kindheit die Hölle erlebt: Ausgrenzung, Diskriminierung, Hohn, Spott und Feindseligkeiten, weil er das Kind einer Sinti-Familie war – und am 13. März 1943, als er neun Jahre alt war, wurde er mit seiner gesamten Familie in Giesing verhaftet, verschleppt, zunächst nach Auschwitz deportiert, später nach Ravensbrück, Mauthausen und Bergen-Belsen verlegt. Was er erlebt und erlitten hat und jahrzehntelang nicht erzählen konnte, ist so schrecklich, dass es kaum auszuhalten ist. Auch wenn man schon viele Bücher über den SS-Staat und seine Todeslager, über die Brutalität der Mordmaschinerie und die Bestialität der Schergen gelesen hat, würgt es einen, wenn er berichtet, was ihm und seinem Bruder beim KZ-Arzt Dr. Mengele widerfuhr. Dass ein Mensch mit diesem Schicksal überhaupt wieder Worte findet, um das erlittene Unrecht zu schildern, und dass er darüber hinaus sogar die Kraft und Bereitschaft hat, die Hand zur Versöhnung zu reichen, grenzt für mich an ein Wunder.
Hugo Höllenreiner hat die Leiden in den Konzentrationslagern überlebt wie seine Eltern und 5 Geschwister, anders als 36 Familienmitglieder, doch er blieb seelisch verletzt durch die Angst, durch die Misshandlungen, durch die Schmerzen, durch die miterlebten Mordtaten, durch das totale Ausgeliefertsein, durch das grenzenlose Unrecht. Er ist einer der letzten Zeitzeugen, der aus der Sicht der Opfer nationalsozialistisches Unrecht schildern und das bis auf den heutigen Tag häufig verdrängte Kapitel der Ermordung von Sinti und Roma nüchtern und ergreifend vor Augen führen kann.
Im Frühjahr 1945 konnte er mit seiner Familie – wie man so sagt – „zurückkehren“. Allerdings: Zurückgekehrt waren sie, die wenigen Überlebenden, aber keineswegs in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Weiterhin wurden sie an den Rand gedrängt und ausgegrenzt; ihre Geschichten wollte keiner hören – und sie schwiegen, oft auch aus Sprachlosigkeit angesichts des erlittenen Grauens. Umso mehr sind die Stadt München und ihre Bürgergesellschaft Hugo Höllenreiner zu Dank verpflichtet – zu Dank dafür, dass er vor nunmehr 20 Jahren als einer der ersten aus seiner Volksgruppe das Schweigen gebrochen und seine Stimme erhoben hat. So war er ganz maßgeblich am Zustandekommen der ersten Münchner Ausstellung zu diesem Thema beteiligt. Es ist mir unvergesslich, wie er bei der Eröffnung dieser Ausstellung mit kräftiger sonorer Stimme, um Nüchternheit bemüht, aber doch angegriffen von den Schrecken der Erinnerung, deutlich werden ließ, was Menschen Menschen antun können. Seitdem ist seine mahnende Stimme nicht mehr verstummt, und es ist wohl nicht übertrieben zu sagen: Durch sein vielfältiges Engagement hat er dem Leiden seines Volkes einen Namen und ein Gesicht gegeben.
Auch in München hat es viel zu lange gedauert, bis die Stadt sich der Geschichte der Ausgrenzung, Entrechtung und planmäßigen Vernichtung der Sinti und Roma gestellt und der Münchner Opfer gedacht hat.
Dabei hat gerade München als Zentrum der antiziganistischen wie auch der antisemitischen Verfolgung eine ganz besonders unrühmliche Rolle gespielt, und der Nährboden dafür wurde bereits lange vor 1933 geschaffen. Das begann schon mit der Errichtung der „Ordnungszelle“ Bayern nach der blutigen Niederschlagung der Münchner Räterepublik, als die Stadt zum Sammelbecken für Antidemokraten, fanatische Rassisten und Rechtsextremisten wurde. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme aber waren in der damaligen „Hauptstadt der Bewegung“ sämtliche Dämme gebrochen. Noch 1933 begannen der Reichsführer-SS, Heinrich Himmler, und der Leiter der bayerischen politischen Polizei, Reinhard Heydrich, in München mit dem Aufbau eines polizeilichen Überwachungs- und Verfolgungsapparates zur Jagd auf die Juden, die Sinti und Roma und alle, die nach der NS-Ideologie nicht in die nationalsozialistische Gesellschaft passten. Ebenfalls 1933 wurde vor den Toren Münchens in einer stillgelegten Munitionsfabrik bei Dachau das erste Konzentrationslager errichtet. Auch Sinti und Roma wurden dorthin verschleppt, wo sie – nicht anders als später in Auschwitz und den weiteren Vernichtungslagern – von den Lagerärzten für qualvolle pseudo-medizinische Experimente missbraucht oder unter unmenschlichen Bedingungen zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden. Mit größter Eilfertigkeit wurde in München auch von dem allumfassenden Instrumentarium der Ausgrenzung Gebrauch gemacht, das die Nürnberger Rasse-Gesetze von 1935 den Behörden an die Hand gaben. Auch für die Sinti und Roma bedeutete dies den Übergang von den bis dahin üblichen Schikanen zur offen rassistischen Verfolgung. Es folgte die Totalerfassung durch eine „rassebiologische Untersuchung“. Es folgten reichsweite Verhaftungswellen. Und es folgte schließlich die Anordnung Himmlers vom 16. Dezember 1942, alle bis dahin noch im Reichsgebiet verbliebenen Sinti und Roma nach Auschwitz zu deportieren. Drei Monate später meldete München Vollzug: Wie oben schon erwähnt, wurden am 13. März 1943 141 Münchner Sinti und Roma, vom Baby bis zum Greis, in Viehwaggons gepfercht und ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Die meisten von ihnen kamen ums Leben, ermordet in den Gaskammern, verhungert oder elend zugrunde gegangen an den unmenschlichen Lebensbedingungen.
Davongekommen sind nur wenige; sie blieben und bleiben für immer gezeichnet, an Körper und Seele.
Während der gesamten Verfolgungszeit fehlte – ähnlich wie bei den jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern – der große öffentliche Protest aus der Mitte der Gesellschaft heraus. Das eiskalte Kalkül der Täter ging auf: Widerstand gegen die fortschreitende Radikalisierung der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik blieb auf rühmliche Ausnahmen beschränkt. Die Eliminierung der Sinti und Roma wie der Juden bis hin zu ihrer physischen Vernichtung konnte ungehindert ihren Lauf nehmen.
23 000 Sinti und Roma aus fast allen europäischen Staaten wurden nach Himmlers Erlass nach Auschwitz deportiert. Insgesamt fielen dem nationalsozialistischen Völkermord eine halbe Million Sinti und Roma zum Opfer. Sie alle wurden allein aufgrund ihrer Abstammung ermordet, als Angehörige einer Minderheit, denen – ebenso wie den Juden – von selbsternannten „Herrenmenschen“ das Lebensrecht abgesprochen wurde.
Inzwischen wird der Holocaust an den Sinti und Roma nicht mehr verdrängt, sondern ist endlich ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Dass dies erst Jahrzehnte nach dem begangenen Unrecht geschah, ist und bleibt allerdings beschämend genug. Mehr als beschämend war aber auch der Umgang mit den Überlebenden in der Nachkriegszeit. Das begann mit dem Widerwillen, mit dem sich Städte und Kommunen gegen deren Rückkehr und Integration sperrten.
Erst der beharrlichen Arbeit der Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma ist es zu verdanken, dass lange Versäumtes endlich nachgeholt wurde. Die offizielle Anerkennung des Völkermords an den Sinti und Roma durch die Bundesregierung im Jahr 1982 war hier ein erster entscheidender Schritt. Ein weiterer folgte 1995 mit dem europäischen „Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten“, in das ausdrücklich auch die 70 000 deutschen Sinti und Roma aufgenommen wurden. Gerade nach den traumatischen Erfahrungen im „Dritten Reich“, das den Sinti und Roma ihr jahrhundertealtes Heimatrecht absprach, kommt dieser formellen Anerkennung als autochthone nationale Minderheit mehr als nur eine symbolische Bedeutung zu. Sie zeigt, dass die Sinti und Roma endlich wieder als das wahrgenommen und anerkannt werden, was sie bis zur Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten immer waren: ein integraler Bestandteil der deutschen Gesellschaft.
Das soll nicht heißen, dass die Zerrbilder und Stereotype der NS-Propaganda vollständig aus den Köpfen verschwunden wären. Wie mühsam es ist, die Normalität des Zusammenlebens wiederherzustellen, die nach 1933 systematisch zerstört worden ist, haben wir ja gerade auch in München erlebt, als die Stadt vor Jahren daran ging, an der Hilsbacher Straße in Freimann eine Wohnanlage für Münchner Sinti-Familien zu errichten. Auch da wurden die altbekannten Ängste und Bedenken laut. Die Bürgerversammlung, bei der die Nachbarschaft über dieses Projekt berät, gehört wegen der lautstarken Ressentiments zu meinen deprimierendsten Erfahrungen als Versammlungsleiter, wegen des couragierten Auftretens von Nachbarsfrauen und Bezirksausschussmitgliedern, die aus der Geschichte gelernt hatten, aber gleichzeitig auch zu den erfreulichsten. Inzwischen ist diese Anlage längst bezogen, und das Zusammenleben mit den Anwohnern funktioniert völlig problemlos.
Dabei ist die Wohnanlage an der Hilsbacher Straße nicht das einzige Beispiel, das zeigt, dass die Stadt im Umgang mit den Sinti und Roma gründlich umgelernt hat: Das zeigt auch die Münchner Erinnerungsarbeit, die endlich auch die Sinti und Roma als Opfergruppe der NS-Verbrechen wahrnimmt und würdigt; das zeigt die Gedenkplatte für die ermordeten Münchner Sinti und Roma, die ich 1995 gemeinsam mit Romani Rose am Platz der Opfer des Nationalsozialismus angebracht habe; das hat auch die Ausstellung über „Die Verfolgung der Sinti und Roma in München 1933 – 1945“ gezeigt, die 1993 im Münchner Rathaus stattgefunden hat, und zu der auch eine umfangreiche Dokumentation herausgegeben wurde; oder die mobile Ausstellung „Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma“, die 2004 nach München kam und in den Kunstarkaden des städtischen Kulturreferats präsentiert worden ist.
Damit wird deutlich, dass die vertiefte Auseinandersetzung mit den Verbrechen des „Dritten Reichs“ und der NS-Vergangenheit Münchens in den letzten 20 Jahren zu einem zentralen Thema der Münchner Politik und Kultur geworden ist. Viele Münchner Akzente, die mittlerweile auch weit über die Stadtgrenzen hinaus Beachtung und Anerkennung fanden, sind in dieser Zeit imitiert worden.
Klar ist aber auch, dass Erinnerungsarbeit nicht allein rückwärts gewandt sein soll, sondern Beiträge zur Bekämpfung des rechtsextremen Ungeists in der Gegenwart liefern muss.
Ein Meilenstein ist hier das NS-Dokumentationszentrum, das die Stadt gemeinsam mit dem Freistaat Bayern und dem Bund errichtet und das voraussichtlich Ende 2014 eröffnet wird, auf dem historisch kontaminierten Gelände des ehemaligen „Braunen Hauses“ und in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer ganzen Reihe von zentralen Orten der Münchner NS-Topographie, angefangen beim sog. „Führerbau“, wo einst das unheilvolle „Münchner Abkommen“ unterzeichnet wurde und sich heute die Musikhochschule befindet, über das Verwaltungszentrum der NSDAP, das heutige Haus der Kulturinstitute, bis hin zu den Überresten der sog. „Ehrentempel“ und zum Königsplatz als Schauplätzen der nationalsozialistischen Selbstinszenierung, und bis hin auch zum ehemaligen Hauptquartier der Gestapo im 1944 zerstörten Wittelsbacher Palais.
Dieser Ansammlung von Täterorten stand und steht bislang als zentraler Gedenkort für alle Opfergruppen nur der Platz der Opfer des Nationalsozialismus gegenüber, dessen Neugestaltung inzwischen nahezu abgeschlossen ist.
Mit dem NS-Dokumentationszentrum aber bekommt München mehr als einen Erinnerungsort, nämlich einen historisch-politischen Lernort, dessen wissenschaftlicher, pädagogischer und gesellschaftspolitischer Auftrag es ist, sich mit den Ursachen des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen und mit der besonderen Rolle Münchens als Stadt, in der die NS-Bewegung ihren Anfang nahm; mit der Frage, wie es dazu kommen konnte – und warum gerade in München; was hier im Vorfeld und während der NS-Zeit geschah; und wie die Stadtgesellschaft und die Politik hier nach 1945 mit der NS-Vergangenheit umgingen; auch mit der Rehabilitation und Integration der ehemaligen NS-Eliten in der Nachkriegsgesellschaft; aber auch mit dem Widerstand, der sich auch und gerade in München gegen das NS-Regime formiert hatte. Dort werden auch die Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma und ihr Schicksal nach 1945 endlich angemessen Berücksichtigung finden.
Damit sind wir wieder beim Ausgangspunkt angekommen: Unter dem Titel „Weil wir Sinti sind ...“ wird dort in einem eigenen Seminarkonzept zum Themenfeld „Münchner Zeitgeschichten – Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus“ verbunden mit einem Audio-Guide der Geschichte der Familien Höllenreiner gedacht. Dabei werden – ganz im Sinne des Bildungsauftrages – auch die Brücken in die Gegenwart geschlagen.
So wird ein unverzichtbarer Beitrag für ein erfolgreiches Vorgehen und eine wirksame Prävention gegen Antisemitismus, Antiziganismus und jedwede Hetzpropaganda gegen Minderheiten, gegen Rassismus und rechte Gewalt geleistet. Aufklärung im besten Sinne wird hier zu einem wesentlichen Baustein einer demokratischen Gesellschaft.
Ohne Hugo Höllenreiner und sein Zeugnis würde in der Erinnerungsgeschichte der Stadt München eine wesentliche Leerstelle bleiben. Und so ist es nicht zuletzt Menschen wie ihm zu verdanken, dass München eine Stadt der Toleranz und Weltoffenheit, eine Stadt des friedlichen und solidarischen, interkulturellen und interreligiösen Miteinanders geworden ist – und so soll es bleiben.
Ernst Grube
9. September 2013
Lieber Hugo,
nun sind wir beide 80 Jahre alt. Kennengelernt haben wir uns vor einigen Jahrzehnten in Dachau bei unseren Zeitzeugengesprächen.
Wir haben vieles gemeinsam, z. B. unsere Kindheit in München: Du in Deiner Sintifamilie, ich als Kind einer jüdischen Mutter. Wir beide, Münchner Kinder, haben sehr früh Ausgrenzung erlebt. Wir hatten keine oder nur wenig Freunde.
Wir – deutsche Staatsbürger – gehörten zu den Minderheiten, denen das faschistische Regime das Lebensrecht in der deutschen „Volksgemeinschaft“ abgesprochen hat.
Wir haben das Ausmaß der Verfolgung durch die Nazis unterschiedlich erlebt. Dadurch, dass mein, unser Vater (ich hatte noch den Bruder Werner und die Schwester Ruth) kein Jude war und sich, trotz massiven Drucks durch die Gestapo, nicht scheiden ließ, war ich zwar in Ghettos, wie München-Milbertshofen und später in Theresienstadt. Du aber warst in Auschwitz und wurdest von Mengele gefoltert.
Bei aller gemeinsam erlebten Verfolgung – doch ein großer Unterschied.
Gemeinsam waren wir jedoch betroffen von der Ausrottungspolitik des NS-Regimes, dessen Ziel es war, uns Sinti, Roma und Juden nicht nur die Rechte in der Gesellschaft zu nehmen, sondern das Leben überhaupt.
Dass wir überlebt haben, liegt daran, dass die deutsche Wehrmacht ihren furchtbaren Vernichtungskrieg im Osten, besonders gegen die Sowjetunion, verloren hat.
Befreit kamen wir beide in ein neues Leben, in die alte Heimat (zurück). Ich mit meiner Mutter und meinen Geschwistern nach München zu unserem Vater, der uns erwartet hat. Und Du, hat Dich jemand erwartet? Hören hier unsere Gemeinsamkeiten auf?
Ich glaube nicht. Für uns beide, unsere Familien, war das neue Leben sehr schwer. Die Last des faschistischen Terrors wirkte weiter: Unsere Familien waren zerstört, Tanten und Onkel, Verwandte und Freunde ermordet – nicht mehr da!
Die Holocaust-Überlebenden Hugo Höllenreiner, Ernst Grube, Mano Höllenreiner
Das Leben geprägt von der Erinnerung und von der Trauer. Je älter ich werde, umso tiefer sitzt das „Verlorene“ – spüre ich das Unfassbare, das „Fehlen“ einer glücklichen Kindheit. Ich weiß, Dir geht es nicht anders.
Dazu kam die bittere soziale Not. Diese war sicher bei uns beiden unterschiedlich.
Aber sie beherrschte lange unser Leben. Keine Arbeit und kein Geld. Seit vielen Jahren das erste Mal wieder eine Schule.
Bei mir, bei uns, waren es die politischen Freunde, Kommunisten, Gewerkschafter, die uns über diese Zeit hinweg geholfen haben.
Wie war es bei Dir?
Wie ging es in Deiner Familie? Gab es eine Wohnung, gab es Unterstützung durch Freunde? Gab es Arbeit und Brot? Und vor allem – wie bist Du, wie seid Ihr als Sinti mit dem nach wie vor vorhandenen Rassismus der Nazis in der Bevölkerung und im Staat umgegangen?
In der Schule wurde ich immer wieder mal als Jude beschimpft. Aber ich konnte mich wehren und es hat nach einiger Zeit aufgehört. Aber bei Dir?
Unter den derzeit vorhandenen rassistischen Diskriminierungen ist die gegen Sinti und Roma die aggressivste und am tiefsten verwurzelte. Nicht nur in der Bundesrepublik. Auch in den Nachbarländern Österreich, Tschechien, Slowakei, Ungarn u. a.
Von all diesen Erfahrungen der Verfolgung, Ausgrenzung, schmerzlichen familiären Verlusten haben wir beide uns entschlossen – vor allem jungen Menschen – zu berichten.
Das hat uns bei der internationalen Jugendbegegnung in Dachau und dem Jugendgästehaus zusammengeführt. Dich kennengelernt zu haben war und ist für mich, für mein Leben, eine große Bereicherung.
Es sind nicht nur die Begegnungen in Dachau, die leider etwas nachgelassen haben.
Ich erinnere mich an Regensburg, als Du bei der Verlegung der Stolpersteine gesprochen hast, an viele Begegnungen bei Veranstaltungen und Demonstrationen.
Vor einigen Jahren hast Du auf der Landeskonferenz der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten in Ingolstadt gesprochen, wo wir beide Mitglied sind.
Vor wenigen Wochen sind wir uns im Bayerischen Rundfunk begegnet anlässlich der Vorstellung des Audio-Guides zur „Jugend im Nationalsozialismus“, bei dem wir beide mitgewirkt haben.
Das war und ist sehr wichtig, weil es zeigt, dass wir uns nicht nur als Opfer der Faschisten und des Rassismus sehen. Wir sind zwar Opfer, aber wir handeln! Wir handeln, damit niemand mehr Opfer wird. Da es aber leider durch den heutigen Rassismus wieder Opfer gibt, helfen wir u. a. den betroffenen Flüchtlingen und Asylsuchenden nach unseren Möglichkeiten.
80 Jahre wirst Du oder bist es schon, wenn Du diese Zeilen liest. Das ist ein langes Leben, geprägt von Verfolgung und großen Anstrengungen zurück ins Leben zu finden und auch von vielen glücklichen Tagen in der Familie.
Alles Gute
Dein Freund
Ernst
Roman Kwiatkowski
Das Gedenken an die Verbrechen, die von den Nationalsozialisten an Roma und Sinti (im Folgenden: Roma) begangen wurden, ist für alle Roma ein sehr wichtiges Thema. Und das nicht nur aus menschlichen Gründen. Nicht nur wegen des persönlichen Bedürfnisses, die Erinnerung an die begangenen Mordtaten aufrechtzuerhalten, sondern auch wegen ihrer Bedeutung für das kollektive, nationale Gedächtnis der Roma. Die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen ist ein Element, das die Gemeinschaft der Roma, die auf viele Länder verteilt und somit kulturell und sprachlich vielfältig ist, vereint. Daher ist die Erinnerung an die tragische Geschichte einer der bedeutendsten Faktoren, der die Entwicklung einer gemeinsamen nationalen Identität der Roma beeinflusst. In diesem Zusammenhang scheint die Frage nach dem aktuellen Stand der Erinnerung an die Verbrechen gegen die Roma wichtig zu sein. Beschreiben werde ich vor allem die Situation in Polen.
Zweifellos ist der Bereich des ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau für die Erinnerung an die Opfer ein zentraler Ort. Es handelt sich um das am besten erhaltene Vernichtungslager, das auch infrastrukturell gut erschlossen ist. Heute wird es weithin als ein Welterbe-Denkmal der Menschheit anerkannt. Im Zigeunerlager/Roma-Familien-Lager in Auschwitz II-Birkenau gab es rund 23 000 Roma, und die Zahl der getöteten beträgt etwa 21 000. Die Geschichte des Lagers ist relativ gut dokumentiert; auch gibt es Aufzeichnungen von Roma-Häftlingen.
Mangels aussagekräftiger Statistiken müssen wir die Anzahl der Toten/Ermordeten infolge der NS-Unterdrückung und Verfolgung schätzen, wobei die Schätzungen allerdings signifikante Unterschiede aufweisen. Die am häufigsten genannte Opferzahl liegt bei etwa 500 000. Dies zeigt das Ausmaß des Völkermordes, der nicht nur in Auschwitz-Birkenau verübt wurde, sondern auch in anderen Lagern und Zentren der Massenvernichtung. Auf dem Gebiet Polens war es die übliche Vorgehensweise, die Roma in jüdische Ghettos zu verbringen, von wo aus sie zusammen mit den Juden in die Konzentrations- oder Vernichtungslager oder an andere Orte der Massentötung abtransportiert wurden. In den Ostgebieten Polens, der Ukraine, Weißrussland und den baltischen Ländern kam dies häufig vor, und hinter der Ostfront wurden Massenhinrichtungen von Juden, die oft zusammen mit den Roma getötet wurden, zur Regel. An dieser Stelle wird das gemeinsame Schicksal der beiden Nationen sichtbar.
Nach dem Ende des Krieges und mit der Verbreitung von Informationen über die an Roma begangenen Verbrechen der Nazis erkannten die Menschen die Notwendigkeit und die Pflicht die Morde, die in einem bisher beispiellosen Ausmaß und in unvorstellbarer Weise ausgeführt worden waren, zu benennen. Gemeinhin wird der Begriff „Völkermord“ verwendet. Nationen, die aus Gründen der Rasse verfolgt worden waren, suchten nach eigenen Namen, wie dies bei den Juden mit „Holocaust“, und später „Shoah“, der Fall ist. Das Roma-Pendant dazu ist der eher selten verwendete Begriff „Porajmos“ (Absorption, Verschlingen). Derzeit wird häufig der Begriff „Roma-Holocaust“ verwendet, der das gemeinsame Schicksal der Opfer betont, und, wie es scheint, keine Kontroversen innerhalb der jüdischen Gemeinde hervorruft.
In der Nachkriegszeit wuchs das Wissen um die Morde, die aus Gründen der Rasse verübt worden waren, die angewandten Mordmethoden wurden trotz eines gewissen Widerstrebens der breiten Öffentlichkeit bekannt. Die Zahl und die Qualität der Verbrechen, die an den Juden begangen worden waren, wurden in den Prozessen gegen die Nazi-Mörder stark betont, da es wichtig war, diese publik zu machen. Eine bedeutende Aufgabe bestand in der Dokumentation der Verbrechen, wobei die jüdischen Gemeinden hierbei besonders Berücksichtigung fanden, da sie über eine starke intellektuelle Basis verfügten. Für die Roma war dies eine Zeit des Wiederaufbaus beschädigter Familienstrukturen und der Rückkehr zur vorherigen Lebensweise. In den Ländern des Ostblocks war es ein wichtiges Anliegen, eine eigene Identität in der neuen Gesellschaftsordnung zu finden. Denn in den einzelnen Ländern herrschten Bedingungen, die die Roma zur Assimilation in Bezug auf ihre Lebensweise zwangen. Die Erinnerung an den Genozid wurde innerhalb der Roma-Gemeinschaft weitergegeben und ist zu einem wichtigen Teil ihrer Identität geworden. Die Verbrechen gegen Sinti und Roma wurden jedoch erst relativ spät Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung und die erarbeiteten Kenntnisse erst spät verbreitet. Entscheidend dafür waren zwei miteinander verbundene Phänomene: die allmähliche Bildung einer intellektuellen Elite der Roma und die neu geschaffenen Organisationen der Roma. Diesen gelang es, die praktische und intellektuelle Unterstützung der Mehrheit der Gemeinschaft zu erhalten.
In diesem Zusammenhang werde ich mich auf die Aktivitäten der Roma und Sinti in Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau konzentrieren. Die kooperierenden Organisationen – der Roma-Verband in Polen, ansässig in Oświęcim, und der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg – unternahmen folgende Aktivitäten: 1991 bereitete das Museum zusammen mit dem Roma-Verband in Polen eine internationale Konferenz über Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau in den Jahren 1943–1944 und ihr durch das Dritte Reich bestimmtes Schicksal vor. 1993 organisierte der Roma-Verband in Polen, zusammen mit dem Museum, eine Gedenkfeier anlässlich des 50. Jahrestags der Deportation von Roma nach Auschwitz-Birkenau. Im darauffolgenden Jahr wurde eine Gedenkveranstaltung zum 50. Jahrestag der Liquidation des Roma-Lagers in Auschwitz organisiert. Als Folge dieser Konferenzen und Gedenkfeiern wurden eine temporäre Ausstellung über die langjährige Unterdrückung und die Verbrechen gegen die Roma während des NS-Regimes und einige Publikationen fertiggestellt, darunter das Gedenkbuch über die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau mit Informationen zu den inhaftierten Personen.
Seit 1994 findet am 2. August eine jährliche Gedenkfeier des Roma-Verbandes in Polen in Zusammenarbeit mit dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma auf dem Gelände des ehemaligen „Zigeunerlagers“ in Auschwitz-Birkenau statt. Diese Veranstaltungen werden von Teilnehmern aus vielen Nationen besucht und finden ein breites Medienecho. Inzwischen handelt es sich um einen offiziellen „Internationalen Tag des Gedenkens an den Holocaust der Roma“, der vor kurzem von der polnischen Regierung als offizieller Gedenk-Tag festgelegt wurde. Dabei ist das deutsche Sinti-Denkmal1 im ehemaligen Zigeunerlager der zentrale Punkt der Zeremonie und in der ganzen Welt als Symbol für die Verbrechen an den Roma anerkannt. Der Zweck der Gedenkveranstaltungen ist es, die Opfer der Unterdrückung und Verfolgung zu ehren, aber sie sind auch ein wichtiges Bindeglied der internationalen Gemeinschaft der Roma und schaffen auch die Möglichkeit für die weitere Verbreitung des Wissens über den Roma-Holocaust.
Der Roma-Verband in Polen legt großen Wert auf diese Art von Aktivitäten, genauso wie auf die Forschung in diesem Bereich und die Förderung der dokumentarischen Arbeit. Diese wichtigen Aufgaben werden seit den 1990er Jahren vom Historischen Institut der Roma (RIH) wahrgenommen. Anfangs konzentrierte sich das Institut auf die Arbeit der Dokumentation; die gesammelten Ergebnisse, die eine große Zahl von Zeugnissen von Opfern der Nazi-Verfolgung enthalten, sind nun im Archiv des RIH gespeichert. Im Laufe der Zeit entfalteten sich auch pädagogische Aktivitäten, die sich hauptsächlich an junge Menschen richten. Über mehrere Jahre hinweg wurden gemeinsam mit der deutschen Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ Projekte durchgeführt, bei denen junge Menschen Holocaust-Überlebende getroffen haben.
Derzeit werden diese Aktivitäten fortgesetzt. Die Frage nach dem Roma-Holocaust war und ist immer präsent in der Zeitschrift „Dialogue – Pheniben“, die von der Roma-Vereinigung in Polen veröffentlicht wird. Zweifellos war die Publikation von Zeitzeugenaussagen und Erinnerungen an die Verfolgung und Vernichtung der Roma während des Zweiten Weltkrieges im Jahr 2007 durch den Roma-Verband und das Historische Institut der Roma eine entscheidende Leistung. Es ist auch als positiv anzusehen, dass das Internationale Zentrum für Bildung über Auschwitz und den Holocaust in Auschwitz-Birkenau diese Frage zu seinem Thema macht.
Eine wichtige Entwicklung in der Arbeit der Erinnerung an den Völkermord, der an Sinti und Roma verübt worden war, war die Eröffnung der Ausstellung über die Vernichtung der Roma in Europa in Block 13 in Auschwitz I (Stammlager) im Jahr 2001. Es ist eine Fortsetzung und Erweiterung der Ausstellung, die 1997 im Heidelberger Dokumentations- und Kulturzentrum, das mit dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma zusammenarbeitet, eröffnet wurde. Zur Ausstellung im Jahr 1999 wurde ein umfangreicher Katalog, der ein ausgezeichnetes Kompendium darstellt, veröffentlicht. Die Ausstellung in Oświęcim wurde vom Heidelberger Dokumentations- und Kulturzentrum in Kooperation mit dem Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau und dem Roma-Verband in Polen entwickelt. Es hat auch einen umfangreichen Katalog erstellt, der in mehreren Sprachen verfügbar ist.
Bezugnehmend auf die Ausgangsfrage kann man sagen, dass es in den letzten 20 Jahren erhebliche Fortschritte sowohl in der Erforschung des Roma-Holocaust als auch in der Verbreitung dieses Wissens gegeben hat. Diese Kenntnisse dringen langsam in das Bewusstsein der Mehrheitsbevölkerung ein. Das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau hat bisher eine besonders wichtige Rolle in der Erinnerung an die Verbrechen gegen Sinti und Roma gehabt und sollte diese auch in der Zukunft haben. Aber wir sollten im Hinterkopf behalten, dass die Notwendigkeit, dieser Verbrechen zu gedenken, nicht nur auf Auschwitz-Birkenau ruhen kann. In Polen gibt es nur noch einige wenige andere Orte, die dauerhaft an den Roma-Holocaust erinnern. Wir können folgende aufführen: Den Bereich des ehemaligen Zigeunerlagers im Ghetto von Łódź, wo auf Initiative der Gemeinde eine Gedenktafel an einem der Gebäude angebracht wurde. Den Friedhof im Dorf Szczurowa in der Woiwodschaft Malopolska (Kleinpolen), wo an einer Grabstätte den Opfern der Massenhinrichtungen von Roma feierlich gedacht wird; ein Denkmal in der Stadt Nowodworze Ułęż in der Woiwodschaft Lublin zum Gedenken an die Massenhinrichtungen auf dem örtlichen Flughafen. Wenn wir die große Zahl an Massenmorden an Roma in Polen betrachten – und hierbei extrem wichtig ist die Tatsache, dass vermutlich auf diese Weise mehr polnische Roma ermordet wurden als in den Lagern und Zentren der Massenvernichtung –, kann das kaum als befriedigend betrachtet werden. Mehr noch: Viele dieser Verbrechen waren Gegenstand von Untersuchungen durch die regionalen Zentren der „Haupt-Kommission zur Untersuchung der Nazi-Verbrechen“ und ihre Aufzeichnungen sind in den „Archiven des Instituts des Nationalen Gedenkens“ erhalten. Einige dieser Orte sind in den offiziellen Gedenklisten enthalten, aber diese komplexe Frage erfordert sowohl noch weitere archivalische Forschungen als auch eine Intensivierung der Gedenkformen. Wir sollten auch Anteil daran nehmen, wie den Roma, die in den Vernichtungslagern (wie beispielsweise in Belzec) ermordet wurden, gedacht wird.
Darüber hinaus sehen wir es als notwendig an, dass der Roma-Holocaust in der schulischen Bildung, einschließlich der Lehrbücher, einen breiteren Raum einnimmt. Allerdings darf man hoffen, dass mit den zunehmenden Aktivitäten der Roma-Organisationen und der Unterstützung durch unterschiedliche Behörden, einschließlich der politischen Entscheidungsträger, die für nationale und ethnische Minderheiten verantwortlich sind, die Situation sich bessern wird.
Und Hoffnung gibt mit auch mein Freund Hugo Höllenreiner: Seine Lebensgeschichte ist ein Zeugnis. Zeugnis der Stärke, Ausdauer und des Sieges des Individuums über das System. Er besucht jedes Jahr das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und zollt seinen Respekt denjenigen, die dort während des Zweiten Weltkriegs ermordet worden sind. Nicht nur das – er teilt seine Geschichte mit der Jugend, weil er sicher ist, dass es das Richtige ist, das zu tun, und auch das einzige, was verhindern kann, dass sich der Alptraum, den er durchleben musste, nochmals wiederhole. Heutzutage kann man nur noch sehr selten einem solchen aufrechten, bescheidenen und zugleich starken Mann begegnen. Er ist eine Inspiration, und zu dieser Art von Autorität sollte man aufblicken. Ich bin stolz, dass ich mich seinen Freund, Landsmann und Bruder nennen darf.
Manfred Deselaers
Ich möchte beginnen mit einem Zitat aus den autobiographischen Aufzeichnungen des Kommandanten von Auschwitz Rudolf Höß:
„Es blieben dann noch bis August 1944 ca. 4000 Zigeuner übrig, die in die Gaskammern gehen mussten. Bis zu diesem Zeitpunkt wussten diese nicht, was ihnen bevorstand. Erst als sie barackenweise nach dem Krematorium I wanderten, merkten sie es. Ich selbst habe es nicht gesehen, aber Schwarzhuber sagte mir, dass keine Judenvernichtung bisher so schwierig gewesen sei, und ihm sei es besonders schwer geworden, weil er sie fast alle genau kannte und er in einem guten Verhältnis zu ihnen stand. Denn in ihrer ganzen Art waren sie eigentlich zutraulich wie Kinder. [...] Sie waren Optimisten. Ich habe bei den Zigeunern nie finstere, hasserfüllte Blicke beobachtet. [...] Ja als ich in Oranienburg bei der Inspektion KL war, wurde ich oft von Zigeunern, die mich von Auschwitz kannten, angesprochen und nach ihren Sippenangehörigen gefragt. Auch noch, als diese lange schon vergast waren. Es fiel mir immer schwer, ihnen ausweichend zu antworten. Gerade wegen ihres großen Zutrauens. Obwohl ich in Auschwitz viel Ärger mit ihnen hatte, waren sie mir doch meine liebsten Häftlinge – wenn man das so überhaupt sagen kann. [...] Ihrem Leben und Treiben zuzusehen, wäre interessant gewesen, hätte ich nicht dahinter das große Grauen gesehen – den Vernichtungsbefehl, den in Auschwitz außer mir nur die Ärzte kannten. Diese hatten laut RFSS-Befehl die Kranken, besonders die Kinder unauffällig zu beseitigen. Und gerade die hatten solch Zutrauen zu den Ärzten. Nichts ist wohl schwerer, als über dieses kalt, mitleidlos, ohne Erbarmen hinwegschreiten zu müssen.”2
Ich kenne kaum einen Text, der deutlicher die Un-Menschlichkeit der Vernichtung zum Ausdruck bringt. Wer Auschwitz ernst nimmt, berührt eine Wunde in unserer Menschlichkeit, die noch nicht geheilt ist. Es geht um – verratene – Menschlichkeit. Diese Wunde ist wesentlich in unseren Beziehungen. Auschwitz begann nicht mit der Ermordung von Menschen, sondern mit der Vernichtung von Beziehung zwischen Menschen. Erst wurden Polen, Juden, Sinti und Roma sowie andere Minderheiten nicht mehr als Mitmenschen behandelt, dann konnte man sie guten Gewissens töten. Heilung kann deshalb nur Heilung von Beziehung bedeuten. Beziehungen haben mit Vertrauen zu tun. Vertrauen wächst langsam, in Begegnungen von Angesicht zu Angesicht, ohne Verharmlosung der Vergangenheit. Begegnungen setzen Vertrauen voraus. Die wichtigste Aufgabe des Dialogs ist das Vorbereiten einer Vertrauensebene, sozusagen des Vorzimmers, damit das Vertrauen da ist, einzutreten und dann im Wohnzimmer offen miteinander zu reden, in der Gewissheit des gegenseitigen Vertrauenkönnens. Wenn eine Wunde berührt wird, ist die Reaktion oft sehr emotional und „unsachlich“. Oft ist es besser, die Wunde nicht direkt zu berühren, sondern das Leben um sie herum zu stärken. Oft ist es besser zu schweigen als zu reden. Aber es ist falsch, wegzulaufen. Wir brauchen Orte, wo jeder sich gern gesehen fühlt – unabhängig von seiner Herkunft – mit seiner Identität und mit seinen Wunden. Orte, an denen die grundsätzliche Achtung vor dem Anderen und seiner Andersheit sicher ist. Orte, an denen wir offen sind und einander zuhören. Solch ein Ort will das Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim3 sein, eine Einrichtung der katholischen Kirche in Polen. Mit Respekt aufeinander zu hören am Rande von Auschwitz, auch wenn Unterschiede bestehen bleiben, ist die wichtigste Antwort auf Auschwitz und das stärkste Zeugnis für unseren Glauben, dass Gott Liebe ist.
Ausgangspunkt bei einem Aufenthalt in Auschwitz ist immer das Gedenken an die Opfer. Alle Gäste besuchen die Gedenkstätte und hören bei der Führung von dem Schicksal der verschiedenen Opfergruppen. Viele Gruppen besichtigen zusätzlich die Sonderausstellungen, darunter die über Sinti und Roma in Auschwitz. Manche Gruppen, die mehrere Tage hier bleiben, stellen ihr Programm ganz auf die Frage nach den Sinti und Roma ein, wie z. B. „Bon Courage“ aus Born mit ihrem Projekt „Antiziganismus gestern, heute, niemals wieder – Sinti und Roma im KZ Auschwitz und die aktuelle Lebenssituation in Polen“ oder die Gruppen der Uni Regensburg unter der Leitung von Prof. Matthias Bahr.
Wenn es geht, sollten die Erinnerung und die nötige Reflexion in echte Begegnung führen. Wir arbeiten deshalb regelmäßig mit der Gesellschaft der Roma in Polen zusammen, die ihren Sitz hier in Oświęcim hat. Manche Gruppen hören einen Vortrag über „Kultur und Schicksale der Sinti und Roma“ von Dr. Johanna Kwiatkowska-Talewicz. Vor allem aber treffen sich viele Gruppen mit dem ehemaligen Häftling Edward Paczkowski. Aus diesen Begegnungen einige Zitate:
„Ein ganz besonderer Dank gilt Herrn Paczkowski, der uns als Zeitzeuge mitgenommen hat in den Alltag von Auschwitz, dem die Erinnerung daran sehr schwer geworden ist und der uns deutlich signalisiert hat, dass er uns gegenüber, als Nachkommen desTätervolkes, keinen Groll verspürt, sondern nur der Hoffnung Ausdruck verleiht, dass so etwas nie, nie wieder geschehen darf.“ (Gerold König, Rheinischer Verein für katholische Arbeiterkolonien, 2010)
„Durch das Konzentrationslager zu gehen und sich diese menschenunwürdigen Behausungen anzusehen war schon bedrückend, doch man konnte sich von all diesen Eindrücken und Vorstellungen über die damaligen Verhältnisse in Auschwitz distanzieren, weil man einfach nicht begreifen kann und will, dass so etwas Grausames je passiert ist. Bei dem Zeitzeugengespräch mit Edward Paczkowski konnte ich diese Distanz nicht mehr wahren, weil das Schicksal von Herrn Paczkowski für mich so ergreifend war und es die ganze Grausamkeit und die abstoßende Ideologie der NS-Zeit viel realistischer gemacht hat. Man hat auf einmal einen Menschen vor sich, der das alles wirklich miterlebt und seine ganze Familie in Auschwitz verloren hat. [...] Für mich beweist Herr Paczkowski seine innere Größe und Stärke, indem er nach all den Jahren immer wieder an den Ort zurückkehrt, an dem er seine Familie verloren hat und selbst auf brutale Art und Weise gefoltert wurde, um über seine persönlichen Erfahrungen im KZ Auschwitz zu berichten. [...] Vor Edward Paczkowski kann man nur den Hut ziehen.“ (Rebecca Rausch, Couven Gymnasium Aachen, 2011)
„Ich konnte nicht glauben, dass dieser gewöhnliche Mann genau in diesem Lager das erlebt hat, was er uns erzählte. Das war alles so unwahr. Während dieses Gesprächs schossen mir öfters die Tränen in die Augen. Ich versuchte es zu unterdrücken, doch irgendwann verlor ich die Fassung und mir kullerte eine kleine Träne über die Wange. Man sah, wie sehr diesen Mann das Gespräch mitnahm. Ständig faltete er seine Hände, rieb sie über sein Gesicht. Ich dachte, dass er jeden Moment anfangen müsse zu weinen. Doch er tat es nicht. Zwischenzeitlich verspürte ich das Verlangen rauszugehen. Mir tat es weh, diesen Menschen so leiden zu sehen, während er uns seine Geschichte erzählt. Ich verspürte außerdem das Verlangen, ihn in den Arm zu nehmen. Ich finde, es ist ein sehr mutiger Mann.“ (Schüler der Gesamtschule Hungen, 2012)
Gott sei Dank ist Oświęcim in den vergangenen Jahren zu einem Ort vielfältiger Begegnungen geworden. Vieles geschieht auch unorganisiert, einfach weil verschiedene Menschen sich hier treffen und miteinander ins Gespräch kommen. Ein besonderer Anlass zur Begegnung ist der jährliche Gedenktag am 2. August, dem Jahrestag der Ermordung der letzten Insassen des sog. „Zigeunerlagers“ in Auschwitz-Birkenau. Sinti und Roma aus ganz Europa kommen, aber auch viele andere, z. B. der deutsche Konsul aus Krakau, der israelische Botschafter aus Warschau, Regierungsvertreter, Jugendgruppen und Freunde. In diesem Zusammenhang habe ich vor Jahren Hugo Höllenreiner kennengelernt. Heute begegnen wir uns wie alte Freunde. Seit einigen Jahren organisiere ich gemeinsam mit dem polnischen Roma-Seelsorger Stanislaw Opocki in der Kirche in Brzezinka/Birkenau vor den Gedenkfeiern einen Gottesdienst für seine Romagemeinde.
Unser Traum ist, dass Menschen, die nach Auschwitz kommen und sich der schrecklichen Erinnerung stellen, gleichzeitig einen Ort erfahren, der eine positive Erfahrung dagegenstellt, einen Ort gegenseitigen Respektes und neuen Vertrauens, damit die Macht des Bösen hier nicht das letzte Wort hat, sondern die Macht des Guten, der Liebe. Es ist schön, zu erleben, dass das ein wenig der Fall ist. Immer mehr hat sich Oświęcim, das einmal Auschwitz war, in den letzten Jahren zu einem Ort der Besinnung und der Versöhnung entwickelt, zu einem Zentrum der Friedensarbeit und vielfacher Freundschaften.
Umso mehr werden diese Erfahrungen zur Verpflichtung. Es sieht nicht überall gut aus und an Problemen mangelt es nicht. Es bleibt eine große Aufgabe, eine Welt zu gestalten, in der wir unsere Mitmenschlichkeit nicht mehr verraten.
Ludwig Eiber
Meine Begegnung mit Hugo Höllenreiner stand am Anfang eines Projektes, das sich zunächst als kaum durchführbar erweisen sollte. 1990/91 war ich als freischaffender Historiker tätig. Da fragte mich Heiner Zametzer vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München, ob ich Interesse an einem Projekt mit Jugendlichen des Freizeitheims Hasenbergl-Nord/Stösserstraße hätte. Seine Vorstellung war, gemeinsam mit dort wohnenden und im Freizeitheim verkehrenden Sintijugendlichen die Verfolgung der Sinti und Roma aufzuarbeiten. Dazu sollten auch ihre Eltern und Großeltern befragt werden.
Ich war zwar in den 1980er Jahren als Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme auch auf Schicksale von Sinti und Roma gestoßen, die über Auschwitz in Außenlager rund um Hamburg gekommen waren. Aber ich hatte mich bis dahin wenig mit der Geschichte der Verfolgung der Sinti und Roma unter der nationalsozialistischen Herrschaft beschäftigt. Aber das sollte kein Problem sein. Von Seiten der Leitung des Freizeitheims hatte ich die volle Unterstützung.
Aber das Projekt, so wie es konzipiert war, scheiterte. Wir kannten die Geschichte der Verfolgung der Sinti und Roma in München nicht. Wohl aber die Sintijugendlichen selbst. Sie kannten die Verfolgungsgeschichte, die Leiden und auch den Völkermord aus den Erzählungen ihrer Eltern und Verwandten. Hinzu kam die auch von daher rührende Distanz und Skepsis gegenüber dem – wenngleich wohlgemeinten – Interesse öffentlicher Einrichtungen. Ihre Erfahrungen in der Vergangenheit, auch vor 1933 und nach 1945, lehrten sie Zurückhaltung.
