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Spät noch lesen, das ist fein, doch hier geht's jetzt um leck'ren Wein. Blättert deshalb gern mal rein, das Büchlein könnt' für euch was sein. Bitte aber den Weinpackzettel … Pardon … Beipackzettel beachten: Die Geschichten können Spuren von Humor und Fantasy enthalten. Bei Nebenwirkungen wie Schmunzelitis oder wiederkehrenden Lachanfällen wendet euch an die Herausgebenden. Gebrauchsanweinung … Pardon … Gebrauchsanweisung: Nehmt eine Flasche Wein nach Wahl, öffnet diese und gießt euch ein. Schlagt dann das Buch auf und beginnt zu lesen. Nehmt zwischendurch immer wieder einen Schluck Wein. Lasst zu, dass eure Mundwinkel sich heben. Öffnet bei Bedarf eine weitere Flasche Wein und lest das Buch mit einem bleibenden Schmunzeln im Gesicht zu Ende, bis der Korken mit euch spricht. Und diesen Wink mit der Weinrebe werdet ihr verstanden haben, wenn ihr das Buch durchgelesen habt.
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Seitenzahl: 185
Veröffentlichungsjahr: 2025
Humorvolle
Spätlese
Hrsg.
Alle Rechte vorbehalten.
Das Buchcover darf zur Darstellung des Buches unter Hinweis auf den Verlag jederzeit frei verwendet werden. Eine anderweitige Vervielfältigung des Coverbilds ist nur mit Zustimmung des Verlags möglich.
Die Namen und Handlungen sind frei erfunden.
Evtl. Namensgleichheiten oder Handlungsähnlichkeiten sind zufällig.
www.verlag-der-schatten.de
Erste Auflage 2025
© Coverbilder: Depositphotos rsedlacek, gresey
Covergestaltung: Verlag der Schatten
© Bilder: Depositphotos rsedlacek (Kapiteldeko), matka_Wariatka(Trauben), gresey (Weinglas),
Vernes Federn (Odine Raven und Christian Metzger)
Lektorat: Verlag der Schatten, M.S. Ode
Anna-Lena Hübbers (Herbstnacht)
© Verlag der Schatten, Bettina Ickelsheimer-Förster, Ruhefeld 16/1, 74594 Kreßberg-Mariäkappel
E-Mail: [email protected]
ISBN: 978-3-98528-058-2
Humorvolle
Spätlese
Fantastische Geschichten
herausgegeben von
Vernes Federn
Odine Raven und
Christian Metzger
Inhalt
Vorwort
Vernes Federn
Agga Kastell: Vier glänzende alte Damen
Odine Raven: Herbstnacht
Andrea Tillmanns: Ardurianischer Wein
Veronika Kegler: Interview mit einem Fabelwesen
Ulrike Grömling: Willkommen in Hexenwinkel
Silke Katharina Weiler: Le Clos des Pleurs
Beatrice Sonntag: In vino was?
Janice Wollenberg: Weißweinmontag
Jutta Ehmke: Weinselige Weihnachtszeit
Christian Metzger: Der Tag, an dem Tofu den Wein rettete
Roswitha Böhm: Der letzte Tropfen
Odine Raven: Rheingauer Spundekäs
Spät noch lesen, das ist fein,
doch hier geht’s jetzt um leck’ren Wein.
Blättert deshalb gern mal rein,
das Büchlein könnt’ für euch was sein.
Bitte aber den Weinpackzettel … Pardon … Beipackzettel beachten:
• Die Geschichten können Spuren von Humor undFantasy enthalten.
• Bei Nebenwirkungen wie Schmunzelitis oderwiederkehrenden Lachanfällen wendet euch an dieHerausgebenden.
Gebrauchsanweinung … Pardon … Gebrauchsanweisung:
• Nehmt eine Flasche Wein nach Wahl, öffnet diese und gießt euch ein.
• Schlagt dann das Buch auf und beginnt zu lesen.
• Nehmt zwischendurch immer wieder einen Schluck Wein.
• Lasst zu, dass eure Mundwinkel sich heben.
• Öffnet bei Bedarf eine weitere Flasche Wein und lest das Buch mit einem bleibenden Schmunzeln im Gesicht zu Ende, bis der Korken mit euch spricht.
Und diesen Wink mit der Weinrebe werdet ihr verstanden haben, wenn ihr das Buch durchgelesen habt.
Gute Unterhaltung wünschen euch Vernes Federn:
Odine Raven und Christian Metzger
Wer zu spät kommt …
… lacht am längsten.
Damit wäre grob zusammengefasst, was dem armen Spätlesereiter anno 1775 widerfahren ist. Mit erheblicher Verspätung traf er auf seinem Rückweg von Fulda auf dem Johannisberg im Rheingau ein und überreichte den Mönchen die sehnlichst erwartete Lesegenehmigung. Leider zu spät – die Trauben waren bereits an den Rebstöcken verfault. Sie wurden trotzdem gelesen und gekeltert, und heraus kam ein sagenhaft guter Wein, die erste Spätlese!
Genau 250 Jahre später fassten Vernes Federn Odine und Christian mit der BIF von Shadodex einen kühnen Plan: Spätlese und bis spät in die Nacht ein gutes Buch lesen, das passt doch wie der Korken auf die Flasche!
Derart inspiriert riefen wir diese Anthologie ins Leben, ließen sie bis zur Abfüllung reifen und kredenzen sie hiermit der geneigten Leserschaft.
Trinken und lesen wir auf 250 Jahre Spätlese!
Eure Vernes Federn
Nähere Informationen unter
https://www.facebook.com/VernesFedern
Vernes Federn – das sind die Viernheimer Autoren Odine Raven und Christian Metzger.
Odine Raven stammt aus Johannisberg im Rheingau, lebt aber seit den Neunzigerjahren mit ihrer Familie im südhessischen Viernheim. Dort ist sie auch als Diplom-Schulpädagogin und Sängerin tätig.
2016 erschien ihr erster Fantasy-Roman, »Derius«, im Selbstverlag, viele weitere folgten. Ihre Märchen-adaption »Dornröschen spinnt!« hat den Fantasy Skoutz Award 2023 gewonnen. Mit »Das Geheimnis des Monsieur Arnaud« war sie 2024 für den SERAPH als Bester Independent Titel nominiert.
Nähere Informationen unter www.odine-raven.de
Christian Metzger wurde 1981 in Frankfurt am Main geboren, lebt aber inzwischen in Viernheim und arbeitet im Controlling. Er begann 2018 mit dem Schreiben von fantastischen Kurzgeschichten, von denen mehrere in Anthologien veröffentlicht wurden. 2022 erschien sein Debütroman »Selbst Feen können sterben« im Lindwurm Verlag.
Wenn er nicht gerade Fantasy-Geschichten schreibt, kümmert er sich ehrenamtlich im Vogelpark Viernheim um Schneeeulen, Kolkraben und viele andere Vögel.
Nähere Informationen unter christian-metzger.com
Als Vernes Federn veranstalten Odine und Christian gemeinsam Autorenlesungen in und um Viernheim und engagieren sich in verschiedenen literarischen Projekten.
Vernes Federn: Odine Raven und Christian Metzger
Gerda Kisselbach steckte den Kopf aus ihrem winzigen Appartement und rümpfte die Nase. Im Flur des Seniorenwohnheims roch es nach Kohl und Urin. Bewohner und Schwestern standen in Grüppchen zusammen und laberten aufgeregt durcheinander. Rasch schlüpfte sie in ihre orthopädischen Schuhe, stopfte den rosa Waschlappen in ihre schicke, neue Umhängetasche und ging hinaus.
»Gerda! Hast du’s schon gehört?«, wurde sie empfangen. »Der Herr Rothenberg ist verschwunden.«
»Wer soll das sein, Jacki?«
»Der Holger, der kleine Dicke, der manchmal mit euch Doppelkopf spielt.«
»Ach, der.«
»Seit gestern Abend ist er weg. Und ich hab’s gar nicht mitgekriegt. Ich hatte solche Schmerzen im …«
Weiter kam Jacki nicht. Gerda zog den rosa Lappen aus der Tasche und wedelte ihr damit vor dem Gesicht herum.
»Jammerlappenalarm!«, schrie sie fröhlich.
Sie hatte die Neuerung im Altersheim eingeführt, weil es ihr auf den Keks gegangen war, sich andauernd Krankheitsgeschichten anhören zu müssen. Hier hielten sich alle für einen wandelnden Pschyrembel, das Krankheitslexikon, und die Suchleiste in Google machte die Sache nicht besser. Benahm man sich heutzutage so oder war das altersbedingt?
Gerda war dazu erzogen worden, sämtliche unliebsame Pein hinunterzuschlucken und zu überspielen, und band nicht jedem auf die Nase, dass sie seit heute Nacht Zahnschmerzen hatte. Ausgerechnet Trina hatte es erwischt. Ihren verbliebenen drei Zähnen hatte sie die Namen Mina, Trina und Fina verpasst, und an Trina hing die obere rechte Brücke. Belästigte sie ihre Mitbewohner mit ihren Kalamitäten? Nein, gewiss nicht. Denn bloß, weil man im Seniorenheim wohnte, implizierte das nicht, dass man seine Hausgenossen gnadenlos volljammern durfte, bis sich jeder peinlich berührt in seine Räume zu verdrücken versuchte. Deshalb war sie auf die Idee mit dem Jammerlappen gekommen. Manche Leute merkten nicht, dass sie einem zu nahe traten. Mit dieser kreativen Methode hielt sie sich die ewigen Klagen vom Leib, und andere machten es ihr munter nach.
Jacki schloss ob Gerdas Abfuhr beleidigt die Kauluke, dass die falschen Zähne knirschten.
»Hat er auf seinem Smartphone keine GPS-Ortung?«, fragte Gerda unbeeindruckt.
»Er hat sein Handy im Zimmer vergessen.«
»Na, dann gehen wir ihn mal suchen.« Gerda marschierte zum Ausgang. »Los geht’s, Ladys!«
Lotte, Magda und Nina, der feste Kern ihres Doppelkopfkränzchens, folgten ihr.
Gerda war Winzerin gewesen und hatte über viele Jahre ein mittelständiges Weingut in Erbach im Rheingau geleitet. Sie hatte es von ihrer Mutter geerbt, die sie von der Pike auf angelernt hatte. Gerdas Tochter wiederum hatte Weinbau im schönen Schloss Monrepos in Geisenheim studiert und die Kellerei vor zwei Jahren von ihrer Mutter übernommen. Als Gerda sah, wie gut ihr Kind zurechtkam, hatte sie beschlossen, ihr freie Hand zu lassen, und sich in die Seniorenresidenz Abendrot in Oestrich-Winkel zurückgezogen. Niemand brauchte ein Klugscheißergirl, das einem ständig über die Schulter schaute und alles besser wusste.
Für eine endgültige Übergabe der Besitztümer fehlten lediglich die Unterschriften auf den Übertragungsurkunden beim Notar. Gerda hätte nicht gedacht, dass sie sich so schwer damit tun würde, die Verantwortung vollständig abzugeben, und seien die empfangenden Hände noch so fähig.
Sie blieb auf dem Weinbergspfad stehen, angelte den rosa Waschlappen aus der Tasche und schlug ihn sich zweimal ins Gesicht.
»Gerda, du verrücktes Huhn! Was machst du da?«
»Ich diszipliniere mich, Magda.«
Als ihr aufging, was für ein Bild sie bot – eine alte Schachtel inmitten der Weinberge, die sich wie eine Bekloppte selbst haute –, lachte sie, bis ihre Tena Lady feucht wurde. Ihre Leitungen waren nicht mehr das, was sie mal gewesen waren. Wie bei jeder betagten Maschine gingen die Dichtungen zuerst kaputt.
Wo waren sie überhaupt?
»He, guter Mann«, schrie Nina.
Der Typ im Wingert drehte sich um, eine Rebenschere in der Hand.
Was machte er da? Es war Spätherbst, zu früh zum Gerten.
»Häh?«
Das Rheingauer Äquivalent zu: »Wie bitte?«
»Haben Sie einen sehr alten, sehr dicken, kleinen Mann gesehen?«, fragte Nina.
Der Typ schob seinen Hut in den Nacken und stapfte durch die Rebzeile auf sie zu. Gerda stockte der Atem. Er glitzerte im Sonnenlicht wie der übergroße Diamantring, den ihr ihr Schorschi, Gott hab ihn selig, dereinst schenkte, als seine Performance im Bett aus Altersgründen schwer nachgelassen hatte. Wieso trug jemand Glitter-Make-up, wenn er im Weinberg arbeitete? War das ein hipper Sonnenschutz?
»Nein, hier kam niemand vorbei«, sagte der Glitzermann. »Was ist mit ihm?«
»Er ist gestern Abend nicht ins Seniorenheim zurückgekehrt«, gurrte Lotte, die etwas mannstoll war. Je oller, desto doller. »Sie machen das hier ja fabelhaft mit ihren starken Händen!«
»Macht er gar nicht«, zerrte Gerda das Gespräch auf den Boden der Tatsachen zurück. »Es ist drei Monate zu früh für den Rebschnitt.«
»Ich habe eine Idee ausprobiert«, sagte Glitzi, der jetzt wie eine Discokugel aus Gerdas ferner Jugend flimmerte, als könne er das Funkeln auf- und abdrehen.
Er steckte die Schere wie einen Revolver in das Halfter an seiner Hüfte und zog eine Visitenkarte aus der Hosentasche.
»Hätten die Damen heute Abend Lust auf eine kleine Weinprobe in meinem Weingut? Es wäre mir eine Freude, Sie in der Nachbarschaft zu begrüßen.«
Er reichte Gerda die Karte. Lottes knittrige Lippen fältelten sich zu einem dünnen Strich. Sie sah aus, als würde sie der Freundin am liebsten ins Gesicht schlagen. Ohne Lappen. Mit der geballten Faust.
Sie traten den Rückweg an.
»Hier, kannst du haben.« Gerda reichte Lotte die Büttenkarte. Sie hatte ein gutes Gedächtnis und konnte sich merken, was darauf stand, im Gegensatz zu anderen Anwesenden.
»Pft«, machte Lotte, ohne zuzugreifen. »Anscheinend habe ich meinen Charme verloren, aber meinen Stolz habe ich noch.«
»Dann lasst uns auf dem Heimweg was singen«, schlugGerda versöhnlich vor. Lotte hatte eine wunderbare Singstimme, die nur in den Höhen ein wenig zitterte. »Hört ihr die Rebenläuse schmatzen?«
Die anderen fielen ein.
»Wie sie durchs grüne Blattwerk zieh’n.
Wie sie mitten in Hessen die Weinberge fressen,
bis sich die Reblausbäuche bläh’n.
Und wenn sie weg sind, hängt da kein Blatt,
Und wenn sie wiederkommen, sind sie nicht mehr satt.
Zwo, drei, vier …«
Das Taxi zum Weingut Jure Grando im Stadtteil Winkel war nicht der Entfernung geschuldet, sondern den aufwendigen Outfits und den nichtorthopädischen Schuhen.
»Jure klingt, als käme unser Mann aus dem Slawischen«, sagte Magda.
»Und Grando, als leide er an Selbstüberschätzung«, ergänzte Gerda bissig. Die Zahnschmerzen, die sie seit der Nacht plagten, hatten sich zu einem veritablen Kopfschmerz entwickelt. Die Zähne zusammenzubeißen war bei dieser Malaise kontraindiziert. Sie hatte zwei Ibu eingeworfen, um nicht auf die Weinprobe verzichten zu müssen. »Ich trau dem Typen nicht. Warum verschwendet er einen ganzen Abend für vier alte Schachteln?«
»Habt ihr seinen Mund gesehen?« Lotte hatte ihr Resthirn abgeschaltet und vertraute nur noch auf ihr Bauchgefühl. »Seine Lippen sind so voll und sexy.«
Der Taxifahrer kicherte. »Klingt, als ob man mit den Damen Pferde stehlen könne.« Er reichte Lotte eine Visitenkarte. »Falls Sie mich mal brauchen: Allzeit bereit!«
Lotte schaffte es tatsächlich, trotz ihres Alters, hold zu erröten.
»Ladys«, rief Gerda. »Etwas mehr Beherrschung, bitte. Der Herr Chauffeur glaubt, wir klauen lahme Ackergäule. Denkt dran, bei Gefahr und Unbehagen ist das Codewort Reblaus.«
»Ich habe Codewörter bisher für was anderes benutzt«, kicherte Nina anzüglich.
Jetzt fing die auch noch damit an! Na, das konnte ja heiter werden.
Die Kellerei lag in Richtung Geisenheim am Ortsausgang von Winkel. Die ehemalige Besitzerin war verstorben und hatte das Gut ihrem Kellermeister vermacht. Ihre Töchter waren leer ausgegangen. Das war vor fünf Jahren ein großer Skandal gewesen, oder lag das länger zurück? Hatte der Kelterer Jure Grando nicht letztes Mal bei der VDP-Prämierung exzellenter Weine in Kloster Eberbach etliche Preise abgeräumt?
Womöglich war Gerdas Gedächtnis nicht mehr ganz so gut, wie sie es sich wünschte.
Grando empfing die Damen mit Grandezza, hauseigenem Sekt und Häppchen. Die Platten waren appetitlich angerichtet, Fackeln illuminierten in der Abenddämmerung den Tisch im Freien für die einzigen Gäste. Die flackernden Holzscheite in den zwei Feuerschalen spendeten Wärme.
»Sind Sie ganz alleine hier?«, fragte Gerda. »Wo ist das Personal?«
»Meine Angestellten verlassen das Weingut nach getaner Arbeit bei Anbruch der Nacht«, antwortete Grando. »Außer die Winzerstube hat geöffnet. Doch heute Abend wollte ich die pläsierliche Gesellschaft der Damen exklusiv genießen.«
Grando war charmant. Er hatte das Glitzern eingestellt und unterhielt seine Gäste mit Geschichten aus dem Weinbau. Lotte taute sichtlich auf, verzieh ihm seine impertinente Ignoranz im Weinberg und gab »Im Wein ist Wahrheit nur allein!« aus Lortzings Oper »Undine« zum Besten. Gerda versuchte sich zu entspannen, aber es gelang ihr nicht. Wenn etwas zu schön war, um wahr zu sein, entpuppte es sich am Ende meist als Fake, wie ihre Tochter neudeutsch sagte.
Die Häppchen waren aufgeschmaust, Grando bat sie hinunter in den Weinkeller über 23 ausgetretene Sandsteinstufen. Der feuchte, säuerliche Geruch trieb Gerda die Tränen in die Augen. Sie vermisste ihr Zuhause und die Arbeit. Aufgemuntert wurde sie durch die bereitstehende Weinprobe und weitere Köstlichkeiten, die den Gaumen anregen und zwischen den Degustationen neutralisieren sollten. Leuchtfackeln an den Wänden und Kerzen in Kandelabern erzeugten eine romantische Stimmung. Endlich gab es Grauburgunder. Sogar Gewürztraminer entdeckte Gerda. Und eine 375-ml-Flasche Eiswein, samt Korken und Staub. Lecker!
»Ich müsste mal für kleine Königstigerinnen«, sagte Gerda in die launigen Ahs und Ohs der Damen.
»Durchqueren Sie den Keller, hinter den großen Fässern nach links«, erklärte ihr Gastgeber. »Die halbe Treppe hoch. Ist nicht zu verfehlen.«
War es tatsächlich nicht. Kleine Leuchtschilder mit neongrünen Piktogrammen leiteten sie.
Das Klopfen hörte sie auf dem Rückweg, bevor sie vor den Riesenfässern rechts abbog. Die drei Schläge klangen schwach und wiederholten sich, als sie stehen blieb und lauschte. Wer wollte ihr die schöne Flasche Gewürztraminer verderben? Stinkig stapfte sie nach links, an weiteren exorbitanten Fässern vorbei, in die Dunkelheit.
»Hallo?«, rief sie. »Ist da wer?«
War das eine Stimme? Eine Katze, die sich versehentlich eingeklemmt hatte? Ratten? Ein Stinktier gar?
Gerda fischte das Smartphone aus ihrer Tasche und aktivierte die Taschenlampenfunktion.
Sie ortete die Geräusche in einem der letzten Bottiche im hintersten Teil des Weinkellers. Die Tonne war nicht für die Lagerung von Wein bestimmt. Das sah sie an dem Rechteck, das ins Holz geschnitten war. Wie eine niedrige Tür, aber ohne Klinke oder einen Knopf. Sie drückte dagegen. Der Einlass gab ein kleines Bisschen nach. Als sie losließ, schnappte der Magnet auf, die Tür kam ihr entgegen. Sie duckte sich und leuchtete hinein.
Ein dicker Mann war an Händen und Füßen mit weißen Kabelbindern an ein metallenes Bettgestell gefesselt. Sein opulenter Bauch verdeckte Gerda die Sicht auf seinen Kopf. Die durchgelegene Matratze unter ihm war gestreift, versifft und stank bestialisch nach Ammoniak und Kupfer. An einem Infusionsständer hing eine durchsichtige Flasche, NaCl-Lösung stand auf dem Identifikationsetikett.
Gerda kletterte in das Fass und ging um das Fußende des Bettes herum. Ein Schlauch führte von der Nährlösung zu einer grünen Braunüle im linken Arm. In der Ellenbeuge des rechten Arms leuchtete ein grauer Venenkatheter.
Der Mann stöhnte und hob den Kopf. »Gerda«, keuchte er, und jetzt erkannte sie ihn. Es war Holger. »Gott sei Dank. So ein Durchgeknallter hat mich hierher verschleppt und ans Bett gefesselt. Der Scheißkerl hat mir Blut abgezapft und es dann getrunken wie ein Glas Spätlese!«
Als Gerda zum Tisch zurückkehrte, fiel niemandem auf, dass die Manschetten ihrer schicken Bluse offen standen. Darunter trug sie jeweils zwei Stränge Kabelbinder. Sie hatte die Kunststoffstreifen durch die Köpfe geführt, aber nicht arretiert.
»Da wird ja die Reblaus am Weinblatt verrückt!«, sagte sie zur Begrüßung. »Habt ihr den Gewürztraminer ohne mich niedergemacht?«
Lotte lachte lautstark über eine Bemerkung von Jure und schien sich nicht an das Codewort erinnern zu können. Magda und Nina starrten Gerda an, dann griff sich Magda an den Kopf.
»Ich bin das Feiern nicht mehr gewöhnt«, hauchte sie. »Mir ist so schwummerig.«
Statt sich um Magda zu kümmern, fixierte Jure Grando Gerda so intensiv mit seinem Blick, als wolle er in ihr Gehirn dringen und ihre Gedanken lesen.
»Ach, so ist das«, sagte er, als hätte er es geschafft und entziffert, was nicht für ihn bestimmt war.
Mit unglaublicher Geschwindigkeit huschte er neben Gerda, riss sie in seine Arme und öffnete die vollen Lippen. Seine Eckzähne schoben sich heraus, schneeweiß, lang und nadelspitz.
Als Gerda sah, was sich in seinem Mund befand, schrie sie auf. Lotte beendete augenblicklich ihr übertriebenes Gelächter.
Alle drei Freundinnen gafften sie an. Wollte denn keine von ihnen etwas unternehmen? Sie aus ihrer misslichen Lage befreien? Nein. Sie stierten wie gelähmt auf ihre Freundin, die in Jure Grandos Armen wie in einem Schraubstock festklemmte. Dessen Mund wanderte suchend über Gerdas Faltenhals und presste sich feucht und leidenschaftlich auf ihre Haut, als sei ihre Jugularvene Nektar und Ambrosia für ihn.
Gerda zitterte – vor Ekel. Sie senkte den Kopf zu dem fremden Haupt hinab, das an ihrem Hals pappte wie ein Alien. So fest sie konnte, biss sie in Jures Wange. Ihre Zähne knirschten widerlich, als zerkaue sie Echsenhaut.
Glitter auftragen, aber keine Hautcreme benutzen, so ein Arsch.
Das Unterhautfettgewebe quatschte ekelhaft unter dem Druck ihres Gebisses. Blut quoll in ihren Mund. Es roch und schmeckte nach uraltem Metall – wie Kupfer, das in der Sonne auf einem Schrottplatz vergammelt und verrostet war.
Jure Grando riss die Klappe auf, löste so den Unterdruck an Gerdas Hals, und brüllte.
Sein Lebenssaft floss um ihren gepeinigten Zahn Trina und beendete den Schmerz, der sie den ganzen Tag gequält hatte.
Lotte hatte sich endlich aus ihrer Erstarrung gelöst, wurde proaktiv und schlug dem Mann mit beachtlichem Schwung eine Weinflasche auf den Kopf.
Die Flasche zerbrach. Jure Grando sackte zusammen und knallte auf das Kopfsteinpflaster des Kellers.
Gerda schnüffelte. Ausgerechnet der Gewürztraminer!
»Was war denn das?«, wimmerte Magda, als bräche sie gleich in Tränen aus.
»Rate!«, schlug Gerda vor.
Sie zerrte die Kabelbinder über Jure Grandos Hände und Füße und zog sie richtig fest. Dann schnappte sie ihr Handy, entblößte seine Eckzähne, die sich noch nicht zurückgebildet hatten, und fotografierte sie.
»Wenn wir zu Hause sind, wird uns dieses Foto davon abhalten, zu glauben, wir hätten uns alles nur eingebildet«, sagte sie. »Holger ist dahinten in einem der großen Fässer. Der Blutsauger hat ihn entführt und von ihm getrunken. Wer weiß, was wir da noch finden.«
Sie fanden vier weitere Senioren mit Infusionsschläuchen in den Armen, jedoch nicht aus ihrem Altenheim. Zwei waren zu ausgelaugt, um zu laufen.
»Wartet.« Gerda schnappte sich eine sterile Verpackung mit einer grauen Braunüle, Desinfektionsmittel und Tupfer. »Nina, du warst Krankenschwester. Komm mit.«
Jure Grando hatte das Bewusstsein nicht wiedererlangt. Nina setzte ihm den venösen Zugang in Nullkommanichts. Gerda ließ Blut in die Dessertgläser für den Eiswein laufen, wenige Milliliter pro Glas.
»Das ist widerlich«, sagte Nina.
»Das ist hilfreich«, korrigierte Gerda. Sie imitierte die Stimme von Oberschwester Mildred Ratched aus »Einer flog über das Kuckucksnest«: »Medikamentenausgabe!«
Nina lachte, dann heulte sie. Gerda klopfte ihr auf den Rücken.
Sie flößten den Entkräfteten die Tinktur ein.
Zum Schluss trank jede selbst ein Schlückchen.
»Meine Hüftschmerzen sind weg!«
»Ich spüre meine Arthritis nicht mehr!«
»Mein Herz schlägt so regelmäßig!«
Die Senioren genasen ohne viel Federlesens auf wunderbare Weise. Also hatte sich Gerda die magische Heilung ihrer Zahnschmerzen nicht eingebildet.
»Ruf den Taxifahrer an«, befahl Gerda Lotte. »Sag ihm, das ist ein Notfall, es handelt sich um die Rückführung gestohlener Pferde. Gib ihm hundert Euro Trinkgeld, damit er keine Fragen stellt.«
Als das Taxi mit den fünf Malträtierten das Weingut verlassen hatte, kehrten sie zurück in den Keller. In einem großen Fass lag Jure Grando, Hände und Füße an das metallene Bettgestell gefesselt.
»Was machen wir mit dem?«, fragte Magda.
»Wir hämmern dem Scheißkerl einen Pflock durchs Herz«, fauchte Lotte wütend. »Wegen Vorspiegelung falscher Tatsachen.«
»Oder …«
Drei runzlige Gesichter drehten sich zu Gerda.
»Wir zwingen ihn, uns das Weingut zu überschreiben, so wie er es sich damals unrechtmäßig angeeignet hat. Wir bewirtschaften es ein, zwei Jahre, solange wir Lust haben. Dann geht es zurück an die Töchter der Winzerin, die nach dem Tod ihrer Mutter leer ausgegangen sind.«
Die anderen starrten sie sprachlos an.
»Die Arbeit ist … viel zu viel … für uns«, stotterte Lotte.
»Wir sind zu alt für diesen Scheiß«, stimmte Magda ihr zu.
Gerda zückte den rosa Waschlappen und schlug ihnen ins Gesicht. »Jammerlappenalarm!«
»Wir haben Jure Grandos Blut«, nahm Nina Gerda die Überzeugungsarbeit ab. »Damit schaffen wir alles.«
Gerda grinste so breit, dass man den Metallbügel um die schmerzfreie Trina sah.
Im Frühtau des anbrechenden Tages wanderten vier alte Damen über den Promilleweg zurück in die Seniorenresidenz Abendrot, um ihre Habseligkeiten für den Umzug ins Weingut vorzubereiten. Sie sangen:
»Hört ihr die Rebenläuse schmatzen?
Wie sie durchs grüne Blattwerk zieh’n.
Wie sie mitten in Hessen die Weinberge fressen,
bis sich die Reblausbäuche bläh’n.
Und wenn sie weg sind, hängt da kein Blatt,
und wenn sie wiederkommen, sind sie nicht mehr satt.
Zwo, drei, vier …«
Als die Sonne aufging, glänzten sie im Morgenlicht wie Diamanten.
Agga Kastell lebt und arbeitet im Rheingau. Zwischen Rosen, Rhein und Riesling schreibt sie ihre Fantasygeschichten. Ob ein Riesenkrake einen Menschen als Haustier hält, eine Familie von Horrorkühen gejagt wird oder eine Meerjungfrau ihr Leben selbst in die Hand nimmt – ihre Erzählungen stecken voller schräger Figuren, absurder Komik und überraschender Plots. Zur LBM 2026 erscheint ihre satirische Dystopie »Kurz vor Paris« im Lindwurm Verlag.
Das Gedicht von Rilke ging Lena nicht aus dem Kopf.
… und jage die letzte Süße in den schweren Wein …
Na komm, so schwer war der gar nicht gewesen. Eher leicht, wie eine Feder. Drum nannte man ihn auch Federweißer. Nein, das war natürlich nicht der Grund, aber es passte grad so schön.
»Sag mir noch mal deine Handynummer«, kam es von Claudi, die sich im Schein der auf alt gemachten Straßenlaterne mit ihrem jüngst erworbenen Mobiltelefon abmühte.
»Null eins fünf …«, legte Lena bereitwillig los. Sie hätte die Freundin genauso gut anrufen können, wenn Claudi sich zu ihrem neuen Gerät nicht gleich einen Vertragswechsel mit anderer Nummer geleistet hätte, die sie jedoch leider noch nicht auswendig kannte.
Alt und neu, krasser Gegensatz.
Wie die schnuckelige Gasse, durch welche die beiden jungen Frauen nach zwei, drei Schoppen neuen Weins in ihrer Lieblingsstraußwirtschaft heimwärts wankten.
Uralte Fachwerkhäuschen und ein ebensolches Kopfsteinpflaster, auf das die vorangeschrittene Nacht einen hauchdünnen, gefährlich rutschigen Feuchtigkeitsfilm gepinselt hatte.
Über dieses Pflaster waren wenige Wochen zuvor noch
