Kurz vor Paris - Agga Kastell - E-Book

Kurz vor Paris E-Book

Agga Kastell

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Beschreibung

Flucht, Verfolgung und eine ungewöhnliche Freundschaft in einer Welt, in der menschengroße Insekten mit den letzten Menschen leben. Nach dem Atomkraftwerksunfall herrscht ein angespanntes Gleichgewicht zwischen mutierten Insekten und Menschen. Als Stinker - ein junger Mann auf der Suche nach Geborgenheit - mit seinen Freunden Flymo und Meiling die mysteriöse Wespe Pucki mitnimmt, wird aus ihrer harmlosen Reise zum Eiffelturm plötzlich lebensgefährlicher Ernst. Pucki trägt ein dunkles Geheimnis: Sie ist schwanger und flieht vor den Nordos, einer rassistischen Gruppe, die ihre Brut für genetische Experimente missbrauchen will. In den Katakomben von Paris beginnt ein rasanter Kampf um Leben und Tod, der die ungleichen Gefährten bis nach Menorca führt. Für alle Leser*innen, die satirische Dystopien mit ungewöhnlichen Protagonisten, gesellschaftskritischem Tiefgang und skurrilem Humor lieben.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 325

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Cover

Impressum

Widmung

Vorwort

Vor fünfzehn Jahren

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

Danksagung

Autor

AGGA KASTELL

Kurz vor Paris

DER KURIOSE WEG ZUR FREIHEIT

Impressum

GKastell, Agga: Kurz vor Paris – Der kuriose Weg zur Freiheit – Eine satirische Dystopie

Hamburg, Lindwurm Verlag 2026

1. Auflage 2026

ISBN 978-3-910279-24-7

Dieses Buch ist auch als eBook erhältlich und kann über den Handel oder den Verlag bezogen werden.

ePub-eBook: 978-3-910279-25-4

Lektorat/Korrektorat: Aimée Ziegler-Kraska / Weltenlektorat

Umschlaggestaltung, Buchsatz, Innengestaltung: Phantasmal Image

Songtext: Nuclear Blast/ Ein Liebeslied mit freundlicher Genehmigung von Knorkator

Druck: CPI Books GmbH, Birkstraße 10, 25917 Leck,

Mail: [email protected]

Der Verlag behält sich das Text- and Data-Mining nach § 44b UrhG vor, was hiermit Dritten ohne Zustimmung des Verlages untersagt ist.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

Der Lindwurm Verlag ist ein Imprint der Bedey & Thoms Media GmbH, Hermannstal 119k, 22119 Hamburg bedey-thoms.de; [email protected]

©Lindwurm Verlag, Hamburg 2026

Gedruckt in Deutschland

Dieses Buch widme ich meiner allerersten Leserin,

die mich stets anfeuerte, weiterzuschreiben:

meiner wunderbaren Tochter

Aimée M. Ziegler-Kraska

Vorwort

von Eleanor Bardilac

Sitzt man in der Jury für einen Preis oder ein Stipendium, liest man eine Flut an Einsendungen. Manche sind brillant, manche sind grottenschlecht – und manche sind so außergewöhnlich, dass man sich auch Jahre später noch daran erinnert. Weil das Konzept so erfrischend neu ist. Weil die Narrative so ungewöhnlich sind. Und weil es das gewisse Etwas hat, das einfach hängen bleibt.

Kurz vor Paris war eine solche Einsendung für mich.

Vielleicht gab es andere, die geschliffener waren, plastischer, einfach runder. Aber von all den Romanauszügen, die ich im Rahmen meiner Jury-Tätigkeit für die Debüt-Kategorie des PAN-Stipendiums 2022 lesen durfte, ist mir fast nur dieses in Erinnerung geblieben – mit, wie ich finde, gutem Grund.

Wir leben in Zeiten, in denen die Phantastik ein wenig verlernt zu haben scheint, dass ihre Stärke im Denken außerhalb von Konventionen inhaltlicher und formaler Art liegt. Ideen, die nicht in den Mainstream passen, haben es schwer. Dabei sind sie es, die unsere Augen öffnen und unsere Perspektiven erweitern, die uns merken lassen, dass gewisse Grenzen, die uns unverrückbar schienen, eigentlich nur in unseren Köpfen ent- und bestehen. Sie sind es auch, die uns gerade so verfremdend, dass es nicht ganz so wehtut, an komplexe Sachverhalte heranführen, die in der Realität eine Rolle spielen. Außergewöhnliche Fantastik legt den Finger in Wunden und bietet manchmal Heilung, manchmal aber auch »nur« Bewusstseinserweiterung für die Welt, in der wir leben.

Kurz vor Paris macht genau das.

Da haben wir also eine Welt, in der Menschen und mutierte Insekten miteinander klarkommen müssen, und das Ganze ist eigentlich nur Hintergrund für eine wilde Fluchtgeschichte, die als harmloser Urlaub beginnt und mit dem Abstreifen des Lebens Davor endet. Im Zuge dieser ungewollten Reise verändern sich nicht nur die Hauptfiguren, sondern auch die Lesenden. Man beginnt, nachzudenken und wichtige Komponenten des Weltenbaus werden auf einmal noch klarer. Denn die Mutation der Insekten wurde durch eine menschverursachte Strahlenkatastrophe hervorgerufen – und schon sind wir eigentlich mitten in der Dystopie. Oder?

Nun, wie auch in vielen anderen Bereichen scheut Kurz vor Paris davor zurück, sich einfach so in ein fantastisches Subgenre einordnen zu lassen. Denn ja, die Weltordnung ist eine andere und gerade interspeziezistischer Rassismus und Diskriminierung sind ein großes Thema, aber gleichzeitig gibt es weiterhin kulturelles und soziales Leben. Die Welt ist nicht ausgelöscht und kämpft um ein Wiederbeleben, sie ist schlichtweg eine andere. Auch der menschliche Ich-Erzähler Stinker kommt sich nicht vor wie in einer Dystopie, sondern ist gerade zu Beginn des Romans eigentlich sehr zufrieden mit seinem Leben. Und letztendlich ist die Botschaft des Romans ein lebensbejahender, solidarischer Aufruf zum Zusammenhalt besonders in schweren Zeiten. Oder, wie Fliege Flymo sagt: »Wer den Nächsten nicht ehrt, ist der Freundschaft nicht wert.«

Was für eine kluge, wichtige Botschaft in Zeiten des erstarkenden Faschismus überall auf der Welt! Und sie kommt von einem Protagonisten, der so ungewöhnlich ist wie der Rest des Romans, der mit einem Feuerwerk an Ideen begeistert und trotz der ernsten, wilden Momente nicht seinen Humor verliert. Ein perfekter Text ist es nicht. Doch auch hier ruft Kurz vor Paris zu etwas auf, das uns abhandengekommen zu sein scheint: nämlich, dass wir uns wohlwollend und mit Geduld gegenseitig Zeit und Platz zum Wachsen und Lernen geben, und dass wir jede unserer Taten – jedes unserer Werke – als einen Schritt von vielen betrachten, die uns besser werden lassen. In einem Zeitalter, in dem soziale Medien, Internet und Co. nie erreichbare Perfektion vorgaukeln und Fehler sofort mit Häme bestrafen, könnte dieser Ansatz wichtiger denn je sein. Unterstützen wir uns doch also lieber gegenseitig im (Um-)Denken, Wachsen und Dazulernen! Darin liegt die bessere Welt verborgen, die wir uns alle wünschen.

Nicht viele Verlage würden einem Roman wie Kurz vor Paris eine Chance geben. Wir brauchen aber Romane wie diesen. Wir brauchen die Erinnerung daran, was Fantastik alles bewirken und wie spannend, innovativ und anders sie sein kann. Umso froher bin ich, dass auch von anderen erkannt wurde, was ich schon damals beim Stipendium erkannt habe: dass Kurz vor Paris vielleichtkein perfekter Roman ist, aber ein kreativer, menschlicher und beherzter, und das ist so viel wichtiger als Perfektion es jemals sein könnte.

Eleanor Bardilac, August 2025

Vor fünfzehn Jahren

verschoben sich durch das Gewicht der immensen menschlichen Überpopulation die tektonischen Lithosphärenplatten und verursachten weltweit Erdbeben.

In Japan, dem mittleren Westen der USA und Russland explodierten Atomkraftwerke und löschten einen Großteil der Bevölkerung aus.

Durch die anhaltende Strahlung mutierten Insekten und andere Kleinlebewesen zu Menschengröße.

Die Gliederfüßer beanspruchten die Gleichstellung mit den Zweifüßern.

Heute

ist ihr Anblick beinahe normal geworden. 

1. Kapitel

Paris

Kurz vor Paris hatten wir eine Wespe im Auto. Flymo saß am Steuer und gab sich Mühe, auf der schnurgeraden, mit Bäumen gesäumten Landstraße nicht einzuschlafen. Eine für Frankreichs Alleen berühmte Bodenwelle riss ihn aus seinem Dämmerzustand. Er schreckte hoch und deutete durch die Windschutzscheibe auf eine gelb-schwarz gestreifte Gestalt, die in einiger Entfernung am Straßenrand auf den Hinterbeinen stand. Sie winkte mit vier Gliederfüßen.

»Ich halte an«, sagte Flymo.

Das entschlossene Summen in seiner Stimme kannte ich. Widerspruch war zwecklos. Trotzdem bekundete ich meinen Protest mit einem Stöhnen.

»Klappe, Stinker«, wies mich Flymo zurecht. »Wir haben Platz. Wir sind sozial. Wir bremsen für alle Lebewesen.«

So einfach war das. Ich bewunderte ihn dafür. Sein Denken und Handeln waren so schnurgerade wie eine dieser endlosen Straßen. Man wusste immer, woran man mit ihm war. Kompliziert wurde es erst, wenn man ihm nicht zustimmte. Sein Fliegenhirn vergaß nichts, hatte deshalb stets die besseren Argumente und war schwer zu widerlegen.

»Wohin soll‘s denn gehen?«, fragte Flymo die Wespe, als ich das Seitenfenster geöffnet hatte.

»Fahrt ihr zum Meer nach Toulon?«, antwortete sie. »Ich will mit der Fähre auf die Inseln.«

»Wir fahren nicht direkt dorthin«, erklärte Flymo. »Zuerst machen wir einen Zwischenstopp in Paris, dann besichtigen wir im Loiretal zwei oder drei Schlösser, danach gehts über Toulouse zum Badeurlaub nach Béziers. Von dort kommst du an der Küste entlang Richtung Marseille. Falls dir die Verzögerung nichts ausmacht, nehmen wir dich gerne mit.«

»Echt nett von euch, danke.«

»Steig ein«, sagte Flymo zu der runden Figur. »Ich bin Flymo, das ist Stinker und auf dem Rücksitz schläft Meiling.«

Er zeigte auf das bunte Bündel im Fond, das aussah wie eine Rolle umeinander gewickelter Stoffbahnen.

»Ich bin Wesp … Wespuccio«, stellte sich die Wespe artig vor und zwängte ihren Hinterleib durch die Seitentür. »Ihr könnt gerne Puck zu mir sagen.«

Das Zögern beim Nennen seines Namens führte ich auf einen Übersetzungsfehler des Translatorchips hinter meinem linken Ohr zurück.

»Ist jedenfalls besser als Stinker«, sagte ich.

Ein Junggeselle, der sich auf Ibiza amüsieren wollte. Warum nicht?

Vorsichtig, um Meiling nicht zu wecken, nahm Puck auf dem Rücksitz Platz.

Flymo und ich hatten uns vor zwei Jahren im Integrationszentrum in Frankfurt kennengelernt. Ein Besuch dort war Pflichtveranstaltung für alle neunten Schulklassen.

Flymo arbeitete als Museumsführer. Wir lernten von ihm, wie es dazu kam, dass die Insekten zu Menschengröße mutierten und wie wenig begeistert sie darüber waren. Er erklärte uns, welche Schwierigkeiten sich durch dieses menschengemachte Problem für jede Spezies und ihre Interaktionen ergaben. Zum Beispiel beeinträchtigte es Flymo als Fliege enorm, ein Meter sechzig groß zu sein und der Schwerkraft mit einem klobigen und starren Panzer trotzen zu müssen. Zum Ausgleich für diese Widrigkeit hatte die Natur seine Lebensspanne verlängert. Statt lediglich einem Monat wurden Stubenfliegen jetzt um die dreißig Jahre alt und waren mit einem bemerkenswerten Vorteil ausgestattet: Sie konnten mit ihren Facettenaugen nicht nur alles sehen, sondern parallel dazu auch alles denken – und zwar alles auf einmal.

Mein menschliches Gehirn hingegen brauchte Schubladen, um zu funktionieren, weshalb meine Konzentration im Vergleich zu der der Insekten arg zu wünschen übrig ließ. Genauso wenig förderlich für mein Selbstbewusstsein war, dass Menschen olfaktorisch am untersten Ende der Geruchskette rangierten. Im Klartext: Der Homo sapiens stinkt zum Erbarmen und zehn Meter gegen den Wind, da helfen auch Seife und Parfum nichts.

Mit hängenden Schultern und ziemlich kleinlaut verließ ich das Zentrum, als mich zwei jugendliche, angetrunkene Rüsselkäfer überfielen. Unvorsichtigerweise trug ich meine Habseligkeiten in einer Tasche, auf der ein schäumendes Bier aufgedruckt war. Junge Rüsselkäfer sind ganz wild auf Alkohol und werden durch Genuss desselben recht dumpf im Kopf. Meine Beteuerungen, das sei lediglich ein Bild, fruchteten daher nicht. Sie wurden wütend und schubsten mich herum. Dann tauchte Flymo auf. Käfer haben einen Heidenrespekt vor Fliegen und würden es niemals wagen, sie anzugreifen.

»Stinker, da bist du ja!«, rief Flymo erfreut und legte den Arm um mich, als würden wir uns ewig kennen.

Seit diesem Tag ist er mein bester Freund. Ich habe keine Ahnung, ob er tatsächlich männlich ist, wie ich sofort annahm. Inzwischen wäre es peinlich, sier danach zu fragen. Im Grunde ist mir seine Geschlechtszugehörigkeit egal. Bloß der Vollständigkeit halber und so.

Vom Rücksitz des Wagens ertönte ein leises Zirpen. Prompt steuerte Flymo die nächste Haltemöglichkeit an. Als das Auto stand, stiegen wir aus. Ich ging um den Wagen herum, öffnete die Tür hinter Flymos Fahrertür und hob Meiling heraus. Behutsam, als trüge ich eine alte Ming-Vase, die ich bloß von Bildern kannte, hob ich das bunte, zusammengerollte Bündel aus seinem Sitz ins Freie und hielt es senkrecht vor meinen Körper. Langsam lockerte ich den Druck meiner Arme. Zwei schmale Füße erschienen und tasteten den Boden ab. Als sie Halt gefunden hatten, ließ ich los und trat zurück.

Was folgte, jagte mir jedes Mal einen Schauer über den Rücken. Meiling drehte sich auf ihren zarten Beinen mit dem Wind und entfaltete vorsichtig ihre gesamte Flügelspannweite. Als die psychedelischen Muster auf ihren Schwingen in all ihrer jetzt unzerknitterten Farbenpracht schillerten, kreiste sie immer schneller, bis sie vom Boden abhob. Sie flatterte das vor uns liegende Feld entlang, flog und hüpfte, sprang und wirbelte und ihre Flügel tanzten um sie herum wie bei einem überirdischen Schleiertanz. Als der farbenfrohe Punkt hinter ein paar Bäumen verschwand, klappte ich den Mund wieder zu.

Flymo hatte mich beobachtet und setzte das insektische Äquivalent eines wölfischen Grinsens auf.

»Halt bloß die Klappe«, grummelte ich.

Er kicherte. Zufrieden summte er einen alten Kinderreim vor sich hin: »Ei, ei, ei, was seh‘ ich da, ein verliebtes Ehepaar.«

Ich ließ mich auf keine Diskussion ein. Wir hatten uns deswegen schon angeschrien.

»Puck will auf die Inseln«, lenkte ich ab.

Von den fünf spanischen Balearen waren die beiden kleineren, Formentera und Cabrera, während des Weltuntergangs von Tsunamis vor der Atlantikküste verschlungen worden. Die übrig gebliebenen Inseln Mallorca, Menorca und Ibiza annektierte der Weltrat für die Bedürfnisse der unter der Schwerkraft leidenden Insekten. Mit erheblichem finanziellem Aufwand, einer ausgeklügelten Technik und mir unerklärlicher Physik erschufen sie auf den Inseln mittels Druckluft Levitationsfelder. Dabei diente Ibiza, wie in den alten Zeiten vor der Katastrophe, einer eher jugendlichen, betuchten Klientel als Partyplateau. Mallorca war für Familien und die Ruhe suchenden Insektenurlauber vorgesehen. Menorca stand für medizinische Eingriffe und Rehabilitationen zur Verfügung, wobei der Schwerpunkt auf Geburtskomplikationen lag.

»Wir fahren nach Paris, über das Loiretal Richtung Béziers, um eine Prise Meer zu schnuppern«, stellte Flymo fest. »Bis zum Hafen von Toulon mit der Fähre zu den Inseln ist es dann noch ein Stück.«

»Ist es unhöflich, ihn zu fragen, was er dort will?«

»Sie«, korrigierte Flymo.

»Sie?«, wiederholte ich erstaunt.

»Sie hat sich bemüht, ihr Fell zu verwuscheln, aber ihre Streifen sind klar abgegrenzt. Also ja, körperlich ist es eine sie. Da wir Puck allerdings so ansprechen, wie er es möchte, ist es ein er.«

»Ich habe damit kein Problem«, sagte ich. »Obwohl ich jetzt, da ich es weiß, befürchte, dass ich bei der Umsetzung Fehler machen werde.«

»Menschen und ihre begrenzten Denkmuster!« Flymo seufzte. »Streng dich gefälligst ein bisschen an.«

Meiling kam von ihrem Hallo-Wach-Tanz zurückgeschwebt.

»Was ist los, Jungs?«

»Flymo hat einen Anhalter aufgegabelt.«

»Typisch Flymo.«

Wir gingen zurück zum Auto.

»Das ist Puck«, stellte ich ihr die Wespe vor.

Ich klappte Meilings Rückenlehne um und schuf Platz für ihre entfalteten Flügel. Zu Flymo sagte ich vor dem Einsteigen leise: »Wir sprechen später weiter.«

War Puck ein Fall von Genderfluidität? Oder hatte er etwas zu verbergen? Mir war an seiner Identität nichts aufgefallen, ich war mir nicht mal bei meinem besten Freund der Geschlechtszugehörigkeit sicher. Doch Fliegen sind hyperintelligent. Jeder weiß, dass sie einen Schwindel schnell durchschauen.

Es blieb keine Zeit, mir darüber das Gehirn zu zermartern. Das Verkehrsaufkommen auf der Straße Richtung Paris wurde dichter und erforderte unsere Aufmerksamkeit.

2. Kapitel

Schnellimbiss für alle

Es war Flymos Idee gewesen, eine Urlaubsreise zu unternehmen.

»Wir fahren ins Ausland und schauen, wie Lebewesen anderswo mit der Krise nach dem Weltuntergang umgegangen sind. Womöglich können wir was lernen.« Flymo zögerte, dann fuhr er fort: »Und ich möchte wirklich gerne einmal in meinem Leben zum lichten Turm.«

Viele Menschen kennen das Sprichwort: Rom sehen und sterben. Die Fliegen haben ein Ähnliches. Den Eiffelturm rüsseln und die Flügel verlieren besagt, dass die unvergleichliche metallische Substanz des Eisengestells jeglichen anderen Verlust wettmachte, sogar den der kostbaren Flugorgane.

Flymo hätte die Reise fliegend zurücklegen können, hätte dafür aber Wochen gebraucht. Bei seiner Größe der Schwerkraft zu trotzen erforderte enorme Energie. Zudem war er gerne in Gesellschaft. Für einen jungen Burschen wie mich wurde es höchste Zeit, ein bisschen was von der Welt zu sehen. Und als Meiling, meine Arbeitskollegin und Freundin, von den Urlaubsplänen für Frankreich hörte, war sie sofort begeistert. Sie liebte den Geruch und den Geschmack von Lavendel. Wir nahmen alle zwei Monate Urlaub, der uns von unseren Vorgesetzten widerstrebend, aber umgehend gestattet wurde.

Nach der Katastrophe machten die Beispiele sowohl der Ameisenhaufen als auch der Bienenstöcke Schule, dass man gemeinsam mehr erreichte. Die Menschen fingen an, in Kollektiven zu wohnen. Die Ursprungsidee der Familie blieb erhalten, doch die Angehörigen waren nicht notwendigerweise blutsverwandt. In Israel fügten sich dereinst Sippen zusammen, um im Kibbuz zu arbeiten und zu leben. In Deutschland gab es sogenannte Kommunen, die allerdings das Alter begrenzten. Trau keinem über dreißig, oder so.

In unseren heutigen Gemeinschaften lebten Lebewesen jeder Altersstufe mit und ohne Verwandtschaftsgrad. Viele Kinder hatten ihre Eltern an die Strahlenkrankheit verloren und waren froh, dass sich Erwachsene, die keine Nachkommen zeugen konnten, um sie kümmerten. Bejahrte Menschen teilten mit Jüngeren ihr Wissen, ihr Können und ihre Erfahrungen und bewiesen größere Geduld im Umgang mit den Mutanten. Kollektive tauschten untereinander ihre Mitglieder aus. Das Denken wurde globaler und dank der Translatorchips gab es keine Sprachbarrieren.

Durch die drastische Weltentvölkerung nach dem Zusammenbruch waren nützliche Arbeiter Mangelware. Wenige Lebewesen konnten sich eine teure und lange Ausbildung leisten. Tüchtige, lernwillige Werktätige wurden überall gesucht, gut bezahlt und respektvoll behandelt, damit sie den Unternehmen auf jeden Fall erhalten blieben. Deshalb hielt sich die Begeisterung unserer Chefs über den eingereichten Urlaub in Grenzen, wurde jedoch trotzdem prompt genehmigt. Wir drei legten zusammen, kauften von unserem Ersparten ein Auto und fuhren los.

Im Wagen waren alle wach. Meiling unterhielt sich leise mit Puck.

»Noch zwanzig Kilometer bis zur Grenze von Paris«, verkündete Flymo.

»Wollen wir vorher anhalten und was essen?«, fragte Meiling. »Ich schätze, das ist günstiger als in der Stadt und wahrscheinlich nahrhafter obendrein.«

»Ich unterwerfe mich der Mehrheit«, sagte Flymo. »Puck, betrachte dich als eingeladen.«

»Das ist sehr freundlich von euch. Eigentlich müsste ich euch freihalten, als Dank dafür, dass ihr mich mitnehmt.«

Flymo winkte ab.

»Das Geld, das wir auf dem Land einsparen, können wir in der Stadt für sinnfreie Andenken verprassen«, schlug ich vor. »Eiffeltürme aus Plastik und Franzosenkäppis aus kratzigem Polyester.«

»Solange sie farblich zu meinen Streifen passen«, kicherte Puck.

Dann fiel ihm ein, dass er als männlich unterwegs war, und er fügte ein exaltiertes »Hui« mit affektiertem Gliederschlenkern an.

»Da vorne ist ein Schnellimbiss für alle.«

Flymo zeigte auf ein gelbes Gebäude, das hinter einer Kurve auftauchte. Wie zur Bestätigung fing Meiling an zu summen, zeitgleich knurrte laut und vernehmlich mein Magen.

»Eure Verdauungstrakte sind sich einig.« Flymo lachte.

Ein Fast-Food-Restaurant für alle bot sämtlichen Spezies die Möglichkeit, ihren Hunger nach ihren Bedürfnissen zu stillen. Im Außenbereich gab es eine Gartenanlage, die den Nektartrinkern, entsprechend der Klasse des Lokals, mehr oder weniger üppige Rabatten sowie seltene Blumen und Pflanzen anboten. Wer es superschnell und superbillig wollte, konnte auf Nektar to go in Plastikflaschen zurückgreifen. Den zähflüssigen Saft gab es in verschiedenen Geschmacksrichtungen mit exotischen Namen wie Sommerwind und Winterchrysantheme. Meiling fand ihn weder nahrhaft noch besonders lecker.

»Von dem Zeug wird man glatt süchtig, weil zu viel Zucker drin ist«, behauptete sie. »Dabei verhungert man beim Essen, denn es enthält kaum Nährstoffe.«

Die Kategorie der Gaststätte bestimmte ebenso die Qualität der Abfallverwertungssektion, an der sich Resteesser wie Fliegen und Schaben gütlich taten.

Puck stieg als Erster aus und sah sich um.

»Super! Keiner da«, sagte er erleichtert und auf meinen fragenden Blick: »Dann kommen wir schneller dran.«

Er ging mit Meiling nach rechts. Flymo drehte nach links ab und ich marschierte mitten in das Gebäude hinein. Ich bestellte einen Burger mit Fritten und eine Limo. Ich bedauerte, dass wir nicht genug Geld hatten, um uns eine echt französische Mahlzeit mit sieben Gängen zu leisten, Savoir-vivre inklusive. Ich nahm mein Tablett und schlenderte ins Freie. Die Sonne schien, es war warm und ein angenehmes Urlaubsgefühl machte sich in mir breit.

Meiling setzte sich als Erste zu mir, angelte meine Serviette vom Brett und wischte sich die feuchtglänzenden Mundwinkel ab.

»Hier ist es so mild, dass sie bereits Flieder haben. Ich liebe Flieder!« Sie zuckte genießerisch mit dem Rüssel, beugte sich zu mir und flüsterte verschwörerisch: »Irgendwas stimmt nicht mit Puck!«

»Flymo sagt, Puck ist kein er. Er ist eine sie.«

»Ich weiß, das meine ich nicht. Entweder ist er krank oder auf der Flucht oder beides. Er isst zu schnell und zu viel.«

Puck kam zeitgleich mit Flymo bei unserem Tisch an. Aus Rücksicht setzte sich Flymo abseits ans Kopfende, da er nach seinen Mahlzeiten für gewöhnlich nach Müll müffelte. Ich mampfte meine letzten Pommes, musterte die Wespe aus dem Augenwinkel und hoffte, dass sie uns nicht den Urlaub verdarb.

Gemischtrassige Freundschaften waren unter jungen Leuten nichts Seltenes. Wir waren mit dem Anblick von menschengroßen Insekten aufgewachsen und erschraken höchstens, wenn wir im Dunkeln einem Hirschkäfer begegneten. Ihr Aussehen sagte nichts über ihr Wesen und ihren Charakter aus. Der Muskelprotz, der sämtliche Sportwettkämpfe gewann, konnte trotzdem ein Weichei sein und bei sentimentalen Filmen rührselig schluchzen.

Leider gab es bei Menschen und Gliederfüßern rassistische Strömungen, die die strikte Trennung der unterschiedlichen Lebensformen forderten. Es existierten Landstriche, die nur von einer Population bewohnt wurden. Fremde sah man dort nicht gerne, Reisenden wurde von längeren Aufenthalten abgeraten.

Bei extrem radikalen Gruppierungen ließen sich die Mitglieder den Translatorchip entfernen und verlangten, dass sämtliche ansässigen Ressourcen allein der jeweiligen Ethnie zugutekamen. Das beste Argument der Krabbeltiere gegen die Vorherrschaft des Homo sapiens war ihre eigene, transformierte Existenz. Darüber wurde nicht immer mit friedlichen Mitteln diskutiert. Ich hatte rassistische Sätze gehört wie: Dich hätte ich früher mit Vergnügen zertreten.

Wo ist die Fliegenklatsche, damit ich die Diskussion beenden kann?

Von euch Menschen gab’s schon immer viel zu viele.

Und Geh erst mal heim und wasch dich richtig.

Ich fand die ausgelutschte Rechtfertigung meiner Spezies fadenscheinig, Zweibeiner seien die von Gott erwählten Herrscher über die Erde. Wir konnten nur zu deutlich sehen, dass uns weder Religion noch Wissenschaft vor uns selbst bewahrt hatten.

Doch wir hatten nach wie vor einen großen Vorteil: opponierbare Daumen. Diese machten uns schneller und geschickter und eigneten sich hervorragend für den Einsatz von Werkzeugen und Waffen. Die Gliederfüßer begegneten zu Recht Werkzeugen, Waffen und opponierbaren Daumen mit angebrachtem Misstrauen, da die Welt von Maschinen zerstört worden war, die wir damit erschaffen hatten. Doch um die zerstörten Städte wiederaufzubauen, wurden alle drei dringend benötigt.

Die Insekten leisteten bei der Rekonstruktion einen innovativen und umweltschonenden Beitrag. Dank ihrer stärkeren Naturverbundenheit kamen vermehrt Materialien wie Holz, Lehm und Stroh zum Einsatz. Sie vermieden synthetische Werkstoffe wie Plastik, Kunststoff und Aluminium und reduzierten Müll auf ein Minimum.

Die Arbeit an den gemeinsamen Projekten brachte Insekten und Menschen zusammen. Glücklicherweise strebten die meisten Lebewesen eine friedliche Koexistenz an. Ich selbst war, wie viele andere junge Leute, neugierig auf originelle Erfahrungen. Die Erkenntnisse und Ansichten eines Gliederfüßers aus erster Hand vermittelt zu bekommen, erweiterte den begrenzten menschlichen Horizont.

Flymo hatte mich vor den Rüsselkäfern gerettet, was mir imponiert hatte. Aber mein bester Freund war er, weil ich mich auf ihn verlassen konnte. Er sagte mir die Wahrheit, auch wenn es für uns beide unangenehm war, wie beim Thema Meiling oder Körperpflege. Er besaß altruistische Eigenschaften, die ich mit den Rittern aus alten Sagen in Verbindung brachte. Gerade versuchte ich, mir vorzustellen, wie Flymo in einer Rüstung aussähe, angetan mit Helm, Lanze und Schild. Ich kicherte vor mich hin. Puck musterte mich.

»Stinker träumt mal wieder.« Flymo rutschte zu mir herüber und zerzauste freundschaftlich mit einem Gliederfuß mein Haar. »Konzentration ist, wie wir alle wissen, kein ausgeprägtes menschliches Attribut.«

Das stimmte. Obwohl Fliegen durch ihre Facettenaugen mit erheblich mehr Sinneseindrücken bombardiert wurden als Zweibeiner, war ihre geistige Fähigkeit, Unwichtiges auszublenden und sich auf Wesentliches zu konzentrieren, weitaus größer. Zweifüßer konnten mit entsprechendem Willensaufwand ebenfalls zielorientiert denken und handeln, verbrauchten dabei aber viel Energie und machten schneller schlapp. Und sie waren schrecklich leicht ablenkbar. Hunger, Pipi, kalt, so sind Menschen halt.

»Und du, Puck? Wo kommst du her?«, versuchte ich von mir abzulenken.

»Geboren wurde ich in Schweden, in einer Nordos-Gruppe.«

Wir drei stöhnten unisono auf.

»Das sind diese ultraorthodoxen, radikalen Gegner der Gemeinschaftstheorie«, stellte ich fest. »Stimmt es, dass es die bei allen Rassen überall auf der Welt gibt?«

»Ich denke schon«, sagte Puck. »Aber genau weiß ich es nicht. Wir vermeiden den Kontakt, sofern wir nicht derselben Spezies angehören. Die Gattungen bleiben unter sich. Nur Nordos-Gruppen der gleichen Art haben Umgang miteinander. Wir nutzen diese Möglichkeit bei der Geschlechtsreife unserer Jugendlichen, um den Genpool in Schwung zu halten.«

»Wenn ihr lieber unter euch bleibt, wie verständigt ihr euch?«, fragte Meiling.

»Unsere gewählten Anführer stellen die Verbindung zu den anderen Einheiten her, auch bei Problemen oder politischen Diskussionen mit den liberaleren Gemeinschaften.«

»Heißt das, du hast bisher niemanden außerhalb deiner Sippe kennengelernt?«

Puck nickte.

»Dann ist es ja unglaublich mutig von dir, alleine quer durch Europa zu trampen«, sagte Meiling anerkennend.

»Und was denkst du über diese bizarren Filmchen, die die Nordos im Fernsehen zeigen?« Die Frage war mir entschlüpft, bevor ich es verhindern konnte.

Die radikalen Nordos hatten mit der Veröffentlichung von pseudowissenschaftlichen Dokumentationen weltweit für Empörung gesorgt. Untersuchungen sollten beweisen, dass durch die Vermischung der Spezies jeder Einzelne zur Degeneration verdammt war. Den selbst ernannten Wissenschaftlern ohne nachweisbaren akademischen Hintergrund konnte stets bewiesen werden, dass ihre Sensationsfotos und reißerischen Filmchen von lebensuntauglichen Schabenrüsselkäfern und Nachtfalterwürmern gefälscht waren. Zum Beispiel fiel in einem Livebericht einem Schmetterling-Mensch-Hybriden vor laufender Kamera ein schlecht angeklebter Flügel herunter. Die Aufdeckung ihrer schändlichen Fake News hielt sie nicht davon ab, unentwegt ihre Hetzpropaganda zu verbreiten.

Pucks Wangen färbten sich tieforange.

»Von absonderlichen Aufnahmen weiß ich nichts, wir schauen uns bloß ausgewählte und von unserem Anführer genehmigte Filme an.«

Wieso errötete er, wenn er die Reportagen gar nicht kannte? Seltsam.

»Dann kommen wir dir ja bestimmt merkwürdig vor«, sagte Meiling.

»Eigentlich nicht. Ganz ähnlich habe ich mir das Leben draußen vorgestellt. Normal eben.« Puck hob in einer hilflosen Geste die Hände. »Klar ist mein Hirn vollgestopft mit Propaganda. Deshalb bin ich dort weg. Ich wollte wissen, ob es ist, wie sie sagen.«

»Und?«, fragte Flymo. »Ist es so?«

»Ja und nein. Wo unterschiedliche Lebewesen zusammenleben, existieren Probleme, die geregelt werden müssen. Und es gibt Komplikationen, wie die Vermischung der Rassen, die größere Schwierigkeiten nach sich ziehen. Manche Auswirkungen sind nicht einmal vorhersehbar. Aber diese Aufgaben löst man nicht durch Dogmatismus.«

»Auch nicht, indem man sich freiwillig eingrenzt.« Meiling schüttelte sich. Der bunte Staub ihrer Flügel schwebte durch die Luft.

»Oder andere ausgrenzt«, ergänzte ich. »Ich habe gelesen, dass es im letzten Jahrhundert unter den Menschen eine Epidemie gab. Um die Seuche einzudämmen, wollte man die Infizierten in ein Internierungslager schicken, damit sie niemanden mehr anstecken. Dieses Projekt wurde als unethisch verworfen.«

»Also hat sogar die Unmenschlichkeit der Zweifüßer, die sich im Zwischenmenschlichen Schreckliches geleistet haben, ihre Grenzen.« Flymo wiegte den Kopf hin und her.

»Dass du die Nordos verlassen hast, bedeutet, du hast deine Familie und alle Freunde verloren«, stellte Meiling fest.

»Stimmt«, Pucks Augen glänzten wässrig. »Ich konnte nicht anders. Ich hielt den Hass und die Feindseligkeiten gegen Lebewesen, die ich nie gesehen und die mir nichts getan haben, nicht mehr aus.«

Meiling rutschte dicht zu Puck und wickelte einen Flügel um seinen pummeligen Leib.

»Du kannst bei uns bleiben«, sagte sie.

Puck brummte zustimmend. Meiling ließ Puck los, kletterte auf den Tisch und flatterte wild mit den Schwingen. Der Flügelstaub rieselte auf uns herab wie farbiger Schnee, bis wir aussahen wie lebendige Jackson-Pollock-Gemälde.

»Schmetterlingsstaub macht glücklich«, rief sie und tanzte auf der Tischplatte hin und her.

Meiling hatte Recht. Das Leben war spaßiger, wenn man in bunten Staub gehüllt war. Fröhlich liefen wir zum Wagen und stiegen ein, ohne die farbige Pracht abzuklopfen.

3. Kapitel

Krofam

In Paris wurde der Verkehr mörderisch. Die Franzosen konnten alles Mögliche, vom Baguettebacken übers Guillotinieren bis zum Mode kreieren, doch Autofahren zählte nicht dazu.

Die Fahrbahnen waren riesig breit, ohne Fahrbahnrandmarkierungen und Mittelstreifen. Uns kam es vor, als fahre jeder dort, wo er es für richtig empfand. Die Hupe wurde vom Warnsignal zum Kommunikationsmittel befördert, und auf den Straßen herrschte nicht nur das reinste Chaos, sondern auch ein Höllenlärm.

Zum Glück für uns saß Flymo am Steuer und hielt mit den zwei oberen Gliederfüßen das Lenkrad umklammert, mit den mittleren bediente er Blinker, Gangschaltung und Horn und die beiden unteren traten die Pedale. Ein Paar Arme mehr waren ein toller Vorteil, man konnte direkt neidisch werden. Mit seinen Facettenaugen war er bestens ausgerüstet und deshalb schwer aus der Ruhe zu bringen. Geschickt wich er den Autos aus, die von rechts und links auf uns eindrängten, und behielt seine Spur bei – seinem Rundumwahrnehmungssystem sei Dank.

Nachdem wir von Weitem einen ersten Blick auf den Arc de Triomphe erhascht hatten, lenkte Flymo das Auto in eine ruhigere Seitenstraße. Nach drei Querstraßen fuhren wir an unserem Hôtel pour tous vorbei. Flymo quetschte den Wagen in eine winzige Parklücke auf dem kleinen Hotelparkplatz. Wir stiegen aus. Puck blieb sitzen und guckte uns betreten an.

»Werdet ihr hier übernachten?«, fragte er unglücklich.

»Ja«, sagte Flymo, »wir haben extra reserviert.«

»Das kann ich nicht bezahlen«, offenbarte Puck.

Wie bitte? Er trampte zweitausend Kilometer über den Kontinent und hatte kein Geld für Kost und Logis?

»Ich weiß.« Flymo war entgegenkommender als ich. »Betrachte dich als eingeladen.«

»Aber äh mhh«, machte Puck.

»Glaubst du, wir können mit ruhigem Gewissen schlafen, wenn wir wissen, dass du im Auto vor dich hingammelst?« Flymo war geschickt.

»Danke.«

Puck folgte uns, die sonst gelben Bäckchen tieforange.

Wir betraten die Hotellobby. Augenblicklich versteckte sich Meiling hinter mir. Als ich sah, warum, hätte ich mich selbst gerne verkrümelt: Der Rezeptionist war ein Regenwurm. Würmer sind unheimlich, weil sie statt lokalisierbaren Augen unsichtbare Sinneszellen haben. Die Sehbereiche sind in einer Segmentfalte verborgen und von der gleichen weißlichen bis hellbraunen Farbe wie der Rest des ganzen Prachtstückes. Um ihr Gegenüber zu verunsichern, schieben sie diese Falte mit Vorliebe plötzlich und unerwartet extrem auseinander, sodass man sich unverhofft mit diesen bleichen Scheinwerfern konfrontiert sieht. Es ist schwer, dabei die Nerven zu behalten und nicht unhöflich zusammenzuzucken. Manchen Würmern scheint es richtig Spaß zu machen, ihre Umgebung in Angst und Schrecken zu versetzen, was nicht zur Deeskalation der Situation beiträgt. Glücklicherweise trifft man sie selten, da sie das Tageslicht scheuen.

Meilings Rasse hatte ganz besondere Probleme mit den Würmchen, denn deren bevorzugte Delikatesse waren die Flügel toter Schmetterlinge. Gerüchte besagten, dass Regenwürmer, um in den Genuss ihrer Leibspeise zu gelangen, dem gewünschten Zustand ihrer Nahrungsquelle gerne mal nachhalfen.

»Wen haben wir denn da?«, fragte der Wurm mit rauer Stimme.

Merkwürdigerweise interessierte er sich überhaupt nicht für Meiling, sondern starrte um Flymo herum auf Puck. Rasch stellte sich Flymo vor die Wespe und hob die Flügel, um den Wespenkörper abzuschirmen. Wir mussten ein seltsames Bild bieten. Meiling, die sich hinter mir versteckte, und Puck, der fast in Flymos Rückseite kroch.

Flymo ließ sich nicht irritieren.

»Wir haben reserviert.«

»Dreibettzimmer«, sagte der Wurm und schob seine Segmente rechts zusammen und links auseinander, um einen Blick auf den verborgenen Puck zu erhaschen.

»Jetzt Vierbett.« Flymo entfaltete die Fittiche etwas weiter und brummte.

»Dann ist es leider rückwärtig gelegen«, murmelte der Regenwurm, ohne seine Bücher zu konsultieren.

»Macht nichts.«

Flymo reichte dem Wurm ein Bündel Geldscheine. Der legte einen schweren, altmodischen Zimmerschlüssel mit Bart auf den Tresen.

»Die Treppe rauf, erster Stock, links«, erklärte er.

Als Flymo vortrat, um den Schlüssel zu ergreifen, schraubte sich der Regenwurm rasant in die Höhe, schnellte nach vorne und glotzte über Flymos Rücken hinweg auf Puck.

»Schönen Aufenthalt noch«, sagte er schleimig mitten in Pucks erschrockenes Gesicht und zog sich wieder zusammen. Eng aneinandergedrängt eilten wir die Stufen hinauf in unser Zimmer und schlugen die Tür zu.

»War das abgedreht?«, fragte ich.

»Und wie«, antwortete Meiling.

»Abgedreht ist gar kein Ausdruck«, fügte Flymo hinzu.

Puck schwieg.

»Wir zwei dürfen auf keinen Fall tot umfallen«, sagte Meiling zu Puck. »Sonst verschwinden wir spurlos in irgendwelchen Speisekammern.«

»Ich habe nicht vor, umzufallen«, Puck seufzte. »Weder tot noch lebendig.«

»Wir machen uns frisch, dann sehen wir uns die Stadt an«, kommandierte ich. »Falls der gruselige Wurm heute Abend genauso schräg drauf ist, überlegen wir uns, ob wir gleich weiterfahren oder uns morgen ein anderes Hotel suchen. Sein Verhalten grenzt an Insektenbelästigung.«

Auf dem Weg in die Innenstadt von Paris flog Flymo immer wieder vor uns her und summte lautstark. Unser Freund war sonst die Vernunft in Person und handelte nach logischen Grundsätzen. Ihn dermaßen unbeherrscht zu sehen, war ein außergewöhnliches Spektakel. Meiling kicherte und ich grinste breit. Giggelnd rannten wir hinter ihm her und zogen Puck mit. Wohin wir zuerst gehen würden, war keine Frage. Er war nicht das einzige Insekt seiner Gattung, das aufgeregt zum lichten Turm strebte. Die Straßen zum Wahrzeichen schimmerten schwarz vor enthusiastisch summenden Fliegen. Wie von einem Magnet angezogen, eilten sie in dieselbe Richtung.

Auf dem Champs de Mars vor dem Eiffelturm markierten hüfthohe Metallgitter die Wege. Vier Gänge führten wie die Speichen eines Rades zum Mittelpunkt des stählernen Bauwerks. Flymo löste an einer Verkaufsbude ein Ticket. Er reihte sich in eine Schlange ein, die der Nabe zustrebte, dem Silberturm, dem Objekt seiner Begierde. Es herrschte ein ohrenbetäubendes Summen. Aus einem mir unbekannten Grund schien der von der Seine aus gesehen rechte vordere Eisenpfosten der begehrteste zu sein. Dort war die Reihe der Wartenden am längsten.

Erreichten die Fliegen einen der vier eisernen Pylonen, auf denen sich der silberne Turm erhob, richteten sie sich zu voller Größe auf. Sie umklammerten das Metall, als wünschten sie, es zu begatten. Auf diese Weise brachten sie so viel von ihrer Körperoberfläche wie möglich mit dem Bauelement in Kontakt, damit dessen Krofam in sie eindringen konnte.

Krofam, hatte mir Flymo erklärt, waren Geruch, Geschmack, Partikel, Aura, eben das ganze Sein des Stahlträgers. Dabei kam mir der schwarze Stein der Kabbala in Mekka in Erinnerung. Oder die Quellen von Lourdes. Ich war nicht religiös, Flymo auch nicht, aber gegen die mystische Kraft des Krofam schien er sich nicht wehren zu können.

Meiling, Puck und ich drängten uns durch die wartenden Zuschauer. Direkt unter dem Eiffelturm ließ die Fliegendichte nach. Leider schwebten die Metallstreben der alten Eisendame ein ganzes Stück über mir, ich konnte sie nicht erreichen. Ich hätte zu gerne einmal das Metall berührt. Womöglich wurde ich dermaßen gekrofamt, dass sich mir völlig neue Realitäten erschlossen. Wir entschieden, unser mageres Budget nicht für eine Aufzugfahrt zur Spitze auszugeben. Der übrigens für Fliegen verboten war. Man war wohl der Meinung, dass vom Krofam heimgesuchte Stubenfliegen keine weiteren Vergnügungen wie die einer Rundumsicht auf Paris benötigten.

Wir suchten uns ein Plätzchen am Seine-Ufer und ließen uns nieder, um auf Flymo zu warten. Als er endlich kam, sah er aus wie immer.

»Willkommen zurück, Eure Heiligkeit«, neckte ich ihn.

»Unterlass gefälligst deine geschmacklosen Bemerkungen«, brummte er und setzte sich genervt in Bewegung.

Die nächste Station unserer Besichtigungstour war für mich bestimmt. Ich wollte die Seerosenbilder von Monet im Musée d’Orsay im Original sehen. Die anderen hatten kein Interesse an musealer Kunst und wir verabredeten uns für eine Stunde später in einem Café gegenüber.

Meine Mutter hatte die gemalten Seerosen während einer Ausstellung in Deutschland besichtigt und sich sofort verliebt.

»Es gibt keinen einzigen Druck, der der Vorlage gerecht wird«, behauptete sie.

In jeder Buchhandlung mit Kunstabteilung hatte sie sich auf die Bücher mit Monets Exponaten gestürzt, um bekümmert festzustellen, dass die Fotografien wieder nicht an den farblichen Duktus der Wasserrosen heranreichten.

»Richard«, hatte sie oft gesagt, die Einzige, die noch meinen Vornamen benutzte. »Eines Tages fahren wir zusammen nach Paris und gucken uns die Bilder an.«

Auch dann noch, als sie wusste, dass sie die Strahlenkrankheit nicht überleben würde.

Die Seerosenbilder waren mein Krofam. Ich stand vor diesen riesigen, wunderbaren Gemälden und konnte die darin eingefangene Sonne spüren. Die übereinandergelegten Farbschichten ließen die Oberfläche von innen heraus leuchten, als gäbe es unter der sichtbaren Fassade ein geheimes Leben, von dessen Existenz mir ein unwirklicher Schimmer kündete.

Meine Mutter hatte die Wahrheit gesagt. Keine einzige Abbildung, und ich hatte etliche davon gesehen, wurde dem originären Bild gerecht. Ich lächelte. Dann rollten mir zwei dicke Tränen die Wangen hinab.

In der Kommune, in der ich aufgewachsen war, hatte es mir an nichts gefehlt. Meine körperlichen Bedürfnisse wurden vor denen der Erwachsenen bedient, da Nachwuchs Mangelware war und es selten gelang, gesunde Exemplare zu gebären. Ich wurde oft genug in den Arm genommen und von mit Kinderlosigkeit geplagten Frauen und Männern mit Zuneigung überhäuft. Manchmal fragte ich mich, wie es gewesen wäre, in einer traditionellen Familieneinheit aufzuwachsen. Ich bereute es, dass ich den kleinen, luftdichten Plastikbeutel, in dem ich Mutters zuletzt getragenen Pullover aufbewahrte, in der Kommune gelassen hatte. Wenn mich als Kind der Kummer überwältigte, hatte ich den Beutel einen winzigen Spalt geöffnet und daran gerochen.

Als ich zum Ausgang kam, fühlte ich mich benommen und traurig. Jetzt bedauerte ich, dass ich Flymo mit meiner blöden Bemerkung Eure Heiligkeit gekränkt hatte. Am Museumskiosk wurden Postkarten feilgeboten. Ich kaufte von der Küchenschabe im Souvenirshop welche mit Seerosen, wohl wissend, dass sie nicht an die Originale heranreichten. Ich wollte einen sichtbaren Beweis, dass ich diese Reise gemacht und meiner Mutter gedacht hatte.

Ich beeilte mich, zu meinen Freunden zu kommen. In einem Hauseingang stand eine Wespe. Sie bemühte sich so angestrengt, nicht aufzufallen, dass sie mir direkt ins Auge stach. Ich blieb stehen und gab vor, die Karten in meiner Hand zu betrachten.

Die Wespe starrte die Straße hinauf und summte leise, wie immer, wenn sich Insekten stark konzentrierten. Ich folgte ihrem Blick. Am Ende des Gehwegs lag das Café, in dem wir uns verabredet hatten. Das Lokal war rappelvoll – in Frankreich gehörte es zum guten Ton, wenigstens einmal am Tag in seinem Stammlokal einzulaufen. Auf dem Bürgersteig waren Tische und Stühle platziert, drei Sonnenschirme schmückten den Asphalt mit farbigen Streifen. Unter einem davon saßen meine Gefährten. Gerade warf Meiling den Kopf zurück und lachte über etwas, das Puck gesagt hatte. Ich musterte die Wespe im Hauseingang. Es sah aus, als starrte sie direkt zu unserem Platz.

So unauffällig wie möglich schlich ich mich zum Torbogen, unter dem das Insekt hervorglotzte, zitternd vor Anspannung. Es war so konzentriert, dass es meine Anwesenheit nicht mal roch, als ich bereits eine ganze Weile neben ihm stand. Ich beugte mich vor. Die Wespe gaffte weiter und schlotterte wie Espenlaub.

»Spanner!!!«, schrie ich so laut ich konnte in ihr Fell, dort, wo die Gehörmuscheln saßen.

Der Gliederfüßer bekam keine Gelegenheit, sich zu mir umzudrehen. Augenblicklich fiel er mit dem Gesicht voran auf den Bürgersteig. Mein Arm schnellte vor, meine Hand krallte sich in sein Nackenfell und milderte den Sturz ab. Tja, gegen Schallwellen ist eben kein Insekt immun.

Die Wespe kam sofort wieder zu sich. Sie summte bedrohlich, drehte sich auf dem Bürgersteig liegend einmal um sich selbst, sprang auf die Füße und flüchtete halb laufend, halb fliegend.

Ich lachte. Es war zu komisch gewesen, wie sie beinahe den Gehweg geküsst hatte. Mist, ich hatte fragen wollen, wen sie da so intensiv beäugt hatte, aber dafür war es zu spät. Wenigstens hatte sie mich von meinem Kummer abgelenkt.

Gut gelaunt kam ich bei meinen Freunden an. Ich bestellte einen Café au Lait und zeigte ihnen meine frisch erworbenen Postkarten.

»Hätte nicht gedacht, dass du so vergnügt hier einläufst«, sagte Flymo.

Ich grinste breit, da ich selten die Gelegenheit hatte, ihn mit meinem Verhalten zu verblüffen. Ich hatte ihm bereits Fähigkeiten wie Hellsehen und Gedankenlesen angedichtet, was er unerklärlicherweise beleidigend fand. Er belehrte mich, seine Begabungen seien absolut rational und naturwissenschaftlich zu erklären. Da eine Fliege mit ihren Augen alles sehen kann, und zwar gleichzeitig, besäße sie auch das entsprechende geistige Äquivalent, das darin besteht, jede Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Während mein lahmes Gehirn noch überlegte, wie ich auf etwas reagieren sollte, hatte Flymo in der gleichen Zeitspanne sämtliche Optionen durchgespielt, wie ich mich benehmen könnte. Deshalb war er kaum zu überraschen. Ich befürchtete, einem menschlichen Geist würden dabei sofort jegliche Sicherungen durchbrennen.

Ich verglich unsere unterschiedlichen Denkfähigkeiten gerne mit den Objektiven einer Kamera, denn schließlich musste ich alles hübsch in Schubladen einsortieren. Ich konnte weiter in die Zukunft denken, was auf Kosten der Brennweite, sprich der Rundumsicht, ging. Flymo hatte eine größere Brennweite und weniger Tiefenschärfe. Das hieß, er bekam unglaublich viel vom Hier und Jetzt mit, doch seine Kapazitäten reichten selten bis übernächste Woche.

Oder so ähnlich.

Flymo fand meine Vergleiche stets amüsant.