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Ein Junge entdeckt die Kraft der Musik. Ein anderer fragt sich, warum er eingesperrt ist. Eine Mutter möchte ihren Sohn vor sich selbst beschützen, eine Tochter rechnet mit ihrem Vater ab. Und ein schwarzer Schwan schwimmt zwischen all den weißen.
Matthias Rische erzählt von Menschen, die mit ihren inneren Dämonen ringen, familiäre Konflikte ertragen oder die ihren Platz in einer Welt suchen, die sie oft nicht versteht.
Dieses Buch erzählt in 26 kurzen Geschichten von Liebe und Verlust, von Dramen und Trauma und von den unbeugsamen kleinen Momenten des Glücks.
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Seitenzahl: 229
Veröffentlichungsjahr: 2025
periplaneta
MATTHIAS RISCHE: „Hunde ohne Federn – Erzählungen“ 1. Auflage, November 2025, Periplaneta Berlin, Edition Periplaneta
© 2025 Periplaneta - Verlag und Medien Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlinperiplaneta.com - [email protected]
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.
PPM & Lektorat: Marion A. MüllerOriginal Coverbild: Luis Villasmil (unsplash.com), modifiziert mit Adobe Firefly (AI)Autorenbild: Bernd Rietdorff Grafik-Design, Satz & Layout: Thomas Manegold
print ISBN: 978-3-95996-319-0epub ISBN: 978-3-95996-320-6
Matthias Rische
Hunde ohne Federn
Erzählungen
periplaneta
Es sind deine Füße. Oben auf dem Spann, sind sie glatt und gebräunt. Die Nägel der großen Zehen sind lackiert. Oft schwarz, aber auch mal orange oder hellblau. Nur die großen Zehennägel.
Ich salbe deine Füße. Zweimal in der Woche. Erst ein Fußbad, dann das Salben. Und trotzdem hat sich Hornhaut gebildet – die auch mit noch so viel Salben nicht weniger wird. An den Hacken und am Ballen. Hart und rissig ist sie bei jedem Mal, wenn ich beginne. Manchmal auch scharfkantig.
Ich blicke nur auf die Füße, wenn ich bei der Arbeit bin. Meine Linke hält den Fuß am Knöchel. Die rechte Hand salbt. Mit ein wenig Druck und sehr gleichmäßig.
Ich öffne die Tür und werfe einen schnellen Blick in das Zimmer hinein. Rohe unverputzte und hohe Wände. Keine Fenster. Es wirkt eher wie eine Zelle als ein Zimmer.
Schnell schließe ich die Tür hinter mir. Das ist das dunkle Zimmer. Wenn ich zu viel Licht beim Offenhalten der Tür hineinströmen lasse, verliert der Raum seinen Zweck. Dunkel zu sein.
Fünf Schritte vorwärts, dann steh ich exakt in der Mitte.
Um diesen Punkt festlegen zu können, musste ich den Raum oft abschreiten. Mal in Tip-Top-Schritten – mal im ausladenden Gang.
Die Mitte des Raumes. Hierüber werden alle hallenden Geräusche geschickt. Sie landen nicht überall gleich intensiv im Raum, aber immer durchhallen sie den Mittelpunkt.
Ich schließe die Augen. Das bricht die Dunkelheit auf – in mir. Kleine Lichtpunkte tanzen hinter meinen Lidern. Hüpfen durch mein geschlossenes Blickfeld, wie kleine Gämsen oder Ziegen. Nicht, dass ich jemals diesen Anblick genießen durfte. Aber er ist für mich ein Sinnbild von Unschuld. Unberührte Wiesen ganz oben auf einem Berg. Darauf die Tiere, noch auf wackligen, staksigen Beinen.
Ich brauche dieses Bild von Unschuld – und sei es auch nur eingebildet – um mich vollends verausgaben zu können. In diesem Raum. Hinein die Dunkelheit, die dann alle Düsternis verloren haben wird, wenn ich fertig bin.
Deine Haare sind störrisch, lassen sich kaum bändigen. Das war als Kind schon so. Damals standen sie in alle Richtungen ab, es sei denn, ich behandelte sie mit Pomade. Die hast du gehasst, aber nicht so sehr wie Haarspray.
Einmal in der Woche wasche ich deine Haare. Seit einiger Zeit erst mit Shampoo, dann mit einer Spülung. In der Hoffnung, sie bleiben länger kämmbar. Ein jedes Mal frage ich mich – frage auch dich, wo der ganze Dreck her kommt.
Als Kind hast du sehr leicht geschwitzt, nicht zuletzt auf deiner Kopfhaut. Wenn du vom Spielplatz oder dem Training nach Hause kamst, waren deine Haare klitschnass. Das tägliche Bad war unausweichlich.
Heute ist dein Bewegungsradius eher überschaubar.
Zwei Haarwäschen nacheinander sind Pflicht. Bei der ersten Behandlung entsteht kein Schaum auf deinem Kopf. Egal wie viel Shampoo ich benutze. Die Schaumbildung zeigt mir an, welchen Sauberkeitsgrad deine Haare erreicht haben. Je mehr Schaum, desto rein.
Ich kann spüren, wie sehr du meine Massagetechnik genießt. Die ist es auch, die mich selbst monatlich zum Friseur trieb. Haare in Form zu halten, war mir egal. Ich war scharf auf die minutenlange Kopfmassage von Heidi. Waschen war ich immer nur bei Heidi. Der ganze Körper entspannt sich, wenn man es richtig macht.
Es ist, als hörte ich ein leises Seufzen aus deinem Innern, wenn ich mit meiner Tätigkeit beginne. Ein weiteres, wenn der Moment der Entspannung sich auf den Rest deines Körpers übertragen hat.
Die Spülung macht die Haare weicher. Das bedingt kein Schaumaufkommen mehr.
Das Trocknen der Haare ist ein letztes Highlight. Einen Föhn oder gar eine Trockenhaube hast du immer verabscheut.
„Das macht die Haare kaputt“, hast du getönt.
Keine Ahnung, von wem du das hast.
Die Dunkelheit wird dadurch verstärkt, dass kein Geräusch von außen in den Raum dringt. Neben absoluter Dunkelheit herrscht absolute Stille. Hier bin ich ganz allein auf mich zurückgeworfen. Mein Körper, meine Gedanken und meine Stimme können den Raum füllen. Nichts und niemand anderes nimmt mir Lasten ab. Nichts lenkt mich vom Atemschöpfen ab. Niemand hält meine Tränen auf.
Gedankenströme füllen meinen Kopf voll aus. Lassen sich nicht bändigen. Sind wie deine Haare. Zweigen ab in viele Richtungen. Schwer auszuhalten ist das Zurückgeworfensein auf sich selbst.
Hier, in der Dunkelheit lässt sich die Realität nicht mehr leugnen. Das ist der Grund, warum ich diesen Raum nur alle zwei Tage einmal aufsuche. Wer möchte schon häufiger mit der Realität, seinem Versagen und seinen Schattenseiten konfrontiert werden.
Ich hatte einen Freund, der ist in die Einsamkeit Dänemarks geflüchtet, um allein zu sein. Um Entscheidungen für sein weiteres Leben zu treffen. Um sich seinen Ängsten zu stellen. Fünf Tage hat er durchgehalten. Dann hatte er die Wahl zwischen der Rückkehr in die Zivilisation oder an der Ostküste des Landes in die zum Hades umgewidmete Ostsee zu gehen.
Jetzt habe ich mich doch ablenken lassen.
Atmen. Schwarze Luft durch den Mund ein, schwarze Luft durch die Nase wieder aus. Es geht darum, mich selbst auszuhalten. Meine Füße fest auf den Boden zu verankern. Nur für die vielleicht zehn Minuten Aufenthalt in diesem Raum. Bis sich etwas löst, was sich nur hier rücksichtslos lösen lässt.
Es waren so kleine Hände.
Wenn es um deine Hände ging, wurden wir beide nie Freunde.
Die ewige Aufforderung, sie vor dem Essen zu waschen. Der Anblick vor Dreck starrender Fingernägel. Das Öffnen des Necessaires mit leisem Klacken ließ dich die Flucht ergreifen. Um deine Nägel zu schneiden, musste ich dich zwischen meinen Beinen einklemmen und deine Hände wie in einer Schraubzwinge gefangen festhalten. Selbst dann war die Verletzungsgefahr für dich immer noch riesengroß.
Später kneteten kräftiger werdende Hände Brot und Kuchenteig. Als du zehn Jahre alt warst, hätte ich jede Wette gehalten, dass du Bäcker oder Koch werden würdest. Ungefähr da hörte ich auf, dich mit Handschlag zu begrüßen und zu verabschieden. Dein Druck wurde schmerzhaft.
Nach dem Tod meines Vaters waren es diese kräftigen Hände, die mich hielten und drückten. Nicht zum ersten Mal spürte ich diese tröstende Energie deinerseits. Ich ließ mich gerne von ihr einnehmen.
Brunnenbauer bist du geworden. Im ersten Lehrjahr hast du dich körperlich verändert. Der Job hat dich wachsen lassen – in die Höhe und die Breite. Deine Handteller wurden groß wie meine Bratpfanne.
Diese Hände ruhten gefaltet auf deinem Bauch, als ich sie zum letzten Mal sah. Ich sie ein letztes Mal berühren durfte. Die Rillen in deinen Handinnenflächen waren tiefer, als ich sie in Erinnerung hatte. Deine Fingerkuppen waren rissig.
Sie hätten mir etwas über deine Krankheit verraten. Hätten mich vorbereiten können, auf das, was jetzt eingetreten ist. Aber du warst nicht da … die letzten beiden Jahre. Warst in … ich habe es vergessen, weil es nicht wichtig ist.
In deinen Briefen konnte ich mich bemühen, zwischen den Zeilen zu lesen. Das fing deine Stimmung und deine Menschlichkeit ein. Nicht deine Körperlichkeit, auch wenn ich dich vor mir sah, während ich sie las.
Ich werde den dunklen Raum nun vielleicht doch häufiger besuchen müssen. So wie andere zum Lachen in den Keller gehen, gehe ich in den Raum der Dunkelheit.
Weil eine Mutter es braucht, einen Raum zu haben, in dem sie alles loslassen kann. Ihre Wut, ihr Unverständnis, ihr zu viel an Verständnis, ihr Versagen und ihre Freude darüber, ein Kind wie dich geboren zu haben.
Aber davon muss niemand etwas mitbekommen. Du zuallerletzt.
Morgen, morgen trittst du den endgültig letzten Teil deiner Reise an.
Heute wird mein Aufenthalt hier womöglich etwas länger dauern. Es gibt viel zu bedenken und noch mehr loszulassen.
So ein Schrei muss sich entwickeln dürfen. Und geschrien habe ich immer nur da, wo du nicht bist. Daran wird sich auch jetzt nichts ändern.
Das Viertel der Stadt lag in der grellen Mittagssonne. Es hatte nichts Besonderes an sich. Die Menschen, die dort wohnten, hatten sich dem Mittelmaß, der Durchschnittlichkeit angepasst. Sein Zentrum bestand aus einem Platz, auf den drei kleine Straßen zuliefen. In dessen Mitte befand sich ein Springbrunnen der, neben den beiden Kneipen, Hauptanziehungspunkt des Viertels war.
Atlas, der die Last der ganzen Welt auf seinen Schultern trug, war das Sinnbild des Brunnens, vielleicht des ganzen Viertels. Die Welt und die Oberarme des alten Griechen waren mit Grünspan überzogen. Die Bewohner waren dazu auserkoren, alles ertragen zu müssen.
Wie in Südspanien waren auch hier die Straßen zur Mittagszeit wie leergefegt, aber nur an ungewöhnlich heißen Tagen. Vereinzelt erledigten Menschen ihren Einkauf in dem kleinen Tante-Emma-Laden, streckten ihre Füße in das kühle Nass des Brunnens oder dösten auf einer der Bänke.
Punkt zehn nach zwölf rollte Herr Tornow in seinem rostbraunen Ford Fiesta um den Platz. Das tat er jeden Tag zur selben Zeit, egal, welche Jahreszeit und welches Wetter herrschte. Einige Kilometer außerhalb der Stadt lag ein Golfplatz, der der Allgemeinheit zugänglich war. Man musste keinem edlen Club angehören oder über ein bestimmtes Handicap verfügen. Täglich, pünktlich um dreiviertel eins, schlug Herr Tornow seinen ersten Ball ab.
Um zehn nach zwölf passierte er den Platz und bog in die Finowstraße ein, die stadtauswärts führte. Täglich nahm er beim Abbiegen mit dem rechten Hinterrad die Bordsteinkante mit und hatte das Gefühl, dem Jungen über die Füße zu fahren. Er begegnete dem Jungen täglich, egal bei welchem Wetter. Und täglich irritierte es ihn, dass der Junge dort stand – an eben dieser Stelle.
Es war, als wäre dieser Ablauf ritualisiert. Tornow fuhr auf den Platz zu. Während er ihn umrundete, war sein Blick, beinahe hypnotisch, auf die zarten Fontänen des Springbrunnens geheftet. Der löste sich erst, wenn der alte Mann aus dem Augenwinkel den Abzweig wahrnahm. Und plötzlich, wie aus dem Nichts, stand der Junge neben dem Wagen. Das Erschrecken vergaß Herr Tornow nach der xten Wiederholung – ein bisschen unheimlich war es ihm trotzdem.
Der Junge war groß und schlank, die Haut leicht gebräunt. Das Alter zu schätzen, hatte Tornow sich abgewöhnt. Darin war er nicht gut. Der Junge schien täglich dieselben Klamotten zu tragen, ob kalt oder warm. Enge Bluejeans und ein weißes T-Shirt, eine enganliegende Halskette aus Muscheln und graue Stoffschuhe, ungeschnürt. In dem symmetrischen Gesicht war keine Regung zu erkennen.
Dieses Bild hatte Herr Tornow nicht sofort wahrgenommen. Es hatte sich mit der Zeit eingebrannt. Wie Einzelheiten einer Landschaft, die man auch nicht alle auf einmal registriert, sondern sich nach und nach erschließt.
Ebenso wie das Bild von Mathilda, dem kleinen Mädchen aus seinem Nachbarhaus. Eines Tages sah er sie, mit einem Kleidchen voller Rosen und weißen Sandalen zwischen den springenden Wasserstrahlen des Brunnens herum hüpfen. Die Knie mit jedem Schritt weit hochgezogen – binnen Sekunden durchnässt. Vielleicht war sie es, die er suchte, den Blick auf den Brunnen gerichtet und dadurch den Jungen zu spät erkennend.
Wie sollte Herr Tornow Blicke, Gedanken und Bilder auch zusammenbekommen. Von der Zufahrt zum Platz bis zum Erreichen des Abzweigs waren es nur zehn bis zwölf Sekunden. Um den einzelnen Wahrnehmungen auf den Grund zu gehen, hätte er seine Routine unterbrechen müssen. Damit wäre sein kompletter Tagesablauf durcheinandergeraten. Eine Handlung zog zwangsläufig die nächste nach sich. Das Unterlassen bedingte weitere Unterlassungen – oder änderte ganze Lebensläufe. Und was war mit den hunderten unbewusst registrierter Ereignisse?
Herr Tornow warf einen Blick in den Rückspiegel. Mit dem Unterarm wischte sich der Junge Schweiß von der Stirn.
Tizian streifte sich ein weißes T-Shirt über den Kopf. Dann schlüpfte er in die grauen Stoffschuhe und erhob sich von der schäbigen Matratze. Über den Holzfußboden schlich er hinüber zum Waschbecken, über dem ein winziger Spiegel hing. Ein Anflug dunkler Augenringe starrte ihm entgegen. Er brauchte Schlaf, dringend. Sein Aussehen war sein Kapital, darauf musste er achten. Ein Blick in die alte Seemannskiste unter dem Waschbecken zeigte ihm, dass sein Vorrat an Einmalwaschlappen und -handtüchern zu Ende ging. Kein Wunder, bei drei bis vier Kunden die Nacht. Sauberkeit war ein weiteres Muss, dem er sich unterzuordnen hatte. Daran hing nicht nur sein Einkommen, sondern auch seine Gesundheit. Beides musste er so gut wie möglich schützen, wenn er jemals wieder zurückwollte, nach Tîrgu Mureș.
Sein Arbeitstag dauerte zwölf Stunden – viermal die Woche. Von abends um zehn bis um zehn am nächsten Morgen. Der Dachboden am Rand der Stadt hatte sich als Arbeitsplatz angeboten. Der leicht schmuddelige Zustand störte seine Kunden nicht – viele von ihnen hatten Familie zuhause und begnügten sich damit, ihre geheimen Neigungen überhaupt irgendwo ausleben zu können. Dafür machten sie den einen oder anderen Abstrich, solange das Objekt gepflegt und begehrenswert erschien.
Im Anschluss an den letzten Kunden brauchte Tizian noch ein wenig Zeit für sich. Meist blieb er noch eine Stunde liegen, um ein wenig den Alkohol abbauen zu können. Drogen lehnte er ab. Damit hatten die Schlepper vor drei Jahren versucht, ihn gefügig zu machen. Doch das war ihm mit sechzehn schon klar gewesen. Aus Rumänien verschwinden, um sich in die Abhängigkeit von Drogen oder Zuhältern zu begeben, kam für ihn nicht in Frage.
Schließlich räumte er auf, entsorgte Bettlaken, Handtücher, Lappen und Kondome und brachte sich selbst in Ordnung. Um zwölf machte er sich auf den Rückweg ins Wohnheim. Dorthin, wo niemand seinen richtigen Namen kannte und er in Sicherheit vor den deutschen Behörden war.
Die Sonne brannte heftig. Er liebte die Stelle am Ende des Kreisverkehrs. Nach den Berührungen durch gierige, raue Hände und den Kontakt mit schwitzenden Körpern, genoss er die Ruhe und Beschaulichkeit dieses Ortes am Rand der Stadt. Er hatte etwas Dörfliches und erinnerte ihn an seine Heimat.
Da, wo er herkam, waren die Straßen nicht befestigt. Es staubte, wenn Jugendliche auf ihren zweirädrigen Maschinen um die Kurve heizten. Wenn er die Augen schloss, klang der Brunnen in der Mitte des Platzes wie der Bach, der hinter seinem Elternhaus dahinplätscherte. Unvermittelt begann der Speichel in seinem Mund einen Geschmack herauszubilden. Auch der schmeckte nach Heimat. Sirupartig, wie die ersten Früchte, deren Saft auf seiner Zunge und zwischen seinen Fingern tropfte, wenn er sie im hintersten Winkel des Obstgartens stibitzte.
Tizian würde seinen Weg fortsetzen, sobald der alte Mann mit der dicken Brille in seinem rostroten Ford an ihm vorbeigefahren war. Vielleicht sollte man ab einem bestimmten Alter die Fahrtauglichkeit von Menschen überprüfen. Jedes Mal fuhr sein rechtes Hinterrad über den Bürgersteig und rasierte Tizian beinahe die Zehen ab. Eine Reaktion zeigte der Junge nie. Es galt, nicht aufzufallen.
Tizian betrachtete noch eine Weile das friedliche Springen des Wassers. Er fragte sich, ob man mit neunzehn das Recht hatte, sich nach Gleichförmigkeit und Langeweile zu sehnen. Eine Antwort würde er hier nicht finden. Er wischte sich mit dem rechten Unterarm den Schweiß von der Stirn und ging – müde und voll mit Erinnerungen – Richtung Bushaltestelle.
Mathilda hüpfte, ein Bein vor das andere schwingend und eng an der Hauswand, den schmalen Gehsteig entlang. Am Stadtrand waren Autos wohl mehr Wert als Fußgänger. Ihr wildes, lockiges Haar wippte auf und nieder. An Frau Sirius‘ Tante-Emma-Laden blieb sie abrupt stehen und begutachtete die Auslagen. Lose Bonbons in alten Gläsern waren ausgestellt, dazwischen saßen Stoffkatzen, Stoffbären und -eichhörnchen. Ein kleines Wunderland für die Sechsjährige.
In ihrem Rücken ratterte ein Traktor lärmend vorbei.
Der erinnerte Mathilda daran, dass sie Planschen gehen wollte. In das Schwimmbad im nächsten Bezirk durfte sie nicht allein, aber der Springbrunnen auf dem großen Platz war erlaubt. Sie setzte ihren Weg fort, im Trab und wiehernd wie ein Pferd.
Am Brunnen angelangt, betrachtete sie zunächst die große steinerne Figur in dessen Mitte. Die war so kräftig, wahrscheinlich stärker als Pippi Langstrumpf. Aber warum trug er die Erde auf den Schultern und was passierte, wenn er sie fallen ließ?
„Die Welt dreht sich immer weiter, egal was passiert“, sagte Mama häufig. Für Mathilda bestand sie aus Wiederholungen. Mit wenigen Ausnahmen.
Mathilda kletterte auf den Brunnenrand und ließ sich auf der warmen, glatten Steinplatte nieder, die Füße samt Schuhen ins Wasser gestreckt. Atlas wuchs zum Riesen heran, der nur sie beschützte. Die Welt war zusammengeschrumpft, auf einen winzigen Punkt hier im Viertel. Nur der Blick durch ihre Augen zeigte die wesentlichen Geschehnisse. Damit die Welt in Bewegung blieb, musste sich Mathilda bewegen. So erhob sie sich und hüpfte, unter den Wasserstrahlen hindurch, im Kreis herum. Binnen kurzer Zeit waren die wilden Locken gebändigt und an Kopfhaut und Schultern gebannt. Ebenso wie das gelbe Kleidchen mit den roten Rosen darauf, das am Körper klebte.
Die Phantasie Mathildas gaukelte ihr hin und wieder vor, dass sich die Ereignisse des Viertels zu Winnetous Zeiten abspielten.
Der alte Herr Tornow, der seine dicke Brille zum Schutz gegen Sandwehen trägt, kommt auf seinem Rappen um die Ecke geprescht. Kurz darauf zieht er heftig am Zügel und bringt das Pferd abrupt zum Stehen. Seine Augen tasten die Häuserfronten nach einem Hinterhalt ab. Im Schritttempo setzt er sich in Bewegung, den Blick starr auf die einzige Wasserstelle des Ortes geheftet.
Ein Fehltritt des Rappens bringt Herrn Tornow einen Moment aus dem Gleichgewicht und beim Anblick des jungen Cowboys scheut das Pferd, richtet sich auf und galoppiert davon.
Mathilda brauchte eine Weile, um zu erfassen, was sie dort sah. Ein neues, frisches Gesicht im Viertel. Müde sah es aus. Schwarze Haare umrahmten sein Gesicht. Mit ein wenig Phantasie könnte er ihr großer Bruder sein. Gemächlich überquerte er den leeren Platz und kam direkt auf den Brunnen zu.
Das Mädchen trat in Zeitlupe aus dem Brunnen, schüttelte das Wasser aus dem Haar und ging wie magnetisch angezogen auf den jungen Mann zu. Angetrieben von der Hoffnung, die Welt möge sich hin und wieder andersherum drehen.
Der Junge öffnete seine rechte Hand und zauberte ein Lächeln in seine müden Züge. Die Hand des Mädchens ergriff die Gelegenheit. Auf leise Veränderung und ein kleines Abenteuer.
Gemeinsam warfen sie noch einen Blick auf Atlas, als würden sie sich verabschieden. Dann liefen sie, mitten auf der Straße, dem nächsten Viertel entgegen.
Ich weiß nicht, wie alt ich war, als es dunkel wurde. Ich weiß nicht, wie alt ich heute bin. Die Zeit dazwischen tat weh. Die Zeit jetzt schmerzt. Jeden Tag, wenn ich an die Plexiverglasung herantrete, mit einem Papiertuch den Hörer von der Gabel nehme und den Versuch starte, sie anzurufen. Es tutet dreimal, viermal. Dann lege ich wieder auf. Ich lege auch wieder auf, wenn sie den Hörer abnimmt und „Trynadt“ in die Muschel spricht.
Meist habe ich vergessen, was ich ihr sagen oder sie fragen wollte. Habe auch vergessen, wie ich sie nenne. Es gibt nichts zu sagen. Oder ganz viel. Fragen gibt es mehrere. Die meisten beginnen mit Warum? Ob mir die Antworten gefallen würden, ist eine andere Frage.
Wenn der Hörer wieder auf der Gabel liegt, betrachte ich meine Hände. Die haben noch nie etwas Schweres angefasst. Glatt, jung, mit einer ziemlich langen Lebenslinie. Und anderen Verästelungen, von denen ich nicht weiß, was sie bedeuten. Dann strecke ich mich. So hoch und weit, wie es geht. Das ist ein natürlicher Reflex. Wiederhole ihn hundertfach pro Tag.
Da sind Bilder. Übriggeblieben aus einem anderen Leben. Einem kurzen Leben vor der Dunkelheit. Von der ich nicht weiß, wie lange sie gedauert hat.
Eine Frau – meine Mutter? – wischt mit einem feuchten Seiflappen meine Handflächen ab. Immer und immer wieder. Dann tunkt sie ihn in einen Eimer und wischt mit weniger Seife nach. Dafür musste ich mich ausziehen. Meine Sachen hat sie sofort in den Kohleofen gesteckt. Davon werden sie auch nicht sauberer‘, hab ich vielleicht gedacht.
Das Gleiche macht sie hinterher mit meinem Gesicht und meinem Rücken. Warum der Rücken gewaschen werden muss, weiß nicht. Beim Rest kann ich es mir denken.
Dann öffnet sie eine lange weiße Unterhose vor mir und ich schlüpfe hinein. Dabei stütze ich mich an ihrer Schulter ab. Sie zieht sie rauf bis zu meiner Leiste. An dem blau-weiß gestreiften Unterhemd riecht sie, bevor sie es mir über den Kopf zieht.
Dann kommen noch ein T-Shirt und Socken. Auch die Socken darf ich nicht selbst anziehen. Ich muss auf dem Hocker sitzen und sie streift sie mir über. Rollt sie an meinem Fuß auseinander.
Als sie fertig ist, geht sie zur Spüle, füllt ein Glas halbvoll mit Wasser, öffnet eine kleine Plastiktüte, schüttet Pulver in das Wasser, rührt mit einem Teelöffel um, wirft den Löffel in das Becken und reicht mir das Glas.
„Trink“, sagt sie mit weicher Stimme.
Aufgewacht bin ich im Dunkeln. Gefangen in einem Käfig mit rauen Streben.
Es gibt keine Suche. Angekommen bin ich bei etwas, was einem Käfig ähnelt. Eine Behausung, vielleicht ein Unterschlupf. Der Raum ist kahl und ein bisschen feucht. Ich kann gerade darin stehen. Mein Kopf streift die Decke. Von der Decke hängt eine unverkleidete Glühbirne. Die Schnur, die ich ziehen muss, damit sie angeht, hängt direkt daneben.
Wenn ich hier bin, brennt sie immer. Ist mir egal, ob jemand zum Fenster knapp unter meiner Decke reinschaut. Viel zu sehen, gibt es nicht. Einige Dosen mit Cola und Energydrinks. Zwei Flaschen weißen Schnaps. Ein hartes Brett, auf sechs Ziegelsteinen abgelegt, darauf ein ranziger Schlafsack. Ein Tisch auf dem zwei Blöcke liegen. Einer zum Zeichnen, ein anderer zum Schreiben. Geschichten und Bilder aus der Dunkelheit.
Meine Tage verbringe ich auf einer Decke sitzend, mit einem Pappbecher neben mir. Damals hat mich irgendwer in die Dunkelheit gesperrt und den Schlüssel weggeworfen. Jetzt haben sie mich auf die Straße gespuckt. Ich bleibe, wo man mich lässt.
Vier Stunden halte ich die Starre aus. Dann brauche ich wieder Bewegung. Meistens ist der Becher so gut gefüllt, dass das Geld für ein paar Brötchen oder eine Bratwurst reicht. Den Rest besorgt der Alkohol.
Vier bis fünfmal gehe ich am Tag zu derselben Zelle. Immer verlasse ich sie mit demselben Ergebnis. Ich sage nichts. Ich frage nichts. Ich bekomme keine Antworten.
In einer Ecke, knapp außerhalb des Käfigs, stand ein Babyfon. Das habe ich zufällig gefunden. Beim Abtasten meiner Umgebung. Das bedeutet, meine Mutter konnte mich jederzeit hören.
Sie kam, wenn ich Hunger hatte. Sie kam nicht, nur weil ich schrie oder wütend war. Sie kam, wenn sie Zeit und Lust hatte. Sie kam immer von unten.
Ich konnte ihre Schritte auf der Holztreppe hören. Ich hörte, ob sie müde oder fröhlich war. An ihren Schritten.
In der Dunkelheit blinkte so eine Art Taschenlampe. Tag und Nacht. Alle paar Sekunden. So konnte ich erahnen, dass sie mich auf dem Dachboden eingesperrt hatten. Die Decke bestand aus schweren Holzbalken.
Immer, wenn meine Mutter kam, kontrollierte sie erst meine Hände.
„Mama, warum hast du mich hier eingesperrt?“
Sie wusch meine Hände immer mit Lappen und Seife. Manchmal brachte sie auch eine Bürste mit weichen Haaren mit und schrubbte die Handflächen, bis sie wehtaten.
„Das tust du nie wieder!“, sagte sie immer zum Abschied. Dann schloss sie die Tür und stieg die steile Holztreppe hinab.
„Was meinst du?“, rief ich ihr durch das Babyfon hinterher. Aber sie konnte mich nur hören. Eine Funktion zum Antworten hatte das andere Gerät nicht.
Das Glas ist gefüllt – mit Schnaps und Cola. Es steht neben mir, auf dem Boden. Habe zwei große Schlucke genommen. Das Denken wird freier. Zusammenhänge lassen sich leichter herstellen. Oft schreibe und zeichne ich nachts. Am Tag habe ich keine Zeit. Ich muss raus aus der Enge. Zum Arbeiten und Zurückziehen ist die Enge okay. Zum Atmen und Leben nicht. Das Bild – eigentlich die Bilder – der gestrigen Nacht sind Bleistiftzeichnungen. Sie sind aufgebaut wie ein Comic. Nur größer. Zwei Personen, in meinem Kopf sind es Jungen, prügeln sich. Am Ende liegt einer am Boden und rührt sich nicht mehr. Der andere verlässt den Raum über eine Treppe. Ich kippe den Rest des Glases in mich hinein.
Dieses Motiv taucht immer wieder auf. Manchmal bleibt eine Blutlache zurück und der Raum ist leer. Manchmal kniet der eine Junge neben dem anderen und hält dessen Hand. Aber immer ist irgendwo eine Treppe sichtbar.
Die Bilder sind nicht erst da, seitdem ich Alkohol trinke. Wahrscheinlich begann ich, Alkohol zu kaufen wegen der Bilder. Und dann habe ich begonnen zu zeichnen und zu schreiben. Ich habe die Bilder – und speziell diese Geschichte – aus der Dunkelheit mitgebracht. Aber ich war allein, in dem Käfig. Allein, in der Finsternis. Da war die Treppe, ja. Ein Dachboden, ja. Aber ich war allein.
Ich bin ein Tier. Nur Raubtiere werden in Käfigen gehalten.
Ich ziehe ein wenig durch die Straßen. Geduckt. Tastend. Die Morgendämmerung setzt ein. Ist nicht wirklich meine Zeit. Ich brauche ein dunkles Schaufenster. Was als Spiegel dient. Die letzten Bilder haben mich erschreckt. Sie wirkten so real. Auch die Bilder aus der Dunkelheit bekommen langsam Farbe. Aber wichtiger sind die Erinnerungen davor.
Der Comic ist falsch. Will mich schützen oder auf eine falsche Spur schicken.
Ich müsste es doch spüren, wenn ich ein Raubtier wäre. Wenn ich andere angefallen oder zerfleischt hätte.
Der Alkohol ist immer noch in meinem Körper. Habe nachgefüllt und noch nicht geschlafen. Bin müde, gedanklich frei und schwinde. Verschwinde vor mir selbst. Vielleicht hilft mein Bild. Mein Anblick, auf den ich seit Ewigkeiten nicht geachtet habe. Da ist der Dessousladen. Keine Jalousien, kein Gitter vor den Fenstern. Das aufgehende Licht erhellt Teile der Scheibe. Davor steht etwas in langem Mantel, Turnschuhen und Kapuze. Sehe mich um. Das muss, das kann nur ich selbst sein. Ich schiebe die Kapuze vom Kopf und öffne den Mantel.
Erblicke eine junge Gestalt. Fünfzehn, sechzehn würde ich schätzen. Vielleicht auch achtzehn. Schmal, dürr. Zerzauste Haare. Blicke nach rechts oben. Da steht der Name des Ladens. Aber der ist mir egal.
Da war etwas, rechts über mir. Immer, jederzeit. Ich musste nach oben schauen, um ihm ins Gesicht sehen zu können. Meist hat er auf mich hinabgeschaut. Und dann hat er überheblich gegrinst.
Ich hab dich gehasst – und bewundert. Aber mehr gehasst. Dir ist alles in den Schoß gefallen. Jede Sprache, Mathe, Deutsch. Du hast für keine Arbeit geübt und dich heimlich in jeden Film ins Kino geschmuggelt. Die Altersfreigabe war egal. Du hast dein Ding durchgezogen und warst trotzdem Mamas Liebling.
Und dann ist Papa vom Dach gestürzt.
Du warst extrem mitgenommen, hast trotzdem dein Ding gemacht und bist noch ein Stück weitergewachsen, weil du ja jetzt der Große warst. Ich wäre so gern mit dir gegangen. An deiner Hand. Aber du hast mich gelassen, wo ich immer war.
Ich bin verzweifelt, beinah zerbrochen und musste mich und Mama stützen und festhalten, obwohl ich mich selbst kaum halten konnte. Dir ist immer noch alles zugefallen. Dich haben deine Freunde und Freundinnen umsorgt, in den Arm genommen und dir gesagt und gezeigt, wie toll sie dich finden. Wie großartig du mit dem Verlust umgehst und dennoch du selbst bleibst. Mich hat niemand mehr gesehen.
Und dann bin ich in dein Zimmer gekommen. Du hast mich wieder von oben herab angegrinst. Hast den Kopf geschüttelt, mein Taschenmesser auf und zu geklappt und hast den Kopf geschüttelt. Der gute Junge, den alle lieben, der alles hat und bekommt, was er will.
