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Im "Raum der Sinne", einer Kunstausstellung der besonderen Art, in der absolute Dunkelheit herrscht, gibt sich die junge Studentin Desiré ihren geheimsten Sex-Phantasien hin und erlebt jene Art von Lust, von der sie immer geträumt: Sie genießt in der Anonymität der Finsternis Oralsex mit fremden Männern, lässt sich anfassen, masturbiert öffentlich, erlebt die Erotik einer fremden Frau und vor allem wird sie geradezu süchtig nach den sexuellen Abenteuern mit ihrem "Phantom"- einem Unbekannten, der sie immer wiederd im "Raum der Sinne" aufspürt, sie der Lust unterwirft ohne sie zu demütigen und der sie lehrt ihre eigene Sexualität und Sinnlichkeit zu erkennen. Desiré spielt ein gefährliches Spiel, sie ist die "Hure der Finsternis", hin- und hergerissen zwischen der Realität und dieser einzigartigen, verruchten Sinneswelt.
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Seitenzahl: 318
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Das Titelbild steht in keinem Zusammenhang mit dem Inhalt des Buches.
eBook-Ausgabe 08/2015 © Carl Stephenson Verlag GmbH & Co. KG, Schäferweg 14, 24941 Flensburg Alle Rechte vorbehalten einschließlich der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien E-Mail: [email protected] Internet: www.stephenson.de Besuchen Sie uns auf www.stephenson.de
Die Schwärze umfing sie wie ein Mantel. Undurchdringlich war die Dunkelheit und sie hielt das Seil in Händen, tastete sich vorwärts, es war ihr, als schwebe sie, losgelöst in einem unendlichen Raum ohne Grenzen, ohne Gesetze, ohne Fixpunkte – frei und schwerelos. Der Raum war erfüllt von Geräuschen – schleifende Schritte, Schlurfen, tapsendes Tasten, unsicheres Schreiten, quengelnde Sohlen, trippelnde Schritte, darüber Geflüster, Gekicher, manchmal ein erschrockener Aufschrei, Orientierung heischendes Gemurmel, Hilfe suchende Satzfragmente – Wo bin ich? – Wo geht’s weiter? – Bist du noch da? – Gelächter, stolperndes Gepolter.
Es war bereits der dritte Tag in Folge, den sie zu einem Besuch des Dunkelraums nutzte – einer ungenutzten Industriehalle, vollkommen lichtlos, sorgfältig abgedunkelt, durch die die Besucher mit Führungstauen hindurchgelotst wurden; sie tappten über unterschiedliche Untergründe – Sand, Steine, Reisig, Holzbohlen, hartes Terrakotta, Teppichböden –, die in gewissen Abständen den ursprünglich mit Linoleum ausgelegten Boden unterbrachen, wurden von herabhängenden Stoffbahnen, Wollfäden, Perlenketten unvermutet im Gesicht gestreift, konnten an durch Knoten im Seil gekennzeichneten Stellen Gegenstände ertasten, Skulpturen mit Händen berühren und erforschen, Stühle, die auf Sockeln mit der Lehne nach unten montiert waren, Fahrräder, unterschiedliche Utensilien aus verschiedensten Materialien. Nischen öffneten sich, in die sich die Besucher hineinbegeben konnten um still darin zu verharren, andere Besucher an sich vorbeiziehen zu lassen – nur durch das Hören, das angestrengte Lauschen sich orientierend – manche standen mit angehaltenem Atem um nicht entdeckt zu werden, andere murmelten geheimnisvolle Beschwörungsformeln oder versuchten die Vorbeiziehenden zu erschrecken. Mancher Besucher tastete sich zu den Nischen hin, berührte den dort Verborgenen, ertastete seine Haare, seine Schultern oder Arme.
Im ganzen Raum herrschte eine angespannte, erwartungsvolle Atmosphäre, eine Aura der Unsicherheit, der vorsichtigen Annäherung, des Zurückschreckens. Als Desiré die Ausstellung, das Projekt entdeckte, war sie sofort davon fasziniert. Sie liebte diese absolute Dunkelheit, diese tiefe, stille Finsternis, hielt sich stundenlang in den Gängen auf, kannte bald jede Figur, jeden Gegenstand. Ihre Hände umspielten die Strukturen, die Rundungen, Ecken und Kanten, die weichen, nachgiebigen Formen, umrundeten den kühlen Stein der Skulpturen ebenso wie sie eintauchten in die fettige Wärme und Geschmeidigkeit der streng duftenden Naturwolle, die in Körben in einer Nische untergebracht war. Desiré musste nie lange überlegen, was das eine oder andere wohl sein konnte. Schnell begriff sie im Wortsinn die Dinge und war selbst überrascht, dass sie sich in diesen Räumen so rasch orientieren konnte. Nach und nach wusste sie, nach wie vielen Schritten bestimmte Stationen erreichbar waren, was sie erwartete. Vor allem aber liebte sie die Nischen, in die sie sich hineindrücken konnte. Dort stand sie dann. Ganz still. Atemlos. Den Geräuschen nachlauschend, sich enger in die Nische drückend, sobald sich leise, tapsende, tastende Schritte näherten, sobald sie den Atem hörte, den Atem der Menschen, die an ihr vorbeischlichen, vorbeihuschten – den Atem, der so vielfältig sein konnte wie die Menschen, die ihn einatmeten und ausstießen. Das rasselnde Atmen starker Raucher oder alter Menschen, die leichte, schnelle Atmung der Kinder, das rasche, beinahe hechelnde Atmen ängstlicher Frauen, der schwere, selbstbewusste Atem der Männer, die sich ihrer überlegenen Stärke bewusst schienen, das flache Atmen derer, die angestrengt in die Finsternis lauschten – sie erkannte bereits am Atem, ob die Menschen, die sich an der Nische vorbeidrückten, sie beinahe streiften, sie manchmal zufällig berührten und dann zurückschreckten – ob diese Menschen jung oder alt, Frauen oder Männer waren.
Es war ein Mittwoch, als sie auf einer Plakatwand die Ankündigung las: Raum der Sinne. Raum der Sinne – etwas in ihr löste ein leises Hingezogensein aus, ein latentes Interesse. Das Wort Sinne. Es drang in sie, bohrte sich in ihrem Kopf fest, löste eine eigenartig unfassbare Erregung aus – nicht sehr stark, aber spürbar. So, als wolle sie ihre Empfindungen vor sich selbst verbergen, nahm sie nachlässig und mehr aus den Augenwinkeln den Ort und die Öffnungszeiten auf. Sie brannten sich ein. Sie vergaß sie nicht. Seltsam. Sie vergaß sie nicht, obwohl sie nicht mehr ernsthaft darüber nachdachte, ob sie dieses Projekt – ja, Projekt hatte da gestanden – besuchen würde. Sie hatte darüber gar nicht nachgedacht. Es zu keiner Zeit erwogen. Es interessierte sie nicht. Und sie hatte im Augenblick des Erblickens der Ankündigung bereits beschlossen hinzugehen. Sie gestand es sich nur nicht ein. Ohne zu wissen warum. Aber es war, als würde eine magische Anziehungskraft davon ausgehen, als wäre ein Besuch dieses Projektes etwas zu Verheimlichendes, etwas, das nur im Verborgenen geschehen durfte, etwas auf seltsam beruhigende Weise Erregendes. Sie war nach Hause gegangen. Philipp hatte schon auf sie gewartet, den Tee für sie gekocht, den Tisch auf dem kleinen Balkon vorbereitet – er wusste, wie sehr sie es liebte, sich nach den Vorlesungen und ihrer Arbeit im Studentenbüro auf dem Balkon zu entspannen, mit ihm zu reden, Tee zu trinken. So war es beinahe jeden Tag. Sie war heute jedoch zur Tür hereingekommen, hatte die Tasche in die Ecke gestellt und war in ihrem Zimmer verschwunden ohne ihn zu begrüßen. Philipp war leicht irritiert. Noch nie war sie grußlos nach Hause gekommen und er machte sich Sorgen. Sorgen, dass sie sich in der Universität hatte ärgern müssen über irgendetwas. Er war ihr nachgegangen. „Desiré?“ „Oh – Philipp. Oh entschuldige. Wie konnte ich nur. Ich war irgendwie in Gedanken.“ Sie war zu ihm getreten, hatte ihn zärtlich umarmt, ihm einen Kuss auf die Wange gehaucht. „Was ist? Hat es Ärger gegeben?“ „Ärger? Nein. Warum sollte es Ärger gegeben haben?“ Philipp hatte sie stumm und leicht skeptisch angeblickt. Und geschwiegen. „Wollen wir unseren Tee trinken?“, fragte er schließlich. „Oh – das hätte ich beinahe vergessen“, erwiderte sie und es hatte ihm geschienen, als sei sie leicht errötet. Mit der ihr eigenen leichten Geschmeidigkeit, die ihrem Körper etwas Feenhaft-Schwebendes gab, war sie an ihm vorbeigehuscht und auf dem Balkon verschwunden. Philipp hatte die Kanne Tee geholt, eingeschenkt.
Desiré saß da und ärgerte sich über ihre Verwirrung. Was war los? Was hatte sie so unruhig gemacht? Wie hatte sie ihre Zeremonie einfach vergessen können und weshalb war ihr Bedürfnis nach Alleinsein so ausgeprägt gewesen, dass sie ihn nicht einmal begrüßt hatte? Sie hatte es unverzeihlich und nachlässig gefunden und ärgerte sich darüber.
Sinne. Das Wort hatte sich in sie eingebrannt. Und sie war hingegangen. Gleich am nächsten Tag. Gleich nach der Uni. Bei ihrem Job im Studentenbüro hatte sie sich entschuldigt, vorgegeben sich nicht wohl zu fühlen, sich gedrückt und war hingegangen. Es hatte sie hingetrieben. Mit klopfendem Herzen. Warum? Warum hatte ihr Herz geklopft? Hunderte, Tausende Menschen hatten dieses Projekt besucht und würden es weiter besuchen. Ohne Herzrasen. Ohne Heimlichkeit. Ohne schlechtes Gewissen. Sie aber hatte ein schlechtes Gewissen. Philipp hatte sie nichts erzählt. Was hätte sie ihm auch erzählen können. Nichts. Sie hatte ja nicht einmal vorgehabt hinzugehen. Kein Entschluss. Oder hatte sie alleine dorthin gehen wollen, müssen? Warum diese Heimlichkeit? Mit derselben Heimlichkeit hätte sie auch ins naturhistorische Museum gehen können. Nur wozu? Weshalb daraus ein Geheimnis machen. Und wieso ohne Philipp? Sie hatte keine Antworten. Nur die Gewissheit, dass sie hingehen musste. Allein. Mit schlechtem Gewissen. Zu Fuß war sie hingegangen. Zu Fuß, obwohl sie beinahe eine Stunde dafür brauchte und mit der Schnellbahn in einer viertel Stunde dagewesen wäre. Zu Fuß. So als wollte sie sich noch Zeit geben die Entscheidung zu revidieren, umzukehren, einen anderen Weg einzuschlagen. Dann hatte sie vor der Halle gestanden. Der alten Markthalle, ein riesiger Backsteinbau aus der Jahrhundertwende mit großen unterteilten Fenstern, Rundbögen, dem ehrwürdigen patinaüberzogenen flachen Satteldach mit einer durchgehenden Lichtkuppel als Krönung. Häufig schon war sie hier gewesen. Immer wieder fanden Ausstellungen und Theaterprojekte in dieser Halle statt, die sie häufig mit Philipp besuchte. Diesmal stand sie alleine vor der Halle. Beobachtete die Menschen, die sich vor den Schaltern drängten – paar- und gruppenweise die meisten, selten Frauen oder Männer, die ohne Begleitung schienen. Sie stand da und beobachtete mit klopfendem Herzen und wusste nicht weshalb. Der Raum der Sinne war eines unter vielen Projekten und es war nichts Außergewöhnliches daran, bis auf das Projekt selbst, das außergewöhnlich war. Es wurde von allen möglichen verschiedenen Menschen – vom Kind bis zum Greis – besucht, ohne Herzklopfen, ohne seltsame Erregungszustände, ohne Furcht – wovor auch immer. Möglicherweise konnte es für Kinder furchteinflößend sein, Aufregung hervorbringen, Ängste schüren. Die absolute Finsternis in den Räumen dürfte für ein Kind bedrohlich sein, überlegte sie sich. Aber sie fühlte sich nicht bedroht. Sie war erregt. Erregt wie damals, als sie heimlich auf dem Dachboden spielte, auf diesem finsteren Dachboden, mit Mike. Als sie Verstecken spielten. Kinder noch, aber doch bereits alt genug um zu unterscheiden. Zwischen sich zu unterscheiden. Zwischen Mädchen und Junge, zwischen den Geschlechtern. Alt genug um Phantasien und Ahnungen zu entwickeln, alt genug um beim Versteckenspiel auf dem finsteren Dachboden ein Kribbeln im Bauch zu haben, das nicht nur vom Anhalten des Atems und dem sich Hineinducken in enge Ecken herrührte. Es rührte auch von den Berührungen her, die sie einander finden ließen, den tastenden Händen, die sich zu Stellen hinstahlen, die zu berühren sie sich im Lichte geschämt hätten. Dort in der Finsternis jedoch …
Desiré war zum Schalter gegangen, mit weichen Beinen, mit diesem seltsamen Kribbeln im Bauch und mit der Angst, jemand könne auf sie zukommen, sie begrüßen, sie nach Philipp fragen. Eine dumme Kuh hatte sie sich gescholten, da es ihr gleichgültig sein sollte – ja musste –, wenn sie jemanden traf, der sie kannte. Schließlich besuchte sie ein allseits bekanntes und über die Maßen gelobtes Projekt und keine Stripteasebar. Und dennoch hätte sie sich ertappt gefühlt. Ertappt und beschämt. Sie hatte eine Eintrittskarte gelöst und war dann schnellen Schrittes zum Eingang gelaufen, hatte warten müssen in einer kleinen Ansammlung vor ihr stehender Menschen – warten müssen. Sie hatte sich nervös umgeblickt und war dann endlich im Dunkeln eingetaucht. Eingetaucht in die tintige Finsternis, in die Unsichtbarkeit, die Anonymität. Auf den ersten Metern hatte sie dem Strom folgen müssen, der sich zögerlich und tapsig an den Seilen entlanghangelte. Es war ihr plötzlich bewusst geworden, dass sie die Finsternis genoss. Dass sie sich zurechtfand. Vor und hinter sich hatte Gekicher, Orientierung suchendes Gemurmel, erschrockenes Ächzen sie begleitet. Sie aber tastete sich unbeirrt vor, fand die verschiedenen Stationen, tastete behutsam und dennoch beherzt nach den verschiedenen Objekten, ordnete sie zu, hatte meist rasch ein Bild von ihnen vor Augen und genoss es dennoch immer wieder, ihre Hände sehen zu lassen. Länger als sie zum Erkennen der Dinge bedurfte ließ sie die Hände an ihnen. Länger als nötig tastete sie, berührte sie, forschte sie und entdeckte dabei immer neue Bereiche – kleine Unregelmäßigkeiten in den Oberflächen, raue Stellen, die sich an glatte anschlossen, Ecken und Kanten, verborgene Einbuchtungen – der Stuhl, der verkehrt herum auf einem Sockel stand: Er hatte am rechten hinteren Bein eine deutliche Absplitterung; die Marmorskulptur – es war gewiss Marmor: die Glätte und Kälte des Materials konnte nur von Marmor herrühren – zeigte an ihrer Rückseite noch leichte Riefen der Eisen, mit denen der Stein bearbeitet worden war; die Bronze – woher wusste sie, dass es Bronze war? Von den Unebenheiten der Oberfläche, den kleinen Kratern und Rillen, die sich unregelmäßig über die Figur verteilten, sie hatte ein deutliches Bild davon, immer wieder war ihr dies an anderen Bronzen aufgefallen – die Bronzefigur stellte eine kleine Ziege dar. Ganz deutlich. Sie war gebannt, fasziniert, verzaubert von der Welt der Finsternis, die ihr so viel zu sehen gab. Sie ließ sich in den Bann ziehen. Sie zog ihre Schuhe aus, nahm sie in die Hand und genoss die Unebenheiten und das Wegrutschen der kleinen runden Kiesel unter den bloßen Fußsohlen, den Mulch, der sich weich dem Druck des Fußes ergab, die Kühle des Terrakotta, den kratzigen, harten Sisalbelag, ihre Zehen krallten sich an den Holzbalken fest, suchten Halt, mussten sich erst an die groben Rundungen gewöhnen. Immer wieder zogen Menschen an ihr vorüber – vorsichtig tastend und doch eilig und unsicher den Weg Suchende, ungeduldig sich hindurchschlängelnd durch die Dunkelheit. Sie spürte die Hast, mit der diese Menschen dem Licht zustrebten, die Eile, die sie trieb, und die Unsicherheit. Desiré hatte sich diesem Schub widersetzt. Sie wollte nicht hindurchhasten. Sie wollte genießen, erfahren, entdecken. Und so war sie dem Strom entgegengegangen, wieder zurück und hatte sich ihre Wege gesucht – entgegen der Hinweise am Eingang: sich an den Seilen zu orientieren und diese möglichst nicht loszulassen. Sie hatte sie losgelassen und sich außen an den Menschen, die ihr entgegenkamen, vorbeigedrückt, die andere Seite des Weges erkundet. In den Bereichen, die durch verschiedene Bodenstrukturen gekennzeichnet waren, war es einfach gewesen. Diese nicht sehr breiten Flächen waren zu der Seite, an der kein Seil war, durch Holzrahmen begrenzt und sie konnte leicht den Weg zurück finden. Ansonsten hatte sie sich auf ihr Gehör verlassen müssen, bis sie entdeckt hatte, dass die gegenüberliegende Seite durch eine leichte Wand abgeschirmt war, an der sie entlanggehen konnte. Auf diese Weise war er erste Tag bereits für ihre Orientierung ein Gewinn und sie hatte die Halle kennen gelernt und die Nischen entdeckt. Unvermutet hatte das Seil in einem Überwurfhaken geendet und dahinter öffnete sich ein kleiner Raum ins Leere. Sie hatte das Seil ausgehakt, im Hineintreten wurde sie von einer Rückwand in ihrem Vorwärtsstreben behindert und sie hatte begriffen, dass dies eine Nische war – eine Nische zum Verweilen. Sie legte den Haken hinter sich wieder in die Öse und schloss damit die Nische. Sie war Gegenstand geworden. Gegenstand des Betrachtens durch die Hände anderer. Die Nische bot so viel Raum, dass sie zurücktreten und sich dadurch Händen, die sich nicht weit genug in die Nische hineinstreckten, entziehen konnte. Trat sie in die Mitte der Nische, konnte sie ertastet werden.
An diesem ersten Tag hatte sie sich an die Rückwand gedrückt und war still und nur flach atmend stehen geblieben. Es war atemberaubend gewesen. In dieser absoluten Dunkelheit stand sie unsichtbar da und ließ die Massen an sich vorbeiziehen ohne selbst entdeckt zu werden. Manchmal blieb jemand stehen – sie erkannte dies lediglich aus dem Verharren der Schritte, an einem leichten Luftzug, wenn die Hände dessen, der verharrte, in die Nische hineinfuhren, suchend, haschend, und sich zurückzogen ohne etwas entdeckt zu haben. Lange hatte sie da gestanden an diesem ersten Tag und das Unentdecktbleiben genossen. Eng hatte sie die Hände an den Körper gepresst. Eine seltsame Erregung hatte sie ergriffen, ein erotisches Aufflammen, ein Kribbeln und sie war nicht umhingekommen ihre Brüste leicht zu streicheln – hätte Lust gehabt sich zu reiben, legte ihre Hand auf ihre Hose, drückte leicht ihr Geschlecht. Niemand konnte es sehen. Niemand. Und sie stand da und wusste, dass sie erregt war. Sie hatte sie gespürt. Hatte die Hände auf ihrem Körper gespürt. Wie sie sie entdeckten, wie sie sie erforschten – eine lebendige Skultur, ein Kunstwerk aus Fleisch und Blut, das still und ruhig dastand, sich greifen ließ – begriffen wurde. Sie hatte sie gespürt und war dennoch nicht berührt worden.
An diesem ersten Tag hatte sie noch weitere Nischen entdeckt und sie sich eingeprägt. Ohne darüber nachzudenken war ihr klar geworden, dass sie diesen Raum noch oft besuchen würde. Irgendwann hatte sie sich dann dem Strom der zum Licht drängenden Massen angeschlossen. Sich hinaustreiben lassen in die gleißende Helligkeit des Frühsommertages. Langsam wurde es heller und selbst diese allmähliche Helligkeit blendete nach den Stunden der Finsternis. War sie so lange in diesen Räumen gewesen? Sie konnte es nicht sagen. Eine Stunde? Zwei? Sie wusste es nicht und es war ihr gleichgültig gewesen. Wie in Trance war sie nach Hause gegangen. Ihr Körper war immer noch erregt gewesen und die Wärme der hoch stehenden Sonne hatte ihre Empfindungen noch verstärkt. Wohlig hatte die Haut die Wärme aufgesogen, sie erhitzt, ihre Phantasie weiter angefacht. Sie hatte sich in diese Trance fallen lassen, ihre Bewegungen waren von einer lasziven Leichtigkeit gewesen, sie strahlte die Menschen um sich herum liebestrunken an und wusste, dass sie die Blicke auf sich gelenkt hatte.
Philipp hatte sie wie immer erwartet und wurde ein weiteres Mal überrascht. Desiré hatte ihn zu sich herangezogen, ihre Arme um ihn geschlungen, ihn geküsst, leidenschaftlich seine Lippen mit ihrer Zunge aufgebrochen. Ihre Hand hatten seinen Hosenbund ergriffen, den Knopf, den Reißverschluss geöffnet und sich auffordernd und bestimmt auf sein Glied gelegt. Vollkommen überrumpelt war er ihr gefolgt, hatte sich von ihr zum Bett zerren lassen und sie genommen – oder besser: Er war von ihr genommen worden.
„Tanja!“ Desiré lief auf das Mädchen zu und umarmte sie. „Hallo Desiré!“ Tanja küsste sie auf die Wange. „Wie geht’s?“ Desiré hakte sich bei ihr unter und schlenderte mit ihr durch die Eingangshalle hin zur breiten Treppe, die zu den Hörsälen führte. „Gut geht’s mir“, strahlte sie und lachte sie breit an. „Wir sollten wieder einmal zusammen was unternehmen. Was machst du Dienstagabend?“ „Ich glaub, da hab ich noch nichts vor. Ich müsste zwar mal in die Psychologieunterlagen schauen und hab noch ein paar Bücher durchzuarbeiten, aber das kann warten.“ Sie schritten nun eilig aus und strebten dem Hörsaal zu. Obwohl sie ziemlich früh da waren, hatte der Saal sich schon zur Hälfte gefüllt. „Und – was machst du so? Wie steht’s mit Phillipp?“, erkundigte sich Tanja neugierig. „Oh – gut. Wirklich. Ziemlich gut sogar“, sagte Desiré ihrer Freundin. „Nur zeitlich bin ich etwas eingespannt. Das Studentenbüro – also irgendwie ist das zur Zeit … na ja. Du weißt ja.“ „Hast du Stress? Ich meine: Läuft’s nicht so, wie du dir das wünschst?“ „Nein. Eigentlich läuft das ganz prima. Es ist nur – ich häng mit den Vorlesungen hinterher und komm zur Zeit einfach nicht richtig zum Arbeiten.“ „Hör bloß auf! Wann hast du schon mal richtig fürs Studium gearbeitet?“ „Du musst gerade reden!“, feixte Desiré zurück. „Dir fällt das ja doch alles von selbst zu.“ „Mal ernsthaft: Soll ich dich im Studentenbüro vertreten? Ist es das, was du meinst?“ Desiré blickte sie etwas verlegen an. „Würdest du das tun? – Wäre auch nicht allzu lange. Ein oder zwei Wochen – im Höchstfall. Du würdest mir einen riesigen Gefallen tun.“ „Ernsthaft: Das hat doch nichts mit dem Studium zu tun. Oder?“, fragte Tanja mit neugierigem Blick. „Was denkst du denn?“ „Hast du – hast du was laufen? – Ich meine: irgendwie ‘ne Seitenbeziehung oder so?“ „Bist du verrückt? – Natürlich nicht.“ „Aber?“ „Nichts aber. Wie gesagt: das Studium …“ „Komm – erzähl mir nichts. Ich mach das gern für dich. Aber dann musst du mir auch reinen Wein einschenken.“ „Es ist nicht so, wie du denkst. Wirklich nicht. Aber es hat auch nichts mit dem Studium zu tun. – Ich … ich verspreche dir, dass ich es dir Dienstag erzähle. Aber jetzt schon mach ich dich darauf aufmerksam, dass es da nichts zu lachen gibt. Klar? Und … also: Philipp …“ „Was ist mit Philipp?“ „Gott ja – er muss nicht unbedingt wissen, dass du mich vertrittst.“ „Ei, ei – also doch …“ „Nein. Ehrlich. Nicht das, was du denkst. Es hat mit Philipp nichts zu tun. Wirklich nicht. Es ist nur … ich weiß nicht warum – und du wirst es am Dienstag ziemlich belämmert finden – ich will nicht, dass er es weiß. … Oder so …“ „Manchmal gibst du einem Rätsel auf …“, flüsterte Tanja, da es im Hörsaal still geworden war und der Professor bereits am Pult stand.
Wie befreit verließ Desiré nach den Vorlesungen die Universität. Tanja würde sie vertreten und sie würde Zeit haben. Zeit. Viel Zeit. Diesmal trödelte sie nicht. Diesmal nahm sie die Schnellbahn und war in weniger als 15 Minuten an der Halle. In freudiger Erregung löste sie eine Karte und trat in die Dunkelheit. Zielstrebig tastete sie sich vor und blieb in einiger Entfernung des Eingangs stehen – an der Seite ohne Seil den Menschenstrom an sich vorbeiziehen lassend. Sie war wieder hier. Erregt verharrte sie, lauschte, schloss die Augen, ließ den Raum auf sich wirken – das Raunen, das Flüstern, die Schritte –, genoss ihre Unsichtbarkeit, die sie mit den anderen verband und doch von ihnen trennte. Ganz still stand sie da und horchte in sich hinein, versuchte ihre Empfindungen zu analysieren, beobachtete sich selbst, hing ihren Bildern nach. Dann trat sie vorsichtig zurück – immer weiter, bis sie mit dem Rücken an die Wand stieß, lehnte sich dagegen, rutschte an ihr auf den Boden und blieb dort entspannt hocken. Sie war wieder hier.
Sie schloss die Augen und lauschte in den Raum. Die vielfältigen Geräusche mischten sich für sie zu einer eigenwilligen Melodie, der sie sich konzentriert hingab. Wieder tauchte in ihrer Erinnerung Mike auf. Wie oft hatten sie auf diesem alten Dachboden des Hauses seiner Eltern ihre Spiele gespielt. Ein erregendes Kribbeln erfasste sie. An einem dieser seltsamen Tage, an denen sie sich für Stunden der Finsternis anvertrauten – an einem dieser Tage hatte er sie berührt. Sie hatte sich hinter einer großen Truhe verborgen, den Atem angehalten und seine Suche mit den Ohren verfolgt – das Tapsen, das sich erst im Dunkeln verlor, dann wieder allmählich näherte, die Hände, die über Schränke schleiften, durch Tücher fuhren – sie konnte die unterschiedlichen Oberflächen, über die sich die Hände bewegten, allein an ihrem Klang unterscheiden – er hatte sich immer mehr genähert und ihr Herz hatte bis zum Hals gepocht. Es war eine seltsame Erregung gewesen. Eine andere Erregung, als sie sie sonst empfunden hatte. Diese Erregung hatte sich in ihrem Bauch manifestiert, zog sich hinab zu ihrem Geschlecht und sie glaubte sich erinnern zu können, dass sie selbst in dieser undurchdringlichen Finsternis errötete. Es waren Empfindungen, die sie kannte, die sie immer auch gesucht hatte – allein, in ihrem Bett – für sich. Ganz für sich allein. Nie hatte sie sie geteilt. Nie mitgeteilt. Wohlige Empfindungen, die sie wärmend umgaben, die in die Geborgenheit der Decke, die Dunkelheit ihres Zimmers eingebettet waren, die in ihr Freude, Lust und Angst vor Entdeckung verursachten. Angst vor Entdeckung, da sie damals nicht sicher war, ob das intuitive, leichte Reiben ihres Geschlechts etwas Unziemliches war, etwas Verbotenes. Sie hatte entdeckt, dass das leichte Reiben ihrer Scham die Erregung steigerte, ihr ein ganz weiches Gefühl im Bauch verursachte, sie beruhigte, ihr manchmal diffuse Ängste nahm, sie ruhiger schlafen ließ. Die wohlige, warme Feuchte zwischen ihren Beinen beunruhigte sie anfangs, bis sie entdeckte, dass dadurch das Reiben noch intensiver, lustvoller gelang. Sie hatte es immer genossen. Mit diesen Empfindungen hatte sie hinter der Truhe gekauert und es hatte ihr geschienen, als sei dies nicht der rechte Ort, auch nicht die richtige Zeit für diese Empfindungen – und doch hatte sie nicht umhin gekonnt, ihre Hand unter das leichte Kleid zu schieben und sie auf dem Höschen zwischen den Beinen liegen zu lassen. Sie hatte ihr Geschlecht gedrückt, gestreichelt und war von einer Welle der Erregung erfasst worden, wie sie sie in ihrem Bett noch nicht erlebt hatte – ein leises Aufseufzen, einige wenige schnelle Atemzüge und Mike hatte sie gehört. Erschrocken hatte sie wieder den Atem angehalten, als sie seine Hände auf der Truhe hörte. Er hatte sich am Truhendeckel entlanggetastet, die Truhe umrundet und seine Hand hatte als Erstes ihr Knie gefunden – das nackte Knie. Kurz hatte er seine Hand darauf ruhen lassen und zögernd war die Hand weitergeglitten. Weiter auf der Haut ihrer nackten Schenkel. Und sie hatten nicht wie sonst gelacht, sich einander kichernd entzogen, sich erleichtert zu erkennen gegeben – nein, sie hatten geschwiegen. Ein tiefes, spannungsgeladenes, erregtes Schweigen hatte sich drückend auf sie gelegt – drückend und wissend. Sie hatte sich der Hand nicht entzogen. Sie war nicht weggerutscht. Sie hatte gebannt hinter der Truhe ausgeharrt und den Weg der Hand verfolgt. Die tiefe Schwärze der Dunkelheit, die sie umgab, hatte ihr wie ein Schutzschild geschienen, wie ein Mantel, wie eine Tarnung – es war nicht sie, die dort gesessen hatte, nicht sie war es. Es waren nicht seine Hände gewesen. Noch niemals hatte sie jemand berührt. Nicht an den Schenkeln. Nicht an der Innenseite der Schenkel, die sie, ohne sich dessen bewusst gewesen zu sein, leicht gespreizt hatte, der Hand geöffnet darbot, der Hand, die nicht ihre gewesen war – so als hätte sie schon lange auf diese Hand gewartet. Die Hand hatte sich weiter vorgeschoben – zögernd, als würde sie eine Abwehr erwarten, ein energisch Halt gebietendes Signal – aber es war ausgeblieben und so war sie weitergeglitten, ganz sacht, ganz still und sie hatte ihre Hand weggezogen, um dieser anderen Hand den Platz zu überlassen, die sich auf ihr Geschlecht gelegt hatte. Ruhig – zaghaft – hatte sie dort gelegen und sie konnte nicht sagen, welchem Impuls sie damals gefolgt war – aber sie hatte der Hand den Weg gezeigt. Den Weg ins Innere. In dieser Abgeschiedenheit und Anonymität der tiefen Finsternis, in diesem lichtlosen Raum, dieser Schwerelosigkeit der absoluten Schwärze hatte sie die Hand genommen – ganz sanft, ganz vorsichtig, um sie nicht zu erschrecken – hatte die Hand genommen und unter ihr Höschen geschoben, sie auf ihre Mitte gelegt, sie geführt. War es Mikes Hand gewesen? Waren es seine Finger gewesen? In diesem Augenblick war es für Desiré nur eine Hand gewesen – eine fremde, warme, zärtliche Hand, verschüchtert, zögernd, ängstlich. Eine Hand, in der sie die Furcht vor Zurückweisung, vor Bestrafung erspürte, die ihr ein seltsam zärtliches Empfinden, beinahe Mitleid abgerungen hatte, der sie sich öffnen hatte wollen. Sie hatte die Hand ihres Freundes auf ihr Geschlecht gelegt, hatte mit ihren Fingern die seinen geführt, zwischen die weichen Lippen, dorthin, wo sie von warmer Feuchtigkeit umfangen wurden, hatte die Hand gelehrt, wie sie sich bewegen sollte, durfte! Und sie hatte sich dann dieser Hand überlassen. Die Finger waren eingetaucht in die fleischigen Lippen, eingetaucht in die wohlige Wärme, hatten den empfindsamen Punkt gefunden, den sie ihnen gezeigt hatte. Sie hatten geschwiegen. Ihrer beider Atem war heftiger geworden, ein leichtes Keuchen, ein sanftes Seufzen. Zaghaft hatte sie nach dem Körper getastet, der zu der Hand gehörte. Hatte sich vorgetastet, gefunden. Hatte unbewusst die Stelle gefunden, die sie gesucht hatte, die sie hatte berühren wollen. Als ihre Hand die Stelle fand, spürte sie ein kurzes Zusammenzucken, ein Versteifen des Körpers – die Finger an ihrer Klitoris hatten kurz innegehalten und der Atem hatte gestockt – der Körper war erschrocken – ein wenig – und dann erwacht. Sie hatte es am heftigen Ein- und Ausatmen gemerkt. Wie seltsam fremd, wie eigenartig neu war ihr dieser Körper erschienen, den sie schon so oft in unschuldigem Rangeln und Balgen berührt hatte. Nun, in dieser Finsternis, da sie diesen Körper nicht mit den Augen hatte wahrnehmen können, da nur ihre Hände sehen konnten, nun hatte er ihr seltsam fremd und erregend geschienen. Sie hatte sich an den Schritt herangetastet, die deutliche Ausbuchtung in der Hose ertastet, ihre Hand daran gerieben, gespürt, wie die Ausbuchtung stärker wurde, lebendiger. Während sie die Finger weiter streichelten, ihre zarte Knospe reizten, öffnete die andere Hand hastig die Hose, schob sie ein wenig nach unten und fingerte etwas heraus – etwas, das sie ergreifen konnte, warm und fest, mit zarter, weicher Haut umschlossen: ein harter Stab, der in ihre Faust gelegt wurde; und genau so, wie sie davor den Fingern gezeigt hatte, was sie tun sollten, zeigte ihr nun die Hand, was sie mit ihrer Faust um den Stab tun durfte. Und so hatte sie begonnen zu pumpen, zu schieben, immer vor und zurück – angespannt, ängstlich, neugierig. Sie hatte ihn gerieben, dessen Haut sich vor und zurück schieben ließ, hatte ihn gerieben und seine Lebendigkeit in ihrer Faust gespürt, während die Finger an ihr immer heftiger zu massieren begonnen hatten. Es war ihr schwindelig geworden und sie hatte ihre Seufzer nicht unterdrücken können. Ihr Herz begann zu rasen und sie hatte der Hand ihr Becken entgegengereckt. Es hatte so gut getan, so gut, von dieser fremden Hand gestreichelt zu werden. Und doch war es ihr bange geworden, hatte die Angst sie beinahe aufgefressen, die Unsicherheit, die Scham – aber es war dunkel. Ganz und gar dunkel und der, welchem die Hand gehörte, hatte sie nicht sehen können. Nicht ihren Körper, nicht ihre Verzückung. Sie war sicher gewesen. Sicher zugedeckt von der Dunkelheit. Und dann hatte sie es gespürt. Pulsierend hatte sich der Stab aufgerichtet und sie war erschrocken, sie hatte geglaubt etwas falsch gemacht zu haben – der Körper erzitterte, zuckte auf und sie ließ den Stab fahren, als sie die Nässe spürte, die aus ihm herausgeschossen war, sich über ihre Hand ergossen hatte. Sie war zutiefst erschrocken, auch über das Stöhnen, das laute Ächzen, das der Körper vor ihr in der Finsternis ausstieß. Hatte sie ihm weh getan? Hatte sie etwas falsch gemacht? Aber es schien ihr nicht so. Es war ein seltsam gequälter Laut, den Mike ausgestoßen hatte, ein gequälter Laut der Erlösung, der Entspannung und sie hatte gespürt, wie sich in ihr tausend Lichter auftaten, wie kleine Explosionen ihren Kopf erfüllten, wie ihr Unterleib pulsierte und sie hatte den kleinen, kurzen Schrei nicht vermeiden können, der sich aus ihrer erschrockenen Kehle ins Freie geflüchtet hatte. Die Finger waren zurückgezuckt und sie waren in der Dunkelheit einander verloren gegangen. Sie hatte ein Rascheln und Schieben vernommen, hatte gewusst, dass Mike seine Hose zumachte, dass er seine Kleider ordnete, dass er sich an der Truhe auf den Boden hatte hinabgleiten lassen, dass er vor ihr saß, vor ihr in dieser undurchdringlichen Dunkelheit, in der sie ihre Hand auf ihr pulsierendes, saugendes Geschlecht gelegt hatte, die Schenkel geschlossen, der neuen, erregenden Empfindung nachgehend, sie weiter erspürend – dieser Angst machenden Erregung, die sie ergriffen hatte, die ihr noch unbekannt gewesen war und die sie bereits wieder herbeigesehnt hatte. Lange hatten sie in der Finsternis gehockt und schließlich war Mike aufgestanden und wortlos fortgeschlichen, hatte sie alleine zurückgelassen. Sie war ihm bald gefolgt und hatte ihn im Garten gefunden. Stumm hatten sie beieinander gestanden. Sich nicht angesehen. Geschwiegen. Dann, plötzlich, hatte er sie angerempelt, sie zur Seite geschubst und war losgerannt – und sie hatte ihn verfolgt, durch den ganzen Garten, lachend, kreischend, prustend, bis sie sich gefangen hatten und zu Boden geworfen. Sie hatten gebalgt, sich übereinander gewälzt, sich gepufft und waren schließlich außer Atem im Gras liegen geblieben.
Über die Ereignisse in der Finsternis des Dachbodens hatten sie nie wieder gesprochen. Und nie wieder hatten sie sich berührt. Beinahe bedauerte Desiré diesen Umstand noch immer. Auch jetzt noch, in diesem Augenblick, da sie in der Schwärze des Raumes dem Raunen, Rascheln, Tappen und Trippeln nachlauschte und die Erregung von damals spürte. Sie entdeckte, dass ihre Hand an ihrem Geschlecht lag, und sie erschrak beinahe ein wenig, bis sie sich klarmachte, dass niemand sie sah. Niemand. Niemand ahnte auch nur, dass sie an dieser Wand hockte, dass sie ein Stück seitwärts des Weges saß, an dem die anderen Besucher sich vorbeitasteten. Sie spürte, wie ihr die Hitze in den Kopf stieg. Die Hitze der Erregung, der Angst, der Anspannung – die Hitze des Gedankens. Hier. Jetzt. Und niemand würde es merken. Niemand würde es sehen. Niemand bemerken. Jetzt, unter all den Menschen, die nur wenige Meter von ihr entfernt an ihr vorübergingen. Hier. Jetzt. Während sich die Massen tastend und stolpernd vorwärts drängten – dem Ausgang entgegen. Hier würde sie hocken, die Beine gespreizt …
Es zog ihr das Herz in schmerzhafter Erregung zusammen. In aller Öffentlichkeit. Aber nicht unter aller Augen. Und wenn sie jemand hörte? Wenn jemand aufmerksam wurde? Niemand würde aufmerksam werden. Niemand. Sie spürte das Ziehen und Pulsieren in ihrer Vulva, spürte die Feuchtigkeit. Niemand. Niemand würde es merken. War sie denn vollkommen verrückt geworden? Was sollte das? Ihr Kopf dröhnte, ihr Herz pochte, die Knie zitterten leicht und sie wusste: Sie würde es tun. Würde es tun müssen.
Sie ließ sich auf die Knie fallen, öffnete den Knopf der Hose, zog behutsam und geräuschlos den Reißverschluss nach unten – den Atem krampfhaft anhaltend in der unsinnigen Angst, es könnte sie jemand atmen hören. Sie spreizte ihre Schenkel, schob ihre Hand unter den Slip und ließ ihre Finger zwischen die Lippen gleiten. Feuchtigkeit umfing die Fingerspitzen, die sich leicht reibend der Klitoris bemächtigten, und sie sank nach hinten, lehnte sich gegen die Wand, das Becken leicht vorgeschoben. Die andere Hand glitt unter das T-Shirt, streichelte die Brüste, liebkoste die steifen Brustknospen. Flach atmend, jedes Geräusch vermeidend begann sie sich zu streicheln und ihr Kopf wollte ihr platzen. Feuerfunken tanzten vor ihren Augen, das Blut pulsierte schmerzhaft in den Schläfen und sie spürte, wie ihre Erregung stieg, sie fortriss, wie sie der leichte, ihr so gut bekannte Schwindel erfasste. Das Kichern, das Schurren und Scharren, das Murmeln, das Lachen und Flüstern, die kleinen Schreie des Entzückens oder Erschreckens, das Tasten und Tapsen dröhnten in ihren Ohren, schienen den Raum immer mehr zu erfüllen und ihre Hand trieb sie vorwärts, immer höher spannte sich der Bogen, immer dröhnender wurden die Geräusche um sie herum. Sie schloss die Augen, ihr Kopf lag weit hinten, wiegte sich leicht hin und her, sie hielt den Atem flach, presste ihn lautlos aus sich heraus, spitzte die Lippen, das Keuchen unterdrückend. In langen Wellen brandete der Orgasmus in ihr auf, schmerzhaft sich im Kopf manifestierend, mit tausend Splittern sie durchbohrend. Knirschen, Schleichen, Schlurfen, Stimmen aus tausend Kehlen vereinten sich zu einer Mischung, die sich in Kaskaden mit ihrem Orgasmus vereinte, sie wegriss – ihr Körper spannte sich zu einem Bogen, sie schleuderte ihren Kopf weit nach hinten, bäumte sich auf, der Mund weit geöffnet in lautlosem Aufschrei, krampfartig nach innen atmend, peitschte sie sich mit den Fingern durch den sie verbrennenden Höhepunkt – inmitten der Massen – inmitten der Massen – sie sackte zusammen, ließ sich an der Wand hinabgleiten, rang nach Atem – lautlos, angestrengt – ihre Lungen wollten ihr platzen und sie konnte nicht genug Sauerstoff in sich hineinpumpen. Erschöpft und mit rasenden Kopfschmerzen legte sie ihren Kopf auf die über den Knien verschränkten Arme. Sie war verrückt. Verrückt! Was tat sie da? Was um alles in der Welt hatte sie sich dabei gedacht? Und zwischen Kopfschmerzen, Selbstvorwürfen, Verleugnung und einem Anflug von Verzweiflung stieg ein erlösendes, lautloses Lachen in ihr auf, das sie schüttelte – ein Lachen der Erleichterung, der Entkrampfung, der Befreiung – es war ihr, als wäre sie wieder mit Mike im Garten, läge mit ihm im Gras, balge sich mit ihm und sie war glücklich.
Ihre Scham öffnete sich, Feuchtigkeit benetzte ihre zarten Lippen und sie spürte der Erregung nach, die sie immer noch gefangen hielt. Liebevoll legte sie die Hand auf ihr Geschlecht, liebevoll und nachsichtig mit sich selbst. Gott, war das gut gewesen! Und niemand hatte etwas bemerkt. Niemand hatte es mitgekriegt. Sie hatte sich befriedigt, mitten in der Halle, ohne dass es je irgendjemand wissen würde. Sie waren nur wenige Meter von ihr entfernt. All diese Menschen. Ahnungslos an ihr vorbeigestolpert und sie hatte masturbiert. Einfach so!
Langsam lösten sich ihre Kopfschmerzen und ihr Atem normalisierte sich. Sie fühlte sich etwas schlapp und angenehm müde. Sie hätte einschlafen mögen. Einfach ein wenig hinwegdösen. Wieder stieg ein Lachen in ihr auf und sie spürte das unbändige Bedürfnis zu jubeln. Kopfschüttelnd richtete sie sich auf, ordnete ihre Kleidung und stahl sich leise zwischen die Menschen, die sich an den Seilen entlanghangelten. Mit etwas weichen Knien suchte sie ihren Weg durch die Halle. Als sie an eine Nische kam, öffnete sie schnell das Seil, schlüpfte hinein, hakte das Seil hinter sich wieder zu. Da stand sie nun und verhielt sich ganz still. Immer noch war sie erregt, immer noch zog ihr Geschlecht, saugte, pulsierte. Sie wollte abwarten, bis sie sich beruhigt hatte, bevor sie wieder in das Treiben der Stadt eintauchte, sich wieder den erschlagenden Bildern der Straßen aussetzen mochte. Eine leise Traurigkeit stahl sich in ihre Brust. Sie konnte nicht bestimmen, woher sie rührte. Sie war einfach in ihr, hatte sich eingenistet und saß wie ein Stachel in ihr fest. War es Einsamkeit? Die Einsamkeit im Dunkeln. Die Tatsache, dass niemand sie suchte? Einmal damals auf dem Dachboden hatte Mike sie nicht finden können. Er hatte an allen möglichen Stellen nach ihr gesucht, hatte dann resigniert aufgegeben, sich irgendwo hingehockt, sie aber auch nicht gerufen, und sie hatte dieselbe Beklemmung empfunden – alleine in der tiefen Dunkelheit, seine Anwesenheit wahrnehmend und doch von ihm nicht erreicht. Hier war nicht einmal Mike anwesend. Niemand suchte sie. Niemand wusste um ihr Spiel, dessen sie sich selbst kaum bewusst war. Sie stand da. Ganz still, stand da und versuchte sich zu sammeln. Sie bedauerte beinahe, dass sie nicht sofort gegangen war. Gleich. Gleich nach dem Abklingen der Erregung, nach dem Höhepunkt, der sie so erschüttert hatte, der sie so gemartert hatte, den sie in dieser Intensität selten erlebt hatte. Sie hätte gehen sollen und die Erregung mitnehmen, den Höhepunkt auskosten. Nun stand sie starr in der Nische und spürte diese diffuse Trauer, ließ sich von ihrer Einsamkeit gefangen nehmen, konnte nicht entfliehen.
Sie drückte sich tiefer in den Hintergrund und lauschte angespannt ins Dunkel. All diese Geräusche, die ihr so vertraut geworden waren, die sie in ihrer Erregung begleitet hatten, die sie zum Überfließen in peinigender Lust aufgepeitscht hatten – einfach weil sie dagewesen waren, von Menschen verursacht, die sie nicht sehen konnten, die nicht ahnten, was in ihrer Nähe geschah, die nicht bemerkten, dass eine Frau sich zum Orgasmus trieb, direkt neben ihnen –, all diese Menschen in ihrem hilflosen Tapsen, ihrem verhaltenen Raunen, ihrem verlegenen Lachen, sie offenbarten ihr jetzt ihre Einsamkeit, ihr Alleinsein mit ihrer Lust, ihrer Sinnlichkeit, ihrem Körper. Sie spürte körperlich, wie sich die Leiber vorbeischoben, mit kurzen, hastigen, unsicheren Schritten. Manchmal verharrte ein Schritt, deutete ein Luftzug ergebnisloses Tasten an, ein hastiges Fuchteln, so schien ihr, ungezielt, unmotiviert. Gruppen schoben sich vorbei, sich neckend, scherzend – eine Gruppe Jugendlicher – „Geh mir von den Titten“ – eine kreischende Mädchenstimme – „Hast mir ja auch zwischen die Beine gefasst“ – die gegrölte und bejubelte Antwort und sie stand in der Nische, dieser endlos leeren Nische, und wusste plötzlich nicht mehr, was sie in diese Dunkelheit getrieben hatte. Sie kam sich verlassen vor, wie damals, als Mike die Suche nach ihr resigniert abgebrochen hatte – zu stolz um nach ihr zu rufen, zu stolz seine Aufgabe einzugestehen –, und sie verloren in der hintersten Ecke gekauert hatte, unschlüssig, ob sie ihm ein Zeichen geben sollte, während die Einsamkeit an ihr genagt hatte.
