I D E N T I T Ä T - Ingo Karwath - E-Book

I D E N T I T Ä T E-Book

Ingo Karwath

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Beschreibung

In diesem Buch geht es um den Existenzkampf der Demokratie, die nicht nur von außen gefährdet ist, etwa durch autoritär geführte Staaten, sondern auch von innen durch eine zunehmend moralisierende Elite, die die Probleme der Gesellschaft mit dogmatischen Ideologien anstatt pragmatischer Vernunft bewältigen will. Elementare Werte der Demokratie wie Versammlungs-, Presse- und Meinungsfreiheit werden nur noch plakativ hochgehalten, aber längst nicht mehr vorgelebt, im Gegenteil immer mehr unterdrückt durch Versuche, die Gerichte politisch für die eigene Agenda zu instrumentalisieren.

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Seitenzahl: 388

Veröffentlichungsjahr: 2025

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I D E N T I T Ä T

 

Demokratie am Abgrund

 

Inhalt

Prolog

Identität

Medien

Eliten

Moral

System

Werte

Ideologie

Mehrheiten

Generationen

Epilog

 

 

 

 

 

 

Autor: Ingo Karwath

 

 

PROLOG

 

„Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren.“ (Benjamin Franklin, amerikanischer Politiker und Schriftsteller)

 

Der 23. Mai 1498 ist ein regnerisch trüber Tag in Florenz, und es wird der letzte sein im Leben des 47-jährigen Girolamo Savonarola, der den Klerus, dem er selbst angehörte, herausforderte und dafür nun mit dem Leben büßen muss. Die Hinrichtungsstätte auf der Piazza della Signoria ist dicht umlagert von Schaulustigen, die von überall herbeigeströmt sind. Direkt gegenüber dem erhöhten Richtplatz haben die kirchlichen und weltlichen Würdenträger, gekleidet in prächtige Gewänder, wobei das Purpur überwiegt, auf einer eilends errichteten provisorischen Tribüne, von der aus sie beste Sicht haben, Platz genommen. Sie scheinen eine Vorahnung zu verkünden, mit scharlachroten Blut verwoben, die rachelüsternen Blicke kaum verhohlen verdeckt von riesigen Kardinalshüten. Wie konnte er es wagen, ein einfacher Bettelmönch? Sie führen den angstvoll Dreinblickenden in Ketten vor mit zwei Leidensgenossen unter dem schadenfrohen Gejohle derer, die dem nunmehr vom Papst persönlich exkommunizierten Delinquenten noch vor wenigen Tagen nicht wagten, in die Augen zu sehen, und ihm auf Knien unterwürfig schworen, jederzeit ihr willfährige Diener zu sein. Er blickt immer wieder zum Himmel, bevor er seiner Kleider entledigt und nackt unter dem Galgen mit einem Strick um den Hals ruckartig nach oben gezogen wird, wo er zappelnd in der Luft hängen bleibt. Dann lassen sie den fast Erstickten wieder nach unten stürzen, wo die Henker, die ihm schon im Kerker fürchterlichste Schmerzen mit allerlei Folterwerkzeugen zufügten, auf ihn warten, aber keinen schnellen Tod gönnen. Leiden soll er, der verfluchte Hund, beten die Kardinäle still auf der Tribüne. Er, der ihre Ordnung auf den Kopf gestellt hat. Keine Gnade für Abtrünnige. Savonarola brüllt seinen Schmerz in die Menge, windet sich blutüberströmt unter Qualen, ehe sie ihn auf den Scheiterhaufen zerren und das Feuer an den Reisighaufen zu seinen Füßen entzünden. Flehentlich gehen die Blicke des Opfers immer wieder zum Himmel in Erwartung des versprochenen Gewitters, der die Flammen löschen und das Strafgericht über die Welt einläuten soll mit Blitz und Donner. Doch es geschieht nichts. Gott hat ihn verlassen; dafür hat er alles nur für ihn getan. Seine Mitläufer habe sich eiligst in alle Winde verstreut und leugnen ängstlich, den Mann überhaupt gekannt zu haben. Dann ist das Spektakel vorbei und die zufriedene Masse zerstreut sich. Der anwesende Papst nickt zufrieden, die Ordnung, seine Ordnung ist wiederhergestellt.

 

Savanarola kritisierte die Würdenträger der Katholische Kirche für ihr ungezügeltes, unfrommes und unkeusches Leben in Saus und Braus im Stile der ebenso verdorbenen Fürsten, die aus gottesfürchtigen Gläubigen verkommene Menschen mache. Alle sollten in gottgefälliger Armut leben und den schönen, da verdorbenen weltlichen Dingen zu entsagen, weshalb ihm Machiavelli, der Predigten im Auftrag des florentinischen Gesandten in Rom in San Marco besucht hat, demagogischen Eifer und religiös-ideologische Verblendung vorwarf. Dennoch gelang es dem Prediger, die verworrene politische Situation in Italien im Krieg mit Frankreich auszunutzen, die Medici vorübergehend aus der Stadt zu vertreiben und eine eigene Schreckensherrschaft zu errichten. Savanarola hat vorweggenommen, was später Maos jugendliche Horden in der Kulturevolution in China wiederholen sollten, als er die Jugend von Florenz instrumentalisierte, ihre Eltern zu denunzieren, in die Häuser der Patrizier einzudringen und alles gotteslästerliche, verwerfliche, dekadente und sexuell anzügliche Gut zu beschlagnahmen und auf einem Scheiterhaufen im Zentrum der Stadt zu verbrennen. Viele lieferten ihre Besitztümer im vorauseilenden Gehorsam aus oder denunzierten sich gleich selber, darunter auch ein gewisser Botticelli (Die Geburt der Venus, Uffizien Florenz), der eigenhändig einige seiner Gemälde ins Feuer warf.

Savanarola bleibt eine der umstrittensten Figuren der Weltgeschichte, den einige für einen frühen, aber revolutionäreren Luther, andere für einen Demagogen halten. Bildersturm, Bücherverbrennung - das Fegefeuer der Eitelkeiten beginnt wieder aufzulodern. Zwischen religiösen und ideologischen Eifer besteht kein Unterschied; er hat dieselben Wurzeln.

 

 

 

 

 

 

 

 

IDENTITÄT

 

„Die Menschen scheuen sich weniger, einen anzugreifen, der sich beliebt gemacht hat, als einen, den sie fürchten.“ (Niccolò Machiavelli, italienischer Autor)

 

Bei Reisen nach Südamerika wird der Besucher erstaunt feststellen, wie stark die nationale Identität dort in den einzelnen Ländern verankert ist, obwohl die indigene Bevölkerung weitestgehend von einer starken spanischen Oberschicht, die den Kontinent vor rund 500 Jahren brutal und blutig eroberte, dabei vor Genozid nicht zurückschreckte, dominiert wird. Nach der Conquista mit einer erschreckenden Dezimierung der Ureinwohner entstanden völlig neue Länder mit zum Teil willkürlich gezogenen Grenzen mitten durch ehemalige Reiche wie etwa das der Maya auf dem heutigen Gebiet von Mexico, Guatemala, Honduras und Belize. Auf den großen Plätzen der Hauptstädte und an den Küsten, wo sie anlandeten, stehen die bronzenen Helden aus Europa und blicken hoch zu Ross überlegen auf ihre Untertanen herab. Kolumbus, Cortez, Pizarro, Balboa und wie sie alle heißen. Ein schlechtes Gewissen wegen ihrer Verbrechen scheint keiner zu haben. Und die Nachfahren der eroberten Völker interessieren sich für die Typen nicht. Ihre Wurzeln sind weiter fest verankert in der Region, aus der sie stammen, egal wie sie heute heißt und wer sie regiert. Weiter im Süden liegen Peru, Ecuador, Kolumbien und Bolivien, das alte Land der Inka, in denen weiter die indigenen Nachfahren leben, obwohl die Herrschaft seit der Eroberung eine europäisch geprägte ist. Wer einmal persönlich vor Ort erlebt hat, welche Emotionen Fußballspiele in Lateinamerika freisetzen, wird vielleicht darüber erstaunt sein, welch starke nationale Identität sich die Nachfahren der Ureinwohner in den Ländern unter Fremdherrschaft bewahrt haben. Ländernamen und fremde Könige setzen der nationalen Identität keine Grenzen.

Nationale Identität. Bei diesem Begriff höre ich schon das Aufstöhnen der Bedenkenträger, die Verschwörungstheorien, Reichsbürger, Aluhüte und Nationalismus assoziieren, wenn sie nur das Wort national hören. Nationalität und Nationalismus haben den Wortstamm gemein, mehr nicht. Der politische Missbrauch durch die Nationalisten ist allenfalls der perverse Versuch, eine Nation in Sippenhaft zu nehmen für eigene egomane Machtgelüste. Die nationale Identität, die ich meine, fußt auf der persönlichen Identifikation jedes Einzelnen in einer Gemeinschaft durch die sie verbindende Kultur, Kunst oder Sprache, Herkunft und Geschichte. Sie ist nicht zwingend gebunden an einen Staat oder einen Ort, aber in der Regel tief verwurzelt im verbindenden Gefühl, zusammenzugehören. Als Erfahrung aus der Völkerwanderung haben die Menschen gelernt, Verbindendes zu bewahren, um nicht zwischen anderen Völkern aufgerieben zu werden und spurlos in der Geschichte zu verschwinden. Im Gegensatz zum Nationalismus sieht sich die nationale Identität nicht in der Abwehr allen Fremden, sondern in der Bewahrung des Eigenen auch in der Fremde, unter fremder Besatzung und Zuwanderung. Wer in Befürwortern einer starken nationalen Identität politische Irrläufer wie die identitäre Bewegung, Reichsbürger oder Nationalisten, gar Nationalsozialisten sieht, missversteht den Wert der persönlichen Identität. Dass das Wort Nation in Deutschland verpönt ist, hat seine unstrittigen Gründe, basiert aber auf einer falschen Interpretation. Wir kommen aber nicht umhin, uns damit zu beschäftigen, weil sich am Ende jede Nation auch mit sich selber auseinandersetzen muss, wenn sie Bestand haben will. Oder sie hört irgendwann auf, eine zu sein. Auf Dauer verstecken, geht so wenig wie drumherum reden, ausblenden oder relativieren. Wir amputieren die deutsche Nationalhymne um die erste Strophe, da sie überholte Gebietsansprüche postuliert, trauen uns aber nicht, komplett damit zu brechen und einen neuen Text zu verfassen. Warum? Wir blicken verschämt in den Rückspiegel der Geschichte und erzählen jedem, der es hören will oder nicht, dass wir, die Bösen von damals nunmehr die Überguten sind. Aber Deutschland eine Nation? Nein, das geht nicht. Die deutsche Identität, soweit überhaupt je eine existiert hat, haben wir 1945 in der Garderobe der Historie abgegeben. Nationale Identität setzen hierzulande die moralisierenden Ideologen gleich mit deutschen Größenwahn. Und wie es sich für Dogmatiker gehört, schlagen sie alle Ketzer in Acht und Bann als den Teufel. Keine Sorge, nicht die Wiedergeburt des deutschen Nationalismus ist mein Thema, sondern die nationale Identität an sich. Verschüttet nach dem Krieg, überhört beim Mauerfall und unbeachtet gelassen noch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung. Zwei rudimentäre deutsche Identitäten im selben Staat, der mit dem Deutschland von früher nichts mehr zu tun haben will und untereinander tief gespalten bleibt. Finden wir nicht zurück zu einer gemeinsamen deutschen nationalen Identität, überwinden wir das Traumata des Krieges und der Teilung nie.

Peter Heather und John Rapley schreiben in ihrem Buch “Stürzende Imperien” über die Ursachen für den Untergang von Weltmächten wie dem Römischen Reich und kommen zu dem Schluss, dass nicht - wie bisher vornehmlich von Historikern vertreten - dem Sturz ein innerer Zerfall vorausgeht, sondern dass ein technologisches und wirtschaftliches Erstarken der peripheren Ränder für den Umbruch sorgte. Verursacher für ihrem Untergang sind nach dieser These die Imperien nur insoweit selber, als sie die eroberten Gebiete durch den Export eigener Errungenschaften erst in die Lage versetzt haben, sich der Fremdherrschaft durch erfolgreiche Gegenschläge zu erwehren. Die meisten Reiche wären demnach auf dem Höhepunkt ihrer Macht ins Verderben geschlittert, nicht wegen der Vernachlässigung eigener militärischer und wirtschaftlicher Stärken, verbunden mit einer zunehmenden Dekadenz der gesellschaftlichen Elite. Sie wollen wohl damit wohl auch eher rechten Theorien, Überfremdung durch Zuwanderung führe zu einer inneren Aushöhlung der Gesellschaft, wie sie etwa Thilo Sarrazin in seinem Buch “Deutschland schafft sich ab“ vertritt, entgegenwirken.

Sowohl das eine als auch das andere trifft zu, für den Untergang ist nie nur eine Ursache verantwortlich. Für die Annahme, eroberte Völker so stark gemacht zu haben, um sie zu einer existenziellen Gefahr für das eigene Imperium werden zu lassen, sprechen viele Fakten. Ohne die von den Azteken unterworfenen Stämme wie die Tolteken im Hochland von Mexico wäre Hernan Cortez mit seiner Handvoll spanischer Hidalgos nie in der Lage gewesen, die zigtausende Einwohner zählende Hauptstadt Tenochtitlán auf dem Texcoco See, die wohl weltweit modernste ihrer Zeit, einzunehmen, das weit überlegene Herr Montezumas zu besiegen und das Reich zwischen 1519-21 zu Fall zu bringen. Der gerissene Konquistador begriff schnell, allein keine Chance gegen die Überzahl zu haben, und verbündete sich daher mit den Unterworfenen, indem er ihnen als Gegenleistung fette Beute und die Rückgabe ihrer Unabhängigkeit versprach, was er natürlich nie einzuhalten gedachte. Aber das allein vermochte nicht, das Aztekenreich zu stürzen. Das gesamte Herrschaftssystem war auf eine zentrale Person ausgerichtet, den König an der Spitze. Er besaß als oberster Befehlshabergottgleiche Macht, weshalb die Spanier Montezuma im eigenen Palast festsetzten, während der Belagerung durch die Azteken auf einer Mauer zur Schau stellten und schließlich tot in die Menge warfen, um den Bewohnern zu zeigen, wie viel stärker sie waren als ihr Gott. Damit enthaupteten sie das Reich auf einfache, aber geniale Weise und setzten es buchstäblich Schachmatt. Der Begriff kommt aus dem Persischen und bedeutet wörtlich übersetzt König (Schah) tot. Im plötzlich kopflosen Staat brachen die Befehlsketten zusammen. Zwar gelang es den Azteken, die Spanier noch einmal aus der Stadt zu vertreiben, doch sie kehrten noch stärker zurück. Mit ihren modernen Stichwaffen aus Eisen, Musketen, Pferden und Booten, die sie in Einzelteilen über die Berge schleppten, um die Kanäle der Hauptstadt zu kontrollieren und zahlreichen indianischen Hilfstruppen gelang es ihnen schließlich, auch den letzten aztekischen Widerstand zu brechen.

Francisco Pizarro hat das Kunststück nach mehreren Anläufen eine Dekade später in Peru wiederholt, als er das Reich der Inka in ähnlicher Weise eroberte. Er lockte den Inka Atahualpa, der glaubte, es mit exotischen Gesandten, aber keiner ernstzunehmenden Streitmacht zu tun zu haben, aus seiner Hauptstadt Cusco auf den umzingelten Hauptplatz von Cajamarca, einer kleineren Stadt im Hochland der Anden, verübte ein Massaker an dem völlig überraschten Hofstaat und setzte den Monarchen fest. Dessen vor der Stadt lagerndes Herr von schätzungsweise bis zu 40.000 Mann verlor von jetzt auf gleich seinen Anführer. Aus Sorge um das Leben des Königs wagten die Krieger keinen Angriff auf die Eindringlinge. Später ließ auch Pizarro seine Geißel töten, als er Cusco eingenommen hatte und ihn nicht mehr brauchte. Wie zuvor Cortez nutzte er die zentralistisch aufgebaute Hierarchie gnadenlos zu seinem Vorteil. Doch anders als in Mexico war das Reich bereits geschwächt, u.a. durch eine tödliche Epidemie, eingeschleppt durch die Europäer schon Jahre davor, ehe die Inka überhaupt von den Neuankömmlingen Notiz nahmen, und wohl unbewusst durch die Einheimischen selber im Zuge von Handelswegen übertragen. Zudem beendete die Krone gerade erst einen erbitterten Erbfolgekrieg, aus dem Atahualpa als Sieger über seinen Halbbruder Huascar hervorgegangen war, nachdem ihr gemeinsamer Vater Opfer besagter Seuchen geworden war. Die spanischen Eindringlinge besaßen nicht nur eine überlegene Waffentechnik, sie machten sich auch die örtlichen Gegebenheiten und hierarchischen Strukturen zunutze, spielten zudem die Einheimischen skrupellos gegeneinander aus. Zu Hilfe kamen ihnen auch die fehlenden Abwehrkräfte gegen europäische Krankheiten und die Mythen der indigenen Völker. Alte Legenden erzählten von der Wiederkehr hellhäutiger, bärtiger Männer übers Meer auf seltsamen schwimmenden Festungen, um ihr einst von den Göttern verliehenes Reich zurückzufordern. Ihre Wiederkehr war in geradezu schicksalhafter Weise für das Jahr der Landung der Europäer an Mexicos Küste vorausgesagt worden und irritierte Montezuma zusätzlich. Durften sie Gesandte der Götter angreifen?

Diese Beispiele wiedersprechen der Annahme, die erstarkten Peripherien hätten den Untergang der Reiche herbeigeführt oder beschleunigt. Die unterworfenen Stämme waren den Spaniern ohne Zweifel eine wichtige Unterstützung im Kampf, in der Logistik und Verpflegung, ohne dem die Eroberung so schnell nicht möglich gewesen wäre. Aber sie alleine hätten das Reich auch nicht stürzen können, weder in Mexico noch Peru, und die Spanier wären sicher auch ohne Hilfe irgendwann erfolgreich gewesen. Ob die peripheren Nachbarn, unterworfene oder verfeindete Stämme, auch alleine ihre Unterdrücker erfolgreich hätten attackieren hätten, erscheint zumindest zum Zeitpunkt der spanischen Invasion unmöglich. Sie lebten auf etwa demselben kulturellen Level wie die Inka und Azteken, nicht nur dadurch, weil die Herrscher aus Cusco oder Tenochtitlán ihre Lebensweise in die eroberten Gebiete exportierten, wohl auch wegen der grundsätzlichen Verwandtschaft der mittelamerikanischen Kulturen, die seit Jahrtausenden Handel miteinander trieben, sich so austauschten und aufeinander aufbauten. Die verhassten Fremdherren gemeinsam zu vertreiben, kam ihnen anscheinend nicht in den Sinn, weil die ihnen aufgezwungene Ordnung auch eine gewisse Stabilität verhieß. Ein Sturz der Inka oder Azteken wäre nicht zwingend gleichzusetzen gewesen mit der Rückgewinnung ihrer Freiheit, eher Instabilität, weil das entstehende Machtvakuum sicher auch andere Interessenten angelockt hätte. Wir wissen wenig über die gesamte vorkolumbianische Geschichte, in der verschiedene Reiche, von denen wir kaum die Namen, nur fragmentarische Reste kennen, kamen und gingen, aber wechselseitige Eroberungen ein durchaus gängiges Modell aufzeigen. Woher kamen die Olmeken, die uns nur ihre riesigen Steinköpfe hinterlassen haben und deren richtiger Name im Dunkel der Geschichte noch auf seine Entzifferung wartet? Wo sind sie hin und ihr Reich, wenn sie eines eroberten? Welche Völker existierten noch? Im Amazonasgebiet sind mit einem neuen Laser Messverfahren (LIDAR), das vom Flugzeug aus Wälder digital „entlauben“ kann, gigantische bauliche Strukturen entdeckt worden, was vermuteten lässt, dass es dort - entgegen aller bisherigen Annahmen der Wissenschaft - große Siedlungen gab mit pyramidenähnlichen Gebäuden und ungefähr mindestens einer Million Menschen. Die Azteken waren selber eine unter Verdrängungsdruck anderer Stämme stehende und im Hochland von Mexico zwangsweise auf den Texcoco See ausgewichene Volksgruppe, die sich erst dort zum ernstzunehmenden Machtfaktor, die später ihre Ränder okkupierte, entwickelte. Auch die Inka sind keineswegs immer die dominierenden Herren von Peru gewesen, mussten sich diesen Platz erst gegen andere erkämpfen und unterwarfen sie doch nicht alle. Hätten die Spanier nicht nahezu sämtliche Aufzeichnungen systematisch vernichtet, wüssten wir heute vielleicht mehr über ihre Vorgeschichten. Aber auch die Europäer haben nicht jedes Volk erobert, auch in Südamerika wehrten sich kleine gallische Dörfer gegen die übermächtigen Römer.

Womit wir den Bogen zum Römischen Reich schlagen. Das cäsarianische Prinzip Divide et Impera! (Teile und Herrsche!) galt auch in den Anden und im Hochland von Mexico, was heißt, dass die Eroberer ihre Kultur den Besiegten übergestülpt haben, um sie in die eigene Gesellschaft zu assimilieren. Doktrin der Römer ist immer gewesen, die Menschen eroberte Völker zu römische Vollbürgern mit allen Rechten zu machen und so in die römische Kultur zu integrieren, um dadurch die Gefahr möglicher Aufstände zu minimieren, was ihnen ganz passabel gelungen ist. Wir finden heute in weiten Teilen Europas, Spaniens, Frankreichs, Deutschlands und Osteuropas antike römische Ruinen, die davon künden, wie stark die römische Lebensweise adaptiert worden ist. In der Konsequenz hieß das aber auch die Aufgabe der nationalen Identität zugunsten einer Assimilation in die römische Kultur. Die Etrusker beispielsweise haben fast nur ihre Kunstwerke hinterlassen. Völker, die das ablehnten und weiterkämpften, wurden nicht selten ausgelöscht, um Nachahmer zu warnen, aber eben auch die Gefahr potenzieller Aufstände so gering wie möglich zu halten. Roms Eroberer kamen über die Ränder des Reiches, etwa die Hunnen unter Attila (451/52 n. Ch.) aus dem heutigen Ungarn oder Hannibal (218 v. Ch.) aus Nordafrika,waren aber keine Unterworfenen, vielmehr ebenbürtige Gegner oder aufstrebende Völker im Zuge der Völkerwanderung auf Beutezug wie einst die Römer selber. Dass das römische Imperium auf der Höhe seiner Macht gestürzt wurde, kann so nicht aufrecht erhalten werden, auch wenn Hannibal kurzzeitig eine reale Gefahr darstellte, als er über die Alpen kam und in Italien einfiel. Bei Attilas Feldzug fast 700 Jahre später gab es bereits seit 395 n. Ch. ein im Niedergang begriffenes geteiltes ost- und weströmisches Reich. Die unterschätzte Gefahr lauerte eher im Inneren durch die nicht bürgerrechtlich anerkannten Sklaven, die bis zu einem Viertel der römischen Bevölkerung ausmachten, in Städten wohl sogar noch deutlich mehr, und überwiegend aus gut ausgebildeten Kriegsgefangenen fremder Völker bestanden. So brachte der Spartacus Aufstand (73-71 v. Ch.) das Reich an den Rand einer Katastrophe und konnte nur mit Mühe niedergeschlagen werden. Und das immerhin zu Zeiten eines Gaius Julius Cäsar in der Hochzeit der Republik, bevor sich das Kaiserreich Rom zur Weltmacht erhob. Nicht zu vergessen, die verschiedenen Bürgerkriege, die das Imperium noch vor seiner Blütezeit mehr als einmal ins Wanken gerieten ließen.

Das Perserreich unter Großkönig Dareios III. wurde von Alexander dem Großen de facto im Vorbeigehen erobert (334 v. Ch.), und auch hier lässt sich die These, eine erstarkte Peripherie habe den mächtigsten Staat seiner Zeit überrannt, kaum halten. Auch wenn das Makedonien des jungen Draufgängers im heutigen Griechenland im Osten an das Perserreich grenzte, war es nicht zu vergleichen mit der überlegenen Hochkultur im Zweistromland. Alexander hatte andere Pläne als nur Rache, die scheinbar unbezwingbare Macht zwischen Euphrat und Tigris sollte nur Zwischenstation für die Weltherrschaft sein. Antike und moderne Quellen streiten darüber, ob das Reich der Perser schon vorher dem Untergang entgegeneilte oder noch in voller Blüte stand. Große Bautätigkeiten wie in Persepolis lassen drauf schließen, dass von Niedergang keine Rede sein konnte, und auch die Feldzüge wie die Rückeroberung Ägyptens wenige Jahre zuvor sprechen eine andere Sprache. Wie konnte dann so etwas passieren? Überheblichkeit, verbunden mit Arglosigkeit, keiner würde es wagen, das hochgerüstete Land anzugreifen? Hochmut kommt vor dem Fall, heißt es auch heute noch landläufig.

Im Prinzip ist den Persern derselbe Fehler unterlaufen wie Azteken und Inka in Mittel- und Südamerika. Eine gewisse Sorglosigkeit, auch Überheblichkeit, Unbesiegbarkeitsglaube, nachlassende Aufmerksamkeit, zu langes Zögern im Bewusstsein, unschlagbar zu sein. Oder doch Dekadenz? Zudem nutzte Alexander das dasselbe strategische Mittel wie die Spanier rund 1.800 Jahre später in Mexico und Peru, der Autokratie den Kopf abzuschlagen, um das ganze Reich zu gewinnen. In der Entscheidungsschlacht von Gaugamela wusste er die numerische 5 : 1 Überlegenheit der Perser u.a. dadurch auszugleichen, indem er König Dareios III. im Zentrum direkte attackierte. Dessen Flucht war zugleich der Anfang vom Ende der nun kopflosen persischen Armee aus aller Herren Länder, die ebenfalls davonlief. Als der siegreiche Alexander Babylon betrat, überwältigt von der überbordenden Pracht und den prunkvollen Zeremonien am Hof, die mit der Wirklichkeit des einfachen Volkes allerdings nichts zu tun hatten, übernahm er sofort die exotischen Hofrituale samt Kleidung, sehr zum Unwillen seiner Gefolgsleute, und ehelichte die persische Prinzessin Roxanne, um so in den persischen Adel einzuheiraten. Ähnlich hatte er sich schon in Ägypten, welches er faktisch im Handstreich auf den Weg in den Nahen Osten gleich mit unterwarf, verhalten, wo er sich auf den verwaisten Thron setzte, zum Pharao krönen ließ und die neue Dynastie der Ptolemäer begründete. Den Größenwahn hat er nicht lange überlebt und starb bei seiner Rückkehr nach Babylon mit Anfang 30 entweder an den Folgen eines Giftpfeils, der ihn Indien getroffen hatte, eines Giftcocktails am Hofe oder einer Malaria Infektion, die er sich bei einem Bad im Euphrat zugezogen haben soll. Die Annahme, wie sein Vater Philipp von den eigenen Leuten umgebracht worden zu sein, dürfte die wahrscheinlichste sein. Das Perserreich hat sich von der Niederlage nie wieder erholt und wurde Teil des makedonischen Reiches, das lange, aber auch nicht ewig hielt. Dass allein erstarkte Peripherien für den Untergang von Imperien verantwortlich sind, lässt sich also auch nicht im Fall des Perserreiches belegen.

Warum ging das Reich der Maya, das vornehmlich aus Stadtstaaten auf der Halbinsel Yucatan bis nach Guatemala, Belize und Honduras bestand, unter? Forscher wollten zuerst klimatische Faktoren wie Dürren als verantwortliche Faktoren ausgemacht haben, später den Raubbau an der Natur infolge der Abholzung der Wälder, um Kalk zu brennen für den Pyramidenstuck, schließlich eine Kombination aus beiden, was aber bereits durch neue Forschungsergebnisse schon wieder teilweise widerlegt ist. Sie führten barbarische Kriege untereinander, bis sie ihre Städte verwüsteten und aufgaben, um schließlich spurlos zu verschwinden und nie zurückzukehren. Spuren lassen Rückschlüsse zu auf vorsätzlich gelegte Brände und mutwillig zerstörte bzw. umgestürzte Götterstatuen, möglicherweise infolge von Bürgerkriegen, in deren Verlauf die alten Herrscher samt ihrer Götter, als deren Vertreter auf Erden sie sich verstanden, gestürzt wurden. Hatte letztendlich das Volk das entscheidende Machtwort gesprochen? Der Untergang kam nicht von außen, auch wenn das wechselseitige Eroberungszüge, etwa aus Teotihuacán im Hochland von Mexico vermuten lassen. Sie führten jedoch nicht zum Verlassen der Städte, eher zur befruchtenden Verschmelzung der Kulturen mit unterschiedlichen Vorherrschaften. Der Zerfall kam von innen, ausgelöst von den Eliten, die sich immer mehr Macht anmaßten, höhere Opfer von der Bevölkerung verlangten und zunehmend dekadenter verhielten. Es wurden vermehrt neue Kultstätten gebaut, alte überbaut und weitere Kriegszüge geplant, um den Aufwand zu rechtfertigen, was negative Auswirkungen auf das Leben der Gemeinschaft, die zunehmend an ihre Grenzen geriet, hatte. Als sich die Probleme infolge fehlender Niederschläge, Dürren oder anderer Naturkatastrophen potenzierten und es den überforderten Eliten nicht mehr gelang, die offenbar verärgerten Götter mit ausufernden Opferkulten zu Lasten der Bevölkerung zu beruhigen, folgten ihnen auch die Untertanen irgendwann nicht mehr. Die nationale Identität schlug schließlich um in Aggression und endete in einer Rebellion gegen die Eliten mit deren Sturz. Zuletzt verließen sie die verwüsteten Städte, zerbrachen die heiligen Stelen und kamen nie zurück.

Thilo Sarrazin mutmaßt in seinem Buch, die Zuwanderung fremder Kulturen sei verantwortlich für den Niedergang des Abendlandes am deutschen Beispiel. Faktisch umgekehrt proportional zur Aussage der Peripherie These, die ein Erstarken fremder Kräfte von außen als Ursache für den Untergang von Imperien sieht, auch wenn das Dritte Reich längst untergegangen ist. In der Unterwanderung der heimischen durch fremde Kulturen und die Verweigerung von Integration, die von den Zuwanderern als Versuch der Assimilation und damit Aufgabe der eigenen Herkunft ablehnt wird, sieht Sarrazin eine Hauptursache für die Auflösung oder Abschaffung der westlichen, überwiegend christlich geprägten Gesellschaft. Typische deutsche Tugenden wie Ordnung, Sauberkeit, Pünktlichkeit oder Zuverlässigkeit würden von den Fremden zunehmend aufgeweicht und gingen verloren, weil die sich einschleichende Verwahrlosung von Sitten, Regeln und Werten durch Migranten geduldet und nichts dagegen unternommen werde, da jede Kritik der bunten Multikulti Welt als ausgerufenem Zukunftsmodell zuwiderlaufen würde. Die Zuwanderer brächten nicht nur Missstände ins Land, auch hier längst überwundene Krankheiten, weil ihnen die Impfungen gegen Kinderkrankheiten wie in Deutschland fehlen. Hygienestandard und Gesundheitsbewusstsein seien oftmals niedriger ausgeprägt, hinzu käme ein Mangel an Respekt gegenüber Regeln, Gesetzen, Behörden und Institutionen. Extra für sie sind Meisterbriefe in bestimmten Handwerksberufen als Voraussetzung von Unternehmensgründungen abgeschafft worden, was zur Verwässerung der vormals hohen deutschen Technikstandards geführt habe. Außerdem ist die muslimische Religion problematisch wegen ihrer grundsätzlichen Ablehnung der Christen und Juden als Ungläubige. Der zunehmende Antisemitismus in Deutschland geht insbesondere auf arabischstämmige Migranten zurück, bestärkt durch den wieder aufgeflammten Nahostkonflikt. Nur Gutmenschen wollen heute noch allen Ernstes die überproportional hohe Ausländerkriminalität leugnen. Das verwundert nicht, wenn überwiegend junge Männer nach Deutschland kommen, aber auch regelrechte Banden, die nichts anderes im Sinn haben, als Beute zu machen. Testosteronüberschuss bei Halbstarken darf aber ebenso wenig als Rechtfertigung für Straftaten gelten wie Kultureigenarten für Frauenverachtung. Auf der Flucht erlebte Traumata relativieren keine Verbrechen im Gastland. Inzwischen zählt die Polizei immer mehr Großfamilien aus dem Libanon oder Syrien, sogenannte Clans, die den Sozialstaat vorsätzlich betrügen und Straftaten im großen Stil begehen. Einige Linke hindert das allerdings nicht, gegen den Begriff der Clankriminalität als vorverurteilenden Rassismus Sturm zu laufen. Keiner vermag zu sagen, wie viele radikale Islamisten der IS auf diesem Wege nach Europa geschleust hat. Die unausgesprochene Einladung, faktisch ohne Papiere unter falscher Identität nach Deutschland zu kommen, konnten sie schlecht ausschlagen.

Liegen Autoren wie Sarrazin richtig oder bedienen sie nur eine rechte Kampagne, wie viele seiner Kritiker dagegen argumentieren? Haben sie Recht, wenn sie eine umgekehrte Entwicklung postulieren, nämlich dass fremde Einflüsse unsere Kultur zu einer neuen Blüte treiben? Die gewollte und gewünschte Zuwanderung von ausländischen Fachkräften ist eine Notwendigkeit, an der wir nicht mehr vorbeikommen, aber schaffen wir damit auch uns selbst ab, wie Sarrazin fürchtet? Viele Migranten verachten unsere Demokratie, Werte und Kultur, sähen lieber einen starken Mann wie Erdogan an der Spitze Deutschlands. Sie könnten zum Zünglein an der Waage werden, unsere Demokratie tatsächlich abzuschaffen, wenn sie wählen dürfen, was mit der Einbürgerung möglich wurde. Einer Partei wie der AfD fehlen nicht mehr viele Prozente, und immer mehr Migranten wählen bereits rechts. Der Doppelpass könnte - um im Fußball Jargon zu bleiben – am Ende zum Selbsttor werden. Irgendwann gründen Moslems ihre eigene konservative Partei; erste Gründungen und Absichtserklärungen, demnächst an Wahlen teilzunehmen, gab es bereits. Sind wir dann ähnlich blind wie bei Hasspredigern, radikalen Salafisten und indoktrinierenden Hinterhofmoscheen, dürfte das Erwachen zu spät kommen. Wie reagiert die woke Berliner Politikblase auf solche Bestrebungen - auch mit Überwachung und Verbotsverfahren?

Nach Deutschland kommen viele Spezialisten und Intellektuelle, Autoren, Computerspezialisten, Lehrer, Ärzte oder Künstler, die unser Land bereichern und ihm guttun. Ich bin von einem iranischen Herzspezialisten in einem von ihm neu entwickelten OP Verfahren operiert worden, was mir womöglich das Leben gerettet hat. Gerade in der Medizin und Pflege sähen wir inzwischen uralt aus, gäbe es diese Zuwanderung nicht. Schadet es den vielbeschworenen deutschen Tugenden, wenn sie ein wenig Auflockerung und Leichtigkeit erfahren? Alle schwärmen von Dolce Vita und Laissez-faire in den südlichen Urlaubsländern, wünschen, wir hätten mehr davon, weniger Verbissenheit, Unfreundlichkeit und Bedenkenträgertum. Europäische Zuwanderer aus dem eigen Kulturkreis haben sich bestens integriert und sich ohne Zweifel als Bereicherung für die deutsche Gesellschaft erwiesen, was aber leider nicht unbedingt für kulturfremde Zuwanderer gilt. Das Problem wollen aber einige Heile-Welt-Fantasten nicht sehen. Zuwanderung ist vonnöten, nur sollten wir zukünftig besser aufpassen, wen und wie viele wir ins Land holen. Andere Staaten kontrollieren das viel stringenter, Neuseeland etwa oder Australien, nur wir wissen es mal wieder besser als alle anderen.

Die Römer übernahmen viel von den Griechen, sogar ihre Götter, ohne dass es ihnen geschadet hätte, und holten sich griechische Lehrer, Künstler und Architekten ins Reich. Die Maya profitierten von Teotihuacán, während die Inka und Azteken nicht nur ihre Kultur auf die Eroberten übertrugen, sondern zugleich auch von ihnen für sie vorteilhafte Elemente aus Kunst und Kultur übernahmen. Bildet die Unverträglichkeit der Religionen eine unüberwindbare Barriere, Kulturelemente des anderen zu akzeptieren und zu übernehmen? Zuwanderer aus der eigenen abendländischen Kultur sind einfacher zu integrieren als aus muslimischen Kulturen. Das ist unstrittig, aber warum? Gibt es den unüberwindlichen Dissens zwischen dem säkularisierten Christentum und den unaufgeklärten Islam, obwohl die die drei großen Weltreligionen gemeinsame Wurzeln in Jerusalem haben? Der Kampf dieser Religionen zieht sich durch die modernere Geschichte von den Kreuzzügen um die erste Jahrtausendwende über das Mittelalter, als in Spanien und Portugal die Mauren von der iberischen Halbinsel vertrieben wurden, bis in die Gegenwart auf dem Balkan, in Afrika oder im Nahen Osten. Der Islam versucht weiterhin, in seinem Sendungsbewusstsein Andersgläubige zu missionieren. Der radikale Islam tituliert Anhänger anderer Glaubensrichtungen als ungläubige Hunde und lässt sie in vielen islamischen Ländern von Staats wegen verfolgen. Auf Gotteslästerer, wofür die Infragestellung des Propheten reicht, Konvertiten oder Homosexuelle wartet in vielen muslimischen Gottstaaten mit der Scharia die Todesstrafe, teils durch Enthauptung mit dem Schwert wie in Saudi-Arabien, das der besonders strengen Lehre der Haschemiten folgt.

Dogmen kennt auch das Christentum, insbesondere der Katholizismus. Extremismus. Inquisition. Hexenverbrennung. Hinrichtung von Ketzern. Verfolgung abweichender Meinungen. Promiente Opfer sind Giordano Bruno oder Galileo. Das Kreuz hat anderen Völkern weltweit in unrühmlichen Episoden gewaltsame Missionierung angedeihen lassen, aber das nach der Aufklärung und Säkularisierung nahezu aufgegeben. Am interkulturellen Austausch mit ihren unterworfenen Völkern waren die Spanier und die anderen Kolonialherren aus Europa nie interessiert, im Gegenteil. Sie zwangen den „blutrünstigen heidnischen Barbaren“ ihre christliche Religion auf, verboten ihre Götter als Götzen, zerstörten ihre Kultur und alles, was daran erinnerte, einschließlich der Sprache radikal. Um ihr Tun zu rechtfertigen, behaupten sie bis heute, dass die barbarischen Inka, Maya und Azteken ihren Göttern tausende Menschenopfer brachten, indem sie ihnen mit Obsidian Messern die Brust aufschnitten, das herausgerissene, noch zuckende Herz dem Volk präsentierten und die Toten die blutroten Pyramidenstufen hinunterstießen. Ob das wirklich so einfach ging, darf aus chirurgischer Sicht zumindest bezweifelt werden, denn vor das Herz hat die Natur einen Schutzwall aus Rippen und das Brustbein gesetzt. Zwar ist das vulkanische Glas Obsidian das schärfste Material auf Erden, schärfer als jedes Skalpell, aber brüchig – und es müssen entweder das Brustbein oder gleich mehrere Rippen durchtrennt werden, um an das Herz zu gelangen. Bei einer Herz OP teilt eine Art Winkelschleifer das Brustbein oder ein Skalpell öffnet den Brustraum mit einem parallelen Schnitt zwischen zwei Rippen auf dem Weg zum Herzen. Dafür müssen aber die Rippen noch mit Klammern gespreizt werden. Mit welch martialischer Brutalität das der Priester ohne Hilfe eines Dritten hinbekommen haben will, will ich mir nicht wirklich vorstellen. Malereien der Azteken zeigen einen horizontalen, keinen vertikalen Schnitt mit dem Obsidian Messer durch die Bauchdecke unterhalb der Rippen. So konnte der Priester mit der einen Hand schnell, präzise und ohne großen Widerstand von Knochen schneiden, mit der anderen unter die Rippen greifen und das noch zuckende Herz herausreißen, was wohl eher wahrscheinlicher ist.

Skandalöser als das Ritual scheint mir, dass die Brutalität von Menschenopfern zum Anlass genommen wird, sich zu für die eigene Gräuel, die wohl Millionen das Leben im Namen des Kreuzes gekostet hat, zu rechtfertigen. Der europäische Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern zählt weitaus mehr Tote als die rituellen Menschenopfer. In Sevilla erklärte mir eine spanische Fremdenführerin allen Ernstes und ausgerechnet in der größten Kirche, das Vorgehen der Europäer hätte den Indios doch erst Straßen und Schulen, also die Zivilisationgebracht. Nun, beides gab es dort schon vor den Europäern, die alle Schulen verboten und schlossen, obwohl das vorbildliche Schulsystem der indigenen Gesellschaft alle Kinder durchliefen, was im europäischen Pendant zur selben Zeit mitnichten der Fall war. Traurige Ironie der Geschichte: die Inka bauten 30.000 km Straßen in die Anden, ohne denen es den Spaniern kaum möglich gewesen wäre, Peru in so kurzer Zeit zu erobern. Da hätten ihnen selbst die einheimischen Hilfstruppen nichts genutzt. Im Übrigen hat genau dieser Umstand einige kleinere indigene Volksgruppen davor bewahrt, christianisiert zu werden, weil sie ohne zu ihnen führende Straßen einfach unentdeckt blieben.

Imperien werden irgendwann so groß, dass sie faktisch an sich selber ersticken. Der Aufwand, das Ganze militärisch und verwaltungstechnisch unter Kontrolle zu halten, gerät immer größer und verursacht immense Kosten zu Lasten des Staatshaushaltes, weshalb diese Aufgabe immer mehr vernachlässigt wird, mit der Folge, das gesamte Konstrukt ins Wanken zu bringen und offene Angriffsflächen für Feinde zu bieten. Die These, dass die erst durch das Imperium in die Lage versetzte Peripherie den einstigen Eroberer erlegt, hat in Einzelfällen sicher seine Berechtigung, in vielen eher nicht. Das British Empire zerfiel nicht wegen lauernder Nachbarn, die durch die Briten dazu in die Lage versetzt wurden, eher durch seine schiere Größe, so dass es nicht mehr zu händeln war. Erst wenn das Imperium bereits im Zerfall begriffen oder schon zerfallen ist, stürzen sich die lauernden Hyänen an den Rändern auf die Reste der Beute. Entscheidend für den Niedergang ist nicht allein die allmählich erlahmende Größe des Reiches. Ihm voraus geht ein innerer Prozess, der die Elite vom Volk entfremdet wie bei den Maya, Römern oder Persern. Innere Kämpfe um die Macht, Bürgerkriege und immer weiter auseinanderklaffende Lebenswirklichkeiten zerrütten die Gesellschaft von innen heraus. Nicht nur für Externe ist die Beute verlockend, auch und erst recht für Interne. Die Höfe werden immer aufwändiger, prächtiger, dekadenter und verschwenderischer, während dem Volk immer höhere Lasten und Steuern auferlegt werden, um das Ganze zu finanzieren. Zudem sollen sie im Militärdienst unter Einsatz ihres Lebens die Grenzen sichern an fernen Grenzen. Das funktioniert ab einer gewissen Phase nicht mehr, zumeist auf dem Höhepunkt des Imperiums. Der ist immer auch zugleich der Beginn vom Niedergang. Das Balgen um Macht und Besitz schwächt das zuvor so erfolgreiche System, das zunehmend Risse bekommt. Es beginnt, von selber zu zerbröseln. Einzelne Beutestücke werden fallengelassen, der Rest aufgeteilt. Der Anfang vom Ende. Ab dann ist es ein Leichtes, einzudringen in ein verwaistes Imperium, das nur noch auf der Karte existiert aber gar nicht mehr richtig kontrolliert wird. Es geht weniger um Dekadenz, welche die Katastrophe in Selbstbesoffenheit nicht kommen sieht, vielmehr um Kontrollverlust. Um ein Reich zu begründen, braucht es Menschen, die es erobern. Soldaten, die hinter ihrer Elite stehen. Die Notwendigkeit des Krieges wird in der Regel verkauft mit der Begründung, eine Bedrohung abzuwehren. Bevor die uns erobern, versklaven oder töten, tun wir das besser mit denen. Dann ist Ruhe – für eine begrenzte Zeit. Und es gibt für jeden lukrative Beute, die keiner sonst in seinem Leben je würde erreichen können. Kündigen die Eliten diesen Deal auf durch ihr elitäres Verhalten, meist verbunden mit eigenem Realitätsverlust, kippt das Verhältnis in absehbarer Zeit und aus den einst motivierten Armeen werden undisziplinierte, weniger engagierte Söldnerhaufen, die sich nicht zuletzt aus Männern eroberter Gebiete rekrutieren. Da hilft dann auch kein volles Bürgerrecht mehr. Kampfkraft und Wille, sich für die einstigen Eroberer massakrieren zu lassen, schwinden.

Es gibt viele Gründe, nicht nur einen für den Zerfall von Imperien. Sie spielen ineinander, oft wechselseitig, überlagern sich interferent zueinander, potenzieren sich und sind zu guter Letzt in ihrer Eigendynamik nicht mehr umkehrbar. Und wenn man sich die Menschheitsgeschichte anschaut, muss das auch so sein, ansonsten wären heute noch die Mongolen, Sumerer oder Briten die dominierende Weltmacht. Das tausendjährige Reich währte zum Glück nur 12 Jahre. Was blieb von all den Imperien außer Ruinen? Oft nicht einmal diese. Sie vereinten ein hohes Konzentrat an Kunst, Wissenschaft, Medizin und Architektur, von denen vieles später wieder verloren ging und neu entdeckt werden musste. So rechneten die Maya bereits mit der Null, die Europäer erst tausend Jahre später. Am Ende steht die Erkenntnis, dass ihr Zerfall von innen heraus begann und der Rest, falls noch was übrig war, von außen erlegt wurde. Den Maya ist die direkte Eroberung erspart geblieben, als die Spanier kamen. Sie waren eine Art Beifang der Europäer, haben aber ihre Lektion gelernt und siedeln bis heute weiter in ihren angestammten Gebieten. Ihre aufwändigen Stadtstaaten einschließlich der Elite, die alles zu Fall brachten, gab es schon nicht mehr. Sie hatten die Pyramidenstädte bereits verlassen und lebten fortan in dörflichen Verbänden mit einem Kaziken an der Spitze, als die Schiffe mit den Fremden anlandeten und die indigenen Völker durch Genozid und Krankheiten radikal dezimierten. Dennoch siedeln heute noch rund 6 bis 7 Millionen Maya in mittelamerikanischen Ländern, die nach der spanischen Conquista entstanden und bis heute von einer spanischen Oberschicht dominiert werden. Das schwer geschlagene indigene Volk, das einst seine eigene Elite stürzte und sich dennoch den Spaniern unterwerfen und zum Christentum konvertieren musste, ist dennoch ein Volk geblieben, weil es sich seine nationale Identität bewahrte. Die Missionierung zum Christentum hat ihr keinen Abbruch getan, ganz im Gegenteil.

Die dahin vegetierenden Indigenen in den Reservaten von Nordamerika, die betrunkenen Aborigines auf den Straßen Sydneys, Australien oder die bettelnden Q‘ero in Cusco, Peru leben am Rande der reichen Gesellschaft ihrer Eroberer und haben noch ihre nationale Identität bewahren können, obwohl sie kulturell entwurzelt wurden. Stirbt sie mit den folgenden Generationen aus, sind doch nur geduldete Fremde im eigenen Land, eine Art Folkloreattraktion für den Tourismus. Andere haben noch nicht einmal das. Stellvertretend steht hierfür das Volk der Kurden, staatenlos verstreut über die vier Länder, Türkei, Syrien, Iran und Irak. Durchs wilde Kurdistan geht‘s nicht mehr. Das gleiche Schicksal betraf auch die Juden, bis sie 1948 von den neu gegründeten Vereinten Nationen den Staat Israel in ihrem Stammland zuerkannt bekamen. Das Glück haben andere nicht, etwa die Armenier, Tibeter oder Uiguren, um nur drei Volksgruppen stellvertretend für viele andere zu nennen. Nicht vergessen werden sollen an dieser Stelle auch die Palästinenser, die weniger attraktive Landstriche als das jüdische Kernland für einen eigenen Staat ablehnten. Sie leben heute im Gazastreifen und im Westjordanland, also Gebieten, die inzwischen aus Gründen der nationalen Sicherheit auch von den Israelis beansprucht und teilweise schon mit illegalen Siedlungen besetzt sind. Die UNO hat die illegale Landnahme mehrfach für völkerrechtswidrig erklärt, was aber die Schutzheiligen über Israel, allen voran die Amerikaner, nicht anficht. Sie wissen genau, wie fremdes Land widerrechtlich in Besitz genommen und trotz aller berechtigter Ansprüche nicht wieder zurückgegeben werden muss.

In Neuseeland begegnete uns eine Maori, die Touristen die letzten Kauri Wälder auf der Nordinsel ihrer Heimat zeigt. Sie lebt in Neuseeland als Neuseeländerin ein neuseeländisches leben, ist aber eine Maori und mag das Wort Neuseeland überhaupt nicht. Aotearoa – das Land der großen weißen Wolke heißen die Inseln in der Sprache der Ureinwohner. Auf meine Frage nach Cooks Landungsstelle schleuderte sie mir mit kaum unterdrückter Bitterkeit entgegen, sie verfluche den verdammten Kapitän James Cook, der ihrem Volk so viel Elend gebracht habe. Erschrocken über den Ausbruch, fühlte ich mich sofort als weißer Eindringling, froh in dem Moment, kein Brite zu sein. Selbstverständlich sah sie in mir einen Vertreter der weißen Eindringlinge aus Europa, zumindest ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen. Am Waldrand sprach, vielmehr sang sie ein Gebet in Maori und erklärte, dass sie ihre Urahnen um Erlaubnis bitte, den Wald zu betreten. Sie wiederholte das Zeremoniell, als wir den letzten großen Kauri, einen überlebenden Baumriesen namens Tane Mahuta mit einem geschätzten Alter von mehr als 2.000 Jahren und einer Höhe von ungefähr 51 m erreichten. Bei einem Umfang an Bodennähe von fast 14 m und einem Durchmesser von 4,40 m ist er der größte und älteste Baum Neuseelands. Es gab früher noch weitaus eindrucksvollere Exemplare, die aber wie die Kultur der Maoris alle den Neuankömmlingen zum Opfer fielen. Entwurzelt, herausgerissen mit Stumpf und Stiel. Heute ist der geschützte Restbestand bedroht von einer bis dato unheilbaren Pilzerkrankung. Labore arbeiten verzweifelt an einer Lösung, denn sind die Bäume erst einmal befallen, gibt es keine Rettung mehr. Zwar versuchen die Behörden mit diversen Aufforstungsprogrammen, ihn zu retten, aber wenige Platz ist paradoxerweise begrenzt ausgerechnet wegen der Holzindustrie, die weite Teile des ohnehin schon durch Schafzucht radikal dezimierten Waldbestandes für intensive Forstwirtschaft mit schnellwachsenden Monokulturen aus Nadelhölzern, keine langsam wachsenden Araukarien wie dem Kauri nutzt. Ich verstehe die Frau, die Käpt’n Cook als Synonym für die Fremdherrschaft des weißen Mann ansieht. Sie leben weiter in Dorfverbänden und ihre nationale Identität im Land der Vorväter besteht weiter, trägt aber ein schwere Last und ist wie der letzte Baumriese Tan Mahuta bedroht von einer unsichtbaren Gefahr, einem tödlichen gesellschaftlichen Spaltpilz, gegen den bisher kein Mittel gefunden worden ist. Ob der Staat Neuseeland, der sich zum britischen Empire zugehörig sieht, danach sucht, bezweifle ich seitdem, auch wenn er nach außen hin ein anderes Bild zu vermitteln sucht. Vielleicht erhalten sie ihre Identität vollständig zurück, wenn sich die neue Nation endlich dazu durchringt, das britische Commonwealth zu verlassen und wieder Aotearoa zu werden. Bestrebungen gibt es seit, aber auch die Besorgnis, dann völlig auf sich allein gestellt zu sein, insbesondere militärisch, und vielleicht wie Grönland auch ins Blickfeld eines neuen Größenwahnsinnigen zu geraten. Die weiße Oberschicht versteht sich weiter als dem Empire zugehörige Briten, so wie die Eliten in Südamerika mehr den Spanier in sich sehen als den Beschützer indigener Ureinwohner. Dass die ehemaligen Kolonialmächte weiter an ihrer Eroberungen festhalten, auch wenn sie die heute verschleiernd als Überseeprotektorat oder autonomen Landesteil in Selbstverwaltung bezeichnen, ist nicht nur völkerrechtlich, auch und vor allem ethisch mehr als bedenklich, raubt den Ureinwohnern aber vor allem eines – die Wurzeln ihre nationale Identität und damit ihr Selbstbewusstsein. Sie können ihre Traditionen zur Schau stellen wie der Hawaiianer auf Oahu, aber das ist nur das Deckblatt, die Oberfläche der nationalen Identität. Verkümmern die Wurzeln, weil sie nicht wachsen können oder erstickt werden, stirbt auch alles über ihnen.