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Im Jahr 2019 wurden in Deutschland 15.701 Kinder polizeilich erfasst, die Opfer von sexuellem Missbrauch wurden. Es ist zu beachten, dass diese Anzahl lediglich die polizeilich erfassten Missbrauchs-Straftaten abbildet, es ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt." (Quelle: Statista) Nina wurde als Kind von ihrem Vater missbraucht. Jahrzehnte nachdem das Monster die Familie plötzlich verließ, hat Nina ihre eigene heile Welt geschaffen und die Erinnerung an die Kindheit verdrängt. Nur für ihren jüngeren Bruder Max empfindet sie eine tiefe Verantwortung. Sie arbeitet in einer Frankfurter Werbeagentur und ist dort nicht nur aufgrund ihrer großen Hilfsbereitschaft sehr beliebt. Ihr liebender Mann Michael unterrichtet Klassische Musik. Er verbringt seine Freizeit am liebsten am heimischen Flügel. Wie fragil ihre perfekte Welt ist, erkennt sie erst, als sie eigentlich einen gemütlichen Abend mit Michael verbringen wollte. Durch dessen überraschende Ankündigung werden Ereignisse ins Rollen gebracht, die Nina zu einer Entscheidung zwingen und sie mit ihrer Opferrolle konfrontieren.
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Seitenzahl: 335
Veröffentlichungsjahr: 2020
Johanna E. Cosack
Ich darf nichts sagen.
Roman
© 2020 Johanna E. Cosack
Umschlag: Johanna E. Cosack, IStock
Lektorat: Michael Lohmann
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44,
22359 Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-347-11630-6
Hardcover
978-3-347-11631-3
e-Book
978-3-347-11632-0
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Wer bin ich wirklich?
Ein Name – der mir gegeben wurde und wieder in Vergessenheit gerät?
Ein Geist – der von Verlangen nach Besitz und Weisheit getrieben wird?
Ein Körper - der sich fortpflanzt, altert und stirbt?
Ich bin ein Nichts im unendlichen Universum.
Für Sybill Ehrmann-Schneider und Heide Fischer.
Erstes Kapitel
Nina weinte lautlos. Sie hatte die Bettdecke über den Kopf gezogen und umklammerte ihren Teddy. Doch selbst der konnte ihre Frage nicht beantworten. Seine Knopfaugen glänzten nur schwarz und vorwurfsvoll.
Nina fasste sich an die Stelle, wo Papa ihr immer wehgetan hatte, wenn Mama arbeiten war und er seinen nackten, verschwitzten Körper auf ihren presste. »Wir spielen doch nur Bauch-Bauch.« Er keuchte dann und sein Atem roch bitter nach Alkohol. Sie hatte ihn gewähren lassen und ihr Gesicht abgewandt, damit er ihre Tränen nicht sehen konnte. Ihr zarter Körper schmerzte, sie verstand dieses Spiel nicht. Ihr größter, geheimer Wunsch war ein Schlüssel für die Badezimmertür, denn sie wollte endlich keine Angst mehr haben, wenn sie dort allein war.
Sie hatte Papa lieb und ihm fest versprochen, niemand zu verraten, dass sie manchmal im Badezimmer vor ihm knien musste. Es fühlte sich eklig an und tat ihr weh, aber er hatte sie sicher nicht mehr lieb, wenn sie sich weigerte.
Eines Tages war Papa weg.
Sie zermarterte sich ihren kleinen Kopf über die Frage, was an ihrem zwölften Geburtstag geschehen war. Was hatte sie denn angestellt? Sie hatte doch immer alles getan, was er von ihr verlangte.
Sie hatte Angst, dass Mama ebenfalls fortgehen könnte, und wagte nicht, nach dem Warum oder Wohin zu fragen. Nein, sie durfte ihre Mutter nicht noch mehr belasten. Das leise Wimmern eines Neugeborenen im Nachbarzimmer und der Anblick ihrer übernächtigten Mutter … all das war ihre Schuld. Und wenn sie dem kleinen Wesen frühmorgens sein Fläschchen gab und seinen süßen Babyduft schnupperte, spürte sie, dass sie ihren Bruder brauchte.
Zusammen waren sie nicht mehr so allein.
Siebenundzwanzig Jahre, vier Monate und elf Tage nach seinem Verschwinden knabberte Nina lustlos an einem Stück ihrer Lieblingspizza. Das italienische Restaurant war fast immer ausgebucht und die Kollegen in Anbetracht der Enge an den langen Holztischen lieber zu einem Würstchen-Imbiss weitergezogen.
Aber Nina war der Appetit vergangen, denn sie verabscheute Oliven, die entgegen ihren Wünschen wieder auf ihrer Pizza lagen. Jedes Mal aufs Neue ärgerte sie sich über die Nachlässigkeit des jugendlichen Personals, ihre Bitte zu ignorieren, die Oliven wegzulassen. Jetzt lagen die Früchte wie glänzende schwarze Käfer zwischen den angebissenen Stücken auf ihrem Teller und Nina wollte endlich zurück in die Agentur.
Während ihre Füße ungeduldig wippten, blickte sie über die anderen Gäste hinweg, um nach der Rechnung zu verlangen. Dabei bemühte sie sich vergeblich, die laute Stimme ihrer Tischnachbarin zu ignorieren, die sich bei ihrer Freundin darüber beschwerte, dass ihr Mann zu häufig allein verreiste.
Mein Gott, dann lass ihn doch! Nina warf die rot karierte Papierserviette auf den Teller. Die Situation erinnerte sie aber sofort daran, dass Michael vor Kurzem ebenfalls für zwei Tage weggefahren war, ohne ihr einen Grund hierfür zu nennen. Er war noch nie allein verreist! Sie wollte ihn schon längst darauf ansprechen, aber auch diese Frage wurde von der Routine der alltäglichen Konversation überrollt. Seit der Rückkehr schien ihn etwas zu beschäftigen, denn er wirkte wortkarg und nachdenklicher als zuvor. Aber es gab so vieles, das sie ihm schon lange sagen wollte – wenn sie nur endlich könnte.
Nina ging nicht, sie lief. Und selbst wenn die zierliche Gestalt für ein paar Sekunden innehielt, schien sie immer auf der Flucht vor einer imaginären Bedrohung zu sein. Die scheuen Augen hinter den langen dunkelblonden Ponyfransen vertieften sich nur kurz im direkten Blickkontakt mit anderen Menschen, aber ihrer ruhelosen Aufmerksamkeit entging selten etwas. Sie strahlte eine beängstigende Energie aus, die bei den Kollegen den Eindruck erweckte, Nina sorgte für fast alles. Ihre Bereitschaft mehr – und von anderen ungeliebte – Aufgaben zu übernehmen, war im Laufe der Zeit zu einem festen Bestandteil der Unternehmenskultur der Agentur Springer&König geworden.
In den modernen Büroräumen der Frankfurter Werbeagentur herrschte wie gewöhnlich jene konzentrierte Lässigkeit, die für den Ideenreichtum der Mitarbeiter und damit für Erfolg sorgte. An manchen Arbeitstagen allerdings verwandelte sich dieser Mikrokosmos in einen Bienenstock, in dem jeder Einzelne seinen Aufgaben nachging, aber in deren Ergebnis doch alle miteinbezogen waren. Eine mitunter chaotische Masse von kreativen Individuen funktionierte so perfekt wie ein Schweizer Uhrwerk.
Kahle Fenster, die von dem dunklen Parkettboden bis hoch zur weiß gestrichenen Decke reichten, eröffneten den Blick auf die alten Backsteingebäude in der Umgebung. Die warme Nachmittagssonne fiel auf eines der grellbunten Sofas, die überall in den Räumen zum Ausruhen einluden. Zwei Praktikanten hatten es sich darauf bequem gemacht und betrachteten unter Feixen ein Youtube-Video auf dem Laptop.
Von ihrem Schreibtisch aus beobachtete Nina die beiden. Sie selbst hatte gleich nach dem Studium als Marketing-Assistentin in der Werbeagentur angefangen. Nur dieser Job schien zu ihrer Persönlichkeit zu passen und war es bis heute geblieben.
Wenige Wochen zuvor war ihre Mutter nach kurzer Krankheit gestorben und Papa … nein … Nina wandte den Blick ab.
»Hier, Nina-Schatz, hab ich dir mitgebracht.« Ferdi, einer der Junior Designer, stellte einen Kaffeebecher neben Ninas Mac.
»Hey … alles okay bei dir? Du bist gerade etwas blass um deine hübsche Nasenspitze.« Seine freundlichen braunen Augen sahen auf Nina herab. Er zog die Schultern bis zu den tiefroten Ohren hoch und begrub beide Hände in den Taschen seiner Jeans, so als suche er darin sein überzeugendstes Lächeln.
»Du, Nina-Schatz, ich habe ein Moodboard für die Wellness-Drink-Kampagne in deine Mailbox gelegt. Könntest du eventuell mal drüberschauen und wir reden später darüber?« Ohne die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen beugte er sich zu ihr »Pierre nervt mich schon den ganzen Tag damit.«
»Oh je, Ferdi, du bist nicht der Einzige, der von Pierre genervt ist. Ich arbeite gerade an seiner Müller-Präsentation.« Nina hob kurz den Kopf und pustete eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Ich hab noch die Excel-Tabelle mit der Kostenschätzung und etliche Sachen für vorgestern auf meiner To-do-Liste und eigentlich muss ich heute pünktlich weg. Ich gucke mir dein Moodboard aber gern heute Abend von zu Hause aus an und wir reden morgen früh. Ist das okay?« Sie ärgerte sich ein wenig über ihre Bereitwilligkeit, denn Michael hasste es, wenn sie abends arbeitete.
Ferdis schlaksige Gestalt richtete sich wieder auf, wobei er von einem Fuß auf den anderen trat, um dann auf Ninas Schreibtischecke Platz zu nehmen.
»Hmm … könnte nicht Sandra die Excel-Tabelle übernehmen? Sie ist doch so fit mit diesem Formelquatsch.«
Sein sommersprossiges Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen, während er eine Locke seiner rotblonden Haare wieder hinter dem Ohr befestigte. »Ich hoffe, dass Pierre heute nicht noch mal danach fragt – du kennst ihn ja.« Er betrachtete die Seiten der Präsentation, die auf Ninas Monitor geöffnet war, als ihr Telefon summte.
Bevor sie sich melden konnte, hörte sie Michaels vertraute Stimme: »Nina, ich bin schon zu Hause und stelle dich jetzt mal auf Lautsprecher. Hör mal. Wie findest du diese Melodie?« Wie aus einer anderen Galaxie strömten die harmonischen Takte eines Klassikstücks aus dem Hörer, aber sie lauschte ungeduldig auf deren Ende.
»Michi, das klingt wunderschön, von wem ist das?«
Ferdi machte keine Anstalten, wieder zu seinem eigenen Schreibtisch zurückzukehren, sondern nippte genüsslich am Kaffee.
»Baby, das ist von mir! Ich habe diese Melodie geschrieben. Heute Abend spiele ich dir das ganze Stück auf dem Flügel vor und …«
Michael atmete hörbar tief ein.
»Und außerdem habe ich eine riesengroße Überraschung für dich.« Er schwieg und erwartete offenbar eine Antwort. »Nina? Bist du noch dran? … okay, ich merke schon, du hast wie immer keine Zeit. Ich bitte dich, komm ein einziges Mal pünktlich heute Abend, es ist sehr wichtig … für uns beide.«
»Schatz, ich verspreche dir, ich versuche, so schnell wie möglich zu Hause zu sein. Muss vorher noch Maxis Sachen von der Reinigung abholen und komme dann aber sofort.«
Abrupt verstummten die Klaviertöne im Hintergrund.
»Nina! Max ist fast siebenundzwanzig und die Reinigung ist ganz in der Nähe seiner Kfz-Werkstatt. Kann er das denn nicht selbst erledigen? Wie lange willst du deinen Bruder eigentlich noch bemuttern?«
Nina erschrak über seinen harschen Ton und flüsterte: »Michi, ich kann jetzt nicht … bitte lass uns später weiterreden.« Schnell beendete sie das Gespräch. Es gab keine Antwort auf diese Frage.
»Stress mit deinem Mann?« Ferdi sah sie mitfühlend an, aber erhob sich endlich und strich sein T-Shirt glatt.
»Nein, Ferdi.« Nina schüttelte den Kopf. »Nur Kommunikationsbedarf … aber ich muss heute wirklich zeitig weg.«
»Schon okay, Nina-Schatz. Das verstehe ich doch. Wir reden dann halt morgen über das Moodboard, und Pierre werde ich einfach heute Nachmittag noch mal vertrösten. Mach dir keine Sorgen, sondern einen schönen Abend mit deinem musikalischen Herzblatt!« Ferdi zwinkerte ihr im Weggehen aufmunternd zu und nahm den leeren Kaffeebecher wieder mit.
Ihr von Max blitzblank geputzter Porsche quälte sich viel zu langsam durch die abendlichen Staus der Hanauer Landstraße in Richtung Nordend. Ihr Zuhause lag im zweiten Stock eines aufwendig renovierten Altbaus in der Wolfgangstraße. Vor ein paar Jahren hatte Nina Max ohne zu Zögern ein Zimmer angeboten, als der sich nach kurzer Liebelei wieder von einer Freundin trennte. Eine Entscheidung, die Michael schon längst bereute; es blieben stumme Blicke voller Vorwurf. Denn sein riesiger Flügel fand keinen Platz im Musikzimmer, wie geplant, er wanderte ins Wohnzimmer. Der schwarze Bechstein Academy war ein Geschenk seines Großvaters – und schlicht nichts anderes als Michis Lebensinhalt. Michael unterrichtete nicht nur klassische Musik an der Frankfurter Musikhochschule, er lebte sie – jede einzelne Zelle von ihm brauchte Musik und vor allem seinen Flügel zum Atmen.
Beladen mit einem dicken Wäschepaket stürmte Nina die Treppen zu ihrer Wohnung empor. Temporeiche Akkorde eines Musikstückes empfingen sie, Michi saß wie immer am Flügel. Die Hände ihres Mannes flogen über die Klaviatur, während Michis Kopf den Bewegungen der Tempi folgte. Mit geschlossenen Augen schien er versunken in der mitreißenden Welt seiner Musik, seinem Universum.
Als er sie bemerkte, erhob er sich sofort. Michael war über einen Kopf größer als Nina. Glattes und von ersten grauen Strähnen durchzogenes Haar umrahmte sein schmales Gesicht, in das sich tiefe Falten um die Mundwinkel eingegraben hatten. Michael liebte Rollkragenpullover. Sie spürte die weiche Kaschmirwolle an ihrer Wange und seine Hände sanft über ihren Rücken streicheln. Minutenlang verharrten sie in ihrer Umarmung, eine schützende Festung und der einzige Ort, an dem sie kurzzeitig eine Art Ruhe fand. Michi schien die Anspannung seiner Frau zu spüren. Er hielt sie fest umschlungen und stellte keine Fragen, denn er wusste, dass sie jedes Wort als einen Vorwurf gegen ihren übertriebenen Arbeitseifer verstanden hätte. Behutsam löste er sich und flüsterte ihr zu, dass er sich nur kurz um das Essen kümmerte. Dann verschwand er in der Küche.
Nach zu vielen Büro-Tagen, die erst spät in der Nacht geendet hatten, freute Nina sich auf den Abend in der stillen Geborgenheit ihrer Zweisamkeit – und auf die versprochene Überraschung. Vielleicht ein neues Stück seiner Komposition? Heute Nachmittag hatte er ihr einen Teil daraus vorgespielt, aber Nina hatte die Melodie schon vergessen. Oder hatte Michi noch eine andere Überraschung für sie? Sie sah sich um – aber alles war wie immer. Das warme Licht einer Stehlampe fiel auf die beiden Sessel, die vor dem großen Bücherregal standen. Davor der glänzende Flügel, der durch den aufgeklappten Deckel noch imposanter wirkte. Ihr Blick wanderte weiter zum gedeckten Esstisch. Ein paar Kerzen darauf flackerten leicht, als sie sich näherte. Sie schenkte zwei Gläser Wein ein. Michael stellte eine Platte mit Antipasti auf den Tisch.
»Bin gleich fertig, Baby. Es wird im wahrsten Sinne ein italienischer Abend … unser Abend.« Im Vorbeilaufen küsste er sie auf die Wange und verschwand wieder in die Küche.
Obwohl das Handy nur leise klingelte, klang es in Ninas Ohren wie ein Warnsignal. Ein schneller Blick auf ihre Uhr genügte – und Nina war überzeugt, dass einer der Kollegen wie gewöhnlich eine dringende Rückfrage hatte. Nein, bitte jetzt keine Fragen mehr! Nichts sollte diesen Abend stören. Doch ein ungutes Gefühl sagte ihr, dass genau dieses Klingeln keine Arbeit bedeutete.
Es war der Auslöser einer für sie unvorstellbaren Katastrophe. Aber Nina ahnte nicht, wie sehr der Anruf ihr Leben verändern würde. Vorsichtig griff sie zum Telefon.
Nur Max. »Hallo, mein Kleiner!«, Sie war erleichtert.
Ihr Bruder lallte in wirren Sätzen, dass er in einer Bierkneipe in der Nähe der Werkstatt festsitze. Die Freunde waren verschwunden, sein Portemonnaie ebenfalls und die Getränkerechnung unbezahlt.
Nina schluckte. Einen Augenblick war sie unschlüssig, ob sie erheitert oder wütend auf ihren Bruder sein sollte, aber am Ende war das in dieser Situation bedeutungslos. Michael, der die letzten Sätze des Telefongesprächs gehört hatte, stand verloren im Türrahmen. »Nina! Nein! Du gehst jetzt nicht! Bleib hier, bitte. Wir müssen reden.« Er stellte sich ihr in den Weg und breitete die Arme aus.
Nina drängte vorbei. »Aber, Schatz … aber das können wir doch auch noch hinterher … ich hole ihn ganz schnell und dann essen wir einfach später.«
»Nina, ich bitte dich inständig, lass ihn ein einziges Mal selbst aus den Schlamassels rauskommen, die er sich dauernd einbrockt, und hör auf ihn dauernd zu bemuttern. Bleib hier – unseretwegen.«
»Stell dich doch nicht so an. Michi, ich kann Max doch nicht einfach hängen lassen. Er ist mein Bruder …«
»… und wer bin ich? Oder was bedeute ich dir überhaupt noch? Es sollte doch unser Abend werden. Seit du zwölf bist, sorgst du für ihn. Glaubst du nicht, dass du deine Fürsorge so langsam übertreibst?«
»Wieso? Was ist denn nur los? Max kann ja noch nicht einmal sein Taxi bezahlen. Ich muss hin. Versteh mich doch.«
Seine schmale Gestalt fiel in sich zusammen und ein Ausdruck verzweifelter Traurigkeit überschattete Michis hageres Gesicht. Die dunklen Augen schienen Nina durch die Intensität seines Blickes festzuhalten. »Seit fast fünfzehn Jahren versuche ich schon, dich zu verstehen, Nina. In der ganzen Zeit habe ich Rücksicht genommen, auf deinen Job und noch mehr auf deine Verantwortung für deinen Bruder. Aber ich brauche dich doch auch! Und zwar ganz und nicht nur den Teil von dir, der nach deinem Beruf und deinem Bruder noch für mich übrig ist.«
Mit Tränen in den Augen, aber den Autoschlüssel schon in der Hand, hielt Tina vor der Haustür inne: »Michi, Schatz! Jetzt mach doch keine Szene wegen dieser Kleinigkeit. Ich hole Max jetzt ganz schnell und dann machen wir uns einen schönen Abend. Es geht nicht anders.«
Michael folgte ihr in den Flur. Mit brüchiger Stimme sagte er leise: »Nina, ich habe vor ein paar Tagen die Zusage für eine freie Dozentenstelle an der Musikhochschule in Rom erhalten. Es sollte eine Überraschung für dich sein und für uns eine Chance wieder zusammen zu finden. Ein Leben ohne dass dein Bruder zwischen uns steht.«
Zwischen uns? Aber er ist doch ein Teil von mir, dachte Nina, dann rannte sie wortlos hinaus.
Zwei Stunden später parkte sie den Wagen erneut vor ihrer Haustür und versuchte die knapp neunzig Kilo schwere Gestalt ihres betrunkenen Bruders vom Beifahrersitz zu ziehen.
»Na, Ihr Mann hat aber ganz schön getankt«, bemerkte ein alter Mann, der von der anderen Straßenseite zu Hilfe kam. Eine dicke Wollmütze war tief in sein zerfurchtes Gesicht gezogen, strähnige Haare reichten bis auf die Schultern, auch seine Kleidung schien sonderbar. Nina erschrak zunächst, doch dann schoben sie Max gemeinsam die wenigen Stufen hoch. Trotz der Anstrengung fröstelte sie plötzlich und vom Bieratem ihres Bruders war ihr übel.
»Vielen Dank für Ihre Hilfe, aber er ist nicht mein Mann. Es ist mein Bruder und glücklicherweise kommt er nicht oft in diesem Zustand nach Hause.«
»Ihr Bruder?« Der Alte grinste. Ungepflegte Zähne kamen zwischen den Bartstoppeln zum Vorschein. Er wankte die Treppe wieder hinab, auf dem Bürgersteig drehte er sich noch mal um. »Tschuldigung, dass ich so neugierig bin. Ich habe vorhin Klaviertöne aus dem Haus hier gehört. Kam das aus Ihrer Wohnung?«
»Ja, ich hoffe, es stört niemand. Das war mein Mann. Einen guten Abend noch und vielen Dank für Ihre Hilfe.«
Nina winkte dem Unbekannten kurz zu und rannte die beiden Stockwerke hinauf. Doch nach ein paar Treppenstufen blieb sie atemlos stehen. Ihr Herz raste. Die Eindrücke des Abends flimmerten wirr durch ihren Kopf und verwandelten sich in tonnenschwere Felsen, die es ihr unmöglich machten weiterzulaufen. Michaels Ankündigung, nach Rom zu ziehen, der unheimliche Blick des Alten auf der Straße und das Gefühl, durch den Druck in einen Abgrund zu fallen, bohrten sich durch ihr Bewusstsein. Ihr war schwindlig und ihr Magen rebellierte. Das Licht der
Treppenhausbeleuchtung blitzte in ihre Augen. Sie griff nach dem Treppengeländer, fasste ins Leere und setzte sich auf die Stufe. Sie brauchte jetzt dringend Ruhe und Michis Nähe.
Rom musste einfach warten.
Ein ohrenbetäubender Knall gefolgt von hellen Klirrtönen gerissener Klaviersaiten empfing sie in ihrer Wohnung. Der Krach pulverisierte jegliche Erschöpfung und Nina stürzte wie elektrisiert zu seinem Ursprung. Michi hatte Max offenbar die Wohnungstür geöffnet, doch der war orientierungslos in ihr Wohnzimmer gestolpert. Max stand jetzt schwankend neben dem Flügel, dessen Deckel er heruntergerissen hatte. Seine Augen waren auf ein Stück der schwarz lackierten Korpusabdeckung in seiner Faust gerichtet.
»Max! Um Himmels willen! Nein!« Entsetzt blieb Nina vor den Bruder stehen.
»Das … das wollte ich nicht …« Max’ verschwitztes Gesicht war schreckerstarrt.
Michi war aus der Küche geeilt. »Jetzt reicht es endgültig. Es wird Zeit, dass dieser versoffene Nichtsnutz hier endlich verschwindet.« Nina sah nur noch Hass in seinen Augen.
Vollkommen außer sich packte er den muskulösen Oberarm des betrunkenen Manns und zerrte ihn in sein eigenes Zimmer nebenan. Max faselte etwas, das sich wie eine Entschuldigung anhörte, aber folgte Michael willig hinaus.
Nein, das darf jetzt alles nicht wahr sein!
Nina wünschte sich, aus diesem Albtraum endlich aufzuwachen. Sie ließ sich auf einen Stuhl sinken, füllte ein Glas randvoll mit Wein und trank es in einem Zug aus. Die Kerzen auf dem Esstisch waren herunter gebrannt. Ende.
Das fragile Konstrukt ihres Lebens drohte in diesem Augenblick einzustürzen.
Michael kam fünf Minuten später zurück ins Wohnzimmer, aber er schien komplett verändert. Er atmete schwer und sein Gesichtsausdruck zeigte eine verzweifelte Entschlossenheit. Eine bisher nie gekannte Wut mühevoll unterdrückend setzt er sich.
»Bitte, Michi, sei nicht böse auf ihn«, schluchzte Nina. »Das ist alles nur mein Fehler, ich hätte besser auf ihn aufpassen müssen. Max kann im Grunde genommen nichts dafür. Er wird sich morgen bei dir entschuldigen und für die Reparatur …«
»Nein, Nina! Merkst du denn nicht, dass es so nicht weitergehen kann!« Er schlug hart mit seiner Hand auf den Tisch, ein Glas fiel um. »Baby, wir können so nicht weitermachen und arbeiten kann ich schon gar nicht.« Fassungslos erkannte Nina die Flut an Emotionen, die sich bei ihrem Mann aufgestaut hatten.
Sie sprach leise. »Ich kann meinen Bruder doch nicht einfach vor die Tür setzen.«
»Wieso nicht? Er ist volljährig und hat einen Job. Ich weiß nicht, warum du deine Fürsorge so übertreibst. Was in aller Welt ist nur los mit dir?«
Nina saß verständnislos vor dem Menschen, mit dem sie seit mehr als vierzehn Jahren verheiratet war. Den sie bis zu diesem Abend zu kennen geglaubt hatte und der jetzt, ohne mit ihr vorher darüber zu reden, in eine andere Stadt ziehen wollte.
»Nichts, Michi! Ich muss einfach für meinen Bruder da sein … aber ich brauche dich.«
»Dann musst dir klar werden, ob du mich so sehr brauchst und vor allem liebst, dass du die Verantwortung für Max endlich ablegst. Entweder dein Bruder oder ich, so geht’s jedenfalls nicht länger.« Michi ergriff ihre Hand. »Baby, wir nehmen uns die nächsten zwei Wochen frei. Wir könnten nach Rom fliegen und gemeinsam die Stadt anschauen. Es gefällt dir sicher dort. … ich bitte dich, Nina, komm mit mir. Wir versuchen einen Neubeginn ohne deinen Bruder. Er kann uns doch später jederzeit besuchen.«
Nina schloss die Augen. Sie war todmüde und jedes weitere Wort hätte wie eine verlogene Entschuldigung geklungen.
»Michi. Es tut mir so leid. Ich kann nicht mehr.« Sie flüchtete ins Schlafzimmer. Im Bett zog die Decke über den Kopf und weinte leise.
Zweites Kapitel
Michaels Nase kitzelte und der linke Arm schmerzte etwas, denn Ninas Kopf ruhte darauf, und er hatte das Gesicht in ihren Haaren vergraben. Nein, nur nicht aufwachen, schoss ihm in den Sinn. Müde blinzelte er mit den Augen, er hatte das Gefühl, eben erst eingeschlafen zu sein. Aus Angst vor einer drohenden Distanz hatten sie im Schlaf gegenseitige Nähe gesucht und lagen jetzt eng aneinandergeschmiegt unter einer Decke. Doch war diese Vertrautheit nicht nur durch die Ereignisse des vergangenen Abends schon längst brüchig? Vorsichtig, um sie nicht zu wecken, strich Michael die weichen Haare seiner Frau zurück. Welches unaussprechliche Geheimnis verbarg sich nur in ihrem Kopf? Warum schien sie so sehr auf den Bruder fixiert? War es doch falsch, den Job an der italienischen Musikakademie einfach anzunehmen? Nein! Es war das einzig Richtige. Er liebte sie doch – aber was empfand Nina für ihn? Jetzt im Halbschlaf drehten sich seine Gedanken im Kreis.
Hinter den leichten Vorhängen der Schlafzimmerfenster schickte ein neuer Tag seine hellen Vorboten. Nina streckte sich etwas und atmete tief. In dem wenigen Licht erkannte er, dass sie die Augen öffnete.
»Baby, es ist noch zu früh um aufzustehen. Träum noch ein wenig.« Michi küsste sie zart auf die Nasenspitze. Losgelöst von der Realität des bevorstehenden Tages schien Nina einen Augenblick in seiner Umarmung zu ruhen.
»Michi, das mit deinem Flügel tut mir leid.« Sie gähnte schläfrig.
»Ich weiß, Baby. Aber es geht nicht nur um den Flügel, es geht um uns beide.« Er umarmte sie so fest, als wollte er sie nie wieder loslassen.
»Wir beide sind doch zusammen. Oder etwa nicht? Ich kann niemand außer dir sehen.«
»Aber es geht darum, wer zwischen uns steht …«
Michael zögerte, doch nach einer Weile unterbrach er erneut das gedankenverlorene Schweigen: »Entweder muss dein Bruder fort oder wir weg von deinem Bruder.«
Ninas rückte ein wenig von ihm ab, ihre Stimme klang jetzt hellwach.
»Das geht nicht.«
Michael zog die leichte Daunendecke über ihre nackten Schultern und umarmte sie wieder.
»Doch, Baby! Warum denn nicht? Wir müssen etwas verändern in unserem Leben. Merkst du nicht, dass wir beide nur noch unausgeglichen und gestresst sind?«
»Aber das geht doch auch wieder vorbei. Momentan ist es halt alles ziemlich viel. Vielleicht sollten wir einfach mal Urlaub machen …«
»Ja, aber ohne Max! Aber selbst dann kommen wir wieder nach Hause und alles geht genauso weiter.«
»Wieso hast du so plötzlich ein Problem mit Max?«
»Weil ich dich dann nie allein für mich habe. Baby, ich muss und werde die Stelle an der Musikschule in Rom im August antreten. Komm mit mir, Nina. Bitte!«
Er spürte, wie Ninas Körper erstarrte.
»Michi, du stellst mich einfach vor vollendete Tatsachen und denkst, ich komme damit schon klar. Wie stellst du dir das denn vor? Soll ich Max und meinen Job einfach hinschmeißen? Versteh mich doch, ich kann hier nicht einfach alles zurücklassen. Max braucht mich. Ich kann ihn nicht im Stich lassen, er ist mein Bruder, ich bin für ihn verantwortlich.«
Michael hob sanft ihr Kinn, sodass sie ihm direkt in die Augen sah. »Nina, es tut mir leid, wenn ich dich mit Rom überrumpelt habe. Ich hielt es für die einzige Möglichkeit, etwas in unserem Leben zu ändern. Du warst nie da und wenn du zu Hause warst, kam Max meistens auch noch dazu.«
»Ich dachte, du magst meinen Bruder!« Nina richtete sich auf.
»Ja, schon … aber ich brauche dich doch auch. Seit Monaten warte ich darauf, dass du endlich die Verantwortung für Max mal etwas zurückfährst. Ich würde mir wünschen, dass wir beide mehr Zeit für uns hätten.«
Ein paar Minuten lang überlegte er, ob er weiterreden sollte. »Hast du dich eigentlich jemals gefragt, warum wir keine Kinder haben?«
»Wir können eben keine bekommen. Das haben wir doch mittlerweile ausreichend diskutiert. Außerdem ist es doch auch so schön genug mit …« Ninas Augen glänzten feucht in der Dämmerung.
»… mit Max?«
»Das ist unfair, Michael. Ich dachte, das Thema Kinder hätten wir abgeschlossen. Es gibt keinen physischen Grund, warum es nicht geklappt hat, das weißt du auch. Unser Leben reicht mir auch so. Du hast deine Musik und ich einen anstrengenden Job in der Agentur.«
»Und wir beide noch deine übertriebene Verantwortung für deinen Bruder. Du behandelst ihn wie ein unmündiges Kind – dein Kind.«
»Du tust mir unrecht, denn du weißt genau, dass er seit Mamas Tod nur noch mich hat. Ich muss doch für ihn sorgen.« Ninas Ton wurde scharf.
»Nein! Das musst du nicht! Ich weiß nicht, warum du es immer weitermachst. Max ist alt genug. Seit er bei uns wohnt, machst du ihm die Wäsche und viel zu oft hockt er mit uns zusammen – sofern er nicht mit seinen merkwürdigen Trinkkumpanen unterwegs ist. Wenn ich ihm andeute, dass es längst Zeit ist, selbstständig zu sein, nimmst du ihn in Schutz. Nina, begreifst du nicht, du musst irgendwann damit aufhören! Und dieser Zeitpunkt ist jetzt gekommen!«
»Aber ich kann ihn doch nicht einfach vor die Tür setzen. Warum machst du mir mit einem Mal so ein Druck? Und was ist eigentlich mit meinem Job?«
»Baby, auch diesen Job machst du doch schon viel zu lange. Du könntest erst mal ausspannen und in Rom vielleicht etwas Neues finden. Du bist total überarbeitet. Ich glaube, deine netten jungen Kollegen machen Karriere und du hilfst ihnen auch noch dabei.«
»Michi, das ist nicht wahr! Ich brauche meinen Job … Du willst mich einfach nicht verstehen. Ich muss für Max da sein. Wenn du selbst einen Bruder oder eine Schwester hättest, könntest du meine Haltung vielleicht nachvollziehen.«
»Nein, Baby, auch wenn ich Geschwister hätte, könnte ich nicht so sein wie du. Ich habe so sehr gehofft, dass du die Verantwortung für deinen Bruder irgendwann einmal wieder zurückschrauben würdest. Was ist nur mit dir los?«
»Nichts! Ich kann einfach nicht! Aber warum tust du das alles? Ich verstehe nicht, wieso du nicht vorher mit uns über deine Pläne geredet hast. Vielleicht hätten wir gemeinsam eine Lösung gefunden.«
Nina wischte erneut Tränen aus den Augen. »Ich … ich glaube, ich sollte jetzt lieber aufstehen.«
»Nina, bitte bleib hier!« Seine Stimme klang ernst.
»Es geht nicht.«
Enttäuscht sah Michael ihr zu, wie sie aus dem Bett sprang. »Du willst also jetzt wirklich gehen? Nina?«
Er hatte geahnt, dass sie zunächst mit Unverständnis auf seine Bitte reagieren würde. Auch auf einen kleinen Streit und Tränen war er im Grunde vorbereitet gewesen. Spätestens in Rom, als er den Vertrag unterschrieben hatte, war ihm bewusst, dass dieser Schritt ein Risiko bedeutete. Er hatte mit allem gerechnet, aber nicht damit, dass Nina wieder einmal weglaufen würde.
Im Vorbeieilen küsste sie ihn schnell auf die Stirn.
»Michi, das führt jetzt zu nichts. Du erwartest doch nicht im Ernst, dass ich jetzt ab sofort alles stehen und liegen lasse. Ich kann dir nicht sagen warum, aber ich kann nicht zwischen dir und meinem Bruder entscheiden. Lass uns heute Abend weiterreden. Vielleicht brauchen wir einfach nur Zeit.«
»Ja, aber ohne ihn«, sagte Michael leise. Nina hatte das Schlafzimmer verlassen. Er verschränkte die Arme unter dem Kopf und sah zur Decke. Minutenlang lag er nur da, wartend.
Er blieb allein.
Irgendwann schlurfte er in die Küche und wanderte mit einem Becher Kaffee in der Hand weiter ins Wohnzimmer. Der Anblick des demolierten Musikinstrumentes tat ihm weh, ein Sinnbild für die seit Langem zerstörte Harmonie. Tröstend, fast zärtlich strichen seine Finger über die Klaviatur und den zertrümmerten Deckel. Mit Tränen in den Augen versuchte er, einzelne kleine Bruchstücke aus dem Resonanzboden vorsichtig zu entfernen. Er wagte es nicht, eine einzige Taste der Klaviatur zu betätigen, um ihm keine weiteren Schmerzen zuzufügen, denn er wusste, dass dies nur erneut Missklänge ausgelöst hätte. Diese Qual musste ein Ende finden.
Es ergab doch alles keinen Sinn mehr!
Resigniert rief Michael einen Freund an, der ein kleines Klavierbau-Unternehmen leitete; er vereinbarte die sofortige Abholung des Flügels.
Glücklicherweise kam der mit seinen Helfern schon eine Stunde später und versprach, den Flügel nach der Reparatur bis zu seinem Anruf aufzubewahren. Als Michael zusah, wie die Männer mit starken Händen das große Instrument aus der Wohnung schleppten, empfand er eine fast unerträgliche Zerrissenheit, so intensiv, als trügen sie damit einen Teil seines Körpers hinaus. Die Leere des Zimmers erdrückte ihn. Mutlos ließ er sich auf den zurückgelassenen Klavierhocker fallen.
Lange saß er dort, das Gesicht in den Händen vergraben. Heute Abend würde dieser muskelbepackte Kerl wieder anwesend sein und ihn mit schwachsinnigen Entschuldigungen überhäufen. Wie konnte er in einer Umgebung, die nur Dissonanzen in ihm auslöste, an seiner Symphonie weiterarbeiten? Zu Beginn ihrer Ehe war er überzeugt, dass Nina zur Vernunft kommen und ihren Bruder loslassen würde. Warum hing sie nur so sehr an ihm? Und welche Rolle spielte er selbst überhaupt noch in ihrem Leben? Viele Jahre hatte er auf ein Baby gehofft und sich darauf gefreut, seinem Sohn oder einer Tochter das Klavierspielen beizubringen. Er war zuversichtlich, dass ein eigenes Kind Nina helfen würde, sich von ihrem Bruder zu lösen. Aber dieser Traum trat immer mehr in den Hintergrund, begraben unter endlosen Diskussionen, die meistens mit Streit und Tränen endeten.
Nach den Missverständnissen folgten Abende der Versöhnung und erneuter Hoffnung. Er war müde davon geworden und hatte in seiner Musik Zuflucht gefunden. Nina hatte sich immer tiefer in ihre Arbeit gestürzt. Diese Ehe zu dritt dauerte doch schon zu lange und Rom bot eine einmalige – die vielleicht letzte – Chance, etwas zu ändern, bevor alles zu spät war. Das Leben, ihre Zeit miteinander, plätscherte vorbei wie Wasser in einem Kanal. Aber der Fluss seines Lebens sollte sich doch auch durch neue Gebiete graben. Sich bei Misserfolgen verästeln und wieder zu einem stärkeren Strom zusammenfinden, um in vielen Jahren im Meer der Unendlichkeit zu münden. Aber ein Neuanfang ohne Nina? Kaum vorstellbar. Niemals? Er liebte ihre Gradlinigkeit, ihre selbstlose Zuneigung, ihre verzweifelte Liebe. Er liebte das Gefühl, sie zu spüren, zu umarmen und zu halten. Im Grunde liebte er alles an ihr, bis – ja, bis auf ihren Bruder.
Am späten Nachmittag fasste Michael einen Entschluss und griff zu seinem Handy. Er teilte dem Direktor der Frankfurter Musikschule telefonisch mit, dass er vermutlich bis zum Ende des Semesters beziehungsweise seiner Kündigung keine Termine mehr wahrnehmen könne. Nein, er sei nicht krank, beruhigte er den überraschten Leiter. Er müsse sich jedoch länger als geplant auf den Umzug und die neue Anforderung in der Musikakademie vorbereiten. Michael versprach, in den Semesterferien nochmals zur Musikschule zu kommen, um die restlichen Unterlagen und seine persönlichen Gegenstände von dort abzuholen.
Dann lief er ins Schlafzimmer und packte zwei große Koffer mit seiner Lieblingskleidung. Als er seine Notenblätter in eine Mappe sortierte, hielt Michael inne. Er nahm ein leeres Blatt und fing an zu schreiben. Den Brief legte er auf den vereinsamten Klavierhocker, ergriff die beiden Koffer und seinen Autoschlüssel.
Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, blickte er nicht zurück.
Nina war tränenüberströmt aus ihrer Wohnung geflüchtet, auf der Treppe hatten ihre Beine beinahe versagt. Ihr rasendes Herz umklammerte eine entsetzliche Angst vor der ungewissen Zukunft, die durch diese Katastrophe und Michis Entschluss ihren Lauf zu nehmen schien. Die mühsam errichtete Hängebrücke über die Schlucht der Erinnerungen drohte endgültig zu reißen. Jahrelang war Nina darüber gerannt, um beiden Seiten gerecht zu werden. Jetzt hing sie zwischen den geliebten Menschen, doch vermochte sie keinen der Stricke loszulassen, denn sie wollte – nein … sie durfte niemand verlieren. Unten in der Schlucht lagen die Erlebnisse ihrer Kindheit tief vergraben.
Vor ihrem Lieblingscafé im Öderweg hielt sie an und kaufte zwei Croissants und einen großen Milchkaffee. Trotz der frühen Uhrzeit schienen die Menschen, die aus den U-Bahn-Schächten strömten, schon alle in Eile zu sein, denn die Uhren in dieser Stadt tickten schnell. Eine Tatsache, die Nina seit der Kindheit verinnerlicht hatte.
Nach der Schule war sie meistens nach Hause gerannt, um Max vom Kindergarten abzuholen und ihm ein Mittagessen zu kochen. Am liebsten aß er Pudding – warmen, cremigen Schokopudding. Manchmal mischte sie Spinat unter den Pudding, da sie gehört hatte, dass Kinder Spinat essen müssten.
Es war ihr Fluchtinstinkt oder mehr ein verzweifelter Versuch, der Realität davonzulaufen, der Nina veranlasste, an den Main zu fahren. Sie parkte den Porsche am Straßenrand und stieg aus. Jetzt im März war der Wind noch kühl und ein leichter Regen prickelte auf ihrem Gesicht. Unzählige Menschen joggten auf dem breiten Uferweg entlang oder fuhren mit dem Fahrrad zu ihrer Arbeitsstelle. Auf einer Parkbank fütterte ein älterer Herr ein paar Schwäne, die stürzten sich gierig auf das trockene Brot. Der Anblick der Tiere erinnerte Nina sofort wieder an Michi, als der ihr bei einem Spaziergang am Main erklärte, dass Schwanenpaare ein ganzes Leben zusammenblieben. Genauso wie wir, hatte er damals verliebt hinzugefügt.
Jetzt drohte Michi allein in den Süden zu ziehen. Blind vor Tränen warf Nina den Rest der Croissants zu den Schwänen und eilte zurück zu ihrem Wagen.
Zwanzig Minuten später hastete sie die beiden Stockwerke in dem alten Fabrikgebäude hoch, in dem die Marketingagentur schon seit ihrer Gründung untergebracht war. Im Empfangsflur begegnete sie Pierre, der mit einer CD in der Hand offenbar in die benachbarte IT-Abteilung unterwegs war.
»Hey, Nina! Guten Morgen, Liebes, bist du heute aus dem Bett …« Dann stockte er. »Ist irgendwas passiert? Meine Güte, du siehst ja schrecklich aus. Hast du etwa geweint?«
»Ach, Pierre, guten Morgen! Nein, alles okay.« Nina schüttelte energisch den Kopf und wischte mit dem Ärmel ihres Pullovers über ihr Gesicht. »Nein, das muss wohl der dumme Regen sein. Ähm, Pierre, deine Müller-Präsentation ist so gut wie fertig. Ich lege sie gleich in dein Postfach.«
Pierre zupfte an seiner Krawatte und blickte stirnrunzelnd auf sie herab. »Das ist super … kannst du mir die Sachen auch noch mal ausdrucken? Der Termin morgen wird wichtig und daher möchte ich ein paar Kommentare hinzufügen, die für mich persönlich sind.« Er griff nach ihrem Arm.
»Nina, ist wirklich alles okay?«
»Aber klar … was soll denn schon sein?« Nina zitterte vor Anstrengung am ganzen Körper. Die Erinnerung an den gestrigen Abend trieb ihr erneut Tränen in die Augen. Sie drängte schnell an ihm vorbei, spürte aber, dass Pierres Blick sie verfolgte, als sie auf ihren Schreibtisch zusteuerte.
Ninas Arbeitsplatz lag im ›Garten‹, einem Teil des Raumes, der aufgrund seiner zahlreichen Grünpflanzen diese Bezeichnung bekommen hatte.
Immer wieder versuchte sie sich auf das Moodboard vor ihr auf dem Bildschirm zu konzentrieren, aber ihre Gedanken kehrten sofort zu Michi zurück. Wie konnte er sie nur vor eine solche Entscheidung stellen? Warum tat er das? Wollte er wirklich ihr gemeinsames Zuhause verlassen, ihre kleine Familie? Hatten sie sich in der Gemeinschaft nicht alle wohlgefühlt, wie unter einer lieb gewonnenen Decke, unter der jeder seinen Platz hatte und die sie wärmte? Ihr bisheriges Zusammenleben war so selbstverständlich und verlässlich, ohne große Aufregungen. Sie brauchte und liebte ihn über alles, denn er war die einzige Zuflucht in ihrem hektischen Universum und Max hatte eigentlich nie darin gestört.
Aber warum beabsichtigte Michael, das alles zu ändern? Ninas anfängliche Entrüstung verwandelte sich zunehmend in hilflose Angst, dass er seine Pläne verwirklichen würde. Ein Gefühl aus der Kindheit nahm mehr und mehr Besitz von ihr und eine tiefe Narbe der Erinnerungen drohte aufzuplatzen. Nina riss sich zusammen. Sie musste verhindern, dass alles zusammenstürzte. Er durfte sie nicht allein lassen. Ihr Blick schweifte zu der Palme neben ihrem Schreibtisch, vielleicht waren sie wirklich nur überarbeitet und brauchten Urlaub. Es musste doch einen anderen Ausweg geben.
Das Klingeln ihres Handys unterbrach die Urlaubsträume.
»Nima, ich wollte mich nur mal kurz melden. Ich wollte euch nicht stören und bin schon ganz früh in die Werkstatt«, tönte die von Motorgeräuschen begleitete Stimme ihres Bruders. »Du, ich … ich weiß nicht, wie ich das sagen soll, gestern Abend … es tut mir so leid. Ich wollte das nicht. Der arme Michi, jetzt ist er sicher noch wütender auf mich.«
»Max! Du sollst mich nicht Nima nen…«
»Doch! Für mich bist und bleibst du Nina-Mama!«, sagte Max und lachte. »Ich habe vorhin mit einem Freund telefoniert, der auch so ein Klavier hat. Mein Kumpel sagt mir später, wo man am besten so etwas reparieren lassen kann.«
Nina musste zum ersten Mal an diesem Tag lächeln.
»Max, es ist ein Flügel und kein Klavier. Ich glaube, Michi will sicher selbst für die Reparatur sorgen. Du weißt, was der Flügel für ihn bedeutet.«
»Ich werde mich heute Abend bei Michi entschuldigen und die Reparatur bezahle ich ihm auch. Hoffentlich ist er dann nicht mehr so böse auf mich. Schuld war nur mal wieder die blöde Trinkerei, und meine Kumpels waren plötzlich nicht mehr da. Wenn ich die sehe, bekommen die erst mal Prügel.«
»Nein, das wirst du nicht tun, Max. Diese Freunde lässt du künftig schön in Ruhe. Nur dein Portemonnaie sollten sie dir zurückgeben.«
»Ja, Nina.« Max’ Stimme wurde kleinlaut. »Ich mache das bestimmt wieder gut – versprochen. Und am Wochenende putze ich dein Auto und …«
»Alles gut, Kleiner. Wir reden später. Ich muss jetzt wirklich weitermachen.« Nina beendete Max’ Wortschwall, Ferdi stand mit einem fragenden Gesichtsausdruck vor ihrem Schreibtisch.
In den nächsten Stunden arbeitete sie mit dem aufgeweckten jungen Mann an dem Moodboard für den Wellness-Drink eines großen Getränkeherstellers. Nina war dankbar für seine humorvollen und manchmal doppeldeutigen Kommentare hinsichtlich einzelner Szenen der Collage. Sie lachten und stecken die Köpfe zusammen und kamen immer wieder auf eine noch treffendere Aussage. Erst am frühen Nachmittag erinnerte Ninas knurrender Magen daran, dass es längst Zeit für eine Nahrungsaufnahme war. Sie rief auf Michaels Handy an, um ihm ein Versöhnungs-Essen in seinem Lieblingsrestaurant vorzuschlagen, aber er ging nicht ran. Michi beantwortete nur ungern Anrufe auf dem Handy, daher war dies nichts Ungewöhnliches. Nina überkam das ungute Gefühl, dass ihr Mann aus einem anderen Grund nicht an sein Telefon ging. Sie steckte ein paar Geldscheine in die Tasche ihrer Jeans und rannte los, um in der Snackbar gegenüber wenigstens ein Sandwich zu besorgen.
Im Treppenhaus hörte sie Pierres Stimme, der ein Stockwerk tiefer leise telefonierte. Erschrocken hielt sie inne, denn seine Worte klangen ungewohnt gefühllos und hart und passten überhaupt nicht zu dem sonst so liebenswürdigen Kollegen. Es war eindeutig Pierres Stimme, aber ein ganz anderer Mensch schien dort zu sprechen.
»… nein, du Idiot, der Link funktioniert nicht. Ich kann mich nicht anmelden … natürlich über den Torbrowser, glaubst du, ich bin blöd …« Nina lauschte fassungslos, wie Pierres Stimme lauter wurde: »Ich musste jetzt die Bilder auf CD brennen und hab dir eine Kopie geschickt … steht Kleinkram drauf … das Material ist echt gut … nein, wie versprochen zwischen vier und maximal fünfzehn … hör mal, das kostet mich eine Stange Geld, das Material ist auch nicht mehr mit zwanzig Euro zufrieden. Die wollen alle neue Sneakers oder ein Handy …«
Nina wagte es kaum zu atmen. Vorsichtig schlich sie die Treppe hinab und räusperte sich. Als Pierre sie erblickte, unterbrach er sofort das Gespräch und bedeckte mit der freien Hand den Lautsprecher seines Handys. Ein paar Sekunden standen sie sich gegenüber wie ein altes Ehepaar, das sich gegenseitig mitten in der Nacht vor der geöffneten Kühlschranktür erwischt. Pierres blasses Gesicht wirkte zunächst wie versteinert, dann blitzen seine Augen sie wütend an.
»Nina, ich führe hier gerade ein sehr privates Telefonat. Du willst sicher nicht zuhören. Oder?«
Nina nickte ihm verständnislos zu und stürmte vorbei. Draußen auf dem Parkplatz atmete sie tief durch. Was oder besser wer war denn das? Welches Geheimnis steckte nur in dem Kollegen?
