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Die Themen Tod, Verlust und Dasein als Engel in einem unterhaltsamen Kontext, der auch zum Nachdenken anregt. Nach einem tödlichen Unfall findet sich Susanne als Engel wieder. Beim Versuch ihre irdischen Versäumnisse wiedergutzumachen stellt sich für die zuvor ehrgeizige Anwältin die Frage, welcher Engel in ihrer Person eigentlich steckte. Sie erkennt, dass Engel eben nicht alle das Wohlergehen der Menschen anstreben, zudem erscheint Lucians Macht grenzenlos. Immer wieder zweifelt Susanne an der Richtigkeit ihres Tuns, denn auch sie wurde zu Lebzeiten von den bösen Engeln beeinflusst. Aber die Verfehlungen ihres Berufslebens könnten sich am Ende ja auch als ganz nützlich erweisen ...
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Seitenzahl: 265
Veröffentlichungsjahr: 2017
Johanna E. Cosack, geboren 1958 in Bingen am Rhein, studierte zunächst Fremdsprachen, bevor sie bei einer Bank in Frankfurt arbeitete. Schon während der Erziehung ihrer beiden Kinder begann sie mit dem Schreiben von Kurzgeschichten, in denen sie Eindrücke aus den vielen humorvollen und auch schwierigen Begebenheiten ihres abwechslungsreichen Lebens festhielt.
„Unsere Lebenszeit ist eine sehr begrenzte Ressource und in unserer schnelllebigen Welt nimmt deren Qualität und Quantität leider rapide ab. Aber was kommt danach? Auch wenn die Wissenschaftler inzwischen viele Eigenschaften und Emotionen bereits bestimmten Gehirnarealen zuordnen können, bleibt dennoch eine Menge übermenschlicher Energien übrig.“ Johanna E. Cosack.
Nach mehreren Stationen im Ausland, in Hamburg, Bad Vilbel und Dreieich lebt die Autorin heute in Frankfurt am Main.
Dieses Buch hat keinen wissenschaftlichen und auch keinen esoterischen Hintergrund, aber es beruht auf der festen Überzeugung, dass es nach dem Tod in einer für uns noch unbekannten Form weitergeht. Vielleicht sollten wir uns nicht vor dem Tod fürchten, sondern neugierig darauf sein und im Leben aufmerksam bleiben, denn oft reden sie mit uns – die Engel
eine fantastische Geschichte über unsere Unvergänglichkeit
© 2017 Johanna E. Cosack
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 42, 22359 Hamburg
Umschlaggestaltung: J.E.Cosack
Bilder: Istock
Lektorat: ProLitera Friederike E. Schmitz
Druck in Deutschland und weiteren Ländern
ISBN
Paperback:
978-3-7439-6648-2
Hardcover:
978-3-7439-6649-9
e-Book:
978-3-7439-6650-5
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Das Nicht-Wahrnehmen von etwas bedeutet nicht dessen Nicht-Existenz.
Dalai Lama
Für Corinna und Florian
„Natürlich habe ich Monikas Einladung nicht vergessen.“
Ärgerlich über die Unterbrechung klappte Susanne den Aktenordner zu. Sie hasste es, bei der Arbeit gestört zu werden. Termine in der Kanzlei und ihre Familie bestimmten ihren Lebensrhythmus, und wie immer, wenn dieser Takt unterbrochen wurde, fing sie an, ungeduldig mit den Füßen zu wippen.
Ausweichend antwortete sie ihrem Mann: „Du, lass uns doch bitte später darüber reden. Ich muss noch ein paar dringende Schriftsätze erledigen, aber ich verspreche dir, ich fahre in einer Stunde los. Auf dem Heimweg bringe ich uns etwas Leckeres zum Abendessen mit.“
Während Susanne mit einer energischen Bewegung eine Strähne ihrer dunklen Haare aus der Stirn strich, fiel ihr Blick das Familienfoto auf ihrem Schreibtisch.
„Bevor ich es vergesse, Martin, Sebastian kommt heute Abend zum Essen nach Hause. Stellst du einen Wein kalt? Ich beeile mich. Küsschen ...“
Ohne eine Antwort abzuwarten, legte Susanne den schwarzen Telefonhörer zurück auf die Halterung. Die Regelmäßigkeit, mit der ihre frühere Kommilitonin zu einem Treffen einlud, offenbarte deren hartnäckigen Versuch, eine Verbindung aufrechtzuerhalten. Diese lästige Person veranstaltete diese zweifelhaften Abendessen doch nur, um Martin anzuhimmeln, dachte Susanne gereizt, während ihre Pumps den Staub aus dem dicken Teppich klopften. Sie betrachtete einen Moment die Aufnahme im Silberrahmen. Monika, Martin und sie spielten zusammen mit Basti in seinem Kinderzimmer. Damals waren die beiden Freundinnen nach langer verständnisloser Trennung glücklich, wieder jede freie Minute gemeinsam zu verbringen.
Ich werde dir leider absagen, liebe Monika, denn du gehst mir deutlich auf die Nerven, missgelaunt schlug Susanne die Akte wieder auf. Doch das monotone Summen des Telefons unterbrach ihre Aufmerksamkeit erneut.
„Hallo Peter“, begrüßte sie ihren Vorgesetzten. „Wieso bist du um diese Uhrzeit noch im Büro?“
„Ich wollte ein paar unangenehme private Anrufe erledigen. Frau Wiemer hat heute Nachmittag frei. Ein paar Geschäftspartner von mir werden aufdringlich, aber ...“ Seine tiefe Stimme machte eine kurze Pause. „Ach nichts, was mit der Kanzlei zu tun hat. Mach dir keine Sorgen. Der eigentliche Grund meines Anrufs ist, dass ich mit dir noch über den Stolze-Fall sprechen muss.“
Peter Unger, einer der Partner der Anwaltskanzlei Schmidt Herborn und Unger war ihr persönlicher Mentor und nicht nur ein beruflicher Berater. Er und Martins Vater Friedrich waren Schulkameraden an der Humboldt Schule in Bad Homburg und trotz eines Altersunterschieds und verschiedener Studienwege blieben sie mehr als 50 Jahren eng befreundet.
Peter Unger hatte Susanne schon während ihres Jura-Studiums begleitet und ihr nach dem zweiten Staatsexamen den Eintritt in die bekannte Frankfurter Kanzlei ermöglicht.
„Hast du Probleme mit einem Mandanten?“, fragte Susanne beunruhigt. „Soll ich kurz zu dir rüberkommen?“
„Nein, nein ... schon gut. Glücklicherweise gibt es keine Mandanten, die uns wirklich Probleme bereiten. Den Stolze-Vertrag können wir im Grunde auch morgen nach dem Meeting besprechen. Vielleicht sollte ich lieber Schluss machen für heute und mit Helga einen Wein auf der Terrasse trinken.“
„Bist du sicher?“ Susanne spürte, dass irgendetwas ihren väterlichen Freund sehr belastete. „Ich überprüfe gerade noch ein paar Schriftsätze, aber dann können wir uns in Ruhe über den Stolze-Vertrag unterhalten – und über deine Geschäftspartner, die dich offensichtlich ärgern.“
Einen Augenblick zögerte Peter, dann fuhr er fort:
„Nein, mein Liebes, schon gut. Das hat Zeit. Du solltest ebenfalls nach Hause zu deiner lieben Familie fahren. Du arbeitest schon wieder viel zu lange.“
„Ich mag meinen Beruf“, protestierte Susanne. „Martin hat durch seine Schüler auch zuhause immer viel zu tun.“
„Ja, ja, ich weiß, Liebes. Aber der Stolze-Vertrag läuft nicht weg. Ich wette mit dir um 50 Euro, dass unser Entwurf sowieso nicht akzeptiert wird. Lass uns morgen darüber reden. Genug für heute. Aber da fällt mir ein, habt ihr schon Pläne für das Wochenende oder mal wieder Lust auf eine gemeinsame Golfrunde?“
„Ja sicher, das Wetter ist zu schön! Sonntag vielleicht? Du zockst doch so gerne, also spielen wir ein Lochwettspiel, du und Helga gegen Martin und mich. Der Verlierer lädt hinterher zum Essen ein. Was hältst du davon?“
„Das klingt sehr gut. Ich glaube, Helga wird begeistert sein.“
Susannes schob den soeben bearbeiteten Fall endgültig resignierend zur Seite und verschloss das Schreibtischfach mit Unterlagen diverser Treuhandkonten sorgfältig.
„Ich freue mich auch. Wir sehen uns morgen gegen 11 Uhr? Ich komme mit den Stolze-Unterlagen in dein Büro.“
„Einverstanden, mein fleißiges Mädchen. Dann vereinbaren wir ebenfalls die Tee-time fürs Wochenende. Bis morgen, Susanne,“ beendete Peter das Telefongespräch.
Durch den frühen Tod von Martins Vater Friedrich wurde Peter zu einem väterlichen Freund für das junge Paar. „Schusterjungen haben selbst immer die schlechtesten Schuhe“, versuchte Friedrich zu scherzen, als er auf der Krebsstation lag. Monatelang hatten sie gehofft, dass die Chemotherapie endlich den ersehnten Erfolg erzielen und der Tumor in seinem Magen nicht weiterwachsen würde. Friedrich hatte lange gekämpft und mit seinen Arztkollegen über die geeignete Behandlungsweise gestritten, doch am Ende verloren sie alle.
Nachmittägliche, warme Sonnenstrahlen waren schon weit über den dunklen Parkettboden ihres Büros gewandert und die Geräusche vorbeifahrender Autos drangen durch die geöffneten Fenster in den Raum. Susanne, die noch schnell ein paar Mails beantwortet hatte, sah erschrocken auf ihre Armbanduhr.
„Meine Güte, ich sollte los.“ Sie heftete mehrere bedruckte Seiten in einen bereits übervollen Mandantenordner und legte ihn griffbereit neben ihre Handtasche, bevor sie die kurze dunkelblaue Kostümjacke überstreifte.
Das Büro bedeutete ein zweites Zuhause für Susanne. Sie liebte die Ruhe und die hohen, stuckverzierten Decken der Kanzlei, die seit mehr als einem halben Jahrhundert in einer alten Villa im Frankfurter Westend residierte. Vor ein paar Jahren hatten die Eigentümer sehr viel Geld in die fachgerechte Renovierung und Modernisierung der Räume investiert. Handwerker mit Farbeimern, Stoff- und Holzbahnen waren wie eine Schar weißer Mäuse durch die Räume und hinter die alten Holzvertäfelungen geklettert, um Leitungen für moderne Telefon- und Internetanschlüsse sowie neue Heizungsrohre zu verlegen. Erst Monate später war der Geruch von Farbe und Holzlack wieder einer Mischung aus Aktenstaub, Kaffee und dem Zigarrenrauch einer der Partner-Anwälte gewichen.
Susanne eilte in den Empfangsflur, an den teilweise geöffneten Bürotüren der Assessoren und Mitarbeiter sowie den zahlreichen Besprechungszimmern vorbei. Der Flur, durch wenige Wandlampen kaum erleuchtet, schien ihr merkwürdig still und selbst ihre lautlosen Schritte auf dem dicken Teppich fühlten sich anders an als sonst.
Vielleicht war es die dämmrige Ruhe des Raumes oder auch eine merkwürdige undefinierbare Angst, die Susanne trotz ihrer Jacke plötzlich frösteln ließ. Aufmerksam angespannt hielt sie einen Moment inne.
„Seltsam, als ob ich das heute zum letzten Mal sehen würde …“, schoss es ihr durch den Kopf. Susanne blickte verwirrt in den verlassenen Flur zurück.
„So ein Unsinn“, schimpfte sie sofort. „Morgen geht die Arbeit wieder richtig los! Und um das vergessene Treuhandvermögen kümmere ich mich auch mal wieder in den nächsten Tagen.“
Susanne legte den schweren Aktenordner auf den Tresen des Empfangsdesks.
„Wie bitte? Kann ich Ihnen behilflich sein?“
Eine junge Blondine, die offensichtlich die Spätschicht am Empfang und in der Telefonzentrale übernommen hatte, eilte ihr entgegen.
„Nein, danke … ich komme schon klar“, entschuldigte sich Susanne zerstreut. „Ich hab nur laut gedacht und bin vermutlich etwas überarbeitet.“
Der rot geschminkte Mund der Dame verzog sich zu einem verständnisvollen Lächeln.
„Oh, ja. Dann wünsche ich Ihnen einen schönen und entspannten Feierabend.“
Sie wandte sich wieder dem dicken Buch auf ihrem Schreibtisch zu und Susanne ging durch die massive Holztür und die Marmortreppenstufen hinab in den Vorhof der Villa. Auf dem Parkplatz verstaute sie die Unterlagen auf dem Beifahrersitz und öffnete das Verdeck des BMW-Cabrios. Für einen kurzen Moment hob sie den Kopf, um die wärmende Frühlingssonne im Gesicht zu spüren, bevor sie den Motor startete.
Auf dem Platz vor der Alten Oper herrschte bereits die gewohnte Feierabendstimmung: Junge Menschen saßen auf den Treppenstufen vor dem Gebäude oder spazierten umher. Aus den Einfahrten der umliegenden Hochhäuser und Parkgaragen sprudelten Autos wie glänzende Wassertropfen aus einer Leitung, um von mehrspurigen Straßen aufgesogen zu werden, und auf den Bürgersteigen hasteten Menschen in Bürokleidung vorbei an einzelnen Bettlern, die es sich auf schäbigen Decken bequem gemacht hatten. Fette Tauben probten ihre vernachlässigten Flugkünste im schwachen Wind oder versammelten sich in der Taunusanlage, um an den Müllbehältern ein Festmahl zu veranstalten.
In der Schweizer Straße erledigte Susanne bei Meyers schnell ein paar Einkäufe und als sie in die Darmstädter Landstraße einbog, klingelte ihr Handy.
„Hi Mum, bist du auf dem Heimweg?“, hörte sie die vertraute Stimme Bastians.
„Ja, mein Lieber, ich bin in spätestens 30 Minuten zu Hause. Kommst du zum Essen?“, entgegnete Susanne fragend.
Ihr Sohn zögerte etwas: „Hm, Mum, das würde ich gerne“, er atmete deutlich hörbar ein und machte eine kleine Pause. „Aber mein Auto steht noch bei Carolin … es wurde gestern Abend ziemlich spät mit ein paar Bierchen. Ich hatte heute keine Vorlesung und bin jetzt im Tennisclub. Könntest du mich ausnahmsweise in Neu-Isenburg abholen?“ Schnell fügte er hinzu: „Caro holt mich später mit dem Golf von zuhause ab. Ich wollte sowieso nochmals zu ihr.“
„Schon wieder keine Vorlesung?“, wunderte sich Susanne. „Okay, ich bin gleich da, und beim Essen reden wir mal über deine Arbeitsmotivation, was dein Studium angeht. Ich finde, du verbringst mehr Zeit auf dem Tennisplatz als in der Uni. Ich rufe kurz durch, wenn ich auf dem Parkplatz bin.“
„Danke, Mum …“ Bastians Stimme klang schuldbewusst: „Bis gleich.“
Was für ein wunderbarer Abend, dachte Susanne und bog, froh auf dem Nachhauseweg zu sein, an der Sachsenhäuser Warte in Richtung Neu-Isenburg ab. Die Luft hier draußen war frisch, angenehmer als in der Innenstadt. Der Frankfurter Stadtwald bildete eine grüne Schleuse zum fast ländlichen Süden der Großstadt.
In der schattigen Kühle der Straße setzte sie ihre Sonnenbrille ab und registrierte entfernt auf Höhe der Abzweigung zur Oberschweinstiege eine kleine Gruppe von Fahrradfahrern.
Man müsste wirklich öfter mal mit dem Rad fahren, überhaupt sollte ich mehr Sport machen, dachte Susanne schuldbewusst. Aber woher sollte sie die Zeit auch noch dafür nehmen?
Ärgerlich lenkte sie den BMW auf die Gegenspur, um die Radfahrer zu überholen, und warf einen kurzen Blick in den Seitenspiegel. Dann erkannte sie plötzlich eine Bedrohung, die in der Realität des Augenblicks eigentlich unmöglich erschien: Aus der Senke der geraden Straße direkt vor ihr tauchte ein LKW auf, der mit hoher Geschwindigkeit auf sie zufuhr.
„NEIN … Ich doch nicht!“
Bilder von Sebastian und Martin schossen ihr durch den Kopf, während sie das Lenkrad herumriss, um der massigen Front des LKW zu entkommen. Mit ohrenbetäubendem Quietschen versuchten Reifen festen Halt zu finden. Ein schrilles Kreischen, Metall, das sich brutal knirschend ineinanderbohrte. Glas splitterte hell auf dem Asphalt der Straße. Ein schreckliches, absurdes Stakkato Unheil verkündender Geräusche krachte durch die Ruhe des Stadtwalds. Ein paar Vögel flatterten mit lautem Geschrei aus den Tannen auf, um dem Unglück zu entfliehen.
Für einen kurzen, unwirklichen Augenblick stand die Zeit still.
Auf dem Waldboden richtete einer der beiden Radfahrer sich stöhnend auf. „Oh nein. Mike, schnell, ruf Hilfe …“
„Schon geschehen, mein Freund. Wir sind nicht die Einzigen hier.“ Der junge Mann im bunten Rad-Dress saß, den Rücken von einem Baum gestützt, auf der Erde und deutete mit dem Kopf in Richtung Straße. Etliche Menschen waren aus nachfolgenden Fahrzeugen gestiegen und eilten herbei.
„Aber ich glaube, die Frau ist hin.“ Sein Blick fiel wieder auf Susannes BMW.
Susanne war vollkommen ruhig.
Eine angenehme Wärme umgab sie, weich, schwerelos.
Ist das mein Blut?– Wie in einem Spiegel sah sie sich selbst in den Trümmern ihres Wagens liegend. Aus einer riesigen Kopfwunde lief Blut über ihr Gesicht durch den weißen Staub des geplatzten Airbags.
Moment mal, wieso sehe ich mich eigentlich selbst? Wo bin ich?
Stille.
„Willkommen, Susanne“, antwortete eine Stimme, „die Menschen würden sagen, du bist im Himmel.“
„Unsinn, und du bist der liebe Gott, ja? Ich muss nach Hause. Martin macht sich sicher Sorgen und Sebastian wartet im Tennisclub.“
Wieder antwortete die sympathische Stimme: „Nein, mein Name ist Gabriel, und Gott wirst du bestimmt noch kennenlernen – hab keine Angst.“
Susanne war verwirrt, wieso stand sie schmerzfrei und unbeschadet neben ihrem Wagen, aus dem ihr Körper geborgen wurde? Ihre Schulter war seltsam verdreht und aufgerissen, ihre Beine zu einer blutigen Masse zerquetscht. Weiße Papierblätter aus dem Aktenordner in Susannes demoliertem Wagen flatterten über die Straße. Die grellen Blinklichter der Rettungs- und Polizeiwagen tauchten die grauenvolle Verwüstung in ein gespenstisch pulsierendes Licht.
Susannes Körper lag auf einer Trage, Notärzte versuchten hektisch, die zahlreichen Blutungen zu stoppen, und legten Infusionen.
Eine helle Gestalt kam auf Susanne zu: „Jetzt hast du noch eine kleine Chance, wieder zu den Menschen zurückzukehren. Wenn die Ärzte es schaffen, dich zurückzuholen, muss ich dich gehen lassen.“
Susanne blickte verständnislos zu dem hellen Wesen und dann zu den Rettungsleuten, die sich um ihr Leben bemühten. Hektisch wurden weitere Medikamente in die Braunüle auf ihrem Arm gespritzt. Ein Stromstoß, kurz darauf ein zweiter … nichts.
Einer der Ärzte schüttelte den Kopf.
„Was ist denn jetzt?“, fragte Susanne hilflos und wandte sich von der entsetzlichen Szenerie ab.
„Jetzt bist du eine von uns“, antwortete Gabriel beruhigend und reichte ihr seine Hand. „Wir waren uns nicht sicher, ob es richtig ist, aber sei beruhigt, dir wird nichts geschehen. Auf dem Weg erkläre ich dir alles.“
Schweigend lief sie neben ihrem Begleiter durch den Frankfurter Stadtwald.
Seltsam, stellte Susanne überrascht fest, sie fühlte sich weder traurig noch hatte sie irgendein Gefühl von Schmerz. Es war alles so gut. Ein Nebel ungewohnter Gelassenheit projizierte Momentaufnahmen ihres Lebens: Bilder von ihrem Sohn als Baby, von Martin, wie er in der Küche stand, von Mandanten aus der Kanzlei. Ungläubig schaute sie zu Gabriel hinüber.
Der ging mit sanften, geschmeidigen Schritten neben ihr. Seine Leichtfüßigkeit erweckte fast den Anschein, als schwebe er. Die Füße in den hellen Sneakers berührten den Waldboden so vorsichtig, als könnten sie ihn durch die Schritte verletzten. Nach einer Weile blieb er stehen. Seine Haare waren länger, als es vielleicht momentan in Mode war, und umrahmen ein makelloses, jugendliches Gesicht, dessen Augen Susanne liebevoll ansahen. Trotz der Dunkelheit nahm Susanne wahr, dass ihr Begleiter ein weißes Shirt und eine ebensolche Hose trug.
Von Gabriels Blick ging so viel Wärme und Verständnis aus, als könnte er Susannes Gedanken verstehen. Seine dunklen, gütigen Augen schienen geradewegs durch sie hindurchblicken zu können. Susanne fühlte sich vollkommen schwerelos, sie versuchte, sich die Berührung ihrer Hände vorzustellen, aber da war überhaupt nichts. Kein Schmerz, kein verletzter Körper – nur eine unvorstellbare Leichtigkeit.
Ohne dass die Stille unterbrochen wurde, hörte sie seine ruhige Stimme:
„Es ist schwierig am Anfang, lass dir Zeit, alles zu verstehen. Du hast deinen irdischen Körper verlassen.“
Zweifelnd, ob sie ihren neuen Eindrücken vertrauen sollte, blieb Susanne stehen und lauschte fassungslos in die Nacht. Nein, er hatte wirklich nichts gesagt, aber sie hörte offensichtlich seine Gedanken.
Wie von einer Art Taubheit befreit, registrierte sie plötzlich das leise Stimmengewirr um sie herum. Weit entfernt und doch deutlich genug erkannte sie menschliche Stimmen.
Ist das überhaupt noch meine Welt oder doch schon der Himmel? Wo bin ich jetzt und vor allem wer bin ich jetzt? Immer wieder lauschte Susanne in die Nacht.
„Es ist dieselbe Welt, nur erlebst du sie jetzt nicht mehr als Mensch. – Komm, lass uns weitergehen“, sagte Gabriel. „Es gibt einiges, was du noch nicht weißt, du bist ja gerade erst angekommen.“
„Schwer zu verstehen. Wieso kann ich dich überhaupt sehen, wenn ich doch gar nicht mehr bin? Und wo bin ich angekommen?“
„Du siehst und hörst jetzt Dinge, die nur wir Engel verstehen. Obwohl wir unsere Körper auf der Erde lassen, verstehen wir die Gedanken der Menschen.“ Warnend fügte Gabriel hinzu: „Leider sind nicht alle Engel gut. Es war Vorsehung, dass ich dich abholen sollte.“
„Vorsehung? Von wem, Gott etwa?“
„Auch wenn du es noch nicht glaubst und auch wir nicht alle überzeugt waren: Ja, von unserem Chef.“
Verwirrt lief Susanne eine Weile still neben Gabriel her.
„Wie geht es weiter? Ich meine, wenn ich jetzt ein Engel bin, wer kümmert sich um mein zurückgelassenes Leben und besonders um meine Familie? Kann ich zu ihnen?“
Gabriel schaute mit beruhigendem Blick zu Susanne herüber.
„Alles wird sich finden, Susanne, und deine Lieben brauchen dich sicher sehr – aber in deiner neuen Funktion als Engel.“
Susanne, noch immer verwundert, dass Gabriel ihre Gedanken hören konnte, registrierte jetzt auch entfernte, schmerzvolle Stimmen, die ihr so vertraut waren. Sie verspürte plötzlich den überwältigenden Drang, bei ihrer Familie zu sein. Aber wie sollte sie ihnen erklären, dass es ihr gut ginge? Gabriel bemerkte ihre Zweifel.
„Du weißt, wie du zu deinem Haus kommst, aber sei vorsichtig! Es kann sein, dass deine Familie dich momentan nicht versteht.“
„Danke, Gabriel, es wird sicher merkwürdig.“ Nach ein paar Schritten fügte sie fragend hinzu: „Wenn ich Hilfe brauche, wirst du mich finden?“
„Ich werde in deiner Nähe sein – geh nur“, nickte Gabriel ihr aufmunternd zu.
„Susanne? Wir müssen …“ Martin schaute verdutzt auf den kleinen schwarzen Telefonhörer, „reden …“, fügte er hinzu.
Doch die Anzeige auf dem Display „Verbindung unterbrochen“ zeigte ihm, dass seine Frau das Gespräch längst beendet hatte. Enttäuscht setzte er das Telefon in die Halterung und blieb unschlüssig eine Weile an dem alten Schreibtisch sitzen. Er zog seine Lesebrille ab und klappte das soeben korrigierte Arbeitsheft eines Schülers resignierend zu.
Mechanisch griff er zu seinem Handy, um die Nummer seines Sohnes zu wählen.
„Basti?“
„Ja, Paps. Bin noch auf dem Tennisplatz“, antwortete sein Sohn offensichtlich außer Atem und etwas erstaunt.
„Mami hat mir gerade gesagt, dass du zum Essen kommst, soll ich dich abholen?“
„Brauchst du nicht, Paps, ich rufe nach dem Match bei Mum an. Sie kann bestimmt auf dem Nachhauseweg im Tennisclub vorbeikommen. Carolin holt mich dann später mit meinem Wagen von zuhause ab.“
„Okay, das ist gut, dann bis später, Basti.“
„Bis dann, lieber Paps!“
Martin stellte sein Handy auf lautlos und verstaute es vorsorglich in der Hosentasche seiner Jeans. Missmutig ging er in den Keller, um einen Weißwein für das Abendessen in den Kühlschrank zu legen.
Susanne hatte dieses Haus in einer der besten Wohngegenden Götzenhains unbedingt kaufen wollen. Es war für das junge Paar im Grunde genommen zu groß und ungeeignet. Martin, der auch nach seiner Referendariatszeit an der Schillerschule in Frankfurt geblieben war, hätte viel lieber eine etwas größere Wohnung in Sachsenhausen gesucht.
Nach end- und erfolglosen Diskussionen hatte er schließlich dem stetigen Druck seiner Frau und den elterlichen Freunden Peter und Helga Unger nachgegeben. Diese wohnten ganz in der Nähe und freuten sich, als Babysitter und Großeltern-Ersatz für Basti zur Verfügung stehen zu können.
Im Weinkeller stand er einen Moment unschlüssig vor dem Weinregal und überlegte, ob er den Grauburgunder vom Badischen Weingut Gleichenstein oder doch eher den französischen Sancerre nehmen sollte. Widerwillig griff er zum Grauburgunder, wobei er die kühle Flasche so fest mit den Händen umklammerte, als könne er seinen Entschluss, heute Abend endlich ein klärendes Gespräch mit seiner Frau zu führen, durch den Druck noch verstärken.
Er legte zwei Flaschen in den Kühlschrank der geräumigen Küche und ging ins Schlafzimmer, um sein verwaschenes blaues Lieblingsshirt gegen ein helles Freizeithemd auszutauschen.
Wie sehr sie sich doch verändert hatten – nachdenklich verharrte Martin einen Moment vor den geöffneten Kleiderschranktüren. Früher hatte Susanne sich oft einen seiner gemütlichen Pullover ausgeliehen und sie verbrachten die Abende gemeinsam vor dem Kamin oder spielten mit Basti. Jetzt waren all ihre Kleidungsstücke von Markenherstellern und Susanne ständig in der Kanzlei.
Im Ankleidezimmer roch es nach frisch gewaschener Wäsche und das Badezimmer blitzte vor Sauberkeit. Anna, ihre Haushälterin, hatte das ganze Haus wie üblich sauber und ordentlich hinterlassen.
Alles wunderbar – einfach perfekt, dachte er, als sein Blick das frisch bezogene Bett in ihrem Schlafzimmer streifte. Sie hatten letzte Nacht miteinander geschlafen, und er hatte die Augen dabei geschlossen, da er in Gedanken nicht mit Susanne zusammen war.
Der melodische Klingelton des Festnetztelefons zog Martins Aufmerksamkeit zurück in die Realität seines Zuhauses.
„Hallo mein Guter, ich habe gerade mit deiner lieben Frau telefoniert. Sie arbeitet mal wieder zu viel.“
Die tiefe Stimme Peter Ungers klang so laut durch das Telefon, dass Martin den Hörer ein Stück vom Ohr weghalten musste.
„Mein Gott, Peter, du telefonierst mit mir und musst nicht zu uns rüberrufen. Stell dein Hörgerät etwas zurück. Mir wäre eben fast der Hörer aus der Hand gefallen.“ Martin redete absichtlich leiser mit seinem väterlichen Freund: „Ja, ich weiß, Susanne ist mit der Arbeit verheiratet und nicht mehr mit mir.“ Obwohl Martin versuchte, das Gesagte lustig klingen zu lassen, konnte er doch einen etwas verbitterten Unterton nicht verhindern, was Peter, der seinen „Ziehsohn“ seit Geburt kannte, sofort hellhörig werden ließ:
„Martin“, fragte er vorsichtig und nunmehr leiser“, „ist alles okay bei euch?“
„Ja klar, alles bestens“, antwortete Martin sofort und ballte mit der freien Hand insgeheim eine Faust, denn er hätte seinem Freund gerne schon längst von seinen Wünschen erzählt.
„Susanne kommt sicher bald, Bastian hat sich zum Essen angekündigt und das Wetter lädt dazu ein, den Abend auf der Terrasse zu verbringen.“
Er atmete tief ein, aber seine Stimme klang trotzdem brüchig: „
Wie wär’s, habt ihr Lust, später auf ein Glas Wein zu uns rüberzukommen? Ich habe einen guten Grauburgunder vom Kaiserstuhl im Kühlschrank.“
Sein Kopf, sein ganzer Körper rebellierte gegen diese Worte, doch routiniert kam die Einladung aus dem Mund, obwohl er inständig hoffte, dass sein Freund das Angebot ablehnen würde.
„Das ist eine gute Idee“, hörte er die laute Stimme am Telefon. Sein Herz klopfte bis zum Hals. Nein! Sag bitte nein!
„Aber Helga war heute den ganzen Tag mit ihren Golffreundinnen unterwegs und ist jetzt müde. Ich bin auch ziemlich platt von der Kanzlei. Möglicherweise sollte ich doch endlich meinen Ruhestand beginnen und mich nur noch um meine Helga kümmern.“ Peter zögerte kurz. „Wir holen das aber schnellstmöglich nach, mein Freund. Lass uns doch mal einen Männerabend verbringen, denn ich glaube, wir sollten ein paar Dinge in Ruhe besprechen. Ich habe einen Wein für besondere Anlässe im Keller, von dem der Winzer behauptet, er löse die Zunge und die Probleme der Menschen.“
Martin musste schmunzeln.
„Und den gibt’s höchstwahrscheinlich nicht auf Rezept, sondern nur auf ausdrückliche Empfehlung vom Weinbauern. Die Ärzte sollten das Gesundheitssystem nicht in die Hände von Politikern geben, sondern an den Winzerverband.“
„Ja, mein Sohn. Ein gutes Glas Wein hat schon manche Medizin überflüssig gemacht.“
Peter Unger war in Mainz geboren und mit seinen Eltern später nach Bad Homburg umgezogen, wo er zusammen mit Martins Vater Friedrich die Schule besucht hatte. Sein Leben lang hatte er sich für gute Weine begeistert und neben seinem anstrengenden Beruf ein umfassendes Wissen über Reben und die diversen Weinlagen sowie Jahrgänge erworben. Im Laufe der Jahre hatte Peter Unger den Ruf bekommen, nicht nur einer der besten Anwälte Frankfurts zu sein, sondern auch ein großartiger Weinkenner und Weinsachverständiger. Bei Gericht waren seine Vergleiche zwischen dem Anbau von Weinen und der Führung eines Unternehmens allseits beliebt und aufgrund seiner messerscharfen Schlussfolgerungen ebenso gefürchtet.
Einer der Richter hatte ihn nach der Verhandlung einmal gefragt, ob er sich als besseren Anwalt oder eher besseren Winzer sähe.
„Wie so oft im Leben musste ich einen Kompromiss eingehen“, hatte er damals lachend geantwortet, denn auch die vorausgegangene Verhandlung war durch einen Vergleich der Parteien beendet worden.
„Da fällt mir noch was ein, Martin“, führte Peter Unger das Gespräch fort „Wir sind am Sonntag zu einer gemeinsamen Golfrunde verabredet. Deine liebe Frau hat telefonisch bereits zugestimmt. Helga reserviert die Tee-Time und anschließend einen Tisch im Restaurant für uns vier. Der Verlierer zahlt die Rechnung.“
Martin hatte das Gefühl, eingesperrt zu sein. Wieder keine Chance, dachte er, und die Aussicht auf ein weiteres verplantes Wochenende schnürte ihm fast die Kehle zu.
„Ja klar, gern. Dann weiß ich schon, wer den Wein aussuchen wird ... und es wird bestimmt wieder ein ganz besonderer Jahrgang.“
Peters Stimme wurde vor Aufregung erneut lauter.
„Wir wollen ein Wettspielchen machen und ich habe mir überlegt, dass wir am Sonntag die Damen zusammenspielen lassen und wir Herren versuchen charmant, unterlegen zu sein. Wie wär das?“
„Das ist vermutlich eine gute Idee, Susanne freut sich sicher, von Helgas golferischem Können profitieren zu können. Allerdings sind wir Samstagabend bei Kurt und Monika eingeladen, lass uns daher nicht zu früh abschlagen.“
„Fein, dann soll meine Helga eine Zeit zwischen 12 und 13 Uhr reservieren. Ich kann vorher in Ruhe die Sonntagszeitungen lesen. Wir treffen uns direkt im Golfclub. Das passt super ... oh, ich muss Schluss machen. Helga signalisiert mir ziemlich energisch, dass das Abendessen fertig ist. Du kennst sie ja, Kochen ist ihre Leidenschaft, und die sollte man nicht warten lassen. Bis später, mein Sohn.“
Abrupt beendete Peter das Telefongespräch.
Martins Gedanken waren schon nicht mehr bei Peter und Helga. Eine tiefe Wärme strömte durch seinen Körper und die Vorfreude auf eine heimliche Umarmung kribbelte in seinem Bauch.
Sein schlechtes Gewissen durch den Klang seiner Worte beruhigend sagte er laut zu sich selbst: „Ach, die Zeit reicht bestimmt noch, Susanne muss ja einen Umweg über Neu-Isenburg fahren und wird so schnell nicht nach Hause kommen.“ Schnell zog er das Handy aus der Tasche und wählte Monikas Nummer.
„Martin ...“ Ein einziges Wort von ihr klang wie eine komplette Liebeserklärung. Ihre Stimme umarmte ihn sanft: „Schön, dass du anrufst. Ich habe heute für die Einladung am Wochenende eingekauft und mir dabei überlegt, was du wohl am liebsten magst.“
„Am liebsten mag ich dich alleine, ohne Beilagen.“ Martins Verlangen nach der Umarmung seiner Geliebten war nicht zu überhören.
„Wir sehen uns morgen?“ Monika redete leiser. „Kurt ist vor ein paar Minuten nach Hause gekommen und gerade in der Garage. – Wie immer am Scheerpark, Joggingstrecke? … Ach, da kommt Kurt ja, möchtest du ihn noch sprechen?“
Monikas Stimme klang plötzlich kühl, fast unpersönlich.
„Kurt, Martin ist gerade am Telefon. Er wollte wissen, ob er dir beim Zusammenbauen des Gartengrills helfen kann.“
Im Hintergrund hörte Martin die undeutliche Antwort Kurts und sagte leise: „Okay, verstehe. Mein Gott, hoffentlich kann ich dich bald ganz für mich haben. Ich rede mit Susanne, bestimmt!“
„Oh ja, das wäre schön!“ Monika antwortete schnell und fröhlich, doch Martin hörte den traurigen Unterton in ihrer Stimme. „Dann bis Samstag. Kurt und ich freuen uns. Liebe Grüße an Susanne.“
Aufgewühlt von dem Gespräch und unzufrieden mit seiner Situation ging Martin mit energischen Schritten zur Bar im Wohnzimmer. Wütend warf er ein paar Eiswürfel in ein Glas und füllte es mit Whisky auf.
„Nein!“, bekräftigte er laut seinen Entschluss. „Das geht so nicht weiter! Wir müssen eine Lösung finden.“
Fast zornig stürzte er den Whisky hinunter. Martin setzte sich in einen der bequemen Sessel im Wintergarten und schaute auf die gepflegte Rasenfläche mit den riesigen alten Bäumen im Garten. Erschöpft von dem Wunsch, der anstrengenden Schauspielerei ein Ende zu setzten, schloss er die Augen. Martin träumte von seiner Geliebten. Berauscht von der Vorstellung, mit Monika bald ein gemeinsames Leben führen zu können, schlief er ein.
Ein Knall? Oder war es nur ein leises Klingeln oder ein übernatürlicher Ton? Irgendetwas weckte ihn aus einem tiefen Schlaf. Verwirrt öffnete Martin die Augen, er konnte nicht feststellen, was die Ursache für sein Erwachen war und ob er fünf Minuten oder fünf Stunden geschlafen hatte. Draußen im Garten war es mittlerweile dunkel geworden. Kein Licht brannte im Haus.
Ruckartig erhob er sich aus dem Sessel und schaute auf seine Armbanduhr.
Das kann doch gar nicht sein, dachte er. Verständnislos rieb er sich die Augen, er hatte fast zwei Stunden geschlafen. Martin ging ins Wohnzimmer und schaltete die Stehleuchten an.
Wo blieben Basti und Susanne nur? Irgendetwas stimmte hier doch nicht. Angstvoll und angetrieben von einer ungewissen Vorahnung rannte er zurück in den Wintergarten, um nach seinem Handy zu suchen. Es war ihm aus der Hosentasche gerutscht, auf dem schwarzen Display leuchteten „5 Anrufe Basti“ „1 SMS Basti: ... Wo bleibt Mum? Habe mehrfach angerufen, geht aber keiner ran bei euch und Mamis Handy ist ganz aus. Fahre jetzt mit dem Bus zu Carolin und komme nicht zum Essen. Bin gegen 10 Uhr zu Hause, um ein paar Sachen zu holen. CU.“
Ungläubig sah Martin nochmals auf die Uhr: neun Uhr fünfundvierzig. Dann müsste wenigstens Basti bald hier eintreffen.
Die Ungewissheit zerrte quälend an seinen Nerven. Er versuchte, die aufkommende Verzweiflung und Schuldgefühle zu verdrängen, indem er sich mit der Vorstellung beruhigte, dass Susanne bestimmt eine Freundin getroffen hatte, oder dass der Wagen liegen geblieben war. Vielleicht hatte sie auch einfach keine Lust, ans Handy zu gehen ...
Und dennoch war da eine merkwürdige Vorahnung in ihm. Martin glaubte plötzlich zu wissen, dass keiner der erwähnten Gründe zutraf.
Mit zitternden Händen wählte er Susannes Handynummer. Während der unendlich langen Sekunde, in der die Verbindung hergestellt wurde, hoffte er, dass seine Frau sich gleich am Telefon melden würde, um ihm mit um Entschuldigung bittender Stimme mitzuteilen, dass sie bei einer Freundin war und sich verspätet hatte.
Ein Klingelton ... gefolgt von der nüchternen Ansage des Netzbetreibers: „Dieser Anschluss ist vorübergehend nicht erreichbar.“
Ärgerlich knallte Martin das Telefon auf den Esszimmertisch und setzte sich. Wütende Enttäuschung über den Verlauf des Abends sowie die quälende Ungewissheit und Sorge fesselten seine Bewegungen und zwangen ihn zur Untätigkeit. Er hörte das Ticken einer Uhr im Raum.
Die Klingel der Eingangstüre beendete das schier unerträgliche Warten.
„Na endlich!“, erleichtert sprang er auf. „Alles ist okay, Susanne hat bestimmt ihren Schlüssel verloren. Oder sie hat Basti bei Caro abgeholt und seine Tennistasche oder Aktenordner in der Hand.“
Hoffnungsvoll riss er die Eingangstür auf – und versuchte im selben Augenblick, sie wieder zu schließen. Zwei fremde Herren standen vor der Tür.
„Herr Heinsius? Bitte nicht erschrecken. Wir sind Polizisten, hier sind unsere Dienstausweise. Dürfen wir kurz zu Ihnen reinkommen?“
Martin öffnete die Tür misstrauisch. „Ja natürlich … bitte.“
Die beiden Polizisten folgten ihm schweigend ins Wohnzimmer.
In diesem Augenblick hörte er, dass die Eingangstür leise erneut geöffnet wurde.
„Na endlich, das werden meine Frau und mein Sohn sein.“ Er wandte sich kurz an die beiden Polizisten: „Bitte setzen Sie sich doch. Ich bin gleich wieder bei Ihnen. Möchten Sie etwas trinken?“
Martin wartete keine Antwort ab und rannte zurück in den Flur.
„Was ist denn los? Mum wollte mich abholen, ihr Handy ist aus, und dann kommt Opa Peter und holt mich bei Caro ab. Will mir mal einer sagen, was hier los ist?“ Basti, noch immer in Tenniskleidung, stand mit Peter Unger im Eingang.
