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Elisabeth hat es im Leben nicht leicht gehabt, noch nie. Aber sie hat sich ganz gut arrangiert: In ihrem Job als Unterwäscheverkäuferin, in ihrem Häuschen, das sie sich selbst zusammengespart hat und mit Thomas, der mit den Jahren von Jugendliebe zur arbeitsverweigernden Couch-Potato mutiert ist. Ein mäßig erträglicher Zustand also. Und dann, als ihr 45. Geburtstag bereits hinter ihr liegt, taucht plötzlich Udo auf! Udo, der Elisabeth umwirbt und mit Komplimenten überschüttet. Der so lange nicht aufgibt, bis er sie für sich gewonnen hat. Doch was dann folgt, gleicht einer Achterbahnfahrt - nicht nur auf emotionaler Ebene. Für Elisabeth wird Udo zum Zentrum ihres Lebens, die große, alles überstrahlende Liebe, nach der sie sich immer gesehnt hat. Aber Udo ist verheiratet, und seine Frau ist alles andere als willens, ihn gehen zu lassen … "Ich dreh mich um dich" ist die wahre aber nicht alltägliche Geschichte einer Kleinstadtaffäre. Sie erzählt von Hoffnung und von der Sehnsucht nach Glück - und hinterfragt das Verständnis von Moral im herkömmlichen Sinne.
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Seitenzahl: 238
Veröffentlichungsjahr: 2022
Simone Sabel
Ich dreh mich um dich
ROMAN
Simone Sabel liebt Bücher – und Musik. Nach
beruflichen Stationen bei Virgin Schallplatten,
mehreren Konzertagenturen und bei Red
Rooster/Peter Maffay arbeitet sie nunmehr
selbstständig im Bereich Texterstellung,
Übersetzung und Lektorat. Bei einer Reihe von
Sachbüchern und Romanen war sie unterstützend
tätig, zuletzt beim Kinderbuch-Bestseller „Anouk,
die nachts auf Reisen geht“ von Hendrikje
Balsmeyer und Peter Maffay. Simone Sabel lebt und
arbeitet in Bayern, in der Nähe von Rosenheim.
„Ich dreh mich um dich“ ist die dritte, neu
überarbeitete Auflage ihres Debütromans.
© 2022 Simone Sabel
3. Auflage, Vorgängerausgabe 2017
www.formulingo.de
Autorenfoto: Natalie Heberger
ISBN Softcover: 978-3-347-59946-8
ISBN E-Book: 978-3-347-59948-2
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Ich dreh mich um dich
Ich dreh mich um dich
Stell mich vor den bösen Blick
Deine Tränen werde ich übernehmen
Alle Qualen und alle Foltern überstehen
Auch wenn du greinst, du dich kasteist
Auch wenn du haderst, du dich zerreißt
Wenn sich alles verdunkelt
Bring ich dich durch die Nacht
Herbert Grönemeyer
„Ich dreh mich um dich“
Prolog
03.01.2007, 18:00
04.01.2007, 09:30
05.01.2007, 18:15 – 19:15
06.01.2007, 10:15 – 12:00
10.01.2007, 14:30 – 16:15
11.01.2007, 19:30 – 21:00
13.01.2007, 17:00 – 17:30
14.01.2007, 10:15 – 11:15. Sonntag.
Irgendwann hatte ich einfach angefangen, diese Zeilen aufzuschreiben. Heute weiß ich nicht mehr genau, warum.
16.01.2007, 19:00 – 21:00
17.01.2007, 16:45 – 17:30
19.01.2007, 19:00 – 20:00 …
… und so weiter, seitenlang.
Zehn Jahre sind eine lange Zeit – zu lange, um sich an jeden einzelnen Anruf zu erinnern. Es ist ein diffuses, aber dennoch eindeutig positives Gefühl, das diese Liste in mir auslöst. Das ist das Gute daran. Wenn ich manchmal nicht weiß, wie ich die Nacht überstehen soll, krame ich die grüne Schachtel mit den Heften heraus und lasse meinen Blick über diese Uhrzeiten streifen. Nüchterne Zahlen, die mich an die Zeit erinnern, als alles noch gut war.
1
Flüchtig kannte ich Barbara schon länger. Seit ich in der Dessous-Abteilung arbeitete, waren wir uns des Öfteren begegnet, weil sie mit einer meiner Kolleginnen befreundet war. Und auch jetzt, nachdem das Personal gewechselt hatte, kam sie noch hin und wieder zu mir, wenn sie etwas brauchte oder auch einfach, um sich ein bisschen umzusehen, wenn sie gerade in der Stadt war und etwas Zeit hatte. Im Gespräch stellten wir fest, dass wir beide gerne laufen gingen, während unsere Männer sich nicht dafür begeistern konnten. So kam es, dass Barbara und ich uns zum gemeinsamen Laufen verabredeten, erst sporadisch, dann wurde es zur Regelmäßigkeit: Jeden Samstagnachmittag um vierzehn Uhr und jeden Sonntagmorgen um halb neun trafen wir uns mit zwei weiteren Frauen aus Barbaras Bekanntenkreis am Trimm-Dich-Pfad am Stadtrand. Ohne Zwang – der Zeitpunkt war fix, und wer von uns Lust hatte, kam dazu. Wir warteten ein paar Minuten am Treffpunkt, bis offensichtlich alle versammelt waren, dann liefen wir los, meist eine längere Strecke, um die sieben Kilometer. Mir tat das sehr gut, mal wieder rauszukommen und mich sportlich zu betätigen – und das auch noch in Gesellschaft.
Dann kam jener Freitagabend im September, den ich nie vergessen werde. An diesem Tag führte ich das seltsamste Telefonat meines Lebens. Ich rief bei Barbara zu Hause an, um zu fragen, ob sie am Samstag mit mir laufen wolle. Ich wusste, die beiden anderen würden nicht kommen, und alleine wollte ich nicht. Es meldete sich eine eher unfreundliche Männerstimme.
„Niebel?“
„Guten Abend, mein Name ist Esch. Ist Ihre Frau zu sprechen?“
„Nein. Worum geht es?“
„Ich wollte sie fragen, ob sie morgen Nachmittag mit mir laufen geht.“
„Sie ist mit ein paar Freundinnen unterwegs. Soll ich ihr was ausrichten?“
„Ja, sie soll mich bitte morgen in der Arbeit anrufen, die Nummer hat sie.“
„Okay.“
„Vielen Dank, schönen Abend!“
Ich wollte auflegen, aber er hakte nach.
„Wer sind Sie eigentlich?“
„Ich bin eine Bekannte Ihrer Frau, wir gehen zusammen laufen.“
„Wo sind Sie jetzt?“
„Na, zu Hause …“
„Was machen Sie?“
„Ich sehe fern. Warum?“
„Alleine?“
„Ja, mein Lebensgefährte ist unterwegs.“
„Und was machen Sie später?“
„Ich gehe ins Bett.“
„Alleine?“
So langsam kam mir das alles ziemlich seltsam vor. Ich war versucht, einfach aufzulegen. „Ja, alleine. Ich sagte doch gerade, dass mein Lebensgefährte nicht da ist.“
„Das ist jetzt aber ziemlich blöd.“
„Was?“
„Na, Sie sind alleine, ich auch. Da könnten wir uns doch auch gleich zusammen ins Bett legen.“
Darauf fiel mir endgültig nichts mehr ein. Was wollte dieser Typ? Er kannte mich doch gar nicht! Verlegen stammelte ich irgendwas von wegen er sei doch verheiratet, ich liiert, und das ginge doch nicht, wünschte noch einmal einen schönen Abend und bat ihn, seine Frau zu grüßen. Dann legte ich auf.
Eine Zeitlang stand ich noch da, mit dem Telefon in der Hand, und fragte mich, mit was für einem komischen Kauz Barbara da verheiratet war. Ob der sich wohl allen ihren weiblichen Bekannten gegenüber so anzüglich verhielt? Entweder hatte er nicht alle Tassen im Schrank, oder er hatte eindeutig ein, zwei Gläser Wein zu viel getrunken.
Aber was kümmerte mich das? Ich ging schlafen und beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken.
Eine Woche später, am Samstagvormittag, erschien ein nicht mehr ganz so junger, sportlich gekleideter Mann mit längerem, grau meliertem Haar bei mir in der Dessous-Abteilung. Das war an sich nichts Ungewöhnliches, denn auch wenn der Großteil meiner Kundschaft weiblich ist, kommt es doch des Öfteren vor, dass auch Männer bei mir einkaufen. Das ist dann meist besonders beratungsintensiv. Freundlich lächelnd ging ich auf den vermeintlichen Kunden zu.
„Guten Tag, kann ich Ihnen helfen? Suchen Sie vielleicht ein Geschenk für Ihre Frau?“ Meist ernte ich ein erleichtertes „Ja, genau!“ für einen solchen Einstieg ins Gespräch, denn die meisten Männer fühlen sich zwischen all der Damenwäsche doch eher unsicher. Nicht so dieser Mann.
„Nein“, antwortete er. „Sind Sie Frau Esch?“
„Ja … aber ich kenne Sie nicht.“
Erst jetzt sah ich mir mein Gegenüber genauer an in der Hoffnung, in seinem Gesicht etwas zu entdecken, das mir bekannt vorkam. Er hatte eher kantige Gesichtszüge und angesichts seines Alters – er war bestimmt um die sechzig – eine wirklich tadellose Figur. Insgesamt eine nicht unattraktive Erscheinung, wenn man mal von der geschmacksbefreiten schwarzen Fleecejacke absah. Nein, ich war mir sicher: Diesen Mann hatte ich noch nie gesehen.
„Mein Name ist Niebel“, sagte er. „Udo Niebel, Barbaras Mann. Ich habe gerade im Erdgeschoss Schuhe zur Reparatur gebracht und wollte jetzt nur mal sehen, mit wem meine Frau jede Woche laufen geht.“
„O … äh … ja. Das bin ich.“
Innerhalb einer Woche hatte dieser Mann es zum zweiten Mal geschafft, mich total verlegen zu machen, was bei mir sonst eigentlich nicht so einfach war. Ein bisschen nahm ich es ihm übel. Aber ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Wir stellten uns ganz offiziell vor – mit Handschlag, wie es sich gehört –, tauschten noch ein paar Sätze höflichen Smalltalks über Sinn und Zweck von Sport im Allgemeinen und von Laufen im Besonderen aus, dann war er wieder verschwunden.
So richtig einordnen konnte ich das alles nicht. Aber vorsichtshalber erzählte ich Barbara gleich am Nachmittag, beim Laufen, vom Besuch ihres Mannes bei mir. Man konnte ja nie wissen …
2
Barbara schien diesem Vorfall nicht sonderlich viel Bedeutung beizumessen, oder vielleicht konnte sie es auch einfach nur sehr gut verbergen. Ich kannte sie zu wenig, um das unterscheiden zu können. Aber letztendlich war es ja auch egal. Wenn sie sich keinen Kopf machte, sah ich für mich erst recht keine Veranlassung. Wir sprachen also nicht weiter darüber, gingen wie gewohnt Samstag und Sonntag laufen. Ich vermied es jedoch von da an, bei Barbara anzurufen und riskierte lieber, auch mal alleine am Treffpunkt zu stehen. Sonst ging alles seinen Normalen Gang.
Bis … ja, bis zwei Wochen später – es war wieder ein Samstag – Udo Niebel erneut bei mir auftauchte. Einfach so, mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre es die normalste Sache der Welt. Aber diesmal wollte ich mich nicht in Verlegenheit bringen lassen!
„Hallo Herr Niebel! Schön, Sie zu sehen. Leider bin ich gerade auf dem Sprung in die Pause.“ „Wo machen Sie denn Pause?“
„Bei uns im Aufenthaltsraum.“
„Aber oben im Haus ist doch ein Café, oder?“
„Ja, aber da kann ich ja nicht jedes Mal Pause machen, das wird mir zu teuer.“
„Und wenn ich Sie auf einen Kaffee einladen würde, dürften Sie dann mitkommen?“
Ich gebe zu, die Frage war ziemlich geschickt formuliert. Ohne zu überlegen antwortete ich: „Na klar, wieso sollte ich das nicht dürfen?“
Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Mit irgendeiner Ausrede konnte ich jetzt jedenfalls nicht mehr kommen. Mit gemischten Gefühlen ging ich also neben ihm die Treppe hoch. Einerseits fühlte ich mich geschmeichelt und war auch dankbar für die seltene Abwechslung, andererseits war es eigentlich moralisch nicht einwandfrei, mit dem Mann einer Freundin alleine Kaffee trinken zu gehen. Heimlich, sozusagen. Wobei „Freundin“ genau genommen der falsche Begriff war. Barbara war eine gute Bekannte, mit der ich mich regelmäßig zum Sport traf. Mehr nicht. Aber das machte es natürlich auch nicht besser.
Wir bestellten Cappuccino und Mineralwasser. Essen konnte ich nichts, dazu war ich viel zu nervös. Warum eigentlich? Ich begann mich über mich selbst zu ärgern. In was für eine Situation ließ ich mich hier bringen? Den delikaten Beigeschmack, sofern es ihn gab, wollte ich möglichst sofort rausnehmen.
„Sie erzählen Ihrer Frau aber schon, dass Sie mit mir Kaffee trinken waren?“
„Sollte ich?“
„Ich finde schon. Ich fände es jedenfalls nicht so gut, wenn mein Mann sich heimlich mit fremden Frauen treffen würde.“
Wieder musste er grinsen.
„Sie sind ja nicht fremd, Barbara kennt Sie doch.“
„Sie wissen schon, wie ich das meine.“
„Ja, ja, ich hab schon verstanden. Und wenn Sie darauf bestehen, werde ich es ihr auch erzählen. Bestimmt hat sie nichts dagegen. Schließlich bin ich hier in der Stadt, um für sie ein paar Erledigungen zu machen. Da werde ich doch wohl mit einer gemeinsamen Bekannten eine Kaffeepause machen dürfen.“
So hörte es sich natürlich schon wesentlich weniger schlimm an. Ich beschloss, das Thema zu wechseln.
„Sind Sie öfter samstags in der Stadt?“ Smalltalk. Besser.
„Ja, eigentlich ausschließlich samstags. Unter der Woche arbeite ich in Olten, in der Schweiz.“ „In der Schweiz, wie schön. Da gibt’s so leckere Schokolade!“
Oh Mann, wie bescheuert! Die Schweiz, ein bedeutender Wirtschaftsstandort, eine Enklave mitten in Europa, ein Wintersportparadies – und das Einzige, was mir dazu einfiel, war Schokolade! Ich merkte, wie ich rot wurde. Meinem Gegenüber schien das nicht aufzufallen, und wenn doch, ging er zumindest mit perfekter Höflichkeit darüber hinweg.
„Mögen Sie gerne Schokolade?“
„Ich liebe Schokolade!“
„Na, da muss ich Ihnen wohl mal eine mitbringen.“
Ich widersprach nicht. Schokolade ist eine meiner größten Schwächen, und eine wirklich gute Schweizer Schokolade leistete ich mir selten, um nicht zu sagen nie. Mal ganz abgesehen davon, dass sie in unserer Gegend, in der badischen Provinz, kaum erhältlich ist. Der Rest meiner Kaffeepause verging wie im Flug. Dabei vermieden wir es tunlichst, Barbara noch einmal zu erwähnen. An Thomas verschwendete ich ehrlich gesagt keinen Gedanken. Nicht im Entferntesten wäre ich auf die Idee gekommen, dass es meinen Lebens-gefährten stören könnte, wenn ich hier in männlicher Begleitung beim Kaffee saß. Warum auch? In letzter Zeit gab es außer seinen Kumpels, Fußball und Bier nicht wirklich viel, was ihn interessierte.
An diesem Nachmittag kam Barbara nicht zum Laufen, sie war zum Geburtstag bei einer Freundin eingeladen, das hatte sie sonntags zuvor schon angekündigt. Mir war das gar nicht unrecht, so hatte ihr Mann auch wirklich die Chance, ihr selbst von unserem Cafébesuch zu erzählen, bevor ich sie wiedertraf. Am nächsten Morgen überfiel ich sie gleich mit meinem „Geständnis“ wie ein reuiger Sünder in der Hoffnung auf Absolution. Kaum war sie aus dem Auto gestiegen, platzte es schon aus mir heraus.
„Barbara, hast du schon gehört? Dein Mann war gestern mit mir Kaffee trinken. Er hat mich eingeladen.“
Anstelle einer Begrüßung muss dieser Satz ganz schön albern geklungen haben und auf alle Fälle schuldbewusster, als mir lieb war.
„Ich weiß“, antwortete sie nur, „du gefällst ihm.“
3
Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte nicht mit einem weiteren Besuch von Udo gerechnet. So, wie es bisher gelaufen war, deutete sich einfach an, dass er wiederkommen würde – und wenn es nur war, um mir die versprochene Schokolade zu bringen. Das tat er auch. Zwei Wochen später, wieder genau rechtzeitig zu meiner Frühstückspause. Zwei Tafeln. Nougat und Vollmilch, meine Lieblingssorten! Ich war begeistert.
„Vielen Dank für die tolle Schokolade, am liebsten würde ich sie gleich aufessen!“ schwärmte ich, als wir wieder beim Kaffee saßen. „Na, dann tun Sie’s doch.“
„Nein, die werde ich mir schön einteilen. Am besten lasse ich sie gleich hier in der Arbeit, dann kann Thomas sie mir schon nicht wegessen.“
Ich war stolz auf mich, dass ich den Namen ins Spiel gebracht hatte. So ist’s gut, Elisabeth! Schön klare Fronten schaffen und nur keinen falschen Eindruck entstehen lassen.
„Thomas. Ist das Ihr Lebensgefährte?“
„Ja.“
„Wie lange sind Sie schon zusammen?“
„Hm … ungefähr fünfundzwanzig Jahre.“
Ich zuckte selber ein bisschen zusammen bei dieser Zahl.
„Und warum sind Sie nicht verheiratet?“
Meine Güte! Warum musste dieser Mensch ständig so indiskrete Fragen stellen? Was ging ihn das an? Außerdem kannte ich nicht einmal selbst die Antwort! Oder ich kannte sie, wollte sie aber nicht wahrhaben … Ich entschied mich für eine Gegenfrage.
„Muss man denn unbedingt heiraten?“
„Nein.“
Zu meinem Erstaunen beließ er es dabei. Statt weiter nachzuhaken, bestellte er zwei Gläser Prosecco.
„Ich finde, wir sollten uns duzen.“
Stillschweigend wurde es zu einer Art Jour fixe, dass Udo mich samstags besuchte. Erst vierzehntägig, dann wöchentlich. Ich fing an, mich richtig auf diese gemeinsamen Kaffeepausen zu freuen, bestand aber immer wieder darauf, dass er es Barbara erzählte, bevor sie es womöglich von Dritten erfuhr. Das tat er auch – drei-oder viermal. Danach nicht mehr.
4
Thomas war so alt wie ich. Wir hatten uns beim Tanzen kennengelernt, damals konnte man das wohl noch einen Klassiker nennen. Er war mir aufgefallen, weil er größer war als die meisten anderen Jungs, dunkelhaarig, nicht direkt sportlich aber dennoch mit einer guten Figur gesegnet. Ich fühlte mich geschmeichelt, weil er mich von sich aus ansprach, ich schien ihm auch zu gefallen. Einen Charmeur konnte man Thomas nicht gerade nennen, aber irgendwas faszinierte mich doch an ihm. Wir kamen ins Gespräch, verabredeten uns wieder zum Tanzen und eine Woche später für einen Kinobesuch. Bud Spencer und Terence Hill prügelten sich auf der Leinwand, der erste Kuss schmeckte nach Cola und Popcorn. So fühlte sich also Erwachsenwerden an. Ohne dass einer von uns das jemals in Worte gefasst hätte, waren Thomas und ich von da an ein Paar, und als ich wenige Jahre später aus meinem Elternhaus ausziehen musste, war für uns klar, dass wir künftig zusammenwohnen würden. Warum auch nicht? So war der normale Lauf der Dinge.
Schon nach kurzer Zeit erfuhren wir über Bekannte, dass der alte Anbau eines stillgelegten Bahnhofes ganz in unserer Nähe zu vermieten war. Wir vereinbarten einen Besichtigungstermin und erhielten sofort den Zuschlag … Wir waren total happy, dass das so reibungslos klappte. Heute glaube ich, dass außer uns einfach niemand in dieser Bruchbude wohnen wollte. Es war ein außergewöhnliches Haus mit breiten Holztreppen und offener Architektur, die Räume waren zum Teil über drei Meter hoch. Das mag zunächst traumhaft klingen – wie das Loft auf dem Land, das jeder gerne hätte, aber keiner jemals findet. Nur leider fehlte uns das Geld, um die Wohnung ausreichend zu heizen, geschweige denn nach unseren Vorstellungen umzugestalten, und so blieb sie, was sie war: eine verlassene Bahnangestellten-Unterkunft, wenig charmant, dafür umso ungemütlicher. Im Sommer war es ja noch erträglich, aber im Winter war es dort so schrecklich kalt, dass ich manchmal nicht wusste, was ich noch alles übereinander anziehen sollte.
Thomas hatte damit weniger Probleme, und entsprechend gering war seine Motivation, nach einer Alternative zu suchen. Anfangs hatte er einen guten Job bei einer großen britischen Chemiefirma, nur wenige Kilometer von unserer Wohnung entfernt. Der Nachteil war, dass er manchmal auch Nachtschicht arbeiten musste und ich mich nachts alleine in dem alten Bahnhofsgebäude oft fürchtete. Aber immerhin verdienten wir beide, und es ging uns finanziell gesehen relativ gut. Das änderte sich schlagartig, als Thomas entlassen wurde (das Unternehmen schrieb rote Zahlen, es wurde Personal abgebaut). Von da an musste ich alleine für unseren Lebensunterhalt sorgen, denn Thomas zog es vor, tagsüber auf der Couch zu liegen und abends in der Kneipe zu sitzen, statt sich einen neuen Job zu suchen. Mich machte das rasend, aber was hatte ich für eine Wahl? Mich von ihm zu trennen, um dann ganz alleine dazustehen? Dafür fehlte mir der Mut. Schlappe fünfundzwanzig Jahre lang.
5
Diesen Winter war unser gemeinsames Laufen hin und wieder mal ausgefallen. Mal, weil das Wetter zu schlecht war, dann wieder, weil die eine oder andere krank war. Zwischen Weihnachten und Silvester hatten wir zudem eine Lauf-Pause vereinbart, da waren alle viel zu sehr mit ihren Familien beschäftigt. Einerseits fand ich das ein bisschen schade, andererseits blieb mir dadurch die unangenehme Situation erspart, dass ich jedes Mal nicht wusste, ob ich zu Barbara etwas sagen sollte und wenn ja, was. Seit sie einmal ganz erstaunt reagiert hatte, als ich die Schweizer Schokolade erwähnt – es war mittlerweile bestimmt die dritte oder vierte Tafel gewesen, diese Tatsache behielt ich dann natürlich für mich –, war mir klargeworden, dass Udo unsere Treffen verschwieg. Das tat ich von da an auch, hatte aber immer ein latent schlechtes Gewissen. Eigentlich ist das gar nicht meine Sache, redete ich mir ein. Sollten die beiden doch unter sich ausmachen, was in ihrer Ehe erlaubt ist und was nicht. Und außerdem ging die Initiative auch nicht von mir aus. So ganz überzeugend fühlte sich das ehrlich gesagt nicht an. Aber anscheinend überzeugend genug, um die Situation fürs Erste so zu belassen, wie sie war.
Weihnachten kam und ging, ohne besondere Höhen und Tiefen. Für Silvester hatten wir uns mit ein paar lieben Freunden im Schützenhaus verabredet, worauf ich mich schon seit Wochen gefreut hatte. Der Abend war dann auch wirklich sehr lustig und, was den Alkoholkonsum anging, ziemlich ausschweifend. Entsprechend verkatert war ich am nächsten Tag. Obwohl wir spät aufgestanden waren, ging ich am frühen Nachmittag noch einmal nach oben, um noch ein bisschen zu schlafen. Thomas blieb unten und sah fern. Neujahrsskispringen wahrscheinlich. Gegen fünfzehn Uhr hörte ich die Türglocke und dann Stimmen, Thomas redete mit jemandem an der Haustür. Runtergehen wollte ich nicht, dafür war ich viel zu müde und auch nicht genügend vorzeigbar. Sollte er sich alleine mit dem Besuch rumschlagen. Ich schlief weiter und ging erst am späten Nachmittag wieder nach unten. Dort erwartete mich ein total geladener Thomas. So stinksauer hatte ich ihn lange nicht erlebt.
„Ich soll dich grüßen“, sagte er so abfällig, als hätte er gerade festgestellt, dass ich ihm einen Kratzer in sein nicht vorhandenes Auto gemacht hatte, und fügte hinzu: „Da war gerade jemand da, der dir ein frohes neues Jahr wünschen wollte.“
„Aha. Und wer?“
„Keine Ahnung! Er hat mir nicht gesagt, wie er heißt.“
„Ein Mann?“
„Klar. Du wirst schon wissen, wer es war.“
„Nein, keine Ahnung, wie sah er denn aus?“
„Er war mit dem Rennrad da. Brille, Bart …“
„Ich kenne niemanden mit Brille und Bart. Hat
er wirklich keinen Namen gesagt?“
„Nein. Oder vielleicht doch, aber ich habe es mir nicht gemerkt. Jetzt tu doch nicht so, als ob du es nicht wüsstest!“
Mit jedem Satz wurde er noch wütender. Ich beschloss, die Diskussion zu beenden. Mir war das echt zu blöd, zumal ich mir wirklich nicht erklären konnte, wer es gewesen war.
„Du kannst mich jetzt erschießen, ich weiß es leider nicht, ob du mir das glaubst oder nicht! Vielleicht war es jemand aus meiner alten Schulklasse oder was weiß ich. Ist mir auch egal! Lass mich jetzt zufrieden, ich habe keine Lust, um so einen Quatsch zu streiten!“
Das neue Jahr fing ja gut an. Entweder hatte sich da irgendjemand einen Spaß erlaubt, oder Thomas hatte einfach mal wieder nicht richtig zugehört. Ich tippte auf Letzteres.
Der 2. Januar war für mich ein ganz normaler Arbeitstag. Wie fast jedes Jahr hatte ich mich durchgängig für die Zeit zwischen dem 24. Dezember und dem 6. Januar einteilen lassen. Sollten ruhig die Leute mit Kindern freinehmen, mir machte es überhaupt nichts aus, in dieser Zeit in der Arbeit zu sein. Es war wesentlich ruhiger als in der hektischen Vorweihnachtszeit, und die meisten Kunden hatten Zeit und waren gut drauf. Man wünschte sich ein gutes neues Jahr, erzählte von Weihnachten und Silvester, aß zwischendurch seine restlichen Plätzchen und ließ es insgesamt etwas lockerer angehen.
Pünktlich um zehn stand plötzlich Udo vor mir! Und das, obwohl der 2. Januar mitten in der Woche lag. Na klar, er hatte frei in den Weihnachtsferien und war ergo nicht in der Schweiz. Offensichtlich hatte er auch gerade keine Lust, sich zu rasieren, denn in seinem Gesicht hatte sich ein Dreitagebart breitgemacht … das heißt, eigentlich war es eher ein Achttagebart. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen.
„Du warst das gestern!“
„Klar. Hat dir dein Freund das nicht ausgerichtet?“
„Doch, aber er wusste nicht, wer du bist. Einen Namen hatte er sich auch nicht gemerkt. Woher weißt du denn, wo ich wohne?“
„Also bitte, das lässt sich ja wohl leicht rausfinden.“
„Na toll, und ich hatte deinetwegen den größten Krach.“
„Oh, das tut mir leid.“
Sein Gesichtsausdruck verriet, dass es genau das nicht tat. Vielleicht hätte mich das ärgern sollen, aber ich hatte gerade ein ganz anderes Problem. Während wir so redeten, musste irgendjemand heimlich Pudding in meine Knie gefüllt haben …
Abends erklärte ich Thomas, dass das Barbaras Mann gewesen war, der da auf seiner Neujahrs-Radrunde bei uns vorbeigeschaut hatte. Thomas war beruhigt. Typisch.
6
Von nun an eskalierte die Situation ziemlich schnell. Ich wüsste nicht, wie ich es anders nennen soll. Ich begann mir selbst einzugestehen, dass Udo für mich mehr war als nur der Mann einer guten Bekannten – auch mehr als nur jemand, mit dem ich gelegentlich eine nette Kaffeepause verbrachte. Udo hatte das für sich selbst wohl schon viel früher begriffen, sonst wäre er nicht mit dieser bemerkenswerten Zielstrebigkeit vorgegangen. Er schien sich darüber im Klaren zu sein, was das war zwischen uns. Ich dagegen hatte es die ganze Zeit verdrängt. Aus gutem Grund – mein schlechtes Gewissen, mit dem ich mich inzwischen ganz gut arrangiert hatte, war dagegen harmlos. Das hier war das reinste Gefühlschaos! Was, wenn man es mir anmerkte? Wenn Barbara etwas ahnte? Oder noch schlimmer: Wenn Udo mich durchschaute? Wo sollte das hinführen, wenn wir nicht mehr so tun konnten, als sei alles ganz normal, ganz harmlos? Vor diesem Moment hatte ich echte Angst, und ich war wild entschlossen, ihn so lange hinauszuzögern, wie es nur ging. Vielleicht ging dieser Kelch ja auch an mir vorüber. Vielleicht war die Erde eine Scheibe …
Natürlich ging ich weiter mit den anderen laufen, als wenn nichts wäre. Was auch sonst? Eines Sonntagmorgens, wir waren schon auf dem Rückweg, kam uns Udo auf dem Fahrrad entgegen. Erst dachte ich, ich hätte mich getäuscht. So dreist konnte er nicht sein. Mir und seiner Frau entgegenzufahren, in so eine blöde Situation würde er uns alle doch bestimmt nicht bringen, nicht absichtlich. Aber einmal mehr lag ich falsch. Und ob er das würde! Wie immer war er ganz locker und fuhr einfach an uns vorbei, nonchalant lächelnd und grüßend. Wie ich danach noch nach Hause zurücklaufen konnte – und vor allem mich mit den anderen weiter unterhalten –, weiß ich nicht mehr.
Wieder eine Woche später ließ sich Udo etwas Neues einfallen, um Ideen war er jedenfalls nie verlegen. Er klingelte einfach im Fahrraddress bei uns zu Hause an der Haustür, Sonntagmorgens um elf, weil er wusste, dass ich ungefähr um diese Zeit wieder zu Hause sein würde. Thomas war noch da, obwohl um elf eigentlich schon sein Frühschoppen begann. Und so kam es, dass wir drei zusammen am Tisch saßen und Kaffee tranken. Eine absurde Situation, was aber außer mir niemanden zu stören schien. Thomas fand den sonntäglichen Besuch wohl ganz nett, und jetzt, wo er wusste, wer Udo war, war das für ihn anscheinend auch völlig in Ordnung.
Udo wiederholte diese Aktion noch zweimal … und beim zweiten Mal war Thomas tatsächlich schon in seiner Stammkneipe. Plötzlich wusste ich nicht mehr, ob es mir nicht doch lieber wäre, wenn wir wieder zu dritt Kaffee trinken könnten. Das war zwar unangenehm und irgendwie peinlich, aber wenigstens fühlte ich mich sicher. Solange Thomas dabei war, musste Udo die Fassade wahren, genau wie ich. Und jetzt? Am liebsten hätte ich ihm gar nicht erst die Tür aufgemacht, obwohl ich mich natürlich wahnsinnig freute, ihn zu sehen. Er kam rein wie immer, plapperte gut gelaunt drauflos und lobte meinen Kaffee. Nach einer halben Stunde stand er auf, um weiterzufahren, alles völlig normal. Entsprechend begann mein Pulsschlag, sich ebenfalls zu normalisieren.
Und dann, als er an der Haustür seine Schuhe wieder angezogen hatte, umarmte er mich einfach ohne Vorwarnung, zog mich an sich und küsste mich. Es lag so viel Gefühl in diesem Kuss, dass mir die Luft wegblieb. Wie lange hatte mich niemand mehr so geküsst! Mir war schwindelig. Da war er, dieser Moment, vor dem ich so viel Angst gehabt hatte und den ich doch am liebsten noch festgehalten hätte. Stattdessen sagte ich: „Ich will das nicht! Du bist ein verheirateter Mann, und noch dazu kenne ich deine Frau, ich will mich nicht in eure Ehe einmischen. So was mache ich nicht!“
Statt mir zu antworten, küsste er mich noch einmal. Mein Widerstand war innerhalb von zwei Sekunden auf null geschrumpft. Dann schnappte er sich sein Fahrrad und fuhr los, ohne sich noch einmal umzuschauen.
7
Jetzt, da die Grenze des Erlaubten endgültig überschritten war, war schlagartig alles komplett anders: Schöner. Schlimmer. Offener. Heimlicher. Total verwirrend. Völlig klar. Kurz: Unendlich kompliziert und doch in vielerlei Hinsicht so viel einfacher als zuvor. Vor allem konnten Udo und ich uns jetzt ganz gezielt verabreden, ohne um den heißen Brei zu reden oder nach fadenscheinigen Anlässen für mehr oder weniger zufällige Begegnungen zu suchen. An jenem Sonntag nach dem ersten Kuss fuhr Udo wie gewohnt in die Schweiz – mit dem Unterschied, dass wir ab jetzt jeden Tag eine Möglichkeit fanden, zu telefonieren, und wenn das Gespräch noch so kurz war. Keiner von uns verschwendete mehr Zeit auf Smalltalk oder Höflichkeitsfloskeln. Wir vermissten uns und begehrten uns und konnten es nun endlich offen aussprechen. Gleich am Freitag, wenn Udo wieder zurückkam, würden wir uns sehen, das stand außer Frage. Als er einen einsamen Parkplatz am Waldrand als Treffpunkt vorschlug, hinterfragte ich dies nicht – im Gegenteil: Es schien mir die perfekte Wahl zu sein. In den Tagen bis dahin befand ich mich in einem seltsam euphorisch-surrealen Schwebezustand, ständig schwankend zwischen aufsteigender Panik und einem überwältigenden Glücksgefühl. Dafür konnte es nur eine Erklärung geben: Ich war verliebt, und zwar heftigst! „Verknallt“ nannten die Mädels das, früher, in der Schule. Dieser Begriff, der längst nicht mehr zu meinem Wortschatz gehörte, kam plötzlich wieder zum Vorschein wie ein altes, vergilbtes Foto, das man beim Aufräumen im hintersten Regalwinkel entdeckt. Denn was damals eher spurlos an mir vorüberging und ich nur ein wenig neidisch als etwas wahrnahm, von dem meine Klassenkameradinnen unentwegt redeten, schien mich jetzt mit doppelter Macht einzuholen, und das nachdem ich die Mitte Vierzig schon hinter mir gelassen hatte – unfassbar!
Viel zu früh saß ich am Freitagnachmittag in meinem Auto am Waldrand und beobachtete die kleinen Bäche aus Regenwasser, die unaufhörlich über meine Windschutzscheibe flossen. Nie zuvor in meinem Leben hatte ich mich so sehr über strömenden Regen gefreut. Das Unwetter kam wie bestellt, war es doch unser Garant für Ungestörtheit. Kein Spaziergänger, ja noch nicht einmal ein hartgesottener Jogger würde sich bei diesen Niederschlagsmengen vor die Tür wagen.
