9,99 €
Hand aufs Herz – wer von uns hadert nicht ab und zu mit seinem Schicksal? Minimal-Anlass genügt: Zwei Kilo zugenommen, Streit mit der besten Freundin oder ungerechte Kritik vom Chef, und wir versinken in Selbstmitleid. Nina scheint genau umgekehrt gestrickt zu sein. Ihre positive Lebenseinstellung ist unverwüstlich, das Glas ist immer halb voll. Das ändert sich auch nicht, als bei ihr das Ehlers-Danlos-Syndrom diagnostiziert wird – ein seltener Gendefekt, für den es keine Heilung gibt. Der Moment ist äußerst unpassend: Mit Ende 30 ist sie frisch geschieden, genießt das Single-Dasein mit ihren Freunden in München und hat einen aufregenden Job in einer Werbe- und Event-Agentur. Das alles soll sie sich von dieser Krankheit kaputt machen lassen? Niemals! Da setzt sie doch lieber auf ihre exzellenten Verdrängungskünste, gönnt sich selbst kleine "Belohnungen" für unangenehme Untersuchungen oder gesundheitliche Tiefschläge und lässt sich sogar darauf ein, als sie ungefragt auf einem Dating-Portal angemeldet wird … "Mein Zebra und ich" ist eine Geschichte voll Lebensmut, nicht nur für chronisch Kranke!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 250
Veröffentlichungsjahr: 2022
Simone Sabel
Mein Zebra und ich
… das hat auch nicht jeder!
ROMAN
© 2022 Simone Sabel
www.formulingo.de
Coverdesign von: Nina Vogel
Autorenfoto: Natalie Suleiman-Heberger
ISBN Softcover: 978-3-347-58908-7
ISBN Hardcover: 978-3-347-58910-0
ISBN E-Book: 978-3-347-58913-1
ISBN Großschrift: 978-3-347-58917-9
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
Seltene Krankheit
Seltene Krankheiten sind oft lebensbedrohliche oder chronisch einschränkende Erkrankungen, die einer speziellen Behandlung bedürfen. Je nach Land bzw. Staatenbund gelten verschiedene Kriterien für die Einordnung als seltene Krankheit.
So definiert die einschlägige EU-Verordnung als seltenes Leiden ein solches, „das lebensbedrohend ist oder eine chronische Invalidität nach sich zieht“ und von dem in der Europäischen Gemeinschaft „nicht mehr als fünf von zehntausend Personen betroffen sind“. Viele seltene Erkrankungen werden durch einen Gendefekt verursacht.
In Deutschland soll es insgesamt ca. 8000 derartige Erkrankungen geben, die zusammen 6-8 % der Bevölkerung betreffen.
(Wikipedia)
1
„Sind Sie sich sicher?“
Wie aus dem Nebenraum drangen die Worte an mein Ohr. Ganz entfernt nahm ich sie wahr, aber sie ergaben keinen Sinn. In jedem Wort ein „i“, dachte ich. Mehr fiel mir dazu nicht ein. Durch einen dichten Tränenschleier erkannte ich drei erwartungsvolle Augenpaare, allesamt auf mich gerichtet. Eins davon gehörte meinem Mann. Michael … Gerade eben hatte ich mich daran erinnert, wie er vor einer gefühlten Ewigkeit im Münchner Sternelokal Tantris vor mir niedergekniet war und vor unseren knapp zweihundert Gästen inbrünstig einen eigens für mich komponierten Song gesungen hatte, bevor er – noch in der Hochzeitsnacht – zum Flughafen fuhr, um gegen 22:30 Uhr in einen Flieger nach Asien zu steigen. In Seoul stand damals die Weltpremiere von Michael Jackson & Friends bevor, bei der Michael als Projektleiter und Pressechef von Mama Concerts natürlich unentbehrlich war. Ja, mit Terminen war es schon immer schwierig gewesen bei ihm. Da wurde so ein Event wie eine Hochzeit schon mal zwischen zwei Langstreckenflüge gequetscht. Dass es die eigene war, die darüber hinaus ein Vermögen gekostet hatte, spielte dabei höchstens eine untergeordnete Rolle. Aber damit konnte ich leben. Während Michaels Abreise bei der Mehrheit der Hochzeitsgäste auf Unverständnis stieß, hatte ich mich längst auf ein Leben an der Seite eines Mannes eingestellt, dessen Beruf eben einen Großteil seiner Zeit bestimmte. Da erschien mir dieser ungewöhnliche Start in die gemeinsame Zukunft nur passend, nicht mehr und nicht weniger. Es war alles nur eine Frage der Organisation, gemeinsame Zeitfenster würden sich immer finden lassen. Nein, die Probleme lagen ganz woanders. Genau genommen in jedem denkbaren Bereich des Alltags. Aber das konnte ich damals natürlich noch nicht wissen.
„Sind Sie sich sicher, dass Sie geschieden werden möchten?“, wiederholte die Richterin ihre Frage, diesmal mit etwas mehr Nachdruck.
„Nina?“, hörte ich Michael fragen.
Endlich gelang es meinem Gehirn, die Information nicht nur aufzunehmen, sondern auch sinnvoll weiterzuverarbeiten.
„Ja, ganz sicher!“, erwiderte ich hastig. „Es ist nur … Es ist einfach so traurig.“
Beim letzten Satz war es endgültig aus mit meiner Beherrschung, ich schluchzte hemmungslos. Betretenes Schweigen füllte den Raum. Auch mein Noch-Ehemann hatte schon ganz rote Augen, und unsere gemeinsame Anwältin und Freundin Vera schnäuzte unauffällig in ihr Taschentuch. Na, bravo! So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Es war doch alles so wunderbar klar gewesen. Keine offenen Fragen, keine Zweifel, kein Rosenkrieg. Und trotzdem brach ich einfach in Tränen aus, als es dann zur Sache ging.
„Es ist wirklich alles gut“, durchbrach ich die Stille. „Wir sind uns vollkommen einig. Bringen wir das hier hinter uns!“
Und dann war es vorbei. Ratzfatz. Zehn Jahre Ehe, einfach so beendet. Völlig unspektakulär, innerhalb von Minuten. Im Nachhinein ist es mir unbegreiflich, wie überhaupt irgendjemand einen solchen Moment emotionslos betrachten kann. Immerhin hat man sich einmal ewige Liebe und Treue geschworen. Man wollte zusammenbleiben bis ans Lebensende, in guten wie in schlechten Zeiten, so heißt es. Sich dann eingestehen zu müssen, dass man sich geirrt hat, dass der Traum zerplatzt ist wie eine Seifenblase, die auf ihrem Schwebeflug nach oben den nächstbesten Birkenzweig rammt, ist nun mal ein unglaublich schwerer Schritt.
Umso erleichterter war ich – nein, waren wir beide –, ihn geschafft zu haben. Gemeinsam, sozusagen. Auch wenn wir sonst nicht mehr viel gemeinsam hatten. Als Michael und ich danach zum Frühstück im Café „Kreutzkamm“ im Innenhof des Amtsgerichts saßen, fragte ich mich unweigerlich, wie viele frisch geschiedene Paare hier wohl im Laufe der Jahre schon ein und aus gegangen waren. Mit einem Prosecco stießen wir auf unsere Scheidung an. Es war skurril, anders konnte man die Situation nicht beschreiben.
Gegen elf Uhr vormittags trat ich alleine aus dem Café heraus, ein laues Lüftchen empfing mich. Es war ein warmer Augusttag, die Wettervorhersage hatte sich eins zu eins bewahrheitet: heiter bis wolkig – passend zum Anlass. Es roch nach Sommer. Die Autos blitzten in der Sonne, die Straßencafés waren voll bis auf den letzten Platz mit fröhlich schwatzenden Menschen. Ein Junge mit einem gigantischen Schokoladeneis kam auf mich zu gerannt und verfehlte mein neues hellblaues Sommerkleid mit dem tropfenden Waffelhörnchen nur um wenige Millimeter.
„Hoppla! ‘Tschuldigung!“ nuschelte er, als er mich am Ellbogen streifte.
„Nichts passiert“, erwiderte ich und lächelte ihm gedankenverloren nach. Ich verspürte eine angenehme Leichtigkeit. Der Prosecco war daran wohl nicht so ganz unschuldig, aber in erster Linie war einfach eine unglaubliche Last von mir abgefallen. Beschwingt spazierte ich über den Promenadeplatz in Richtung Innenstadt und ertappte mich dabei, wie ich leise vor mich hin summte. Mein neues Leben hatte soeben begonnen.
2
Ich stand gerade bei Zara in der Umkleidekabine und schälte mich aus einer etwas unvorteilhaften Jeans heraus – es war das siebte von acht Kleidungsstücken, die ich mit reingenommen hatte, vor der Kabine hatte sich inzwischen eine kleine Schlange gebildet – als mein Handy klingelte. Leise fluchend wühlte ich, ein Bein noch immer in dieser dämlichen Hose gefangen, in meiner viel zu großen Handtasche und wünschte mir für einen kurzen Moment mein erstes Telefon aus den neunziger Jahren zurück. Es war ungefähr so groß wie eine Banane und damit praktisch immer und überall sofort auffindbar. Warum mussten diese Mistdinger auch immer kleiner werden?! Ich hätte doch auf Michael hören und mir endlich eins dieser Smartphones zulegen sollen, die schon seit ein paar Jahren auf dem Markt waren. Wie um das zu unterstreichen, tönte es weiter lautstark aus den Untiefen meiner Tasche. Ich wünschte, ich hätte wenigstens den Klingelton leiser gestellt. Wahrscheinlich hatte inzwischen auch wirklich der Letzte in der Schlange mitbekommen, dass ich hier drin telefonierte, statt zügig die Kabine zu räumen. Endlich wurde ich fündig!
„Hallo?“, fragte ich mit gedämpfter Stimme und bildete mir ein, draußen ein paar genervte Seufzer zu hören.
„Ich bin’s. Wo bist du, und was machst du?“, lautete Franzis Gegenfrage. Wie immer wurden gleich in den ersten Sekunden die wichtigsten Eckpunkte abgecheckt, man hatte schließlich keine Zeit zu verlieren. Franzi war der einzige Mensch, den ich kannte – abgesehen von Michael natürlich –, dessen Tag eigentlich mindestens 30 Stunden haben müsste. Allein der Gedanke an einen ähnlich vollgestopften Terminkalender wie den ihren hätte mich täglich in Panik versetzt. Muss man mögen. Franzi liebte es.
„In der Stadt. Heute war doch mein Scheidungstermin, und jetzt gönne ich mir einen freien Nachmittag.“
„Oh, stimmt! Das hatte ich ja ganz vergessen. Wie geht es dir?“
„Na ja … ganz gut eigentlich.“
Das war fürs Erste genug Information für Franzi – Aha. Alles OK, kein akuter Handlungsbedarf! – Sofort wich die Betroffenheit aus ihrer Stimme.
„Weißt du was, Nina? Erzähl doch heut Abend weiter, dann stör ich dich jetzt nicht länger beim Shoppen. Wir wollen bei mir was kochen. Kommst du? Halb acht?“
Das hörte sich gut an – jedenfalls besser, als zu Hause alleine vor dem Fernseher zu sitzen. Nicht, dass mich an einem solchen Tag dann doch noch die Sentimentalität übermannte. Spontan sagte ich zu.
Ich sah auf die Uhr: Kurz nach drei. Genug Zeit, um mich noch ein bisschen auszuruhen, vom Shoppen hatte ich so langsam eh genug. Zudem schmerzte mein Rücken, was er leider zurzeit fast täglich tat – mal mehr, mal weniger. Auch die Bandscheibenoperation vor ein paar Monaten hatte nicht die erhoffte Verbesserung gebracht. Heute früh war es mir körperlich noch gut gegangen, aber jetzt, nach mehreren Stunden auf den Beinen, fing es wieder an. Ganz langsam, aber praktisch minütlich zunehmend, das kannte ich schon. Und leider hatte ich die Schmerztabletten mal wieder zu Hause liegen lassen. Manchmal hätte ich mich selbst ohrfeigen können für meine Schusseligkeit! Vom Marienplatz aus nahm ich die U-Bahn bis zum Goetheplatz und ging den Rest zu Fuß. Endlich vor der Haustür angekommen, war ich doppelt froh über meinen Entschluss, die Schmerzen in meinem Rücken waren inzwischen die Hölle. Einem Junkie gleich ließ ich, kaum hatte ich die Wohnungstür hinter mir zugezogen, Schlüssel, Tasche und Tüten fallen und schleppte mich direkt in die Küche, wo neben der Spüle die Tramadol-Schachtel lag. Ein starkes Schmerzmittel mit einem Beipackzettel, der problemlos ausgereicht hätte, um ein ausgewachsenes Hausschwein darin einzuwickeln. Aber hatte ich eine Wahl? Nein – jedenfalls nicht bevor irgendjemand eine Lösung, sprich: Therapie für diese abartigen Rückenschmerzen gefunden hatte. Bis dahin würde ich eben täglich Tabletten nehmen, was sonst. Kein Optimalzustand, zugegeben, aber meine einzige Möglichkeit, den Alltag zu bewältigen. Mit einem Glas Wasser spülte ich gleich zwei Kapseln hinunter und legte mich dann aufs Sofa. Bestimmt würde der Schmerz gleich nachlassen, ganz bestimmt. Nur kurz die Augen schließen …
Drei Stunden später erwachte ich aus einem komatösen und zugleich unendlich erholsamen Schlaf. Es war wohl doch alles ein bisschen viel gewesen heute, sowohl emotional als auch körperlich, das wurde mir erst jetzt bewusst. Hätte ich nicht geistesgegenwärtig noch die Weckfunktion meines Handys aktiviert, das nun in voller Lautstärke vor sich hin dudelte, wäre ich vermutlich erst am nächsten Morgen wieder aufgewacht. Ich ging ins Bad, um mich für den Abend fertig zu machen. Nach einer ausgiebigen Dusche fühlte ich mich vollständig erholt und frisch, die Schmerzen waren wie weggeblasen. Jetzt schnell anziehen und dann nichts wie los. Franzi hatte wenig Verständnis für Unpünktlichkeit, besonders bei privaten Terminen. Sowas passte einfach nicht in ihren straffen Tagesablauf. Ich dachte also nicht lange nach, zog meine Lieblingsjeans aus dem Schrank und schlüpfte in eines der drei Oberteile, die ich heute ergattert hatte: wie ich fand das schönste von allen, schwarz mit dezenter Stickerei am Halsausschnitt und an den Ärmeln. Dazu die silbernen Flip-Flops, fertig. Zufrieden betrachtete ich mich im Spiegel. Dann schnappte ich die Flasche Rioja, die ich am Nachmittag noch bei Feinkost Dallmayr gekauft hatte, und eilte die Treppe hinunter. Wie schön, wenn man sich wieder bewegen kann! stellte ich dankbar fest. Das Taxi wartete bereits.
3
„Hi! Schön, dass du da bist! Komm rein!“ Franzi begrüßte mich mit einer festen Umarmung.
„Ui, du hast dich extra für uns in Schale geworfen“, stellte ich bewundernd fest, „und meinen Frisur-Tipp hast Du auch endlich beherzigt. Sieht super aus – ich WUSSTE es!“ Ein breites Grinsen machte sich unter Franzis wachen Augen breit. Sie liebte Komplimente, und dieses hier war zudem vollkommen ernst gemeint. Zum knallengen Etuikleid im Pepitamuster gesellte sich verwegen roter Lippenstift, das freche Gesicht war eingerahmt von einem kurzen Bob, der perfekt zu Franzis Temperament passte. Sie zog mich hinter sich her in die Küche, aus der es bereits unsagbar lecker nach italienischen Kräutern duftete. Knoblauch und Zwiebeln brutzelten in Olivenöl, auf dem Küchentisch lagen Ciabatta und Parmesan. Schlagartig wurde mir bewusst, wie entsetzlich hungrig ich war – kein Wunder, seit dem Croissant zum Frühstück hatte ich nichts gegessen –, und gleichzeitig fiel mir auf, dass ich noch nicht einmal gefragt hatte, ob ich beim Kochen helfen kann.
„Au weia … bin ich zu spät? Ihr seid ja schon fast fertig. Kann ich denn noch irgendwas tun?“, fragte ich schuldbewusst.
Franzi winkte ab.
„Ach Quatsch! Du bist pünktlich, Konrad war nur etwas früher da, dann haben wir halt schon mal angefangen. Entspann dich. Es gibt heut sowieso nur Penne all‘Arrabbiata.“
„Nur ist gut, ist ja auch nur mein Lieblingsessen“, strahlte ich. Mein Blick fiel auf Konrad, der hingebungsvoll Tomaten schnippelte. Ehrlich gesagt, manchmal beneidete ich solche Leute ein bisschen, die Kochen als eine Form der Entspannung betrachteten und so ganz nebenbei Gerichte zauberten, die aussahen wie eigens vom Food-Fotografen drapiert – und auch so schmeckten. Konrad war definitiv einer dieser Leute. Wenn er kochte, war es nie langweilig, nie vorhersehbar, die Gerichte hatten immer das gewisse Etwas – egal, ob es sich um Zwiebelrostbraten, ein thailändisches Curry oder eben Penne all‘Arrabbiata handelte. Ohne ihn bei seiner wichtigen Aufgabe zu stören, drückte ich Konrad einen Begrüßungsschmatz auf die Wange. Im selben Moment klingelte es auch schon wieder, und kurz darauf standen Johanna, Jan und Anne vor der Tür. Jan sportlich-schick in Sakko, Jeans und Sneakers, Johanna trug eine weiße Bluse zur schwarzen Lederhose und selbst Jans Freundin Anne, grundsätzlich eher der ungeschminkt-natürliche Typ, wirkte in ihrem schlichten grauen Seidenkleid äußerst adrett. Die Mischung aus ihren Parfums hüllte die drei in eine angenehme, androgyne Duftwolke. Irgendwie sahen heute alle aus, als hätten sie was zu feiern. Als könnte sie meine Gedanken lesen, überreichte mir Johanna grinsend eine kleine Schachtel.
„Hier, für dich!“
Auf dem Deckel stand in geschwungener Schrift Champagnertrüffel, an einer goldenen Schleife baumelte ein Geschenkanhänger mit der Aufschrift „Herzlichen Glückwunsch zur Scheidung!“
„Gut gemacht!“, sagte sie anerkennend, als hätte ich eine besonders schwierige Prüfung bestanden (in gewisser Weise hatte ich das ja auch), und umarmte mich. „Gleich musst du mal berichten, wie es war.“
Auf eine solche Idee konnte auch nur Johanna kommen. Bestimmt eckte sie mit ihrer Art von Humor ab und zu an, aber bei mir lag sie damit genau richtig. Besonders heute. Was hätte ich auch mit Sentimentalität anfangen sollen? Meine Ehe war nun mal vorbei, und das war auch gut so, das wusste jeder, der mich etwas näher kannte.
Gemeinsam wurde der Tisch gedeckt, ich öffnete den Rioja. Franzi zündete ein paar Kerzen an.
„Es ist angerichtet!“, ließ Konrad aus der Küche verlauten und schwebte im selben Moment auch schon mit einer großen Schüssel voller Nudeln in den Raum, ein weißes Geschirrtuch wie zufällig über den linken Unterarm geworfen. Johanna folgte ihm auf dem Fuße, einen Topf voll herrlich duftender Sauce in den Händen.
„Was für ein schlechter Service“, frotzelte Jan, „nicht mal eine Vorspeise!“
„Hättest ja eine mitbringen können, du fauler Sack“, gab Konrad zurück. „Außerdem ist das für dich eh besser so – mir scheint, du hast um die Hüften ein wenig Speck angesetzt. Franzi, haben wir einen Salat für den dicken Herrn am Tischende?“
Eine Serviette flog über den Tisch und traf Konrad am Kopf, um ein Haar wäre sie direkt in der Sauce gelandet. Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen, auch wenn es nicht zu übersehen war, dass Jan sich von diesem Seitenhieb durchaus ein wenig getroffen fühlte. Wahrscheinlich hatte Konrad mit seiner flapsigen Bemerkung zufällig ins Schwarze getroffen und Jan hatte tatsächlich ein paar Gramm zugenommen, wer weiß. Wenn ich so darüber nachdachte, fiel mir in meinem gesamten Bekannten- und Freundeskreis kein Mann ein, der eitler war als Jan. Ein echter Schöngeist zudem, der es wegen zu viel ererbten Geldes nicht nötig hatte, einer geregelten Beschäftigung nachzugehen. Vielmehr fühlte er sich der Kunst verpflichtet, bildete sich durch die tägliche Lektüre mehrerer renommierter Tageszeitungen und liebte die Literatur und gute Weine. Anne als kunstbewanderte Fotografin an seiner Seite, die ihn jedoch mehr glänzen ließ als sich selbst zu profilieren, stand ihm dabei hervorragend zu Gesicht. Überhaupt war Jan derjenige, der den ganzen Freundeskreis am intensivsten pflegte, belebte und zusammenhielt. Kein Wunder, er hatte ja auch die meiste Freizeit von uns allen.
Jan und Konrad kannten sich noch aus Studienzeiten, und ich hatte das große Glück, Konrad kennenzulernen, als ich nach meiner Bandscheibenoperation einen vierwöchigen Reha-Aufenthalt am Tegernsee verbrachte. Mit nur wenigen Tagen Unterschied war Konrad gleichzeitig mit mir dort, weil er sich beim Skilaufen einen Wirbel gebrochen hatte und in der Folge ebenfalls operiert worden war. Wir saßen jeden Tag zusammen am Essenstisch, und ich muss sagen, wir hatten meist großen Spaß. Bei „Reha“ hatte ich bis dato immer an Rollstühle, Bademäntel und jede Menge kranke Menschen gedacht. Letzteres war zwar zweifellos richtig, aber in unserem Fall war da sehr viel Lebensfreude unterwegs. Menschen jeden Alters, die alle das Ziel verfolgten, möglichst schnell wieder fit zu werden. Schon früh morgens, wenn Konrad und ich uns zu unserer ersten Rückengymnastik-Stunde begaben, begegneten uns im Park die Herzkranken, die sich ganz langsam, aber dennoch hochmotiviert fortbewegten. Es gab Leute mit Verletzungen, Schlaganfällen, Gelenkbeschwerden. Und bei allen hatte man den Eindruck, sie bemühten sich nach besten Kräften und Möglichkeiten, wieder gesund zu werden, jeder auf seine Weise. Mindestens einmal täglich beglückwünschten Konrad und ich uns gegenseitig zu unseren Fortschritten, die auch wirklich erkennbar waren. Mit Konrad zu reden war aber nicht nur kurzweilig, sondern in den meisten Fällen auch überaus lehrreich. Man konnte ihm ohne weiteres Fragen stellen wie: Wie entsteht denn eigentlich eine Kumuluswolke? – Und Konrad referierte, als hätte er soeben eine Vorlesung über Wetterphänomene gehört. Selten habe ich Menschen mit einem so breit gefächerten Allgemeinwissen kennengelernt. Eines Tages bekam Konrad Besuch: von Jan. Auch mit ihm verstand ich mich auf Anhieb hervorragend. Im Laufe der vier Reha-Wochen saßen wir noch öfter zu dritt zusammen und verabredeten uns auch für danach in München, wo ich dann nach und nach auch Anne, Franzi, Johanna und noch ein paar mehr Leute kennenlernte. Ohne mich in irgendeiner Form aktiv darum zu bemühen, hatte ich so einen ganz neuen Freundeskreis in München aufgebaut, was mir meinen Umzug aus Grünwald, einer kleinen aber ziemlich schicken Gemeinde im Münchner Umland, ungemein erleichterte. So ganz alleine neu in eine Stadt zu ziehen, noch dazu, wenn man nur wenige Arbeitskollegen hat, hätte mir ansonsten doch ein wenig Kopfzerbrechen bereitet. Für mich sind soziale Kontakte das A und O für eine hohe Lebensqualität und gleichzeitig das, was bei einem Neuanfang wie dem meinen die meiste Zeit braucht. Und mir flogen diese neuen Bekannten, die schnell zu Freunden wurden, einfach so zu. Ein unbezahlbares Privileg.
„Nina, jetzt erzähl doch mal! Wie ist es dir denn heute ergangen?“, fragte Konrad mitten in diese Gedanken hinein.
„Nun ja … es war … komisch“, antwortete ich, in Ermangelung einer besseren Formulierung. „Wieso?“
„Na ja, weil wir ja schon länger getrennt sind, aber es dann so schwarz auf weiß zu sehen, ist schon nochmal was anderes. Aber wir sind ja nicht zerstritten. Es war alles klar und ging deshalb auch ziemlich schnell. Danach waren wir gemeinsam frühstücken.“
„Echt?! Das könnte ich mir ja niemals vorstellen!“ warf Franzi ein. Was Männer anging, war Franzi rigoros, um nicht zu sagen kompromisslos. Entsprechend kurz waren auch ihre Beziehungen – jedenfalls die, die ich bisher mitbekommen hatte. Gerade vor zwei Monaten hatte sie wieder einmal eine Liaison beendet, weil es ihr „zu anstrengend“ geworden war, wie sie sagte. In diesem Fall konnte ich das allerdings sehr gut nachvollziehen. Der besagte Freund, dessen Namen ich schon wieder vergessen hatte, war ein unglaublich nerviger Schönling, der bei einer Plattenfirma beschäftigt war und sich für unwiderstehlich hielt. Grausam. Aber wenigstens hatte er Franzis iPod mit einer sensationellen Musikauswahl bestückt, fein säuberlich in Kategorien unterteilt. Gerade jetzt lief ein herrlich entspanntes, durchaus aufzugtaugliches Smooth Jazz-Geplänkel. Das Gespräch entwickelte sich zum Glück schon wieder in eine andere Richtung, allzu viel hätte ich über meine Scheidungs-Verhandlung gar nicht berichten wollen – oder können. Schmunzelnd betrachtete ich die edle Pralinenschachtel, die nun neben meinem Teller lag. Plötzlich schien es mir kein Zufall mehr zu sein, dass es heute mein Lieblingsessen gab und ich hier mit fünf meiner engsten Freunde am Tisch saß. Auch Franzi hatte den Termin wahrscheinlich nicht ernsthaft vergessen, vielmehr hatte ich den Eindruck, sie alle hatten sich eigens verabredet, um an diesem Abend für mich da zu sein, ohne mich zu sehr mit neugierigen Fragen zu löchern. Ein Gefühl der Dankbarkeit übermannte mich, und ich spürte, wie sich zum zweiten Mal an diesem Tag meine Augen mit Tränen füllten. Hastig stand ich auf und ging zum Sideboard, wo Franzis iPod lag. Ich änderte die Playlist von „Chillout/Dinner“ auf „Latin“. Gloria Estefan trällerte „Conga“, gefolgt von Santana mit „Smooth“.
„Hui, da ist aber jemand gut drauf“, stellte Jan fest – und im Grunde genommen hatte er damit auch gar nicht so unrecht. Die Musik klang so, wie ich mich fühlte: beschwingt und befreit. Mit einem kräftigen Schluck leerte ich den letzten Rest Rotwein aus meinem Glas. Alkohol war in Kombination mit den starken Schmerzmitteln eigentlich komplett verboten – eines der Dinge, die unmissverständlich aus dem exorbitanten Beipackzettel hervorgingen. Aber ab und zu war es einfach unvermeidlich, wenn nicht gar ratsam, sich über derlei Vorgaben hinwegzusetzen, fand ich. Heute zum Beispiel schien mir der perfekte Anlass dafür zu sein. Ein einziges Glas konnte ja auch nicht wirklich schaden. Und wie gut das tat!
Der Wein schmeckte nicht nur herrlich, ich spürte seine angenehme Wirkung bereits in Armen und Beinen – und natürlich im Kopf. Ich war wie euphorisiert, fühlte mich leicht und schwer zugleich, alles war irgendwie gut. Der Tag, meine Freunde, die Situation, das Leben.
„Lasst uns doch noch ein bisschen rausgehen“, schlug ich spontan vor. „Ich war ewig nicht mehr tanzen!“
Dass ich dabei leicht überdreht klang, war mir durchaus bewusst, aber es störte mich nicht weiter. Einige verwunderte bis amüsierte Blicke wurden ausgetauscht, Konrad schaute leicht konsterniert auf seine Uhr.
„Nina, es ist nach elf, ich habe morgen früh einen wichtigen Termin an der Uni. Mit mir könnt ihr nicht rechnen, sorry.“
„Also, ich find die Idee super!“, kam mir Johanna zur Hilfe. „Ich hab so viele Überstunden, da macht es nichts, wenn ich morgen mal ein bisschen später komme. Wer ist noch dabei?“
„Ihr seid ja echt bescheuert, mitten in der Woche“, lachte Franzi. „Aber warum nicht. So alt sind wir noch nicht, dass wir nicht auch mal mit weniger Schlaf auskommen könnten. Also los!“
Jan und Anne hatten im Laufe der letzten halben Stunde schon mehrfach demonstrativ gegähnt und nahmen das jetzt auch als Zeichen zum Aufbruch. Wenn die beiden gemeinsam unterwegs waren, konnten sie manchmal ganz schöne Langweiler sein, fand ich.
Zwanzig Minuten später saßen wir – Franzi, Johanna und ich – im Taxi.
„Müllerstraße bitte“, flötete ich Richtung Fahrer. Im Autoradio lief „Jungle Drum“. Ich sang lautstark mit, was zunächst den Taxifahrer, dann Johanna und schließlich auch Franzi zum Mitsingen animierte. Es klang herrlich schauderhaft. Vor dem Club angekommen, hüpfte ich aus dem Auto, Franzi und Johanna folgten mir auf dem Fuß. So langsam wirkten sie ein klein wenig verunsichert.
„Sag mal, du hast wirklich nur ein einziges Glas Wein getrunken, oder?“, fragte Franzi. Ich lachte lauthals los. Aus irgendeinem Grund fand ich die Frage unglaublich komisch.
„Ja, ganz sicher. Ich saß ja neben ihr“, antwortete Johanna für mich, während ich am Türsteher vorbei tänzelte und ohne Umwege weiter, direkt auf die Tanzfläche. Die Musik trug mich wie von selbst, es war ein herrliches Gefühl, sich so treiben zu lassen. Die Bässe dröhnten, die flackernde Beleuchtung ließ alles surreal erscheinen. Ich fühlte mich leicht, fast körperlos. Von mir aus hätte das ewig so weitergehen können …
„Bellissima, hast du keine Angst um deine Füße?“, brüllte mir jemand ins Ohr. Jemand, den ich nicht kannte und der mindestens einen halben Kopf kleiner war als ich. „Warum?“, schrie ich zurück.
„Na, weil du Flip-Flop anhast zwischen diese ganze tacchi alti … äh… Stockelschuhe. Und hier sind auch viele Glasscherbe!“
„Egal!“, erwiderte ich lachend und winkte Franzi und Johanna zu, die schon seit einer Weile etwas abseits an der Bar standen und sich mit einem Bierdeckel Luft zufächelten. Sie schüttelten synchron den Kopf. Wieso waren die denn bloß so langweilig? Wir wollten doch tanzen gehen, nicht rumstehen. Na gut, mir wurscht. Musste ich halt alleine weitertanzen. Beziehungsweise mit dem netten kleinen Italiener, der die beiden Mädels kein bisschen zu vermissen schien. Strahlend wirbelte er um mich herum, stets darauf bedacht, dass zumindest er mir nicht auf die schutzlosen Füße trat. Wie gut es meinem Ego tat, so ganz offensichtlich angehimmelt zu werden – obwohl oder vielleicht gerade weil mich dieser Mann so gar nicht interessierte. Heute Morgen noch gescheiterte Ehefrau, jetzt begehrter Single, so fühlte es sich zumindest an. Nein, nach Hause gehen würde ich jetzt auf keinen Fall, noch nicht. Mein Zeitgefühl war mir ohnehin irgendwann abhandengekommen …
4
Die Schmerzen waren unerträglich. So unerträglich, dass ich davon wach wurde. Oder lag es daran, dass mein Handy ununterbrochen klingelte? Das Sonnenlicht, das durch die kleinen Zwischenräume in der Jalousie drang, malte ovale Muster an die Wand. Im HandyDisplay stand „Paul“. Aber Bewegen war keine Option. Sollte doch die Mailbox rangehen. Ich schloss noch einmal die Augen und versuchte, den Schmerz zu lokalisieren, was gar nicht so einfach war. Es war keine bestimmte Stelle, mehr so eine Art Universalschmerz. Mein Kopf hämmerte wie nach einem Vollrausch, aber ich konnte mich noch sehr gut erinnern, dass ich nur ein einziges Glas Wein getrunken hatte. Beruhigend, immerhin. Meine Knie fühlten sich an als wäre ich auf allen vieren auf spitzen Steinen herumgerutscht – oder eben auf einer Tanzfläche voller Glasscherben. War ich aber nicht, auch das wusste ich noch sehr genau! Aber am allerschlimmsten waren die Rückenschmerzen. Das Zentrum saß im unteren Rücken, und von dort zog der Schmerz bis runter in meinen rechten Fuß. Grauenhaft. Wollte da ein Würgreiz aufkommen? Hastig öffnete ich die Augen, atmete tief durch und fixierte die kleinen Lichtovale, die mich auf friedlich-harmonische Weise an mein altes Zimmer in Belgien erinnerten, zu Hause bei meinen Eltern. Sonntags, wenn ich ausschlafen durfte, war ich oft lange liegen geblieben und hatte die leuchtenden Flecken gezählt. Eine absolut meditative Beschäftigung, der nur jemand nachgehen kann, der im völligen Einklang mit sich selbst und der sonntäglichen Zeitplanung ist, aber das war mir als Teenager natürlich nicht bewusst gewesen.
Erneut begann mein Handy zu klingeln. Ohne hinzusehen wusste ich, dass es wieder Paul war. Mit einem Mal war ich hellwach. Paul! … Unser Termin! Ich sah auf den Wecker: 9 Uhr 23. Und natürlich nicht Sonntag, sondern Donnerstag. Shit!
Mit unglaublichem physischem und mentalem Kraftaufwand gelang es mir, mich zur Seite zu drehen und nach meinem Handy zu greifen. „Paul! Scheiße! Es tut mir leid!“
„Wo um alles in der Welt bist du? Sag bloß du hast verschlafen?! Es ist gleich halb 10, in fünf Minuten steht der neue Kunde vor der Tür – wir wollten doch nochmal das Konzept …“ Weiter kam er nicht, er stockte mitten im Satz.
„Weinst du? Was ist denn los? Nina?“
„Ich hab solche Schmerzen.“
„Oh Gott – warum, was hast du?“
„Ich weiß es nicht … mein Rücken … es tut so weh.“
„Wo bist du? Zu Hause?“
„Ja.“
„Mach dir keine Sorgen. Ich bin in zehn Minuten da. Den Termin verschieben wir, ich ruf den Kunden sofort an. Kannst Du mir die Tür aufmachen?“
Mein zögerndes, jämmerliches „Ja“ wartete er gerade noch ab, dann knackte es in der Leitung, er hatte aufgelegt.
Paul. Die gute Seele. Schon nach den ersten drei Sätzen war der Ärger komplett aus seiner Stimme gewichen, übrig blieb nur Besorgnis. Denn mehr noch als mein Chef war Paul eindeutig auch ein Freund. Wir kannten uns seit meiner Zeit im Reitstall. Noch während meiner Ehe mit Michael hatte ich mit dem Reiten begonnen, womit ich mir einen lang gehegten Kindheitstraum erfüllen konnte – und Michael etwas von seinem schlechten Gewissen nehmen, weil er chronisch zu wenig Zeit für mich hatte. Eine klassische Win-WinSituation, die sich nur noch mehr als solche erwies, je schlechter es um unsere Ehe bestellt war. Im Reitstall ließ sich wunderbar ein ganzer Sonntag und wenn es sein musste auch ein komplettes Wochenende verbringen, zusammen mit netten Menschen und gemeinsamen Interessen. Bei Paul und mir gab es gleich mehrere davon, denn uns verband nicht nur die Liebe zu den Pferden, wir hatten auch ähnliche berufliche Schwerpunkte. Ich hatte Innenarchitektur studiert und war gerade dabei, mir als Webdesignerin ein zweites Standbein aufzubauen, Paul leitete eine florierende Werbe- und Eventagentur im Münchner Schlachthofviertel. Als ich ungefähr ein Jahr vor unserer Scheidung aus Michaels Grünwalder Haus aus- und in meine Münchner Zweizimmerwohnung einzog, bot Paul mir an, für ihn zu arbeiten. Dieses Angebot anzunehmen war eine der besten Entscheidungen meines bisherigen Berufslebens. Paul betreute eine ganze Reihe von Großkunden aus dem Lifestyle-Bereich. Die Events, die es zu organisieren galt, waren extrem spannend und abwechslungsreich, die Zusammenarbeit mit Paul funktionierte reibungslos. Mit der Problematik meiner Rückenschmerzen inklusive Bandscheibenoperation war er bestens vertraut, sozusagen schon seit meinen frühesten Reitstall-Tagen. Dennoch hatte ich es bisher irgendwie geschafft, meine gesundheitlichen Probleme von meiner Arbeit fernzuhalten. Die OP hatte zunächst eine gewisse Verbesserung bewirkt, und auch sonst hatte ich krankheitsbedingt kaum Ausfälle gehabt, zumindest keine kurzfristigen. Bis auf heute.
Irgendwie gelang es mir, das Bett zu verlassen („aufstehen“ wäre nicht das richtige Wort gewesen), mich zu waschen und mir etwas anzuziehen. Zwölf Minuten nach meinem Gespräch mit Paul – ich war gerade noch am Telefon mit der Praxis meines Orthopäden – läutete es an der Tür. Pauls hübsches Gesicht lag in tiefen Sorgenfalten.
„Nina, was machst du für Sachen?“
Die Frage war mehr rhetorischer Art, versteht sich. Schluchzend fiel ich ihm in die Arme – was ich bei Paul hemmungslos tun konnte, denn außer platonischer und/oder geschäftlicher Natur hatte Paul keinerlei Interesse an Frauen, was unsere Beziehung zusätzlich vereinfachte. Er schleppte mich zum Auto und fuhr mit mir zum Arzt, wo man versprochen hatte, mich schnellstmöglich einzuschieben. „Schnell“ bedeutete in diesem Fall zwanzig Minuten Wartezeit im total überfüllten Wartezimmer. Als mich die Sprechstundenhilfe hinein bat, hatte ich das Gefühl, die Schmerzen auch wirklich keine Minute länger ertragen zu können. Paul war die ganze Zeit über da geblieben und verabschiedete sich nun, um wieder in die Agentur zu fahren – nicht ohne mir das Versprechen abzunehmen, ihn später anzurufen, sollte es mir nicht wesentlich besser gehen.
