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Beschreibung

In der Erinnerung an Dieter Forte. Ein Lesebuch. "Wir haben einfach nur dieses eine kleine Leben und kämpfen darum, dass es gut sein möge. Dabei passieren grauenhafte und böse Dinge. Aber Bücher wie die Romane von Dieter Forte helfen uns, immer wieder zu Verstand zu kommen, zu begreifen, was das Leben bedeutet und wie man etwas daraus machen kann, ohne auf die falsche Seite zu geraten." Elke Heidenreich

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Seitenzahl: 281

Veröffentlichungsjahr: 2020

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„Man muss hellwach sein, um dem Traum, als Kompass unseres Lebens, zu folgen, und man muss notfalls den Traum erfinden, in dem wir uns wiederfinden können.“

Dieter Forte

Foto: Jürgen Bauer

VORWORT

„Ich wusste genau, ich schwimme gegen den Strom“, hat Dieter Forte in einem Gespräch gesagt, das um seine Romane und die darin verarbeiteten frühen Erinnerungen an den Bombenkrieg kreiste. Derartiges sei „eigentlich gar nicht gefragt“, fügte er hinzu. Auch wir schwimmen mit dem vorliegenden Buch gegen den Strom. Wir erheben Einspruch dagegen, dass der große Erzähler Dieter Forte nun, da er seit einem Jahr aufgehört hat zu schreiben, womöglich zu den Akten gelegt wird. Unser Buch will einen Beitrag dazu leisten, dass dieser Meister des kunstvollen Erinnerns selbst „in der Erinnerung“ bleibt, ja sogar neue Freunde findet.

Forte ist viel zu wenig bekannt. Es kommt vor, dass belesene Menschen fragen: Wer ist Dieter Forte? Dabei sind seine Bücher neben die Blechtrommel und die Ästhetik des Widerstands gestellt worden. Auf den folgenden Seiten fallen ähnlich große Vergleiche. Wie erklärt sich dieser Widerspruch: Forte, von den einen hochgeschätzt, von anderen kaum wahrgenommen? Sind seine Bücher schwer zu lesen? Eigentlich nicht; ein Strom eindringlicher Geschichten erwartet uns. Was Forte sprachmächtig zu berichten hat, reicht freilich auch bis ins Ungeheuerliche. Schlichter Lesespaß ist hier nicht zu haben.

Dieter Forte war – darauf weist Elke Heidenreich in ihrem Beitrag zu diesem Buch hin – kaum präsent im Literaturbetrieb. Nur vor fast 50 Jahren, ausgelöst durch die allgemeine Aufregung um seinen Bühnenerstling Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung, geriet er zeitweise ins Rampenlicht (siehe Eva Pfisters Beitrag). Ansonsten machte er keine Lesereisen, ließ sich nicht herumreichen, gab keine Interviews im Dutzend, nahm nicht zu allem und jedem Stellung. Er schrieb im Wesentlichen einfach „nur“ seine Bücher – es waren keineswegs viele, aber sie hatten und haben es alle in sich. Hierauf konzentrierte er seine Kraft, die ihm blieb. Denn Forte plagte lebenslang ein Lungenleiden, Fluch des Krieges, den er als Kind mit durchlitten und knapp überlebt hatte. Die Frage, welche natürliche Gabe er besitzen möchte, beantwortete er im berühmten Fragebogen mit: „Leicht zu atmen.“ Vera Forester weiß hier im Buch mehr zu diesem stillen Kampf zu berichten.

Im Übrigen ging er, der Düsseldorfer, bereits mit 35 Jahren nach Basel, wo er am Theater gebraucht wurde, blieb für immer, ein Wahlschweizer, der sich in der traditionsreichen Kulturstadt wohlfühlte, ihr dann auch mit Das Labyrinth der Welt ein literarisches Denkmal setzte – Martina Kuoni, selbst Baslerin und Fortes Mitarbeiterin während einiger Jahre, würdigt es gebührend.

Fortes Verhältnis zur Heimatstadt blieb zwiespältig. Ausgerechnet hier war Martin Luther & Thomas Münzer nie auf die Bühne gekommen. Es hatte Verhandlungen und Ankündigungen des Schauspielhauses gegeben, doch nichts geschah. Stattdessen ein Verriss der Basler Uraufführung durch den tonangebenden Düsseldorfer Feuilletonchef. Gab es auch eine diskrete Intervention aus dem Rathaus? Forte selbst war davon überzeugt. Die Beweislage aber bleibt schwierig. Jens Prüss hat für dieses Buch auf dem unübersichtlichen Terrain recherchiert und manche Überraschung zu Tage gefördert.

Düsseldorf verdient in Sachen Forte durchaus nicht nur Tadel. Hier fand der Autor besonders dankbare Leser. Eine Theaterinitiative ließ mit städtischer Unterstützung sein Volksstück Das endlose Leben zum Erfolg werden. Es gab ihm gewidmete Lesungen, eine Ausstellung, die Heinrich-Heine-Gesellschaft verlieh ihm ihre Ehrengabe – nicht zu verwechseln mit dem Heine-Preis der Stadt, bei dem Forte leer ausging –, eine Schule trägt seinen Namen, das Heine-Institut nimmt sich des Nachlasses an (wovon auch diese Publikation profitieren konnte).

Im April 2019 ist der Schriftsteller 83-jährig in Basel gestorben. Im dortigen Theater fand eine bewegende Gedenkfeier statt. Das Gedenken in Fortes Geburtsstadt fiel bescheidener aus. Immerhin waren aus offiziellem Munde erstmals Worte des Bedauerns über alte Versäumnisse zu hören. Man schien zu begreifen, dass die Stadt soeben ihren auf literarischem Feld seit langem bedeutendsten Sohn verloren hatte.

Unser Buch enthält sowohl eine Reihe exklusiver, eigens dafür verfasster Beiträge als auch Texte, die bisher nur an verstreuten Stellen zu finden waren. Letzteres gilt auch für manche der Forteschen Originaltexte, die wir mitaufgenommen haben, um nicht nur einen Band über ihn vorzulegen, sondern einen, in dem er auch selbst spricht. Dazu zählen auch kleinere, kaum bekannte Arbeiten, die ein Licht auf seine Anfänge werfen, sowie einige Briefe. Sein literarisch makelloser Brief über das Leben, die Bücher, die Bilder, die Musik und den Traum, der das Leben ist, ein wahres Juwel, der Verlegerin Monika Schoeller zugeeignet, gehört zu den Texten, die hier erstmals die lesende Öffentlichkeit erreichen.

Gedankt sei allen, die dieses Buch möglich gemacht haben, allen, die nun neugierig danach greifen und darin lesen – und allen, die zu seiner Verbreitung beitragen werden.

Olaf Cless

INHALT

Erzählen, um zu überleben

Von Ingrid Bachér

Das Vergangene ist nicht vergangen

Dieter Fortes Tetralogie der Erinnerung

Von Enno Stahl

Ich kenne keinen deutschsprachigen Schriftsteller, der das kann, was Forte kann

Von Elke Heidenreich

Ich war der Junge am Fenster

Dieter Fortes frühe Jahre.

Eine Collage

Lieber Dirk Alvermann

Brief von Dieter Forte

Vom Ende der Bescheidenheit, einem Lokalverweis und einer fliegenden Pralinenschachtel

Von Klas Ewert Everwyn

Perfekte Gesprächsführung

Aus Dieter Fortes Hörspiel „Sprachspiel“

Nächsten Donnerstag bei „Fatty“

Von Dieter Forte

Allein unter Menschen

Von Dieter Forte

„Alle Währungen sind in DM umgerechnet“

Dieter Forte und der Verlag der Autoren

Von Karlheinz Braun

„Das deutschsprachige Theater hat einen neuen Autor“

Wie „Martin Luther & Thomas Münzer“ die Gemüter erhitzte

Von Eva Pfister

Buchführung, Börse, Barbarei

Fortes Dramentrilogie im Kreuzfeuer der Theaterkritik

Von Wolfgang Niehüser

Die Geschichte vom verlorenen Sohn

Warum kam „Luther & Münzer“ in Düsseldorf nicht auf die Bühne?

Von Jens Prüss

„DIE SIRENEN JAULTEN, BRÜLLTEN IHRE EINTÖNIGEN MELODIEN ...“

Ausgewählte Passagen aus Romanen und Stücken von Dieter Forte

Basel, Erasmus und Das Labyrinth der Welt

Hintergrund und Entstehung eines Opus Magnum

Von Martina Kuoni

Vom Handmanuskript zum fertigen Buch

Was Fortes Nachlass über die Arbeitsweise des Romanautors verrät

Von Enno Stahl

Im Haus der verlorenen Geschichten

Zum Roman „Auf der anderen Seite der Welt“

Von Olaf Cless

Das Gefühl, ein großes Gedicht gelesen zu haben

Ein Briefwechsel von

Dieter Süverkrüp

und

Dieter Forte

Sprache ist Kritik

Dieter Forte im Gespräch mit dem Straßenmagazin „fiftyfifty“

„Ich füge noch ein Foto von mir bei ...“

Düsseldorfer Schülerinnen und Schüler schreiben an Forte, er antwortet

Das Leben – ein Liebesdienst

Erinnerungen an Dieter Fortes Ehefrau Marianne

Von Vera Forester

Inventur des Mythenschreibers

Dieter Fortes letztes Buch

Von Lothar Schröder

Das Schreiben kostete ihn nicht Kraft, es gab ihm welche

Rede zum Gedenken an Dieter Forte

Von Jürgen Hosemann

Es wird immer um Genauigkeit gehen

Von Dieter Forte

Ein Brief über das Leben, die Bücher, die Bilder, die Musik und den Traum, der das Leben ist

Von Dieter Forte

Der schreibende Erasmus von Rotterdam

Von Dieter Forte

Textnachweise

Die Autorinnen und Autoren

Herausgeber-Wort

Von Karl Heinz Bonny

Erzählen, um zu überleben

Von Ingrid Bachér

Meine erste Begegnung mit einer Arbeit von Dieter Forte liegt lange zurück. Es war eine Aufführung in Berlin von Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung. Sie blieb mir lange im Gedächtnis, weil Dieter Forte – so logisch genau in der Abfolge – den Triumph derer vorführte, die alles der Gewinnorientierung ihrer eigenen Buchhaltung unterwerfen und vollkommen unempfindlich sind Menschen und Schicksalen gegenüber, ja in ihnen nichts anderes sehen als Zahlenmaterial für ihre Kalkulation.

Jahrzehnte vergingen, bis ich die Romane von Dieter Forte las, und wieder fand ich bei ihm dieses Thema: der Aufstand der Welt gegen die Welt der mörderischen Fakten, gegen Ohnmacht und Vernichtung. Wieder war es ein Schreiben gegen den Tod, gegen die Auslöschung der Zeit.

Dabei steht als Gegenkraft in seinen Romanen die Figur der Mutter (immer muss es ja die Kraft des Lebens geben, sonst hätten wir nichts zu erzählen und würden verstummen, verlöschen). Sie erst ermöglicht das Leben, ist die Glut in dieser vereisenden Landschaft des Krieges, die nicht verlöschende Flamme, an der sich andere Feuer wieder entzünden können.

In dieser Figur ist alles bewahrt, was den Menschen ermöglicht zu überleben, sich nicht den vorgegebenen Zwängen zu unterwerfen, nicht willenlos zu verkommen. Sie hält dem Tod stand und bestätigt die Kontinuität außerhalb des Todes. Die Zeit bleibt so aufgehoben in der Wiederkehr. Beharrlich ist diese Mutter in jedem Moment anwesend in dem, was sie tut. „Sie wartete mit einer nie endenden Geduld, mit einem nie zu übertreffenden Stolz auf alles was da kam“, schreibt Dieter Forte. Und später heißt es bei ihm: „weil die Tag und Nacht ablaufende Zeit auch immer eine andere Zeit enthielt, eine unbewegte Ewigkeit“. Eine Ewigkeit, in der sich alle Geschichten finden.

Seine Romane sind mir nah. Dieter Forte beschreibt das, was mir vertraut ist aus meiner Jugendzeit: den Krieg, die Bombardierungen, die Ruinenstraßen, die Plünderungen, die Flüchtlingszüge, die endlosen Trecks, die Schreie, die Verschütteten, die Stille des Friedens. Die Unnormalität war in dieser Zeit das Normale geworden – und so würde das, was sich später normal nannte, für uns, die wir dies erlebt hatten, immer nur die Normalität eines Vorhanges haben, der jederzeit weggerissen werden konnte. (Noch heute sehe ich plötzlich in den luxuriösen schönen Häusern, hinter den glänzenden Glasfassaden, die Ruinen, in die sie morgen verwandelt sein können.)

Seit Grimmelshausen wurden die Schrecken des Krieges beschworen, immer wieder grausam nah und eindringlich, so dass auch jene, die ihn nicht erlebten, lesend plötzlich mitten im Krieg sich befinden können durch die Kraft der Worte und ihrer eigenen Phantasie oder weil sie auf anderen Schlachtfeldern Erfahrungen machten von der nie ganz zu erfassenden Grausamkeit der Menschen untereinander.

Er hat das Verschüttete aufgedeckt, das uns Notwendige erzählt, dafür danken wir ihm.

„Der Schreck war so groß, dass die Erinnerung versagt. Vielleicht gehörte zum Plan der Erziehung auch das, Menschen ohne Erinnerung aufzuziehen. Menschen, die keine persönliche Erinnerung mehr haben, die nie mehr etwas erzählen können“, schreibt Dieter Forte und spricht so von der Gefahr einer Abstumpfung, die auch wir differenzierter jetzt erfahren. Die Fülle des allgemein Übermittelten drängt das Erzählen des persönlich Erfahrenen zurück. Wir werden wortarmer und so ungenauer in der Empfindung, harthöriger.

Dabei kann das Erzählen und Schreiben zur Überlebensmöglichkeit werden. Indem der Autor erzählt, was ihm geschah, nimmt er es als etwas ihm Zugehöriges an. Nur das Nicht-Erzählte wird zum blinden Fleck, versinkt als sei es nicht gewesen. Und doch war da etwas und wird Folgen haben. Schon um diese zu verstehen, müssen der blinde Fleck aufgelöst, die zerstörten Bilder wieder hervorgerufen und die zersplitterte Realität im Spiegel zusammengefasst werden.

Die Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft ist der älteste Heine-Preis in Düsseldorf. Der erste Preisträger war 1965 Max Brod, es folgten in unregelmäßigen Abständen Hilde Domin, Marcel Reich-Ranicki, Martin Walser, Peter Rühmkorf, Kay und Lore Lorentz, Sarah Kirsch, Tankred Dorst, Ruth Klüger, Bernhard Schlink, Dieter Forte, Alice Schwarzer, Herta Müller, Dževad Karahasan, Roger Willemsen.

Grußwort zur Verleihung der Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft an Dieter Forte, Düsseldorf 2003. Leicht gekürzt. Weltweit demonstrierten in jenen Februartagen Menschen gegen den drohenden Angriff der USA auf den Irak.

Dieter Forte erzählt vom Krieg und seinen Folgen, und gerade diese Themen beschäftigen uns auch heute wieder. Was werden die Folgen eines Krieges sein, der kein Verteidigungskrieg ist, sondern ein Angriffskrieg, um im Sinne der Buchführung Interessen durchzusetzen, ohne Rücksicht auf das, was mit den Menschen geschehen wird, die davon betroffen sein werden.

Am heutigen Tag gibt es weltweit die größten Demonstrationen, die es jemals gegen einen Krieg gegeben hat, gleichzeitig in Amerika, in Australien, in Asien und Europa. Beteiligt sind viele Millionen Menschen, die wie Dieter Forte Krieg erlebt haben oder genug Verstand und Menschlichkeit, um sich die Auswirkungen dieses militärisch übermächtigen Angriffes vorstellen zu können. Dieser Protest gibt Hoffnung, dass kein Krieg im Interesse einer Buchführung mehr durchsetzbar sein wird ohne weltweite Gegenbewegungen auszulösen.

Dieter Fortes Romane sind eindrucksvolle Aufrufe gegen jeden Krieg. Jetzt auch gegen die Hybris der Wohlhabenden, anderen Staaten eine Ordnung aufzwingen zu wollen und nach Belieben in ihre Entwicklung einzugreifen, immer der eigenen egozentrischen Politik folgend. Er beschwört die Toten, die Opfer, die Traumatisierten, Menschen, die zugrunde gegangen sind, von denen keiner mehr spricht. Er macht deutlich, nie ist etwas vergangen, stets bleibt alles anwesend. So hat er das Verschüttete aufgedeckt, das uns Notwendige erzählt, dafür danken wir ihm.

Weit mehr als eine der üblichen Familienchroniken: Dieter Fortes Tetralogie der Erinnerung

Das Vergangene ist nicht vergangen

Von Enno Stahl

Wie kaum ein zweiter Autor, mit Ausnahme Heinrich Heines, sind Dieter Forte und sein Werk mit der Stadt Düsseldorf verbunden. Und das obwohl der 1935 geborene Dramatiker und Romancier bereits 1970 nach Basel auswanderte, wo er bis zuletzt lebte. Denn Düsseldorf spielt eine zentrale Rolle in seinem Opus magnum, der Tetralogie der Erinnerung.

Das Gedächtnis, die literarische Spurensuche, das Nachzeichnen der Schlingformen der Historie steht im Zentrum dieser vier Romane (1). Erschienen 1992 bis 2004, erzählte Forte darin die Geschichte seiner Familie, deren Wurzeln väterlicherseits zurückreichen bis ins 13. Jahrhundert. Die Familie Forte, im Buch Fontana genannt, gründete zu dieser Zeit einen erfolgreichen Seidenweberbetrieb im toskanischen Lucca. Aufgrund politischer Querelen musste sie 1327 Hals über Kopf ins benachbarte Florenz flüchten, alles zurücklassen, bis auf das Buch mit den gesammelten Mustern, Vorlage für die Stoffe, welche die ideelle Basis der Manufaktur waren. In der Stadt der Medici oblag es ihr, wieder ganz von vorn anzufangen. Auch von dort floh die Familie einige Generationen später, jetzt nach Lyon, das sie wiederum im Zuge der Hugenotten-Verfolgung verlassen musste. Nun siedelte man sich in Iserlohn an, bis schließlich ein Zweig der Familie in Düsseldorf landete. Immer dabei: das Musterbuch, das über Jahrhunderte bewahrt wurde und leitmotivisch für die generationenüberdauernde Kraft der Erinnerung und des Davon-Erzählens steht.

Die mütterliche Linie stammt aus dem Polnischen, die Familie Lukaszewicz (im Buch Lukasz) blickt nicht wie die Fontanas auf eine Tradition aus Glanz und elegantem Leben zurück, sondern auf die harte Arbeit erst auf dem Feld, dann unter Tage. Die Familienlegende ist geprägt von schwersten Schicksalsschlägen, die mit Hilfe eines strengen Katholizismus stoisch erduldet wurden.

Beide Linien münden im ersten Band des Roman-Zyklus ein in jene Figurenkonstellation, die Forte noch selbst kennengelernt hat – die leichtlebige Großtante Elisabeth, der streitbar-leidenschaftliche Linke und Privatgelehrte Gustav, sein Großvater, bei dem Forte seine ersten Leseerfahrungen machte. Und natürlich seine Eltern, der charmante Traumtänzer Friedrich, der mit rheinischer Leichtigkeit auch die schwierigsten Situationen meisterte: „er hatte dem Leben gegenüber eine artistische Haltung. So wie die Seiltänzer, die auf dem Hochseil oft eine schwankende Unsicherheit vortäuschten, (…) genauso baute Friedrich Fontana immer neue Todesnummern in sein Leben ein, steigerte deren Schwierigkeitsgrad ständig, als wolle er ausprobieren, wann einen der Teufel hole.“ So überstand Fortes Vater alle Fährnisse der Zeit, den Weltkrieg trotz Befehlsverweigerung und Fronteinsatz.

Allen voran aber zeichnete Forte das Bild seiner Mutter Maria, die ihren Sohn mit eisernem Überlebenswillen und unfassbarer Zähigkeit durch die Zeit der Bombenangriffe und der Evakuierung brachte.

Doch Fortes Buch ist weit mehr als eine jener handelsüblichen Familienchroniken – es ist eine Recherche nach den Geschehnissen der Vergangenheit, die durch die Kraft der Literatur eben nicht ganz und gar verloren ist: „Denn in der Zeit lebt immer auch eine andere Zeit, leben viele Zeiten, aufgehoben in den alten Namen und Geschichten, die alle Zeiten enthalten, weil das Ende einer Geschichte immer der Anfang einer neuen Geschichte ist, die in Wirklichkeit eine ganz alte, allen bekannte Geschichte ist, so dass die Menschen erst beim Erinnern der Namen und der Geschichten die Zeit erfahren. Die Zeit umgibt sie wie ein großer Kreis, dessen Anfang und Ende man nicht bestimmen kann, ein Kreis, der größer ist als das eigene kurze Leben, der aber alle umschließt und das Leben jedes Einzelnen bestimmt.“

Insofern ist das Schicksal der Familie Forte/ Fontana eben ein kollektives Schicksal, das Los kleiner Leute im historischen Verlauf des 20. Jahrhunderts. Und nicht zuletzt sind die Romane auch eine Chronik der Stadt Düsseldorf, Forte skizzierte darin ebenso anschaulich wie liebevoll das „Quartier“, wie es im Buch heißt, jenen subproletarischen Teil von Oberbilk, in dem die Familie Forte/Fontana zwischen den Weltkriegen lebte. Der Stadtteil war ein Konglomerat verschiedenster Nationalitäten, stramm kommunistisch organisiert, und auch sonst hielt man – insbesondere gegen Staatsmacht und Obrigkeit – zusammen wie Pech und Schwefel, als eingeschworene Gemeinschaft. Dieser fluktuierenden Mischung aus Düsseldorfer Originalen, aus anarchischunbedingtem Leben (und Lebenlassen) hat Forte ein beeindruckendes Denkmal gesetzt. Mittendrin die Familie Forte/Fontana, die mit tradierter Unbekümmertheit ein Leben auf Pump oder Zufallsgeschäftigkeit führt, man scheint nahezu selbst nicht zu wissen, wovon genau man eigentlich lebt. Bis in die Nazizeit hinein ließ sich diese sorglose Autonomie weiterführen, doch irgendwann erreichte die Gleichschaltung auch das Quartier. Menschen, die eine unvorsichtige Äußerung getan hatten, verschwanden spurlos.

Juden wurden abtransportiert, auch wenn manche noch jahrelang von den Bewohnern des Quartiers erfolgreich versteckt wurden – am Ende erwischten die Henkersknechte jeden. Auch in dieser demoralisierenden Zeit der Unterdrückung und Entmenschung konnte die Familie sich an ihren Erzählungen festhalten, ihren Wurzeln: „Es waren Zeiten, in denen die Erinnerung wichtig war, um weiterleben zu können, denn die Erinnerung sagte einem, dass es einmal anders war und dass es daher auch wieder anders werde könne, ja müsse. Denn das, was war, kommt immer wieder, man musste nur Ausdauer haben, Geduld, man musste das ertragen, um es zu überstehen. Es ging nicht ums Überleben, denn das war ungewiss, es ging ums Leben, und darum war es so wichtig, dass alle in ihren Erinnerungen zu Hause waren, von alten Zeiten erzählten, so dass keiner auf die Idee kam, die heutige Zeit sei der Grundstein einer unabänderlichen und unveränderbaren Zukunft.“

Die Zeit umgibt die Menschen wie ein großer Kreis, dessen Anfang und Ende man nicht bestimmen kann, ein Kreis, der größer ist als das eigene kurze Leben.

„Mit ihrer Kraft und ihrer Ausdauer, mit ihrer Zähigkeit und ihrem Überlebenswillen zog sie die ganze Familie mit“: Fortes Mutter Maria. Nachlass Dieter Forte, Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf

Doch der Familie stand noch Vieles bevor – der Bombenkrieg, vor Forte hat niemand, auch nicht die Trümmerliteratur eines Böll und Schallück, die Zeit des Krieges und des Lebens in den Verheerungen so eindrücklich und nachfühlbar beschrieben. Insbesondere im zweiten Band der Tetralogie, 1995 ursprünglich unter dem Titel Der Junge mit den blutigen Schuhen publiziert, später als Tagundnachtgleiche, malte er ein Schreckensbild – zeitgleich mit dem Autor W.G. Sebald wurde hier der Bombenkrieg aus der Sicht der Opfer geschildert, was Mitte der 1990er Jahre zu lebhaften Diskussionen bei Presse und Publikum führte. Im Nachlass Dieter Fortes, den das Heinrich-Heine-Institut bewahrt, beweisen Dutzende von Leserzuschriften, wie sehr Fortes Darstellung die Gemüter bewegte. Viele Menschen trugen die Traumata ihrer Kindheit ihr Leben lang mit sich, Fortes Roman habe ihnen erstmalig eine Stimme gegeben, berichten sie in diesen oftmals berührenden Briefen.

Ganz ungeschminkt, dabei beinahe sachlich, schilderte Forte die bedrängenden Erfahrungen des kleinen Jungen, der er selbst war, der diese Dinge einst erlebte, Dinge, die man nie mehr vergisst: Leichen, überall Leichen, das Eingepferchtsein im Luftschutzraum, immer wieder, so oft, dass man schon nicht mehr zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden weiß, daher der Titel Tagundnachtgleiche, die beständige Angst, teilweise aber auch schon kaltschnäuziger Fatalismus, der sie während der Angriffe auf der Straße herumliegen lässt – wenn die Bombe kommt und sie trifft, soll sie es tun ... Dann stürzt der Keller ein, in dem sie Schutz gesucht hatten, ihre Mutter, die mit der Kraft und dem Lebenswillen eines Tieres ihn und seinen Bruder mitreißt, ihnen mit der Spitzhacke Zugang zum nächsten Keller verschafft und zum nächsten, dann zum wieder nächsten und wieder nächsten, bis sie endlich auf der Kölner Straße landen, umgeben von Bränden, Toten, Verletzten, Traumatisierten, Leuten, die unter Schock die seltsamsten Dinge tun.

Schonungslos dokumentierte Forte, wie jede Menschlichkeit verloren ging, wie alle nur noch ihr eigenes Überleben zu sichern versuchten. Umso schockierender war es für die Familie, als sie nach Süddeutschland evakuiert wurde, wo die Welt „noch in Ordnung“ schien, der Nationalsozialismus unumstritten herrschte und die Bauern und Wohlstandsbürger den Ausgebombten voller Hass und Missgunst begegneten: „man hatte Sieg Heil geschrien und fand nun Kriegsflüchtlinge vor dem Haus und schlug die Türen zu.“ Diese Wand aus Abneigung gegen die ausgebombten „Volksgenossen“ wirkte so niederschmetternd auf Forte und seine Familie, dass sie freiwillig – und widerrechtlich – in die Kraterlandschaft Düsseldorfs zurückkehrten, von wo sie doch immer wieder neu evakuiert wurden.

Evakuiert nach Süddeutschland: Bauern und Wohlstandsbürger begegneten den Ausgebombten voller Hass und Missgunst.

Von der Zeit, als der Krieg endlich vorüber war, zwischenzeitlich hatte auch Fortes jüngerer Bruder Wolfgang den Tod gefunden, erzählt der Autor im dritten Teil des Zyklus, In der Erinnerung (erstveröffentlicht 1998). Ebenso ernüchternd wie wahrhaftig berichtete er wie die Familie Forte/ Fontana sich unbeirrt in den Trümmern wieder einrichtete, zwischen Brandmauern ohne ein Dach über dem Kopf, im Chaos, Züge von Flüchtlingen, Maria auf tagelangen Hamsterfahrten, um die Familie vor dem Hungertod zu bewahren, Schwarzmarktgeschäfte, Bandenkriminalität, Menschen, die vor Entkräftung auf der Straße umfielen und starben.

Was Forte beschreibt, ist überaus bedrückend, und es ist ein Mahnmal für die Nachkommen. Sein Zeitokular stiftet heutigen Lesern, die fern von allem kriegerischen Geschehen aufgewachsen sind, den Sinn für die Lehren der Vergangenheit, liegen doch unter den Stätten heutigen Reichtums die Ruinen jener untergegangenen Zivilisation beerdigt. Die geschichtsphilosophischen Romane Fortes beschwören diese Vergangenheit wieder herauf. Zurecht, denn sie darf nicht ruhen, sie muss lebendig bleiben, und das geht mit nichts so gut wie mit großer Literatur: „War das Erzählen lediglich die menschliche Interpretation des großen, unerkennbaren, hinter allem stehenden Musters, wie die einen sagten, oder waren die Geschichten selbst das Muster, wie andere meinten, das war schwer zu beurteilen, weil die Geschichten, an die man sich erinnerte, entstanden waren aus Geschichten, von denen man nie gehört hatte, weil es die Geschichten derer waren, die tot in der Erde lagen. Aber ihre unbekannten Geschichten bestimmten einmal das Leben der jetzt Lebenden, wie auch deren Geschichten einmal das Leben der dann Lebenden bestimmen würden, auch wenn man sie schon längst vergessen hatte.“

„Er hatte dem Leben gegenüber eine artistische Haltung“: Fortes Vater Friedrich. Nachlass Dieter Forte, Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf

Bombenschäden am St. Josef-Krankenhaus an der Kruppstraße, Düsseldorf 1945. Stadtarchiv Düsseldorf, Signatur 125-518-001

Nun ist Dieter Forte selbst nicht mehr von dieser Welt, doch diese seine Geschichte über die Geschichten von damals wird bleiben – und das Leben der Lebenden und auch der Kommenden nicht unbeeinflusst lassen, das jedenfalls würde ich für sie, für die Menschheit und ihre Zukunft, erhoffen.

(1) Ich beschränke mich hier auf die ersten drei Bände der Tetralogie (die zunächst auch als Trilogie unter dem Titel „Das Haus auf meinen Schultern“ (1999) zusammengefasst wurden), da hier unmittelbar geschildert wird, wie die Stadt Düsseldorf und ihre Bewohner vom Ersten Weltkrieg bis zum Zusammenbruch des NS-Regimes unmittelbar in Mitleidenschaft gezogen wurden.

In einem weiteren Beitrag zu diesem Band widmet sich Enno Stahl der Entstehungsweise von Fortes Romanen: „Vom Handmanuskript zum fertigen Buch“. Siehe Seite →

Ich kenne keinen deutschsprachigen Schriftsteller, der das kann, was Forte kann

Von Elke Heidenreich

Als Dieter Forte 1999 den Bremer Literaturpreis bekam, begann seine Dankesrede mit diesen Worten:

„Verzeihen Sie bitte meine leise Stimme. Meine Stimme blieb im Krieg und in der Zeit, die man irrtümlich und aus Gewohnheit Nachkriegszeit nennt. Der Krieg und die Überlebenszeit danach nahmen mir den Atem. Die verdrängte Angst, die niemals zu vergessenden Todesmomente sind in der Erinnerung gegenwärtig. Meine Stimme findet sich im Schreiben. Ob sie gehört wird, hängt von anderen ab.“

Ich bin genau acht Jahre jünger als der Schriftsteller Dieter Forte, und diese acht Jahre haben mich vor so schrecklichen Erfahrungen bewahrt wie er sie machen musste. Als Kind Bombennächte zu erleben, brennende Städte, schlimmer: brennende Menschen sehen zu müssen, bewusst mit Hunger und Entsetzen konfrontiert zu sein, das prägt für immer – in seinen Texten können wir das lesen, und, was mich immer gewundert hat: warum lesen wir es so nur bei ihm und bei keinem anderen Schriftsteller, der Krieg und Nachkrieg beschrieben hat? Weder Wolfgang Koeppen, den ich neben Forte am meisten schätze als literarischen Chronisten dieser Zeit, noch Heinrich Böll, Günter Grass oder Siegfried Lenz haben Entsetzen, Verzweiflung und Grausamkeit so fassungslos intensiv beschrieben wie Dieter Forte. Dass er sich dabei sogar noch einen sanften Humor, große Wärme und eine tiefe Menschlichkeit bewahrt hat, das ist das, was diese Literatur, was seine Bücher für mich zum Kostbarsten und Beeindruckendsten in deutscher Sprache seit Heinrich von Kleist macht. Dass Forte nie den Kleistpreis bekommen hat, ist beschämend für den Verein, der diesen Preis vergibt. Dieter Forte litt darunter, dass in diesem Land das Vergessen lange Zeit wichtiger war als das Erinnern, aber nie klagte er, sondern sagte nur einmal vorsichtig in einem Gespräch mit Volker Hage im Jahr 2002: „Überhaupt ist meine Position sehr einsam im Moment.“

Berühmt wurde Dieter Forte zunächst durch seine Theaterstücke, bekannt durch großartige Fernsehspiele, die ein Glücksfall für das deutsche Fernsehen der 70er Jahre waren. Aber wie so oft wusste das deutsche Fernsehen seine Glücksfälle weder zu halten noch zu würdigen. Seit das Fernsehen immer mehr verkam, schrieb Forte folgerichtig Romane. Sein erzählerisches Credo formuliert er selbst in einem seiner Romane so:

„Die einzige Gewissheit, wie ein ewiges Licht in der Dunkelheit schimmernd, fand sich im ununterbrochenen Erzählen, im unaufhörlichen Weitererzählen über Tausende von Jahren, das irgendwann begann, als in einer Höhle oder an der Quelle einer Oase ein Mensch anfing zu erzählen, und das seitdem die Welt darstellte, wirklicher als die Wirklichkeit war, denn das alles existierte nur, solange es erzählt wurde, was nicht mehr erzählt wurde, war vergessen, existierte nicht.“

Und so schildert er in seiner Tetralogie der Erinnerung nicht nur die deutsche Kriegs- und Nachkriegsgeschichte, sondern er geht viel weiter zurück. Er hangelt sich im ersten Band,

Die Trümmer sind unsere Geschichte: Lebenszeichen an einem Haus in Düsseldorf, Mintropstraße, nach dem „Pfingstangriff“ vom 12. Juni 1943. Stadtarchiv Düsseldorf, Signatur 124-100-014

Das Muster, am Beispiel seiner eigenen Familie viele Jahrhunderte zurück und beginnt beinahe mit „Es war einmal ...“ Das Muster erzählt, wie eine italienische Seidenweberfamilie, die Fontanas und eine polnische Bauernfamilie, die Lukacz’, quer durch die Jahrhunderte auf der Reise sind, auf der Flucht vor politischer und religiöser Verfolgung, auf der Flucht vor Armut und Perspektivlosigkeit, bis beide Familien irgendwann im 20. Jahrhundert im Ruhrgebiet landen, und Friedrich Fontana, der Leichte, lernt Maria Lukacz kennen, die Schwere, er verliebt sich in sie, heiratet sie, und das Muster aus vielen verschiedenen Lebensfäden webt ein neues Bild, eine neue Familie. Und die wächst hinein in eine neue Zeit, die keine gute Zeit ist – schon in den Abend der Hochzeitsfeier platzt einer herein mit der Nachricht: „Sehr verehrte Damen und Herren, Herr Medizinalrat Dr. Levi hat sich erhängt.“ Dr. Levi war polnischer Jude, Freund der Familie, der sich als Arzt in Düsseldorf niedergelassen hatte, weil es da nie ein Ghetto gab und nie ein Pogrom, und er fügte immer hinzu, der kleine Heinrich Heine sei hier in eine normale Schule gegangen, und darum beneide er ihn. Nun also: Selbstmord, seherisch, am Vorabend der braunen Barbarei, denn der nähern wir uns jetzt, und die verschlingt alles im Bombenhagel, die halbe Welt und auch teilweise die Familien Fontana und Lukacz. Band zwei der Trilogie, im ursprünglichen Titel Der Junge mit den blutigen Schuhen, begleitet diese beiden unterschiedlichen, nun zusammengewachsenen Familien durch den Zweiten Weltkrieg. Mittelpunkt ist Maria aus Polen, die uns erinnert an die große Figur der Ursula Buendía aus Gabriel García Márquez’ Roman Hundert Jahre Einsamkeit, eine Art Ur- und Stamm-Mutter, die sich durch die Jahrhunderte zieht und alles zusammenhält. In Band drei schließlich sind wir in der Stunde Null, im Sommer 1945. Deutschland liegt in Trümmern. In einem Kellerloch sitzt ein zehnjähriger Junge, der kaum atmen kann, und er sieht seine zerstörte Heimatstadt, Düsseldorf. Er sieht Tote und Kranke, verstümmelte Heimkehrer und verzweifelte Überlebende des Krieges, er sieht ein halbverhungertes Pferd zusammenbrechen und sieht Menschen, die dem Pferd das Fleisch von den

Der Mittelpunkt der Familie: Maria, die uns erinnert an die große Figur der Ursula Buendía aus Gabriel García Márquez’ Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“.

Knochen reißen und es roh und halb wahnsinnig vor Hunger verschlingen. Selten haben wir darüber, was Krieg bedeutet, so intensiv lesen können wie in diesem dritten Band von Dieter Fortes großem Erinnerungswerk, der auch so heißt: In der Erinnerung. Selten? Ich glaube: nie, außer in Dokumentationen oder den Berichten der Augenzeugen, aber nie in einer so literarisch brillant verdichteten Form, die uns das Grauen fühlbar macht. In der Literarischen Welt schrieb Forte im September 2001 zu diesen Erinnerungen an die Bombentage und Bombennächte einen sehr intensiven Text, der mit den Worten endet:

„Schwach ist der Mensch, einsam und verletzlich, leicht ist er zu töten. Er hat nur noch seine Beine, seine Arme, die Augen und seinen Instinkt. Er läuft so lange, bis er zusammenbricht, die Finger klammern sich so lange an, bis sie nachgeben und abrutschen, die Augen starren aufgerissen ins Schwarze, der Instinkt findet nicht mehr in die Sicherheit. Die Zivilisation und der Staat, der in Verfassung und Gesetz die Ansprüche auf Glück und Schutz und Sicherheit der Person garantierte, wie unvorstellbar weit, wie märchenhaft ist das in einem Bombenangriff.

Ausweis 1945 von Fortes Mutter Maria, ausgestellt von der US-Militärverwaltung. Nachlass Dieter Forte, Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf

Ich war sechs, sieben, acht, neun und zehn Jahre alt, als ich dies sah und erlebte und daran fast erstickte, und jede Nacht erlebe ich es wieder, nur durch Zufall dem Tod entkommen.“

Nichts ist dem mehr hinzuzufügen, und das erklärt auch, warum sich dieser Autor aus dem deutschen Literaturtrubel herausgehalten hat und heraushalten musste. Nie sahen wir ihn in Talkshows, Diskussionsrunden oder auf Buchmessen. Er saß zuhause und schrieb und hat diesen ganzen Zirkus, den man heute braucht, um seine Bücher zu vermarkten, nicht mitgemacht. Aber ich bin ganz sicher, dass von vielen der uns heute so wichtig erscheinenden Bücher nichts bleiben wird. Fortes Bücher gehören unverzichtbar zur deutschen Literaturgeschichte. Sein Erinnern ist ein quälender Vorgang – es quält den, der da schreibt und den, der das liest, aber es muss sein, wir können nicht in lauter Wiederaufbaulust über alle Wunden hinweg tanzen, wie das in Deutschland zu großen Teilen nach dem Krieg geschehen ist. Das Entsetzen und Erkennen darf nicht mit denen untergehen, die es erlebt haben – auch das ist Sinn aller Literatur: festzuhalten. Dieser letzte Krieg war die Apokalypse, ich denke, jeder Krieg ist so, und in und nach jedem Krieg brechen atavistische Überlebenskämpfe aus, das Steinzeitverhalten, und das will man danach so rasch wie möglich vergessen können. Es gab heimkehrende Väter, die nie sprachen und erzählten, und der Ausbruch der sogenannten 68er gegen die Generation ihrer Eltern hatte unter anderem damit zu tun.

Es gibt, so sagte Forte mal in einem seiner wenigen Interviews, anscheinend eine Art Übereinkunft des Vergessens, aber es gibt keine Übereinkunft des Erinnerns. Das neue Leben, das aus den Ruinen erblüht, steht auf Trümmern. Die Trümmer sind unsere Geschichte. Geschichte setzt sich aus Geschichten zusammen, Geschichten, wie nur wenige sie erzählen können – in diese große Tradition gehört der Autor Dieter Forte.

Fünf Jahre später erschien der vierte Band der Tetralogie, er heißt Auf der anderen Seite der Welt und erzählt von denen, die es nicht geschafft haben, von denen, denen Krieg, Zerstörung, Unmenschlichkeit, Elend und Erinnerung für immer die Luft zum Atmen und die Kraft für das, was man ein „normales Leben“ nennt, genommen haben. Wobei das Wort „normal“ für Dieter Forte mit Recht zu den verdächtigsten und schrecklichsten Worten zählt, denn was unter diesen Begriff NORMAL nicht passt, gilt als anormal und wird in der Geschichte derer, die die Normen für das Normale bestimmen, vernichtet. Fortes Bremer Dankesrede war für ihn, diesen sanften, leisen Mann, geradezu erstaunlich scharf und unversöhnlich. Er sagte unter anderem:

„Sie bemerken, das Wort Normalität löst bei mir Angst, aber auch Zorn aus und erinnert mich allzu sehr an Uniformität. Normalität fordern heißt letztlich, die individuelle Erinnerung auslöschen und durch eine genormte zu ersetzen. Wer die Erinnerung auslöscht, will Menschen und Zeiten vergessen. Jeder Mensch auf dieser Welt, jeder Ort hat seine eigene Geschichte, und es ist Aufgabe der Literatur, das bewusst zu machen und in der Erinnerung zu halten.“

Überarbeitete Manuskriptseite des Romans „Auf der anderen Seite der Welt“. Nachlass Dieter Forte, Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf

Zu Beginn des vierten Bandes der Tetralogie, Auf der anderen Seite der Welt, blickt der Junge, der jetzt ein junger Mann geworden ist, wieder aus einem Fenster – diesmal ist es ein Zugfenster. Der lungenkranke junge Mann fährt auf eine Nordseeinsel in ein Lungensanatorium, und ob er von dort geheilt zurückkommen wird, ist nicht gewiss. Er sieht also die vorbeirauschende Welt wie ein Todeskandidat, vielleicht zum letzten Mal. Das schärft den Blick. Einer, der kaum noch atmen kann, erzählt hier so, dass es uns Lesern den Atem schier raubt. Fortes Sprache ist dicht, phantasievoll, mit starken Bildern, mit kraftvollen Sätzen – eine Kraft, die der, der da erzählt, im Grunde gar nicht mehr hat, aber seine wortgewaltige Sprache hat sie noch. Jedes Kapitel in diesem Roman fängt mit den gleichen Sätzen und Wörtern an, fast, es gibt leise und leichte Variationen, aber immer kämpft ein Mensch ums Atmen, in der Nacht, unter einem dunklen Himmel, beim Rauschen des ewigen Meeres. Dieses Buch ist das Düsterste der Reihe, ein Memento Mori, ein Stillstehen mitten im Leben – Kafka hat mal den Begriff des „stillstehenden Galoppierens“ gebraucht, Forte spricht von „erstarrter Bewegung“ und wir reden umgangssprachlich von „galoppierender Schwindsucht“. Man bewegt sich noch, aber jeder Atemzug ist kostbar und gezählt und mühsam. Wohin also bewegt man sich? Auf den Tod zu – sowieso, immer, und hier in der Abgeschiedenheit des