Ich steh hier und bügle - Tillie Olsen - E-Book
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Ich steh hier und bügle E-Book

Tillie Olsen

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Beschreibung

Eine Ikone der emanzipatorischen Literatur

 »Bei Tillie Olsen gibt es kein Wort, das nicht an genau der richtigen Stelle sitzt.«Dorothy Parker

 Die Gedanken einer Mutter gleiten gequält mit dem Bügeleisen hin und her: Was konnte sie ihrer halbwüchsigen Tochter bieten, was blieb dieser verwehrt? Lennie, Helen und ihre Kinder machen Platz für Whitey, einen gestrandeten Freund der Familie, doch er stellt ihre Geduld einmal mehr auf die Probe. Zwei Freundinnen, eine schwarz und eine weiß, merken, dass ihre Welten immer unvereinbarer scheinen. Ein Ehepaar streitet erbittert darüber, wie sie jetzt, wo Kindererziehung und Beruf hinter ihnen liegen, leben wollen, als sie eine fatale Diagnose ereilt. Die Geschichten verzahnen sich immer enger miteinander, wenn die Verbindungen der Protagonistinnen untereinander sichtbar werden.

 Sprachlich brillante Einblicke in das Familienleben und die Gedankenwelt der sozial Benachteiligten. Vielfach ausgezeichnet, aufgenommen in die »Best American Short Stories« und heute aktueller denn je. Neu übersetzt von Adelheid und Jürgen Dormagen.

 »Weitaus treffender und kraftvoller als all das, was man als ›Realismus‹ bezeichnet.«The New York Times

»Seit ich ›Ich steh hier und bügle‹ vor vielen Jahren zum ersten Mal gelesen habe, hat mich die Geschichte nicht wieder losgelassen. Jetzt, da ich selbst Mutter bin, berührt sie mich sogar noch mehr.«Julia Wolf

»Ich habe Tillie Olsens Story ›Erzähl mir ein Rätsel‹ gelesen - und geweint. Und mich geschämt, dass meine eigene gedruckt wird. Sie ist ein Genie.«Anne Sexton

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Seitenzahl: 174

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Über das Buch

Als Tillie Olsens Erzählband 1961 in den USA erschien, wurde die bis dahin unbekannte Schriftstellerin von einer begeisterten literarischen Öffentlichkeit gefeiert – so rigoros ehrlich sind ihre Schilderungen vom Leben in den benachteiligten Familien. In bislang ungekannter Weiser verleiht sie den durch Herkunft, Hautfarbe oder Geschlecht sozial Unsichtbaren eine ganz eigene, authentische Stimme und verdichtet ihre Geschichten zu einem gültigen Kommentar zu unserer Zeit. 

»Seit ich ›Ich steh hier und bügle‹ vor vielen Jahren zum ersten Mal gelesen habe, hat mich die Geschichte nicht wieder losgelassen. Jetzt, da ich selbst Mutter bin, berührt sie mich sogar noch mehr.« Julia Wolf 

Neu übersetzt von Adelheid und Jürgen Dormagen

Über Tillie Olsen

Tillie Olsen, 1912 in einer russisch-jüdischen Familie im Mittleren Westen der USA geboren, musste als vierfache Mutter ihre fortschrittlichen Ansichten und ihren künstlerischen Ehrgeiz mit Brotarbeit unter einen Hut bringen. Obwohl sie die Highschool ohne Abschluss verlassen hatte, erhielt sie für den vorliegenden Erzählungsband und ihre Essays, die auf Deutsch unter dem Titel „Was fehlt. Unterdrückte Stimmen in der Literatur“ erschienen, diverse Auszeichnungen sowie Stipendien, Ehrentitel und Gastprofessuren der großen amerikanischen Universitäten, darunter Stanford, Harvard und Amherst College. Sie starb 2007 in Oakland, Kalifornien.

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Tillie Olsen

Ich steh hier und bügle

Storys

Aus dem Amerikanischen von Adelheid Dormagen und Jürgen Dormagen

Mit einem Nachwort Übersetzer/in von Jürgen Dormagen

Übersicht

Cover

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

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Ich steh hier und bügle

He, Seemann, wohin die Fahrt?

1

2

3

4

O ja

1

2

Erzähl mir ein Rätsel

1

2

3

4

Anhang

Textverweise

»Wie kann ich jetzt Honig sein?« Nachwort

Textverweise Nachwort

Impressum

Wer von diesen Storys begeistert ist, liest auch ...

Ich steh hier und bügle

Ich steh hier und bügle, und was Sie von mir hören wollen, gleitet gequält mit dem Bügeleisen hin und her.

»Schön wär’s, Sie fänden die Zeit, vorbeizukommen und mit mir über Ihre Tochter zu sprechen. Bestimmt können Sie mir helfen, sie zu verstehen. Sie ist eine Jugendliche, die Hilfe braucht, und mir liegt sehr daran, ihr zu helfen.«

»Die Hilfe braucht …« Selbst wenn ich vorbeikäme, was würde das bringen? Sie glauben, weil ich ihre Mutter bin, hätte ich einen Schlüssel oder Sie könnten mich als eine Art Schlüssel benutzen? Sie lebt seit neunzehn Jahren dieses Leben. So viel Leben, das sich fern von mir abgespielt hat, jenseits von mir.

Wann bleibt da Zeit, sich zu erinnern, zu sichten, zu prüfen, abzuwägen, ein Fazit zu ziehen? Ich lege los, und es gibt eine Unterbrechung, und ich muss wieder von vorne beginnen. Oder ich verheddere mich in all dem, was ich getan oder nicht getan habe oder was hätte sein sollen und was sich nicht ändern ließ.

Sie war ein schönes Baby. Das erste und einzige von unseren fünfen, das bei der Geburt schön war. Sie ahnen nicht, wie unbehaglich sie sich in der ihr neu zugewachsenen Lieblichkeit fühlt. Sie haben sie all die Jahre nicht gekannt, als man sie für unscheinbar hielt, und nicht gesehen, wie sie über ihren Babyfotos brütete und mich drängte, ihr wieder und wieder zu versichern, wie schön sie gewesen war – und es sein würde, wie ich ihr sagte – und es jetzt schon war für das sehende Auge. Doch sehende Augen gab es wenig, meist gar nicht. Meine inbegriffen.

Ich habe sie gestillt. Man glaubt ja heutzutage, das wäre wichtig. Ich habe alle meine Kinder gestillt, bei ihr habe ich allerdings mit der ganzen Rigidität der ersten Mutterschaft das getan, was die Bücher damals forderten. Auch wenn ihre Schreie mich attackierten, bis ich zitterte, und meine geschwollenen Brüste schmerzten, ließ ich die Uhr den Takt angeben.

Warum komme ich damit als Erstes? Ich weiß nicht einmal, ob es eine Rolle spielt oder irgendetwas erklärt.

Sie war ein schönes Baby. Sie machte schillernde Seifenblasen aus Lauten. Sie liebte Bewegung, liebte Licht, liebte Farbe und Stoffe. Sie lag in ihrem blauen Strampler auf dem Fußboden und patschte vor Wonne so rasend schnell darauf herum, dass Hände und Füße verschwammen. Sie war ein Wunder für mich, aber mit acht Monaten musste ich sie tagsüber der Frau einen Stock tiefer überlassen, für die sie überhaupt kein Wunder war, ich arbeitete nämlich oder suchte nach Arbeit und nach Emilys Vater, der es »nicht länger ertragen konnte« (schrieb er in seinem Abschiedsbrief), »die Armut mit uns zu teilen«.

Ich war neunzehn. Es war die Welt der Depression, noch vor der staatlichen Fürsorge, vor den Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Ich begann schon zu rennen, sobald ich aus der Straßenbahn heraus war, rannte die Treppe hoch im säuerlich riechenden Haus, und wach oder aus dem Schlaf aufschreckend, wenn sie mich sah, brach sie in krampfhaftes Weinen aus, das sich nicht beruhigen ließ, ein Weinen, das ich noch heute im Ohr habe.

Nach einer Weile fand ich einen Job als Bedienung nachts in einem Lokal, so dass ich am Tag mit ihr zusammen sein konnte, und es wurde besser. Schließlich musste ich sie aber zu seiner Familie bringen und sie verlassen.

Es brauchte lange Zeit, um das Geld für ihre Rückfahrt aufzubringen. Dann bekam sie Windpocken, und ich musste noch länger warten. Als sie endlich da war, erkannte ich sie kaum, sie bewegte sich rasch und nervös wie ihr Vater, sah wie ihr Vater aus, dünn und in schäbiges Rot gekleidet, das ihre Haut gelb machte und die Pockennarben hervorhob. Aller Babycharme verflogen.

Sie war zwei. Alt genug für den Kindergarten, hieß es, und ich wusste damals nicht, was ich jetzt weiß – die Erschöpfung eines langen Tages und die Wunden vom Gruppenleben in der Art von Tagesstätten, die nur ein Abstellplatz für Kinder sind.

Bloß dass es keinen Unterschied gemacht hätte, wenn ich es gewusst hätte. Er war der einzig mögliche Platz. Die einzige Möglichkeit, dass wir zusammen sein konnten, die einzige Möglichkeit für mich, einen Job zu behalten.

Und selbst ohne zu wissen, wusste ich es. Ich kannte die Erzieherin, die böse war, denn in all den Jahren hat es sich in mein Gedächtnis eingenistet, der kleine in der Ecke kauernde Junge, ihr Schnarren: »Warum bist du nicht draußen, etwa weil Alvin dich haut? Ist doch kein Grund, geh raus, du Angsthase.« Ich wusste, für Emily war es schlimm, auch wenn sie nicht klammerte und flehte: »Geh nicht, Mommy«, wie die anderen Kinder morgens.

Sie fand immer einen Grund, warum wir zu Hause bleiben sollten. Momma, du siehst krank aus. Momma, mir ist schlecht. Momma, die Tanten sind heute nicht da, die sind krank. Momma, wir können nicht hin, da war letzte Nacht ein Feuer. Momma, heute ist Feiertag, kein Kindergarten, haben die gesagt.

Aber nie direkter Protest, nie Auflehnung. Ich denke an unsere anderen Kinder im Alter von drei, vier Jahren – an Ausbrüche, Wutanfälle, Angriffe, Forderungen –, und ich fühle mich auf einmal elend. Ich stelle das Bügeleisen ab. Was in mir hat dieses Gutsein in ihr gefordert? Und was war der Preis, ihr Preis für solches Gutsein?

Der alte Mann, der hinten wohnt, hat einmal auf seine behutsame Art gesagt: »Sie sollten Emily mehr anlächeln, wenn Sie sie anschauen.« Was war denn in meinem Gesicht, wenn ich sie anschaute? Ich liebte sie. Die tätige Liebe war doch da.

Erst bei den anderen Kindern erinnerte ich mich an seine Worte, und es war das Gesicht der Freude und nicht des Kummers, der Anspannung oder Sorge, das ich ihnen zeigte – zu spät für Emily. Sie lächelt nicht leichthin, erst recht nicht immerzu wie ihre Geschwister. Ihr Gesicht ist verschlossen und düster, aber wenn sie es will, so beweglich. Sie müssen es bei ihren Pantomimen bemerkt haben, Sie erwähnten ihr seltenes Talent fürs Komödiantische auf der Bühne, das beim Publikum ein so herzhaftes Lachen auslöst, dass es applaudiert und applaudiert und sie nicht gehen lassen will.

Woher kommt dieses Komödiantische? Sie hatte nichts davon, als sie das zweite Mal zu mir zurückkam, nachdem ich sie wieder hatte fortschicken müssen. Jetzt war ein neuer Daddy da, den sie lieben lernen konnte, und vielleicht war es ja eine bessere Zeit.

Außer wenn wir sie nachts allein ließen und uns einredeten, sie sei alt genug.

»Könnt ihr nicht ein anderes Mal weggehen, Mommy, zum Beispiel morgen?«, fragte sie. »Dauert es bloß ein Weilchen, wenn ihr weg seid? Versprichst du’s mir?«

Als wir zurückkamen, stand die Eingangstür offen, der Wecker lag auf dem Boden im Flur. Sie hellwach. »Es war nicht bloß ein Weilchen. Ich hab nicht geweint. Dreimal hab ich euch gerufen, nur dreimal, dann bin ich runtergelaufen und hab die Tür aufgemacht, damit ihr schneller kommt. Der Wecker hat so laut geredet, ich hab ihn weggeworfen, mir hat Angst gemacht, was er geredet hat.«

Auch als ich für die Geburt von Susan ins Krankenhaus musste, sagte sie, der Wecker hätte in der Nacht wieder so laut geredet. Sie hatte das hohe Fieber, das vor dem Ausbruch von Masern kommt, aber sie war die ganze Woche während meiner Abwesenheit bei vollem Bewusstsein und auch die Woche danach, als wir zu Hause waren und sie sich weder dem Baby noch mir nähern durfte.

Sie wurde nicht gesund. Sie blieb spindeldürr, wollte nicht essen und hatte Nacht für Nacht Alpträume. Sie rief ständig nach mir, und ich raffte mich aus meiner Erschöpfung auf und rief schläfrig zurück: »Ist alles in Ordnung, Liebling, schlaf wieder ein, ist nur ein Traum«, und wenn sie immer noch rief, mit strengerer Stimme: »Schlaf jetzt, Emily, da ist nichts, wovor du dich fürchten musst.« Zweimal, nur zwei Mal, als ich sowieso wegen Susan aufstehen musste, bin ich in ihr Zimmer gegangen und habe mich zu ihr gesetzt.

Und nun, wo es zu spät ist (als ob sie zulassen würde, dass ich sie umarme und tröste wie die anderen), stehe ich sofort auf und gehe zu ihr, wenn sie stöhnt oder sich unruhig im Bett wälzt. »Bist du wach, Emily? Kann ich dir etwas bringen?« Und die Antwort ist immer die gleiche: »Nein, alles in Ordnung, geh wieder schlafen, Mutter.«

In der Klinik wurde ich überredet, sie in ein Erholungsheim auf dem Land zu verschicken, wo »sie das Essen und die Betreuung erhält, die Sie für sie nicht aufbringen können, und Sie werden die Zeit haben, sich voll und ganz auf das neue Baby zu konzentrieren«. Sie schicken noch immer Kinder dorthin. Auf Fotos in der Zeitung sehe ich gepflegte junge Frauen Veranstaltungen organisieren, um Geld dafür zu sammeln, oder wie sie auf diesen Veranstaltungen tanzen oder Ostereier bemalen oder Weihnachtsstrümpfe für die Kinder füllen.

Sie zeigen nie ein Bild von den Kindern, und so weiß ich nicht, ob die Mädchen immer noch diese gigantischen roten Schleifen und die entgeisterten Mienen haben an jedem zweiten Sonntag, wenn die Eltern zu Besuch kommen können, es sei denn, sie wurden »anderslautend benachrichtigt« – so wie wir in den ersten sechs Wochen.

O ja, es ist ein hübscher Ort, grüner Rasen und hohe Bäume und geschwungene Blumenbeete. Oben, hoch auf den Balkons jedes Häuschens, stehen die Kinder, die Mädchen mit ihren roten Schleifen und weißen Kleidern, die Jungen in weißen Anzügen und mit riesigen roten Krawatten. Die Eltern stehen unten und schreien nach oben, um gehört zu werden, und die Kinder schreien nach unten, um gehört zu werden, und zwischen ihnen die unsichtbare Mauer: »Kontamination durch elterliche Bazillen oder körperliche Zuwendung – Kontakt verboten«.

Es gab dort ein sehr kleines Mädchen, das immer Hand in Hand mit Emily dastand. Ihre Eltern kamen nie. Bei einem unserer Besuche war sie verschwunden. »Man hat sie ins Rose Cottage verlegt«, rief Emily zur Erklärung. »Sie wollen nicht, wenn du hier jemand lieb hast.«

Sie schrieb einmal in der Woche, die mühseligen Zeilen einer Siebenjährigen. »Mir geht es gut. Was macht das Baby. Wenn ich meinen Brif schöhn schreibe kriege ich ein Sternchen. Alles Liebe.« Nie gab’s ein Sternchen. Wir schrieben jeden zweiten Tag, Briefe, die sie nie in der Hand halten oder aufbewahren durfte, sondern nur vorgelesen bekam – ein einziges Mal. »Wir haben einfach nicht genug Platz für irgendwelche persönlichen Dinge der Kinder«, erklärten sie geduldig, als wir an einem Sonntag das ganze Geschrei zu dem Appell zusammenfassten, es würde Emily ungeheuer viel bedeuten, dürfte sie ihre Briefe und Postkarten behalten, denn sie liebte es, Dinge aufzubewahren.

Bei jedem Besuch sah sie zerbrechlicher aus. »Sie isst nicht«, ließ man uns wissen.

(Es gab glibberige Eier zum Frühstück oder Brei mit Klumpen, erzählte Emily später, ich hab’s im Mund behalten und nicht runtergeschluckt. Einfach nichts hat lecker geschmeckt, nur wenn es Hühnchen gab.)

Wir haben acht Monate gebraucht, bis sie nach Hause entlassen wurde, und nur der Umstand, dass sie so wenig von ihren verlorenen drei Kilo zurückgewonnen hatte, überzeugte die Sozialarbeiterin.

Ich versuchte, sie in die Arme zu nehmen und mit ihr zu schmusen, als sie wieder daheim war, aber ihr Körper wurde steif, und nach einer Weile entzog sie sich ganz. Sie aß wenig. Essen widerte sie an, und ich glaube, auch vieles andere im Leben. O ja, sie war körperlich gewandt und strahlend, wie sie da glitzernd auf Schlittschuhen vorbeisauste, über dem Springseil wie ein Ball auf und ab hüpfte und den Hügel nur so hinaufflitzte; aber das waren bloß Momente.

Sie haderte mit ihrem Äußeren, dünn und dunkel und fremdländisch aussehend zu einer Zeit, als jedes kleine Mädchen aussehen wollte – oder dachte, es müsste so aussehen – wie eine pausbäckige blonde Kopie von Shirley Temple. Manchmal klingelte es für sie an der Tür, aber niemand schien hereinkommen zu wollen, um mit ihr zu spielen oder beste Freundin zu sein. Vielleicht weil wir so oft umzogen.

Da war ein Junge, den sie ein ganzes Schuljahr hindurch schmerzlich liebte. Monate später gestand sie mir, dass sie Kleingeld aus meiner Handtasche genommen hatte, um ihm Süßes zu kaufen. »Lakritze mochte er am allerliebsten. Ich hab sie ihm jeden Tag gekauft, und trotzdem war er lieber mit Jennifer zusammen. Warum, Mommy?« Die Art von Frage, auf die es keine Antwort gibt.

Die Schule ängstigte sie. Sie war weder redegewandt noch schnell in einer Welt, in der Redegewandtheit und Schnelligkeit leicht mit Lernfähigkeit verwechselt werden. Ihren entnervten und gestressten Lehrern galt sie als übereifrige »Lernschwache«, die immer versuchte aufzuholen und dabei entschieden zu oft fehlte.

Ich ließ sie fehlen, auch wenn sie manchmal nur in ihrer Einbildung krank war. Wie gegensätzlich dazu meine jetzige Strenge, was die Schuldisziplin der anderen betrifft. Zu der Zeit arbeitete ich nicht. Wir hatten ein neues Baby, da war ich sowieso zu Hause. Manchmal, als Susan alt genug war, hielt ich auch sie von der Schule fern, um sie alle beisammen zu haben.

Meistens hatte Emily Asthma, und ihr Atem, angestrengt pfeifend, füllte das Haus mit einem seltsam ruhigen Geräusch. Ich holte die beiden alten Kommodenspiegel und die Schachteln mit ihren Sammlungen an ihr Bett. Sie entnahm Glasperlen und einzelne Ohrringe, Glasstopfen und Muscheln, getrocknete Blumen und Kieselsteine, alte Ansichtskarten und Papierschnipsel, allerlei Kram; dann spielten sie und Susan Königreich, arrangierten Landschaften und stellten Hausrat hinein, wozu sie sich eine Handlung ausdachten.

Das waren die einzigen Zeiten einträchtiger Kameradschaft zwischen ihr und Susan. Ich habe mich weggeduckt vor diesem vergifteten Gefühl zwischen ihnen, diesem heillosen Ausgleichen von Kränkungen und Bedürfnissen, das mir als Aufgabe zufiel und das mir in diesen früheren Jahren so wenig gelang.

Ja, es gibt Konflikte auch zwischen den anderen Kindern, jedes ein Mensch, bedürftig, fordernd, verletzend und besitzergreifend – doch nur zwischen Emily und Susan, nein, von Emily gegenüber Susan diese erbitterte Feindseligkeit. Nach außen hin scheint es so naheliegend, doch das ist es nicht. Susan, das zweite Kind, Susan, goldlockig und pausbäckig, lebhaft und wortgewandt und selbstsicher, in Aussehen und Verhalten all das, was Emily nicht war; Susan, die Emilys kostbaren Sächelchen nicht widerstehen konnte, sie manchmal verlor oder aus Tollpatschigkeit zerbrach; Susan, die in Gesellschaft Witze und Rätsel erzählte, um Beifall zu erhaschen, während Emily schweigend dasaß (um mir später zu sagen: das war mein Rätsel, Mutter, ich habe es Susan erzählt); Susan, die bei dem Altersunterschied von fünf Jahren bloß ein Jahr in der körperlichen Entwicklung hinter Emily zurück war.

Ich bin froh über diese langsame körperliche Entwicklung, die den Unterschied zwischen ihr und ihren Altersgenossinnen vergrößerte, auch wenn sie selbst darunter litt. Sie war zu verletzlich für diese schreckliche Welt jugendlicher Konkurrenz, wo man sich hübsch macht und zur Schau stellt, sich ständig mit allen anderen vergleicht, voller Neid: »Hätte ich doch auch kupferfarbenes Haar«, »Hätte ich doch diese Haut«. Sie brütete unentwegt darüber, dass sie nicht wie die anderen aussah, da gab es genug Unsicherheit – sich erst der Worte zu vergewissern, bevor man sie laut sagt, diese ständige Ängstlichkeit: was denken die anderen von mir –, als dass all dies noch durch die mitleidlosen körperlichen Triebe verstärkt werden musste.

Ronnie ruft. Er ist nass, und ich wechsle die Windeln. Selten jetzt noch, so ein Weinen. Diese Zeit der Mutterschaft liegt fast hinter mir, wo die Ohren einem nicht selbst gehören, sondern ständig gespitzt sein müssen, ob ein Kind weint, ein Kind ruft. Wir sitzen eine Weile da, und ich halte ihn, während ich hinaus auf die Stadt schaue, die mit ihren zarten Lichtschneisen wie eine Kohlezeichnung daliegt. »Kuschili«, flüstert er und schmiegt sich enger an mich. Ich trage ihn, eingeschlafen, zurück ins Bettchen. Kuschili. Ein komisches Wort, ein Familienwort, von Emily geerbt, von ihr erfunden, um Zufriedenheit auszudrücken.

Auf diese und andere Weise hinterlässt sie ihren Stempel, sage ich laut. Und erschrecke, als ich es gesagt habe. Was meine ich damit? Was trage ich da zusammen, um möglichst einen Zusammenhang herzustellen? Ich war bei den schrecklichen Jahren des Heranwachsens. Den Kriegsjahren. Ich erinnere mich nicht gut daran. Ich hatte einen Job, mittlerweile gab es vier kleinere Kinder, da blieb keine Zeit für sie. Sie musste mithelfen, musste Mutter sein, Haushälterin und Einkäuferin. Sie musste ihren Stempel aufdrücken. In der Morgenhektik kurz vor der Hysterie versuchen, die Brotdosen fertig zu machen, Haare zu kämmen, Mäntel und Schuhe zu finden, jeden rechtzeitig zur Schule oder in den Kindergarten zu lotsen, das Baby transportfertig zu bekommen. Und immer das Schulheft bekritzelt von einem der Kleineren, das Buch von Susan angeschaut, dann verlegt, unerledigte Hausaufgaben. Rausrennen zu der riesigen Schule, wo sie eine von vielen war, eine Verlorene, ein Tropfen im Meer; Qualen leidend, dass sie unvorbereitet war für den Unterricht, stotternd und unsicher.

Es blieb abends so wenig Zeit, nachdem die Kleinen ins Bett gebracht waren. Sie schwitzte über den Büchern, wobei sie ununterbrochen aß (in jenen Jahren entwickelte sie ihren enormen Appetit, der in unserer Familie legendär ist), und ich bügelte oder bereitete das Essen für den nächsten Tag vor oder schrieb Feldpostbriefe an Bill oder kümmerte mich ums Baby. Um mich zum Lachen zu bringen oder aus ihrer Verzweiflung heraus, ahmte sie manchmal Geschehnisse oder bestimmte Leute von der Schule nach.

Ich glaube, einmal schlug ich vor: »Warum machst du nicht etwas Ähnliches bei der Talentshow der Schule?« Eines Morgens rief sie mich auf der Arbeit an, kaum verständlich vor Schluchzen: »Mutter, ich hab’s gemacht. Ich hab gewonnen, ich hab gewonnen; sie haben mir den ersten Preis gegeben und haben geklatscht und geklatscht und wollten mich nicht gehen lassen.«

Jetzt auf einmal war sie jemand und ebenso gefangen in ihrem Anderssein wie vorher in ihrer Anonymität.

Man bat sie nun mehr und mehr, in anderen Highschools aufzutreten, selbst in Colleges, dann bei Veranstaltungen in der Stadt und landesweit. Bei der ersten, zu der wir gingen, erkannte ich sie nur im allerersten Augenblick, als sie, dünn, schüchtern, fast in den Bühnenvorhängen ertrank. Und dann: War das Emily? Die Kontrolle, die Beherrschung, die grimassierende und unglaublich präzise Clownerie, der Zauber, dann das johlende und trampelnde Publikum, unwillig, dieses seltene und kostbare Lachen wieder aus ihrem Leben zu entlassen.

Danach: Sie sollte etwas daraus machen, bei so einem Talent – aber ohne Geld und ohne zu wissen, wie … was kann man da für sie tun? Wir haben das alles ihr überlassen, und das Talent brodelte genauso oft dickflüssig, klumpig in ihrem Innern, wie es genutzt wurde und sich entwickeln konnte.

Gerade kommt sie. Sie rennt die Treppe hoch, zwei Stufen gleichzeitig mit leichtem, anmutigem Schritt, und ich weiß, sie ist heute Abend glücklich. Was immer Ihren Anruf ausgelöst hat, heute ist es nicht passiert.