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»Unverzichtbar für alle, die verstehen wollen, unter welchen Umständen Kunst entsteht oder verhindert wird.« Margaret Atwood
Erstmals auf Deutsch: Anhand verblüffender Aussagen von Schreibenden beleuchtet Tillie Olsen, auf welch vielfältige Weise der schöpferische Geist seit jeher unterdrückt wurde. Neben Schriftstellern wie Melville und Kafka wendet sie sich vor allem Schriftstellerinnen wie Virginia Woolf, Janet Lewis und Ann Petry zu, deren Kräfte in Häuslichkeit und Mutterschaft aufgerieben wurden, deren sexuelle Orientierung oder Hautfarbe zu Ausgrenzung und Isolation führte. Sie öffnet den Blick für jene, die überhaupt keine Sprache finden konnten und einzig als Leerstellen in der Literatur auszumachen sind. Denn erst wenn wir anerkennen, was fehlt, können wir unsere Gesellschaft und die Literatur, die sie hervorbringt, richtig verstehen.
Die Neuentdeckung einer Vorreiterin der emanzipatorischen Literatur – ein Essayband, der eine ganze Generation veränderte
»Tillie Olsens Erzählungen haben mich stark beeinflusst – ihr bahnbrechender Essay über die unterdrückten Stimmen in der Literatur hat mir die Augen geöffnet. Ich las ihn, als ich in den frühen 1970ern in Cambridge lebte, meine kleine Tochter allein aufzog und gerade um mein eigenes Schreiben kämpfte.« Alice Walker, Autorin von »Die Farbe Lila«
»Schreiben, erinnert Olsen ihre Leserschaft, erfordert Zeit, Bildung, Energie und eine wirtschaftliche Basis. All diese Dinge sind ungleich verteilt. Sie ermutigt uns zur Auseinandersetzung mit unorthodoxen Werken, die unter widrigen Umständen geschaffen wurden, und somit zu hinterfragen, was wirklich als Literatur zählt.« The New Yorker
»Tillie Olsen, Tochter von Einwanderern und berufstätige Mutter, musste sich die Zeit zum Schreiben abringen, dennoch gelang ihr ein schmales, dafür umso wirkungsmächtigeres Œuvre, das sich aus ihren persönlichen Erfahrungen speiste.« The New York Times
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Seitenzahl: 366
Veröffentlichungsjahr: 2022
Anhand verblüffender Aussagen von Schreibenden beleuchtet Tillie Olsen, auf welch vielfältige Weise der schöpferische Geist seit jeher unterdrückt wurde. Neben den großen Gestalten der Literatur wendet sie sich vor allem den Marginalisierten zu, den Schriftstellerinnen, deren Kräfte in Häuslichkeit und Mutterschaft aufgerieben wurden, deren soziale Herkunft, sexuelle Orientierung oder Hautfarbe zu Ausgrenzung und Isolation führten. Sie öffnet den Blick für jene, die aufgrund der Umstände überhaupt keine Sprache finden konnten und einzig als Leerstellen in der Literatur auszumachen sind. Denn erst wenn wir anerkennen, was fehlt, können wir unsere Gesellschaft und die Literatur, die sie hervorbringt, richtig verstehen.
»Unverzichtbar für alle, die verstehen wollen, unter welchen Umständen Kunst entsteht oder verhindert wird.« Margaret Atwood
Tillie Olsen, 1912 in einer russisch-jüdischen Familie im Mittleren Westen der USA geboren, musste als vierfache Mutter ihre fortschrittlichen Ansichten und ihren künstlerischen Ehrgeiz mit Brotarbeit unter einen Hut bringen. Obwohl sie die Highschool ohne Abschluss verlassen hatte, erhielt sie für ihren Erzählungsband Ich steh hier und bügle sowie die hier vorliegenden Essays diverse Auszeichnungen sowie Stipendien, Ehrentitel und Gastprofessuren der großen amerikanischen Universitäten, darunter Stanford, Harvard und Amherst. Sie starb 2007 in Oakland, Kalifornien.
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Tillie Olsen
Was fehlt
Unterdrückte Stimmen in der Literatur
Aus dem Amerikanischen von Nina Frey und Hans-Christian Oeser
Herausgegeben von Hans-Christian Oeser, Nele Holdack, Nina Frey
Mit einem Vorwort von Julia Wolf
Cover
Inhaltsverzeichnis
Titelinformationen
Informationen zum Buch
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Was fehlt? — Zur Aktualität Tillie Olsens
Motto
1. — Das Schweigen in der Literatur
2. — Eine von zwölf: Frauen unter den Schreibenden
3. — Dem Schweigen auf der Spur
Das Schweigen der großen Gestalten der Literatur
Thomas Hardy (1840–1928)
Gerard Manley Hopkins (1844–1889)
Herman Melville (1819–1891)
Willa Cather (1876–1947)
William Blake (1757–1827)
Jane Austen (1775–1817)
Spielarten des Schweigens
Schweigen aufgrund von Zensur
Politisches Schweigen
Politisches Schweigen: eine weibliche Form
»Das Messer perfektionistischer Haltung in Leben und Kunst«
Das Schweigen der Marginalisierten
»Stückweise Aufopferung [meines Talents], um den Wert seines Wesens zu bewahren«
Abwesenheiten, die eine Art Schweigen sind (»Aber hundertzwanzig Geschichten …«)
Aggressive Zerstörer: vorzeitige Mundtotmacher
Schweigen im weiten Feld der Vorbereitung
Schweigen, wo das Leben nie zum Schreiben findet
Schöpferische Arbeit und die Umstände, die sie benötigt, um ungehindert funktionieren zu können
»Unaufhörliche Arbeit ist das Gesetz der Kunst wie das des Lebens«
Unbegrenztes Alleinsein
Häusliche Unterstützung (die Conrad-Wahrheit)
Die unaufhörliche Arbeit, das schreckliche Gesetz, die furchtbare Aufgabe
Dieser unbegreifliche Herr namens Arbeit
Unterirdische Kräfte
Unterirdische Kräfte – und schöpferische Arbeit unter Bedingungen, die vollständiges Funktionieren ermöglichen
Virginia Woolfs The Waves (Die Wellen)
Unterirdische Kräfte
Wenn die Erfordernisse des kreativen Schaffens nicht an erster Stelle stehen können
Die literarische Situation (1976)
Der Druck, zu publizieren, »immer wieder vor dem Publikum in Erscheinung zu treten«
Die literarische Atmosphäre
4. — Elf von zwölf – wer fehlt
Die Plage: ihr ältester Ausdruck
Ein Gefühl des Unrechts beim Namen genannt
Hintergrund
Frauen in der Literatur und in der Wirklichkeit: 1817–1976
Alphabetisierung
Eine von zwölf: Statistiken zu Schriftstellerinnen und Schriftstellern, denen Würdigung zuteilgeworden ist
Verhältnis weiblicher zu männlichen Schreibenden
Der Säugling, das Kind-Mädchen, das Mädchen, die junge Schriftstellerin
Die Verdammnis der Frau
Von der Verfügung betroffen
Könnte es nicht noch weitere Wunderwerke gegeben haben?
Schreibende Mütter
Der Engel im Haus
Virginia Woolf und der Engel
Einige Erscheinungsformen des Engels (1800–1970)
Die Befreiung des unentbehrlichen Engels
Gattinnen, Mütter, Möglichmacherinnen
Für meine Frau, ohne die …
… mit Fleisch und Bein
Wir, die wir schreiben, sind Überlebende – Einzige; eine von zwölf … und müssen berichten von unserem willkürlichen Glück, unseren besonderen Bedingungen
Die Plage: unsichtbare Gründe des Verstummens
Zusammenbruch
Flieht auf eurem Esel, Annen, Annen, liebste Schwestern …
Arbeitsbedingungen
Einige Auswirkungen, die es hat, sich als schreibende Frau schädlichen Behandlungen und Umständen entgegenstellen, ja sich ihnen stellen zu müssen. Verweigerte Umfassenheit
Beschränkung auf eine Ebene I: »Schreiben wie ein Mann«
Beschränkung auf eine Ebene II: »Schreiben wie eine Frau«
Beschränkung auf eine Ebene III: Einengung auf die biologische Frau (Sexualpartnerin)
Andere Hemmnisse, Schranken, Belastungen auf dem Weg zur eigenen Stimme, Vision, Umfassenheit
Angst
Liebe
5. — Kreativität, Potenzial – die erste Generation
Anhang
Anmerkungen
1. Das Schweigen in der Literatur
2. Eine von zwölf
3. Dem Schweigen auf der Spur
4. Elf von zwölf – wer fehlt
5. Kreativität, Potenzial – die erste Generation
Editorische Notiz
Erläuterungen
Impressum
Zur Aktualität Tillie Olsens
Vorwort von Julia Wolf
In den Tagen und Wochen nach der Geburt meines ersten Kindes wollte ich ständig schreiben. Wann immer es ging, habe ich mir Zettel und Stift geschnappt und drauflosgeschrieben. Es war gar nicht so sehr das Bedürfnis, einen bestimmten Gedanken oder ein bestimmtes Wort festzuhalten, das mich antrieb, sondern die Sehnsucht nach dem Akt des Schreibens an sich. Und nach dem Bild: Da sitze ich und schreibe. Schau nur her, Welt! Das Baby ist da, und ich schreibe immer noch. So groß war meine Angst, dass meine Mutterschaft die Autorin in mir auslöschen könnte.
In den viereinhalb Jahren, die seitdem vergangen sind, habe ich mir bewiesen, dass beides geht: books and babies1. Ich habe Bücher übersetzt, einen Roman geschrieben und Kompliz:innen gefunden, die auch Mütter und Autor:innen sind. Und dennoch überkommt mich in dem Moment, in dem klar wird, dass sich der Wunsch nach einem zweiten Kind zu erfüllen scheint und ich wieder schwanger bin, eine schleichende Panik. Nachts schrecke ich aus dem Schlaf und bin mir plötzlich ganz sicher, einen Fehler zu begehen. Alles, was ich mir als Autorin aufgebaut habe, sehe ich durch dieses zweite Kind bedroht. Plötzlich komme ich mir dumm und naiv vor. War es nicht mit einem Kind schon schwer genug, die Zeit und den Raum für die kreative Arbeit zu finden? Hätte ich aus dieser Erfahrung nicht lernen und mich konsequenterweise gegen ein zweites Kind entscheiden müssen? Erst im Gespräch mit einer Freundin, die auch Mutter und Autorin ist, gelingt es mir, die Panik einzufangen. Ist es nicht verrückt, hält sie meinen Fragen entgegen, dass wir immer das Gefühl haben, etwas aufgeben zu müssen, sei es die Kunst oder die Mutterschaft?
»I lost craziness of endurance«2 – mit dieser lapidaren Feststellung erklärt Tillie Olsen in ihrem bahnbrechenden Essay Silences von 1962 ihr eigenes zeitweiliges Verstummen als Autorin. Mitte der dreißiger Jahre hatte sich die 1912 geborene Tochter russisch-jüdischer Einwanderer bereits einen Namen im amerikanischen Literaturbetrieb gemacht und den Vorschuss für einen Roman kassiert, den sie nie zu Ende schrieb.3 Neben ihrem politischen Engagement in der Kommunistischen Partei und der Arbeiterbewegung sowie den familiären Verpflichtungen (Olsen war damals bereits Mutter einer kleinen Tochter) ließ sie diese erste Chance auf literarischen Ruhm verstreichen. Sie gebar drei weitere Töchter und half unter anderem als Texterin, den Lebensunterhalt der Familie zu bestreiten. In den frühen fünfziger Jahren hatte sich außerdem das politische Klima in den USA gewandelt, und Olsen und ihr zweiter Mann Jack mussten in der McCarthy-Ära aufgrund ihrer politischen Aktivitäten die Verfolgung durch den Staat fürchten. Anfangs schrieb Olsen noch in den freien Momenten zwischen Lohn- und Sorgearbeit4, etwa auf den Busfahrten zur Arbeit, aber irgendwann verließ sie schlichtweg die Kraft.
Ich verlor die Verrücktheit, die die Ausdauer verlangte – auch wenn meine Schreib- und Lebensbedingungen andere sind als die von Tillie Olsen in den vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, hat sich mir dieser Satz eingebrannt. Formuliert er doch genau das, wovor ich Angst habe: Dass ich, wenn die doppelte Belastung durch Sorge- und Lohnarbeit größer wird, womöglich nicht durchhalte als Autorin. Irgendwann keine Kraft mehr für Nachtschichten am Schreibtisch habe oder schlichtweg entscheide, dass der Preis zu hoch ist, und aufhöre zu schreiben.
Nicht nur die Last des Alltags hat Tillie Olsen vom Schreiben abgehalten, auch unter ihrem Mangel an formaler Bildung und dem hohen Anspruch an sich selbst hat sie gelitten – die Autorin, die in den siebziger und achtziger Jahren zu einer der wichtigsten Stimmen der Frauenbewegung wurde, verehrt von berühmten Kolleginnen wie Ursula K. Le Guin, Margaret Atwood und Alice Walker, hatte nie eine Universität oder ein College besucht, selbst die Highschool hatte sie ohne Abschluss abgebrochen. Eine genialische Attitüde wie etwa die von Beat-Schriftsteller Jack Kerouac, von dem es heißt, er habe On the Road in drei Wochen geschrieben, war ihr fremd.
1961 veröffentlichte Olsen dann unter dem Titel Tell Me a Riddle5 vier Geschichten. Diese verschafften ihr große Anerkennung (unter anderem den O. Henry Award), so dass sie in den folgenden Jahren verschiedene Stipendien erhielt und an das renommierte Radcliffe Institute, heute Teil der Harvard University, eingeladen wurde. Endlich hätte sie also die Zeit und den Raum gehabt, ungestört ihren Roman zu schreiben. Doch der Text wollte weiterhin keine rechte Form annehmen, und Olsen las mehr, als dass sie schrieb. Und so entstand während dieser Zeit statt eines Romans ein Vortrag mit dem Titel »Death of the Creative Process«, den Olsen frei anhand einer losen Zettelsammlung hielt. Ihre enge Freundin Anne Sexton tippte die Notizen im Laufe des folgenden Sommers ab, und 1965 veröffentlichte Harper’s Magazine den überarbeiteten Text unter dem Titel Silences. 1974 erschienen die gesammelten Essays von Tillie Olsen unter ebendiesem Titel – der Radcliffe-Vortrag stellt den ersten Teil des Bandes dar (wie auch der vorliegenden deutschen Ausgabe), von nun an überschrieben als Silences in Literature – Das Schweigen in der Literatur.
Olsen nähert sich in ihren Essays dem Leben derer, die zeitweilig oder dauerhaft vom Schreiben abgehalten werden und verstummen – »Leben, die nie zum Schreiben fanden«. Anhand von Tagebucheinträgen, Briefen und literarischen Texten unterschiedlichster Autor:innen stellt sie die Mechanismen des silencing dar, wozu sie auch staatliche Repressionen wie Zensur zählt. Ihr besonderes Interesse gilt jedoch Frauen wie ihr selbst, deren Schreiben durch Mutterschaft und Sorgearbeit verhindert wurde und wird. Sie führt eine lange Liste von Autor:innen an, die nie Kinder hatten, und stellt fest, dass jene, die Kinder bekamen und trotzdem weiterschrieben, meist ökonomisch bessergestellt waren und Haushaltshilfen und Kindermädchen hatten. Unter anderen Bedingungen, so Olsen, seien Mutterschaft und Autor:innenschaft kaum zu vereinbaren.
Vom heutigen Standpunkt aus könnte man versucht sein, Olsens Analysen als historisch abzutun, immerhin sind seit der Erstveröffentlichung sechs Jahrzehnte vergangen, die Rolle von Männern bei der familiären Care-Arbeit beginnt, wenn auch langsam, sich zu wandeln, und es gibt etliche Beispiele von Autor:innen, denen der Spagat zwischen Produktion und Reproduktion durchaus gelingt. Doch meine eingangs geschilderte Panik, die ziemlich unmittelbar nach der Freude über meine erneute Schwangerschaft einsetzte, führte mir anschaulich vor Augen, wie aktuell Olsens Essays nach wie vor sind. Oder, um es mit den Worten der Autorin Mareice Kaiser zu fassen, die vor Kurzem in einem Instagram-Post schrieb: »Beuys sagt: Jeder Mensch ist ein Künstler. Ich sage: Jeder Mensch, der Zeit hat, kann ein Künstler sein. Selbstbestimmte Zeit. Jeder Mensch, der sich Zeit für Kunst nehmen kann, kann ein Künstler sein.«
Auch in anderen Aspekten sind Olsens Analysen erschreckend zeitgemäß. So korrespondiert die Methodik ihres Essays Eine von zwölf: Frauen unter den Schreibenden, ursprünglich von 1971, stark mit der Initiative #vorschauenzählen der Literaturwissenschaftlerinnen Berit Glanz und Nicole Seifert, die anhand der Verlagsvorschauen des Frühjahres 2020 Statistiken zur Sichtbarkeit von Frauen im deutschen Literaturbetrieb erstellt haben.6 Zwar ist die Unterrepräsentation von Frauen in der deutschen Literaturlandschaft bei Weitem nicht mehr so extrem wie von Olsen in den Sechzigern für die amerikanische Literatur beschrieben, dennoch kommt Nicole Seifert in ihrem 2021 erschienenen Buch Frauenliteratur zu dem Schluss: »Je höher das literarische Prestige eines Verlages, desto mehr scheint er auf Männer im Programm zu setzen.«7 Auch in Seiferts Kritik daran, wie Literatur von Frauen oftmals besprochen wird und Themen aus weiblichen Erfahrungswelten abgewertet wurden und werden, hallt das Echo von Olsens Analysen derselben Aspekte wider.
Auf vielen Ebenen ist Olsen hochaktuell. Der wichtigste und überraschendste Punkt scheint mir aber zu sein, dass Olsens Ansatz bereits in den frühen sechziger Jahren intersektional war. Stets hat sie die verschiedenen Diskriminierungskategorien wie Geschlecht, Herkunft, sexuelle Orientierung und soziale Klasse zusammengedacht. Letztere nimmt im Denken der Marxistin einen besonderen Platz ein, ökonomische Faktoren spielen bei ihr eine zentrale Rolle. So zeigt sie eindringlich, wie auch kapitalistische Markt- und Vermarktungsstrukturen Autor:innen zum Verstummen bringen können. Nicht zuletzt kommt Olsens Essay das große Verdienst zu, über Jahrzehnte hinweg zahlreiche Autor:innen inspiriert zu haben, die Bedingungen ihres Schaffens und ihren Kampf um Sichtbarkeit nicht als bloßes Ergebnis ihrer individuellen Lebensbedingungen zu sehen, sondern beides im gesamtgesellschaftlichen Kontext zu begreifen.
Was fehlt. Der Titel der deutschen Erstausgabe hat eine wehmütige Note. Aktuell denke ich bei diesem Titel an all die Texte, die während der Pandemie nicht geschrieben wurden, weil ihre Autor:innen nach einem Tag mit Lohn- und Sorgearbeit und Homeschooling schlichtweg zu erschöpft waren. Wie viele Stimmen sind, zeitweise oder dauerhaft, verstummt, während doch gerade sie von den Auswirkungen der Pandemie auf die Gesellschaft erzählen könnten? Die Feststellung, dass ihre Stimmen fehlen (oder unterrepräsentiert sind), lässt sich auf viele andere Gruppen übertragen. So bemängelte beispielsweise vor Kurzem Eva Tempest in der Berliner Zeitung die geringe Sichtbarkeit von queeren Autor:innen in der deutschen Verlagslandschaft.8
Natürlich reicht es nicht, bei der Feststellung des Status quo, bei der Wehmut und dem Bedauern über das, was hätte sein können, stehen zu bleiben. Tillie Olsen verknüpft den Schmerz über all die ungeschriebenen Leben mit einer Forderung an die Zukunft: »Es gibt so viel Ungeschriebenes, das noch geschrieben werden muss.« Was fehlt? Als Frage formuliert, verstehe ich den Titel als ständige Aufforderung, den Literaturbetrieb und seine Mechanismen, ganz im Sinne Olsens, zu hinterfragen: Wen hören und lesen wir, wen nicht? Und warum nicht? Wollen wir uns wirklich damit abfinden, dass es im Zweifelsfall nur denjenigen gelingt, wie Olsen es nennt, »ihre Leben zu schreiben«, deren Bereitschaft zur Selbstausbeutung besonders ausgeprägt ist? Oder den Privilegierten, die durch ein Erbe oder eine:n Partner:in abgesichert sind und deswegen mehr Zeit für die Kunst haben?9 Kann unter diesen Umständen eine Literatur entstehen, die vielfältig ist und die gesamte Gesellschaft abbildet? Was fehlt, um eine solche Literatur zu ermöglichen?
Hinsichtlich der Vereinbarkeit von Sorgearbeit und künstlerischer Produktion wird an dieser Stelle oft die Forderung nach einem Umdenken in der deutschen Stipendienlandschaft laut. Immerhin ist ein Großteil der Fördermöglichkeiten an Bedingungen geknüpft, die beispielsweise Autor:innen mit Kindern nur schwer erfüllen können. Konkrete politische Forderungen, die auf eine Verbesserung der Bedingungen von künstlerischer Produktion und Sorgearbeit abzielen, sind immens wichtig.10 Im Kontext von Tillie Olsens Werk – und auch hinsichtlich meiner zeitweise zwiespältigen Gefühle gegenüber meiner eigenen Mutter- und Autorinnenschaft – erscheint es mir aber als noch grundlegender, den vermeintlichen Widerspruch zwischen Mutterschaft und Autorinnenschaft weiter aufzulösen und mit den Mythen, die diese beiden Identitätskategorien umgeben, zu brechen. Um schreiben zu können, heißt es bekanntermaßen bei Virginia Woolf, müssen Frauen den »Engel im Haus« töten, sich also von der viktorianischen Vorstellung von der Frau als guter Seele, die die Bedürfnisse ihrer Liebsten über ihre eigenen stellt, befreien. Ich würde hinzufügen: Um ein Leben führen zu können, in dem sie sich um andere kümmern kann – und das womöglich auch noch mit Lust und Liebe! –, muss die Autorin das Genie in sich töten. Der Rückzug von der Welt zur Erschaffung eines klassischen Werkes und die Lebensrealitäten eines Menschen mit Care-Verantwortung passen einfach nicht zusammen. Was aber nicht heißen sollte, im Jahr 2022 nicht mehr heißen darf, dass Verantwortung für andere zu übernehmen und Autor:in zu sein sich ausschließen müssen.
Tradierte Vorstellungen von Autorschaft zu hinterfragen, bedeutet für mich auch, unser Verständnis dessen zu hinterfragen, was Literatur ist und wie der Schreibprozess aussehen kann. Welche anderen literarischen Formen entsprechen meinen Lebensumständen vielleicht besser als der viel beschworene »große Wurf« des Romans? Die kanadische Nobelpreisträgerin Alice Munro hat einmal gesagt, für einen Roman habe sie neben Haushalt und Kindern keine Zeit gehabt, deswegen bestehe ihr Werk hauptsächlich aus Kurzgeschichten.11 Seitdem es das Internet und die sozialen Medien gibt, ist es einfacher geworden, dem Verstummen etwas entgegenzusetzen, als das zu Tillie Olsens Zeiten noch möglich war, die mit ihrem hier vorliegenden Essay-Werk eine ganz eigene Form finden musste, ihre Beobachtungen durch die Aussagen anderer zu überprüfen und zu ergänzen. In Form von Tweets und Posts entsteht heute ununterbrochen eine flüchtigere, fragmentarische, zugleich lebendige und lebensnahe Literatur, für deren Qualität beispielsweise Elisa Aseva mit ihren Texten steht.12
Eine andere Art zu schreiben hat sich mir offenbart, als ich mitten im ersten Corona-Lockdown 2020 eingeladen wurde, per Zoom an einem Austausch mit anderen Autor:innen über unsere Arbeitsbedingungen als Schreibende und Care-Arbeitende teilzunehmen. Aus diesen digitalen Gesprächsrunden erwuchs bald die Gruppe Writing with CARE / RAGE13 und ein kollektives Schreibprojekt: Auf ein offenes Google-Dokument konnte jede von uns jederzeit zugreifen, das Geschriebene der anderen befragen, ergänzen, kommentieren. Kurze Zeit später war dieser Gemeinschaftstext auf über 80 Seiten angewachsen, aus denen wir dann in einem demokratischen Prozess die wichtigsten Passagen ausgesucht und collagiert haben. Nicht nur bin ich nach wie vor überaus glücklich mit dem Ergebnis dieser Kollaboration,14 auch habe ich selten einen Schreibprozess so sehr genossen. In einer Zeit, in der wir aufgrund der Pandemie alle unter der Mehrbelastung an Care-Arbeit litten und mitunter nicht wussten, wo uns vor lauter Erschöpfung der Kopf stand, war das gemeinsame Schreiben intuitiv, spontan und wenig zeitaufwendig. Und mehr noch: Der gemeinsame digitale Raum wurde mir für einige Wochen zum Zufluchtsort, den ich mehrmals am Tag aufsuchte und der mir großen Trost spendete.
Es sind diese Momente, in denen ich mich von einer klassischen Vorstellung von Autorschaft und Werk löse, Momente, die mich zuversichtlich stimmen, dass ich auch mit dem zweiten Kind weiterschreiben werde. Der kreative Prozess wird dann vielleicht anders aussehen, als ich es erwartet habe. Die Beschäftigung mit unseren Vorkämpfer:innen wie Tillie Olsen, sie mit ihrem Werk wiederzuentdecken, ebenso wie die Solidarität mit anderen Care-Arbeitenden im Literaturbetrieb sind für die Entwicklung meines neuen Selbstverständnisses als Autorin und Mutter von essenzieller Bedeutung. Dazu gehört auch Olsens Anspruch, nicht nur das eigene Schreiben und seine Bedingungen in den Blick zu nehmen, sondern das gesellschaftliche Gesamtbild.
Mit ihren Essays hatte Tillie Olsen zu einer neuen Art des Schreibens gefunden. Und ich kann nicht umhin, diese auf Notizen und Fragmenten beruhende Arbeitsweise mit dem Prozess des kollektiven Schreibens zu vergleichen. Beides zielt darauf ab, eine Gemeinschaft herzustellen, verschiedene Stimmen zueinander in Beziehung zu setzen. Und bei beiden kreativen Prozessen tritt das Autor:innen-Ego zurück, wendet sich die Autor:in ganz bewusst der Welt zu und nicht von ihr ab. Hätte Tillie Olsen mit dem großen Roman, den sie immer schreiben wollte, genauso viele Menschen empowern und inspirieren können, wie sie es mit ihren Erzählungen und Essays getan hat? Die Antwort auf diese Frage muss Spekulation bleiben. Fest steht, dass Tillie Olsen uns mit ihren Essays eine Vision von einem literarischen Miteinander geschenkt hat, von einem Raum, in dem alle Stimmen gehört werden.
Julia Wolf, Mai 2022
Ein Geist wohnt in den Höhn,
»Dessen Herz einer Laute gleicht«;
Wie Israfel so schön
Singt keiner in den Höhn […].
Der Schatten deiner Wonne fällt
Auf uns als Sonnenschein.
O wär ich schnell, wo Israfel
Gewohnt, und er wär ich –
Er säng wohl nicht so flammend hell
Ein sterblich Lied; doch ich,
Ich säng aus solcher Leier Quell
Ein Lied, dem keines glich!1
– Edgar Allan Poe
Hätte Milton das gleiche Los gehabt wie Kaspar Hauser, er wäre ebenso geistlos geblieben wie jener.2
– Herman Melville
Wäre Goethe als Kind entführt und irgendwo tief in einem deutschen Wald von einer Räuberbande großgezogen worden, die Welt hätte auf »Faust« und »Iphigenie« wohl verzichten müssen. Aber Goethe wäre dennoch Goethe gewesen – kühner und klüger als alle seine Zeitgenossen. Abends am Wachfeuer hätte er wüste Gesänge von Mord und Totschlag geschmettert, bis die finsteren Gesichter ringsum vor Aufregung gezuckt hätten.3
– Olive Schreiner
Wäre Tolstoi als Frau zur Welt gekommen …4
– Virginia Woolf
Hätte, wäre …
Das Schweigen in der Literatur
Ursprünglich ein 1962 anhand von Notizen im Rahmen eines wöchentlichen Kolloquiums am renommierten Radcliffe Institute frei gehaltener Vortrag. 1965 in Harper’s Magazine veröffentlicht.
Die Geschichte, ja die Gegenwart der Literatur ist in den Mantel des Schweigens gehüllt: Bald ist es das jahrelange Schweigen anerkannter Größen der Literatur, bald ein Schweigen im Verborgenen; manchmal das Verstummen, nachdem ein Werk erschienen ist; manchmal die Tatsache, dass es gar nicht erst zu einer Veröffentlichung in Buchform kommt.
Was passiert in dieser Zeit mit der Schöpferin oder dem Schöpfer, mit dem schöpferischen Prozess? Was braucht das Schöpferische, um sich verwirklichen zu können? Ohne die Absicht oder den Anspruch, literaturwissenschaftlich vorzugehen, verspürte ich im Laufe der Jahre das Bedürfnis, alles darüber zu lernen, was ich in Erfahrung bringen konnte, blieb ich doch selber fast stumm und musste die Schriftstellerin in mir wieder und wieder sterben lassen.
Es geht hier nicht um natürliches Schweigen, um das, was Keats »agonie ennuyeuse«1 nannte – jene Zeitspanne im natürlichen Schaffenszyklus, die notwendig ist für Erneuerung, Brachliegen, Reifen. Das Schweigen, von dem ich spreche, ist unnatürlich: die unnatürliche Vereitelung dessen, was sich abmüht, ins Leben zu treten, dies aber nicht vermag. In den überkommenen, den offensichtlichen Parallelen gesprochen: wenn der Same auf Stein fällt; wenn der Boden nicht nahrhaft, der Frühling trügerisch, die Zeit von Dürre, Mehltau oder Parasitenbefall gekennzeichnet ist; wenn der Frost verfrüht einsetzt.
Ein solches Schweigen ist selbst den großen Gestalten der Literatur nicht unbekannt – Thomas Hardy, Melville, Rimbaud, Gerard Manley Hopkins. Sie verraten uns kaum, weshalb oder auf welche Weise ihre kreative Ader verkümmerte und am Ende versiegte – falls sie es denn tat.
»Zu weniger und weniger / Schrumpfen die Visionen, die groß in mir waren«,2 schreibt Thomas Hardy, dreißig Jahre nachdem er angesichts der Gehässigkeit des viktorianischen England gegenüber seinem Jude the Obscure aufgehört hatte, Romane zu schreiben. (»[…] und so endete sein Prosabeitrag zur Literatur […]. Die Erfahrungen der wenigen letzten Jahre hatten all sein Interesse an dieser Form […] völlig zerstört«3 – so die offizielle Erklärung.) Doch die großartige Poesie, die er bis an sein Lebensende schrieb, genügte nicht, um jene gewaltigen Visionen zu erhalten und fortzuentwickeln, die fünfundzwanzig Jahre lang ihren Ausdruck von Roman zu Roman gefunden hatten. Menschen, Lebenslagen, Beziehungen, Landschaften – in Gedicht um Gedicht verlangen sie nach jenem umfassenderen Leben.
Bei Hopkins waren es nicht schrumpfende Visionen, sondern eine andere Folter. Sieben Jahre lang hielt er sich an sein religiöses Gelübde, keine Gedichte zu schreiben, konnte er auch das Auge des Dichters nicht schließen: »Erwähltes Schweigen, sing mir vor / Und schlag mir an das Wirtelohr«.4 »Mein Ohr ist lange vom Echo eines neuen Rhythmus verfolgt worden, den ich inzwischen zu Papier gebracht habe«,5 schreibt er über das erste Gedicht, dem er gestattete, das siebenjährige Schweigen zu brechen. Doch die Dichtung (»Dies zu horten ungehört, / Hören ungehütet«)6 konnte nur die geringste und die letzte seiner schweren priesterlichen Pflichten sein. Neunzehn Gedichte, mehr vermochte er in den letzten neun Lebensjahren nicht hervorzubringen – für uns Fülle, für ihn jedoch, der von sich sagte: »Es bringt mich um, Eunuch der Zeit zu sein, der niemals zeugen kann«,7 eine über alle Maßen schmerzhafte Tortur.
Rimbauds Schweigen wird von Schweigen umhüllt. Gab es auch hier die Folter durch das Ungeschriebene; die Heimsuchung durch Rhythmen, durch Visionen; den Schmerz über nachlassende Kräfte, siebzehn Jahre nachdem er die unerträgliche Welt der Literatur aufgegeben hatte? Wir wissen nur, dass das Bedürfnis zu schreiben bis in die ersten Jahre seines Umhervagabundierens vorhielt, dass er schrieb:
Hatte ich einst nicht eine liebenswerte Jugendzeit, heldisch, märchenhaft, auf goldene Blätter zu schreiben – zu viel Glück! Durch welche Schandtat, durch welchen Irrtum habe ich meine jetzige Ohnmacht verdient? Ihr, die ihr vorgebt, dass Tiere Seufzer des Kummers ausstoßen, dass Kranke verzweifeln, Tote schlecht träumen, versucht ihr, meinen Sturz und meinen Schlaf zu erzählen. […] Ich kann nicht mehr sprechen!8
Dass er auf seinem Sterbebett wieder wie ein Dichtervisionär sprach.
Melvilles Stadien auf dem Weg zu seinem dreißigjährigen Prosa-Schweigen sind am unzweideutigsten. Eine Vorahnung davon findet sich in seinem berühmten Brief an Hawthorne, als er Moby Dick zu Ende bringen musste:
[…] so sehr werde ich von den obwaltenden Umständen hin und her geworfen. Die Ruhe, die kühle Gelassenheit, die stille, graswachsende Stimmung, die man eigentlich zum Schreiben braucht, – die, fürchte ich, ist mir leider nur selten vergönnt. Ich stehe unter dem Bannfluch des Dollars […]. Was mich am meisten zu schreiben drängt, das unterliegt dem Bann – es zahlt sich nicht aus. Aber auf jene so ganz andere Weise zu schreiben, das kann ich nicht. Also ist das Ergebnis am Ende ein Mischmasch […].9
Wiederholt wird ebendies in dem Roman Pierre. Pierre schreibt jenes Buch, »dessen unauslotbare Sehnsucht ihm das Blut aussaugt […], als ihm endlich bewusst wurde, dass seine Hoffnungen auf Brot umso geringer wären, je mehr Weisheit und Tiefe er erlangte […].«10
Besessen zu sein; es am Ende mit einem Mischmasch versuchen zu müssen; das eigene Werk »düstrem / Diebstahl, Nichtbeachtung«11 ausgesetzt zu sehen; von Dollars zu einer Tätigkeit im Zollhaus verdammt zu sein; nur müde Abende und Sonntage zum Schreiben zur Verfügung zu haben –
Wie bitter empfand Pierre, der stumm blieb, wenn der törichte Millthorpe ihn wegen einiger Wochen und Monate Verzögerung schalt, wie bitter empfand er da in seinem Herzen, dass die Verfasser der meisten großen Werke der Menschheit nicht Wochen und Monate, nicht Jahr um Jahr, sondern ihr ganzes Leben aufgeopfert und dargebracht hatten.12
Ist es da nicht begreiflich, dass Melville Werke zu verbrennen begann und später gar keine mehr verfasste? »Besorgt um euer Los, hab ich verdrossen / In euer Schicksal euch jetzt eingeschlossen.«13 Dass er sich der Gelegenheitsdichtung zuwandte, die sich zeitlich bewältigen ließ – um »durch die Nacht den himmlischen Funken zu nähren«?14 Eine dreißigjährige Nacht. Er war schon fast siebzig, bevor er dem Hafenzoll den Rücken kehren konnte und wieder unbegrenzte Zeit zum Schreiben hatte, zum Schreiben von Prosa. »Das Alter, der dumpfe Betäuber«, die Verheerungen der »dürren Jahre, die verrannen«,15 mussten verarbeitet werden. Drei Jahre immer neuer Anläufe, ehe er sich in der Lage fühlte, mit der Niederschrift von Billy Budd anzufangen (der Kern der Geschichte musste ein halbes Jahrhundert warten); drei weitere Jahre bis zu den letzten Tagen seines Lebens (er, dem das Schreiben so leichtgefallen war); das langsame, mühevolle, nie zufriedenstellende Schreiben und Umschreiben des Werkes.15
Verwandt mit diesem jahrelangen Schweigen ist das verborgene Schweigen; Werke, die abgebrochen, verschoben, verneint werden – verborgen werden von Werken, die sich haben verwirklichen lassen. Hierher gehört Hopkins; hierher gehören mit ziemlicher Sicherheit William Blake, Jane Austen, Olive Schreiner, Theodore Dreiser, Willa Cather, Franz Kafka, Katherine Anne Porter und viele andere zeitgenössische Schriftstellerinnen und Schriftsteller.
Auch die Zensur bringt zum Schweigen. Streichungen, Auslassungen, Verzicht auf ein Genre (wie im Falle Thomas Hardys); die Lähmung der Leistungsfähigkeit (wie etwa Dreisers zehnjähriger Stillstand bei Jennie Gerhardt nach dem Proteststurm gegen Schwester Carrie). Verlagszensur: die Ablehnung eines Sujets oder seiner Behandlung als »ungeeignet« oder »nicht marktfähig«. Selbstzensur. Religiöse, politische Zensur – die mitunter die Erfindungsgabe anspornt, zumeist aber (lesen Sie Dostojewskis Briefe!) eine zermürbende Wirkung hat.
Der Extremfall: Schriftsteller, die von Regierungen physisch zum Schweigen gebracht werden. Isaak Babel, die Jahre der Inhaftierung, was mag in ihm vorgegangen sein hinsichtlich dessen, was niedergeschrieben werden wollte? Oder in Oscar Wilde, dem bis in die letzten Monate seiner Zuchthausstrafe nicht einmal ein Bleistift gestattet war?
Andere Arten von Schweigen. Das wahrhaft denkwürdige Gedicht oder Buch, eine unvergessliche Erzählung – danach wird der Autor oder die Autorin nicht wieder verlegt.16 Trugen alle diese Schriftstellerinnen und Schriftsteller nur ein Werk in sich (war das Leben zu »dürr« für den herandrängenden Stoff, für Erneuerung), war ihr Respekt vor der Literatur zu groß, als dass sie sich hätten wiederholen wollen? War es »das Messer perfektionistischer Haltung in Leben und Kunst«16, das sie an der Kehle spürten? Waren die für die Entwicklung kreativer Gewohnheiten erforderlichen Bedingungen nicht gegeben (eine junge Colette, die keinen Willy hatte, der sie Tag für Tag in ihrem Zimmer einschloss)? Oder gab es – wie sich anhand unzähliger Beispiele belegen ließe – andere Anforderungen, andere Verantwortlichkeiten, so dass das Schreiben nicht an erster Stelle stehen konnte? (Schreibende einer Klasse, eines Geschlechts oder einer Hautfarbe, die in der Literatur nur am Rande vertreten sind – für sie ist es eine erschöpfende Leistung, trotz verschwindend geringer Chancen eine »schriftliche« Stimme gefunden zu haben.) Es ist ein aufschlussreicher Sachverhalt, dass das Verstummen nach nur einem Buch auf die meisten schwarzen Schriftstellerinnen und Schriftsteller zutrifft: »Von zweiundsechzig Romanciers, die zwischen 1853 und 1952 geschrieben haben, haben vierzig – oder zwei Drittel – nur einen Roman veröffentlicht. Elf weitere haben nur zwei Romane und nur elf mehr als zwei veröffentlicht.«17
Es gibt ein allgemein verbreitetes Schweigen, das ich nur im Vorübergehen erwähnen möchte: das Fehlen von Kreativität, wo sie einst vorhanden war; keine große Literatur mehr schaffen zu können, selbst wenn Jahr für Jahr weitere Bücher erscheinen. Jener Selbstmord des kreativen Prozesses, wie ihn Hemingway so präzise in Schnee auf dem Kilimandscharo geschildert hat:
Er hatte seine Begabung damit zerstört, dass er sie nicht benutzt, dass er sich selbst und das, woran er glaubte, verraten hatte, dass er so viel trank, bis die Schärfe seiner Wahrnehmungen litt, durch Faulheit, durch Trägheit, durch Snobismus, durch Hochmut und durch Vorurteil […]. Er hatte in der einen oder anderen Form Vitalität verkauft sein ganzes Leben lang, […] und er hatte alles, was von seinem alten Leben übrig war, verschachert. Er hatte es verschachert für Sicherheit, auch für Luxus […].18
Nein, nicht Scott Fitzgerald. Hier geht es nicht um den Tod der Kreativität, nicht um Verstummen, sondern darum, was geschieht, wenn man sein Talent opfert: »Ich bin kein bedeutender Mensch, aber manchmal denke ich, dass die unpersönliche und objektive Qualität meines Talents und seine stückweise Aufopferung, um den Wert seines Wesens zu bewahren, eine Art epische Größe besitzen. Zu später Stunde jedenfalls nähre ich mich mit Wahnvorstellungen dieser Art.«19
Fast unbemerkt ist das Schweigen im Vorfeld, vor der Leistung. (Als Emerson Whitmans Genius bejubelte, riet er ganz richtig, dass hinter der großen Laufbahn »schon ein weites Feld der Vorbereitung liegen muss, nach solch einem Start zu urteilen«.20) George Eliot, Joseph Conrad, Karen Blixen, Sherwood Anderson, Dorothy Richardson, Elizabeth Madox Roberts, A. E. Coppard, Angus Wilson, Joyce Cary – alle kurz vor oder in ihren Vierzigern, bevor sie veröffentlicht wurden; Lampedusa, Maria Dermoût (Die zehntausend Dinge), Laura Ingalls Wilder, die »Kinderbuchautorin«, erst in ihren Sechzigern.17 Ihre Leistung lag schon früh darin, »einer der Menschen zu sein, denen nichts entgeht«;21 auch nicht die Qualitäten anderer Autoren. Nicht alle waren, so wie Anderson, in diesen Jahren des »weiten Felds der Vorbereitung« gequält und gepeinigt; einige bedurften der Lähmung durch eine langwierige Krankheit oder eines schweren Verlusts oder der plötzlichen Aufhebung von Verantwortung, die Schreiben notwendig, die Schreiben möglich machte; andere warteten auf glücklichere Umstände, auf Ermutigung (George Eliot und ihr Partner George Henry Lewes; Laura Ingalls Wilder und das Insistieren ihrer Tochter Rose Wilder Lane, sie möge ihr erzählerisches Talent dem Papier überantworten).
Eng verwandt mit dem Schweigen der letzteren Gruppe ist das Schweigen dort, wo Menschen überhaupt nicht zum Schreiben kamen. Darunter die stummen, unrühmlichen Miltons; jene, deren wache Stunden ganz dem Kampf ums Überleben galten; die kaum Gebildeten; die Analphabeten; Frauen. Ihr Schweigen ist das Schweigen der Jahrhunderte darüber, wie das Leben für den größten Teil der Menschheit verlief und noch immer verläuft. Natürlich finden sich Spuren ihrer Tätigkeit in Volksliedern, Wiegenliedern und Fabeln, in der Sprache selbst, in Witzen und Sprüchen, im Aberglauben – doch von den Schöpfern oder wie es ihnen erging, wissen wir nichts. Bei der Phantasievorstellung eines im tiefsten Afrika geborenen Shakespeare (da es ja wenigstens einen solchen Shakespeare gegeben haben muss) bedeutete das Ritual, die mündliche Erzählkunst Erfüllung? Oder war da eine innere Unruhe, ein unbestimmtes Sehnen, ein Gefühl der Beengung? War es so, wie es Virginia Woolf in Ein eigenes Zimmer von den Frauen vermutete?
Dennoch muss es sowohl unter Frauen wie auch in der Arbeiterklasse eine Art von Genie gegeben haben. […] Aber gewiss schlug es sich nie aufs Papier nieder. Wenn man jedoch von einer Hexe liest, die ertränkt wurde, von einer Frau, die von Teufeln besessen war, von einer weisen Frau, die Kräuter feilhielt, oder sogar von einem außergewöhnlichen Mann, der eine Mutter hatte, dann, denke ich, sind wir einer verhinderten Romanschriftstellerin auf der Spur, einer unterdrückten Dichterin, einer stummen und unbekannten Jane Austen, einer Emily Brontë, die sich auf dem Moor den Schädel einschlug oder Fratzen schneidend auf den Landstraßen umherirrte, wahnsinnig von der Folter, der sie durch ihre Begabung ausgesetzt war.22
Auch Rebecca Harding Davis, deren Werk dem Vergessen anheimgefallen ist (als eine Frau, die vor hundert Jahren lebte, war sie nahe daran, selber stumm zu bleiben), stellte Vermutungen über Schweigende in Zeiten des Zwölfstundentags, der Sechstagewoche an. In Life in the Iron-Mills schreibt sie über einen des Lesens und Schreibens unkundigen Hüttenarbeiter, der große Formen in die Schlacke meißelt: »[…] sein unbändiger Durst nach Schönheit – sie zu erkennen, sie zu erschaffen; etwas zu sein – er weiß nicht, was –, etwas anderes, als er ist. Es gibt Augenblicke, da ihn eine vorüberziehende Wolke, die Sonne, die auf lila Disteln erglänzt, ein freundliches Lächeln, das Gesicht eines Kindes mit leidenschaftlichem Schmerz erfüllt […]«;23 Margret Howth in der Textilfabrik:
In der Welt gab es Dinge, die, wie sie selbst, beschädigt waren – die nicht verstanden – Hunger nach Wissen hatten. […] Andere Dinge sahen ihre Augen schneller als unsere: zarte oder gewaltige Linien, die sie unbewusst fortwährend suchte – in den unscheinbarsten Dingen […]. War es Schwäche oder Unwissenheit, die ihr alles, was sie sah oder berührte, näher, menschlicher erscheinen ließ als Ihnen oder mir? Sie gewöhnte sich nie daran, so wie andere Leute zu leben […].24
Sie gewöhnte sich nie daran, so wie andere Leute zu leben. War es zum Beispiel so?
Dies nur einige Beispiele für Schweigen in Fällen, wo das Bedürfnis und die Fähigkeit, zu schaffen, von hoher Bedeutung war, eine unvollständige Auflistung des Unvollständigen.
Was nun ist das schöpferische Werk, was sind die Umstände, die es braucht, um sich voll entfalten zu können – festgehalten in Tagebüchern, Briefen, Notizen der Praktizierenden selbst: Henry James, Katherine Mansfield, André Gide, Virginia Woolf; in den Briefen Flauberts, Rilkes, Joseph Conrads; in Thomas Wolfes Geschichte eines Romans, Valérys Antrittsvorlesung zum Kolleg über Poetik am Collège de France? Inwieweit können sie das Schweigen erklären?
»Unaufhörliche Arbeit ist das Gesetz der Kunst wie das des Lebens«,25 schrieb (und demonstrierte) Balzac:
Nun kommt aber das Erzeugen, das Hervorbringen, das mühselige Aufziehen des Kindes. Es muss jeden Abend genährt, schlafen gelegt, jeden Morgen mit unerschöpflicher Mutterliebe wachgeküsst, gereinigt und hundertmal in schöne Kleider gehüllt werden, die immer wieder zerreißen. Den tollen Wirrwarr des Lebens zu bändigen und in einem Meisterwerke der Skulptur, Malerei, Dichtkunst oder Musik zu neuem Leben wiedererstehen zu lassen, das zu allen Menschen spricht, das heißt künstlerisches Schaffen.26
»Ohne Amt, fast ohne Verkehr«, berichtet Rilke. »Ich kam dann zu den Freunden nach Schweden, die mir alles boten, was die offenste Gastfreundlichkeit geben kann, aber doch das nicht geben konnten, dieses unbegrenzte Alleinsein, dieses Jeden-Tag-wieder-ein-Leben-Nehmen, dieses Mit-allem-Sein, kurz den Raum, den man nicht absieht und in dem man mitten drinnen steht, von Unzähligem umkreist.«27
Unbegrenztes Alleinsein, wie es Joseph Conrad erlebte:
Ich weiß einzig, dass ich zwanzig Monate hindurch […] wie der Prophet alter Zeiten »mit dem Herren gerungen« hatte, gerungen um meine Schöpfung […]. Das mögen starke Worte sein, doch ist es schwierig, auf andere Weise die Innigkeit und die Anspannung der schöpferischen Bemühungen anzudeuten, welche den Geist, die Seele und das Bewusstsein Stunde um Stunde und Tag um Tag völlig in Anspruch nimmt […]. Denn auch das ist ein Ringen des Menschen mit der Macht seines Schöpfers; es vollzieht sich ohne die Annehmlichkeiten und Tröstungen des Lebens, in völliger Abgeschiedenheit von der Welt, ein einsamer Kampf […].
Ich nehme an, dass ich gelegentlich zu Bett gegangen und ebenso oft wieder aufgestanden bin. Wahrscheinlich schlief ich und wahrscheinlich aß ich auch das, was man vor mich hinstellte, redete auch bei passender Gelegenheit zusammenhängend zu meinen Mitbewohnern. Doch war ich mir des gleichmäßigen Ablaufes der Tage keinen Augenblick bewusst, den eine stille, wachsame, unermüdliche Liebe mir leicht und geräuschlos regelte.28
Demnach bedarf es häuslicher Unterstützung, des gleichmäßigen Ablaufes der Tage, leicht und geräuschlos geregelt.
»Ach, das schreckliche Gesetz des Künstlers«, sagt Henry James, »das Gesetz der Befruchtung, der Fruchtbildung, das Gesetz, durch das alles Wasser auf seine Mühle wird – kurz, das Gesetz von der Annahme aller Erfahrung, allen Leidens, allen Lebens, aller Eingebung, Empfindung und Erleuchtung […]: Dies und dies allein kann die einzige Lehre sein, die ich aus allem ziehe. […] Kombinationen und Inspirationen durch tiefe und beharrliche Aufmerksamkeit und Überlegung ins Leben zu locken –, das ist das Einzige – und ich verleugne es bei weitem zu oft […].«29
Thomas Mann schreibt von »dieser Last, diesem Druck, dieser Gewissensqual, diesem Meer, das auszutrinken, dieser furchtbaren Aufgabe, die sein Stolz und sein Elend, sein Himmel und seine Verdammnis war«.30
Ahnte man, wie viel Zucht und Selbstüberwindung ein Satz, ein strenger Gedanke ihn kostete? […] Vom ersten rhythmischen Drange innerer Kunst nach Stoff, Materie, Möglichkeit des Ergusses – bis zum Gedanken, zum Bilde, zum Worte, zur Zeile: welch Ringen! welch Leidensweg!31
Erhellt das allmählich, was Melvilles Pierre so bitter empfand und was die Literaturgeschichte bestätigt – dass die meisten großen Werke der Menschheit einem Leben abgerungen sind (sein können), das aufgeopfert und dargebracht wurde? Wie anders ließe sich die unaufhörliche Arbeit, die furchtbare Aufgabe, das schreckliche Gesetz, die Beharrlichkeit ertragen? Die Fülle des Ichs: das bedeutet die Fülle der Zeit immer dann, wenn das Werk sie benötigt. (Jene Fülle der Zeit, für die sich Emily Dickinson aus der Welt zurückzog.)
Doch was, wenn sich jene Fülle der Zeit nicht ergibt, ganz zu schweigen von der Fülle des Ichs? Was, wenn Schriftstellerinnen und Schriftsteller, wie in einigen dieser Fallbeispiele des Schweigens, neben ihrer eigentlichen Berufung einem regulären Beruf nachgehen müssen – wie heute nahezu alle Kunstschaffenden in den Vereinigten Staaten?
Ich kenne die Theorie (verwandt mit dem Satz »In der Dachstube Hunger leiden bringt große Kunst hervor«), der zufolge ebendiese Umstände der Kreativität förderlich seien. Ebenso weiß ich, dass eine Berufstätigkeit jungen Anfängern, denjenigen, die ein solches Bedürfnis verspüren, einen wertvollen Zugang zum Leben verschaffen kann, den sie andernfalls nicht hätten. Einige (ich denke an die Ärzte, die unvergleichlichen: Anton Tschechow und William Carlos Williams) können, aus besonderen Gründen, beides bewältigen. Doch die Wirklichkeit bezeugt: Substanzielle schöpferische Arbeit erfordert Zeit, und bis auf seltene Ausnahmen haben nur »Vollzeitarbeitende« sie zuwege gebracht. Wo die Erfordernisse des Schaffens nicht an erster Stelle stehen, sind die Ergebnisse kümmerlich: unvollendete Arbeiten; unbedeutende Anstrengungen und unwesentliche Leistungen; Schweigen. (Die Verzweiflung, die in dem sonderbaren System des bloßen Existenzminimums, das wir uns für unsere Kunstschaffenden ausgedacht haben, jene Berge von Bewerbungen um Stipendien der Stiftungen – ungeteilte Zeit – erklärt.)
Über der Abfassung des Romans Das Narrenschiff vergingen zwanzig Jahre, in denen Katherine Anne Porter, die eigentlich nur zwei benötigt hätte, versuchte, »an den Schreibtisch zu gelangen, an die Schreibmaschine, weg von meinen Aufgaben: zu unterrichten, durchs Land zu reisen und den Haushalt zu führen«.32 »Wissen Sie, wie Sie Ihre Erinnerungen angereichert, Ihren Figuren etwas hinzugefügt haben? Oder geschah das im Unterbewusstsein? Haben Sie diesen Figuren weitere Einzelheiten hinzugefügt, so wie eine Perle Schicht um Schicht wächst?«, wurde sie gefragt und antwortete: »Ich finde, das ist eine großartige Frage – dass Sie als Romanschriftsteller mich das fragen! Sie wissen ganz genau, dass alles damit beginnt, ja, wie das irritierende kleine Sandkorn, das Schichten ausbildet und zur Perle wird. Das kleine Sandkorn habe ich natürlich ummantelt, so dass jeder es vergisst.«33
Mag sein, mag sein, aber ich möchte es bezweifeln. Unterirdische Kräfte können einen dazu zwingen, zu warten, doch sind sie sehr wählerisch, was die Art des Wartens betrifft. Bevor sie die Schöpferin nähren, müssen sie selbst genährt, leidenschaftlich genährt werden mit dem, woran gearbeitet werden muss. »Wir halten unser Verlangen vor uns hin, so wie man einen Magneten über ein Gemisch von zusammengesetztem Staub hält, aus welchem sich plötzlich ein Eisenkörnchen lösen wird«,34 sagt Paul Valéry. Ebendas bedeutet aufnahmebereites Warten ohne Anforderungen, die »ein unabgelenktes Zentrum des Seins«35 verhindern. Und wenn sich die Reaktion einstellt, müssen Sie sofort für die Arbeit verfügbar sein. Wenn Sie nicht sofort an die Arbeit gehen, könnte sich alles verflüchtigen wie ein Traum; schlimmer noch, künftige Werke könnten gefährdet sein – denn nur die Verarbeitung und Entwicklung des Materials setzt die schöpferischen Kräfte für künftige Werke frei.
Es gibt ein Leben, in dem all das dokumentiert ist: Franz Kafkas. Für jeden hier angeführten Eintrag aus seinen Tagebüchern gibt es fünfzig weitere, die auf ebenso unerträgliche Weise von der verzweifelten Anstrengung zeugen, Zeit zu gewinnen, von (uns) verloren gegangenen Werken, von der Beeinträchtigung der Schaffenskraft (und des Körpers), weil Werke abgewehrt, unterbrochen, verschoben, beseitegelegt, dem Tod überantwortet werden müssen.
»Diesem Literarischen kann ich mich nun nicht vollständig hingeben, wie es sein müsste, und zwar aus verschiedenen Gründen nicht«, erklärt Kafka im Jahre 1911. »Abgesehen von meinen Familienverhältnissen könnte ich von der Literatur schon infolge des langsamen Entstehens meiner Arbeiten und ihres besonderen Charakters nicht leben […].«36 Daher sei er Beamter in einer Sozialversicherungsanstalt.
»Nun können diese zwei Berufe einander niemals ertragen und ein gemeinsames Glück zulassen. Das kleinste Glück in einem wird ein großes Unglück im zweiten. Habe ich an einem Abend Gutes geschrieben, brenne ich am nächsten Tag im Bureau und kann nichts fertigbringen. Dieses Hinundher wird immer ärger. Im Bureau genüge ich äußerlich meinen Pflichten, meinen innern Pflichten aber nicht, und jene nichterfüllte innere Pflicht wird zu einem Unglück, das sich aus mir nicht mehr rührt.37
1911
Ich glaube, diese Schlaflosigkeit kommt nur daher, dass ich schreibe. Denn so wenig und so schlecht ich schreibe, ich werde doch durch diese kleinen Erschütterungen empfindlich, spüre besonders gegen Abend und noch mehr am Morgen das Wehen, die nahe Möglichkeit großer, mich aufreißender Zustände, die mich zu allem fähig machen könnten […]. Jetzt aber verursacht mir dieser Zustand neben schwachen Hoffnungen nur Schaden, da mein Wesen nicht genug Fassungskraft hat, die gegenwärtige Mischung zu ertragen, bei Tag hilft mir die sichtbare Welt, in der Nacht zerschneidet es mich ungehindert. […]
Das Bewusstsein meiner dichterischen Fähigkeiten ist am Abend und am Morgen unüberblickbar. Ich fühle mich gelockert bis auf den Boden meines Wesens und kann aus mir heben, was ich nur will. Dieses Hervorlocken solcher Kräfte, die man dann nicht arbeiten lässt […].«38
… die man dann nicht arbeiten lässt …
1911
Nichts bringe ich fertig, weil ich keine Zeit habe und es in mir so drängt.39
1911
Ich ziehe, wenn ich nach langer Zeit zu schreiben anfange, die Worte wie aus der leeren Luft. Ist eines gewonnen, dann ist eben nur dieses eine da und alle Arbeit fängt von vorne an.40
1914
Gestern zum ersten Mal seit längerer Zeit in zweifelloser Fähigkeit zu guter Arbeit. Und doch nur die erste Seite des Mutterkapitels […]. Wieder eingesehn, dass alles bruchstückweise und nicht im Laufe des größten Teiles der Nacht (oder gar in ihrer Gänze) Niedergeschriebene minderwertig ist und dass ich zu diesem Minderwertigen durch meine Lebensverhältnisse verurteilt bin.41
1915
