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Träume sind etwas Schönes: skurril, blutig, mysteriös bis zu rosig, zauberhaft, romantisch. Nur in den Träumen lernt man die tiefsten Sehnsüchte und die innersten Geheimnisse des Unterbewusstseins kennen. Wir, das P-Seminar Kunst & Kreatives Schreiben, haben in diesem E-Book das Träumen als unser zentrales Thema festgelegt, um die vielen Facetten zu präsentieren.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 47
Veröffentlichungsjahr: 2021
Jeder kennt es: man wacht morgens auf, aber in Gedanken ist man noch in der Welt der Träume. Vielleicht hat der Traum uns tief bewegt oder, seien wir mal ganz ehrlich, einfach nur gestresst. Dann stehen wir auf, gehen zur Arbeit oder in die Schule und der Traum verblasst langsam.
Über den Tag retten wir uns mit Tagträumereien, träumen im Unterricht von unserem Schwarm oder der großen Weltreise, die wir unbedingt mal machen wollen.
Abends gehen wir wieder ins Bett und der Kreislauf beginnt von vorne. Manche Träume vergessen wir in der Sekunde, in der wir aufwachen. Andere verfolgen uns noch Jahre lang. In Träumen können wir nicht lügen. Sie zeigen unsere tiefsten Gefühle und Ängste und bringen uns manchmal dazu, an unserem Verstand zu zweifeln. Die Welten, die wir in unseren Träumen kreieren, sind mysteriös, vielfältig und undurchdringbar.
Solche Überlegungen haben uns, das P-Seminar Kunst, zum Schreiben inspiriert. Und so entstand die Idee, unsere Erlebnisse und Gedanken zu diesem Thema aufs Papier zu bringen. In Tandems und Dreiergruppen haben wir ein Jahr lang an unseren persönlichen Kurzgeschichten gearbeitet und diese mit passenden Bildern zum Leben erweckt. Unsere Kursleiterin Frau Lehmann unterstützte uns vollkommen in diesem Prozess und ermutigte uns, unserer Kreativität freien Lauf zu lassen. Das Ergebnis dieser Arbeit sehen Sie nun in diesem E-Book.
Erkundigen Sie die unergründliche Welt der Träume mit uns und tauchen Sie ein in unsere Gedankenwelt.
Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Lesen 😊
Muna Weber und Anne Streble,
i.A.
P-Seminar Kunst & Kreatives Schreiben 2020/22
Rudolf-Diesel-Gymnasium Augsburg
Vera saß da. Sie saß immer da. Immer unter demselben Kirschbaum saß sie, meistens mit irgendeinem Buch in ihrer Hand. Ob sie heute einen Krimi liest oder eine Komödie, eine Tragödie, eine Romanze oder eine Sci-Fi Geschichte, weiß ich nicht.
Sie schaute wie immer verträumt in ihr Buch, in ihrem eigenen Universum, um aus dieser Welt mal rauszukommen. Sie war so vertieft, sie merkte nicht mal, dass ihr eine Kirschblüte auf die Nase fiel.
Ich kicherte. Okay, zugegeben, es sah schon irgendwie süß aus, wie sie so vertieft in ihrer eigenen Welt war.
Ich kannte das Gefühl, in eine Welt einzutauchen, die es nicht gibt. Das Unbekannte war so faszinierend. Ich fragte mich wirklich, was sie las.
Aus der Ferne konnte ich grade noch so erkennen, wie sie eine Seite umblätterte, schließlich streckte sie sich leicht, als sich ihr rechter Arm bewegte. Vielleicht sollte ich ihr helfen und die Kirschblüte von ihrer Nase zu nehmen.
Ich war überzeugt von meiner Idee, weshalb ich auf sie zu lief und mich anschließend vor sie hinkniete. Dazu blickte ich ganz kurz neugierig auf den Einband des Buches.
Das Cover war mit Tusche und wahrscheinlich Wasser- oder Aquarellfarben bemalt. Der warmbraune Hintergrund ergänzte die verschiedenen Pinktöne des Kirschbaumes, welcher auch auf dem Einband war, so bizarr harmonisch. Unter dem Kirschbaum saß eine Person, von der man nur die Silhouette erkennen konnte. Die Person war wahrscheinlich weiblich, so wie ich das von den Kurven her erahnen konnte.
Schon lustig, dass der Baum auf dem Cover genau so aussah wie der Baum, unter dem wir waren und dass genau da an der Wurzel auch ein Mädchen saß, welches ein Buch las. Die Figur auf dem Einband hatte aber keine haselnussbraunen, zugebundenen Haare wie Vera, die immer noch verträumt in die Seiten sah.
Langsam begann ich mich zu fragen, ob Vera nur so tat, als würde sie mich nicht bemerken, oder mich wirklich nicht bemerkte. Egal was es war, es schien mich in dem Moment eh nicht so sehr zu interessieren. Deshalb konnte ich mich für die nächsten paar Momente auf die sanften Gesichtszüge des Mädchens vor mir konzentrieren.
Ich betrachtete ihre Knopfnase und ihre langen, geschwungenen Wimpern. Die weiß-rosane Kirschblüte beachtete ich nicht, da ich zu fokussiert auf ihr leicht geöffneten Lippen war. Sie hatte glänzende, kirschblütenfarbene Lippen, die sich hin und wieder mal bewegten und wahrscheinlich Wörter formen sollten. Ihre rosigen Wangen waren bedeckt mit Sommersprossen, süßen, kleinen verteilten braunen Punkten über ihre Nase und ihre Wangen. Ihre Augen wurden von einer Brille mit dünnem Gestell umrandet. Ihre Augenlider waren fast geschlossen, ich konnte nur vage ihre meerblauen Iris sehen, die eifrig die Wörter des Buches scannen.
Ich kicherte, wobei ich mir nun ziemlich sicher war, dass sie mich nicht bemerkte. Sie war so vertieft in ihr Buch, meine Präsenz war wohl komplett ausgeblendet, was meiner Meinung nach nicht sehr einfach war. Schließlich war ich ja überdurchschnittlich groß. Dazu war ich mir sicher, dass das ganze Metall an meiner Lederjacke klackende Geräusche machte, als ich mich hinkniete. Nun widmete ich mich der Kirschblüte auf ihrer Nase.
Langsam und behutsam bewegte ich meine Hand in Richtung ihres Gesichtes, wobei sie mich immer noch nicht zu bemerken schien. Dieses Mal hörte ich sogar das Klingeln der metallischen Reißverschlüsse meiner Jacke. Ich legte vorsichtig die Kirschblüte zwischen meinem Daumen und meinem Zeigefinger und hob sie von ihrer Nase.
Ihre Augenlider hoben sich langsam. Sie schaute mich mit ihren wunderschönen meerblauen Augen an. Sie musterte mich perplex, wobei sie ihr Buch langsam schloss, und zur Seite legte, als ich panisch versuchte, den Abstand zwischen ihr und mir zu vergrößern. Dabei stolperte ich über meine Füße und landete unsanft und fluchend auf die Wiese. Verdammt, diese Jeans hatte ich erst frisch gewaschen!
„Devin”, murmelte sie meinen Namen, wobei sie in meine Augen schaute. Sie hatte eine sanfte hohe Stimme, die so beruhigend war. Ich fühlte mich auf einmal so beruhigt, nur, weil sie meinen Namen sagte. Es war wie als würde jemand ein Wiegenlied singen. „Vera”, sagte ich ihren Namen lächelnd, wobei sie ihre Augenbraue hob.
Das Mädchen vor mir schaute mich sehr verwirrt an. Sie öffnete einige Male ihrem Mund, um anzusetzen, aber versagte jedes Mal, etwas zu sagen. Dabei wurden ihre Wangen magentafarben, wonach sie wegschaute. Sie versuchte Augenkontakt mit mir zu meiden, wahrscheinlich, weil es ihr förmlich unangenehm war.
Vera schaute in die Ferne, wobei ich immer noch ruhig vor ihr hockte, mit der Kirschblüte in meiner rechten Hand.
