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In diesem Buch kommen 22 Personen zu Wort, die ihre Erinnerungen während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in anschaulichen Geschichten aufgeschrieben haben. Sie lassen uns teilhaben an ihrer kindlichen Sicht der doch so schrecklichen Kriegs- und Nachkriegszeit. Es sind dokumentarische Zeugnisse, über die in einigen Jahren keiner mehr aus erster Hand erzählen kann.
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Seitenzahl: 87
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Sigrid Lützenkirchen
Vorwort
Dr. Anne Rose Knickel, geboren 1941 in Oberhausen
Meine Kinderjahre von 1941 – 1946
Lutz Hänel, geboren 1941 in Berlin
Als aus Bomben Rosinen wurden
Meine Angst vor dem Sprechen
Das „Zweite Gesicht“
Maria Hänel, geboren 1944 in Breslau
Die Russen kommen
Unsere Ziege
Peter Lützenkirchen, geboren 1940 in Kalisch
Heile Welt und Flucht 1940 - 1945
Sigrid Lützenkirchen, geboren 1942 in Leverkusen
Mein Leben auf dem Lande 1943 - 1945
Lore Lüdke, geboren 1944 in Preußisch-Krawarn
Als Baby auf der Flucht
Dr. Heimo Lüdke, geboren 1939 in Kiel
Der glühende Eisenträger und das brennende Schiff
Elvi Brochhagen, geboren 1942 in Birth/Sieg
Unser neues Zuhause – eine Baubude
Jürgen Reith, geboren 1940 in Mülheim an der Ruhr
Schuss: Diesmal ging‘s noch gut
Martha Reith. geboren 1947 in Guasave, Mexiko
War Mexiko am Zweiten Weltkrieg beteiligt?
Prof. Dr. Cedric Cullingford, geboren 1942 in Surbiton, Surrey, GB
The first experience of war
Meine ersten Erfahrungen mit dem Krieg (Übersetzung)
Dr. Georg Schlueter, geboren 1938 in Hamburg
Das Leben mit gepackten Koffern
Dr. Joachim Lohmann, geboren 1939 in Hamburg
1945 – Der Kratzer an der Uhr
Rainer Holthausen, geboren 1937 in Solingen
Panzersperre in Solingen
Brigitte Leupold, geboren 1943 in Dessau
Erlebnisse aus meiner Kindheit in Russland
Anita Schumacher, geboren 1950 in Bütgenbach, Belgien
Meine Eltern lernten sich im Gefängnis kennen
Doris Schulte, geboren 1938 in Liebstadt/Ostpreußen
Ja, damals,…
Dr. Hans-Jürgen Schulte, geboren 1931 in Münster
Vertreibung aus Oldenburg
Dr. Fritz Ötting, geboren 1940 in Berlin-Spandau
Mein Leben als Flüchtling in Bayern
Helgard Vorwig, geboren 1937 in Hamm
In einer Nacht voll Bomben…
Berta Schwegmann, geboren 1941 in Göttingen
Glückliche Kindertage im Krieg
Marie-Luise Pelz, geboren 1939 in Neuwied
Völkerverständigung über den Zaun
Sigrid Lützenkirchen
Schon lange beschäftige ich mich mit dem Gedanken, Erinnerungen aus unseren frühen Kindheitstagen während oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zusammenzutragen.
Die Welt vieler Menschen war damals durch Hitlers Regime aus den Fugen geraten. Die einen waren auf der Flucht von Ost nach West, die anderen lebten mit Sorgen und Ängsten auf dem Land oder in der Stadt. Konfrontiert waren fast alle mit Hunger, Bombennächten, Toten, Vertreibungen, Entbehrungen und sonstigen schrecklichen Nachrichten.
Wir Kinder lebten dennoch in unserer zum Teil unbekümmerten kleinen Welt und spürten vielleicht nur etwas von den Sorgen der Erwachsenen im Inneren. Diese Generation können wir nun nicht mehr befragen. Vielleicht erinnern wir uns aber an Begebenheiten und Gespräche mit ihnen, die diese Zeit widerspiegeln.
So habe ich nun die Erzählungen – lustige, witzige, traurige, prägende oder erklärende – aus meinem Freundeskreis in einem kleinen Buch zusammengetragen.
Ich möchte mich ganz herzlich bei allen dafür bedanken, dass meine Idee Wirklichkeit werden konnte.
Bergisch Gladbach, den 24.02.2019
Dr. Anne Rose Knickel, geboren 1941 in Oberhausen
Meine Lebensgeschichte beginnt am 3. Oktober 1941 mitten im 2. Weltkrieg in Oberhausen, der Stadt der Zechen und Arbeiter.
Deutsche Truppen hatten 1939 Polen und 1940 Paris sowie große Teile Frankreichs besetzt. 45 Tage hatte der „Blitzkrieg“ im Westen gedauert, bis Frankreich kapitulierte. Hitler ließ sich als „größter Feldherr aller Zeiten“ feiern. Im Juni 1941 begann dann der Ostfeldzug (Unternehmen Barbarossa) und am 2. Oktober die Schlacht um Moskau an der deutsch-sowjetischen Front. Er sollte der Beginn ins Inferno werden. Der Reichsminister der Heeresführung drängte auf einen baldigen Friedensschluss, weil die Wehrmacht an materieller und personeller Kraft stark eingebüßt hatte. Bei Hitler stieß er auf taube Ohren.
Am 11.12.1941 erklärte dann Deutschland der USA den Krieg… In dieser Nacht des 2. zum 3. Oktober 1941 war in Oberhausen dichter Nebel. Mein Vater fuhr bei sehr schlechter Sicht meine Mutter mit starken Wehen ins Krankenhaus. Eigentlich war ich gar nicht mehr vorgesehen. Meine Eltern hatten bereits drei Kinder, meinen Bruder von 10 Jahren und meine Schwestern von 9 und 7 Jahren. Morgens lichtete sich der Nebel auf, die Sirenen heulten wieder, denn die Briten setzten ihre Bombenangriffe auf das Ruhrgebiet fort. Die Gynäkologen befanden sich alle im Kriegseinsatz. Meine Herzschläge wurden immer schwächer, weil die Geburt nicht voranging. Eine Hebamme rief aufgeregt: „Wenn das nur gut geht!“ Ich kam dann wegen Sauerstoffmangel ziemlich zyanotisch (bläuliche Verfärbung der Haut) auf die Welt.
Dieser Umstand erwies sich später bei den strengen Erziehungsprinzipien meines Vaters als nützliche Ausrede, wenn meine Schulnoten einmal wieder nicht seinen Vorstellungen entsprachen.
1942 nahmen die Bombenangriffe der Briten im Westen immer mehr zu. Es wurden neu entwickelte Brand- und Sprengstoffbomben eingesetzt. Die Angriffe erfolgten in immer kürzeren Abständen und hinterließen stetig mehr Obdachlose, Verletzte und Tote.
An die Jahre bis 1945 kann ich mich nur bruchstückhaft erinnern. Nach dem Krieg dominierten die Geschehnisse der Kriegszeit oft die häuslichen Gespräche. Mit meiner kindlichen Phantasie identifizierte ich mich mit dem, was ich hörte, als ob ich es selbst erlebt hätte.
In unserem Haus lag ich als Baby immer im Wäschekorb parat, um bei erneutem Sirenengeheul von meiner verängstigten Familie schnell in den Keller getragen zu werden, wo alle Zuflucht suchten. Nach einiger Zeit gewöhnte man sich an das Heulen der Sirenen, das hastige Aufstehen, Anziehen und in den Keller rennen. Doch die Überlegungen meines Vaters, seine Frau und vier Kinder in kriegssicheres Gebiet zu bringen, wurden immer dringlicher.
Schließlich kaufte er kurz entschlossen nahe der Schweizer Grenze in Konstanz ein altes Lagerhaus, das weder Strom noch Wasser besaß. Mein Vater selbst musste in Oberhausen bleiben. Als „u.k. (unabkömmlich) leitete er eine Firma mit 500 Arbeitern und wurde vom Kriegseinsatz freigestellt. Er konnte nicht einfach gehen, um sich in Sicherheit zu bringen. Meine Geschwister wurden Ende 1942 unter der Obhut einer Freundin von meiner Omi aus Berlin in ein Hotel in der Nähe des Bahnhofs von Konstanz vorausgeschickt. Sie bekamen Marmelade und Zuckerwasser zum Frühstück, das sie kräftigen sollte und das sie sehr mochten.
Nach einigen Wochen reiste meine Mutter mit mir und Schaf „Emma“ als Milchquelle per Bahn nach. Wegen der Fliegerangriffe fuhren wir meistens nur nachts. Gab es Flugzeuge in der Nähe, blieb der Zug beim Durchfahren eines Waldes dort stehen, um nicht aus der Luft als bewegliches Objekt entdeckt zu werden. Die Züge wurden immer beschossen, und es gab viele Tote. Nachts waren sie weniger gefährdet und konnten durchfahren.
Als wir an unserem Zielort ankamen, war ich ein Jahr alt. Der Hotelbesitzer war von mir einem manchmal schreienden Kleinkind wenig begeistert. Gleich machte er meiner Mutter klar, dass sein Hotel kein Flüchtlingslager sei und sie mit mir sein gutes Haus schleunigst zu verlassen habe. Die Handwerker versuchten im Lagerhaus ihr Bestes, es war aber immer noch nicht bewohnbar.
So war meine Mutter froh, mit mir in einer kleinen, einfachen Pension unterzukommen. Die Besitzerin dieser Pension, eine Frau Pfeiffer, war eine etwas seltsame Person. An der Haustür gab es mehrere Namensschilder von ihren Ex-Ehemännern. Sie war ungefähr fünfzig Jahre alt. Ich erinnere mich an ihre schwarzgrauen Haare mit Kurzhaarschnitt, eine Knubbelnase, die ungepflegte, völlige Figur, immer schwarz gekleidet. Wir Kinder mochten sie nicht. Später besuchte sie uns oft in unserem neuen Zuhause.
Endlich konnten wir dann das Lagerhaus beziehen, jetzt mit Strom und Wasser. Es gab ein Wohnzimmer mit Küche, ein Schlafzimmer, in dem meine Geschwister schliefen und eins für meine Mutter mit mir. Unter dem Dach gab es noch ein weiteres Zimmer, das zunächst leer blieb. In der Garage wurde Schaf Emma untergebracht, und es gab einen Raum, in dem teure Maschinen der Firma lagerten.
Die nächsten Jahre wurschtelte man sich irgendwie durch. Für mich waren es glückliche Jahre. Es gab keinen Kindergarten. So war ich viel mit meinem gleichaltrigen Freund Peter, einem Bäckerjungen aus der Nachbarschaft, tagsüber unterwegs. Die Sorgen der Erwachsenen kümmerten uns nicht.
1943 siegte die Sowjetische Armee in Stalingrad. Das war die erste bedeutende deutsche Kapitulation in diesem Krieg. Die Lufthoheit der Alliierten in Europa wurde immer erdrückender, und Italien verließ das Bündnis mit Deutschland. Die Bombardierungen in den Städten nahmen immer intensiver zu. Ganze Straßenzüge wurden in Schutt und Asche gelegt und in trostlose Trümmerwüsten verwandelt. Die Jagdbomber griffen jetzt im Tiefflug an und beschossen Menschen, die sich auf der Straße befanden. Die Bevölkerung wurde in Angst und Schrecken versetzt.
Unser Wohnhaus in Duisburg wurde bei einem Luftangriff völlig zerstört.
Mein Vater hatte glücklicherweise zum ersten Mal im Luftschutzbunker Zuflucht gesucht und deshalb überlebt. Als er zum Bunker aufbrach, hörte er noch, wie der Nachbar verzweifelt nach seinem Hund rief, weil auch er eilig dorthin wollte. Als mein Vater nach dem Bombenangriff zurückkehrte und sein Haus nur noch als brennende Ruine vorfand, war auch das Nachbarhaus nur noch ein Trümmerhaufen, auf dem der Hund jaulend saß. Sein Herrchen war tot, den rettenden Luftschutzbunker hatte es nicht mehr erreicht.
Meine Mutter erhielt davon erst Nachricht, als unser Vater nach einer Fahrradfahrt von 588 km vom Rheinland nach Konstanz uns besuchte.
Mit den Großeltern in Berlin hatten wir keinen Kontakt. Die Telefon- und Postverbindungen funktionierten nicht. Das schöne Haus in Charlottenburg war inzwischen völlig zerstört. Vorrübergehend hatte Omi Ruhr und der Bruder meiner Mutter war als Helfer bei einem Bombenangriff umgekommen. Die Reichshauptstadt Berlin war die Stadt mit den meisten Bombenangriffen. Von dem allem und späteren Ereignissen in Berlin erfuhr meine Mutter erst nach Kriegsende. Sie machte sich natürlich Sorgen, wie es ihrer Familie in Berlin ging, und ob sie überhaupt noch lebte.
1944 am 6.6., dem D-Day, landeten die westlichen Alliierten in der Normandie, im Oktober erreichte die Rote Armee die deutsche Grenze und die Alliierten Aachen, die erste deutsche Großstadt. Im April 1945 erfolgte dann die erbitterte Schlacht um Berlin.
Am 7. Mai 1945 wurde in Reims die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht unterzeichnet. Hitler hatte 7 Tage vorher Selbstmord begangen.
Der grausame Krieg war vorbei, aber an eine Rückkehr ins zerstörte Ruhrgebiet war so schnell nicht zu denken.
Noch im Februar 1945 hatte mein nun 14-jähriger Bruder einen Einberufungsbefehl erhalten. Er sollte an der „Heimatfront“ eingesetzt werden. Kurzerhand steckte meine Mutter ihren Sohn ins Bett, und der Arzt schrieb ein Attest: „Einsatzunfähig wegen akuter Blinddarmentzündung“.
Das Land wurde in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Konstanz, das nicht zerbombt wurde, gehörte nun wie das gesamte Bodenseegebiet zur französischen Besatzungszone, und die Franzosen marschierten ein.
