Ich war in Lissabon und dachte an dich - Luiz Ruffato - E-Book

Ich war in Lissabon und dachte an dich E-Book

Luiz Ruffato

5,0

Beschreibung

Lissabon aus der Perspektive des Einwanderers ist ein Gewirr aus Gassen und heruntergekommenen Etablissements: billige Kneipen, Pensionen, Telefonbuden für den Kontakt in die Heimat. Serginho schlägt sich durch, ohne Papiere, ohne Geld, mit dem bescheidenen Wunsch, es durch fleißige Arbeit zu etwas zu bringen. Dann trifft er die Brasilianerin Sheila, der in scheuer Zuneigung zugetan ist. Luiz Ruffatos neuer Roman erzählt mit lakonischer Präzision vom alltäglichen Überlebenskampf eines mittellosen Migranten in Europa und zeigt uns ein Bild der Stadt Lissabon fernab von touristischen Klischees. Eine moderne Parabel.

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Seitenzahl: 107

Veröffentlichungsjahr: 2015

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LUIZ RUFFATO

ICH WAR IN LISSABON

UND DACHTE AN DICH

LUIZ RUFFATO wurde 1961 in Cataguases im brasilianischen Bundesstaat Minais Gerais geboren und wuchs in einer armen Migrantenfamilie auf. Er arbeitete u.a. als Verkäufer und Mechaniker und studierte Journalismus. Im Jahr 1998 veröffentlichte er einen ersten Band mit Kurzgeschichten. Drei Jahre später folgte der Roman »Es waren viele Pferde« (Eles eram muitos cavalos), der die brasilianische Literatur revolutionierte, von der Kritik enthusiastisch aufgenommen und u.a. mit dem Prêmio Machado de Assis der brasilianischen Nationalbibliothek ausgezeichnet wurde.

Zwischen 2005 und 2011 schrieb Luiz Ruffato den fünfbändigen Zyklus »Vorläufige Hölle« (Inferno próvisorio), der auf Deutsch bei Assoziation A erscheint (»Mama, es geht mir gut«, 2013; »Feindliche Welt«, 2014).

Luiz Ruffato lebt in São Paulo.

LUIZ RUFFATO

ICH WAR IN LISSABON UND DACHTE AN DICH

Aus demPortugiesischenvon Michael Kegler

Titel der Originalausgabe:Estive em Lisboa e lembrei de você (Companhia das Letras, São Paulo 2009)

Obra publicada com o apoio do Ministério da Cultura do Brasil/Fundação Biblioteca Nacional

Veröffentlicht mit Unterstützung des brasilianischen Kulturministeriums

© Luiz Ruffato 2009

© der deutschsprachigen Ausgabe, Berlin/Hamburg 2015Assoziation A, Gneisenaustraße 2a, 10961 Berlinwww.assoziation-a.de, [email protected], [email protected]: Andreas Homann

Foto Einband: iStockPhoto/joepix

ISBN Print: 978-3-86241-444-4

ISBN EPub: 978-3-86241-614-1

Inhalt

Vorbemerkung

Wie ich aufhörte zu rauchen

Wie ich wieder anfing zu rauchen

Für meine FreundeMaria de Santa-Cruz und Fátima ÁlvaresAntônio Jorge und Alberto João Marques

Und für Helena und Filipe, immer

Ohne mich an dichZu erinnern, lebe ichIn LissabonDer großartigen Stadt

Xutos e Pontapés

Brasilien, wo ich gelebt, Brasilien, in dem ich gelitten,

Brasilien meines kindlichen Staunens:

Wie lange schon habe ich dich verlassen

Kaimauer am anderen Ende meines Wegs!

Wie viele Meilen Beklemmung im

Ozean der Sehnsucht!

Wie viele salzige Tränen auf dem Deck

voller Abwesenheit!

Ankommen. Dich noch mehr verlieren.

Von Neuem verwaist,

Nun ohne den Schutz meiner Unschuld.

Zwei Anziehungspunkte in meinen Gedanken!

Zwei widerstreitende Sehnsüchte im Gefühl!

Ein Fegefeuer, in dem das Leiden

Nie einen der ersehnten Himmel sieht.

Ach, Verbannung im Antlitz eines jeden Gesichts,

Traurigkeit eines geteilten Schoßes!

Ach kenterte doch unterwegs die Verzweiflung

Auf dem Weg zwischen gefundenem

und verlorenem Boden.

Miguel Torga

VORBEMERKUNG

Dies ist die nur leicht bearbeitete Niederschrift der Erzählung von Sérgio de Souza Sampaio, geboren am 7. August 1969 in Cataguases (Minas Gerais), aufgezeichnet in vier Sitzungen an sonnigen Samstagnachmittagen des 9., 16., 23. und 30. Juli 2005 im Solar dos Galegos oberhalb der Treppen der Calçada do Duque im historischen Zentrum von Lissabon. Paulo Nogueira, der mich mit Serginho in Portugal bekannt machte, sowie Gilmar Santana, der ihn in Brasilien traf, widme ich dieses Buch.

L.R.

WIE ICH AUFHÖRTE ZU RAUCHEN

Ich habe wieder angefangen zu rauchen, so ungefähr sechseinhalb Jahre nach meinem Besuch bei Doktor Fernando, der mich schon damals, als er das Rezept schrieb – Tegretol, Fluoxetin und Nikotinpflaster –, gewarnt hatte, »ist nur zur Unterstützung«; aufhören, also für immer, müsse ich aus eigenem Willen, »Die Gier, nur ein paar Sekunden … dann war alles umsonst …«. Ich hatte vorher schon drei Mal versucht, aufzuhören. Einmal, beim letzten Mal, kauften mir meine Kollegen aus der Abteilung Lohnbuchhaltung, Companhia Industrial de Cataguases, die meinen Zustand nicht mehr ertragen konnten, schließlich ein Päckchen Hollywood – mochte ich nicht mal, viel zu stark –, und gaben es mir mit dem Kommentar, sie könnten mich ja gut leiden und es sei ihnen ja klar, dass ich, wenn ich weiter beinahe zwei Päckchen am Tag rauchen würde, mir irgendwann eine schwere Krankheit einfangen würde, ein Emphysem, Krebs oder so was, aber meine Nervosität, meine schlechte Laune seien nicht auszuhalten, wo ich doch sonst so ein ruhiger, freundlicher, höflicher Mensch sei. Das Problem ist, früher hatte ich es immer auf die harte Tour versucht, ohne Medikamente, nun hatte ich auf Anraten des Betriebsarztes professionelle Hilfe in Anspruch genommen und Doktor Fernando gefragt, der ist zwar Gynäkologe und Geburtshelfer, aber am Wochenende spielten wir immer zusammen Fußball bei Primeiro de Abril, so genannt wegen des ersten Aprils, Tag der schlechten Scherze, aber auch des Putsches von 1964 – nach Meinung meiner politischen Freunde sowieso ein und dasselbe. Er schnürte sich die Fußballschuhe und sagte, »morgen« – also am Montag – solle ich »gegen Mittag« zu ihm in die Praxis kommen, schließlich sei das Rezept verschreibungspflichtig. Am nächsten Tag, nachdem wir die entscheidenden Momente des Spiels gegen die Seniorenmannschaft von Vasquinho, das wir drei zu eins gewonnen hatten, durchgegangen waren, schlug mir Doktor Fernando vor, ich solle »Du hast doch sowieso gerade Urlaub« noch mal richtig zuschlagen, »Rauche, so viel du nur kannst«, anschließend hätte ich dann so einen Schädel, dass ich nicht einmal mehr den Geruch einer Zigarette ertragen könne, »Und dann fängst du an mit der Therapie«. Ich ging raus auf die Straße, über die Praça Rui Barbosa, löste das Rezept in der Apotheke an der Ecke ein, hätte fast hingeschmissen, als ich hörte, was das alles kosten sollte, und knatterte dann langsam auf meiner Biz durch die Stadt, all die Zigarettenmarken im Kopf, die mich in meinem Leben begleitet hatten, das Zeug, das wir als Kinder geraucht hatten, die ekligen Filterlosen von meinem Vater, wenn sonntags Besuch kam, bis zu den John Player auf dem Lotus von Emerson Fitipaldi, dem Formel-1-Weltmeister von 1972 auf dem Plakat an der Wand meines Zimmers, das ich mir mit meinem Onkel Zé-Carlim, dem jüngeren Bruder meiner Mutter teilte, der ein Autofanatiker war und, Ironie des Schicksals, noch sehr jung, mit nicht einmal dreißig Jahren, in der Ausfahrt nach Ubá ums Leben kam, bei einem Unfall zwischen einem Omnibus auf dem Weg von Belo Horizonte nach Muriaé und dem Chevette von Herrn Lino, mit dem die ganze Truppe, die da in seinem Lagerhaus arbeitete, zum Angeln an der Talsperre Maurício unterwegs war. Ich wusste anfangs nicht mal, dass John Player eine Zigarettenmarke ist, das fand ich erst später zufällig heraus, in São Paulo, als ich mit Semíramis, meiner Schwester, unterwegs war, in der Rua Oriente in Brás einkaufen für ihren Laden in Cataguases, in Taquara Preta, der aber nicht lange hielt, weil ja die Leute alles auf Pump kaufen und nie bezahlen, und dann musste sie zumachen und blieb selbst Leuten Geld schuldig, wie das so ist im Geschäft. Ein Kerl, der Bescheid wusste, Sonnenbrille, Fahreruniform, zeigte mir die schwarze Schachtel mit der verschnörkelten goldenen Schrift, »Kennst du die?«, vom Sehen, sagte ich, er bot mir eine an, ich nahm sie und sagte danke. »Solche gibt es gar nicht in Brasilien«, hustete er, und ich fragte, wo man sie denn bekäme, die Leute aus seiner Stadt Presidente Prudente, sagte er, ließen sich gegen Geld von ihm fahren, überall hin, »manchmal bis Paraguay«, und dann schwätzte er mir noch eine Flasche Whisky auf, die mit dem weißen Pferd, angeblich der beste überhaupt, keine Ahnung, ich schmecke da keinen Unterschied und habe sie nur gekauft, um dem armen Kerl einen Gefallen zu tun, dazu schenkte er mir einzeln sechs Zigaretten (die ich einsteckte und noch jahrelang stolz meinen Freunden zeigte). An dem Tag, glaube ich, überkam mich zum ersten Mal das Verlangen, ins Ausland zu gehen, so neidisch war ich darauf, wie schlau dieser Typ war. Und plötzlich war ich in Paraíso, wo ich jahrelang keinen Fuß mehr hineingesetzt hatte – aus Enttäuschung, und um Karina nicht über den Weg zu laufen, mit der ich einmal eine Zeit lang zusammen gewesen war. Meine Mutter, Dona Zizinha, hatte mich in der Mittagspause zum Optiker in der Rua do Comércio geschickt, um ihre Brille abzuholen, und ich hatte mich in das Mädchen im Laden verguckt, ihr ernstes Gesicht in den vielen Spiegeln, die immer in so einem Optikerladen sind. Von da an holte ich sie jeden Tag von der Arbeit ab und begleitete sie bis zur Fakultät für Philosophie, Naturwissenschaften und Literatur von Cataguases, wo sie im Abendkurs Pädagogik studierte. Manchmal wartete ich dort bis nach der letzten Stunde auf sie und strich so lang durch die Flure – freundete mich mit den Lehrern und Hausmeistern an, überlegte sogar, selbst noch einmal die Schulbank zu drücken –, um sie dann später nach Hause zu begleiten und unterwegs jeden Schatten unter jedem Baum auszunutzen, jede kaputte Straßenlaterne, jede dunkle Ecke. Doch das ging nicht lange gut: Irgendwann ließ sie mich sitzen für einen Burschen mit einer blauen 125er, den sie dann heiratete, sie bekamen ein Kind, trennten sich wieder, und wahrscheinlich lebt sie noch immer da draußen, geschieden, ist Lehrerin an einer staatlichen Schule, unabhängig. Ich bereute schon meinen Entschluss – bekam Lust zu rauchen und fragte mich, ob es den ganzen Aufwand wert war –, da fiel mir ein, dass Chacon (Abwehrspieler bei Primeiro de Abril, der wenn er aufs Feld kam, xa comigo rief, lass mich mal, daher der Spitzname) ständig tönte, er habe da in der Gegend ein Geschäft, ich fragte mich von Laden zu Laden durch, und dann fand ich ihn, klein, aber ganz nett, sauber, zwei rote Plastiktische auf dem schmalen Gehweg, noch zwei aus Metall rechts in der Ecke im Raum ohne Fenster, Zementboden, eine Theke mit Quengelzeug für die Kinder, ganze Regale mit bunten Getränken, ein Glaskasten mit salzigen Häppchen, ein Eisschrank, eine Kühltruhe. Ich parkte die Biz gleich am Randstein, er fiel mir gerührt um den Hals »Junge, das ist ja eine Überraschung!« und rief durch die Hintertür in das schmale Häuschen, das mal aufgestockt worden war: »Lazinha, guck mal, der Sérgio« und zog mich, »Komm rein«. Fragte »Wie geht‘s?«, »Na ja, geht so«, antwortete ich. Er rief noch einmal nach dieser Lazinha, wohl seine Frau, er müsse ihr unbedingt seinen Fußballkumpel vorstellen, damit sie mal sehen könne, mit was für anständigen, aufrechten Leuten er unterwegs sei, »Sie vertraut mir ja«, aber so ganz überzeugt ist sie nicht, gab er missmutig zu. Ich erzählte ihm, was Doktor Fernando gesagt hatte, und er antwortete »Ein großer Mann!« und »Lass mich mal!«, völlig aufgeregt, er würde mich nur noch komplett abgefüllt wieder gehen lassen, vorneweg gab er mir schon einmal einen Cachaça, vom Land, den ich gleich herunterspülte. Dann steckte ich mir eine Zigarette an, er brachte Bier und zwei Gläser, allein könne er niemanden trinken sehen. »Macht mich traurig«, wir stießen an, und wieder verschwand er nach hinten zu seiner Frau, »Ich sag ihr nur schnell, sie soll uns eine Kleinigkeit zu essen machen, was Besonderes, lass mich mal«. Ich kann mich nur noch vage an Rindfleisch mit Zwiebeln erinnern, einen schamlos unterwürfigen, ausgehungerten Straßenköter, das Gewimmel von mageren, schmutzigen Kindern, »Senhor Pimenta, ein Liter Spülmittel bitte«, »Senhor Pimenta, Mama lässt fragen, ob wir eine Flasche Cola bekommen, wir können erst Samstag bezahlen«, »Senhor Pimenta, haben Sie Insektengift?«, »Senhor Pimenta, Sie sollen auf Kuh setzen, sagt Papa«, »Eine Schachtel Streichhölzer, Senhor Pimenta« – Senhor Pimenta, Chacon, stand auf, verkaufte, notierte die gepumpten Beträge in ein Schulheft, kritzelte die Wetten der Tierlotterie in einen Block mit Durchschlagpapier, setzte sich wieder und fuhr in seiner Rede fort, »Flamengo einundachtzig, nicht einmal Santos zu Zeiten von Pelé kommt da mit, nicht mal Santos!« Gegen Abend waren die Männer, die auf der anderen Straßenseite geschuftet, Sand und Zement geschippt, Schubkarren mit Mörtel zu einer Baustelle oben am Hang gewuchtet hatten, auf einen Schnaps in der Kneipe vorbeigekommen, hatten Jiló-Eintopf gegessen, gebratene Wurst, ein bisschen geredet, und als ich erwachte, bekam ich einen riesigen Schrecken, weil schon die Sonne in mein Gesicht brannte, Dienstag früh in meinem Zimmer in Taquara Preta. In meinem Kopf hämmerte es. Ich weiß noch, es war nicht ganz einfach gewesen mit der Rechnung, Chacon hatte addiert und subtrahiert und war nie zum Ende gekommen, weil er ja selbst konsumiert hatte, Bier und auch Essen, es sei nicht gerecht, aber ich hatte ja Urlaubsgeld und wollte unbedingt alles bezahlen, auch das von den Maurern, und er »Wir sind doch Freunde« hatte das nicht gelten lassen wollen, schließlich spielten wir ja in einer Mannschaft »Lang lebe der Erste April!«, wir könnten doch halbe-halbe machen, so ging das hin und her, und dann schlug plötzlich mein Herz schneller, ein Blick aus dem Fenster, meine Biz stand nicht im Garten, ich streckte meine wackeligen Beine aus, meine Mutter saß in der Küche, »Schon wach, Junge?«, Ringe unter den Augen, ich fragte erschrocken, wo denn die Biz sei, und sie jammerte, ich sei »vollkommen«, sie wolle nicht sagen besoffen, aber doch traurig »betrunken« nach Hause gekommen, hätte mich kaum auf den Beinen halten können, ihr das schwere Motorrad überlassen und sei dann weggetorkelt, sie hatte, weil sie sich nicht anders zu helfen gewusst hatte, die Biz gegen den Ficus gelehnt, vor dem Haus an der Mauer, sich einen