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Unerfüllter Kinderwunsch, Kinderwunsch-Behandlung und künstliche Befruchtung bleiben Tabu-Themen. Josephine Himmelreich gibt mit diesem Tagebuch Antworten auf viele ungestellte Fragen. Allen Rückschlägen zum Trotz findet sie immer wieder neue Kraft, ihre Hoffnung und ihr Ziel nicht aufzugeben. Darüber hinaus hält sie ein leidenschaftliches Plädoyer für ein selbstbestimmtes Leben, für den Mut, Unverständliches anzuzweifeln, für eigenverantwortlich getroffene Entscheidungen und für die gemeinsame Liebe, die allen Zweifeln standhält.
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Seitenzahl: 235
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Josephine Himmelreich
Buch 1
Tagebuch
einer Kinderwunschbehandlung und künstlichen Befruchtung mit IVF und ICSI
Books on Demand
Josephine Himmelreich
Ich will
Folgende Fortsetzungen sind geplant:
Dies ist ein Tagebuch.
Alle geschilderten Begebenheiten haben sich so zugetragen. Zumindest sind sie mir so in Erinnerung geblieben. Meine Einschätzung über die Menschen und die Vorgänge ist eine sehr persönliche, sie ist subjektiv und kann unzutreffend sein. Möge sich bitte jeder seine eigene Meinung bilden.
Alle Menschen in diesem Tagebuch haben mir und meiner Familie in irgendeiner Form geholfen.
Die einen, weil sie einfach nur ihre Pflicht getan haben und uns damit nützlich waren.
Die anderen, weil sie aus Berufung oder Mitleid weit über ihre Pflicht hinaus für uns da waren und sich für uns eingesetzt haben.
Und dann gibt es noch die, die uns vor allem zu schlechten Erfahrungen verholfen haben. Aus unschönen Erlebnissen haben wir am schnellsten gelernt. Diese Menschen haben uns geholfen, unangenehme Entscheidungen leichter zu treffen.
So war jeder im Buch erwähnte Mensch wichtig für uns. Allen gemeinsam sind wir dafür sehr dankbar.
»Der Weg zum Ziel beginnt an dem Tag, an dem du die hundertprozentige Verantwortung für dein Tun übernimmst.« Dante Alighieri
www.josephine-himmelreich.de
Eilig hasten die Worte dem Erfolg entgegen, irren suchend im Kreis, wiederholen sich, schweifen ab und verfehlen doch beharrlich das selbstgewählte Ziel.
Geduld wird erzwungen, wo sie nicht gegeben ist.
Ich will!
Man sagt nicht »Ich will.«
Man sagt: »Ich möchte bitte.«
So haben wir es gelernt, so sollen wir es unsere Kinder lehren.
Doch dann gibt es die Momente im Leben, in denen man etwas Besonderes erreichen will, etwas nicht Alltägliches, etwas Einmaliges, Herausragendes.
Wer ein solches Ziel erreichen will, der muss es mit aller Kraft und allem Willen WOLLEN.
Der muss bereit sein, alles andere in seinem Leben hinter diesem einen Wunsch zurück zu stellen. Der muss verzichten können, um seinen Traum wahr werden zu lassen.
Wer zu diesem Willen nicht bereit ist, der möchte besser erst gar nicht.
Was willst Du wirklich?
Ich will ein Baby.
25.02.1997 (Di)
Kinderwunsch-Sprechstunde in der Frauenklinik in Dresden.
Heute werde ich zum ersten Mal gespritzt.
Noch einmal wird meine Regel kommen. Danach verursacht die Spritze für zwei Monate eine künstliche Menstruationspause. In dieser Zeit werden mich die Ärzte künstlich mit den erforderlichen Hormonen versorgen.
Sie werden es medizinisch und mathematisch exakt tun. Freundlich aber bestimmt erwarten sie von Beginn an auch von mir, alle Festlegungen akkurat einzuhalten.
So fängt das Rechnen an, bevor die Behandlung überhaupt richtig begonnen hat:
Ein Regelzyklus hat normalerweise 28 Tage. Die Menopausen-Spritze wird am 23. Zyklustag geben. Mein Regelzyklus ist viel länger. Damit es passt, habe ich ein wenig gemogelt. Bei mir ist heute der 5. Tag von hinten, 28 minus 5 sind 23. Umgerechnet ist bei mir heute somit der 23. Tag.
Also passt es wieder.
Wenn sich die Ärzte so an den Zahlen festklammern, dann muss man die Zahlen eben passend rechnen.
Für jemanden, der in Dresden oder einer anderen Großstadt wohnt, mag meine Rechnerei unverständlich sein. Sie können ja morgen oder übermorgen zur Behandlung wiederkommen. Wir nicht.
Wir wohnen nicht in Dresden. Wir wohnen im östlichsten Zipfel Deutschlands, im Zittauer Gebirge, knapp zwei Autostunden von Dresden entfernt. Bei uns gibt es weder eine Kinderwunsch-Sprechstunde noch eine Kinderwunschbehandlung. Von uns Bergbewohnern erwartet man wahrscheinlich, die langen Winternächte würden schon das Ihrige tun.
Tun sie aber nicht, zumindest nicht bei uns. Deshalb müssen wir zur Kinderwunschbehandlung zwei Stunden nach Dresden fahren und noch einmal zwei Stunden wieder nach Hause zurück. Die Fahrerei kostet Zeit und Spritgeld. Außerdem ist sie nicht gerade eine Erholung. Die wenigen Kilometer Autobahn bestehen fast ausschließlich aus Baustellen, den restlichen Weg tuckern wir hinter endlosen, nach Osteuropa strebenden Lastwagenkolonnen her.
Noch haben wir keine Vorstellung davon, wie oft wir in den nächsten Wochen nach Dresden fahren werden. Wir müssen uns überraschen lassen. Bis dahin und für den Weg erhoffen wir uns nur das Beste.
Rückblick
12. Juni 1987, Sonntag
Marc und ich sind seit über einem Jahr verheiratet. Beide studieren wir noch. Mit der finanziellen Hilfe meiner Eltern leisten wir uns eine erste, eigene, leider etwas baufällige Altbauwohnung.
Spätestens seit unserer Hochzeit wünschen wir uns ein Kind.
Nur klappen will es nicht.
Bei mir scheint auf den ersten Blick alles in Ordnung zu sein. Einen einzigen kleinen Makel gibt es, der angeblich nicht von Bedeutung ist: Mein Regelzyklus dauert fünf Wochen. Normal wären vier. Meine Temperaturkurve zeigt ordnungsgemäß einen ordentlichen Eisprung. Damit sollte der verlängerte Zyklus kein Hindernis sein.
Weil bei mir alles zu stimmen scheint, hat Marc angeboten, sich auch untersuchen zu lassen.
Letzte Woche war er in Dresden beim Urologen zum Spermiogramm. Mit einem Spermiogramm wird untersucht, ob der Samenerguss genügend Spermien enthält und ob die Spermien auch beweglich genug sind.
Das Ergebnis lässt auf sich warten.
Momentan ist uns das egal. Wir haben ganz andere Sorgen. Sorgen, die wir uns selbst eingehandelt haben. Weil wir uns ganz lieb haben und weil wir uns gegenseitig helfen wollen.
Ab morgen habe ich zwei Wochen lang Prüfungen, immer montags, mittwochs und freitags. Marc wollte mir einen Gefallen tun und mich in den Prüfungsvorbereitungen nicht stören. Deshalb hat er sich freiwillig zu einem 14 tägigen Sondereinsatz irgendwohin weit weg gemeldet. So werde ich meine Ruhe haben, hat er mir liebevoll erklärt.
Ich will aber gar nicht »meine Ruhe« haben.
Ich kann doch nicht den ganzen Tag lang lernen. Ich muss mich auch mal mit jemandem über etwas anderes unterhalten können. Mir wird die Decke auf den Kopf fallen, auch wenn sie in unserem Altbau noch so hoch hängt.
Heute Nachmittag wird Marc fahren.
Ich will ihn noch nicht gehen lassen, will ihn einfach festhalten. Seit gestern verbringen wir die Zeit nur noch mit uns, mit uns und im Bett. Als könnten wir vorarbeiten, was wir die nächsten zwei Wochen nicht erleben werden.
Liebe kann sooooo schön sein.
Kurz nach Mittag fährt Marc los.
Ich bleibe allein in der leeren Wohnstube sitzen und stecke vereinsamt meinen Kopf in die Bücher.
26. Juni 1987, zwei Wochen später, Sonntag
Marc ist wieder da, endlich.
Meine Prüfungen habe ich all, bestanden, überstanden.
Nur das Alleinsein nicht. Das habe ich ganz und gar nicht vertragen.
Am Wochenende bin ich zur nächstbesten Tante gefahren. Die hat sich über den unerwarteten Besuch gefreut und ich konnte endlich einmal andere Stimmen hören. Sonst interessiere ich mich nicht besonders für Familientratsch und Krankengeschichten. Diesmal war mir jede Erzählung recht. Dazu gab es Kaffee und Kuchen. So ging es mir etwas besser.
Hauptsache, ich war nicht allein zu Hause.
Jetzt ist Marc wieder da, jetzt ist alles Alleinsein vorbei, jetzt können wir uns endlich wieder lieben.
Das sollten wir auch schnellstmöglich tun, denn am Freitag bin ich mit meiner Regel dran.
08. Juli 1987, der übernächste Freitag
Meine Regel ist schon seit einer Woche überfällig.
Ich messe meine Aufwachtemperatur. Die liegt bei 37,2 °C. Logische Schlussfolgerung wäre: Ich muss schwanger sein.
Noch eine logische Schlussfolgerung: Ich kann gar nicht schwanger sein. Marc war an dem Freitag, als ich meinen Eisprung hatte, schon eine knappe Woche weg. Das ist viel zu lange für eine Befruchtung.
Da stimmt was nicht.
Was stimmt da nicht in mir? Was ist los?
Ich bekomme Angst.
Marc schickt mich berechtigt zum Frauenarzt, ich gehe ohne Widerrede.
In der Poliklinik arbeitet Herr Dr. Kubaschek, ein väterlich sorgender Arzt, dem ich jetzt ohne Scheu meine Ängste berichte.
»Aha, der Mann war gar nicht da? Ja brauchen wir denn den dazu?!«, schmunzelt mich Herr Dr. Kubaschek liebevoll an. Wie er dabei das Wörtchen »den« betont, so langgezogen. Als wollte er behaupten, man könnte inzwischen schon vom bloßen Glauben schwanger werden.
Oder liebäugelt er mit einem Hausfreund, der mich während Marcs Abwesenheit unterhalten hat?
»Eigentlich brauchen wir den schon«, murmle ich und denke eher an Krebs als an ein Kind.
Der Arzt schickt mich zur Schwester zum Schwangerschaftstest und lächelt noch immer so erwartungsvoll. Mein Mann war wirklich nicht da und für einen anderen ist meine Liebe zu meinem eigenen Mann zu groß.
Was soll diese Bemerkung? Dazu dieses verschmitzte Lächeln. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, gehe zur Schwester und absolviere den Schwangerschaftstest.
Nach dem Test setze ich mich ins Wartezimmer.
Die großen, schwarzen Hocker haben keinen Rücken. Sie sind unbequem. Ich will mich anlehnen, kann es aber nicht. Ich fühle mich abgewiesen.
Das Licht ist aus. Alles wirkt noch dunkler. Meine Gedanken gehen ins Leere, meine Umwelt nehme ich nicht war.
Die Zeit rast oder schleicht an mir vorbei. Ich weiß nicht, wie lange es dauert.
Irgendwann ruft die Schwester mich wieder auf: »Frau Himmelreich bitte!«
Es klingt, als wäre sie voller guter Hoffnung. Ich will das Hoffnungsvolle nicht hören. Ich habe innerlich fürchterliche Angst vor einer ernsthaften Erkrankung.
Noch immer gedankenlos trabe ich ins Arztzimmer.
»Glückwunsch, Frau Himmelreich, Sie sind schwanger.«
Wieso?
Nein!
Das geht doch nicht!
Woher?
Fragezeichen über Fragezeichen.
Der Arzt sieht mich erstaunt an: »Möchten Sie das Kind nicht?«
Wie kann man mich so etwas fragen?
Natürlich möchte ich das Kind! Ich habe mich schon seit Monaten darauf gefreut. Ich kann es nur nicht glauben.
Der Arzt lächelt wieder und erklärt mir, mein Prüfungsstress könnte schon dazu geführt haben, dass sich das Sperma fünf Tage bis zum Eisprung gehalten hat. So etwas wäre nicht ungewöhnlich. Ich soll mich in vier Wochen zur ersten Untersuchung melden.
Die Sekunden, bis ich wieder vor der Tür stehe, brauche ich noch, um mein Glück zu begreifen.
Ich schließe die Tür hinter mir, bleibe einen Augenblick stehen und buchstabiere:
ICH BIN SCHWANGER!
Jetzt habe ich es verstanden.
Laut jubelnd hüpfe ich quer durchs Wartezimmer und die Treppe hinunter zum Ausgang. Die verständnislosen Blicke der Wartenden sind mir völlig egal.
Ich bekomme mein Baby!
Wieder zu Hause kann ich es kaum erwarten, Marc alles zu berichten. Als er endlich da ist, sprudelt meine Freude nur so aus mir heraus.
Marc strahlt. Er nimmt mich in die Arme, drückt mich liebevoll an sich und flüstert leise: »Meine Laura kommt. «
13. Juli 1987, Mittwoch
In der Post ist ein Brief vom Urologen in Dresden. Marc möchte sich bitte noch einmal bei ihm vorstellen. Im Brief steht auch gleich ein neuer Termin für nächste Woche.
Der Termin passt mir gar nicht. Nächste Woche wollen wir zelten fahren.
Ich rufe an, um den Termin zu verschieben. Beiläufig erkundige ich mich, warum überhaupt ein weiterer Vorstellungstermin erforderlich ist.
Die Schwester klingt genervt: »Das machen wir bei allen, wenn das Spermiogramm nicht in Ordnung war.«
»Dann können wir uns den Termin ganz sparen«, frohlocke ich, »ich bin nämlich schon schwanger.«
Fast klingt es frech, was ich da sage. Dabei freue ich mich doch nur.
Im meinem Hinterkopf warnt mich eine ernste Stimme: Es wird Euer einziges Kind bleiben. Noch einmal werdet Ihr so ein Glück nicht haben. Wenn ihr noch ein Kind wollt, braucht Ihr ärztliche Hilfe.
09. März 1988, Mittwoch
Unsere Laura wird geboren.
Wieder im Sommer 1996
Die warnende Stimme in meinem Hinterkopf sollte Recht behalten. Laura ist bis heute unser einziges Kind geblieben.
Über diese traurige Realität sind wir unglücklich, über Laura bestimmt nicht. Sie ist unser ganzer Stolz.
Laura ist fix im Denken, freundlich, begeisterungsfähig und ausdauernd. Natürlich hat sie, wie die meisten Einzelkinder, einen vorlauten Mund. Ihre altklugen Bemerkungen kommen nicht immer gut an. Dabei plappert sie nur munter nach, was sie von ihrer Mutter hört.
Lediglich Lauras Bewegungsdrang macht uns manchmal zu schaffen. Niemand sollte von ihr verlangen, länger still sitzen zu müssen. Irgendetwas an Laura ist immer in Bewegung.
Als bräuchten wir eine Wiedergutmachung für die Geschwisterlosigkeit, geht Laura schon seit Jahren voller Freude mit uns im Sommer Klettern und Bergsteigen und im Winter zum Abfahrtski.
Lauras ganze Begeisterung gilt deshalb dem Sport. Wenn sie trainieren darf, dann ist sie glücklich und ausgeglichen. Laufen, Radfahren, Klettern, Skifahren, Bergsteigen. Nur Schwimmen mag sie nicht.
Wir wohnen inzwischen in einem Dorf im Zittauer Gebirge. Ich arbeite in der Stadt, Marc am Rand von Dresden. Weil es von uns bis nach Dresden so lange zu fahren ist, lohnt es sich für Marc nicht, jeden Tag nach Hause zu kommen. Er hat sich in Hermsdorf, einem Dresdner Vorort, ein kleines Zimmer gemietet.
Über die Woche bin ich also allein mit meiner Laura und allein für Laura da.
Laura ist inzwischen reichlich acht Jahre alt, körperlich etwas kleiner dafür mit dem Mundwerk deutlich weiter. Ich kann mich mit ihr schon fast wie mit einem Erwachsenen unterhalten. Mit wem sollte ich sonst auch reden. Also rede ich mit ihr und sie redet wie ich, altklug.
Dazu ist das Mädchen um einiges selbständiger als gleichaltrige Kinder. Bin ich mal auf Dienstreise, könnte sie bei ihrer Freundin nebenan übernachten. Könnte sie, will sie aber nicht. Sie schläft allein zu Hause und geht früh pünktlich in die Schule. Die Grundschullehrerin würde meine Abwesenheit gar nicht bemerken, wenn Laura an solchen Tagen nicht so eigenwillig angezogen in die Schule kommen würde. Laura liebt nun einmal ihre Sportsachen über alles. Bergschuhe, Fleecehose und Vereinsshirt – von Mädchen erwartet man eine andere Schulkleidung.
Wir lieben unsere Laura.
Trotzdem wünschen wir uns noch ein Baby.
Und wir wissen um die Probleme mit Marcs Sperma. Wir wissen: Wenn wir ein Baby wollen, dann brauchen wir ärztliche Hilfe. Diese Hilfe werden wir in Anspruch nehmen.
Jetzt.
Ärztliche Hilfe heißt in unserem Fall, eine künstliche Befruchtung durchführen zu lassen. Die nächstgelegene Klinik, die künstliche Befruchtungen durchführt, ist die Universitätsklinik in Dresden. Dort haben wir uns angemeldet.
Die ersten Absprachen führe ich am Telefon. Welche Voruntersuchungen sind erforderlich, welche Überweisungsscheine werden benötigt, wo müssen wir uns eigenverantwortlich anmelden, all das wissen wir schon. Alles Weitere müssen wir in Dresden vor Ort erledigen.
10.12.1996 (Di)
Heute ist unser Großkampftag.
Bevor wir mit der Behandlung zur künstlichen Befruchtung beginnen dürfen, müssen wir beide gemeinsam zu einem Beratungsgespräch in die Kinderwunschsprechstunde der Dresdner Frauenklinik, zu einer psychologischen Analyse und zu einer genetischen Kontrolle.
Ich arbeite als Angestellte im öffentlichen Dienst. Mein Arbeitgeber muss mich für medizinische Untersuchungen bezahlt freistellen, wenn sie nicht außerhalb der Arbeitszeit realisierbar sind. Für mich sind die vielen Termine nur wegen der langen Anfahrt aufwendig.
Marc arbeitet im Büro einer Spedition in Dresden. Er hat zwar keine Anfahrt, dafür wird er von seinem Arbeitgeber für solche persönlichen Dinge nicht freigestellt. Er muss einen ganzen Tag Urlaub nehmen.
Deshalb wollen wir alle drei Termine an einem Tag hinter uns bringen. Mehrfach muss ich komplett umplanen, bis ich endlich die drei Termine an einem Tag hintereinander vereinbart bekomme.
Den ersten Termin haben wir in der Kinderwunschsprechstunde der Frauenklinik, auch IVF1-Ambulanz genannt.
Wir sind überpünktlich. Das nützt uns leider nicht viel. Wortkarg werden wir ins Wartezimmer abgeschoben. Lieber hätten wir uns auf die Stühle gleich neben der Anmeldung gesetzt. Hier hätte uns die Schwester im Blick. Innerlich knurrend trotten wir hinter ins Wartezimmer. Womöglich vergisst uns die Schwester hier hinten.
Das Wartezimmer liegt abgelegen am Ende des kurzen Seitenganges um die Ecke. Die Fenster zeigen zur Nordseite. Draußen scheint die Sonne, trotzdem ist es hier im Zimmer dunkel. Das Licht ist aus, alles fühlt sich kalt an.
Keiner spricht auch nur ein Wort, man schweigt sich an. Ab und an wird jemand aus dem Wartezimmer aufgerufen und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Mehr bekommen wir hier hinten vom Ablauf vorn in der Sprechstunde nicht mit.
Eine Stunde nach dem bestellten Termin sitzen wir noch immer in diesem Wartezimmer. Mein mühsam aufgebautes Termingerüst kommt ins Wanken.
Ich schleiche vorsichtig zur Anmeldung und gedulde mich, bis die Schwester vermeintlich gerade nichts zu tun hat. Jetzt traue ich mich, nach der Einhaltung des Bestelltermins zu fragen. Zaghaft weise auf unsere Folgetermine hin.
Die Schwester würdigt mich kaum eines Blickes. Meine Probleme interessieren sie herzlich wenig. »Sie wollen doch was von uns, da müssen Sie schon ausreichend Zeit mitbringen«, plauzt sie mich an. Das war mehr als ehrlich und noch dazu sehr direkt. Mir fällt auf so viel Überheblichkeit keine Antwort ein.
Die Frauenklinik der Dresdner Universität ist zu diesem Zeitpunkt im weiten Umkreis der einzige Anbieter für künstliche Befruchtung. Die Klinik muss nicht um die Patienten buhlen. Auch finanziell ist die Klinik abgesichert und nicht auf unsere Kassenleistungen angewiesen. Vermutlich kann man sich diese Überlegenheit leisten.
Schweigend ziehe ich mich in das kalte, dunkle Wartezimmer zurück, das mir jetzt noch kälter und noch dunkler vorkommt. Innerlich koche ich vor Wut. Wut über diese aufgelegte, aus eigener Kraft nicht zu ändernde Machtlosigkeit. Was bleibt mir anderes übrig, als wie gefordert abzuwarten. Ich muss hinnehmen, was durch mich nicht zu ändern ist. Hilflos und schweigend muss ich erdulden, wie andere mit ihrer Selbstherrlichkeit und Ignoranz das Ergebnis meiner Mühen vernichten. Als ob gute medizinische Behandlung eine Gnade ist, für die man Demut aufzubringen und dankbar zu sein hat.
Mein Enthusiasmus hat einen herben Dämpfer erfahren.
Wir werden uns in Zukunft darauf einstellen müssen, hier nicht wichtig zu sein.
Schade.
Dreißig Minuten, bevor unser Termin in der Psychologie beginnen soll, kommen wir in der Kinderwunschsprechstunde endlich dran. Wenn wir den nächsten Termin einhalten wollen, muss es jetzt schnell gehen.
Der junge Arzt stellt sich als Herr Dr. Hillinger vor. Er spricht angenehm freundlich und sachlich mit uns. Sicher ahnt er nicht, welchen Ärger wir draußen mit der Annahme-Schwester hatten.
Herr Dr. Hillinger erklärt zügig und kurzweilig. Ob er um unsere Eile weiß? Sicher nicht. Herr Dr. Hillinger scheint ein von Herzen freundlicher, aufgeschlossener und anregend-interessanter Mensch zu sein. Seine Art ist mir angenehm, sein warmer Ton entschädigt für das Knurren der Schwester draußen. Mit Herrn Dr. Hillinger könnten wir uns länger unterhalten. Hoffentlich sind alle Ärzte hier in der Klinik so nett und entgegenkommend. Mit wenigen Worten hat dieser Arzt unser ganzes Vertrauen gewonnen.
Alles wird gut.
Herr Dr. Hillinger erläutert alle noch folgenden Untersuchungen und den Ablauf der Behandlung:
Die von Marc abgegebene Spermaprobe hat sehr schlechte Ergebnisse geliefert. Eine Befruchtung im Reagenzglas kommt damit nicht in Frage. Bei uns wird man unter dem Mikroskop arbeiten und das Sperma mit der Pipette direkt in die Eizelle schieben. Diese besondere Methode heißt ICSI2 und ist normalerweise kostenpflichtig. Da die Frauenklinik gerade zusätzliche Fördermittel für ein ICSI-Forschungsprojekt erhalten hat, werden wir wahrscheinlich diesmal nichts bezahlen müssen.
Risiken gibt es bei der bevorstehenden Behandlung auch, dafür müssen wir auf einem Belehrungsblatt unterschreiben. Unauffällig schaue ich auf die Uhr. Wenn wir jetzt keine Fragen stellen, dann schaffen wir den Termin in der Psychologie noch. Das mit den Risiken und Nebenwirkungen wird schon nicht so schlimm sein, jedenfalls hat der Arzt nichts Schlimmes erwähnt. Von dem Belehrungsbogen gibt es keinen Durchschlag für uns, also kann es nicht so wichtig sein. In der Eile begehe ich einen folgenschweren Fehler, den ich erst sehr viel später erkennen werde. Grundsätzlich sollte man sich von jedem Belehrungsblatt, das man unterschreiben und zurückgeben muss, eine Kopie oder ein zweites Exemplar geben lassen. Damit macht man sich bei den Schwestern zwar nicht beliebt, hat aber etwas zum Nachlesen, wenn es später Fragen oder Probleme gibt. Kein Mensch kann sich das alles merken, was er auf den Belehrungsblättern unterschreibt. Wir haben vorerst keine Kopie der Risiken und Nebenwirkungen. Es werden hoffentlich keine auftreten.
Herr Dr. Hillinger ist mit seinen Erklärungen inzwischen beim Einsetzen der befruchteten Eizellen angekommen. »Und dann sind sie schwanger.« Das ist es doch, was wir hören wollen. Es folgt ein freundliches Händeschütteln und wir sind fertig.
Nichts wie raus mit uns.
Wir sind die letzten Patienten am heutigen Vormittag. Entsprechend locker und freundlich behandelt uns die Schwester jetzt. Einmal Blutabnehmen ist noch erforderlich. Wir verschieben es einvernehmlich auf den zeitigen Nachmittag und sausen los in Richtung Psychologie.
Die Psychologie befindet sich im gleichen Gebäude.
Vereinbart habe ich diesen Termin mit einer Frau Dr., deren Namen ich mir nicht schnell genug aufgeschrieben hatte. Am Ende des Telefonats war ich so froh, einen passenden Termin bekommen zu haben, so dass ich den Namen der Ärztin schon wieder vergessen hatte.
Soweit ich den Behandlungsplan richtig verstanden habe, wird es auch nur dieses eine Gespräch mit der Psychologin geben. Für dieses eine Mal bitte ich um Nachsehen ob meiner Vergesslichkeit. Sollten wir doch wiederholt miteinander zu tun haben, werde ich mir den Namen sofort notieren und merken.
Mit dem Termin in der Psychologie konnte ich bei unserer Planung nichts anfangen. Ich war noch nie beim Psychologen. Ich stelle mir eine große, schwarze Couch vor, in deren weichen Polstern ich tief versinke. Solche Sofas mag ich nicht, mir schmerzt von der ungewohnt eingeknickten Körperhaltung der Rücken.
In meinen weiteren Vorstellungen sitzt der Psychologe hinter einem großen Schreibtisch auf einem hohen Stuhl und schaut von oben auf mich herab. Ich fühle mich erniedrigt und unterdrückt.
Wonach wird man uns ausfragen? Was will man überprüfen? Wird man uns kontrollieren, ob wir in den Wirren der nächsten Wochen zusammenhalten werden? Wird man uns Hilfe anbieten, wenn wir mit Misserfolgen nicht allein umgehen können?
Was will die Psychologin von uns?
Wir sind gerade noch pünktlich und werden schon erwartet. Die Tür wird geöffnet, wir treten in das kleine, abgedunkelte Zimmer ein. Eine Frau erhebt sich hinter einem riesigen Schreibtisch und begrüßt uns betont freundlich. Ihr Alter ist im fahlen Licht nur schwer zu schätzen. Rechts steht der Arbeitsplatz der Psychologin, links werden wir gebeten, auf einer großen, schwarzen Couch Platz zu nehmen.
Wir versinken in den Polstern.
Meine beängstigenden Vorstellungen sind allesamt eingetreten. Wohl fühle ich mich nicht.
Die Psychologin erklärt uns ihren Auftrag. Sie soll erkunden und durchleuchten, ob unsere Ehe eventuell instabil ist oder ob wir später Entfremdung fühlen könnten, weil unser Kind durch künstliche Befruchtung entstanden ist.
Ich verstehe die Frage nicht gleich. Ob wir Probleme haben könnten, weil unser Kind nicht durch sexuelle Liebe sondern im Reagenzglas entstanden ist? Was soll diese Frage?! Unser Kind wird aus Liebe im Reagenzglas entstehen. Es wird im Reagenzglas entstehen, weil wir uns lieben. Weil wir unser Kind lieben. Was ist daran so gefährlich?
Mehr Sorgen mache ich mir um unsere Psyche während der Behandlung oder gar nach einem erfolglosen Versuch. Ob wir damit fertig werden?
Mit keiner Silbe bietet die Psychologin an, uns für die Zeit der Behandlung oder danach zur Verfügung zu stehen, wenn wir Hilfe brauchen könnten. Es geht ihr ausschließlich darum, uns vorher zu kontrollieren, ob wir hinterher allein klar kommen werden.
Wieder werden meine Befürchtungen wahr.
Wäre es nicht besser, den Paaren eine psychologische Begleitung für die bevorstehende, anstrengende Zeit zur Seite zu stellen? Wäre nicht jetzt der richtige Zeitpunkt, diese Begleitung zu beginnen? Es wird niemanden geben, der uns bei Schwierigkeiten beistehen könnte. Künstliche Befruchtung ist noch immer ein Tabu-Thema. Kinder werden im Bett gemacht. Über alle anderen Peinlichkeiten spricht man nicht.
Wir werden mit unseren Problemen allein sein und uns allein helfen müssen. Ob unsere Ehe diese Belastung aushält? Die oberflächlichen Fragen der Psychologin werden es nicht ergründen.
Marc und ich fassen uns an den Händen, legen ein verliebtes Lächeln auf und beantworten alle Fragestellungen im Sinne der Psychologin.
Sie will nicht wissen, wie viele weniger gute Tage es auch in unserer Ehe gibt, wie intensiv wir manche Gemeinsamkeit erst erstreiten müssen.
Sie bekommt ihre Antworten. Wir erzählen ihr nichts, was sie nicht hören will.
Nach einer halben Stunde werden wir als geeignet befunden. Wir stehen auf, biegen unsere Rücken wieder gerade und verabschieden uns freundlich.
Draußen fragen wir uns, wie die Psychologin selbst emotional mit solchen Gesprächen zurechtkommt. Sie hat eine Aufgabe bekommen und diese Aufgabe erfüllt. Mehr wird von ihr nicht erwartet, für mehr hat sie keine Zeit und erhält sie keinen Lohn. Sie kann nichts dafür, wenn die bezahlten Fragestellungen an den eigentlichen Problemen vorbei gehen. Noch weniger kann und darf sie sich über ihre Aufgabe hinaus mit den Problemen ihrer Patienten beschäftigen. Weder ihre Kraft noch ihre Zeit würden dafür ausreichen. Unser ungutes Gefühl gilt nicht der Psychologin. Allenfalls gilt es dem einmal festgelegten Grundgedanken für diese Untersuchung.
Wir ahnen leise: Manches wird in der Behandlungsreihenfolge für den einzelnen keinen erkennbaren Sinn oder Nutzen ergeben. Einhalten muss man die Reihenfolge trotzdem. Widerrede wird keinen Sinn machen, schon gar keinen Nutzen. Vertrauen wir den Ärzten. Sie haben so viele Paare erfolgreich behandelt. Sie werden auch uns zum Erfolg führen.
Dieser Termin war erst einmal weniger erfolgreich. Wenn überhaupt, dann hat er uns höchstens noch deutlicher gemacht, wie sehr wir in den nächsten Wochen und Monaten zusammenhalten müssen. Eine Aufgabe, die uns beiden nicht leicht fallen wird. Sind wir doch beide passionierte Streithähne. Bei jeder meist unpassenden Gelegenheit geraten wir mit unterschiedlichen Vorstellungen von Einsicht und Rücksichtnahme aneinander. Meist verlangt Marc lautstark von mir, endlich auf seine Bedürfnisse einzugehen und ihm zu helfen. Leider genau zu dem Zeitpunkt, an dem ich schweigend seine Unterstützung benötigen würde. Manchmal werde ich dann laut. Geholfen ist damit keinem.
Ich werde in der nächsten Zeit oftmals Hilfe brauchen. Ich muss einen Weg finden, Marc auf neue Weise um diese Hilfe zu bitten, damit er meinen Hilferuf erkennt und erfüllen kann. Schweigen wird nicht helfen. Viele Worte auch nicht.
Liebe wird helfen, hoffentlich.
Schnell machen wir uns zurück zum Blutabnehmen in die IVF-Ambulanz. Am Nachmittag wartet noch der Termin in der Genetik auf uns. Wir liegen wieder im Zeitplan.
Nichtsahnend akzeptiere ich bei der Blutabnahme, eine junge Schwesternschülerin an mir üben zu lassen. Sie schleppt eine große Schale mit Röhrchen an. »Das ist doch nicht alles für mich?«, frage ich unsicher. Doch. Acht Ampullen Blut müssen mir abgenommen werden, um den Forschungsdrang der Ärzte zu genügen.
Jede Krankenschwester freut sich, wenn sie bei mir Blut abnehmen darf. An beiden Armbeugen habe ich kräftige Venen, kaum dass sich die junge Frau entscheiden kann, welchen Arm sie nimmt.
Der Einstich klappt perfekt, das erste Röhrchen läuft voll.
Zum Wechseln der Röhrchen bleibt die Nadel in der Vene stecken. Eine Hand hält die Nadel in der Vene fest. Die andere Hand zieht das volle Röhrchen ab und steckt das neue auf. So soll es zumindest in der Theorie sein.
In der Praxis bekommt die Schwesternschülerin ihre Hände nicht koordiniert. Die Hand am Röhrchen zieht nicht, sondern dreht das Röhrchen und die Spritze gleich mit. Die Kanülenspitze wühlt so lange in der Vene herum, bis sich das Röhrchen am anderen Ende endlich löst.
Das Wechseln des zweiten Röhrchens klappt nicht besser. Die Einstichstelle schmerzt schon unangenehm. Nach dem vierten Röhrchen verweigere ich die weitere Blutabnahme. Der Schmerz ist nicht mehr auszuhalten.
Wäre ich die Schwesternschülerin, würde ich mich für meinen Dilettantismus schämen und mich artig entschuldigen. Die Schwesternschülerin lächelt mich ohne jedes Schuldbewusstsein an und plappert munter weiter: »Macht nichts, Sie haben doch am anderen Arm noch so eine schöne Vene. Drehen Sie sich mal bitte um.«
So viel Dreistigkeit überfährt mich. Perplex folge ich den Anweisungen, unfähig, mich gegen dieses unangemessene Verhalten zu empören.
Minuten später sind beide Armbeugen dunkelblau und acht Röhrchen mit Blut gefüllt. Nie wieder lasse ich mich auf eine Schwesternschülerin ein.
Die Genetik liegt am anderen Ende des Klinikgeländes. Wir bummeln auf dem Weg dorthin, mein Zeitplan lässt uns diese kleine Verschnaufpause.
Wieder werden wir freundlich lächelnd empfangen. Wir lächeln zurück. Dieses eine Gespräch noch, dann haben wir es geschafft.
Die Konversation mit der Genetikerin klingt mehr nach Ahnenforschung. Bis zu den Nichten und Neffen müssen wir unsere Stammbäume aufzeichnen und die Erkrankungen und Todesursachen der einzelnen Verwandten benennen.
Diese Angaben hätte man uns vorher als Hausaufgabe aufgeben sollen. Was ist, wenn wir in der Aufregung eine Person oder eine Erkrankung vergessen haben?
Wird schon nicht so schlimm sein.
Niemand in unserer Verwandtschaft hat eine Erkrankung, die auf einem Gendefekt beruht. Das ist die entscheidende Aussage. Mit diesem positiven Ergebnis werden wir auch von Seiten der Genetik zur künstlichen Befruchtung zugelassen.
Medizinisch ist es richtig, genetische Gründe für die Kinderlosigkeit oder für sehr wahrscheinliche genetische Erkrankungen der Wunschkinder vorher zu untersuchen. Eine ehrliche Beratung wäre sicher eine gute Sache. Eine Überprüfung, eine Kontrolle, wie man es hier tut, hilft sicher nur selten vertrauensvoll weiter.
