Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Wer ein Pflegekind nimmt, will Gutes tun: Benachteiligten Kindern ein besseres Leben geben und den eigenen Kinderwunsch erfüllen. Josephine Himmelreich gibt mit diesem Tagebuch einen ehrlichen Einblick in das Leben mit ihrem Pflegekind. Sie zeigt, dass der Alltag ganz anders verläuft, als man sich das vorstellt. Der arme, vernachlässigte Knirps entpuppt sich als undankbarer Tyrann. Traurige und lustige Episoden reihen sich aneinander. Es gibt reichlich Ärger, kleine Fortschritte und ganz viele Fragen. Wiederkehrende Fragen, die oft nur unbequeme Antworten kennen. Doch am Ende siegt die Hoffnung auf ein erfülltes Leben. Die Adoption ist ein erster Schritt.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 373
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Josephine Himmelreich
Ich schreibe all unsere Erlebnisse auf, wie sie mir in Erinnerung geblieben sind. Ich schreibe sie so auf, wie ich sie empfunden habe.
Dieses Buch hat nicht den Anspruch, Motivation für die Aufnahme eines Pflegekindes zu geben. Es ist nur ein Tagebuch. Manches klingt banal oder unverständlich, einiges wirkt übertrieben und vieles erscheint dem nicht betroffenen Leser fraglich.
Wer selbst ein Pflegekind aufgenommen hat, der wird einige Situationen wiedererkennen, der wird lächeln und zweifeln und hoffentlich aus unseren Erfolgen und aus unseren Fehlern immer wieder selbst neuen Mut schöpfen.
Ich versuche, dieses Buch zwischen eigener Berufstätigkeit und einer Familie mit drei Kindern zu schreiben. Verzeihe man mir schnell gewählte Worte und ungeprüfte Tippfehler.
Mir sind meine Familie wichtig, mein Mann und meine Kinder – und der Inhalt dieses Buches.
Vielen Dank.
Da werden Hände sein, die Dich tragen, und Arme, in denen Du sicher bist, und Menschen, die Dir ohne Fragen zeigen, dass Du willkommen bist.
Khalil Gibran
www.josephine-himmelreich.de
Danksagung
Widmung
Motto
Vorwort
Mitte Juli 2001
September 2000
Anfang Juli 2001
August 2001
Dienstag, 07. August 2001
Die ersten Tage im August 2001
Vaterschaftstest und Gehirnströme
Schlafen
Überfordert?
Ronnys Geschichte in Kurzfassung
Sonderangebot
Erstes Mama-Wochenende
Formulare
Setzkasten
Badewanne
Nuckelflasche
Spazierengehen
Einkaufen
Spielzeug
Tierfreunde
Malen
Schmerzen
Essen kochen
Frisör
Bestandsaufnahme
Anfang September - Cindy
Nachbarn, Kinder und Katzen
September 2001 Erste Worte
Im Wald
Oktober 2001 Der Spaziergänger
Skispringer
Integrationsbescheinigung
November 2001 Genetik
Verständnis
Hustensaft
Advent 2001
Weihnachten 2001
Januar 2002 Die erste Rodelpartie
Einkaufen, mal wieder
Februar 2002 Bestandsaufnahme, die zweite
März 2002 Provokation
April 2002 Der Wandersmann
Lungenentzündung
Mai 2002 Apfelsaft
Solche und solche Windeln
Juni 2002 Die Cindy
Chicken Nuggets
Sommerurlaub Juli 2002 Windpocken und Beruhigungsmittel
FKK
August 2002 Flugübungen
September 2002 Wir fahren zur Kur
Hausmeisterdienste
Kaufhäuser
Oktober 2002 Na gut
Im Tierpark
November 2002 Kopfüber
Dezember 2002 Striezelmarkt in Dresden
Weihnachten 2002
Januar 2003 Musikschule
Februar 2003 Schlitten fahren
Buch vorlesen
März 2003 Richtiger Winter
Meine Traktor
April 2003 Landschafts-Crosslauf
Mai 2003 Das Fahrrad
Juni 2003 Schneeflöckchen
Juli 2003 Sommerurlaub in Norwegen
Ronny im Sandkasten
An der Leine
Ronny lernt sprechen
August 2003 Meine Fahrrad
September 2003 Das Bad schwimmt
Komm wir malen eine Sonne
Oktober 2003 Ronny geht wieder baden
November 2003 Integrativkind
Dezember 2003 Unser Pfefferkuchenmann
Der Weihnachtsmann
Jetzt ist Weihnachten
Januar 2004 Toilette
Februar 2004 Noch einmal Volksskilauf
März 2004 Aufgewacht
April 2004 Wann ist Weihnachten
Mai 2004 Wir malen wieder
Detailstudium
Ende Juni 2004 Anerkennung
Juli 2004 Ferienlager mal anders
August 2004 Lückendorfer Bergrennen
September 2004 Freiheiten
Oktober 2004 Mein Kindergarten
November 2004 Das Weihnachtsgeschenk
Dezember 2004 Striezelmarkt in Dresden, zweiter Besuch
Januar 2005 Ronny übt Skifahren
Strenge Erziehung
Februar 2005 Über sieben Berge
März 2005 Messe in Hannover
Ostern 2005 Abfahrtski
April 2005 Welcher Name ist schöner?
Ronny allein zu Haus
Gute Nacht Küsschen
Mai 2005 Kein Fernsehen
Feierabendlauf
Fahrradtour zum Feierabend
Juni 2005 Wie weiter?
Ergotherapie
Der Babysitter
Bergsteiger
Juli 2005 Dorffest
Juli bis Oktober 2005 Wir verheizen zwei Kinderpsychologen
August 2005 echtes Ferienlager
September 2005 Kreuzweise
Kletterkünstler
Ronny klein - ging allein - in die weite Welt hinein.
Oktober 2005 Solche Trainer und solche Trainer
November 2005 Wer war´s?
Advent 2005 Und er kann es doch
Dezember 2005 Frühförderung
Peinlichkeiten im Advent
Behindert?
Weihnachts-Konzert
Januar 2006 Anfeuern
Erziehungsversuche
Februar 2006 Erziehungsversuche – gleich noch einmal
März 2006 Schneeberge
April 2006 Papa-Tag
Landschafts-Crosslauf – alle Jahre wieder
Das Türschild
Mai 2006 Junior-Crossläufer
Juni 2006 Berglauf
Gehen wir in die Schule?
Frau Großer ist geladen
Das Regionalschulamt
Der erste Schulbegleiter
Sommer 2006 Das Murmeltier und der Bär
Bald bist Du ein Schulkind.
Resümee und Vorschau
Anhang
Randnotizen und Hinweise
Wenn man ein Kind zu sich nimmt, das bisher kaum Gutes im Leben erfahren durfte, das vernachlässigt und allein gelassen wurde, das hungern musste, das niemanden hatte, der mit ihm spielt, dann freut man sich darauf, das Kind das alles endlich erleben zu lassen.
Die Dankbarkeit, das liebevoll-wärmende Kuscheln und das glückliche Strahlen der Kinderaugen werden alle Mühe wert sein.
Haben wir gedacht.
Haben wir falsch gedacht.
Ronny will kein schrecklich schönes Kinderzimmer, kein schrecklich interessantes Spielzeug, keine schrecklich spannenden Bücher, kein schrecklich leckeres Essen, keine schrecklich tollen Erlebnisse, keine schrecklich lieben Eltern. Schon gar nicht will er dafür dankbar sein.
Ronny will allein für sein Leben zuständig zu sein. Unsere Liebe bringt ihn um.
Wie will man so einem Kind Liebe geben?
Wir haben ein Pflegekind in unsere Familie aufgenommen, weil wir noch ein Plätzchen in unserem Leben frei hatten. Ein Platz, gerade groß genug für ein Kind. Eines, mit dem wir gemeinsam leben können.
Zu diesem Zeitpunkt fehlte uns jegliches Verständnis dafür, dass die meisten Pflegekinder ganz anders sind als eigene. Wir haben unsere lebhafte Tochter großgezogen. Viel schlimmer kann es nicht kommen, dachten wir, und machten Platz für Ronny.
Die wenigsten Pflegekinder passen auf dieses Plätzchen. Manche machen sich so klein, dass sie ständig durchfallen. Die anderen nehmen derartig viel Raum für sich ein, dass sie weit mehr von unserem Leben beanspruchen als den vorhandenen Platz.
Ronny passt bis heute nicht auf seinen Platz bei uns. Wir wollten mit ihm leben, er sollte unser Leben vervollständigen. Stattdessen müssen wir unser Leben grundsätzlich ändern, um ihm ein sicheres Leben zu ermöglichen.
Diese Einsicht haben wir leider erst zehn Jahre später durch sehr viel Leid erfahren. Heute wissen wir, dass wir neben den vielen Dingen, die wir in den ersten Jahren richtig gemacht haben, leider genauso viele Dinge ungünstig oder falsch angegangen sind.
Ist er das?
Bestimmt.
Ich will, dass er das ist!
Ein einziger kleiner Junge steht am Tor zum Kindergarten und lugt neugierig durch die Eisenstäbe. Das Gesicht zwischen die Stäbe gepresst schauen seine abstehenden Ohren außen an den Stäben heraus. Putzig sieht er aus, freundlich und lieb und ein wenig verschmitzt. Wenn das unser Ronny ist, dann habe ich ihn jetzt schon gern.
Laura, unsere inzwischen zwölfjährige Tochter, ist kaum noch zu Hause zu halten. Sie will unbedingt auf die Sportschule. Grundsätzlich kann ich sie verstehen. Der Sport ist ihr Ein und Alles. Wenn sie trainieren kann, dann ist sie glücklich. Aber muss sie deshalb schon nach der sechsten Klasse weg? Welche Mutter gibt ihre einzige Tochter freiwillig so zeitig aufs Internat? Ich will nicht, dass Laura auf die Sportschule geht, wenigstens jetzt noch nicht.
Also streike ich, diskutiere, male ihr die schrecklichsten Bilder auf. Laura bleibt hartnäckig. Sie will auf ihre Sportschule: »Alle anderen Kinder aus meiner Altersklasse sind schon seit einem Jahr an der Sportschule. Ich fange viel zu spät mit dem Trainieren an. Du bist schuld, wenn ich nicht gut werde. Hast Du mich lieb? Willst Du das Beste für mich? Dann lass mich gehen.« Das sitzt. Ich muss aufhören, nur an mich zu denken.
Laura hat sich offensichtlich genau überlegt, was sie will. Ich werde ihr den Wechsel zur Sportschule nicht mehr verbieten können. Es kostet mich zwar noch einige Zeit und sehr viel Überwindung, bis ich ihr endlich erlaube, nächsten Sommer auf die Sportschule zu wechseln.
So! Jetzt geht meine Laura also auch noch weg. Marc ist die Woche über dienstlich unterwegs. Ich werde ganz allein in unserem schönen Haus hier oben auf dem Berg sitzen und Trübsal blasen.
Erst vor einem Jahr sind wir aus unserer Neubauwohnung ins Gebirge gezogen, damit wir mitten in unseren geliebten Bergen wohnen können. Doch ganz allein? Allein machen die schönsten Berge keinen Spaß. Und womit soll ich mich die dunklen Abende lang beschäftigen?
So geht das nicht.
Ein neues Kind muss ins Haus!
Leichter gesagt als getan. Eigene Kinder bekommen wir aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr. Die Versuche mit künstlicher Befruchtung haben noch größere gesundheitliche Probleme geschaffen. Was bleibt?
Wir könnten ein Kind adoptieren. Die Wartelisten für Adoptionen sind lang, sehr lang. Zu lang für uns, wir sind immerhin schon Mitte Dreißig. Außerdem habe ich große Bedenken, die sprichwörtliche Katze im Sack zu kaufen. An kleinen Kindern steht ja nicht dran, was drin steckt. Es gibt auch keinen Beipackzettel.
Nächtelang grüble ich, traue mich nicht, mit Marc darüber zu sprechen. Ich habe Angst, er könnte meine bevorstehende Einsamkeit als Vorwurf an seine Reisetätigkeit verstehen. Ganz im Gegenteil. Ich glaube nicht, dass ich ihn jeden Tag zu Hause haben möchte. Momentan will ich keinen Jeden-Tag-Ehemann.
Ich will ein Kind.
Mir fällt noch etwas ein: Habe ich nicht schon mehrfach etwas von Pflegekindern gehört?
Wer organisiert das?
Wie funktioniert das?
Wer entscheidet das?
Im Internet bekomme ich schnell heraus, dass das Jugendamt im Landratsamt für Pflegekinder zuständig ist. Pflegekinderwesen heißt die Abteilung. Pflegekinderwesen – das klingt unangenehm bürokratisch, so nach Verwaltung und Anträgen und Ablehnung.
Misstrauisch rufe ich eine gewisse Frau Hummel an, schildere nur zaghaft und stockend meine Überlegungen. Die Stimme am anderen Ende klingt mehr nach Pflege als nach Wesen. Sie klingt, als könnte sie nicht nur zu Kindern liebevoll sein. Frau Hummel antwortet mir sachlich, freundlich und vor allem entgegenkommend. Sie nimmt mir meine Scheu, meine Ängste und die gewisse Peinlichkeit, die ich mir nicht eingestehen will. Ich fühle mich bei ihr willkommen, als ob sie gerade heute auf meinen Anruf gewartet hätte.
Endlich habe ich auch den Mut, mit Marc über meine Gedanken zu sprechen. Ich erzähle ihm von meinem Telefonat mit Frau Hummel und meiner Frage nach einem Pflegekind. Marc reagiert begeistert. Er kann meine Bedenken im Nachhinein überhaupt nicht verstehen und hat gedanklich das Pflegekind schon in sein Herz geschlossen. Für diese Momente habe ich meinen Mann besonders lieb. Er denkt nicht ständig darüber nach, was eventuell alles schief gehen könnte. Er versucht nicht, mögliche Probleme vorher tiefsinnig zu ergründen. Er freut sich einfach nur ehrlich und lässt mich an seiner Freude teilhaben.
Es liegt wieder so eine Hoffnung in der Luft.
Endlich.
Wenige Tage später treffen wir uns bei Frau Hummel zu einer ersten Beratung. Es wird ein langes Gespräch. Geduldig schildert die äußerlich resolut wirkende Frau alle Schwierigkeiten, die wir vorher bedenken sollten. Zu jedem möglichen Problem gibt sie gleich wieder einen Lösungsansatz und ganz viel Mut für uns mit. Mit Frau Hummels Worten lassen sich alle Hindernisse überwinden. Sie schafft es auf Anhieb, dass wir uns bei ihr und bei dem Gedanken an ein Pflegekind richtig wohl fühlen.
Hätte hier ein bürokratisches Pflegekinder-Wesen mit uns gesprochen, dann würde Ronny heute nicht bei uns leben.
Wir haben seitenweise Fragebögen ausgefüllt, unsere Vermögensverhältnisse offengelegt, Einkommensnachweise kopiert und Führungszeugnisse anfertigen lassen. Wenn man jede werdende Mutter vor der Schwangerschaft so gründlich prüfen würde wie Pflegeeltern, dann gäbe es wohl bald keine Kinder mehr.
Das ist leider nicht das einzige unangenehme Gefühl beim Abarbeiten der Pflegeeltern-Antrags-Prozedur. Geraten wir beim Beschaffen oder Abgeben der Unterlagen an andere Mitarbeiter im Landratsamt, wird uns der Unterschied zu Frau Hummel sofort deutlich. Alle anderen behandeln uns, als ob wir die Bittsteller wären. Sicherlich ist das nicht ganz falsch. Ich bin es, die unbedingt ein Kind haben will. Von Frau Hummel weiß ich aber auch, dass das Jugendamt froh ist, wenn es die Kinder nicht in Kinderheimen unterbringen muss sondern familiärer in Pflegefamilien geben kann. Vor allem sollen Pflegefamilien für das Landratsamt deutlich preiswerter sein als Kinderheime. Das Jugendamt will also auch etwas von uns. Warum ist es dann nicht möglich, uns wie Helfende, Gleichgesinnte wohlwollend zu behandeln?
Irgendwann sind alle Unterlagen zusammen. Schlussakkord ist ein Hausbesuch. Üblicherweise putzt man dazu sein Haus oder seine Wohnung auf Hochglanz. Was sollen wir tun? Seit zwei Monaten haben wir die Handwerker im Haus, die das gesamte Erdgeschoss umbauen. Erst haben sie die Wände wie einen Schweizer Käse durchlöchert, jetzt kämpfen sie mit Stromleitungen und Heizungsrohren. Gegen diesen Staub kommt man einfach nicht erfolgreich an. Wir warnen Frau Hummel vor, sie nimmt es mit der ihr eigenen Gelassenheit.
Zu Hause im Flur zucke ich noch einmal kurz. In unserem großen Treppenhausfenster auf der halben Höhe steht die Kakteensammlung. Das Kinderzimmer ist oben im Dachgeschoss. Wenn ein Kind die Treppe herunterfällt, dann landet es unweigerlich in den Kakteen. Schmerzhaft. Ich bin allerdings fest davon überzeugt, dass niemals ein Kind die Treppe herunterfallen wird, gerade deshalb nicht, weil im Treppenfenster die Kakteen stehen. Soll ich die Kakteen wegräumen, damit Frau Hummel sich nicht daran stört? Ich wüsste nicht, wo ich die Kakteen stattdessen hinstellen soll. Ich lasse sie stehen.
Zum Hausbesuch bringt Frau Hummel noch eine neue Kollegin mit. Frau Korselt heißt sie und bemüht sich sichtlich, eine ähnliche Ruhe wie Frau Hummel anzunehmen. Allerdings mit deutlich weniger Erfolg.
Wir führen die beiden durch unser Haus. Das Kinderzimmer findet großes Wohlwollen. Es ist das größte Zimmer in der oberen Etage und hat die schönste Aussicht auf das ganze Gebirge. Hier wollten wir unser Schlafzimmer einrichten. Doch schon bei der ersten Hausbesichtigung hatte Laura das Zimmer für sich okkupiert. Protestieren half nicht. Vor allem dann nicht, wenn man, wie ich, nur halbherzig protestiert. Es fällt mir immer wieder sehr schwer, meiner Tochter einen Wunsch auszuschlagen.
Dafür reagiert Laura jetzt unerwartet erwachsen. Wenn das Kind kommt, wird sie sich das winzige Gästezimmer wohnlich einrichten und dem Kleinen das große Zimmer zum Spielen überlassen, erklärt sie ungefragt und ganz von selbst. Keiner hätte das von ihr verlangt. »Aber ich gehe doch sowieso auf Sportschule.« Da waren sie wieder, meine Probleme.
Frau Hummel geht schmunzelnd an den Kakteen vorbei, Frau Korselt steht das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Beide sagen nichts. Es wären zwei völlig verschieden Sätze geworden.
Unser Anwesen wird für gut befunden. Von nun an sind wir zugelassene Pflegeeltern.
Seit dem Hausbesuch haben wir fast nichts mehr vom Jugendamt gehört. Wohlwollend und gut gemeint hat man uns zu Seminaren und zum Treff der Pflegeeltern eingeladen. Wollten wir an einem Seminar teilnehmen, fiel das Seminar aus. Zu den Treffs mit den Pflegeeltern fühlten wir uns ohne Pflegekind noch nicht berufen.1
Marc wird ungeduldig und beschließt, sich beim Jugendamt in Erinnerung zu bringen. Im Amt teilt man ihm mit, dass Frau Hummel im Babyjahr ist. Glückwunsch. Noch immer überkommt mich ein gewisser Neid auf Frauen mit erfülltem Kinderwunsch. Frau Korselt ist jetzt für uns zuständig. Nach unserem ersten Treffen beim Hausbesuch hatten wir von Frau Korselt einen eher unsicheren Eindruck. Der wiederholt sich jetzt für Marc auf für uns positive Weise. Als Marc seine Frage nach unserem Pflegekinderantrag stellt, atmet Frau Korselt erleichtert auf. »Ja, da bahnt sich etwas an.« Marc ist wohl offene Türen eingerannt oder er war einfach nur zur rechten Zeit am rechten Ort.
Frau Korselt sucht gerade nach Pflegeltern für einen lebhaften, kleinen Jungen und ist sichtlich beruhigt, dass Marc den Jungen sofort für uns beansprucht.
Noch lebt der knapp zweijährige Ronny bei seiner Mutter. Diese hat vom Gericht viele Auflagen bekommen, wie sie für den Jungen zu sorgen hat. Bisher hat sie keine Auflage dauerhaft erfüllt. Es kann deshalb nur eine Frage von wenigen Tagen sein, bis das Gericht auf Antrag des Jugendamtes das Kind von der Mutter wegnimmt. Sorgerechtsentzug ist der gerichtliche Fachbegriff. Den Antrag hat das Jugendamt beim Gericht schon abgegeben. Marc ist begeistert, ich bin voller Zweifel.
Ach könnte ich doch Marcs Offenherzigkeit teilen. Mir fällt es schwer, mich für ein Kind zu entscheiden, das ich nicht kenne. Wenn es hässlich ist? Wenn es einen Eierkopf hat und schielt? Ich bin unfair, das weiß ich. Nur komme ich nicht so leicht dagegen an. Jedes Kind hat seine guten Seiten. Vielleicht ist gerade der Eierkopf besonders anhänglich.
Ich möchte gern Mäuschen spielen. »Kann ich den Jungen mal sehen?«, frage ich vorsichtig telefonisch bei Frau Korselt an. »Ja«, antwortet sie unerwartet freizügig, »kein Problem.« Ich hatte ein klares, ablehnendes Nein erwartet. Meine Frage war schon etwas vermessen. Stattdessen nur Wohlwollen und Entgegenkommen. Das tut gut. Mit einem Schlag verwandelt sich mein Zweifel in zappelige Aufgeregtheit.
Eine der gerichtlichen Auflagen an die leibliche Mutter verlangt, den Jungen jeden Tag in die Kindereinrichtung zu bringen. Es ist die einzige Auflage, die seine Mutter mehr als drei Tage lang einhält.
Frau Korselt hat sich mit mir am Kindergarten verabredet. Sie wird mir den Jungen zeigen.
Wie fühlt man sich, wenn man sich sein neues Kind im Kindergarten aussuchen geht? Wie im Kaufhaus? Das Kleid gefällt mir, das nicht? Ich suche nach einem Wort für mein mulmiges Gefühl und finde nichts.
Stattdessen bleiben meine Gedanken an zwei Kinderaugen hängen. Ist er das? Bestimmt. Ich will, dass er das ist!
Ein einziger kleiner Junge steht am Tor zum Kindergarten und lugt neugierig durch die Eisenstäbe. Das Gesicht zwischen die Stäbe gepresst schauen seine abstehenden Ohren außen an den Stäben heraus. Putzig sieht er aus, freundlich und lieb und ein wenig verschmitzt. Wenn das unser Ronny ist, dann habe ich ihn jetzt schon gern.
»Da ist ja unser Ronny«, ruft Frau Korselt und zeigt auf den kleinen Jungen am Gartentor. Meine Bedenken sind weggeblasen, meine Zweifel sind mir unverständlich. Wenn der Junge jetzt nicht gleich einen epileptischen Anfall oder etwas ähnlich Abschreckendes bekommt, dann nehme ich ihn sofort mit. Das wird unser Ronny. Das ist doch völlig klar. Wie konnte ich nur fragen?
Wir betreten den Kindergarten und gehen auf eine der Erzieherinnen zu. Die Kindergärtnerin empfängt uns betont freundlich und schüttelt jedem die Hand. Dann erzählt sie viele Dinge über Ronnys richtige Mutter, die ich als Fremde sicher nicht erfahren sollte.
Der Erzieherin höre ich ihr nur mit halbem Ohr zu. Mich interessiert der Junge, ihn beobachte ich intensiv. Ronny spielt nicht mit den anderen Kindern. Er spielt gar nicht. Ziellos läuft er durch den großen Garten, greift sich ein Spielzeug, trägt es ein Stück und legt es wieder weg.2
»Der Junge hört schlecht, Sie sollten sein Gehör ... .« Die letzten Worte der Kindergärtnerin höre ich schon nicht mehr. Ronnys abrupte Reaktion genau in diesem Moment ist mir viel wichtiger. Er bleibt wie angewurzelt stehen, hebt den Kopf und lauscht. Ich höre nicht sehr gut. Nur mit Mühe erkenne ich durch den Redeschwall der Kindergärtnerin das Pfeifen der Dampflok unserer Schmalspurbahn. Ronny hat sie schon länger gehört. Er hört offensichtlich sehr gut. Wenn die Kindergärtnerin das nicht erkennt, dann hat sie den Jungen nur gedankenlos abgetan. Ihre oberflächlichen Beobachtungen sind für mich nicht mehr wichtig. Ich will gehen. Ich weiß, dass ich Ronny heute nicht mitnehmen darf. Je länger ich hier stehe, desto schwerer fällt mir der Abschied.
Wir gehen.
Die Zeit bis zur Entscheidung des Gerichts wollen wir nutzen, um für den Jungen alles vorzubereiten. Bei Freunden borgen wir uns die Grundausstattung: Kindersitz, Reisebett, Hochstuhl, Hosen, Jacken, Schlafzeug. Marc holt die Sachen ab und stapelt alles erst einmal im Kinderzimmer. Laura, die in wenigen Tagen endlich auf ihre Sportschule wechseln wird, kommt aus dem Trainingslager nach Hause. Sie blickt in ihr vollgestopftes Kinderzimmer und protestiert: »Ihr habt mich wohl schon ausquartiert?« Schallend laut lachen wir gemeinsam los. Dann erzählen wir ihr endlich von Ronny und unserer Hoffnung und dass er bald bei uns einziehen wird.
Drei Wochen sind vergangen, drei endlos lange Wochen. Das Gericht hat noch immer keine Entscheidung getroffen. Marc wird unruhig. Am liebsten würde er täglich auf dem Jugendamt anrufen. Das Jugendamt hat sein Möglichstes getan. Jetzt muss das Gericht entscheiden.
Wer schon einmal mit Gerichten zu tun hatte, der weiß, dass man Entscheidungen mit Nachfragen nicht beschleunigt. Wir üben uns in Geduld, nicht gerade erfolgreich. Trotzdem vergehen die Tage irgendwie.
Laura hat sich mit dem Möbelberg in ihrem Zimmer arrangiert. Sie packt die Sachen für die Sportschule, morgen werden wir sie ins Internat bringen. Ich sitze im Büro und bin schlecht gelaunt. Draußen ist wunderschönes Wetter und ich muss bis spät abends hier drinnen aushalten. Nur Marc kann die Sonne genießen. Er hat sich vor einiger Zeit im Vertrieb selbständig gemacht. Dadurch ist er oft die ganze Woche unterwegs, manchmal aber auch wochentags zu Hause. So wie heute. Er will die Sonne für ein Ausdauerläufchen nutzen.
Kurz nach zwei klingelt mein Telefon im Büro. Gedankenversunken und mürrisch hebe ich ab. »Hier ist Frau Korselt vom Jugendamt. Ich habe den Ronny bei mir, kommen Sie ihn abholen?«
»Ja!«
Mehr bekomme ich nicht heraus. Frau Korselt versteht mich. Im Büro bleibt schlagartig alles stehen und liegen. Hier ist jetzt nichts mehr wichtig, Ronny ist wichtig.
Ich rufe zu Hause an, damit Marc ins Jugendamt kommt. Am Telefon meldet Laura sachlich korrekt: »Papa ist laufen.« »Das ist mir egal«, maule ich in meiner Aufregung unpassend. »Lass dir was einfallen«, knurre ich weiter, »Papa muss sofort ins Jugendamt kommen.« Ich wüsste nicht, was ich mir einfallen lassen soll. Unsere Laura schon: Sie kennt Papas Laufrunde, zieht sich die Turnschuhe an und läuft ihm entgegen. »Du sollst sofort ins Jugendamt kommen. Mehr hat Mutti nicht gesagt.« Mehr habe ich wirklich nicht gesagt. Mehr hätte ich vor Aufregung auch nicht herausbekommen.
Marc zieht sich nur schnell um, das eigentlich erforderliche Duschen muss Ronny zuliebe ausfallen. Kurze Zeit später sitzen zwei völlig aufgelöste, angehende Pflegeeltern vor der versammelten Riege von Mitarbeitern des Jugendamtes und einem weinenden, schmutzigen, kleinen Jungen.
Wir bekommen sehr viel erklärt und müssen eine ganze Reihe von Formularen unterschreiben. Keiner von uns beiden hört richtig zu. Wir unterschreiben stereotyp, antworten mit »Hmm« und »Ja« und widersprechen nicht. Merkt denn niemand, dass wir momentan nicht das Geringste von dem verstehen, was man uns mit so viel gutem Willen noch schnell mit auf den Weg geben will? Unsere Augen, unsere Gedanken, alles ist nur bei Ronny.
Dem hat man einen Schokoriegel zu essen gegeben. Zumindest sieht er so aus: Schokolade quer über dem ganzen Gesicht. Jetzt soll er den Mund gewaschen bekommen und schreit bereits laut los, als nur der Wasserhahn aufgedreht wird. Marc nimmt den Jungen auf den Schoß und streichelt ihn. Schon ist Ruhe.
Irgendwann geht ein glücklicher Papa mit einem kleinen Ronny an der Hand zum Auto und fährt unseren neuen Sonnenschein nach Hause.
Spät am Abend schläft Ronny endlich. Wir haben wieder Zeit für unsere Große. Laura kuschelt sich traurig an meine Schulter: »Das ist schade. Ich habe mir die ganze Zeit einen Bruder gewünscht. Und jetzt, wo er kommt, gehe ich ins Internat. Aber Ihr werdet Euch bestimmt ganz lieb um ihn kümmern, ja?!« Das werden wir, Laura, versprochen.
Ronny verbringt die Nacht im Reisebett in unserer winzigen Schlafstube. Anfangs horchen wir unruhig, ob der Kleine ruhig schläft. Dann schlafen auch wir erschöpft und glücklich ein.
Am nächsten Morgen fahren wir zu viert unsere Laura zum Sportinternat.
Wir kommen bis kurz hinter Löbau, dann kommt Ronnys Frühstück wieder raus. Erschrocken schaut der Kleine auf das Malheur, böse sein kann ihm keiner. Wir müssen uns erst wieder daran gewöhnen, ein kleines Kind im Haushalt zu haben.
Marc sagt für die nächsten zwei Monate alle Termine ab. Zum Glück muss er als Selbstständiger bei niemandem eine Freistellung beantragen, allerdings bekommt er auch kein Geld. Wir wollen uns diesen finanziellen Verlust Ronny zuliebe leisten.
Die ersten Wochen werden die beiden gemeinsam zu Hause bleiben. Für Ronny ist alles neu und ungewohnt. Nicht nur für Ronny, auch für uns. Aber für Ronny ist es so anstrengend, dass er vormittags um zehn das erste Mal wieder schlafen geht. Im Kindergarten wäre das gar nicht möglich. Wir ersparen Ronny den Kindergarten vorerst.
Die ersten Tage lässt uns das Amt allein. Niemand erkundigt sich, wie wir zurechtkommen, ob wir Hilfe brauchen, ob wir Fragen haben. Dabei haben wir ganz viele Fragen. Das ganze Kind ist eine einzige Frage. Doch anrufen wollen wir nicht, man könnte uns für unfähig halten.
Nur Ronnys Amtsvormund, eine Frau Schimmelpfennig, kümmert sich. Sie meldet Ronny beim Meldeamt um und beantragt einen neuen Ausweis für ihn. Das muss als Hilfe für uns ausreichen. Wir wohnen im Grenzgebiet zu Polen und Tschechien. Noch ist Schengen nicht in Kraft, noch braucht hier jeder einen Ausweis, der nicht zu Hause sitzen bleiben will. Wir wollen nicht zu Hause sitzen bleiben. Mit Ronny erst recht nicht. Der Ausweis ist eine wirklich dringend nötige Hilfe. Auf dem Weg dahin hätten wir allerdings viel mehr Hilfe benötigt.
Das Passbild für den Ausweis ist die erste Odyssee mit unserem neuen Helden: Ronny kann nicht still sitzen, schon gar nicht, wenn er es soll. Umso geduldiger erkläre ich der Fotografin, dass sie den Fotoapparat schon fertig einstellen soll. Ich werde ihr den Jungen auf den Stuhl setzen. Danach hat sie maximal zwei Sekunden Zeit zum Auslösen. Die Frau versteht mich nicht. Ihr fehlt das Vorstellungsvermögen für Dinge, die selbst für uns nicht begreifbar sind.
Ich setze Ronny auf den Stuhl. Der Junge bleibt tatsächlich einen Moment neugierig sitzen. Dann springt er auf und macht sich von Dannen. »Können Sie den Jungen mal bitte festhalten, damit er sitzen bleibt!« Kann ich eigentlich nicht. Ich hatte ihr doch nicht grundlos erklärt, dass der Junge nicht sitzen bleiben wird. Mein Unmut hilft keinem weiter. Mühsam kämpfe ich mir ein Lächeln ab, hocke mich hinter Ronny und versuche, ihn unauffällig am Aufstehen zu hindern. Entsprechend empört tobt der Junge, entsprechend empört reagiert die Dame hinter der Kamera – und bummelt noch länger. Kopfschüttelnd über dieses maßlos unerzogene Kind dreht sie immer wieder am Objektiv, schaut aufgebracht zu uns hoch und verkriecht sich wieder dahinter.
Irgendwann ist ein Passbild fertig. Wir geben es bei Frau Schimmelpfennig ab, erzählen ihr lieber gleich die Story und ernten schmunzelnd den berechtigten Kommentar: »Wenn wir nicht wüssten, dass es Ronny bei Ihnen gut geht, dem Foto nach müssten wir ihn sofort aus der Pflegefamilie herausnehmen.« Ronnys ganze Wut hat sich in das Bild gebrannt. Das entgeisterte Gesicht der Dame werde ich so schnell nicht vergessen. Wir sollten uns darauf gefasst machen, dank Ronny in der nächsten Zeit häufiger solche Gesichter zu sehen zu bekommen.
Ronny behält keine Mütze auf dem Kopf, keine. Es ist keine Frage des Aussehens, keine des Materials, keine der Bindetechnik. Egal, was wir ihm gegen die Sonne auf den Kopf setzen, im nächsten Augenblick ist es wieder runter.
Was hat man ihm angetan, dass er sich unter einer Mütze wie gefangen fühlt? Wir finden keine Erklärung.
Den ersten Satz Mützen entsorgt Ronny, bevor wir ihm auf die Schliche kommen. Als alles Protestieren offensichtlich keinen Sinn hat, stellt er seine Methode um. Ruhig und ohne Murren sitzt er im Kinderwagen. Und wartet auf den unbeobachteten Augenblick. Wer kann schon ununterbrochen auf das Kind achten? Wir nicht.
Wieselflink knotet er das Bindeband auf und entsorgt die Mütze still und heimlich auf die Straße. Bis wir es merken, ist die Mütze auf Nimmerwiedersehen verschwunden.
Wir binden die Bindebänder der Mütze noch einmal an seiner Jacke fest – und achten noch häufiger auf das Vorhandensein seiner Kopfbedeckung.
Kaum hat Ronny seinen Ausweis, meldet sich Frau Schimmelpfennigwieder bei uns. Die hat einen Termin aus Ronnys früherem Leben: Ronny muss vor einiger Zeit schwer gestürzt sein. Zum Ausschluss von Blutungen oder anderer Spätfolgen müssen wir den Jungen bei einem vorgeschriebenen Arzt vorstellen. Dort werden Ronnys Hirnströme gemessen. »Was war geschehen?«, wollen wir wissen. Frau Schimmelpfennig wiegelt ab, diese Informationen unterliegen einer uns unbekannten Schweigepflicht. Unsere Aufgabe ist es, den Arzttermin abzusichern.
Dabei wäre es sicher gut, wir würden erfahren, welche Eskapaden das Kind so in petto hat, um weiteren Stürzen vorbeugen zu können. Man erklärt uns die Ursache nicht und wir bekommen auch kein Ergebnis mitgeteilt.
Marc sichert den Termin ab. Mir ist es unklar, wie er den Jungen beim Arzt soweit ruhig stellt, dass die Messung erfolgen kann. Für ein solches EEG muss das Kind eine Mütze mit Sensoren aufsetzen und dreißig Minuten auf dem Kopf behalten. Mit Ronny eine undenkbare Prozedur. Weder behält er die Mütze so lange auf dem Kopf noch bleibt er so lange still sitzen. Ich frage nicht, wie die beiden die Veranstaltung um die Runden bekommen haben.
Weil es so schön war, kommt gleich der nächste Termin: Ronnys leiblicher Vater besteht auf einem Vaterschaftstest, also muss Ronny zum Blutabnehmen.
Armer Marc, der fängt momentan alle Unannehmlichkeiten ab.
Wir haben für den Zweijährigen kein extra Gitterbett mehr gekauft, bald wird er auf der großen Liege schlafen wollen. Bis dahin ist er in dem geborgten Reisebett sicher aufgehoben. Aus dem er garantiert nicht herausklettern kann, denken wir uns, und sind fest davon überzeugt, das Beste für das Kind zu wollen.
Am zweiten Abend bei uns zieht Ronny samt Reisebett ins Kinderzimmer um. Bald bereue ich es, am Gitterbett gespart zu haben. Das Reisebett bereitet mir Probleme, an die wohl keiner beim Entwurf eines Reisebettes denkt: Ronny lässt sich artig und diskussionslos ins Bett legen und bleibt dort liegen, solange jemand im Zimmer ist. Soweit ist alles in Ordnung. Dann setze ich mich zu ihm, singe ihm ein Gutenachtlied. Das ist auch noch in Ordnung, wenn man von meinen wenig ausgeprägten Gesangskünsten absieht.
Gern würde ich ihn beim Singen streicheln. Üblicherweise schiebt man dazu seine Hand durch die Gitterstäbe des Kinderbettes. Reisebetten haben keine Gitterstäbe.
Umständlich verbiege ich meinen Arm über den hohen Rand des Reisebettes bis zum Kopf des Kindes nach unten. Immer wieder schläft mir der Arm ein. Hätten wir uns um ein Gitterbett bemüht, könnte auch ich meinen Arm bequem durch die Stäbe schieben.
Bald überlege ich ernsthaft, ob wir nicht doch noch ein Kinderbett kaufen sollten. Die Abende bei Ronny am Bett werden immer länger, meine Arme auch. Solange ich ein Gutenachtlied nach dem anderen singe, solange liegt Ronny herzallerliebst im Bettchen. Noch ein Liedchen, dann wird er eingeschlummert sein, denke ich und bitte meinen Arm, noch dieses eine Lied durchzuhalten.
Vorsichtig ziehe ich meinen Arm aus dem Bett und beende mein Lied. Schlagartig steht Ronny im Bett und heult herzerweichend los. Mein Gesang ist nicht gerade eine Wohltat für die Ohren. Nicht ohne Grund hatte man mich schon als Kind gebeten, auf meine Mitwirkung im Schulchor zu verzichten. Nur selten erwische ich den richtigen Ton. Ronny stören meine schrillen Halbtöne offensichtlich nicht. Lieber falsch gesungen als gar keine Musik.
Ob ich ihm das Radio einschalten soll? Schläft er mit Musik besser ein? Ist Musik sein Mittel gegen das Alleinsein?
Die zweite Überlegung, Ronnys Bett wieder bei uns in die Schlafstube zu stellen, erübrigt sich von selbst. Unsere Schlafstube ist das kleinste Zimmer im Haus. Sie wird nicht größer, nur weil wir mehr Kinder haben. Für Ronny wäre es sicher eine Wohltat, in unserer Nähe schlafen zu können. Für uns bestimmt nicht.
So singe ich noch ein Lied mehr, streichle ihn mit abgeknickt schmerzendem Arm noch eine Minute länger, gebe ihm ein Küsschen zusätzlich und lasse ihn bis zum nächsten Morgen doch allein.
Wenig später schläft Ronny auch im Kinderzimmer endlich friedlich ein. 3
Ronny hält uns auf Trab. Anders, als wir uns das vorgestellt haben, soweit wir uns überhaupt etwas vorgestellt haben. Wir sind einfach von nichts ausgegangen. Schlimmer als mit Laura kann es kaum werden. Unsere Laura war wirklich lebhaft und anstrengend.
Jetzt geht es uns wie Großeltern, die nach Monaten endlich wieder einmal für ein paar Stunden ihre Enkelkinder zu Besuch haben. Wir haben nicht das geringste Gefühl dafür, was wir Ronny zutrauen können. Wo müssen wir ihn beaufsichtigen? Was kann er schon allein? Um sicher zu gehen, geht immer einer von uns mit Ronny mit. Ronny Treppe hoch, Mutti Treppe hoch, Ronny in die Wohnstube, Papa in die Wohnstube. Treppe hoch, Treppe runter. Treppen sind Ronnys Lieblingsspiel. Aus Unerfahrenheit spielen wir mit. Nicht nur das Treppensteigen schlaucht gehörig. Solange Ronny nicht schläft, kommt auch keiner von uns zur Ruhe. Wäsche, Büro, Zeitung – alles bleibt bis zum späten Abend liegen.
Nach zwei Wochen sind wir k.o. So hatten wir uns das nicht vorgestellt.
Was tun? Wir grenzen Ronnys Bewegungsradius deutlich ein, schließen die Türen, laufen ihm nicht mehr ständig hinterher, erleichtern uns so das Beaufsichtigen des kleinen Teufels und schaffen uns selber Freiheiten. Nur Ronny ist nicht so begeistert. Er büxt aus, so oft wir ihn aus den Augen verlieren.
Wenige Tage später dürfen wir Ronnys neuen Kinderausweis auf dem Meldeamt abholen. Ronny Jatzke. Jatzke? Kein Name, der allzu häufig vorkommt. Jatzke? So heißt doch die nette Frau im Inkassobüro schräg gegenüber. Ob die beiden etwas miteinander zu tun haben? Unwahrscheinlich.
Ich fasse mir ein Herz, klopfe an der Tür und lasse mich hereinbitten. »Frau Himmelreich, bin ich aber froh, dass der Ronny bei Ihnen bleiben darf.« Herzlichkeit, Wärme und Freude empfangen mich. Ich bin gerührt.
Wir setzen uns. Frau Jatzke erzählt, ohne dass ich fragen muss.
Ronnys leibliche Mutter, die Cindy, ist Jatzkes Adoptivtochter. Als Cindy ein halbes Jahr alt war, starb ihre leibliche Mutter vermutlich an Alkohol. Cindy kam in die bis dahin kinderlose Familie Jatzke. Später wurden noch zwei leibliche Töchter geboren.
Von Beginn an überforderte Cindy die Familie. Das Mädchen ordnete sich nie ein, passte sich nie an, hielt nie eine Regel ein und nahm nie eine Lehre an. Sie lief nicht an der Hand, riss sich los, schmiss alles auf die Straße, war der Widerspruch in Person.
Cindy wurde auf Drängen der Eltern gleich in die Förderschule eingeschult, weil schon genau abzusehen war, dass sie sich auch in eine Schulklasse nicht einordnen wird. Sie war nicht dumm. Wenn sie etwas interessierte, dann erkannte sie auch schwierige Zusammenhänge und setzte sie richtig um. Nur interessierte sie selten das, was der Lehrer vorn zu unterrichten gedachte. Bald ging sie morgens gar nicht mehr zur Schule, versteckte sich irgendwo. Schafften die Eltern das Mädchen bis in die Schule, riss sie in der erstbesten Pause wieder aus.
Mit vierzehn kam eine Phase, in der sie den Schulstoff sehr gut aufnahm. Begeistert offerierte man ihr die Möglichkeit, den Hauptschulabschluss zu erreichen. Von dem Moment an war jegliches Interesse am Unterricht für Cindy beendet.
Lange hatten die Eltern Cindy verschwiegen, dass sie ein Adoptivkind ist. Cindy ist schlank wie ihre Adoptivmutter, kommt also ganz nach ihr. Die leiblichen Töchter der Eltern sind etwas fülliger, kommen mehr nach dem Vater. Die Erklärung schien logisch. Mit achtzehn schenkte man dem Kind dann reinen Wein ein, worauf sie gänzlich den Halt unter den Füßen verlor. Cindy zog aus, verschwand ohne Rückmeldung.
Erst als Cindy mit knapp neunzehn schwanger war, meldete sie sich wieder bei ihrer Mutter. Jeder machte sich Sorgen, wie das Kind mit dem Kinde zurechtkommen will, wo es doch kaum für sich selbst sorgen kann. Alkohol war für Cindy täglich ein Thema, Drogen nach Aussage von Frau Jatzke wohl noch nicht. Die Eltern überlegten kurz, ob sie Cindy wieder bei sich aufnehmen sollten. Dann müssten sie für Cindy und für das Baby sorgen. Die Vermutung war nicht von der Hand zu weisen, berechtigt entschied man sich dagegen. Cindy bekam eine eigene kleine Wohnung in der Stadt und eine Sozialarbeiterin zur Betreuung. Stolz präsentierte die junge Mutter ihr Baby in der Zeitung und versank danach tiefer in Alkohol und Drogen.
Um Ronny kümmerten sich abwechselnd die Sozialarbeiterin, die Oma, die Tanten und die Nachbarn. Der Junge bekam etwas zu Essen und wurde in saubere Windeln gewickelt. Die meiste Zeit verbrachte er im Gitterbett, später nahm ihn die Mutter mit auf ihre Touren durch die Cafés und Bars der Stadt.
Sehr bald erkannte Frau Jatzke, dass es so nicht weiter gehen konnte. Als Ronny ein Jahr alt war, bat sie das Jugendamt, doch endlich einzugreifen. Mögen sie bitte den Jungen von der Mutter nehmen und ihn in eine gute Pflegefamilie geben. Hätte man mit der jungen Mutter geredet, vielleicht wäre ihr diese Sicherheit für ihr Kind sogar recht gewesen, vielleicht hätte sie freiwillig einer Pflegefamilie zugestimmt. Kein Jugendamt hat mit Cindy über diese Möglichkeit gesprochen. Kinder gehören zu ihren Müttern, so lange es irgend geht.
Wirklich?
Jugendamt und Sozialgericht bemühten sich ein Jahr lang, Cindy mit Auflagen zu einer angemessenen Erziehung und Versorgung des Kindes zu erziehen. Ein aussichtsloses Unterfangen, im Ergebnis dessen Ronny erst ein Jahr später zu uns kommen durfte.
Nein, geschlagen wurde Ronny nicht. Wirklich hungern musste er auch nicht. Aber niemand hat mit ihm gespielt, niemand hat gesungen, niemand hat ihn gestreichelt, geschaukelt, geliebt.
Zwei Stunden lang redet sich Frau Jatzke ihr Herz frei, spricht sich alle nun vergangenen Probleme von der Leber. Ich verabschiede mich von einer endlich beruhigten, endlich zufriedenen Frau und bin selber mehr als beruhigt und zufrieden.
Anziehsachen. Wir brauchen Anziehsachen für Ronny. Außer den Sachen, die er am Leib hatte, hat Ronny nichts mitgebracht. Und die wenigen Kleidungsstücke, die noch von Laura übrig sind, können wir nur sehr bedingt für Ronny nutzen. Laura war und ist ein Mädchen. Auch unsere Freunde ringsherum haben nur Mädchen. Fetzige Shirts und Hosen müssen her.
Und Adidas-Wanderschuhe.
Schon vor Monaten, als wir den Antrag auf ein Pflegekind stellten, war für mich klar, dass das Kind als erstes ein Paar richtige Adidas-Wanderschuhe bekommen wird. Warum? Keine Ahnung. Irgendwie hat doch jeder seinen Spleen. Diese Wanderschuhe sind super bequem, geben den Füßen festen Halt, sehen sündhaft teuer aus und sind – sündhaft teuer.
Egal, Ronny bekommt als erstes seine, meine teuren Adidas-Wanderschuhe gekauft. Dann inspizieren wir die anderen Bekleidungsgeschäfte.
Anziehsachen-Einkaufen ist Anfang August eine dankbare Aufgabe. Die Läden feiern Sommerschlussverkauf, wir bekommen die unabdingbare Grundausstattung für angenehm wenig Geld.
In Anbetracht der unzähligen, herabgesetzten Angebote überlegen wir zweifelnd: Sollten wir die Sachen gleich noch einmal eine Nummer größer kaufen? Für den nächsten Sommer? Wo doch alles so preiswert ist.
Nächsten Sommer? Was wird nächsten Sommer sein? Wird Ronny nächsten Sommer noch bei uns sein dürfen? Werden wir ihn an seine Mutter zurückgeben müssen? Was machen wir mit den Sachen, wenn Ronny dann vielleicht nicht mehr bei uns sein darf?
Angst.
Panik.
Was wird in den nächsten Wochen geschehen? Wird die Mutter um ihr Kind kämpfen? Werden wir Ronny zurückgeben müssen? Wird man uns das Kind wieder wegnehmen?
Wie soll man ohne sichere Perspektive für die Zukunft planen? Niemand hat uns gesagt, ob Ronny für immer bleiben darf. »Jetzt schauen wir erst einmal«, musste uns beim Abholen im Amt zur Beruhigung reichen. Es reicht nicht. Zum ersten Mal übermannt uns eine riesengroße Unsicherheit. Was wird werden?
Ronny ist noch keine zwei Wochen bei uns. Trotzdem können wir uns nicht vorstellen, Ronny wieder weggeben zu müssen. Wir haben die Verantwortung für ihn übernommen. Ohne ihn würde eine Leere entstehen, mit der keiner von uns umgehen könnte. Der Tod eines Kindes muss schrecklich sein und ist sicher nicht zu ertragen. Wie jedoch soll man es übers Herz bringen, das lieb gewonnene Kind wieder dorthin zurückzugeben, wo es keine Zukunft haben wird? Für uns wäre das Kind tot und doch würden wir wissen, dass es irgendwo noch lebt.
Nein! So etwas können wir nicht denken, mit solchen Gedanken können wir nicht leben. Wir halten uns fest an der Hand und helfen uns gegenseitig, diese unerträgliche Last zu verdrängen.
Letztendlich kaufen wir für Ronny einige wenige, besonders hübsche Kleidungsstücke für den nächsten Sommer. Die würden sich auch verschenken lassen, wenn es wirklich sein müsste. Zu mehr reicht unsere Zuversicht heute nicht.
Wir hatten uns für ein Pflegekind entschieden, weil wir dachten, das könne man zurückgeben, wenn es nicht in die Familie passt. Theoretisch ist das richtig. Praktisch kann sich keiner von uns auch nur mit einer Silbe vorstellen, Ronny jemals wieder wegzugeben. Es ist mit Kindern vermutlich wie mit der Liebe: In den ersten zehn Sekunden entscheidet das Herz. Unsere Herzen haben sich längst entschieden. Wir hätten auch gleich adoptieren können.
Dieses Wochenende nimmt Marc noch einmal zwei wichtige geschäftliche Termine wahr. Ich bin mit Ronny allein, was ich mir nicht so problematisch vorstelle. Am Samstag fährt unser Sportverein traditionell zum Mannschaftstriathlon in die Sächsische Schweiz. Genauso traditionell übernehme ich dabei den Cross-Lauf in einer Damenstaffel. Freitag ist Anreise. Die meisten schlafen im großen Schlafsaal über dem Speiseraum. Ich habe unser kleines Zelt etwas entfernt aufgebaut.
Was mache ich mit Ronny während des Wettkampfs? Die größeren Mädchen werden doch sicher mit meiner lebenden Puppe Mutti spielen wollen, denke ich mir. Weit gefehlt. Sie nehmen den Kleinen gerade noch war, aber aufpassen auf ihn will keiner freiwillig. Das Ronny-Hüten wird noch dadurch erschwert, dass der Wettkampf in einem Freibad stattfindet. Anstelle eines zentralen Platzes gibt es ein großes Schwimmerbecken. Es ist also nur eine Frage der Zeit, wann Ronny dort hineinfällt.
Ich zaubere meinen letzten Joker aus dem Ärmel. Besser aus dem Auto. Es ist ein Kinder-Brustgurt mit einer langen Kletterschlinge und ein Eimer mit Sandspielzeug. Ronny bekommt den Gurt umgelegt, wird am Pfosten des Beach-Volleyballfeldes angebunden und kann im weichen Sand ausgiebig spielen. Könnte ausgiebig spielen.
Tut er aber nicht.
Bis jetzt war es ihm immer völlig egal, ob wir bei ihm geblieben oder weggegangen sind. Hatte er sein Spielzeug, dann gab er Ruhe. Heute bläkt er wie am Spieß. Ich bin schon nervös. Eigentlich sollte ich mich für den Wettkampf endlich einlaufen gehen. Vielleicht gibt er nach wenigen Minuten wieder Ruhe? Ich laufe einfach los.
Weit komme ich nicht. Schon ruft der Wettkampfsprecher laut durchs Mikrofon, am Volleyballfeld würde ein angebundenes Kind laut weinen. Die Eltern mögen bitte kommen. Schnauf. Ich komme ja schon.
Das war also nichts! Dabei fand ich die Idee mit dem Brustgurt so genial. Dazu war es meine letzte Vorbereitung. Wo soll ich jetzt mit dem Jungen hin?
Auf der anderen Seite des großen Beckens sitzen zwei Muttis mit Kinderwagen und mehreren kleinen Kindern. Die beiden sind mir unbekannt. Das macht jetzt nichts. Ich habe meine Opfer gefunden. Wer kann einer teilnehmenden Sportlerin eine Bitte ausschlagen? Sie übernehmen Ronny. Ich erkläre ihnen auch nicht, dass der Junge nicht so ganz funktioniert wie ihre Kinder. Schlimmstenfalls landet Ronny im Schwimmbecken. Egal. Ich muss zum Start, mein Wechsel wird gleich sein.
Im Wechselgarten komme ich seit Stunden zum ersten Mal zum Verschnaufen. Tief Luft holen. Verdammt, ich muss auf Toilette. »Kannste vergessen«, würde man in Sachsen sagen. Mein Staffelläufer kommt. Ich bin dran, es geht los. Der Lauf hat es in sich. Zwei Runden sind zu absolvieren. Jede Runde führt auf den Berg hoch, auf der anderen Seite runter, wieder auf den Berg hoch und wieder zu unserer Seite runter ins Bad. Beim Bergablaufen schüttelt es mich so sehr, dass ich meinen Harndrang kaum noch halten kann. Wenn ich den Berg noch zweimal so runter soll, mache ich mir in die Hosen.
Hinterm Bad biegt der Weg in den Wald ein. Ich hocke mich unter eine kleine Fichte und entledige mich meines Problems. Glücklicherweise überholt mich währenddessen nur ein Mann, wir haben keine Platzierung eingebüßt.
Im Ziel nehme ich mir keine Zeit für den angebotenen Tee. Ich will die Bewacher von meinem Jungen erlösen. Wer weiß, was der angestellt hat. Über das große Becken hinweg kann ich ihn schon sehen. Friedlich spielt er mit den Autos der anderen Kinder. Unbeschwert und freundlich berichtet mir die Mutti: »Der Junge hat überhaupt keine Probleme bereitet.«
Jetzt bin ich wirklich im Ziel.
9.00 Uhr. Wir treffen uns bei Frau Korselt im Amt. Frau Korselt teilt uns verschiedenste Formulare und Bestätigungen aus, fasst sich kurz, stellt keine Fragen und wartet auch nicht auf unsere.
Wir durchleben Minuten wie im Trance. Fragen über Fragen schwirren durch unsere Köpfe. Warum erklärt uns niemand, wie die nächsten Wochen ablaufen werden? Warum fragt uns niemand, ob wir Fragen haben? Sind Fragen unerwünscht? Nimmt man uns Ronny wieder weg, wenn wir nicht allein klarkommen?
Es kreiselt um und in unseren Köpfen, diese Angst macht uns schwindlig. Wir haben alles unterschrieben und gehen, ohne eine Frage zu stellen.
Wir wollen Ronny behalten.
Wir müssen uns erst an Ronny gewöhnen. Er spricht nicht, nicht Mama, nicht Papa, nicht Auto. Somit kann er sich auch nicht verständlich machen. Es ist an uns, seine Reaktionen richtig einzuordnen. Das müssen wir erst lernen.
Ronny kennt auch seinen eigenen Namen nicht. Er weiß nicht, dass er der Ronny ist. Niemand hat ihn mit seinem Namen gerufen. Deshalb meinte wohl die Kindergärtnerin, dass er schlecht hört.
