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Sebastian Prinz, ein junger Architekt, vom Ehrgeiz zerfressen, wollte unter allen Umständen Karriere machen. Er nutzte die Liebe dreier Frauen aus, die ihn zu Wohlstand und Anerkennung verhelfen sollten. Sebastian sonnte sich im Glanze des Erfolges. Er sah gut aus, war ein hervorragender Tennisspieler und wollte immer mehr, immer höher hinaus. Seine Jugendfreundin Stefanie, die in einfachen Verhältnissen lebte, versuchte ihn bodenständig zu halten, ohne Erfolg. Das Drama seines Lebens begann in einer entscheidenden Nacht.
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Seitenzahl: 101
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Die meisten Menschen sind unglücklich, weil sie vom Glück zu viel verlangen.
Der Ehrgeiz ist der größte Feind des Glücks,
denn er macht blind.
Jean-Paul Belmondo
Ein Brief
Zwei Kinder aus uralten Zeiten
Ein grober Schnitzer
Der erste Kontakt
Der erste Schritt
Pass bitte auf, Sebastian
Die große Chance
Was man nicht sehen will, sieht man auch nicht
Ich kann es nicht lassen
Das Hin und Her
Ein unschlagbares Angebot
Es geschah in einer Nacht
Ein ungebetener Gast
Rechtfertigungsversuch
Ein Mann gibt nicht auf
Die Hoffnung stirbt zuletzt
Gnadenlos
Keine Freunde
Ein seltsamer Besucher
Die Verhaftung
Mallorquinische Träume
Der Lyriker
Ein neuer Versuch
Fliehe noch in dieser Nacht
Der Tod kam in der Nacht
Das Attentat
Späte Erkenntnis
Ein Neuanfang
Lange Zeit stand er am Fenster und sah in den stark bewölkten Himmel. „Es wird regnen“, sagte er, mehr zu sich selbst, und löste sich aus seiner starren Haltung. Wieder zurück am Tisch, nahm er das dort liegende Blatt Papier zur Hand und las sich laut den Text vor, den er zuvor geschrieben hatte.
„Liebe Steffi, ich kann dir nicht sagen, was ich fühle. Du bist im Krankenhaus und Dein immer freundliches Gesicht ist erstarrt. Du liegst im Koma, atmest, aber Du wirst mich nicht sehen und hören, oder doch? Zu spät habe ich erkannt, was Du für mich empfindest, und zu spät habe ich begriffen, was ich für Dich empfinde. Als ich gestern bei Dir im Krankenzimmer war, habe ich meinen Mund an Dein Ohr gelegt und zum ersten Mal in meinem Leben die drei Worte geflüstert. Du hast nicht reagiert. Kein Zwinkern der Augen, kein verstärktes Atmen, kein Zittern der Finger, geschweige denn ein Druck Deiner Hand. Ich bin davon überzeugt, dass wir unsere Zeit noch bekommen. Du wirst gesunden und ich werde Dich an die Hand nehmen und mit Dir endlich nach Benidorm fliegen, wie wir es immer schon vorhatten. Ich werde Dich lieben, für Dich da sein und mich bei Dir bedanken für alles, was Du für mich getan hast. Ich werde dir diesen Brief unter Dein Kopfkissen legen und wenn Du erwachst, dann wird er mein erster Gruß an Dich sein. Ich liebe Dich. Dein Basti.“
Sebastian faltete den Brief in ein kleines Format, steckte ihn in seine Jackentasche und fuhr zum Krankenhaus. Bevor er die Intensivstation betrat, legte er sich schnell noch die grüne Schutzkleidung an. Unverändert lag Stefanie im Bett, in Rückenlage mit geschlossenen Augen. Es quälte Sebastian, seine Jugendfreundin so zu sehen, mit all den Schläuchen in Mund und Nase. Am Fußende war die Decke verrutscht und als Sebastian ihre nackten Füße bedecken wollte, sah er ihre Schienbeine. Sie waren dunkelblau. Er erschrak und suchte nervös nach der Klingel für das Schwesternzimmer. In diesem Augenblick betrat Professor Dr. Hinrichs mit seinem Gefolge das Krankenzimmer. Er fasste Sebastian am Arm und zog ihn vom Bett seiner Freundin weg. Die beiden Männer kannten sich aus früheren Tagen im Tennisclub und sie duzten sich. „Basti, mach dir keine Gedanken, die Blutergüsse sind normal. Ihre inneren Verletzungen sind schwer und der Blutstau ist das sichtbare Zeichen dafür. Wir haben alles im Griff.“ „Weißt du mehr? Wann wacht sie wieder auf? Wird sie wieder ganz die Alte sein? Wird sie leben?“ Prof. Hinrichs antwortete in seiner sachlichen und ruhigen Art: „Komm doch in einer halben Stunde in mein Büro. Nach der Visite können wir uns unterhalten.“ Darauf verließ der Ärztetross das Krankenzimmer und schnell kehrte auch auf dem Flur wieder Ruhe ein. Sebastian fingerte seinen Brief aus der Jackentasche und steckte ihn Stefanie unter das Kopfkissen. Dann gab er ihr einen Kuss auf die Stirn und verließ den unfreundlichen Raum. Chefarzt Hinrichs wartete schon in seinem Büro auf den Gast. Natürlich durfte ein duftender Kaffee nicht fehlen. Beide Männer setzten sich an den kleinen Besuchertisch aus Glas. Sebastian nahm den Faden sofort wieder auf: „Was wird nun mit ihr?“ Professor Hinrichs nahm einen Schluck aus seiner Tasse und setzte sie mit einem hörbaren Ton zurück auf die Untertasse. „Stefanie wird überleben. Sie wird auch wieder aus dem Koma erwachen. Doch für die Nachsorge brauche ich deine ganze Geschichte, erzähle sie mir.“ Sebastian lehnte sich zurück und begann zu berichten …
Steffi und ich lernten uns als Kinder in der Schule kennen. Es war in der fünften Klasse, glaube ich. Stefanie fiel mir sofort auf. Sie war ein stilles, zurückhaltendes Kind. Sie schien ängstlich zu sein, zuckte bei jedem lauten Geräusch zusammen und suchte Schutz in einsamen Ecken. Sie war zehn Jahre alt und ich ein Jahr älter. So fühlte ich mich irgendwie als ihr Beschützer. Sie kam aus einem bäuerlichen Umfeld. Ihr Vater war im Krieg gefallen und ihre Mutter versuchte, sie und ihre ältere Schwester allein durchzubringen, was nicht einfach war. Auch andere Frauen, die diese Zeit erlebt haben, können davon berichten. Ihre Schwester ist später an Tuberkulose gestorben. Ihre Mutter verdingte sich als Bauernmagd, Dienstmädchen, Putzfrau und Kindermädchen. Geld für Klassenfahrten hatte die Mutter nicht und den Sozialfond der Klasse in Anspruch nehmen wollte sie nicht. Steffi wurde in der Schule gehänselt. „Bauerntrampel“, „Landpomeranze“ und „Schweinehirtin“ nannte man sie. Mein Elternhaus war ein anderes. Mein Vater hatte nach dem Krieg die richtigen Leute an seiner Seite gehabt. Er war ehrgeizig und strebsam. Schnell wurde er Geschäftsführer eines Bekleidungshauses und später Inhaber einer eigenen Firma. Er sagte zu mir schon in frühen Jahren: „Junge, lerne etwas, sei fleißig, erfülle deine Pflicht, wo immer man dich hinstellt, und arbeite.“
Wie unterschiedlich waren doch unsere beiden Lebensentwürfe. Steffi war, ich würde mal sagen, ein Mädchen von ganz unten und ich ein Junge von ganz oben. Was ich an ihr mochte, war die Ruhe, die sie ausstrahlte. In ihrer Nähe spürte ich nur Poesie, Wind, Wasser, Sonne und grünes Gras. Ich weiß noch, wie mein Vater mich verprügelt hat, weil ich das morgendliche Gebet nicht ausgeführt hatte. Ich war lieber schon vor dem Frühstück im Garten gewesen, um meine Kaninchen zu füttern. Ein preußischer Junge weint nicht, der hält Schmerzen aus, der ist zäh. Alles Sätze eines Vaters, der noch unter Kaiser Wilhelm seine Ausbildung genossen und unter Adolf Hitler voller Stolz seine Parteizugehörigkeit demonstriert hatte. Ich fuhr mit meinem Gummiroller zu Steffi und sie pflegte die Striemen auf meinem Rücken. In ihrer Nähe fühlte ich mich wohl.
Nach der Schulzeit trennten sich unsere Wege. Nur noch sporadisch sahen wir uns. Steffi erlernte nach der Hauptschule den Beruf der Altenpflegerin. Mich prügelte mein Vater durch das Abitur. Wenn ich auch bis zu diesem Zeitpunkt relativ gleichgültig gegenüber meiner Zukunft gewesen war, so entwickelte ich jetzt einen enormen Ehrgeiz als Student der Architektur. Die Gene meines Vaters machten sich bemerkbar. Ich wollte weg von der Straße. Ich wollte Kaviar essen und Champagner trinken. Motorboot fahren in der Karibik. Ich träumte vom großen Geld, von Ansehen und Reichtum. Vater hatte Recht. Es durfte nur nach oben gehen. So ging jeder seinen Weg.
Allein der Wille, erfolgreich zu sein, reicht nicht aus. Entscheidend ist die richtige Taktik und Erfahrung. Die Erfahrung fehlte mir zwar, doch die richtige Taktik konnte ich erlernen. Ich hatte mein Studium gerade beendet, da glaubte ich schon, größer zu sein als der Rest der deutschen Architekten. Ich schickte hunderte Bewerbungen hinaus. Es hagelte Absagen. Ich ließ meine Bewerbung von Fachleuten prüfen. War ich zu forsch? War ich zu modern oder zu harmlos? Hatte ich zu dick aufgetragen? Ich fand meine Bewerbung gut, meine Zeugnisse einwandfrei und mein Auftreten dem Zweck angepasst. Ich stand vor dem Spiegel, um meine Außenwirkung zu kontrollieren. Einen Punkt hatte ich von Anfang an übersehen: Ich war kein Sympathieträger.
Dennoch freute ich mich über ein Vorstellungsgespräch in der Agentur Bechthold in Bielefeld. Es war ein junges Unternehmen mit einem kleinen Team. Florian Bechthold war 35 Jahre alt und schon sehr erfolgreich im Markt. Der Altersunterschied zwischen uns war nicht sehr groß. Ich mit meinen 28 Jahren glaubte, auf Augenhöhe mit ihm kommunizieren zu können. Bevor er mich empfing, saß ich noch eine kurze Weile im Vorzimmer. Auf dem Tisch lagen diverse Zeitungen und Bücher, die meiner Meinung nach alle politisch rechts angehaucht waren. Ich ging zur Sekretärin und fragte sie direkt: „Welche politische Richtung vertritt denn Ihr Chef. Auf dem Besuchertisch liegen Zeitungen, die ich dem rechten Spektrum zuordnen würde, stimmt das?“ Die Sekretärin lachte: „Nun ja, Herr Berthold ist ein deutscher Unternehmer und lebt von deutschen Bauherren. Ausländische Auftraggeber hat er nicht. Die Zeitungen zeigen eigentlich nur, dass im afrikanischen Raum Baumaßnahmen nicht durchgeführt werden können, weil dort die deutschen Voraussetzungen nicht geschaffen sind. Die Zeitungen greifen das Bildungssystem in den Ländern auf und stellen Parallelen zum deutschen her. Herr Berthold ist ein Erzkonservativer und CDU-Wähler.“ Ich ging zurück auf meinen Platz und las einen Artikel, der „Das deutsche Wunder“ überschrieben war. Ein bisschen mehr als wertkonservativ klang das schon. Als dann noch ein Angestellter aus dem Chefbüro kam und der Sekretärin sagte: „Wir wollen keine Flüchtlinge hier haben“, wurde mir die Richtigkeit meiner Vermutung bestätigt.
Nun wurde ich zu Herrn Berthold vorgelassen. Kurz und knapp stellte ich mich militärisch korrekt vor. „Mein Name ist Prinz, Sebastian Prinz. Ich halte mich für einen guten Mann, der Ihnen viel Arbeit abnehmen kann.“ Herr Berthold blätterte in meinen Bewerbungen und sagte schließlich: „Ich habe gute Leute, die mir viel Arbeit abnehmen können. Was können Sie mir noch bieten?“ Er ließ sich in seinen Ledersessel hinter dem Schreibtisch zurückfallen. Forsch, wie es mein Naturell ist, beugte ich mich über seinen Schreibtisch und sagte: „Ich bin wertkonservativ. Ich finde auch, dass wir die Flüchtlinge in Deutschland nicht brauchen. Ihr Kollege hat Recht, als er das draußen Ihrer Sekretärin sagte.“ „So? Sagte er das draußen?“ Er griff zur Gegensprechanlage und sagte seiner Sekretärin, sie möge „die Neuen“ reinschicken. Die Tür ging auf und ich erschrak. Von den fünf Menschen, die hereinkamen, waren drei Schwarzafrikaner und zwei arabisch aussehende Männer. „Sehen Sie“, sprach Herr Bechthold sehr ruhig weiter. „Der Kollege draußen meinte sicherlich, dass wir nicht nur Flüchtlinge einstellen sollten. Sie haben das falsch verstanden und mich wohl auch falsch eingeschätzt. Sie müssen doch noch viel lernen. Ich denke, das war es.“ Er hob die Hand zum Gruß und gab mir zu verstehen, dass meine Bewerbung ad acta gelegt werden würde. Als ich an der Sekretärin vorbeiging, flüsterte ich ihr zu: „Er ist ja gar nicht gegen die Flüchtlinge, warum haben Sie mich nicht aufgeklärt?“ Frau Wesemann lachte: „Es war Ihre Lesart, nicht meine.“ Tatsache war, dass das Architektenbüro Bechthold dringend talentierte Architekturstudenten suchte, und unter den Flüchtlingen fand er ein großes Potenzial an werdenden Fachleuten. Der Kollege – und wie sich später herausstellen sollte - stellvertretende Ressortleiter hatte mit seiner Äußerung gegenüber der Sekretärin gemeint, nicht zu viele Flüchtlinge aufzunehmen, damit die Integration besser klappen würde. Ich musste dazulernen, das war mir klargeworden. Es waren kleine Fehler, aber mit großer Wirkung. Ich konnte jedoch nicht zugeben, dass ich Fehler gemacht hatte. Ich tat so, als wäre ich einem Irrtum aufgesessen. Ein Sebastian Prinz macht keine Fehler. Ein Sebastian Prinz ist der Beste.
Wenn ich aufgrund dieses Vorfalls doch ein wenig an mir gezweifelt hatte, so wurden mir diese Zweifel durch ein Telefonat genommen. Florian Bechthold persönlich rief mich an. Er wollte mich sehen und ich tat ihm den Gefallen. Sein Büro kannte ich ja nun schon. Er saß wieder in seinem gepolsterten Sessel hinter dem Schreibtisch. „Haben Sie Ihre Fehleinschätzung verdaut?“ Ich antwortete ihm nicht ganz unbescheiden: „Bei der nächsten Bewerbung mache ich es anders.“ Herr Bechthold lachte: „Ich habe Ihre Entwürfe gesehen, sie sind nicht schlecht. Sind Sie auch teamfähig?“ Ich nickte. Er stand auf und reichte mir die Hand: „Meine Sekretärin hat Ihren Arbeitsvertrag schon fertig. Gehen Sie raus, unterschreiben Sie und morgen fangen Sie an.“ Es war nicht meine Person, die ihn überzeugt hatte, so resümierte ich. Es waren meine Testarbeiten. Ich hatte einen Job und zwar beim besten Architekten im Raum Ostwestfalen.
