@ichbinsophiescholl -  - E-Book

@ichbinsophiescholl E-Book

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Beschreibung

(Wie) kann Geschichte in sozialen Medien erzählt werden? Interdisziplinäre Perspektiven auf das Instagramprojekt @ichbinsophiescholl. Was wäre, wenn Sophie Scholl auf Instagram aktiv gewesen wäre? Soziale Medien werden auch zur Vermittlung von Geschichte immer populärer. Eines der jüngsten Beispiele ist das Instagramprojekt @ichbinsophiescholl der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten SWR und BR, das Nutzer:innen an den letzten 10 Monaten des Lebens einer remediatisierten Sophie Scholl, gespielt von Luna Wedler, teilhaben ließ. Der Ansatz, Geschichte "hautnah, emotional und in nachempfundener Echtzeit" zu erzählen, führte dabei zu großer medialer Aufmerksamkeit und Reichweite, im Projektverlauf jedoch zunehmend auch zu kritischen Auseinandersetzungen mit Geschichtsdarstellungen im Social-Media-Format. Anhand eines der erfolgreichsten Produkte der Public History in den letzten Jahren wird die Darstellung von Geschichte in Social Media eingehend analysiert. Der Band vereint interdisziplinäre Perspektiven aus der Geschichtswissenschaft, Medienwissenschaft, Psychologie, Didaktik und historisch-politischer Bildung auf das Projekt, dessen Rezeption und Analyse.

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Seitenzahl: 365

Veröffentlichungsjahr: 2023

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@ichbinsophiescholl

   Darstellung und Diskussion

   von Geschichte in Social Media

Historische Bildung und Public History

Herausgegeben von Christian Bunnenberg,

Kathrin Klausmeier und Christian Kuchler

Band 1

@ichbinsophiescholl

Darstellung und Diskussion von Geschichte in Social Media

Herausgegeben von Mia Bergund Christian Kuchler

WALLSTEIN VERLAG

Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der RWTH Aachen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Wallstein Verlag, Göttingen 2023

www.wallstein-verlag.de

Umschlaggestaltung: Marion Wiebel, Wallstein Verlag

unter Verwendung eines Posts auf @ichbinsophiescholl.

© SWR/Sommerhaus Film.

ISBN (Print) 978-3-8353-5485-2

ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-8494-1

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-8495-8

Inhalt

Mia Berg · Christian Kuchler Geschichte auf InstagramDas Beispiel @ichbinsophiescholl

Historische Einordnung und Kontexte

Hans Günter Hockerts History und Memory Sophie Scholl in der biographischen Forschung und im Boom der Erinnerung

Nils Steffen »Neuland« Social Media? Neue Quellen für die Geschichtswissenschaft

Produktion

Lydia Leipert Die NS-Diktatur aus der Selfie-Perspektive Projektbericht zu einem der weltweit erfolgreichsten historischen Social-Media-Accounts

Tobias Ebbrecht-Hartmann Eva, Anne und Sophie auf Instagram und YouTubeÜber die Grenzen der Interaktion und die Möglichkeiten medialer Zeug*innenschaft

Christian Schwarzenegger · Erik Koenen Wer ist Sophie Scholl auf Instagram? Polyphonien kommunikativen Erinnerns in digitalen Medienumgebungen

Rezeption und Aneignung

Tanja Thomas · Martina Thiele @ichbinsophieschollErinnern und Vergessen von Widerstand gegen den Nationalsozialismus in medialen Öffentlichkeiten

Hans-Ulrich Wagner · Jan Rau · Daria Chepurko · Clara Linnekugel · Daniel Wehrend Kommunikative Praktiken der Aneignung von Vergangenheit Eine Mixed-Methods-Analyse von User*innen-Interaktionen und Kommentaren bei @ichbinsophiescholl

Nora Hespers · Charlotte Jahnz Häppchenweise Sophie Scholl Kritische Anmerkungen zum Instagram-Kanal @ichbinsophiescholl

Studien

Christian Kuchler Alle sprechen von @ichbinsophiescholl – nur Schülerinnen und Schüler nicht

Dario Treiber Emotionen bei der Rezeption von @ichbinsophieschollForschungsüberlegungen zur Analyse nicht-kognitiver Verarbeitung bei Schüler*innen

Mia Berg · Elena Lewers · Jessica Szczuka · Lea Frentzel-Beyme »Liebe Sophie! Pass auf dich auf« Parasoziale Interaktion und historisches Denken bei @ichbinsophiescholl

Perspektiven

Mia Berg Vergängliche Geschichte(n) Geschichtsdarstellungen in sozialen Medien erforschen

Christian Bunnenberg »Wer anfängt sich kreativ erinnern zu wollen, der kann sich auch gleich alternativ erinnern.« @ichbinsophiescholl, Jan Böhmermanns Bewertung und die Aufgaben akademischer Public History

Autor*innenverzeichnis

Anmerkungen

Geschichte auf Instagram

Das Beispiel @ichbinsophiescholl

Mia Berg • Christian Kuchler

Der Instagram-Kanal @ichbinsophiescholl ist das in den letzten Jahren wohl meistdiskutierte Beispiel für die Darstellung von Geschichte in Social Media in Deutschland. Das gemeinsame Projekt von Südwestrundfunk und Bayerischem Rundfunk hatte sich vorgenommen, das Leben Sophie Scholls, der vielleicht prominentesten Widerstandskämpferin gegen den NS-Staat, »aus den Geschichtsbüchern ins Hier und Jetzt«[1] zu holen und in einer neuen Art zu inszenieren. Die Macher*innen entschieden sich bewusst gegen neue Spielfilm- oder Dokumentarfilmproduktionen, vielmehr sollte ein Social-Media-Projekt entstehen, das sich von den bislang öffentlich-rechtlich produzierten Darstellungen der historischen Figur abhebt. Auf Instagram, so die Hoffnung, sollten neue Zielgruppen erschlossen und damit vor allem jüngere, weibliche Personen für die Geschichte der Münchner Studentin interessiert werden.

Der 100. Geburtstag Sophie Scholls am 9. Mai 2021 wurde zum Anlass für eine Instagram-(Hi)Story, die ihre letzten zehn Lebensmonate in einer an die medialen Eigenlogiken der Plattform angepassten Form erzählen wollte. Plakativ formulierte die Werbebotschaft zum Kanal: »Stell Dir vor, es ist 1942 auf Instagram …«. Aufgeworfen wurde also die Frage, was Sophie Scholl wohl gemacht hätte, wenn es zu ihrer Zeit bereits Social Media gegeben hätte. Welche Inhalte hätte sie geteilt, wie ihr Leben präsentiert, wie hätte sie die politisch-gesellschaftliche Situation kommentiert und – vor allem – wie hätte sie ihre eigene Position im Widerstand gegen das NS-Regime weitergegeben?

Bereits an diesem Punkt war die kontrafaktische Anlage des Projekts zu erkennen, schließlich ist offensichtlich, wie unmöglich es gewesen wäre, in einem diktatorischen Regime seine Widerstandsaktivitäten in einem öffentlich zugänglichen Medium zu posten. Diese und ähnliche Widersprüche sollten jedoch zurücktreten, den beiden öffentlich-rechtlichen Anstalten ging es nach eigenen Aussagen vielmehr darum, anhand der fiktionalen Interpretation einer historischen Figur einen personalisierten Zugang zu Geschichte anzubieten. Zentrales Anliegen war es, Follower*innen den letzten Lebensabschnitt Scholls bewusst »emotional, radikal subjektiv und in nachempfundener Echtzeit« miterleben zu lassen. Sie sollten den Eindruck erhalten, am Leben der historischen Person teilhaben zu können.[2]

Für Deutschland war dieser Ansatz weitgehend neu, @ichbinsophiescholl wurde deshalb zunächst ein Innovationsimpuls zugeschrieben. Geschichte auf Instagram fand sich jedoch auch im April 2021 bereits in vielfältigen Formen und Formaten. Das Projekt entstand folglich nicht im luftleeren Raum, sondern orientierte sich an medialen Vorbildern wie dem israelischen Instagram-Kanal @eva.stories. Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk hatte zuvor neben populären Wissens- und Erklärformaten wie @terraxhistory (ehemals MrWissen2go Geschichte/ZDF) oder @frauen_geschichte(BR) erste historische Storytelling-Formate erarbeitet, die Nutzer*innen Geschichte in ihren Instagram-Feeds erlebbar machen sollten. Ausgangspunkt dafür waren – wie so oft in der öffentlichen Geschichtskultur – historische Jubiläen. Anlässlich des 30. Jahrestags des Mauerfalls im Jahr 2019 präsentierte ZDFinfo die Graphic Novel Breaking Berlin, die zehn fiktive Personen durch den 9. November 1989 begleitete und dafür in Instagram-Stories aktuelle Aufnahmen der historischen Schauplätze mit Illustrationen kombinierte.[3] Die Tagesschau zeigte mit der Serie Throwback ´89 vom 19. Oktober bis 9. November 2019 die Ereignisse im Jahr 1989 aus der Selfie-Perspektive der fiktiven 17-jährigen Nora und begleitete deren Instagram-Stories durch kontextualisierende Posts mit Originalmaterial zu den historischen Entwicklungen. Ein überaus erfolgreiches Unterfangen: Das Projekt erreichte in drei Wochen nicht weniger als 6,4 Millionen Nutzer*innen und zog etwa 1,25 Millionen Interaktionen nach sich.[4]

Aus den medialen Vorläufern sticht @ichbinsophiescholl dennoch heraus, weil es eine derart aufwendige Inszenierung einer historischen Figur über mehrere Monate hinweg, finanziert von großen Anstalten, bis dato noch nicht gegeben hatte. Dementsprechend groß war das Medienecho, das sich vor allem auf den Beginn des Projekts und dessen Ende im Februar 2022 konzentrierte.[5] Doch blieb @ichbinsophiescholl nicht nur eine Sache der einschlägigen (Tages-)Presse, sondern erzielte einen bislang noch nicht erreichten Publikumserfolg. Die angestrebten 200.000 Follower*innen wurden bereits in der ersten Woche überschritten, zwischenzeitlich folgten dem Kanal über 900.000 Menschen. Hinzu kamen gut 10.000.000 Likes und insgesamt knapp 700.000.000 Beitragsaufrufe, einzelne Posts erreichten 1,3 Millionen User*innen.[6] Ganz offensichtlich interessierten sich Instagram-Nutzer*innen für die Idee, zeitlich versetzt dem Leben einer historischen Figur zu folgen. Gleichzeitig boten Darstellungsweise und dramaturgische Entscheidungen schon während der Laufzeit des Projektes Anlass zu breiten Diskussionen, die nicht nur in den Feuilletons oder unter Wissenschaftler*innen geführt wurden, sondern bis hin zu Mainstream-Angeboten wie Jan Böhmermanns ZDF Magazin Royale reichten und vor allem vielfältige Auseinandersetzungen auf Instagram selbst sowie in anderen Social Media anregten.

Der vorliegende Debattenband möchte die im Zuge des Projektes entstandenen, teilweise kontroversen Positionen aufgreifen und aus verschiedenen inter- und transdisziplinären Perspektiven die Konzeption des Projektes, dessen Rezeption und Analyse in den Blick nehmen. Am exemplarischen Beispiel @ichbinsophiescholl soll gezeigt werden, wie Geschichte auf Instagram dargestellt wird, welche Potenziale und Herausforderungen sich ergeben und dabei auch zur Beantwortung der Frage beigetragen werden, ob die Darstellung von Geschichte in den Social Media eine neue Dimension der Public History darstellt oder alte Debatten im neuen Gewand ausgelöst hat.

Dafür aber zunächst der Blick auf Instagram. Eine Auseinandersetzung mit dem Projekt ist nur schwerlich möglich, ohne dessen mediale und technische Rahmenbedingungen und Eigenlogiken zu berücksichtigen. Den einzelnen Texten sollen deshalb einleitend einige Vorbemerkungen zur Plattform, deren Formaten und spezifischen Begrifflichkeiten vorangestellt werden. Ein Kurzüberblick über den Kanal @ichbinsophiescholl soll schließlich auch denjenigen einen Zugang ermöglichen, die das Medium bisher nicht genutzt oder das Projekt nicht rezipiert haben.

Plattform Instagram

Instagram zählt zu den derzeit größten und reichweitenstärksten Social Media und ist vor allem bei Menschen zwischen 18 und 34 Jahren beliebt, die etwa 60 % der Nutzer*innen ausmachen.[7] Das Medium wird weltweit monatlich von über zwei Milliarden Menschen genutzt, in Deutschland gibt es etwa 27 Millionen Nutzer*innen.[8] Von Kevin Systrom und Mike Krieger ursprünglich 2010 als App zur Empfehlung der besten Bourbon-Locations geplant und schließlich zunächst als iPhone-only Foto-Community auf den Markt gebracht, bietet Instagram heute eine umfangreiche audiovisuelle Plattform, auf der Nutzer*innen Fotos und Videos teilen sowie sich mit anderen vernetzen und austauschen können. Letzteres geschieht dabei (teil-)öffentlich in Kommentaren oder privat über Direktnachrichten (DMs). Hauptelement ist der kuratierte Feed, der kontinuierlich die Inhalte von Accounts anzeigt, denen Nutzer*innen folgen. Beiträge nur einer Person können über deren individuelles Profil eingesehen werden. Die Explore-Page ermöglicht darüber hinaus die Suche nach weiteren Nutzer*innen, Hashtags, Orten oder Themen. Dort bekommen Nutzer*innen zudem basierend auf einer algorithmischen Auswahl kontinuierlich Beiträge vorgeschlagen, die für sie interessant sein könnten. Zu den wesentlichen Beitragsformaten zählen Posts[9], Reels[10], Instagram Videos/IGTV[11], Stories[12] und Live-Videos[13]. Alle Beiträge können von anderen Nutzer*innen mit einem Like bzw. Herz versehen, kommentiert oder weitergeleitet werden. Die eingangs zitierten Einblicke in Beitragsaufrufe (Impressions) und Interaktionen (Liken, Kommentieren und Teilen/Weiterleiten) sind – allerdings nur für Business- oder Creator*innen-Accounts – über die sogenannten Insights möglich, die eine umfangreiche Analyse von Account-Aktivitäten erlauben.

Auf Ebene der Darstellung bestimmen mediale Trends, rechtliche Vorgaben[14] und die Zeit-/Zeichenbegrenzungen der Formate,[15] wie Inhalte präsentiert werden können. Reine Textbeiträge sind auf Instagram nicht bzw. nur als Bild möglich. Für Darstellungen von Geschichte bedeutet das immer (auch) visuell erzählen zu müssen. Auch die Verlinkung von weiterführenden Informationen oder Quellen ist bisher nur in Stories möglich, in Posts sind diese weder anklickbar (Hyperlink) noch kopierbar.[16] Das hat der Popularität von Geschichte auf der Plattform jedoch keinen Abbruch getan – im Gegenteil. Allein unter dem Hashtag #history haben private und institutionelle Nutzer*innen bisher gut 46 Millionen Beiträge geteilt (Stand April 2023). Instagram fungiert hier auch als Datenbank für nutzer*innengenerierte Inhalte und war Leaver, Highfield und Abidin zufolge so schon immer mehr als eine App oder Webanwendung. Es ist darüber hinaus eine Sammlung persönlicher Daten, eine Programmierschnittstelle (API) sowie eine Reihe verschiedener technischer Programme und Algorithmen.[17] Das Medium ist dabei Ergebnis einer Reihe von Entscheidungen und hat beständigen Wandel erfahren, wobei die schnelle Anpassung an Trends und sich veränderndes Nutzer*innenverhalten zu den wesentlichen Erfolgsgründen zählt. Insbesondere nach dem Kauf durch Facebook im Jahr 2012 wurden nach und nach erfolgreiche Funktionen anderer Social Media auch bei Instagram eingeführt. Dazu zählen beispielsweise die Verschlagwortung durch Hashtags (2011, Twitter), private Direktnachrichten zwischen einzelnen Nutzer*innen (2013, Facebook), Videos (2013, Vine), Stories (2016, Snapchat), algorithmische Timeline/Newsfeed (2016, u. a. Facebook), gespeicherte Beiträge/Collections (2016, Pinterest), Live-Videos (2016, Streamingportale wie Twitch), Instagram TV/IGTV (2018, YouTube), Reels (2020, TikTok), Shops (2020, Onlinehandelswebseiten wie Etsy), Guides (2020, Blogs) sowie jüngst eine Dual-Kamera-Funktion (2022, BeReal) und die Möglichkeit, Reels zu remixen (2022, TikTok)..[18]

Instagrams Modifikationsbereitschaft ist dabei nicht ohne Herausforderungen für die Erforschung des Mediums. So unterscheidet sich die App bereits vor Veröffentlichung dieses Bandes – auch hinsichtlich ihrer Funktionalitäten – von der Version zur Projektlaufzeit von @ichbinsophiescholl. Die Ausführungen in diesem Band bilden also den Stand im Jahr 2022 ab.[19]

Sophie Scholl auf Instagram

@ichbinsophiescholl nutzte sowohl den Feed, als auch die Stories und Highlights. Während der Projektlaufzeit vom 30. April 2021 bis 26. Februar 2022 wurden täglich mehrere Stories sowie ein bis drei Posts geteilt. Insgesamt wurden im Feed so 401 Beiträge veröffentlicht, darunter auch 42 durchschnittlich etwa fünfminütige Wochenzusammenfassungen, in denen die jeweiligen Stories noch einmal als Videos zusammengefasst wurden. Auf die Angabe von Quellen oder weiterführenden Informationen wurde weitgehend verzichtet. Auf Nachfrage wurden diese in den Kommentaren oder Begleittexten ergänzt, es wurde außerdem eine Website mit Hintergrundinformationen zum Projekt, dessen Entstehungsprozess und den historischen Hintergründen eingerichtet und im Profil verlinkt.[20] Die historische Figur Sophie Scholl wurde auf dem Kanal von der Schauspielerin Luna Wedler verkörpert und zunächst in der Kanalbeschreibung als Studentin der Philosophie und Biologie vorgestellt.

Instagram-Bio von @ichbinsophiescholl, 25.5.2021

Zusammenstellung von Posts auf dem Kanal @ichbinsophiescholl. Grafik: Wallstein Verlag

Im Verlauf wich diese Beschreibung der Bezeichnung »Widerstandskämpferin« und wurde nach Projektende und der Thematisierung von der Verhaftung und Ermordung Sophie Scholls zusätzlich durch ihre Lebensdaten ergänzt.

Mit welchen Inhalten der Kanal gefüllt wurde, wie diese produziert bzw. rezipiert wurden und welche Interaktionsangebote der Kanal schuf, soll Gegenstand der folgenden Untersuchungen sein. Die Beitragenden legen dabei immer wieder den Fokus darauf, dezidiert zwischen der historischen Person Sophie Scholl und jener inszenierten Figur, wie sie @ichbinsophiescholl auf Instagram in Szene setzte, zu unterscheiden.[21]

Aufbau des Bandes

Um das Projekt und die Debatten zur Instagram-Inszenierung nachvollziehen zu können, versucht der vorliegende Band die Blickwinkel ganz unterschiedlicher Forschungsgebiete zu kombinieren und die jeweiligen Positionen zu @ichbinsophiescholl zu Wort kommen zu lassen. Neben Perspektiven aus der Zeitgeschichte und der Geschichtsdidaktik zeigen die Beiträge Überlegungen aus den Kommunikations- und Medienwissenschaften, dem Journalismus, der Psychologie und der Public History.

Am Beginn steht das Kapitel Historische Einordnung und Kontexte. Hans Günter Hockerts legt eine biografische Skizze zu Sophie Scholl vor und ordnet ihr Agieren im studentischen Widerstand ein. Zudem blickt er auf die Veränderungen, denen die Erinnerung an die historische Person seit 1943 immer wieder unterlag. Im Anschluss widmet sich Nils Steffen der zunehmenden Verflechtung von Geschichtsdarstellungen und Social Media und reflektiert die Besonderheiten dieser medialen Kommunikation von Geschichte.

Im Kapitel Produktion richtet sich das Interesse dann auf die Konzeption von @ichbinsophiescholl, dessen mediale Vorbilder sowie die Inhalte des Projekts. Dazu präsentiert Lydia Leipert, die für den Bayerischen Rundfunk an der Entwicklung und Umsetzung von @ichbinsophiescholl maßgeblich beteiligt war, einen Projektbericht. Sie schildert die Herstellungskontexte und Erwartungen der beiden Rundfunkanstalten, ehe Tobias Ebbrecht-Hartmann die Diskussion um vergleichende Perspektiven auf das israelische Projekt @eva.stories und das niederländische Anne Frank Video-Tagebuch ergänzt. Christian Schwarzenegger und Erik Koenen knüpfen daran an, indem sie die Erzählung und Inszenierung des Kanals untersuchen und dabei vor allem den Versuch der Herstellung einer historisierenden Social-Media-Authentizität in den Blick nehmen. Die vielfältigen Debatten um @ichbinsophiescholl greift dann das Kapitel Rezeption und Aneignung auf. Tanja Thomas und Martina Thiele stellen die transmedialen Kontroversen rund um das Instagram-Projekt dar, das sie als öffentlich-rechtliche Form des Doing Memory fassen und rekonstruieren. Die kommunikativen Praktiken bei der Aneignung der digitalen Angebote seitens der Nutzer*innen stehen im Zentrum einer Auswertung des Hans-Bredow-Instituts. Hans-Ulrich Wagner, Jan Rau, Daria Chepurko, Clara Linnekugel und Daniel Wehrend untersuchen dazu sowohl quantitativ als auch qualitativ die Interaktionen mit dem Kanal sowie die Auseinandersetzungen der Nutzer*innen in Kommentaren. Komplettiert wird das Kapitel von Nora Hespers und Charlotte Jahnz, die zu den exponiertesten Kritikerinnen des Kanals @ichbinsophiescholl zählten. Sie erneuern ihre Bedenken und thematisieren zudem Begleitangebote wie @nichtsophiescholl und die vielfältigen Formen der ehrenamtlichen Kontextualisierung, die in Reaktion auf das Projekt entstanden.

Im Kapitel Studien fragt Christian Kuchler mit Blick auf Schüler*innen danach, ob junge Menschen überhaupt von Angeboten wie @ichbinsophiescholl erreicht werden. Daran schließt, ebenfalls mit Blick auf Lernende, Dario Treiber an, wenn er über die Bedeutung von Emotionen für die Rezeption von @ichbinsophiescholl durch junge Menschen berichtet. Mia Berg, Elena Lewers, Jessica Szczuka und Lea Frentzel-Beyme diskutieren schließlich die Auswirkungen von parasozialer Interaktion mit einer remediatisierten historischen Figur auf die Auseinandersetzung mit Geschichte.

Abgerundet wird der Band durch Perspektiven, die über das Projekt selbst hinausreichen. Mia Berg legt zunächst forschungspragmatische Überlegungen zum Umgang mit historischen Social-Media-Inhalten vor. Christian Bunnenberg reflektiert abschließend darüber, ob es überhaupt möglich und erlaubt sein kann, »kreativ« zu erinnern und welche Aufgabe und Rolle der Geschichtswissenschaft bzw. Public History im Umgang mit Geschichte in Social Media zukommt.

Das Panorama der Beiträge ist also weit gespannt. Da bereits während der Laufzeit von @ichbinsophiescholl zahlreiche intensive Auseinandersetzungen um Inhalt, Aufbau und Zielsetzung des Projekts stattgefunden hatten, lassen sich hier nicht alle Debatten einfangen, doch ist es Ziel, ein Spiegelbild auf das viel beachtete Instagram-Projekt vorzulegen, das dezidiert auch die Wahrnehmung nicht-akademischer Akteur*innen berücksichtigt. Bewusst werden dabei auch Positionen abgebildet, die sich teilweise konträr gegenüberstehen. Die einzelnen Beiträge sollen deshalb als Diskurspositionen auch singulär verständlich sein, weshalb sich inhaltliche Wiederholungen innerhalb des Bandes nicht vollständig vermeiden ließen. Da die Beiträge darüber hinaus unterschiedliche Zugänge zum Instagram-Kanal aufzeigen sollen, wurde auf eine vollständige Vereinheitlichung im Umgang mit Posts, Zitaten oder Anonymisierungen verzichtet und die Autor*innen gebeten, ihre jeweiligen Entscheidungen transparent zu machen.[22]

Dank

Gemeinhin positioniert sich die Geschichtswissenschaft nicht immer zu tagesaktuellen Herausforderungen. Umso mehr gilt es, den Beitragenden zu diesem Band zu danken, dass sie sich auf das Projekt einließen. @ichbinsophiescholl ist ein so breit wahrgenommenes und diskutiertes Phänomen, es zu kontextualisieren und auszuwerten versprach vielfältigen Ertrag für zahlreiche Disziplinen. Die Herausgeber*innen hoffen, die gebündelte Darstellung der Perspektiven zu dem Projekt tragen zu einem breiteren Verständnis von Geschichte in Social Media bei und belegen zugleich, welch relevanter Forschungsgegenstand sich dort entwickelt.

Dank zu sagen ist zudem dem Wallstein Verlag für das Interesse am aktuellen Thema und für die Möglichkeit, den Sammelband bereits zum Historikertag Leipzig im September 2023 auf den Markt zu bringen. Der Band ist zugleich Auftakt für die Reihe »Historische Bildung und Public History«, die künftig die Fächer Didaktik der Geschichte und Public History noch stärker im Verlagsangebot von Wallstein positionieren wird.

Für umfangreiche Unterstützung bei der Erstellung des Manuskripts sind wir Hajo Gevers zu Dank verpflichtet, zudem aber auch Helen Bittner für ihre sorgfältige Lektüre. Ohne sie alle wäre der Band nicht so zeitnah erschienen. Sollten sich dennoch Fehler oder Ungenauigkeiten im Band finden lassen, sind diese jedoch den Herausgebenden zuzuschreiben.

Augsburg/Bochum, September 2023

Historische Einordnung und Kontexte

History und Memory

Sophie Scholl in der biographischen Forschung und im Boom der Erinnerung

Hans Günter Hockerts

Erforschen und Gedenken

Sophie Scholl ist wohl das bekannteste Gesicht des deutschen Widerstands gegen Hitler. Aber ihr kurzer Lebensweg wird sehr unterschiedlich gesehen und gedeutet. Warum ist das so? Ein Teil der Antwort lautet: Die öffentliche Erinnerungskultur (Memory) folgt überwiegend anderen Regeln und Routinen als die fachwissenschaftliche Forschung (History).[1] Anders als diese werden Akte des Gedenkens, Gedächtnisfeiern, aber auch populäre Formen der Erinnerung oft von einem Verehrungsbedürfnis geleitet, das zu Glättungen führt und zur Überhöhung neigt. Daher erscheint Sophie Scholl nicht selten in einem hagiografischen Licht. Außerdem spielen Aktualisierungsbedürfnisse in der Erinnerungskultur eine große Rolle. Dabei wird die Vergangenheit den Sinnerwartungen und Deutungswünschen der Gegenwart angepasst. Dafür gibt es zweifellos legitime Spielräume, doch kann die Projektion aktueller Ideen und Interessen auf historische Ereignisse so übermächtig werden, dass die Geschichte wie ein »beliebig füllbarer Hohlraum«[2] erscheint. Um die Geschichte mithilfe der Aktualisierung interessant zu machen, werden befremdliche Teile historischer Zusammenhänge mitunter auch einfach ausgeblendet. So hat beispielsweise die Instagram-Serie @ichbinsophiescholl die religiöse Grundorientierung der Protagonistin weitgehend ignoriert, weil diese Seite ihres Persönlichkeitsbilds für ein junges Publikum heutzutage nicht attraktiv genug erscheint. Schließlich: Die Erinnerungskultur neigt dazu, die Bedeutung historischer Ereignisse ins Symbolische zu transferieren. Das ist völlig legitim, lockert jedoch den strengen Bezug zum empirisch Belegbaren.

Anders die Fachwissenschaft. Sie ist an die Gebote kritischer Quellenforschung gebunden und zudem aufgefordert, ihre Befunde in historische Zusammenhänge einzuordnen – gerade auch dann, wenn diese heute fremd erscheinen und die Anstrengung des Verstehens besonders herausfordern. Bekanntlich führt das fachliche Regelwerk jedoch keineswegs zu einem einheitlichen Geschichtsbild, auch nicht im Fall von Sophie Scholl. Die methodischen Standards lassen vielmehr Raum für unterschiedliche Sichtweisen – je nach der Auswahl, Gewichtung und Verknüpfung der empirischen Befunde. Bei Sophie Scholl kommt hinzu, dass die Quellenlage umso schwieriger und lückenhafter wird, je mehr man sich dem konspirativen Kern des Geschehens nähert. Das hat mit Praktiken der Geheimhaltung zu tun sowie – später in den Verhören – mit dem Einflechten von Schutzbehauptungen. Beides erschwert eindeutige Befunde, so dass der Geltungsanspruch historischer Aussagen in diesem Arkanbereich oft auf »wahrscheinlich« oder »vermutlich« reduziert werden muss. Im Übrigen ist auch die Fachwelt nicht davor gefeit, ihren Gegenstand übermäßig zu aktualisieren. Zum Beispiel bemüht sich eine der jüngsten Biographien darum, Sophie Scholl für die queere Bewegung anschlussfähig zu machen. Der Autor rückt sie in die Nähe der »Sehnsucht nach gleichgeschlechtlicher Liebe« und des Gedankens an »eine Lösung der sexuellen Orientierung vom biologischen Genus« – beides ohne belastbare Belege.[3]

Gleichwohl hat die Erforschung des Lebens von Sophie Scholl in letzter Zeit große Fortschritte gemacht, auch dank einer stark verbesserten Quellengrundlage.[4] Hervorzuheben ist der riesige Nachlass von Sophies älterer Schwester, Inge Aicher-Scholl, der seit 2005 im Münchner Institut für Zeitgeschichte zugänglich ist – eine reiche Fundgrube biographischer Dokumente, bis hin zu Sophies Sparkassenbuch bei der Ulmer Gewerbebank.[5] Wichtig ist vor allem die zeitweilig sehr dichte Überlieferung von Briefen, Tagebüchern und Aufzeichnungen. Sie ist seither vollständig zugänglich, nicht mehr nur in der von Inge Aicher-Scholl eigenwillig kontrollierten Auswahledition aus dem Jahr 1984.[6] Besonders aufschlussreich ist zudem Sophies umfangreiche Korrespondenz mit ihrem festen Freund Fritz Hartnagel, die aus dessen Familienbesitz ebenfalls 2005 verfügbar wurde.[7] Über Jahre hinweg gab sie dem Adressaten (und uns) in einem »anstrengenden Nähe-Distanz-Spiel«[8] Einblicke in den Sturm ihrer Gedanken und Gefühle.

Auf dem Weg in den Widerstand

Wie wurde aus einer begeisterten NS-Jungmädelführerin eine Aktivistin im Kampf gegen das Hitler-Regime? Das ist eine der großen Fragen an das Leben der Sophie Scholl. Zwölf Jahre alt, trat sie im Januar 1934 den »Jungmädeln« in der Hitlerjugend bei; mit 14 rückte sie in den »Bund Deutscher Mädel« (BDM) auf, wo sie bald Führungspositionen übernahm: Als Scharführerin war sie für rund 40 Mädchen zuständig, als Oberscharführerin (1937/38) sogar für 120. Damit folgte sie dem Beispiel ihres Bruders Hans und ihrer älteren Schwester Inge, die ebenfalls in den NS-Jugendorganisationen leitende Funktionen übernahmen, obgleich das evangelisch-humanistisch geprägte Elternhaus keinerlei Nähe zum NS-Regime aufwies. Es fehlen Selbstzeugnisse, die über die Gründe und die Intensität von Sophies Engagement im BDM Klarheit verschaffen. Doch liegen genügend Hinweise darauf vor, dass sie enthusiastisch bei der Sache war – »romantisch, idealistisch, fanatisch«.[9] Offenbar fand sie das Prinzip »Jugend führt Jugend« attraktiv, ebenso die Idee der Kameradschaft und die vom BDM eröffnete Chance, dass Mädchen »ganz selbstbewusst auf öffentlichen Plätzen in Erscheinung« traten. Hinzu kam das abenteuerliche Element: Zelten und Wandern, Mutproben und Härtetests, Lagerfeuer und Heldenfibeln. Die Frage nach der Eindringtiefe der ideologischen Schulung ist jedoch strittig. Robert M. Zoske hat Sophie Scholl mit Blick auf die frühen Jahre als »überzeugte Nationalsozialistin« bezeichnet.[10] Das würde allerdings voraussetzen, dass sie sich auch den rassistischen Kern der nationalsozialistischen Ideologie zu eigen machte. Dafür liegt indes kein Beweis vor. Eher ist zu vermuten, dass sie diesen Kern lange nicht erkannt hat. Auf Zoskes Biographie gestützt, hob der Spiegel mit Fettdruck hervor: »Sophie Scholl sang: ›Deutschland erwache, Juda den Tod, Volk ans Gewehr‹«. Doch hat der Biograf einschränkend vermerkt, dass die antisemitische Attacke in den BDM-Liedbüchern durch »ende die Not« ersetzt war.[11] Ob Sophie Scholl sich während ihrer Schulzeit für jüdische Klassenkameradinnen eingesetzt hat, ist aufgrund einer unzulänglichen Quellenlage umstritten.[12] Eine zweifelsfreie Bestätigung dafür gibt es nicht.

Einige äußere Daten, bevor die innere Abkehr vom Nationalsozialismus in den Blick kommt: Nach dem Abitur im März 1940 ließ Sophie Scholl sich in Ulm zur Kindergärtnerin ausbilden – nicht zuletzt in der Hoffnung, auf diese Weise der Zwangsgemeinschaft des Reichsarbeitsdiensts (RAD) entgehen zu können. Das gelang jedoch nicht. Für den halbjährigen Arbeitsdienst war sie ab April 1941 in einem RAD-Lager in Krauchenwies eingesetzt. Es folgte der obligatorische »Kriegshilfsdienst«, den sie wiederum sechs Monate lang bis März 1942 in der Bergarbeiterstadt Blumberg als Leiterin eines Kindergartens der NS-Volkswohlfahrt leistete. Im Mai 1942 zog sie dann nach München, wo sie sich an der Universität für die Fächer Biologie und Philosophie einschrieb. In den ersten Semesterferien wurde sie zum Rüstungseinsatz in einer Ulmer Schraubenfabrik herangezogen. In München lebte sie in enger Verbindung mit ihrem Bruder Hans, der dort Medizin studierte. Ab Dezember wohnten sie gemeinsam zur Untermiete in der Schwabinger Franz-Joseph-Straße, nahe der Universität.

So rasch diese äußeren Lebensstationen umrissen sind, so schwierig verlief der Prozess der inneren Selbstfindung. Für die Zeit ab 1938 gibt es eine Fülle von Selbstzeugnissen, die erst in den neuen Biographien gründlich ausgeschöpft wurde. Man kann den ›Menschen hinter dem Mythos‹ daher erst neuerdings profund und lebensnah kennenlernen. Dabei treten viele unterschiedliche Seiten hervor. Neben einer großen musischen, künstlerischen und intellektuellen Begabung kommt eine komplizierte Mischung aus Lebenslust und Selbstzweifeln, aus Übermut und Ängsten zum Vorschein. Sophie Scholl hatte es mit einem so heftigen Ansturm widerstreitender Gefühle und Gedanken zu tun, dass sie einen beinahe obsessiven Hang zur Selbstbeobachtung und Selbstkritik entwickelte – den sie dann aber auch wieder mit Ironie brechen konnte. Es kam ihr oft vor, »als zerfalle sie in Einzelteile, die sie nicht mehr zusammenbringen konnte«.[13]

Die Phase der Selbstfindung zog sich über Jahre hin und war – das ist nun das Entscheidende – mit einer oppositionellen Wendung gegen das NS-Regime verbunden. Die neuere Forschung stimmt darin überein, dass es dabei kein ›plötzliches Erwachen‹ gab, keinen zentralen Umschlagspunkt. Der Wandel vollzog sich vielmehr allmählich und betraf zunächst nur einzelne Aspekte des NS-Regimes. Daher ist die Frage umstritten, wann die zunehmende Distanzierung sich zur grundsätzlichen Gegnerschaft vertieft hat. Das sei im Frühjahr 1941 noch nicht der Fall gewesen, lautet eine Lesart.[14] Als Indiz dafür gilt, dass Sophie Scholl bis dahin noch an den BDM-Treffen teilnahm, obwohl sie nur bis zum 18. Lebensjahr (also bis Mai 1939) dazu verpflichtet war. Sie sei 1941 »längst eine Gegnerin des NS-Systems« gewesen, wird dem mit guten Gründen entgegengehalten.[15] In dieser Sichtweise sticht hervor, dass Sophie Scholl schon deutlich früher an wesentlichen Merkmalen des Nationalsozialismus Kritik übte.

Besonders den Krieg, den Hitlers Regime 1939 entfesselte, verurteilte sie aufs Schärfste, und zwar von Anfang an. Schon im September 1939 schrieb sie an ihren Freund Fritz Hartnagel, der sich für die Offizierslaufbahn entschieden hatte: »Ich kann es nicht begreifen, dass nun dauernd Menschen in Lebensgefahr gebracht werden von anderen Menschen. Ich kann es nie begreifen und finde es entsetzlich.« Und dann der höchst bemerkenswerte Satz: »Sag nicht, es ist fürs Vaterland«.[16] Damit wischte sie die große Selbsttäuschung beiseite, der sich damals viele Deutsche hingaben: man müsse aus Liebe zum Vaterland Hitlers Krieg unterstützen. Dementsprechend hob sie später im Gestapo-Verhör als Handlungsmotiv hervor, etwas gegen dieses »sinnlose Blutvergießen zu unternehmen«.[17] Allerdings sollte man sich Sophie Scholl nicht als Pazifistin vorstellen: Sie verurteilte Hitlers imperialistischen Krieg, aber keineswegs den Verteidigungskrieg. Vielmehr äußerte sie sich sogar verächtlich darüber, dass die Franzosen sich so leicht besiegen ließen: »Es hätte mir mehr imponiert, sie hätten Paris verteidigt bis zum letzten Schuß«.[18] So unerbittlich und konsequent blickte sie jedoch nicht immer auf das Kriegsgeschehen. Wer schwache Seiten im Leben der Sophie Scholl betonen möchte, kann beispielsweise auf diese Episode verweisen: Im Mai 1940 bat sie Fritz Hartnagel darum, ihr aus dem besetzten Gebiet »ein Paar Schuhe« zu schicken, möglichst auch Strümpfe und Stoffe.[19] Damit trug sie ihr Scherflein dazu bei, dass deutsche Soldaten »die Länder Europas buchstäblich leer« kauften.[20]

Insgesamt lässt sich sagen: Die Teilkritik setzte im Alter von 17 oder 18 Jahren ein, und der Übergang zur Fundamentalopposition war spätestens 1941/42 abgeschlossen, da stand sie im 20. bzw. 21. Lebensjahr. Wie tief der Dissens schon im Frühjahr 1940 griff, geht aus einem aufschlussreichen Selbstzeugnis hervor. »Ich mag gar nicht dran denken, aber es gibt ja bald nichts anderes mehr als Politik, und solange sie so verworren ist und böse, ist es feige, sich von ihr abzuwenden«. Daher komme jetzt »alles andre erst in 2. Linie«. Das schrieb sie an Fritz Hartnagel und fügte hinzu: »Wahrscheinlich lächelst Du und denkst, sie ist ein Mädchen«.[21] So machte sie ihm erstens klar, dass sie sich – der besonderen Umstände wegen – als politisch denkender Kopf verstand. Zweitens wird die moralische Verurteilung der herrschenden politischen Verhältnisse erkennbar. Und drittens wandte sie sich mit leichtem Spott gegen das Vorurteil, wonach Politik Männersache sei.

Als »hauptsächlichsten Grund« für die große Wende in ihrer Lebensgeschichte betonte Sophie Scholl im Gestapo-Verhör, dass der Nationalsozialismus »die geistige Freiheit des Menschen in einer Weise einschränkt, die meinem inneren Wesen widerspricht«.[22] Eine ganze Reihe weiterer Selbstzeugnisse belegt das Freiheitsmotiv, nicht zuletzt ein Statement auf der Rückseite des Schreibens, mit dem ihr die Anklageschrift zugestellt wurde: »Freiheit« schrieb sie dort zweimal mit fein ziselierter Schrift. Anders als andere beließ sie es eben nicht beim Verdruss über die Einschränkungen in der eigenen Lebensführung. Sie gewann vielmehr die grundsätzliche Einsicht, dass das NS-Regime elementare Freiheitsrechte mit Füßen trat. Dazu trugen auch familiäre Erfahrungen bei: Die Gestapo hatte drei ihrer Geschwister Ende 1937 kurzfristig in Haft genommen, um »bündischen Umtrieben« auf die Spur zu kommen,[23] und ihr Vater wurde im Februar 1942 wegen regimekritischer Äußerungen verhaftet, später zu vier Monaten Gefängnis verurteilt.

Familien- und Geschwisterbeziehungen, Freundeskreis, soziales Umfeld: solche Stichworte deuten an, dass Sophies Entwicklung natürlich nicht isoliert betrachtet werden sollte, sondern in einem Relationsgefüge gesehen werden muss. Dabei sticht hervor, dass Lektüren den Wandel vorantrieben. Es ist schon erstaunlich, welche Fülle von literarischen, philosophischen und theologischen Werken die Geschwister in einem Kreis von Gleichgesinnten gelesen und diskutiert haben. Damit bauten sie sich eine literarische Gegenwelt zum herrschenden Regime auf, die zugleich auch ein religiöses Widerlager bot. In der Forschungsliteratur hat die Bedeutung der Religion als Ressource für den Widerstand der Weißen Rose ein merkwürdiges Auf und Ab erlebt. Mal wurde sie hoch veranschlagt, mal so gut wie ganz aus den Augen verloren. Die Selbstzeugnisse lassen jedoch keinen Zweifel daran, dass Sophie sich mit steigender Intensität Glaubensfragen zuwandte. Man kann bei ihr ein regelrechtes Ringen um die Nähe zum christlichen Gott erkennen. Die neuen Biographien sehen darin eine wichtige Triebfeder für die Abkehr vom Nationalsozialismus. Aber die Prozesse des ›Religiös-Werdens‹ und des ›Widerständig-Werdens‹ waren so eng miteinander verflochten, dass man methodisch kaum unterscheiden kann, was in dieser Wechselwirkung mehr Ursache als Folge war. Vielleicht ging das oppositionelle Denken voran, was dann das Interesse an einem abweichenden, eben dem religiösen Deutungsangebot steigerte.[24] Jedenfalls ging es Sophie Scholl nicht um eine konfessionelle Bindung. Evangelisch erzogen, nahm sie auch katholische Elemente auf. Der springende Punkt liegt darin, dass es sich um ein existentielles Verständnis der Religion handelte, das ganz auf die persönliche Entscheidung und das individuelle Gewissen abhob. Darin stimmte sie mit ihrem Bruder Hans überein, auch mit Freunden wie Willi Graf, der einmal schrieb: »Jeder Einzelne trägt die ganze Verantwortung«.[25] Somit wurde die religiöse Orientierung handlungsrelevant.

Fasst man die Hauptpunkte der Kritik zusammen, die Sophie Scholl am NS-Regime übte, so ist neben der Zerstörung individueller Freiheitsrechte und dem brutalen Krieg auch der sozialdarwinistische Grundzug der braunen Ideologie zu nennen: Schrecklich und empörend fand sie das angebliche »Naturgesetz«, das »den Sieg des Mächtigeren über das Schwache« zur Norm erhebt.[26] Das widersprach ihren moralischen Maßstäben, bei denen Mitmenschlichkeit und Empathie weit oben standen – gemäß ihrer Losung: »Il faut avoir l’esprit dur et le coeur tendre«.[27] Ebenso lehnte sie die völkische Ideologie ab. Die hob das ethnische Volk in den Rang der obersten Wertidee, wobei die Berufung auf diese Höchstnorm dann den Freibrief für die Zerstörung humaner Werte gab. Dem hielt Sophie Scholl entgegen, dass »immer die Gerechtigkeit höher steht« als jede andere Kategorie, auch als die des »Volkes«.[28]

Gewiss war die Fähigkeit zur Empathie (le coeur tendre) in Sophies Persönlichkeitsbild stark ausgeprägt. Aber sie setzte ihren Ehrgeiz auch darein, ihren Verstand so scharf wie möglich zu gebrauchen (l’esprit dur). Damit stieß sie zu äußerst harten Urteilen und rigorosen Folgerungen vor. Fritz Hartnagel berichtete ihr im Februar 1941 aus Amsterdam, dass »die Zivilbevölkerung gegen die Judenverfolgung« demonstrierte, wogegen die SS mit Waffengewalt vorging – mit 20 Toten. Darauf antwortete Sophie, »dass man überall (wie in Amsterdam) radikal vorgeht, finde ich nur gut.« Denn so werde »die Erkenntnis der ganzen Sache« weniger verwirrt als »wenn man hier etwas gutes, dort was schlechtes findet und nicht weiß, welches nun das wahre ist.«[29] Dass sie terroristische Verfolgung »gut« fand, klingt zunächst schockierend. Aber was sie sagen wollte: So gebe sich das wahre Gesicht der Naziherrschaft deutlicher zu erkennen, und genau das sei zu begrüßen. Ein äußerst rigoroses Denken – auch das kennzeichnet Sophie Scholl.

In der Zeit der Selbstfindung veränderte sich zudem ihr Erscheinungsbild, sowohl im Äußeren (wie die Frisur, wo der flotte Bubikopf dem streng gescheitelten längeren Haar wich) als auch in der Art des Auftretens im größeren Kreis: »die kesse, fröhliche, übermütige Zeit der Jugendlichen« klang aus, es begann »die zurückhaltende, ernste, nachdenkliche der jungen Erwachsenen«.[30] Vielleicht lässt sich auch die veränderte Schreibweise ihres Vornamens als Hinweis auf den Wandel verstehen: Getauft auf den Namen Sofie Lina, schrieb sie sich seit 1942 konsequent: Sophie.

Im aktiven Widerstand

Die ersten vier Flugblätter verfassten und verbreiteten Hans Scholl und Alexander Schmorell von Ende Juni bis Mitte Juli 1942 in verschwiegener Zweisamkeit. Sie achteten darauf, keine andere Person zu Mitwissern zu machen. So war auch Sophie Scholl in dieser Phase noch nicht an der Herstellung und Verbreitung der Flugblätter beteiligt. Zwar deutet eine dünne Quellenspur darauf hin, dass sie sich in eigener Initiative (erfolglos) um die Beschaffung eines Vervielfältigungsapparats bemühte,[31] doch ist die Überlieferung nicht zweifelsfrei. Der Blick auf die zweite Phase zeigt eine ganz andere Konstellation. Im November 1942 kehrten Hans Scholl und Alexander Schmorell von der Ostfront zurück, wohin sie drei Monate lang als Sanitätsfeldwebel abkommandiert gewesen waren. Sie erweiterten nun den Kreis der Mitstreiter, steigerten die Gesamtzahl der hektografierten Exemplare um ein Vielfaches und verbreiteten das fünfte Flugblatt im Januar 1943 auch in sechs anderen Städten.

In dieser zweiten Phase gehörte Sophie Scholl von Beginn an zum Kreis der Hauptakteure: beim Organisieren von Papier, von Umschlägen und Briefmarken, beim Vervielfältigen, Versenden und Verteilen, einschließlich riskanter Kurierdienste in andere Städte. Auch führte sie die Kasse der Gruppe, die vor allem wegen des Kaufs eines besseren Vervielfältigungsapparats (Dezember 1942) und tausender Briefmarken für den Postversand beträchtliche Ausgaben hatte. Bei Gesprächen im größeren Kreis wirkte sie, wie mehrfach bezeugt ist, eher schweigsam. Aus Zwiegesprächen sind hingegen radikale Äußerungen überliefert. Sie sind in den Zitatenschatz der Geschichtsschreibung eingegangen, quellenkritisch jedoch nicht unproblematisch. Denn sie stammen aus Erinnerungsberichten, die nach dem Krieg in ehrender Absicht entstanden sind – womöglich zutreffend, eher sinngemäß als wörtlich, aber nicht überprüfbar. Demnach sagte Sophie im Dezember 1942 zu ihrer Freundin Susanne Hirzel: »Wenn jetzt Hitler daherkäme, und ich eine Pistole hätte, würde ich ihn erschießen«.[32] Der mit den Geschwistern Scholl befreundete Maler Wilhelm Geyer erinnerte sich an ein Gespräch, in dem Sophie gesagt habe: »Es fallen so viele für dieses Regime, es ist Zeit, dass jemand dagegen fällt«.[33] Else Gebel, mit der Sophie in der Gestapohaft ihre Zelle teilte, überlieferte den Satz: »Was liegt an meinem Tod, wenn durch unser Handeln tausende von Menschen aufgerüttelt und geweckt werden«.[34]

Dennoch: In mancher Hinsicht war die Gruppe betont männlich geprägt. Besonders deutlich ist das an den nächtlichen Aktionen erkennbar, in denen die männlichen Verschwörer in der ersten Februarhälfte 1943 Widerstandsparolen an Hauswände und Mauern der Münchner Innenstadt schrieben. Sophie Scholl wollte sich daran beteiligen, doch Hans – der führende Kopf der Gruppe – lehnte ihre Mitwirkung strikt ab: Das sei zu riskant für ein Mädchen. Von Willi Graf und Christoph Probst sind ebenfalls patriarchalisch klingende Töne überliefert. Die finale Fassung der Flugblatttexte und strategisch so wichtige Schritte wie die Einbeziehung von Professor Kurt Huber und die Kontaktaufnahme zu Falk Harnack behielten sich Hans Scholl und sein engster Mitstreiter – Alexander Schmorell – vor. Von Harnack erhofften sie sich eine Verbindung zu Berliner Widerstandskreisen.

Die dramatische Wende kam am 18. Februar 1943.[35] Es ging um das sechste Flugblatt, das sich erstmals speziell an die Studierenden der Münchner Universität richtete. In den Tagen zuvor hatte die Gruppe rund 1000 Exemplare an studentische Adressen versandt. Mehr als 1000 weitere Exemplare verstreuten die Geschwister Scholl am Vormittag jenes 18. Februar im Hauptgebäude der Universität, kurz bevor um 11 Uhr die Vorlesungen endeten. Dabei ließ Sophie einen Stapel von der Galerie im zweiten Stock in den Lichthof hinunterflattern. So wurden sie von einem Hörsaaldiener bemerkt. Er nahm sie fest, und der Syndikus der Universität alarmierte die Gestapo, die bald eintraf und die Geschwister verhaftete. Nach längerem Leugnen gestanden sie, und es gelang der Gestapo binnen weniger Tage, alle weiteren Mitglieder der Kerngruppe zu verhaften.

Viel ist darüber gerätselt worden, wie es zu dieser verhängnisvollen Aktion kam. Zwei Thesen sind widerlegbar: Die Geschwister suchten nicht den »Opfertod«, sondern rechneten damit, die Situation beherrschen zu können. Sie ließen auch nicht aus purem Leichtsinn alle Vorsicht fahren, sondern hatten für den Notfall eine Erzählung zur Tarnung ihres Tuns verabredet, die auf den Ort und die Zeit des Geschehens genau abgestimmt war. Darauf gestützt, leugneten sie in den Verhören immerhin rund 12 Stunden lang. Sie hatten jedoch nicht alles Belastungsmaterial aus ihrer Wohnung weggeschafft. Dieser fatale Mangel an Vorsicht brachte die Leugnungsstrategie schließlich zum Einsturz.

Es fällt auf, dass die Geschwister hier zum ersten Mal einen Alleingang unternahmen. Hans Scholl hatte Alexander Schmorell und Willi Graf in sein Vorhaben eingeweiht, allerdings ohne konkrete Absprache. Anscheinend entschloss er sich, die Tat wegen ihres besonders hohen Risikos allein zu vollbringen – was seine Schwester jedoch nicht zuließ, als er sie ins Vertrauen zog. Anders als bei den »Graffiti«-Aktionen gelang es ihr diesmal, ihre Mitwirkung durchzusetzen. Sie wollte ihren Bruder, an dem sie sehr hing, nicht im Stich lassen. Damit ist aber wohl nur ein Teil ihrer Motivation bezeichnet. Hinzu kommt: Ihr hatte nie eingeleuchtet, warum der riskanteste Teil des Widerstands bloß Männersache sein solle. Nun nutzte sie die Gelegenheit, entsprechend viel Mut zu beweisen. Lässt man sich auf die Psychologie der Geschwisterbeziehungen ein, so kann es der »petite soeur« (wie Hans sie gelegentlich titulierte) auch darum gegangen sein, gleichrangig mit dem Bruder zu handeln. Der Schubs, mit dem sie den Stapel von der Balustrade herunterstieß, könnte dann auch als Akt der Überbietung in der Dynamik der Geschwisterkonkurrenz zu verstehen sein.

Im Verhör und vor dem Volksgerichtshof

Die Vernehmungsprotokolle sind erst nach dem Untergang der DDR frei zugänglich geworden. Erst auf dieser Quellengrundlage war es möglich, die Intensität und das Ausmaß der Mitwirkung Sophies am Widerstand der Weißen Rose deutlich zu erkennen. Erst auf dieser Basis ließ sich auch ihr Verhalten im Verhör nachzeichnen. Wie mit dem Bruder vereinbart, leugnete sie zunächst stundenlang. Nach der Wende zum Geständnis bekannte sie sich jedoch rückhaltlos offen zu ihren Aktionen. Die Protokolle dokumentieren eine ganz und gar unbeugsame Haltung: »Zusammenfassend möchte ich die Erklärung abgeben, dass ich für meine Person mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun haben will«. Als der vernehmende Gestapobeamte testete, ob sie nicht doch einknicken werde, wehrte sie ab: »Wenn die Frage an mich gerichtet wird, ob ich auch jetzt noch der Meinung sei, richtig gehandelt zu haben, so muss ich hierauf mit ja antworten«. Zum Schluss der Vernehmungen, die rund 20 Stunden dauerten, tags und nachts, stellte der Gestapobeamte die Frage, ob sie sich nach reiflichem Bedenken nicht doch von ihren Taten und ihrem Bruder distanzieren wolle. Das war offensichtlich ein Wink: Wenn sie sich reuig zeigte, konnte sie auf ein reduziertes Strafmaß hoffen. Das Protokoll hält die äußerst couragierte Antwort fest: »Ich bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt für mein Volk tun konnte. Ich bereue deshalb meine Handlungsweise nicht und will die Folgen, die mir aus meiner Handlungsweise erwachsen, auf mich nehmen«.[36]

Freislers Volksgerichtshof, der zur Beschleunigung des Verfahrens eigens nach München reiste, verurteilte die Geschwister Scholl sowie Christoph Probst im ersten von zwei Prozessen gegen die Weiße Rose am 22. Februar 1943 zum Tode.[37] Über den Verhandlungsverlauf gibt das in knappster Form geführte Protokoll nur wenig Auskunft.[38] So ist dort auch kein einziges Wort der Angeklagten festgehalten. In dieser Hinsicht ist man also auf Erinnerungsberichte angewiesen. Da sie oft viel später entstanden sind, nicht immer aus erster Hand stammen und eine steigende hagiografische Tendenz aufweisen, muss ihr Verlässlichkeitsgrad allerdings sorgsam differenziert werden. Dass Sophie eine »standhafte Haltung« zeigte, ist gut bezeugt. Anscheinend kam sie aber nur wenig zu Wort. Oft wird ihr Ausruf zitiert: »Was wir sagten und schrieben, denken ja so viele. Nur wagten sie nicht, es auszusprechen«. Dass sie sich in diesem Sinne äußerte, ist sehr wahrscheinlich. Es würde ihrer Grundhaltung entsprechen. Aber das Zitat ist nur aus zweiter Hand belegt und daher nicht ganz sicher.

Noch am selben Tag wurden die drei Verurteilten in der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim mit dem Fallbeil hingerichtet. Die Eltern und der jüngere Bruder Werner konnten die Geschwister dort zuvor noch besuchen und waren daher in der Lage, aus eigenem Erleben über den Abschied zu berichten: »Sofie und Hans waren so gefaßt und abgeschlossen mit ihrem Leben, daß man selbst getröstet war«.[39] Dabei kam wieder die tiefe Religiosität Sophies zum Ausdruck, ebenso ihr konfessionsübergreifender Blick auf das Christentum. Das bezeugt ihr Kommentar zu der für Katholiken und Protestanten getrennten Gefängnisseelsorge: das sei »im letzten Augenblick ganz das Gleiche«.[40] Inge Scholl brachte später ein Zitat in Umlauf, wonach Sophie erwartete, dass die Todesurteile großes Aufsehen erregen und die Oppositionsbewegung stärken würden. Sie habe nämlich beim Abschied gesagt: »Das wird Wellen schlagen«.[41] Inge war aus Gründen, die sie nie dargelegt hat, nicht mit nach München gefahren. So konnte sie zwar im Familienkreis davon gehört haben, doch blieb die Verlässlichkeit des Zitats lange zweifelhaft. Ein neuer Quellenfund bringt indes die Bestätigung: Robert Scholl bezog sich in einem familieninternen Brief im Mai 1943 ausdrücklich auf Sophies Äußerung, »das werde Wellen schlagen«.[42]

Sophie Scholl als Figur der Erinnerung

Heute ist Sophie Scholl eine Ikone der deutschen Geschichte – »ein Vorbild, ein Allgemeingut, ein Popstar fast«.[43] Um diesen Aufstieg zu erklären, empfiehlt es sich, drei Aspekte zu unterscheiden: Erstens gewann die Weiße Rose im öffentlichen Gedächtnis einen besonders prominenten Platz, während andere Widerstandsgruppen ungleich viel weniger Aufmerksamkeit fanden. Zweitens richtete sich das öffentliche Interesse weitaus stärker auf die Geschwister Scholl als auf die anderen Mitglieder der Gruppe, und drittens löste sich Sophie mehr und mehr aus der Geschwisterbeziehung, genauer gesagt: Der mediale Fokus konzentrierte sich im Lauf der Zeit so sehr auf die Gestalt Sophie Scholls, dass sie in der öffentlichen Wahrnehmung zur zentralen Figur der Münchner Studentenrevolte aufrückte. Dafür mag eine Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier bezeichnend sein, der 2019 an das »Schicksal der Gruppe um Sophie Scholl« erinnerte.[44]

Was die Hervorhebung der Münchner Gruppe, mithin den ersten Aspekt, betrifft: Inzwischen sind die Phasen und Formen der Verankerung gerade dieser Gruppe im kollektiven Gedächtnis eindringlich erforscht.[45] Dabei fällt auf, dass im ersten Nachkriegsjahrzehnt eine Deutung vorherrschte, die auf eine Entpolitisierung der Ziele und Aktionen hinauslief: Diese Widerstandsgruppe wurde stattdessen mit einer Aura jugendlicher Unschuld, von »Opfermut« und »Reinheit« umgeben. Eben das erleichterte es, ihre Geschichte schon früh als »positive Gegenerzählung zur Verbrechensgeschichte des Nationalsozialismus«[46] zu etablieren, während die Attentäter des 20. Juli vielen Deutschen noch lange als »Verräter« galten – die Mitglieder der von der Gestapo so genannten Roten Kapelle noch viel länger.[47] Besonders stark und nachhaltig beeinflusste Inge Scholls Buch Die Weiße Rose die öffentliche Erinnerung. 1952 zum ersten Mal publiziert, hat das Taschenbuch bis heute großen Erfolg; in 13 Sprachen übersetzt, machte es die Münchner Gruppe auch im Ausland bekannt.[48] Inge Scholls »Best- und Longseller«[49] trug außerdem maßgeblich dazu bei, den Namen »Weiße Rose« (den die Gruppe für ihre letzten Flugblätter mit Bedacht abgestreift hatte) als festen Begriff öffentlich einzuprägen; zuvor waren andere Bezeichnungen wie »Münchner Studentenrevolte« weitaus üblicher gewesen.

Ein bedeutender institutioneller Träger der Erinnerung trat mit der Weiße Rose Stiftung hinzu (1987). Deren Arbeit strahlt auch international weit aus, insbesondere mit Wanderausstellungen, die bisher in mehr als 15 Staaten gezeigt wurden.[50] Um eine institutionalisierte Form des Erinnerns handelt es sich auch bei den Weiße-Rose-Gedächtnisvorlesungen an der Münchner Universität, die seit 1985 jährlich veranstaltet werden. Die besondere Pointe hierbei: Beginnend mit Richard von Weizsäcker (1993) haben bisher stets die Bundespräsidenten diese Reden an den runden Gedenktagen (2003, 2013, 2023) gehalten. Damit hat die Weiße Rose einen herausragenden Platz in der offiziellen Erinnerungskultur erlangt. Zugespitzt gesagt: Im Gedenken an die Weiße Rose konstituiert das Staatsoberhaupt an diesen Tagen die deutsche Nation als eine Art »Erinnerungsgemeinschaft«.[51] Die Integration der ostdeutschen Bevölkerung fiel dabei umso leichter, als es auch in der DDR eine Tradition der Ehrung der Weißen Rose gegeben hatte.[52]

Während das Signet der Weißen Rose