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Beschreibung

Aus dem Mainstream der wissenschaftlichen Debatte über Medien, Journalismus und Öffentlichkeit sind seit Jahrzehnten wichtige Begriffe praktisch verschwunden: "Herrschaft", "Propaganda" und auch "Ideologie". Dieses Buch übt Ideologiekritik an den Kommunikationsverhältnissen in westlich-kapitalistischen Demokratien. Seine Autorinnen und Autoren sind Forscher aus dem Netzwerk Kritische Kommunikationswissenschaft und beleuchten Ideologien in der massenmedialen Berichterstattung, der Medienpolitik, der Medienindustrie und der Medienwissenschaft.

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Seitenzahl: 546

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Ebook Edition

Uwe Krüger, Sebastian Sevignani (Hg.)

Ideologie, Kritik, Öffentlichkeit

Verhandlungen des Netzwerks Kritische Kommunikationswissenschaft

Mehr über unsere Autoren und Bücher:

www.westendverlag.de

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Dieser Band ist im Nachgang der 2. Jahrestagung des Netzwerks Kritische Kommunikationswissenschaft entstanden, die unter dem Titel »Ideologien & Ideologiekritik« vom 29. November bis 1. Dezember 2018 an der Ludwig-Maximilians-Universität München stattfand. Die Beiträge in diesem Buch erscheinen unter der Creative-Commons-Lizenz CC-BY-SA 4.0:https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/.

ISBN 978-3-86489-777-1

© Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2020

Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin

Satz und Datenkonvertierung: Publikations Atelier, Dreieich

Lektorat: Maximilian Küstermann, Ingrid Lipfert, Philipp Müller

Inhalt

Titel
Einleitung
1 Hintergrund
2 Aufbau des Bandes
3 Entstehung des Bandes und Dank
Literatur
Ideologietheoretische Perspektiven auf Medien und Kommunikation
Ideologische Öffentlichkeit: Zur Organisation gesellschaftlicher Erfahrung im Kapitalismus
1 Einführung
2 Zum Verhältnis von Ideologiekritik und Ideologietheorie
3 Öffentlichkeit und Erfahrung
4 Erfahrung und kapitalistische Gesellschaftsstruktur
5 Hegemonietheoretische Erweiterung des Erfahrungsbegriffs
6 Theorie des Ideologischen
7 Ideologische Öffentlichkeiten
8 Öffentlichkeiten im Vergesellschaftungsprozess
9 Emanzipatorische Öffentlichkeiten und die Perspektive horizontaler Selbstvergesellschaftung
Literatur
Ideologiekritik und Kontingenz(erfahrung) am Beispiel Fake News: Der Beitrag des Radikalen Konstruktivismus
1 Einleitung
2 Kontingenz(erfahrung): Die konstruktivistische Perspektive
3 Fake News als Ideologie
4 Konstruktivistische Lehren und Probleme
Literatur
Ideologiekritik als Kritik systematisch verzerrter Kommunikationsbedingungen. Zum ideologiekritischen Potenzial der Habermas’schen Theorie
1 Einführung
2 Der Ideologiebegriff in der kritischen Theorie
2.1 Herrschaft, Vernunft und Autonomie
2.2 Die Funktion des Ideologiebegriffs in der kritischen Theorie
3 Ideologie als falsches Bewusstsein
3.1 Was ist gesellschaftlich notwendiges, falsches Bewusstsein?
3.2 Bedarf Ideologiekritik eines richtigen Bewusstseins?
4 Ideologie als systematische Verzerrung von Kommunikationsbedingungen
4.1 Kommunikative Rationalität und legitime Herrschaft
4.2 Die kommunikationstheoretische Formulierung des Ideologieproblems
4.3 Systematisch verzerrte Kommunikation und systematisch verzerrte Kommunikationsbedingungen
4.4 Die Praxis kommunikationstheoretischer Ideologiekritik: Zur Symptomatik systematisch verzerrter Kommunikationsverhältnisse
5 Das Beispiel deutscher Islamdebatten
5.1 Das Problem: legitimes und illegitimes Sprechen über den Islam
5.2 Systematisch verzerrte Islamdebatten
6 Fazit
Literatur
Für einen empirischen Ideologiebegriff. Ein wissenssoziologischer Blick auf die Ideologiekritik
1 Einführung
2 Zirkularität sozialwissenschaftlicher Erkenntnis und Ideologiekritik
3 Theoretische Begriffe und Bedeutungsfixierung
4 Schlussfolgerung
Literatur
Ideologien der kapitalistischen Medienindustrie
Eine Kritik der Ideologie der »freien Presse« zur Wendezeit 1989/1990
1 Einführung
2 Die Ideologie der »freien Presse«
2.1 Das Paradox der demokratischen Presse
2.2 Die »freie Presse« zur Wendezeit
3 Die »freie Presse« expandiert
3.1 Der deutsch-deutsche Presseaustausch
3.2 Das BMI und die Großverlage
3.3 Der »Presse-Coup«
4 Die »freie Presse« im Preiskrieg
5 Die scheinbar neutrale Bundesregierung
6 Fazit
Literatur
Monster oder Mitmensch? Der vampirische Andere in zwei Versionen von Francis D. Lawrences Film I Am Legend
1 Einführung
2 Das Propagandamodell zwischen Nachrichten- und Kulturproduktion
3 Von Roman zu Film: Adaptionen von Richard Mathesons I Am Legend
4 Monster oder Mitmensch? Die Doppelrolle des vampirischen Anderen in Lawrences I Am Legend
5 Die zwei Versionen von I Am Legend: Das Hollywood-Propagandamodell in praktischer Anwendung
Literatur
Kritik der politischen Ökonomie der Wissenschaftskommunikation als Ideologiekritik: Open Access
1 Wissenschaftlich-gesellschaftspolitischer Problemzusammenhang
2 Theoretisch-methodischer Ansatz
3 Ideologiekritik zur Praxis Open-Access-Wissenschaftskommunikation
3.1 Wechselverhältnis: Basis und Überbau
3.2 Kapitalistische Produktionsweise: Produktions-, Distributions- und Verwertungsprozess
3.3 Produktions-, Distributions- und Verwertungsverhältnisse als Herrschafts- und Machtverhältnisse
4 Elemente emanzipatorischer Transformation von Open-Access-Wissenschaftskommunikation
Literatur
Die Ideologie der Sharing Economy
1 Einleitung
2 Digitaler Kapitalismus, Ideologie, Solutionismus
3 Die Sharing Economy
4 Methode und Datenkorpus
4.1 Sampling und Datenkorpus
4.2 Datenauswertung
5 Die Ideologie der Sharing Economy
5.1 Ausgangsproblem
5.2 Versprechen
5.3 Lösung
5.4 Offengelegte Bedingungen und invisibilisierte Bedingungen
6 Kapitalistische Kontinuitäten
7 Fazit & Ausblick
Literatur
Die Neoklassische Ökonomik und der Romantische Konsumismus: Ideologische Bremsklötze einer »Großen Transforma­tion« zur Nachhaltigkeit
1 Die »Große Transformation« und das Wachstum
2 Mentale Infrastrukturen des Kapitalismus
3 Die Neoklassische Ökonomik: Wesen und Kritik
4 Der Romantische Konsumismus: Wesen und Kritik
5 Aufgaben einer transformativen Kommunikationswissenschaft
Literatur
Ideologie in journalistischer Berichterstattung
Ideologische Integration, massenmediale Täuschung: Zur Rolle von Propaganda in liberalen Demokratien
1 Einführung
2 Wie Wissenschaft und Gesellschaft Propaganda verschleiern
3 Propaganda und Massenmedien
4 Die Massenmedien als Institution der ideologischen Integration
5 Schlussbemerkung
Literatur
Agieren deutsche Medien gemäß dem Propagandamodell? Das Beispiel Bombardierung von Krankenhäusern durch die USA und Russland
1 Einleitung
2 Das Propagandamodell
3 Methodisches Vorgehen
4 Ergebnisse
4.1 Position
4.2 Umfang
4.3 Überschriften
4.4 Art der Sprache
4.5 Auswahl der Quellen
4.6 Einstellung zu den verantwortlichen Staaten
4.7 Absicht
4.8 Verantwortung
5 Fazit
Literatur
Über den ideologisch verengten Blick der moralisierenden Universalisten (auch) in der Journalismusforschung – ein Essay
1 Die Trauben hängen (zu) hoch
2 Die Trauben sind (zu) sauer
3 Der neue Moralismus unter Medienwissenschaftlern
4 Versuche, den Journalismus abzuschaffen
5 Re-Konstruktion der Normativität
6 Widersprüche fruchtbar machen
7 Medienforschung im Dienst der Diskursivität
Literatur
Ideologie und Wissenschaft
Stereotyp und Ideologie. Marginalisierung kritischer Forschung in der Kommunikationswissenschaft
1 Stereotype und Stereotypenforschung
2 Stereotype und Ideologie
3 Phasen der Forschung zu Medien und Stereotypen
4 Wissenschaftstheoretische Positionen
5 Marginalisierung
Literatur
Die aktuelle Bedeutung des Subjektaspekts für Ideologieproduktion und Ideologiekritik: Menschliche Subjektivität als Teilaspekt der »gesellschaftlichen Natur« des Menschen
1 Einführung
2 Marxistische Medientheorie und Subjekttheorie der Kritischen Psychologie
3 Zusammenhangsdenken versus Reduktionismus
4 Individuelle Kommunikation als Teil der gesellschaftlichen Natur des Menschen
5 Restriktive Handlungsfähigkeit und deutendes Denken
6 »Subkutane« Ideologiebildung als Rezeptionsangebot
7 Ausblick: Individualkommunikation und Kommunikationscharaktere
Literatur
Erfolgsbedingungen ideologiekritischer Praxis und das Problem des Paternalismus
1 Einleitung
2 Begriffliche Vorklärungen
3 Aufklärungstechnologischer Methodenmonismus
4 Selbstbefreiung durch das Wissen
5 Paternalismusdilemma I
6 Die Relevanz empirischen Sachwissens am Beispiel von »Backfire Effects«
7 Paternalismusdilemma II
8 Fazit I: Aufklärungstechnologische Perspektiven
9 Fazit II: Vermeidung des Paternalismusdilemmas
Literatur
Kurzbiografien
Anmerkungen

Einleitung

Uwe Krüger & Sebastian Sevignani

1 Hintergrund

Mit der empirisch-sozialwissenschaftlichen Wende in der deutschsprachigen Kommunikationswissenschaft und der Marginalisierung von Vertreter*innen der Kritischen Theorie in den 1960er bis 1980er Jahren sind einige Begriffe aus der Fachdebatte praktisch verschwunden. »Herrschaft« gehört dazu, ebenso wie »Propaganda«, »Manipulation« und »Ideologie«. Paradigmatisch für diesen Wandel steht Paul F. Lazarsfeld, der als Pionier der modernen Kommunikationswissenschaft und Begründer ihres empiristischen Paradigmas gilt. Lazarsfeld, ursprünglich Sozialist und Austromarxist, schrieb noch 1948: »In zunehmendem Maße haben die stärksten Machtgruppen, unter denen die Verbände der Wirtschaft den wichtigsten Platz einnehmen, Techniken der Manipulation des Massenpublikums durch Propaganda übernommen und sie an die Stelle direkterer Machtausübung gesetzt« (Lazarsfeld und Merton 1973, 448). Zur selben Zeit und schon zuvor betrieb er allerdings Medienwirkungsforschung im Auftrag von Stiftungen, Behörden, Regierung, Armee und Privatwirtschaft und verstand sich als administrativer Forscher, der im Gegensatz zu kritischen Forscher*innen »kleine Probleme, meist geschäftlicher Art« löst (Lazarsfeld 1973, 15), sozialtechnologisch verwertbare Analysen liefert und keine grundlegende Ideologie- oder Gesellschaftskritik übt. Lazarsfelds Art der administrativen, angewandten, vor allem empirisch-quantitativen Sozialforschung verbreitete sich auch in westeuropäischen Wissenschaftssystemen, und spätestens seit der »konservativen Wende« in der deutschen Kommunikationswissenschaft der frühen 1980er Jahre (Meyen 2017) ist von Ideologiekritik auch hierzulande kaum noch etwas zu sehen.

Mit diesem Sammelband will das Netzwerk Kritische Kommunikationswissenschaft (KriKoWi) dieser Tendenz gegensteuern. Er ist die erste Publikation, mit der das im März 2017 auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) in Düsseldorf gegründete Netzwerk in die interessierte Öffentlichkeit tritt. Unter Kritischer Kommunikationswissenschaft verstehen wir Forschung mit einem Bezug zu Gesellschaftstheorie und Kapitalismusanalyse, mit einem Fokus auf Herrschaftsformen und Machtungleichgewichte, mit einem Verständnis der historischen Genese gesellschaftlicher Verhältnisse und mit der Perspektive auf deren Transformation. Unter dieser Klammer vereinen wir verschiedene Theorie- und Forschungstraditionen.1

Ein kritischer Ideologiebegriff, jenseits unterschiedlicher inhaltlicher Füllung durch die im Netzwerk versammelten Ansätze, zielt letztlich darauf ab, zu verstehen, wie Denk- und Sprachformen für die Herstellung, Aufrechterhaltung und Rechtfertigung von Macht- und Herrschaftsverhältnissen funktional sind (vgl. Eagleton 2000). Während die Ideologietheorie danach fragt, wie diese Denk- und Sprachformen wirkmächtig werden, geht es der Ideologiekritik darum herauszufinden, was, d. h. welcher Inhalt, geeignet ist, Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu (re-)produzieren. Ideologiekritik ist eine Kernaufgabe kritischer Wissenschaft insgesamt, die kritische Medien- und Kommunikationswissenschaft muss hierzu aber einen wichtigen Beitrag leisten (Downey, Titley und Toynbee 2014), werden Ideologien doch gerade auch in den Medien (re-)produziert und durch sie in der Öffentlichkeit verbreitet – möglicherweise auch durch (affirmative) Medien- und Kommunikationswissenschaft.

Relevant ist die Themenstellung dieses Bandes vor allem vor dem Hintergrund der weltpolitischen Entwicklungen und verschärfter Kämpfe um die ideologische Vorherrschaft: Innerhalb vieler westlicher Gesellschaften wird das neoliberale Globalisierungsparadigma, das in den letzten Jahrzehnten immer stärkere Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten hervorgebracht hat, von erstarkenden nationalistischen Bewegungen vermeintlich herausgefordert. In den USA hat ein »ultrareaktionärer Neoliberalismus« mit Donald Trump als Bannerträger einen »progressiven Neoliberalismus« abgelöst, der Minderheiten und sozialen Bewegungen in Fragen symbolischer Anerkennung entgegengekommen war, während wirtschafts- und sozialpolitisch von unten nach oben umverteilt wurde (Fraser 2018). Auf globaler Ebene tritt mit dem Aufstieg Chinas und seiner Mischung aus staatskapitalistischem Wirtschaftssystem und staatssozialistischen Elementen wieder ein ernstzunehmender Herausforderer des neoliberalen Kapitalismus auf den Plan; zugleich trägt der Westen mit einem erstarkten Russland nicht nur politische und (über Stellvertreterkriege etwa in der Ukraine und Syrien) militärische, sondern auch ideologische Konflikte aus. Über allem hängt zudem das Damoklesschwert drastischer Umweltveränderungen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten, die zu einer »Klimatragödie« und einem baldigen gesellschaftlichen Zusammenbruch auch in bisherigen Wohlstandsregionen wie Europa führen könnten (Bendell 2018) – verursacht letztlich von einer kohlenstoffbasierten Wirtschaftsweise mit Wachstumszwang, die tief in den Köpfen und gesellschaftlichen Institutionen verankert ist.

In all diesen Feldern spielt öffentliche Kommunikation eine große Rolle, speziell auf sozialen Netzwerkplattformen, im Journalismus, in Alternativmedien, in der Werbung oder in der strategischen Kommunikation. Demgegenüber gibt es wenig progressive Erzählungen und solidarische Alternativen bleiben marginal. Nach wie vor kann man mit Jaeggi (2009, 271) sagen: »Die Verhältnisse schreien nach Ideologiekritik«.

2 Aufbau des Bandes

Obwohl die Beiträge dieses Bandes unterschiedliche Ideologiebegriffe und -theorien nutzen, vereint sie doch das Bemühen, den Ideologiebegriff für die Kritik bestehender (Kommunikations-)Verhältnisse nutzbar zu machen.

Im Abschnitt Ideologietheoretische Perspektiven auf Medien und Kommunikation skizziert Sebastian Sevignani das Bild eines ideologischen öffentlichen Kommunikationsprozesses, der antagonistische und ungleiche Sozialbeziehungen stabilisiert, statt in Richtung von mehr Gleichheit und gemeinwohlorientiert aufzulösen. Ideologische Öffentlichkeit wird als ein aufsteigender und wieder absteigender Kommunikationsprozess zwischen einfachen, mittleren und komplexen Teilöffentlichkeiten beschrieben, an dem eine Vielzahl »antagonistischer Medien«, die synthetisierenden Massenmedien, aber auch der orientierende Horizont einer »bürgerlichen Öffentlichkeit« eine Rolle spielen. In Negation der ideologischen Öffentlichkeit stellt der Autor unter Rückgriff auf die Arbeiten von Dewey, Negt und Kluge, Gramsci, der Kritischen Psychologie und dem »Projekt Ideologie-Theorie« – Arbeiten, die nicht gerade zum Mainstream der medien- und kommunikationswissenschaftlichen Forschung zählen – Überlegungen an, wie eine emanzipatorische, nicht-ideologische Öffentlichkeit aussehen könnte.

Armin Scholl diskutiert in seinem Beitrag am Beispiel der Debatte um Fake News die Funktion, die der in der medien- und kommunikationswissenschaftlichen Forschung etablierte Radikale Konstruktivismus für eine ideologiekritische Analyse öffentlicher Kommunikation haben könnte. In der Betonung der grundsätzlichen Kontingenz und Beobachterabhängigkeit aller Fakten liegt nach Scholl kein geringer epistemologischer Beitrag dieser Perspektive für die Ideologiekritik: Sie erlaubt den begründeten Verdacht eines Vorliegens von Ideologie immer dann, wenn die Kontingenz von Fakten geleugnet und die Begründung des eigenen Standpunkts verwehrt wird. Damit wird zwar nicht vorentschieden, ob Ideologien epistemisch falsch und normativ problematisch sind; der aus dieser Perspektive geforderte Diskurs über Ideologie könnte aber für emanzipatorisches Handeln genutzt werden.

Floris Biskamp macht Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns für die Ideologiekritik fruchtbar. Er bemerkt, dass ­Habermas sich vor allem auf die Probleme einer »Kommunikationsverdrängung«, d. h. des Ersetzens von Orten diskursiver gesellschaftlicher Selbstverständigung durch bürokratische und kapitalistische Systemlogiken konzentriert (Kolonialisierung der Lebenswelt); wohingegen die »systematische Verzerrung von Kommunikationsbedingungen«, die zu verzerrter Kommunikation zwischen den Menschen führt, d. h. das Ideologieproblem im eigentlichen Sinn, von Habermas nicht ausgearbeitet wird. Am Beispiel bundesdeutscher Debatten zum Islam zeigt Biskamp, wie solche verzerrten Kommunikationsbedingungen konzeptuell entfaltet und für empirische Forschung operationalisiert werden können.

Birgit Peuker bezieht sich in ihrem Beitrag kritisch auf die Ausdehnung des Ideologiebegriffs zur Bezeichnung problematischer gesellschaftlicher Bedingungen oder ganzer Kommunikationsprozesse. Sie argumentiert stattdessen unter Bezugnahme auf die Tradition der wissenssoziologische Wissenschaftsforschung, dass Ideologie als »eine bestimmte Wissensform in der Nähe von Macht und Herrschaft« angesehen, aber ansonsten nicht überfrachtet werden sollte.

Im Abschnitt Ideologien der kapitalistischen Medienindustrie wird es dann gegenstandsbezogener und es wird deutlich, dass der Kapitalismus jenes gesellschaftliches Verhältnis ist, das Ideologiekritik notwendig werden lässt. Mandy Tröger zeigt in ihrem historisch und polit-ökonomisch argumentierenden Beitrag, wie zur Wendezeit 1989/90 der Verweis auf eine demokratische »freie Presse« von westdeutschen Verlagskonzernen und Bundesregierung als Diskurswaffe benutzt wurde, um im Transformationsprozess des DDR-Mediensystems politische und wirtschaftliche Eigeninteressen durchzusetzen. So wurden letztlich progressive Ansätze alternativer Medien, die gemessen am Kriterium einer demokratischen freien Presse begrüßenswert gewesen sind, verhindert, und die ehemaligen politischen Pressemonopole der SED wurden in wirtschaftliche Pressemonopolen westdeutscher Großverlage umgewandelt.

Holger Pötzsch untersucht in seinem Beitrag unter Bezug auf das Propagandamodell von Herman und Chomsky die Ideologieproduktion in Hollywood am Beispiel des Science-Fiction-Films I am Legend von Francis D. Lawrence. In einem Vergleich zwischen der unveröffentlichten, vom Regisseur bevorzugten Version des Films mit der vom Studio und den Produzent*innen bevorzugten veröffentlichten Version arbeitet Pötzsch unterschiedliche politische Positionierungen heraus und zeichnet nach, wie über Testvorführungen Profiterwägungen und Marktzwänge Einfluss auf die Inhalte und die ästhetische Form des Films nahmen.

Manfred Knoche beschäftigt sich schließlich aus kritisch polit-ökonomischer Perspektive im Anschluss an Marx mit dem Thema von Open-Access-Wissenschaftspublikationen. Er kontrastiert in seinem Beitrag kommerzielle Open-Access-Strategien privatwirtschaftlicher Verlage mit den ebenfalls durch die Digitalisierung gegebenen Möglichkeiten einer gänzlich öffentlich organisierten Wissenschaftskommunikation. Open-Access-Strategien von Verlagen erscheinen aus ideologiekritischer Perspektive als funktional für die grundsätzliche Beibehaltung warenförmiger Wissensproduktion und deren staatlicher Förderung unter sich verändernden technischen und sozialen Bedingungen. Dies hat, so argumentiert Knoche, auch negative Auswirkungen auf die Reproduktionschancen kritischer Wissenschaft.

Sebastian Jürss und Nils S. Borchers untersuchen in ihrem Beitrag den ideologischen Gehalt der Sharing Economy als bedeutendes Element des sich digitalisierenden Kapitalismus mittels einer narrativen Diskursanalyse verschiedener Manifeste und Anti-Manifeste, die seit 2010 in diesem Kontext erschienen sind. Die Autoren gelangen so zum genauen Verständnis einer solutionistischen Ideologie, die sich durch einen ungebrochenen Fortschrittsglauben, einen Antagonismus zur »Old Economy« mit innovationshemmenden Institutionen sowie die Allianz aus Technikdeterminismus und Unternehmertum auszeichnet. Dieser solutionistische Geist des digitalen Kapitalismus, so argumentieren die Autoren unter Bezug auf Mannheims Ideologiebegriff, ist ideologisch, weil er unsichtbar macht, dass die Sharing Economy auch anders aussehen könnte. Die Betonung des Teilens statt Besitzens ist zwar Merkmal der Sharing Economy, aber ein marginales, das dennoch zur Legitimation kapitalistischer Kontinuitäten herhalten muss.

Uwe Krüger und Juliane Pfeiffer analysieren in ihrem Beitrag ebenfalls die mentalen Infrastrukturen des gegenwärtigen Kapitalismus, grenzen ihren Untersuchungsgegenstand aber nicht auf die Digitalisierung ein. Sie sehen in der über Lehrbücher und Vorlesungen vermittelten neoklassischen Hegemonie in den Wirtschaftswissenschaften auf der einen Seite und dem Romantischen Konsumismus auf der anderen Seite die maßgeblichen ideologischen Stützpfeiler eines am Wachstum orientierten Gegenwartskapitalismus. Dieser ideologische Komplex verhindert eine aus der Perspektive der kapitalismuskritischen Degrowth-Bewegung notwendige »Große Transformation« zu nachhaltigem Wirtschaften. Die Autor*innen leiten aus ihrer Analyse das Profil einer »transformativen Kommunikationswissenschaft« ab, die herausfinden soll, welche öffentlichkeitsrelevanten Akteure, Strukturen und Prozesse eine Transformation zur Nachhaltigkeit behindern und welche sie begünstigen, um letztere durch öffentliche Aufmerksamkeit und parteiliche Wissensproduktion zu stärken.

Im Abschnitt Ideologie in journalistischer Berichterstattung sind Beiträge versammelt, die sich mit dem professionellen Journalismus und dessen Rolle in der Reproduktion von Ideologien beschäftigen. Zunächst geht Florian Zollmann mit Bezug auf Herman und Chomsky der Bedeutung von Propaganda in liberalen Demokratien nach. Gegen heute dominante Forschungsinteressen in der Medien- und Kommunikationswissenschaft macht er deutlich, dass massenmedial verbreitete Propaganda weder ein historisches Ausnahmephänomen noch auf autoritäre Staaten beschränkt ist. Zollmann argumentiert, dass die Form der Integrationspropaganda, die in der Aufwertung einer Position bei gleichzeitiger Auslassung oder Verzerrung alternativer Positionen besteht, für die Verbreitung einer gesellschaftlich dominanten Ideologie besonders relevant sei.

Kim Kristin Mauch untersucht in ihrem Beitrag, ebenfalls mit Bezug auf das Propagandamodell von Herman und Chomsky, inhaltsanalytisch vergleichend die Kriegsberichterstattung in deutschen Massenmedien über zwei Fälle, bei denen jeweils ein von Ärzte ohne Grenzen betriebenes Krankenhaus durch Bombardierung zerstört wurde – in einem Fall wurden die USA, im anderen Fall Russland verantwortlich gemacht. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass in der Tendenz über die Russland zugeschriebene Bombardierung kritischer berichtet wurde, was Annahmen aus dem Propagandamodell stützt.

Schließlich kritisiert Michael Haller in einem Essay einen neuen »moralisierenden Universalismus« im Journalismus und in der Journalismusforschung, der zunehmend deliberative Diskurstheorien als normativer Bezugspunkt in beiden Feldern verdränge. Haller entwickelt seine These am Beispiel der Debatte um die von ihm im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung durchgeführten Studien »Die ›Flüchtlingskrise‹ in den Medien« und »Zwischen ›Flüchtlingskrise‹ und ›Migrationspakt‹«.

Im Abschnitt Ideologie und Wissenschaft geht es einerseits um die Konjunkturen bzw. das Fehlen ideologiekritischer Ansätze in der Kommunikations- und Medienwissenschaft und andererseits um Probleme, mit denen eine ideologiekritische, akademische oder auf Aufklärung abzielende Praxis konfrontiert ist. Martina Thiele beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Stereotypen und Ideologie, um anschließend den Niedergang kritischer Stereotypenforschung in der deutschen Kommunikationswissenschaft nachzuzeichnen. Das für Stereotypen charakteristische Denken in Schablonen und Dualismen ist als vor- und nachgelagerter Prozess für die Ideologiebildung bedeutsam. Thiele geht von vier Phasen der kommunikationswissenschaftlichen Stereotypenforschung aus und betont, dass die ideologiekritische Ausrichtung dieser Forschung, wie sie exemplarisch im Werk von Franz Dröge zum Ausdruck kam, in der Tendenz über diese Phasen hinweg zu einer marginalen Position wurde.

Renatus Schenkel lenkt in seinem Beitrag den Blick auf die individuellen Wirkmechanismen gesellschaftlicher Ideologien. Die Kritische Psychologie (Holzkamp-Schule) bzw. die marxistische Subjektwissenschaft wird dabei als ein marginalisierter, wenngleich für die kommunikations- und medienwissenschaftliche (Nutzungs-)Forschung fruchtbarer Ansatz vorgestellt, der in der Lage ist, problematische Stimulus-Response-Modelle oder Manipulationsmodelle der Medienwirkung grundsätzlich zu überwinden. Ideologien als Teil gesellschaftlicher Bedeutungskonstellationen determinieren individuelles Handeln nicht, sondern spannen vielmehr einen »Möglichkeitsraum« auf, in dem Rezipient*innen als Subjekte entweder restriktiv oder verallgemeinernd handlungsfähig werden.

Patrick Körner reflektiert schließlich aus einer der Philosophie der Aufklärung und dem Kritischen Rationalismus verpflichteten Perspektive die Probleme, die sich für eine ideologiekritische wissenschaftliche Praxis ergeben. Er behandelt das mit praktischer Aufklärung verbundene Paternalismus-Dilemma und den »Backfire-Effekt«, also das Phänomen, dass ein Versuch zur Korrektur von Irrtümern zu deren Verstärkung führt. Körner zieht hieraus Schlussforderung für ideologiekritisch praktizierte Formen der Wissensvermittlung.

3 Entstehung des Bandes und Dank

Der vorliegende Band geht auf Vorträge zurück, die auf der 2. Jahrestagung des Netzwerks Kritische Kommunikationswissenschaft vom 29. November bis 1. Dezember 2018 an der Ludwig-­Maximilians-­Universität München gehalten wurden. An der Tagung mit dem Titel »Ideologien & Ideologiekritik« nahmen über 80 Personen aus Wissenschaft und Praxis teil. Mit Beiträgen beteiligten sich neben Kommunikations- und Medienwissenschaftler*innen auch Soziolog*innen, Politikwissenschaftler*innen, Psycholog*innen und Philosoph*innen. Dies zeigt, dass die Verhandlungen des Netzwerks nicht nur für Medienbeobachter, sondern auch transdisziplinär und für eine kritische Gesellschaftstheorie insgesamt Relevanz besitzen – eine leider eher seltene Ausnahme bestehender medien- und kommunikationswissenschaftlicher Forschung.

Alle Beiträge wurden im Vorfeld einer offenen und konstruktiven Qualitätssicherung unterzogen: Die Einreichungen zur Tagung wurden in einem offenen (nicht anonymen) Peer-Review-Verfahren von jeweils zwei Gutachter*innen gesichtet; die für diesen Band ausformulierten Manuskripte wurden dann von den beiden Herausgebern begutachtet und mit Überarbeitungsvorschlägen an die Autor*innen zurückgegeben. Für Beiträge, an denen die Herausgeber selbst beteiligt waren, wurden externe Reviews eingeholt.

Dieser Band wurde im November 2019 zunächst online im verlagsunabhängigen Open Access auf der Publikationsplattform der Universität Leipzig unter einer Creative-Commons-Lizenz (CC-BY-SA4.0) veröffentlicht. Die Gründe für diese Entscheidung sind vielfältig: Das Wissenschaftsverlagswesen ist derzeit von großen Veränderungen betroffen und aus kritischer politisch-ökonomischer Sicht ist es schwer nachvollziehbar, dass mit öffentlichen Mitteln produziertes Wissen privatisiert wird, um dann wieder mit öffentlichen Mitteln gekauft werden zu müssen (vgl. Knoche in diesem Band). Als Netzwerk geht es uns nicht nur um die Produktion kritischer Inhalte, sondern auch um die kritische Reflexion und Veränderung der gesellschaftlichen Bedingungen der Wissensproduktion. Dass sich der Westend Verlag als linker Sachbuchverlag, der auf ein breiteres Publikum als die »wissenschaftliche Community« zielt, entschieden hat, den Band nachträglich gedruckt herauszubringen, freut uns sehr.

Die Herausgeber danken der Universität Leipzig, die die Entstehung des Bandes mit Mitteln aus dem Publikationsfonds PLUS unterstützt hat, dem Team des Open Science Office der Universitätsbibliothek Leipzig und hier insbesondere Karolin Bove. Außerdem danken wir allen Autor*innen für die konstruktive Zusammenarbeit und allen, die sich in Sachen Layout und Korrektorat engagiert an der Entstehung des Bandes beteiligt haben, namentlich Marlen van den Ecker (Friedrich-Schiller-Universität Jena) sowie Juliane ­Pfeiffer, Ingrid Lipfert, Maximilian Küstermann und Patrick Klapetz (alle Universität Leipzig).

Literatur

Bendell, Jem. 2018. »Deep Adaptation: A Map for Navigating Climate Tragedy«. IFLAS Occasional Paper2. https://jembendell.com/2019/05/15/deep-adaptation-versions/. Zugegriffen: 15.11.2019.

Eagleton, Terry. 2000. Ideologie. Eine Einführung. Stuttgart, Weimar: J.B. Metzler.

Downey, John, Gavan Titley, und Jason Toynbee. 2014. »Ideology Critique: The Challenge for Media Studies«. Media, Culture & Society36 (6): 878–887. https://doi.org/10.1177/0163443714536113.

Fraser, Nancy. 2018. Hegemonie in der Krise. Weshalb Trump das Machtvakuum nicht füllt und was das für gegenhegemoniale Projekte bedeuten könnte. Luxemburg online vom Februar 2018. https://www.zeitschrift-luxemburg.de/hegemonie-in-der-krise-weshalb-trump-das-machtva kuum-nicht-fuellt-und-was-das-fuer-gegenhegemoniale-projekte-bedeu ten-koennte/. Zugegriffen: 15.11.2019.

Jaeggi, Rahel. 2009. »Was ist Ideologiekritik?« In Was ist Kritik?, herausgegeben von Rahel Jaeggi und Tilo Wesche, 266–295. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Lazarsfeld, Paul F. 1973. »Bemerkungen über administrative und kritische Kommunikationsforschung«. In Kritische Kommunikationsforschung. Aufsätze aus der Zeitschrift für Sozialforschung, herausgegeben von Dieter Prokop, 7–27. München: Hanser.

Lazarsfeld, Paul F., und Robert K. Merton. 1973. »Massenkommunikation, Publikumsgeschmack und organisiertes Sozialverhalten«. In Gesellschaftliche Kommunikation und Information. Forschungsrichtungen und Problemstellungen. Ein Arbeitsbuch zur Massenkommunikation, Band 2, herausgegeben von Jörg Aufermann, Hans Bohrmann und Rolf Sülzer, 447–470. Frankfurt am Main: Athenäum Fischer Taschenbuch Verlag.

Meyen, Michael. 2017. Die (doppelte) konservative Wende in der Kommunikationswissenschaft. Vortrag auf der Gründungstagung des Netzwerks Kritische Kommunikationswissenschaft, Ludwig-Maximilians-Universität München 30.11.2017–01.12.2017. https://www.youtube.com/watch?v=Qtium9RjnpQ&feature=youtu.be (00:25:48 bis 00:48:17). Zugegriffen: 15.11.2019.

Ideologietheoretische Perspektiven auf Medien und Kommunikation

Ideologische Öffentlichkeit: Zur Organisation gesellschaftlicher Erfahrung im Kapitalismus

Sebastian Sevignani

Keywords: Erfahrung, Ideologie, Ideologietheorie, Hegemonie, Öffentlichkeit, Selbstvergesellschaftung, Handlungsfähigkeit, Kapitalismus

Gesellschaftliche Erfahrung wird in einen aufsteigenden und einen absteigenden Kommunikationsprozess zwischen einfachen, mittleren und komplexen Teilöffentlichkeiten organisiert, der hier als »ideologische Öffentlichkeit« bezeichnet wird. Deren Akteure sind eine Vielzahl antagonistischer Medien, deren unterschiedliche Positionen in den Massenmedien gemäß ihren unterschiedliche Machtressourcen verdichtet repräsentiert sind. Zudem gehören zur ideologischen Öffentlichkeit kompromissbildende Werte, wie etwa Unparteilichkeit, herrschaftsfreier Diskurs, Presseethiken, die eine überwölbende »bürgerliche Öffentlichkeit« bilden. Deren Repräsentation nehmen die Massenmedien einerseits für sich in Anspruch; sie kann aber auch von den antagonistischen Medien der unteren Ebenen der Öffentlichkeit an ihnen vorbei in Anspruch genommen werden. Der Effekt dieser komplexen Anlage ideologischer Öffentlichkeit ist es, ein Gemeinwesen zu behaupten, wo dieses angesichts antagonistischer Sozialbeziehungen nicht existiert und so zur Reproduktion gesellschaftlicher Antagonismen beizutragen. Die emanzipatorische Form von Öffentlichkeit bestimmt sich dann als »anti-ideologisch« und ist einem Erfahrungswachstum verpflichtet.

Sebastian Sevignani | Friedrich-Schiller-Universität Jena | [email protected]

1 Einführung

Öffentlichkeit wird hier zunächst sehr weit als Organisierung von Erfahrungen gefasst (vgl. Negt und Kluge 1972). Dies hat zwei Vorteile. Erstens kann der Öffentlichkeitsbegriff (zunächst) deskriptiv verwendet werden und wird nicht sogleich als ein normativer Begriff gebraucht, wie er in vielen Demokratietheorien und kritischen Theorien zur Anwendung kommt (zum Überblick Ritzi 2013). Es ist also zunächst die Frage nach dem »Gebrauchswert« von Öffentlichkeit zu stellen. Gebrauchswert besitzt Öffentlichkeit, insoweit in ihr gesellschaftliche Erfahrung organisiert wird (Negt und Kluge 1972, 20; vgl. Klaus und Wischermann 2008, 106). Zweitens eignet sich diese Definition meines Erachtens gut, um das Öffentlichkeitsthema mit Ideologietheorie in Verbindung zu bringen. Dann verändert sich die Perspektive, nicht Öffentlichkeit selbst ist normativer Bezugspunkt kritischer Theorie, wie etwa prominent bei Habermas (1990; vgl. auch Fraser 2001), sondern die Art und Weise, wie Erfahrung organisiert wird, kommt in den Blick und dies kann ideologisch, d. h. kritikwürdig sein. Die Art und Weise, wie der öffentliche Kommunikationsprozess in einer Gesellschaft organisiert wird, gibt Hinweise darauf, so die diesem Beitrag zugrundeliegende Vermutung, wieso und wie sich auf Herrschafts- und Machtverhältnisse gestützte Ungleichheiten zwischen den Menschen reproduzieren.

Mit meinem Beitrag möchte ich zu den theoretischen Grundlagen einer kritischen Medien- und Kommunikationsforschung beitragen, wie sie bereits Anfang der 1970er Jahre im deutschen Sprachraum begonnen,2 dann aber hierzulande bis auf wenige Ausnahmen3 aufgegeben wurde und heute vor allem international weiterentwickelt wird.4 Ein zentrales Anliegen dieser Forschungsrichtung ist es, die Gegenstandsbereiche Medien, Kommunikation und Öffentlichkeit in einem breiteren kapitalismustheoretischen Rahmen zu analysieren und Schlüsselkonzepte kritischer Gesellschaftstheorie (z. B. Frankfurter Schule, Cultural Studies, Politische Ökonomie, Sozialphilosophie, [Sozial-]Psychologie) für die kommunikationswissenschaftliche und mediensoziologische Forschung fruchtbar zu machen und dabei weiterzuentwickeln.

Im Folgenden konturiere ich ein Verständnis ideologischer Öffentlichkeit und greife dazu auf pragmatistische (Dewey), hegemonietheoretische (Gramsci, Hall), ideologietheoretische (Projekt Ideologietheorie, Haug), kritisch-psychologische (»Holzkamp-Schule«) Theorien sowie die Kritische Theorie (Negt und Kluge) zurück. Einleitend plädiere ich für ein Zusammendenken von Ideologiekritik und Ideologietheorie (1), dann beschreibe ich mit Dewey den Zusammenhang zwischen Öffentlichkeit und Erfahrung (2), der anschließend kapitalismustheoretisch (3) und mit Gramscis Hegemonietheorie um seine konflikthaften Momente ergänzt wird (4). So informiert nutze ich ideologietheoretische Einsichten (5), um die Funktionsweise von Öffentlichkeiten in Gesellschaften mit ausgeprägter Zivilgesellschaft zu charakterisieren (6). Abschließend argumentiere ich für die konstitutive Rolle von Öffentlichkeiten in jedem Vergesellschaftungsprozess (7) und diskutiere die normative Perspektive der Selbstvergesellschaftung öffentlichkeitstheoretisch unter Rückgriff auf die verwendeten Theorietraditionen (8).

2 Zum Verhältnis von Ideologiekritik und Ideologietheorie

Ideologie ist ein Schlüsselbegriff kritischer Gesellschaftstheorie (vgl. Eagleton 2000; Rehmann 2008; Ritsert 2002; Žižek 1995). Zudem bildet er eine wichtige Brücke zwischen kommunikationswissenschaftlicher und mediensoziologischer Forschung zu einer interdisziplinären Gesellschaftstheorie (vgl. Downey, Titley und Toynbee 2014). Er trägt einen Großteil der Begründungslast, warum grundlegende gesellschaftliche Veränderung angesichts als problematisch identifizierter bestehender Verhältnisse ausbleiben, und zwar unter Bedingungen, wo sie nicht mit Zwang und Gewalt, sondern vermittelt über das eigene Wollen, Fühlen und Denken der beherrschten Subjekte aufrechterhalten werden.

Bestimmte Ideen, Bedeutungsangebote und Denkformen sind dann funktionell, moralisch oder ethisch problematisch und kritikwürdig, weil sie in ihren Konsequenzen oder schon aufgrund ihrer Verfasstheit eine nicht-nachhaltige und inhärent krisengeschüttelte Gesellschaftsform, Ungleichheit (z. B. durch Ausbeutung, Unterordnung, Exklusion) oder Freiheitsverlust (z. B. durch Unterdrückung, aber auch Entfremdung, d. h. das Nicht-Verfügen-Können über die selbst mitverursachten Bedingungen des eigenen Lebens) legitimieren und aufrechterhalten. Der Ideologiebegriff wird hier »kritisch« verwendet und von einer neutralen Verwendungsweise abgegrenzt, wonach jegliche Weltanschauung oder die prinzipielle Standortgebundenheit und Historizität des Denkens schon als ideologisch bezeichnet wird.

Zwei Arten der Anwendung des Ideologiebegriffs können in der kritischen Forschung unterschieden werden. Die Ideologiekritiker*innen (vgl. Reitz 2004) fragen tendenziell nach dem »Was« der Ideologie, d. h. nach ihrer konkreten Bedeutung und dem Inhalt verbreiteter Ideen; sie erforschen und kritisieren ein ideologisches Bewusstsein. Ihr Gegenstand ist (philosophisch gesprochen) der Begründungs- und Rechtfertigungszusammenhang von Ideologien. Ideologiekritik gibt Kriterien an, wonach sich ein »wahres« von einem »falschen« Bewusstsein unterscheiden lässt. Ist z. B. das verbreitete Deutungsangebot, wonach, wenn es »der Wirtschaft gut geht, es uns allen gut geht« in diesem Sinn ideologisch bzw. falsch? Die Ideologietheorie hingegen beleuchtet das »Wie« der Ideologie, d. h. sie erforscht die Konstitutionsbedingungen von verbreiteten Bedeutungen, Inhalten und Bewusstseinsstrukturen (vgl. Rehmann 2008). Sie beschäftigt sich mit ihrem Entdeckungs- bzw. Entstehungszusammenhang.

Mit Hilfe der »Camera-Obscura«-Metapher aus der Deutschen Ideologie von Marx und Engels (1958, 26) kann dieser Unterschied von Ideologiekritik und Ideologietheorie verdeutlicht werden (vgl. Haug 1984). Ein Gegenstand wird hier innerhalb der Kamera seitenverkehrt und auf dem Kopfstehend projiziert (vgl. Abb. 1). Von ideologietheoretischem Interesse sind nicht in erster Linie der Gegenstand und seine Projektion, wie bei der Ideologiekritik, sondern die Funktionsweise der Kamera, die Projektionen verkehrt darstellt. Während konkrete Abbilder bzw. Ideologien historisch sehr variabel und zudem selbst dynamisch sind, ist die Anlage (der Kamera) bzw. die in den gesellschaftlichen Strukturen eingelassene Form des Ideologischen stabiler. Betrachtet man die Öffentlichkeitsstruktur selbst als ideologisches Arrangement, dann wird einerseits deutlich, dass selbst öffentlich geäußerte Ideologiekritik sehr wahrscheinlich in ideologischen Formen stattfinden muss.

Abb. 1: Aufbau einer camera obscura (Quelle: Wikimedia Commons).

Für die Ideologietheorie stellt sich allerdings ein Abgrenzungsproblem (vgl. Hall 1989, 186f.). Ein Rückzug ausschließlich auf das Problem des Entdeckungs- und Entstehungszusammenhangs kann nicht mehr angeben, warum es sich um einen kritischen und nicht um einen neutralen Ideologiebegriff handelt. Der ideologietheoretische Fokus auf das »Wie« der Sicherung von Herrschaftsverhältnissen kommt also nicht daran vorbei auszuweisen, »was« das Herrschaftsverhältnis ausmacht und wie es sich in der Ideologie zeigt. Es geht also letztlich um die gelungene Verbindung von Ideologietheorie und Ideologiekritik (vgl. Koivisto und Pietilä 1996). Ideologische Öffentlichkeiten verweisen demnach auf eine spezifische Art, wie Erfahrung gesellschaftlich organisiert wird, die Herrschaftsverhältnisse absichert und deshalb kritisiert werden sollte.

3 Öffentlichkeit und Erfahrung

Ebenso, wie es mir zunächst um einen möglichen deskriptiven Öffentlichkeitsbegriff geht, kann auch der Erfahrungsbegriff in dieser Weise verwendet werden.5 Dass Menschen Erfahrungen machen, kann vorausgesetzt werden, dann stellt sich aber die Frage, wie dies genau funktioniert. Bei dem amerikanischen pragmatistischen Philosophen John Dewey findet sich eine ausgearbeitete Theorie der Erfahrung, die sich zwar normativ aufladen lässt (vgl. Jörke 2003; 2007), aber sich zunächst auch für deskriptive Zwecke gebrauchen lässt (Götz 2017, 12).

Deweys Ansatz wendet sich gegen eine Auftrennung von Theorie und Praxis in der Wissenschaft und auch der Politik. Er geht davon aus, dass in der Praxis gewonnene Erfahrungen im Vergleich zur Reflexion und Erkenntnis einen primären Status besitzen. Ausgangspunkt ist eine präreflexive Weltbeziehung des Subjekts, das in einen Strom der Erfahrung gestellt ist und aufgrund gemachter Erfahrungen relativ unproblematisch und gemäß seinen Bedürfnissen mit Dingen und anderen Menschen umgehen kann. Es gibt bei ihm keinen Nullpunkt und keinen plötzlichen Einbruch der Erfahrung, sondern jede Erfahrung wird vor dem Hintergrund von bereits Erfahrenem, von »habits«, gemacht. Dewey betrachtet immer eine Sequenz von Erfahrung, ausgehend von Erfahrenem wird die zukünftige Erfahrung konturiert. Dies kann das Prinzip der Kontinuität genannt werden (vgl. Dewey 1986, 285).

Erfahrung ist zunächst gekennzeichnet von passiven Elementen des Erleidens und aktiven Elementen der Bearbeitung. In dieser primären Erfahrungssituation besteht eine relative Einheit von Subjekt und Objekt. Erst bei einer Irritation, wenn im Erfahrungsstrom ein Problem auftritt und die beschriebene Anpassung an die Welt prekär wird und Handlungsunsicherheit eintritt, kommt es zu einer sekundären Form der Erfahrung, bei der einzelne Aspekte aus dem Erfahrungsstrom selektiv hervorgehoben werden. Subjekt und Objekt treten dann auseinander und eine Reflexion auf in die Krise geratenen Umgangsweisen, Handlungsmuster und die in ihnen immer schon eingelassenen Normen und Werte setzt ein. Es kommt zu einer reflexiven Situationsdeutung und der Erarbeitung von Problemlösungsstrategien zur (Wieder-)Erlangung von Handlungsfähigkeit. Erfahrung kann dann sowohl in der sozialen Natur (primäre Erfahrung), also auch von ihr gemacht werden (sekundäre Erfahrung).

Der Zusammenhang zwischen Erfahrung und Öffentlichkeit ist laut Dewey der folgende: Eine Öffentlichkeit wird von denjenigen gebildet, deren private Handlungsfähigkeit prekär wird, weil sie von problematischen Folgen in einer bestimmten gesellschaftlichen Situation betroffen sind, und die dann versuchen ihre Handlungsfähigkeit zurück zu erlangen oder zu erhöhen (vgl. Dewey 1996, 20ff.). Öffentlichkeit ist ein sozialer Problemlösungsmechanismus und erlaubt die reflexive Distanzierung (sekundäre Erfahrung), die Verständigung über ein Problem und den Entwurf von Problemlösungsstrategien. Solche »schwachen« Öffentlichkeiten werden zu »starken« Öffentlichkeiten, wenn die Betroffenen zusätzlich reale Möglichkeiten der praktischen Umsetzung und Erprobung von Lösungsstrategien bekommen.6 Nach dem Prinzip der Kontinuität präformieren vorangegangene Problemöffentlichkeiten sowohl die Situationsdeutung und die Entwicklung von Lösungsstrategien, als auch die Möglichkeiten ihrer Erprobung.

Eine häufig geäußerte Kritik an Dewey ist, dass seine Theorie die Konflikthaftigkeit von Erfahrungen unterschätzt und deshalb für eine kritische Theorie ergänzt werden muss:

Konflikte im individuellen Erfahrungsprozess bleiben weitgehend ausgeblendet. Bei Dewey scheint es manchmal so, als ginge der Erfahrungsprozess der Probleme und ihrer Folgen der Öffentlichkeitsbildung einfach voraus (vgl. Götz

2017

,

42

). Dass subjektive Erfahrungen aber selbst durch soziale Konflikte und mithin ideologische Öffentlichkeiten beeinflusst sind, kann trotz der Annahme des Prinzips der Kontinuität mit pragmatistischen Mitteln nur unzureichend aufgeklärt werden, weil die pragmatische Theorie mit dem Problem einsetzt und dessen Zustandekommen unterbelichtet lässt.

Bei Dewey erfährt man wenig darüber, wie speziell die kapitalistische Gesellschaft Probleme erzeugt.

Während Dewey Konflikte nur zwischen alten, etablierten Problemlösungen repräsentierenden Öffentlichkeiten und neuen Problemöffentlichkeiten situiert (vgl. Götz

2017

,

32

f.), nimmt er innerhalb von Öffentlichkeiten aufgrund des geteilten konstitutiven Problembezugs relativ homogene Interessen an.

4 Erfahrung und kapitalistische Gesellschaftsstruktur

Die aufgeworfenen Probleme fehlender Konflikthaftigkeit in der pragmatistischen Öffentlichkeitstheorie können sinnvoll unter Rückgriff auf alternative kritische Theorien bearbeitet werden. Zunächst ist es in dieser Theorietradition eine verbreitete Annahme, dass gegenwärtige Gesellschaften zutreffend als kapitalistische beschrieben werden können. Dies bedeutet u. a., dass in den sozialen Verhältnissen Mechanismen liegen, die das Glück der Starken mit dem Leid der Schwachen verbinden (vgl. Boltanski und Chiapello 2006, 398). Kapitalistische Gesellschaften sind also Klassengesellschaften, die sich z. B. durch die Mechanismen von Ausbeutung, Enteignung und Klassifizierung ökonomisch, aber auch politisch und kulturell als solche reproduzieren.7 Unterschiedliche Klassen sind zwar aufeinander angewiesen, aber durch ihre Beziehung zueinander gleichzeitig in eine ungleiche vertikale Schichtung gebracht. Es ist leicht ersichtlich, dass in der Struktur so einer Gesellschaft ein wichtiger Ursprung für Konflikte, die Erfahrung von Problemen und damit für die Bildung von Öffentlichkeiten nach Dewey liegt. Das invers-interdependente Verhältnis des Glücks der Starken mit dem Leid der Schwachen produziert immer wieder Ausgangslagen für Probleme, die habituell nicht gelöst werden können.

Aus dieser Perspektive einer strukturell argumentierenden Kapitalismus- und Klassentheorie stellt sich aber empirisch sofort ein doppeltes Problem. Grundsätzlich gleiche gesellschaftliche Verhältnisse (zum Beispiel Benachteiligungen, Unterdrückungen) werden von verschiedenen Individuen unterschiedlich erfahren und grundsätzlich gleiche Erfahrungen werden von verschiedenen Individuen, insbesondere aufgrund unterschiedlicher Interessen, unterschiedlich »verarbeitet«, d. h. sie führen dann auch zu unterschiedlichen Handlungen (Alltagshandeln, politisches Engagement, Wahlen). Dieser Erfahrungsprozess (Erfahrung machen und die davon nicht zu trennende »Verarbeitung«) wird durch Öffentlichkeit organisiert. Gesellschaftliche Bedingungen, zu denen neben der Klassenlage, auch die ideologische Organisation von Erfahrungen, sowie einzelne Ideologien gehören, legen spezifische Bedeutungen für die Subjekte nahe, ohne sie aber zu determinieren. D. h. der Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Bedingungen und subjektiver Bedeutung muss noch weiter expliziert werden. Ich komme darauf und auf den Interpretationsvorschlag, den die Kritische Psychologie in diesem Zusammenhang macht, sowie auf die öffentlichkeitstheoretische Perspektive, die ich damit verbinde, zurück (vgl. Abschnitt 7 und 8).

5 Hegemonietheoretische Erweiterung des Erfahrungsbegriffs

Auch Antonio Gramscis Hegemonietheorie setzt bei der (Klassen-)Struktur der Gesellschaft an, denn »diese grundlegende Anordnung ermöglicht zu untersuchen, ob in der Gesellschaft die notwendigen und hinreichenden Bedingungen für ihre Umgestaltung vorhanden sind, ermöglicht also, den Grad an Realismus und Umsetzbarkeit der verschiedenen Ideologien zu kontrollieren, die auf ihrem eigenen Boden entstanden sind, dem Boden der Widersprüche, die sie bei ihrer Entwicklung hervorgebracht hat« (Gramsci 1991ff., zitiert nach Becker et al. 2013, 31). Klassenlagen drücken sich politisch aus, wenn sie einen gewissen Grad »an Homogenität, Selbstbewusstsein und Organisation« (ebd.) erreichen. Durch die Betonung des Organisationsaspekts wird Gramscis Klassentheorie eine öffentlichkeitssensible Klassentheorie.

Gramsci zeigt Stufen auf, die ausgehend von der sozio-strukturellen Lage einer Gruppe erklommen werden müssen, um gesellschaftliche Macht zu erringen. Er unterscheidet zwischen einer kooperativ-ökonomischen Stufe, auf der aus den gemeinsamen Problemen, die sich mit der jeweiligen Stellung einer Gruppe im Produktionsprozess ergeben, ein Gefühl der Gemeinsamkeit entsteht. Auf der klassen-korporatistischen Stufe wird aus der gemeinsamen Problemlage eine Interessensolidarität entwickelt, die sich »aber noch auf bloß ökonomischem Gebiet« (ebd.) abspielt. Interessen werden innerhalb eines bestehenden Problemrahmens vertreten. Auf der politisch-hegemonialen Stufe wird dieser korporative Umkreis überschritten. Kennzeichen ist das Erringen »kultureller Führung«, d. h. die eigenen Interessen müssen zu Interessen anderer untergeordneter Gruppen werden (ebd.). So können bestehende Machtverhältnisse herausgefordert werden, wobei die so entstandene politische Klasse »über die Einheitlichkeit der ökonomischen und politischen Ziele hinaus auch die intellektuelle und moralische Einheit bewirkt, alle Fragen, um die der Kampf entbrannt ist, nicht auf die korporative, sondern auf eine »universale« Ebene stellt und so die Hegemonie einer grundlegenden gesellschaftlichen Gruppe über eine Reihe untergeordneter Gruppen herstellt« (ebd., 32). In dieser hegemonialen Phase müssen fortwährend Interessengleichgewichte hergestellt werden, »Gleichgewichte, in denen die Interessen der grundlegenden Gruppe überwiegen, aber nur bis zu einem gewissen Punkt, also nicht bis zum nackten korporativ-ökonomischen Interesse« (ebd.).

Hegemoniebildung ist in Gesellschaften mit ausgeprägter Zivilgesellschaft ein entscheidendes Moment, um ein stabiles »Integral« der Herrschaft zu errichten, das unterschiedliche Gesellschaftsbereiche wie die Ökonomie, den Staat mit seinen Exekutivorganen und die zivilgesellschaftliche Kultur in ein Herrschaftsprojekt einspannt.8 Eine in einer spezifischen geschichtlichen Zeit geglückte Artikulation dieser Bereiche nennt Gramsci »historischen Block«. Mit dem Begriff der Hegemonie macht Gramsci darauf aufmerksam, dass Herrschaftsverhältnisse durch politisch-kulturelle Führung abgesichert werden müssen und nicht auf reiner (Staats-)Gewalt beruhen können. In der Zivilgesellschaft wird in Medien, Bildungsinstitutionen etc. um Konsens gerungen, »all das, was die öffentliche Meinung direkt oder indirekt beeinflußt oder beeinflussen kann, gehört zu ihr« (Gramsci 1991ff., 374) und »die sogenannte ›öffentliche Meinung‹ ist eng mit der politischen Hegemonie verknüpft. Sie ist Berührungspunkt zwischen ›Gesellschaft‹ und ›Staat‹, zwischen Konsensus und Macht« (ebd., 916f.).

Die Rolle der Intellektuellen ist in der Herausbildung von Hegemonie entscheidend. Für Gramsci gibt es keine Organisation und Interessenverallgemeinerung ohne Intellektuelle (vgl. Demirović und Jehle 2005, 1270). Bei intellektueller Tätigkeit geht es »nicht nur um Konzipierung neuer Gedanken, sondern auch um ihre »›Vergesellschaftung‹ und Durchsetzung, mithin die Fähigkeit, einen neuen Alltagsverstand zu prägen« (ebd., 1269). Die »Organizität« eines Intellektuellen bestimmt sich für Gramsci am Grad seiner Verbundenheit mit einer gesellschaftlichen Gruppe. Da es keinen Nullpunkt der Hegemonie gibt, sondern hegemoniale Strategien immer in bestehenden hegemonial geprägten Strukturen agieren, finden die organischen Intellektuellen bereits »traditionelle Intellektuelle« vor, die die erfolgreichen Gruppen früherer Hegemoniekämpfe repräsentieren, sich aber aus ihrer organischen Verbindung zu diesen gelöst haben und in relativer Autonomie in den zivilgesellschaftlichen Institutionen agieren. Neben den organischen (direkter Bezug zur Lebensweise einer Klasse) und den traditionellen Intellektuellen (in den Institutionen der Zivilgesellschaft) kann auch zwischen »kleinen« und »großen« Intellektuelle unterschieden werden (vgl. Demirović1999, 26). Vom kleinen zum großen Intellektuellen nimmt der Grad an Konsensausarbeitung durch Aufnahme, Verfolgung, Erklärung von Differenzen zu Lasten der Konkretheit der Interessenvertretung zu. Große Intellektuelle finden sich in der Philosophie, der Kunst und den Wissenschaften; kleine Intellektuelle sind Verwalter*innen und Populisator*innen bereits bestehender intellektueller Kategorien. Hegemoniale Strategien (organischer Intellektueller) können sich dann nicht nur auf die tatsächliche Verallgemeinerung eigener und Einbindung anderer Interessen richten, sie können auch darauf zielen, andere Gruppen gewissermaßen intellektuell zu »köpfen«, d. h. deren organische Intellektuelle für sich zu gewinnen.

Die antagonistische (Klassen-)Gesellschaft, die sich im Modus der Hegemonie reproduziert, wirkt in die subjektive Organisation von Erfahrung hinein. Gramsci bietet hier mit der Kategorie des »Alltagsverstandes« einen Anknüpfungspunkt, wie der Erfahrungsprozess und das Dewey’sche Prinzip der Kontinuität in einer hegemonial-herrschaftlich strukturierten Gesellschaft verstanden werden kann. Wie gezeigt werden soll, steht dies auch mit Öffentlichkeiten, d. h. der intersubjektiven Organisation von Erfahrung in Verbindung. Die zwei wichtigen Punkte, auf die Gramsci mit der Konzeption des Alltagsverstandes im Vergleich mit Dewey hinweist, sind, dass der Übergang von primären zu sekundären Erfahrungen nicht selbstverständlich ist, Öffentlichkeiten also möglicherweise gar nicht gebildet werden, und dass hierbei und generell in jedem Erfahrungsprozess gesellschaftliche Herrschafts- und Machtverhältnisse immer bereits wirken.

Der Alltagsverstand organisiert den primären Erfahrungsprozess. Er erscheint als bewährter, erfahrungsgesättigter und gesicherter Bestand an Wissens-, Denk- und Gefühlsformen und besteht aus populärem Wissen, spontaner Philosophie, Vorurteilen, Werten und Moralvorstellungen. Ganz im Sinne des Prinzips der Kontinuität sind dies sedimentierte Erfahrungen, die den Hintergrund bilden, vor dem neue Erfahrungen gemacht werden können. Die Elemente des Alltagsverstandes speisen sich aus unterschiedlichen Quellen, wie der Vergangenheit (z. B. aus tradierten Überzeugungen und in der eigenen sozialen Laufbahn gesammelten Erfahrungen), aus Muster von Lebensformen und -vorstellungen, die sich aus der ­Zugehörigkeit zu bestimmten Milieus oder unterschiedlichen Rollenerwartungen ergeben sowie aus Problemen und Erfahrungen, die sich aus konkreten Handlungskontexten, wie z. B. der Familie oder dem Betrieb ergeben. Zudem wirken gesellschaftlich verbreitete Deutungsangebote und die wahrgenommene öffentliche Meinung auf ihn ein. Der Begriff des Alltagsverstandes verbindet die gesellschaftliche (Makro-)Ebene und die dort zirkulierenden Ideologien mit einem Verständnis von Ideologie »gelebter, habitueller gesellschaftlicher Praxis« (Eagleton 2000, 136) auf der subjektiven ­(Mikro-)Ebene.

Bei genauerer Betrachtung, so Gramsci, erweist sich dieser Bestand an unterschiedlichen Elementen als ein fragmentiertes und widersprüchliches Terrain, auf dem verschiedene gesellschaftliche Gruppen um subjektive Zustimmung ringen. Der Kampf um Zustimmung oder »kulturelle Führung« erfolgt über die (Neu-)Zusammensetzung und vorübergehende Strukturierung und Hierarchisierung der Elemente des Alltagsverstandes. Stuart Hall argumentiert dementsprechend, dass »keine Strategie […] so erfolgreich [ist] Konsens herzustellen, wie diejenige, der es gelingt, sich in den widersprüchlichen Elementen des Alltagsverstandes, des Lebens und Bewusstseins der Bevölkerung zu verwurzeln« (Hall 2014b, 236).

Bestimmte gesellschaftliche Deutungen erscheinen insofern plausibel und subjektiv zustimmungsfähig, wenn sie …

an Elemente aus dem Alltagsverstand anknüpfen können,

mehrere Elemente in eine »stimmige« Ordnung zu bringen vermögen, also z. B. Probleme im Betrieb mit tradiertem Handlungswissen und familiären Werten in Übereinstimmung bringen, und

es gelingt, nicht passförmige Elemente zu desartikulieren und in ihrer Deutungsfähigkeit herabzusetzen.

Mit Gramsci kann Deweys Erfahrungstheorie dahingehend erweitert werden, dass erstens deutlich wird, wie zunächst die subjektive Situationsdeutung und Problemdefinition und dann auch die intersubjektive Entwicklung von Lösungsstrategien sowie die Bewertung der Möglichkeiten ihrer Erprobung vom bereits hegemonial geprägten Alltagsverstand der Einzelnen und der Betroffenengruppen beeinflusst sind. Zweitens ist der Übergang von primären zu sekundären Erfahrungen nicht selbstverständlich. Gramsci weist darauf hin, dass die widersprüchlichen Elemente im fragmentierten Alltagsverstand, die dementsprechend konfligierende Situationsdeutungen nahelegen, sich passivierend auswirken können (Gramsci 1991ff., 1384). Fragmente des Alltagsverstandes kompensieren sich gegenseitig und verhindern eine Problematisierung und den Beginn von Reflexion, die erst eine Hierarchisierung und einen Ordnungsprozess des Alltagsverstandes in Gang bringen würde. Öffentlichkeiten bilden sich also möglicherweise gar nicht. Drittens macht Gramsci auf die Möglichkeit eines Widerspruchs zwischen primärer und sekundärer Erfahrung, zwischen praktischem und verbalem Bewusstsein, aufmerksam. Während das praktische Bewusstsein ein »realistisches« und »materialistisches« Element des »gesunden Verstandes« enthält (Gramsci 1991ff., zitiert nach Becker et al. 2013, 135, 138), was sich in der Erfahrung von kausalen Zusammenhängen in der sozialen Welt ausdrückt, die nicht zuletzt auch durch die Gesellschaftsstruktur und eigene Klassenlage gegeben sind, ist das verbale, öffentliche Bewusstsein demgegenüber vermittelnd-abstrakt und glättet möglicherweise Widersprüche der praktischen Ebene. So kann z. B. die Situation mit Vorgesetzten im Betrieb als ungleich und hierarchisch erfahren werden, während im verbalen Bewusstsein Ideen der Sozialpartnerschaft vorherrschend sind. Teile des Alltagsverstandes widersprechen hier der öffentlichen Meinung. Dieses materialistisch-realistische Element hat für Gramsci das Potenzial, hegemoniale Weltauffassungen oppositionell, subversiv oder abweichend zu deuten. In einer positiven Interpretation, die auf mögliche Ähnlichkeiten zwischen Dewey und Gramsci abzielt, wäre dieser Teil der Problemgenerator und der Auslöser für gegenhegemoniale Öffentlichkeitsbildung, in der die öffentliche Meinung diese Erfahrung auch wirklich kohärent ausdrückt (vgl. hierzu Abschnitt 9).

6 Theorie des Ideologischen

Mit Gramsci kann Erfahrung und ihre Organisation in Öffentlichkeiten als hegemonialer Prozess im Kampf um Machtpositionen verstanden werden. Diese hegemonietheoretischen Überlegungen beeinflussten stark die im Anschluss an die Arbeiten des Projekts Ideologietheorie (PIT1978) entwickelte Theorie des Ideologischen (Haug 1993). Sie soll im Folgenden für die Öffentlichkeitstheorie nutzbar gemacht werden. Eingangs wurde auf die Notwendigkeit einer Verbindung von Ideologietheorie und Ideologiekritik hingewiesen; die Theorie des Ideologischen teilt diesen Anspruch und grenzt sich so von einer Hegemonietheorie ab, der es um die neutrale Analyse von Hegemonieprozessen geht. Ideologische Formen der Organisation von Erfahrung werden hier vor dem ethischen Hintergrund einer möglichen Selbstvergesellschaftung der Menschen sichtbar gemacht (vgl. Koivisto und Pietilä 1996). Damit geht eine »Unterscheidung der Richtung der Vergesellschaftungsprozesse« einher: Die entscheidende Frage ist dann, ob diese Prozesse »von unten« ausgehen und ob dies auch in den Resultaten der Vergesellschaftung sichtbar bleibt oder ob sie »von oben«, von den Eliten ausgehen.

Das Ideologische wird bestimmt als entfremdete ideelle Vergesellschaftung von oben (vgl. Haug 1993, 72f.). Was heißt das? Hier wird angenommen, dass die Menschen Fähigkeiten zur öffentlichen Selbstvergesellschaftung besitzen, also in der Lage sind, Probleme des Zusammenlebens über die Bildung von Öffentlichkeiten so zu lösen, dass ihre Handlungsfähigkeit gesichert oder gar erweitert wird. In einer für Klassengesellschaften typischen Situation strukturell antagonistischer Interessen werden diese Vergesellschaftungskompetenzen aber an »ideologische Mächte«, wie den Staat, das Recht und die (Massen-)Medien, abgetreten. Denn auf dieser ideologischen Ebene ist es möglich, Kompromisse zu bilden und so trotz einander antagonistisch gegenüberstehenden Interessen gemeinsam handlungsfähig zu bleiben. Die Auslagerung von Kompetenzen auf diese Mächte ist also subjektiv in der Sicherung von Handlungsfähigkeit begründet und wird deshalb von beiden Seiten des Antagonismus, den Herrschenden (die ihre Handlungsfähigkeit auf Kosten anderer ausweiten) und Beherrschten (die durch ein zumindest implizites »Bündnis mit den Herrschenden« auch handlungsfähig bleiben), gehalten.

So hat das Ideologische zugleich einen antagonistischen und einen allgemeinen Aspekt: Die allgemeine Bindungskraft entsteht durch eine bedeutungsoffene Form, die jeweils konkret gefüllt wird und deren Bedeutung die unterschiedlichen gesellschaftlichen Interessen repräsentiert. Das antagonistische Element in den ideologischen Formen besteht in einer Verdichtung von Kräfteverhältnissen analog der von Gramsci beschriebenen Hegemonialwerdung einer Klasse. Im Prozess der Kompromissbildung spiegeln sich die unterschiedlichen Kräfteverhältnisse, und mächtige Interessen definieren stärker das, was als Allgemeines gilt. Zusammenfassend wird diese hegemoniale Logik von Haug als »antagonistische Reklamation des Gemeinwesens« (Haug 1993, 59ff., 84ff.) durch kulturell-politische Äquivokation von Interessen gefasst.9

Als Effekt bleiben herrschende Machtungleichheiten unangetastet bzw. ist die Kompromissbildung zwischen antagonistischen Interessen innerhalb dieser sich über der Basis der Gesellschaft konstituierenden Mächten die Bedingung für ihre Reproduktion: »Die ideologischen Apparate der bürgerlichen Gesellschaft organisieren das (Er-)Leben der Klassengesellschaft als Erleben der Klassenlosigkeit« (Haug 1993, 55). Im selben Moment kommt aber durch das Ideologische eine Vorahnung eines wirklichen Gemeinwesens, d. h. einer Gesellschaft ohne Antagonismus in die Welt und erhält gesellschaftlich Bedeutung. Dies ist das ideelle Moment der ideologischen Vergesellschaftung. Die bestehenden Verhältnisse werden zwar durch das »Allgemeine« gestützt, welches aber – einmal in der Welt – auch gegen sie und die ideologischen Apparate, Praxen und Akteure angerufen und gewendet werden kann. Ideologische Formen spalten sich auf in universale Werte und institutionelle (Staats-)Apparate. Letztere geben vor, die universalen Werte zu repräsentieren, und legitimieren sich von dorther. Das Ideologische ist einerseits durch einen »weltlichen Himmel« der Apparate der Kompromissbildung und Verdichtung von Interessen und andererseits durch eine »himmlische Welt« aus einer von den Kräfteverhältnissen abgelösten ideellen Vorwegnahme der Kompromissbildung in Gestalt von Begriffen und Werten mit allgemeiner Bindungskraft gekennzeichnet: »Es ist, als entspräche die innergesellschaftliche Spaltung dem Spalt in der ideologischen Macht, der ein Spalt ist zwischen ›übergesellschaftlichem‹ Apparat und den jenseitigen Mächten, denen er zu dienen beansprucht. […] Das ›Oben‹ verdoppelt sich in einen weltlichen Himmel und eine himmlische Welt« (Haug 1993, 85).

Abb. 2: Schema der Theorie des Ideologischen (eigene Darstellung).

Die materialisierten Verdichtungen antagonistischer Kräfteverhältnisse, also die ideologischen Apparate (des weltlichen Himmels), errichten Eintrittsbarrieren in Form von feldspezifischen und habituellen Logiken und schließen sich nach unten ab. Dieser Ausschluss legitimiert sich vor den symbolischen Verdichtungen der Kräfteverhältnisse, den allgemeinverbindlichen Werten (der himmlischen Welt).

Zwischen diesen ideologischen Werten und den ideologischen Apparaten können aber v. a. in Krisenzeiten Widersprüche oder Risse in ihrer Repräsentationsfunktion entstehen. Ideologische Werte können an den Apparaten vorbei von unten angerufen werden, und zwar mit dem hegemonialen Ziel, die Apparate umzuorganisieren, d. h. ihre Rekrutierungslogiken und Spielregeln zu ändern, aber auch um ihre Akteure auszutauschen.

Die Unterscheidung zwischen »unten« (Gesellschaft) und »oben« (ideologische Mächte), sowie der Bezug auf die Selbstvergesellschaftungskompetenzen der Menschen trägt das kritische Potenzial der Theorie des Ideologischen: »Ausgangspunkt und Fluchtpunkt der Analyse ist die Selbstvergesellschaftung der Menschen im Sinne einer gemeinschaftlich-konsensuellen Kontrolle der gesellschaftlichen Lebensbedingungen« (Haug 1993, 47), was gleichbedeutend mit der Aufhebung der Klassengesellschaft ist. Vor diesem Hintergrund kann Haug auch zwischen dem Ideologischen und dem Proto-Ideologischen unterscheiden. Letzteres ist die notwendige Abgabe von Vergesellschaftungskompetenzen in einer arbeitsteiligen und funktional-differenzierten modernen Gesellschaft an bestimmte Gruppen, wie z. B. die Wahl eines Rates, der für eine bestimmte Zeit die Geschicke eines Unternehmens führt. Der entscheidende Unterschied ist die Wirkungsweise dieser Führung: Wird sie von oben oder von unten ausgeführt? Ideologisch ist nur die Wirkungsweise von oben zu nennen (vgl. Abb. 2).

7 Ideologische Öffentlichkeiten

Während Dewey zeigt, dass sich Öffentlichkeiten um die Erfahrung von Problemen bilden, und mit Gramscis Hegemonietheorie Öffentlichkeiten als Austragungsorte von Machtkämpfen um kulturelle Führung sichtbar werden, kann mit der Theorie des Ideologischen deutlich gemacht werden, dass die Organisation von Öffentlichkeiten selbst ideologisch sein kann. Entsprechend argumentiert auch Alex Demirović:

»Hegemonie wird nicht allein in der Öffentlichkeit und um die Grenzen der Öffentlichkeit praktiziert, sondern Öffentlichkeit ihrerseits praktiziert Hegemonie, eine Form von kultureller Herrschaft, insofern mit einem enormen Form-, Regel-, Anstands-, und Hierarchiebewußtsein die freie diskursive Praxis von den sozialen Akteuren getrennt, reduziert, kontrolliert, diszipliniert und normalisiert wird« (Demirović1997, 182).

Im Folgenden soll nun die Rolle von Öffentlichkeiten und Medien in dieser Theorie des Ideologischen bestimmt werden.

Wie werden gesellschaftliche Erfahrungen medial-ideologisch organisiert? Hilfreich ist hier zunächst das Mehrebenenmodell von Öffentlichkeit (vgl. Klaus und Wischermann 2008; Klaus und Drüeke 2017), da es sich einerseits wiederum um ein normativ sparsames, eher deskriptives Modell handelt und andererseits sowohl die Theorie des Ideologischen als auch Gramscis Hegemonieprozess eine topische Konzeption darstellen.

In einfachen Öffentlichkeiten der interpersonellen Kommunikation und unmittelbaren Begegnung sind die funktionalen Rollen zwischen Kommunikator*innen und Zuhörer*innen noch nicht differenziert und wechseln ständig. In mittleren Öffentlichkeiten bilden sich erste funktionale Rollen und Zuweisungen heraus, es gibt bedeutende Kommunikator*innen und es entstehen Kommunikationsregeln. Prototypische mittlere Öffentlichkeiten bilden sich um Vereine, Bürgerinitiativen und soziale Bewegungen. In komplexen Öffentlichkeiten sind Kommunikator*innen-Rollen weitgehend professionalisiert und die Beziehungen zu Medien und Teilöffentlichkeiten eingespielt, wobei das Publikum »immer abstrakter und in seinen Handlungsmöglichkeiten beschränkter« (Klaus und Wischermann 2008, 108) wird. Zwischen den Öffentlichkeitsebenen besteht ein komplexes Verhältnis, was nun mittels der Hegemonie- und Ideologietheorie besser verstanden werden kann. Als Verallgemeinerung aus den unzähligen Öffentlichkeiten konstituiert sich hegemonial ständig neu eine komplexe und aggregierte Öffentlichkeit, die ihrerseits die vielen Teilöffentlichkeiten rückstrukturiert. Es gibt also einen aufsteigenden und einen absteigenden Zusammenhang zwischen einfachen, mittleren und komplexen Öffentlichkeiten.

Ausgehend von den Problemerfahrungen kapitalistisch-antagonistischer Gesellschaften mit ihren sozialen Mechanismen der Ausbeutung, Unterordnung und Exklusion bilden sich zunächst einfache Öffentlichkeiten (kooperativ-ökonomische Ebene bei Gramsci). In interpersoneller Kommunikation zwischen antagonistischen Gruppen lassen sich diese Probleme – anders als Dewey impliziert – nicht lösen; vielmehr bilden sich mittlere Teilöffentlichkeiten und antagonistische Medien, die Public Relations betreiben, heraus (was der klassen-korporatistischen Ebene bei Gramsci entspricht). Finanzielle Ressourcen und soziales Kapital, wie etwa Beziehungsnetzwerke, sind zwischen den antagonistischen Medien ungleich verteilt, denn diese drücken unterschiedliche soziale Machtpositionen in der Gesellschaftsstruktur aus (z. B. arbeitgebernahe Wirtschaftsinstitute vs. Think Thanks aus dem Umfeld einer hetero­doxen Ökonomik). Die Rolle organischer Intellektueller übernehmen Wissenschaftler*innen, PR-Spezialist*innen sowie einzelne Journalist*innen, die sehr direkt im Sinne der antagonistischen Interessen, z. B. als Kommentator*innen bereits auf der nächsten, komplexen Ebene der Massenmedien wirken.

Abb. 3: Wirkweisen ideologischer Öffentlichkeiten (eigene Darstellung).

Öffentliche Selbstvergesellschaftungs- und Problemlösungskompetenzen der Menschen werden im Sinne einer Kompromissbildung an die sich über der Gesellschaft konstitutierenden (Massen-)Medien abgegeben. Komplexe Öffentlichkeiten werden maßgeblich von ideologischen Mächten der Information und Kommunikation organisiert, was der hegemonial-politischen Ebene bei Gramsci entspricht. Die Massenmedien oder die ideologischen Apparate der Information und der Kommunikation sind verdichtete materialisierte Kräfteverhältnisse, in denen Kompromissbildungen ungleicher Interessen, die von den antagonistischen Medien verbreitet werden, materialisiert sind. Einige Interessen sind dabei gar nicht repräsentiert, wie z. B. wirtschaftspolitische Stimmen aus dem Umfeld heterodoxer Ökonomik, die kapitalistisches Wachstum in Frage stellen. Andere Stimmen, wie z. B. Arbeitnehmer*innen-nahe wirtschaftspolitische Positionen sind repräsentiert, aber innerhalb des ideologischen Rahmens des unbedingten Wirtschaftswachstums, den Arbeitgeber*innen-nahen Positionen untergeordnet. Ohne Wachstum, d. h. Profite für Kapitalist*innen, können Arbeiter*innen-Interessen z. B. durch steuerliche Umverteilung nicht befriedigt werden. Das Ideologische trägt also zur relativen (aber restriktiven) Handlungsfähigkeit der Beherrschten bei. Professionsregeln (z. B. der Ausgewogenheit und Unparteilichkeit) und ein journalistischer Habitus unterscheiden die Akteure in den Apparaten der Medien und der Kommunikation von den organischen Journalist*innen und Publizist*innen, Aktivist*innen und PR-Agent*innen (vgl. hierzu Bourdieu 2015).

Die Massenmedien und die durch sie organisierten komplexen Öffentlichkeiten erheben den Anspruch, im Auftrag der »himmlischen Welt« zu handeln und das Gemeinwesen zu repräsentieren. Zur ideologischen Öffentlichkeit gehören neben den Massenmedien auch kompromissbildende Werte und Begriffe, wie z. B. Unparteilichkeit, herrschaftsfreier Diskurs, Presseethiken etc., über die sich die Massenmedien legitimieren und die sie verwalten, die aber auch an ihnen vorbei angerufen werden können.

Die »himmlische Welt« ist eine tendenziell universale, ausgewogene Öffentlichkeit, die das im Kapitalismus real zersplitterte Gemeinwesen ideell stiften soll. Ich schlage vor, den Begriff der »bürgerlichen Öffentlichkeit« (Habermas 1990; Negt und Kluge 1972) genau zur Charakterisierung dieser »himmlischen Welt« der Kommunikation zu verwenden. Gegen Habermas wurde von Negt und Kluge deutlich gemacht, dass die Idee bürgerlicher Öffentlichkeit selbst so sehr ein hegemoniales Klassenprojekt gewesen ist, um (koloniale) Ausbeutungsbeziehungen des entstehenden Bürgertums abzusichern (vgl. Negt und Kluge 1972, 33, 102–106), dass sie sich nicht eignet, um als Ideal den empirisch vorfindbaren Öffentlichkeiten kritisch gegenübergestellt zu werden. Bürgerliche Öffentlichkeit zeichnet sich dadurch aus, dass in ihr »der Hauptkampf gegen alle Besonderheiten geführt werden muß« (ebd., 31). In ihr wird von allen sozio-ökonomischen Unterschieden der Menschen abstrahiert, ausgebeutete Arbeiter*innen wie ausbeutende Kapitalist*innen kommen hier gleichermaßen als freie und gleiche Privatpersonen vor. Diese Einebnung von wirklichen Unterschieden hat zur Folge, dass sich unmittelbar aus den gemachten Erfahrungen ­ergebende politische Impulse, die auf den unteren Ebenen der Öffentlichkeit noch organisierend wirken, hier keinen Raum bekommen. Das »Über-alle-Situationen-hinweg-abstrakt-Reden« (ebd., 91) wird vom Handeln, das durch Erfahrungen informiert ist, abgetrennt. Bürgerliche Öffentlichkeit zwingt die Erfahrungen in die Abstraktheit und suggeriert Allgemeinheit, wo diese in der gesellschaftlichen Wirklichkeit fehlt. Dadurch wirkt sie konservierend zu Gunsten derer, die vom Status quo (überproportional) profitieren.

Ideologische Apparate der Medien und der Kommunikation bzw. die Massenmedien repräsentieren bürgerliche Öffentlichkeit in unterschiedlichem Maße. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in seinen Hauptformaten, wie etwa den reichweitenstarken Meinungs- und Informationssendungen, beansprucht z. B. in der BRD für sich, »bürgerliche Öffentlichkeit« besser zu repräsentieren als dies z. B. Springer-Medien tun. Die bürgerliche Öffentlichkeit kann allerdings an ihren medialen Repräsentant*innen vorbei von unteren Ebenen der Öffentlichkeit bzw. antagonistischen Medien angerufen werden. Und zwar sowohl von den beherrschten Gruppen (im Sinne eines linken Populismus) als auch im Interesse der herrschaftlichen Absicherung antagonistischer Verhältnisse, die meint, zunehmend auf die in den Massenmedien verdichtete Kompromissbildung zwischen Interessen verzichten zu können (im Sinn eines autoritären Populismus). Populistische Momente ergeben sich immer dann, wenn Hegemonie im großen Stil neu verhandelt wird (vgl. z. B. Hall 2014a). Ziel der Populist*innen ist es jeweils, die Werte bürgerlicher Öffentlichkeit, also die kommunikative Repräsentation des Gemeinwesens, ohne Umweg über bestehende Kompromissbildung anzurufen und so im Falle einer hegemonialen Strategie neue Kompromissbildungen und Verdichtungen zu etablieren, wodurch gesellschaftliche Kräfteverhältnisse verschoben werden.10

Darüber hinaus sollte aber nicht vergessen werden, dass öffentliche Hegemonie immer mit Zwang abgesichert wird. Hegemoniale Prozesse werden durch direkte und indirekte Formen der Zensur aus dem Block an der Macht in den exekutiven Organen des Staates z. B. mittels Verboten von Medien, Berufsverbote bzw. Entlassungen von Intellektuellen und Journalist*innen, staatliche Einflussnahme auf Veröffentlichungen, repressiver Druck auf den Quellenschutz usw. abgesichert.

So kann abschließend auch auf Grenzen der Theorie ideologischer Öffentlichkeit reflektiert werden. Ihr geht es nicht zuerst um den Ausschluss von Erfahrungen und Interessen aus der Öffentlichkeit und nur in einem sehr weiten Verständnis, um die Analyse »systematisch verzerrter Kommunikationsbedingungen« (vgl. Biskamp in diesem Band) – nämlich, wenn unter Kommunikationsbedingungen die gesamte gesellschaftliche Anlage des öffentlichen Kommunikationsprozess gemeint ist. Es geht vielmehr um ein Verständnis der (selektiven) Aufnahme von Interessen und die ideologische Organisation von Erfahrung, die Zustimmung zu Herrschaftsverhältnissen bewirkt. Damit geht es ihr auch nicht zuerst um die Kritik von Propaganda, also Täuschungs- und Manipulationsstrategien (vgl. Zollmann in diesem Band) antagonistischer Medien oder der Massenmedien. Wenngleich diese als Strategien antagonistischer Medien eine wichtige Rolle für hegemoniale Verallgemeinerungsprozesse oder als Indikator einer Verschiebung von Konsens in Richtung Zwang auch in den Massenmedien, etwa in Zeiten des Umbruchs spielen können.

Ideologietheoretische Begriffe

Öffentlichkeitstheoretische Anwendung

Hegemonie

Öffentliche Meinung

Alltagsverstand

Erfahrung

Gesellschaftliche Gruppen und Klassen

Antagonistische Medien

Intellektuelle

Journalist*innen und Publizist*innen

Organische Intellektuelle

Journalist*innen und PR-Agent*innen

Traditionelle Intellektuelle

Etablierte Journalist*innen und Herausgeber*innen, Chefredakteure, Intendant*innen

Ideologische Werte

Bürgerliche Öffentlichkeit

Ideologische Apparate

Massenmedien (Ideologische Apparate der Medien und der Kommunikation)

Vergesellschaftungs­kompetenzen

Informationelle Bedürfnisse und kommunikative Problemlösungskompetenzen

Horizontale Selbstvergesellschaftung

Emanzipatorische Öffentlichkeiten: Rekonstruktion des gesellschaftlichen Zusammenhangs; Gewinn von Handlungsfähigkeit in verallgemeinerter Perspektive; Erfahrungswachstum

Tab. 1: Ideologietheoretische Begriffe und ihre öffentlichkeitstheoretische Anwendung.

Die Theorie ideologischer Öffentlichkeiten verhält sich komplementär und kompatibel zu diesen wichtigen Kritiken von Öffentlichkeit. Für Gramsci ist Hegemonie immer »gepanzert mit Zwang« (Gramsci 1991ff., 783), d. h. hegemoniale Mechanismen mischen sich real mit anderen Formen von Herrschaft, die mehr auf Zwang, Dominanz, Täuschung und Manipulation beruhen. Die Theorie ideologischer Öffentlichkeit ist selbst zu historisieren, es ist zu reflektieren, welche und wie große Teile der Bevölkerung hegemonial, also mittels Zustimmung herrschaftlich integriert werden. Die selektive und hierarchisierende Aufnahme von Erfahrungen ist immer begleitet vom Ausschluss anderer Erfahrungen aus der Öffentlichkeit und Nicht-Repräsentanz. Zudem sind »mögliche Ungleichzeitigkeiten zwischen kulturellen, politischen und ökonomischen Momenten der Hegemonie« (Martin und Wissel 2015, 224) zu berücksichtigen. Dies kann z. B. bedeuten, dass der Bereich öffentlicher (Massen-)Kommunikation noch weitgehend hegemonial funktioniert, während in den politischen und ökonomischen Bereichen und ihren (defizitären) Öffentlichkeiten Herrschaft mit weit weniger Zustimmung und Konsens etabliert wird. Aber auch die ideologischen Apparate der Medien und der Kommunikation haben politische und ökonomische Voraussetzungen, die mehr oder weniger hegemonial organisiert sein können. Auch hier, gleichsam aus der Innenperspektive einer Krise des Mediensystems betrachtet, können sich Ungleichzeitigkeiten einstellen und z. B. wenig konsensuelle Ausbildungs-, Rekrutierungs- und Organisationsstrukturen in den Massenmedien mit ihrem außenpluralistischen Anspruch breiterer Teile der Bevölkerung in der Berichterstattung zu repräsentieren in Widerspruch geraten.

8 Öffentlichkeiten im Vergesellschaftungsprozess

Die Theorie der ideologischen Öffentlichkeiten, die hier skizziert wurde, gewinnt ihren kritischen Stachel vor dem Hintergrund der Selbstvergesellschaftungskompetenzen der Menschen als Gegenpart zur ideologischen Fremdvergesellschaftung. Was ist darunter aus öffentlichkeitstheoretischer Perspektive zu verstehen? Bevor diese Frage im abschließenden Abschnitt aufgegriffen werden kann, muss zunächst die generelle Notwendigkeit von Öffentlichkeit für Vergesellschaftungsprozesse, seien sie heteronom oder autonom, betont werden.

Die Bildung von und Teilnahme an Öffentlichkeiten beruht auf der motivationalen Basis informationeller Bedürfnisse, die sich in der Menschwerdung herausbilden (vgl. Sevignani 2019): Anders als etwa einfache Organismen sind Menschen mit dem Entstehen von Gesellschaften nur noch mittelbar mit ihren Reproduktionserfordernissen verbunden. Es entstehen individuelle Freiräume, die die Voraussetzungen für eine handlungsfähige, reflexive, bewusste Subjektivität sind. Subjekte befinden sich in einer Möglichkeitsbeziehung zur Welt und können sich zu den gesellschaftlichen Bedingungen verhalten. Zwischen Bedingung und Handeln schiebt sich das subjektive Bedeuten und Begründen. Zu den Bedingungen des Handelns gehören auch gesellschaftliche Bedeutungsstrukturen und die wiederum können ideologische Angebote der Kompetenzaufgabe und Kompromissbildung sein. Es geht für eine so konturierte subjektwissenschaftlich fundierte Öffentlichkeitstheorie um die Aufklärung je spezifischer Bedingungs-Bedeutungs-Prämissen-Gründe-Zusammenhänge. Nur so ist zu erfahren, warum es subjektiv funktional ist, Kompetenzen an ideologische Instanzen abzugeben. Dabei sind Gründe immer aus der Perspektive erster Person zu verstehen. Sie können nur vom Standpunkt des Subjekts formuliert werden (je meine Gründe, in je meiner Situation). Wenn von außen behauptet wird, jemand andere handle irrational, dann hat derjenige, der das Verdikt äußert, sich nicht die Mühe gemacht, mit dem Betroffenen zu sprechen und dessen Prämissen-Gründe-Zusammenhang nachzuvollziehen; das heißt allerdings nicht, dass das Gegenüber den nachvollzogenen Zusammenhang teilen und übernehmen muss (vgl. Markard 2000).

Öffentlichkeiten werden erstmals nötig als Orte, wo der gesellschaftliche Zusammenhang und damit die eigene Position im gesellschaftlichen Gefüge rekonstruiert werden muss und für die Individuen nicht mehr unmittelbar einsichtig ist. In der Öffentlichkeit wird aber kein direkter Zugang zum Verstehen gesellschaftlicher Bedingungen eröffnet. Vielmehr treffen Subjekte mit unterschiedlichen Begründungen eigenen Handelns unter je unterschiedlich wahrgenommenen, aber dennoch objektiv gegebenen Bedingungen aufeinander. In Öffentlichkeiten kann ausgehend von den Begründungen der Subjekte, so oder so zu handeln, über die Explikation ihrer Prämissen (also den Bedeutungen der Bedingungen, die jeweils für das eigene Handeln aktualisiert werden) Verständigung im Sinne eines »metasubjektiven Standpunkt« (vgl. Holzkamp 1996) erreicht werden. Ein solcher Standpunkt ist perspektivisch möglich, weil die Menschen voneinander abhängen und unter verbindenden gesellschaftlichen Verhältnissen leben. Die subjektiven Möglichkeitsräume stehen nicht beziehungslos nebeneinander, sondern sind unterschiedliche Ausschnitte gesellschaftlicher Handlungsmöglichkeiten. Die Möglichkeitsverallgemeinerung besteht nun darin, die eigenen Handlungsmöglichkeiten als Fall von typischen Handlungsmöglichkeiten zu erkennen. Also Gemeinsamkeiten in den Möglichkeiten zu erkennen, die die Gesellschaft etwa für Frauen, Migrant*innen, und Lohnarbeiter*innen bietet oder ihnen verwehrt.

Diese Notwendigkeit für Öffentlichkeiten, die gleichzeitig aber auch die deren motivationale Grundlage bildet, verschärfen sich noch einmal in modernen kapitalistischen Gesellschaften. Denn diese zeichnen sich durch eine »blinde« und unbewusste Vergesellschaftung über den Warentausch aus. Öffentlichkeit ist hier »die einzige Ausdrucksform, welche die über den Produktionsprozess lediglich ›privat‹ zusammengefügten Gesellschaftsglieder durch Zusammenfassung ihrer entfalteten gesellschaftlichen Eigenschaften miteinander verbindet« (Negt und Kluge 1972, 19).

9 Emanzipatorische Öffentlichkeiten und die Perspektive horizontaler Selbstvergesellschaftung