Idiotentest - Tom Liehr - E-Book

Idiotentest E-Book

Tom Liehr

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Beschreibung

Ein rasend komischer Roman über die Liebe und junge Helden, die nicht erwachsen werden wollen. Henry Hinze fährt Taxi und lebt in einer WG mit dem Musikjournalisten Walter und dem Computerfrickler Gonzo. Der Mittelpunkt ihres Lebens ist jedoch eine behagliche Kneipe im Erdgeschoß ihres Neuköllner Hauses. Hier trifft sich allabendlich eine Handvoll skurriler Typen bei alten Hits und Faßbier. Als Henry eines Morgens verkatert erwacht, traut er seinen Augen kaum: Andrea, die allseits angehimmelte Tresenfrau aus dem "Wohnzimmer", hat bei ihm übernachtet. Was genau geschehen ist, daran kann er sich nicht erinnern. In Henrys Umfeld aber ist man zunächst wenig begeistert... "Ein Autor, der zum Kult werden wird und den man in einem Atemzug mit Nick Hornby nennen kann." Radio afk.

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Seitenzahl: 286

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Tom Liehr

Idiotentest

Roman

Impressum

ISBN E-Pub 978-3-8412-0235-2ISBN PDF 978-3-8412-2235-0ISBN Printausgabe 978-3-7466-2183-8

Aufbau Digital,veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, 2010© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, BerlinDie Erstausgabe erschien 2005 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke derAufbau Verlag GmbH & Co. KGCopyright © 2005 by Tom Liehr

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Mediabureau Di Stefano, Berlinunter Verwendung eines Fotos von davies&starr, getty images

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

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Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Impressum

Inhaltsübersicht

Prolog: Kinderschokolade

1. Fernbedienung

2. Behindertenparkplätze

3. Politesse

4. Dreißig Biere

5. Gemälde

6. Askie

7. Virus

8. Orakel

9. Taxi

10. Bedenkzeit

11. Kumpelli

12. Knebelvertrag

13. Strafzettel

14. Schweißmann

15. Pinneberg

16. Square Dance

17. Feste Freundin

18. Mahnschreiben

19. Bauchtrainer

20. Fifo

21. Überfall

22. Schnitzel

23. Asül

24. Verdächtig

25. Duftmarken

26. Blaulicht

27. Polen

28. Hotel

29. Würgeengel

30. Hölle

31. Tempotücher

32. Zwei Komma sieben

33. Pilze

34. Chor

35. Geschäftspartner

36. Amputation

37. Bruttoregistertonnen

38. Prozeß

39. Testament

Epilog: Idiotentest

Credits

Idiot: Von griechisch idiótis, Privatmann, einfacher Mensch. In der griechischen Antike ein Mensch, der sich weigerte, politisch aktiv zu werden.

Everybody knows what’s goin wrong with the world

But I don’t even know what’s goin on in myself.

Matt Johnson, »Slow Emotion Replay«

Für Markus H. Kringel

Prolog: Kinderschokolade

Vor fast dreißig Jahren

Mutter nannte mich Henni. Notwendig war die Verniedlichung meines Namens nicht; sie tat es trotzdem.

»Henni«, rief sie. »Henni, komm mal her!«

»Ja, Mama.« Ich legte den letzten weißen Sechser-Legostein auf seinen Stapel – von weißen Sechsern gab es nie genug, ich wollte eine Burg bauen – und stiefelte in die Küche. Meine Mutter war immer in der Küche.

»Henni, du mußt einkaufen gehen. Meine Beraterin kommt gleich, ich kann nicht aus dem Haus. Kriegst du das hin.«

Obwohl meine Mutter alle Fragen grundsätzlich wie Feststellungen aussprach, also kein Fragezeichen benutzte, nickte ich. Klar. Immerhin war ich schon sechs, fast sieben. Es war nicht das erste Mal, daß ich einkaufen gehen sollte. Der Butter-Beck-Laden befand sich an der Ecke zur großen Straße, die ich um Himmels willen niemals alleine überqueren durfte. Kurz nach dem Eingang kam der Obststand, dann die Wursttheke, unmittelbar dahinter die Regale mit den Süßigkeiten. Damals hatte die Kinderschokolade noch keine »Milchkammern«, sondern bestand aus zwei Quadern, auf die kleine Krönchen geprägt waren. Und schmeckte besser. Eigentlich gab es für mich nichts, das besser schmeckte. Aber für den albern grinsenden Jungen auf der Packung schämte ich mich ein bißchen.

Meine Mutter kramte in ihrem Portemonnaie.

»Wir brauchen Brot, Zucker und Maggi. Ein Kastenbrot, hörst du, Henni. Kein Toast-, ein Kastenbrot.«

Ich nickte wieder.

»Mmh. Ich habe nur noch einen Fünfzig-Mark-Schein.«

Sie zog den riesigen braunen Lappen aus der Geldbörse. Kramte weiter im Kleingeldfach. Nie zuvor hatte ich einen Geldschein in Händen gehabt, geschweige denn so eine irrsinnige Summe. Wie viele Packungen Kinderschokolade man davon wohl kaufen konnte? Sicher über tausend. Tausend war die größte Zahl von allen.

»Wart mal!«

Sie ging ins Schlafzimmer. Auf dem Küchentisch lag ihr Portemonnaie, daneben der Fünfziger. Ich berührte ihn erst vorsichtig mit dem Zeigefinger, nahm den Schein schließlich in die Hand. Fühlte sich an wie die Seiten der Micky Maus. Nur ein bißchen fester, gleichzeitig irgendwie weicher. Ich legte ihn wieder zurück, genau so, wie er dagelegen hatte. Wann immer ich etwas anfaßte, von dem ich mir nicht sicher war, daß meine Eltern es auch erlaubten, merkte ich mir die Position ganz genau. Das Risiko war zu groß.

»Henni, du mußt den Fünfziger nehmen«, sagte sie, als sie wieder in die Küche kam. »Achte gut auf das Wechselgeld! Laß dir einen Kassenbon geben! Hier, du nimmst den Brustbeutel!«

Das mit dem Brustbeutel war kompliziert. Ich trug nämlich Lederhosen, krachlederne kurze Hosen mit Trägern und einem Hirschgeweih auf dem Latz. Der Hosenstall ließ sich aufknöpfen und nach vorne klappen. Das war sehr fummelig, weil ich meinen Schnippedillrich, wie Mutter ihn nannte, dann auch noch rechts aus dem Laden meiner Feinripp-Unterhose zerren mußte, und ein-, zweimal waren mir ein paar Tropfen in die Hose gelaufen, weil ich das blöde Ding nicht rechtzeitig aufgekriegt hatte. Dadurch glänzte der Rand des Hosenstalls ein bißchen. Ich fand die Lederhosen und überhaupt kurze Hosen schon damals doof, mußte sie aber den ganzen Sommer über tragen, hauptsächlich natürlich, wenn wir im Allgäu waren, auf dem Bauernhof, der einer Tante gehörte und auf dem wir immer Urlaub machten. Später zog ich keine kurzen Hosen mehr an, nie wieder. Männer sollten so etwas grundsätzlich nicht tragen.

Mutter knöpfte die Hosenträger auf, dann mein kurzärmeliges, weißes Hemd und hängte mir den kleinen hellbraunen Wildlederbrustbeutel um. Sie betrachtete ihn skeptisch. Die Paketschnur, an der er hing, kratzte mich im Nacken. Das Kratzen verstärkte sich, als meine Mutter die Schnur löste, einen komplizierten Knoten um den Aufhänger im Kragen meines Hemdes machte und sie vorne wieder an den Beutel band. Jetzt hatte ich eine Paketschnurwulst im Nacken.

»Sicher ist sicher«, sagte sie. Und: »Brot, Zucker und Maggi, hörst du.«

Ich nickte abermals. Sie leckte über die drei mittleren Finger ihrer rechten Hand und strich mir über das Haar. Ich haßte das; ich haßte den süßlich-faulig-rauchigen Geruch ihrer Spucke und das klebrige Gefühl auf der Stirn. Aber ich wagte es nie, etwas zu sagen oder gar das Gesicht wegzuziehen.

»Wenn du das Geld verlierst, ist Polen offen.«

Ich nickte, natürlich.

Es war der Frühsommer 1972, das Jahr der Olympischen Spiele in München. Wir lebten in einem sechsstöckigen Mietshaus am Ende einer kleinen Straße, in der sonst Doppelhäuser standen, große Zweifamilienhäuser, die in der Mitte getrennt und in Hellgelb oder Rosa angestrichen waren. In diesen Häusern lebten Helmut, Siggi und Werner, meine Freunde. In unserem Mietshaus hatte ich keine Freunde. Da wohnten nur alte Leute und kinderlose Paare. Wir waren die einzigen Kinder, Kinder einer kinderreichen Familie: Ein Sohn und fünf Töchter. »Asoziale«, sagte der komische alte Mann von gegenüber, der seine Wohnung mit Tageszeitungen vollstopfte. Wie recht er hatte, begriff ich erst viel später.

Der Weg zu Butter-Beck war nicht weit, vielleicht siebzig Meter. Am Straßenrand wuchsen junge Kastanien, neben einer davon stand der eierschalenfarbene Ford 17M meiner Eltern, dem Vater vor zwei Wochen eine Beule in den Kotflügel gefahren hatte – seitdem sprachen meine Eltern nicht mehr miteinander. Die Beule hatte die Form eines auf der Seite liegenden Herzens, und das schmale Ende ging in einen Riß über, durch den man bis in den Radkasten sehen konnte.

Im Zweierrhythmus hüpfte ich über die Gehwegplatten und versuchte zu pfeifen. Es klang dünn, man hörte die Luft, aber selten einen Pfeiflaut. An das schrille, laute, durchdringende Pfeifen, das Werner hören ließ, zwei Finger von jeder Hand in die Mundwinkel geschoben, daran war im Traum nicht zu denken. Monika, meine älteste Schwester, sagte: »Henry, du bist jämmerlich«, wenn sie mich hörte. Und meine Mutter nickte, wenn sie das mitbekam. Sie ergänzte es sogar: »Und peinlich.« Sie hatte ein gutes Gefühl für Peinlichkeiten, für öffentliche Demütigungen. Zwei Jahre zuvor hatte ich – zum ersten Mal seit meiner Säuglingszeit, zum letzten Mal in meinem Leben – ins Bett gepinkelt, weil meine Eltern laut stritten und sich mit Dingen bewarfen, weshalb ich nicht wagte, aufs Klo zu gehen, mit drückender Blase einschlief und wenig später in einer feuchtwarmen Lache erwachte. Mutter schrieb »Bettnässer« auf ein Stück Pappe und klebte es mir mit Tesaband auf den Rücken. Fast eine Woche lang mußte ich das Schild tragen. Es schmerzte viel mehr als die Dresche meines Vaters, die ich darüber hinaus bekommen hatte.

Bei Butter-Beck war kaum Betrieb. Als ich die Tür aufdrückte, knatterte der Käfer der AVON-Beraterin hinter mir vorbei. Das Signal dafür, daß meine Mutter für Stunden beschäftigt sein würde. Nachdem ich den kühlen Laden betreten hatte, begann ich »Brot, Zucker, Maggi« vor mich hin zu flüstern. Ich legte ein Kastenbrot, eine Kilopackung Streuzucker und eine große Flasche Maggi in meinen Einkaufskorb. Manchmal trank ich heimlich ein paar Schlucke der salzigen, würzigen Flüssigkeit, kippte mir etwas auf die Hand und schleckte es ab.

Dann stellte ich mich eine kleine Weile vor das Regal, in dem sehr viele Packungen Kinderschokolade lagen, gestapelt in drei Kisten. Ich träumte davon, sie alle zu kaufen, überhaupt nie wieder im Leben etwas anderes zu mir zu nehmen außer gelegentlich mal eine Handfläche voll Maggi. Ich strich mit der Hand über eine Schachtel. Einmal eine ganze Packung für mich allein zu haben, das wäre traumhaft gewesen. Wir mußten teilen, alles, und es gab selten mehr als einen Riegel für mich. Zehn waren in jeder Packung. Daß sich zehn nicht durch sechs teilen ließ, das hatte ich schon lange vor meiner ersten Mathestunde gewußt.

An der Kasse saß eine Frau, die ich noch nie gesehen hatte. Sie trug einen hohen Dutt und einen sehr großen goldenen Ring am Mittelfinger.

»Na, Kleiner.«

»Guten Tag.«

Ich schob meine Hand unter den Latz der Lederhose und knüpperte einen Knopf meines Hemdes auf. Dann tastete ich auf meiner Brust herum. Aber ich fand nur eine Paketschnur, deren Enden lose um meinen Hals hingen. Wo die Knoten gewesen waren, wellte sich die rauhe Schnur. Im Nacken war noch deutlich die dicke Wulst zu spüren.

»Alles in Ordnung?« fragte die Verkäuferin.

Jetzt ist Polen offen, dachte ich. Ohne auf die Verkäuferin zu achten, knöpfte ich meinen Hosenlatz auf, das ganze Hemd, sogar die obersten zwei Knöpfe der Klappe, schob meine Hand vorne und hinten in die Hose. Aber da war kein Brustbeutel mehr. Ich rannte zurück, durch den Laden, folgte genau dem Weg, den ich gekommen war, Hemd und Hose immer noch offen, durch die Tür, im Zick-Zack bis zum Haus, die Treppe hoch, in den fünften Stock und bis vor unsere Wohnungstür. Dann zurück und wieder von vorn. Siebenmal.

Aber ich fand den Brustbeutel nicht. Ich ging den Weg gebückt, kniete mich neben jedes Auto, auch unseren 17M – Vater arbeitete als Busfahrer für die BVG und benutzte das Auto nur am Wochenende. Ich schielte in die beiden Gullydeckel. In die Vorgärten der Zweifamilienhäuser. Die fünfzig Mark blieben verschwunden. Wir würden verarmen, dachte ich. Nie wieder etwas essen. Geschweige denn neue Legosteine kaufen, die sowieso viel zu teuer waren, wie meine Mutter behauptete – sie versuchte ab und zu, mir die billigen Nachahmungen unterzujubeln, aber die Steine hielten einfach nicht aufeinander.

Mein Vater würde mir die Seele aus dem Leib prügeln. Das hätte er auch schon bei einer Mark getan, bei zwanzig Pfennig, einem Groschen, einem Sechser, wie das Fünfpfennigstück aus mir unerfindlichen Gründen genannt wurde.

»Was machst du denn hier?« fragte plötzlich Monika. Sie stand neben mir, ich kniete vor einem Mercedes und sah unter die Räder.

Jetzt ist Polen offen, dachte ich wieder und brach endlich in Tränen aus. Ich wußte nicht, wer oder was Polen war, aber wenn er oder es offen war, dann gnade einem Gott! Das war der zweite unheilverkündende Spruch meiner Mutter. Wenn sie das sagte, konnte man die Hose schon mal runterlassen.

Monika zog mich an den Haaren hoch. Sie zog mich immer an den Haaren, vor allem, wenn niemand hinsah. Monika war eine brutale große Schwester. Sie liebte es, mich mit einem nassen Geschirrtuch zu schlagen, in dessen Ende sie einen Knoten gemacht hatte.

»Ich hab … ich hab …«, heulte ich.

»Du solltest einkaufen gehen, nicht spielen«, erklärte Monika und zog ein bißchen fester, aber das merkte ich kaum.

»Fünfzig Mark«, antwortete ich, blinzelte, weil meine Augen tränennaß waren. Ich hielt ihr ein Ende der Paketschnur entgegen, das ich die ganze Zeit mit der rechten Hand umklammert hatte.

Meine Mutter wartete, bis die AVON-Beraterin aus dem Haus war. Sie konnte nichts kaufen, weil ich ihr Haushaltsgeld verloren hatte. Dann verpaßte sie mir zwei Backpfeifen, so kräftig, das es noch eine halbe Stunde später brannte. Aber das war nur die Ouvertüre, eine sanfte Vorahnung dessen, was auf mich zukam.

»Warte, bis Papa heimkommt«, sagte sie, zornrot angelaufen. Ich wurde in die Besenkammer gesperrt. Dann, Stunden später nach meinem Gefühl, aber dennoch viel zu schnell, hörte ich, wie mein Vater nach Hause kam, wie meine Mutter wieder mit ihm sprach, laut, hysterisch – weil ich etwas getan hatte, das schlimmer war als die Beule im fast neuen Ford. Die Tür der Besenkammer wurde aufgerissen. Ich zitterte und weinte.

»Ich werde dich lehren, auf unser Geld zu achten«, schrie mein Vater, so laut, daß es bis unten zu hören gewesen sein mußte. An der Schulter zog er mich ans Licht. In der rechten Hand hielt er den Teppichklopfer aus hartem Rohrgeflecht, mit einem Aluminiumstöpsel am Ende des Stiels, durch den die Schnur zum Aufhängen ging: Auch eine Paketschnur. Ich hielt die Schnur vom Brustbeutel noch immer mit der Hand fest. Mutter knöpfte meine Hosen auf. Sie weinte vor Wut. Ich weinte auch, immer noch und immer mehr, sagte aber keinen Ton. Es war sinnlos. Er prügelte mich vielleicht fünf Minuten lang, natürlich mit dem Stiel des Teppichklopfers und nicht mit der zu einem Kleeblattmuster geflochtenen Seite. Er schlug auf meinen Hintern, meine Oberschenkel, meinen Rücken.

»Dich werde ich lehren, auf Geld zu achten«, keuchte er dabei wieder und wieder, immer leiser werdend. Ich nahm es wahr, ich nahm wahr, daß er schwitzte vor Wut und Anstrengung. Und noch etwas anderes schwang mit, etwas, für das ich damals keine Worte, keine Erklärung hatte: Genugtuung. Und Lust.

So hatte er mich noch nie geschlagen. Mutter sagte: »Du verantwortungsloses, schlimmes Kind.« Aber sie versuchte nicht, ihn zu hindern, schaute nur zu, wie mir bald das Blut über die Oberschenkel rann.

Als er fertig war, ließ er erschöpft den Teppichklopfer fallen, sagte leise, aber bestimmt: »Dich werde ich Verantwortung lehren.« Ich bekam zusätzlich Stubenarrest, Fernsehverbot, Radioverbot. Und wochenlang keinen Nachtisch mehr. Von Kinderschokolade ganz zu schweigen. Ich durfte meinen Schwestern zusehen, wie sie genüßlich die Riegel auswickelten, in der Mitte brachen und schmatzend im Mund zergehen ließen – mit lustvoll-bösartigen Blicken, die auf mich gerichtet waren.

Am Morgen danach fand ich den Beutel unter dem Küchentisch. Ich nahm den Fünfziger heraus und versteckte ihn in meiner Legokiste, zwischen zwei breiten Grundplatten, die sich zusammenstecken ließen, ohne den Schein zu beschädigen. Als wir alle beim Frühstück saßen, ließ ich absichtlich mein Buttermesser fallen.

»Mama, guck mal«, sagte ich und hielt den Brustbeutel hoch.

Mutter war gerade dabei, meinem Vater Kaffee einzuschenken. Sie stellte die Kanne ab und feuerte mir eine. »Wie kannst du mich so erschrecken!« rief sie. Dann riß sie mir das Wildlederding aus der Hand.

»Wer hat das Geld!« brüllte sie in die Runde, ohne Fragezeichen; eine Feststellung – irgendeiner mußte das Geld ja haben. Sie sah mich nicht an; soviel Kaltschnäuzigkeit traute sie mir nicht zu, daß ich den Fünfziger nehmen und den leeren Beutel präsentieren würde. Meine Schwestern bekamen zwei Wochen Stubenarrest, alle zusammen – meine Strafe blieb bestehen. Mutter durchsuchte ihre Zimmer, auch meines, aber den Schein fand sie nicht.

Von dem Geld kaufte ich mir heimlich einmal pro Woche eine Packung Kinderschokolade, es waren letztendlich zwar keine tausend, aber es reichte fast ein ganzes Jahr. Ich hatte richtig gehandelt, glaubte ich. Die Prügel hätten sie nicht mehr zurücknehmen können. Und in den Augen meiner Mutter war ich ohnehin an der Sache schuld, so oder so.

Die erste Packung, die ich kaufte, an einem Kiosk, wo man mich nicht kannte, trug ich beidhändig wie eine Trophäe vor mir her. Ich entschied mich für mein Lieblingsversteck, eine große Trauerweide am Rand eines staubigen Platzes, etwa halb so groß wie ein Fußballfeld und eine Querstraße von unserer entfernt. Dort lagerten fast immer Zigeuner, weshalb es mir unter Strafe verboten war, auch nur in die Nähe dieser Stelle zu kommen. Diebe und Menschenräuber, sagte meine Mutter. Sie behauptete, daß sie Kinder (und natürlich alles, was nicht niet- und nagelfest war) stahlen und in Teppiche einrollten, um sie an schwarze Männer zu verkaufen. Was die schwarzen Männer mit den Kindern taten, das sagte sie nicht.

Tatsächlich gab es viele bunte Teppiche, die über Klopfstangen hingen, und es gab Kinder, ausgesprochen fröhliche, schwarzhaarige Kinder, die schrien und spielten, mit den Erwachsenen scherzten, für ihre selbstgebastelten Stoffpuppen Burgen bauten und manchmal seltsame, fremdsprachige Lieder sangen. Ich saß unter meinem Baum, beobachtete die Zigeuner, futterte Kinderschokolade und dachte daran, mich freiwillig in einen Teppich einwickeln zu lassen, um auf einem staubigen Platz irgendwo in der Welt spielen, singen und Zigeuner sein zu dürfen. Schwarze Männer sah ich nicht, nur schwarzhaarige, die vor den Wohnwagen saßen, Zigaretten rauchten und den Kindern lächelnd zuschauten. Sie sahen nicht aus wie Diebe.

Meine Eltern schickten mich erst wieder einkaufen, als ich fast zehn war – drei Jahre später. Ich nahm das Geld in die Hand und hielt es umklammert, aber nur, um keine Prügel zu bekommen: Seinen Wert hatte es für mich verloren. Es war bedeutungslos, unwichtig, weil es meinen Eltern so viel bedeutete – so viel mehr als ich. Vielleicht hätte mich mein dünner, schwitzender Vater sogar totgeprügelt, wäre ihm die Luft nicht ausgegangen. Er tat es bei Miriam, meiner kleinsten Schwester, als man sie beim Klauen erwischte. Sie stahl einen Lippenstift bei Woolworth, mit zwölf, da war ich dreizehn. Vater kam ins Gefängnis, ich sah ihn nie wieder, er starb im Knast an Prostatakrebs. Zwei Jahre später sagte Mutter zum letzten Mal Henni zu mir.

»Henni, geh mal Zigaretten holen«, befahl sie, auf dem staubigen Sofa liegend, in einer Qualmwolke, vor dem ewig flimmernden Fernseher und der halbleeren Flasche Mariacron. In der Küche war sie nur noch selten. »Lord Extra, vier Packungen.«

»Ich heiße Henry.«

»Du bist doch mein Henni.«

»Weißt du eigentlich, wie alt ich bin?«

Sie starrte mich an, hielt die qualmende Zigarette in der linken Hand, zwischen dem kleinen und dem Ringfinger, auf ganz seltsame Art, zittrig und schwach. Ihre Nägel waren unlackiert und brüchig; die AVON-Beraterin kam schon lange nicht mehr.

»Wenn du mich noch ein einziges Mal Henni nennst, bin ich weg. Dann kannst du sehen, wie du ohne Kindergeld und Halbwaisenrente deine Scheiß-Zigaretten bezahlst.«

Sie stutzte kurz. Und sagte dann:

»Henry, gehst du mir bitte Zigaretten holen?«

Als ich zur Tür schlurfte, hörte ich sie weinen. Es berührte mich nicht. Schließlich war ich ein verantwortungsloses, schlimmes Kind.

Meine Mutter. 1974 war ihr größtes Jahr, das einzige, in dem sie richtig lebte, schließlich verhinderten wir, ihre Bagage, ihre Brut, daß sie neben der vielen, vielen Arbeit, die größtenteils meine Schwestern und ich zu erledigen hatten, etwas von ihrer Zeit genießen konnte.

Sie wurden Kandidatinnen bei Am laufenden Band, der Straßenfeger-Quizsendung mit Rudi Carell – meine große Schwester Monika und sie. Mutter kam tatsächlich ins Finale der Show, die sie liebte, des Showmasters, den sie vergötterte; sie saß auf dem roten Sessel hinter dem Laufband, auf dem Toaster, Vasen, Transistorradios und Sonnenschirme an ihr vorbeizogen. Sie hatte ein fantastisches Gedächtnis für Gegenstände, konnte nach einem Besuch bei Nachbarn, Verwandten und Bekannten bis ins Detail schildern, was auf welcher Kommode, auf welchem Sideboard gestanden hatte. So auch hier: Sie war die einzige Kandidatin, die jemals alle Gegenstände nannte, die über das Laufband fuhren. Nur eines vergaß sie, ebenfalls als einzige.

Das Fragezeichen.

1. Fernbedienung

Heute

Dieses Erwachen war ein seltsamer Vorgang. Ich spürte, daß ich nicht mehr schlief. Einige körperliche Signale wiesen zwar darauf hin, meine Gedankenwelt aber schien einem ganz eigenen Paradigma zu gehorchen. Ich sah Andrea vor mir, nackt, lächelnd. Andrea hatte ich noch nie nackt gesehen. Das meinte ich ganz sicher zu wissen. Und feuchte Träume waren mir fremd. Mit geschlossenen Augen tastete ich nach der Fernbedienung für den Fernseher. Die Koordination klappte nur unzulänglich, ich war fahrig und kraftlos; einige Dinge, die auf meinem Nachttisch standen, polterten zu Boden. Trotzdem öffnete ich die Augen nicht. Die Tastreise ging weiter über den Fußboden rechts neben dem Bett. Ich griff in etwas Glitschiges, ein paar CD-Hüllen klapperten. Da war sie, handlich, zigarettenschachtelgroß, aus glattem Plastik. Fünf Knöpfe: Ein/Aus, Programm vor, Programm zurück, lauter, leiser. Ich hatte das Fernsehgerät danach ausgewählt. Es gibt Fernbedienungen, die gleichen den Schaltpulten in der NASA-Kommandozentrale, beidseitig mit Tasten bedeckt und einem erweiterten Tastenfeld in einer Schublade, plus Display, Barcodeleser und eingebauter Kaffeemaschine. Tatsächlich. Dabei braucht man nicht mehr als Ein/Aus, lauter, leiser, Programm vor, Programm zurück. So eine richtig gute, handschmeichelnde Zapperfernbedienung, die auch nicht weggelegt werden muß, wenn man mit der gleichen Hand eine Zigarette oder sogar ein Bier halten will.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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