Ihr letzter Tanz - Susan Abulhawa - E-Book
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Ihr letzter Tanz E-Book

Susan Abulhawa

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Beschreibung

Die Palästinenserin Nahr wird im Exil in Kuwait geboren. Sie wächst zu einer eigenwilligen, stolzen Frau heran, die den Tanz als Akt der Freiheit empfindet. Die Grenzen dieser Freiheit erlebt sie, als sie nach einer gescheiterten Ehe in einem Bordell arbeiten muss. Doch die bitteren Lektionen machen sie stärker. Selbstbewusst reist Nahr nach Palästina, wo sie Bilal kennenlernt. Durch ihn entdeckt sie das Land ihrer Familie und erfährt zum ersten Mal tiefe Liebe. Bilal hat sich der Befreiung seines Volkes verschrieben, und Nahr schließt sich ihm an. Eine Entscheidung, die ihr zum Verhängnis wird ...

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Seitenzahl: 563

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Der Roman

Nahr ist erst Mitte dreißig, als sie ihr Leben Revue passieren lässt. Seit Jahren sitzt sie in Einzelhaft im Hochsicherheitstrakt eines israelischen Gefängnisses. Was nun folgt, ist die bewegende Geschichte einer kämpferischen Frau, die als Tochter palästinensischer Flüchtlinge ohne Heimat aufwächst. Von klein auf lernt Nahr, dass ihre Familie in Kuwait nur geduldet ist und nicht aufbegehren darf. Doch nach einer gescheiterten Ehe weiß sie, dass sie das traditionelle Leben ihrer Großmutter und Mutter nicht fortführen kann. Sie geht ihren eigenen Weg, muss Gewalt und Demütigungen ertragen, bis sie in Palästina Bilal begegnet. Durch ihn entdeckt sie, was Liebe zu geben vermag und setzt sich voller Stolz für ihre Heimat ein. So zieht der Widerstand gegen die israelische Siedlungspolitik, den Bilal organisiert, auch Nahr immer mehr in seinen Bann. Die Folgen sind unausweichlich.

»Eine meisterhaft geschriebene Geschichte, die Sie nicht mehr aus der Hand legen können.« CNN

»Susan Abulhawa besitzt das Herz einer Kriegerin; sie ist eine bedeutende Schriftstellerin unserer Zeit.« Alice Walker

Die Autorin

Susan Abulhawa, 1970 geboren als Kind palästinensischer Flüchtlinge, wuchs in Kuwait, Jordanien und Jerusalem auf. Als Teenager ging sie in die USA, studierte Biomedizin und lebt heute in Pennsylvania. Die Autorin engagiert sich für die Menschenrechte und die Verbesserung der Lebensumstände von palästinensischen Kindern in besetzten Gebieten. 2001 gründete sie die nicht staatliche Kinderorganisation Playgrounds for Palestine. Ihre Romane »Während die Welt schlief« (in 30 Sprachen übersetzt), »Als die Sonne im Meer verschwand« und »Ihr letzter Tanz« sind internationale Bestseller.

SUSAN

ABULHAWA

Ihr

letzter

Tanz

ROMAN

Aus dem Amerikanischen

von Stefanie Fahrner

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Zitat [>>] mit freundlicher Genehmigung aus: James Baldwin,

Nach der Flut das Feuer: The Fire Next Time,

übersetzt von Miriam Mandelkow, München 2019,

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG.

The Fire Next Time © 1962, 1963 by James Baldwin.

Copyright Renewed. Used by arrangement with James Baldwin Estate.

Vollständig überarbeitete deutsche Taschenbuchausgabe 07/2021

Die Diana-Hardcover-Ausgabe erschien unter dem Titel »Nahrs letzter Tanz«

Copyright © 2019 by Susann Abulhawa

Die englischsprachige Ausgabe erschien 2020 unter dem Titel

Against the Loveless World bei Atria Books

an imprint of Simon and Schuster, New York

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019

by Diana Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion der überarbeiteten Ausgabe: Hanna Bauer

Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design, München

nach einer Originalvorlage von Norstedts Verlag

Umschlagdesign: © A. Timrén mit Bildern von iStock.com

und Shutterstock.com

Satz: Leingärtner, Nabburg

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-641-26616-5V001

www.diana-verlag.de

In Erinnerung an Mame Lambeth, »meinen« Menschen. Und an Aminah Abulhawa, den Menschen, auf den ich schon immer gewartet habe.

I. Kuwait

Im Würfel, Osten

Ich lebe im Würfel. Ich schreibe auf seine glatten Betonmauern, so wie es gerade geht: anfangs mit den Fingernägeln, dann mit einem Bleistift, den ich von den Wärterinnen bekommen habe.

Licht scheint hinein durch ein kleines Fenster aus Glasbausteinen, hoch über der Ostwand gelegen, dort, wo nur die vielbeinigen Krabbler hingelangen, die ebenfalls hier leben. Ich mag besonders die Spinnen und Ameisen, die ihre jeweiligen Herrschaftsgebiete für sich beanspruchen und es ansonsten hinbekommen, einander aus dem Weg zu gehen, in unserem gemeinsamen Neun-Quadratmeter-Universum. Das Licht einer jenseitigen Welt mit Sonne, Mond und Sternen – vielleicht sind es aber nur Leuchtstoffröhren … da bin ich mir nicht sicher – strömt durch das Fenster herein, in einem Prisma, das mit roten, gelben, blauen und violetten Mustern an der Wand landet. Die Schatten von Ästen und Sträuchern, vorbeiziehenden Tieren, bewaffneten Wachen oder vielleicht auch anderen Gefangenen gleiten manchmal durch das Licht hindurch.

Einmal habe ich versucht, das Fenster zu erreichen. Ich stapelte alles, was ich besaß, auf dem Bett übereinander – einen Nachttisch, die kleine Box mit meinen Toilettensachen und drei Bücher, die die Wärterinnen mir gegeben hatten (Schindlers Liste, Die Glücksliste sowie Dankbarkeit ist die Antwort). Ich kletterte auf den Stapel hinauf und streckte mich so hoch, wie ich nur konnte, erreichte aber nur ein Spinnennetz.

Als meine Nägel noch fest waren und ich mehr wog als heute, versuchte ich, die verstreichende Zeit so festzuhalten, wie es Gefangene tun: einen Strich an der Wand für jeden Tag, zusammengefasst in Fünfergruppen. Aber bald erkannte ich, dass die hellen und dunklen Phasen im Würfel nicht mit denen der Außenwelt übereinstimmten. Diese Erkenntnis war eine Erleichterung, denn der Anspruch, mit dem Leben jenseits dieser Mauern Schritt zu halten, war mir zur Last geworden. Als ich meinen selbst auferlegten Kalender aufgab, verstand ich, dass Zeit nichts Reales ist – durch die Abwesenheit von Hoffnung oder Erwartung besitzt sie keine innere Logik. Der Würfel ist zeitlos. Stattdessen enthält er eine gähnende Leere aus etwas, das nicht benannt ist, ohne Zukunft, Gegenwart oder Vergangenheit. Und ich kann sie mit dem ausfüllen, was mir innewohnt: mit dem Leben, an das ich mich erinnere, oder jenem, das ich mir ausdenke.

Gelegentlich kommen Besucher zu mir. Mit Körper und Sprache tragen sie das Klima der Außenwelt herein, von dort, wo Jahreszeiten und Wetter sich ändern. Wo Autos und Flugzeuge, Boote und Fahrräder Menschen von Ort zu Ort befördern. Wo sich Gruppen versammeln, um zusammen zu spielen, zu essen, zu weinen oder in den Krieg zu ziehen. Fast alle meine Besucher sind Weiße. Obwohl ich nicht weiß, ob es Tag oder Nacht ist, kann ich an ihnen leicht die Jahreszeit ablesen. Im Frühling und im Sommer glüht die Sonne auf ihrer Haut, wenn sie den Würfel betreten. Sie atmen leichter und führen den Hauch der Blüten mit sich. Im Winter sind sie blass und matt, haben dunkle Augen.

Früher, als meine Haare noch nicht grau waren, kamen noch mehr Besucher. Es waren hauptsächlich Geschäftsleute aus der Gefängnisindustrie (ja, so etwas gibt es tatsächlich), die den Würfel auskundschafteten. Angesichts dieser elegant gekleideten Voyeure fühlte ich mich innerlich immer hohl. Reporter und Menschenrechtsaktivisten kommen weiterhin, wenn auch nicht mehr so oft wie früher. Nachdem Lena und die Frau aus dem Westen da gewesen waren, bekam ich eine Weile gar keinen Besuch mehr.

Die Frau aus dem Westen, die etwa Anfang dreißig war, kam für ein Interview. Die Wärterin erlaubte mir, auf dem Bett zu sitzen, normalerweise wurde ich an der Wand festgebunden. Ich weiß nicht mehr, ob die Frau Reporterin oder Menschenrechtsaktivistin war. Vielleicht war sie Schriftstellerin. Ich fand es angenehm, dass sie eine Dolmetscherin mitgebracht hatte, eine junge Palästinenserin aus Nazareth. Einige Besucher gaben sich überhaupt keine Mühe und erwarteten von mir, Englisch zu sprechen. Ich kann natürlich Englisch, aber es kostet mich große Mühe, und außerdem möchte ich ihnen nicht zu sehr entgegenkommen.

Sie war an meinem Leben in Kuwait interessiert und wollte mit mir über meine »Sexualität« sprechen. Alle wollen die Geschichte meiner Muschi hören. Sie haben ihre vorgefasste Meinung, drehen sich die Worte so hin, wie es ihnen passt. Sie wollte wissen, ob es stimmt, dass ich Prostituierte war.

»Sie denken, Prostitution hat etwas mit Sexualität zu tun?«, fragte ich.

Ein flüchtiger Blick der Verwirrung huschte über ihr Gesicht, dann antwortete sie: »Nein, natürlich nicht. Wechseln wir das Thema.«

Sie war groß. Ihr Haar war braun, lose am Hinterkopf zusammengebunden. Sie trug Jeans und eine einfache cremefarbene Bluse mit einer Jacke darüber und bequeme schwarze Schuhe. Kein Make-up. Ich mochte sie nicht. Ich mochte die Dolmetscherin, die wie ich klein und ein dunkler Typ war. Sie trug rote Converse-Schuhe mit vierzehn schwarzen Kugelschreiberpunkten auf dem weißen Gummiteil. Erst ein Punkt, dann eine Gruppe aus neun Punkten, dann eine Gruppe aus vier Punkten: 194. Die 194-Methode war ein Code, mit dem wir uns der israelischen Überwachung entzogen. Aus jedem ersten, neunten und vierten Wort setzten wir uns geheime Botschaften zusammen. Das war einfach und effektiv. Darum wusste ich auch, dass sie mehr war als nur eine Dolmetscherin. Sie hieß Lena, daran erinnere ich mich.

Zuerst war ich verwirrt. Denn die 194-Methode funktioniert nur mit schriftlichen Nachrichten. Man kann ja nicht gleichzeitig zählen, zuhören, übersetzen und sprechen. Mit einem Mal fiel mir auf, dass Lena während des Übersetzens an ihren Stift tippte, wenn bestimmte Wörter fielen. Sie musste den Moment erkannt haben, als ich dahinterkam, denn plötzlich lächelte sie dezent. Die Wörter lauteten Mund, Papier, Notizblock, Essen und sollten zusammengenommen wohl bedeuten: »Iss den Zettel auf.«

Die Interviewerin schaute nach unten, ganz so, als sei sie sich nicht mehr sicher, ob sie die nächste Frage wirklich stellen sollte. »Worüber möchten Sie reden?«, wollte sie dann von mir wissen.

An jenem Tag wanderten meine Tagträume zurück zu besseren Zeiten, zu den Stränden, Wüsten und Einkaufszentren von Kuwait.

»Zeit-o-zaatar«, erwiderte ich.

Die Frau fragte Lena: »Ist das dieser palästinensische Brotdip?«

Lena nickte, und die Frau machte sich ein paar Notizen. Ich war mir aber sicher, dass sie sich nicht für meine Geschichte interessierte. Ich erzählte sie trotzdem.

»Als wir noch in Kuwait lebten, wurden die Abschlussnoten der Oberschulen immer in der Zeitung veröffentlicht. Die Palästinenser machten jedes Jahr den Großteil der Top-Ten-Absolventen aus. Als die besten fünf einmal allesamt Palästinenser waren, sorgten sich die Kuwaiter ganz besonders. Bald ging das Gerücht, die Palästinenser wären so schlau, weil sie so viel zeit-o-zaatar aßen. Und so wurde das ganze Land von einer zeit-o-zaatar-Welle heimgesucht. Die Geschäfte kamen gar nicht nach, so groß war der Bedarf«, berichtete ich lachend.

Die Frau aus dem Westen rutschte auf ihrem Stuhl herum, während sie Lena beim Übersetzen zuhörte. Ich ignorierte ihre wachsende Ungeduld. »Ich wusste, dass das nicht stimmte, denn ich aß viel zaatar und war nie gut in der Schule. In der neunten Klasse blieb ich sitzen, weil ich sowohl in Religion als auch in Mathematik durchfiel. Im selben Jahr bekam mein Bruder Jehad die Gelegenheit, die vierte Klasse zu überspringen.« Obwohl damals glücklichere Zeiten herrschten, ist meine Erinnerung von Traurigkeit durchzogen. Ich würde gern mit meinem jüngeren Ich sprechen, es von seinem Wert und seinem Verstand überzeugen. Von seiner Lernfähigkeit. Vor allem aber möchte ich, dass es daran glaubt, dass es nicht dumm ist, so wie alle es ihm einredeten.

Die Frau aus dem Westen versuchte, mich zu unterbrechen, aber ich redete einfach weiter. »Eine Zeit lang strengte ich mich sehr an und ließ mir von meinem kleinen Bruder Nachhilfeunterricht geben. Aber wenn die Schule fest daran glaubt, dass du dumm bist, kannst du dich noch so sehr anstrengen.«

»Ihr Bruder … Ich habe gelesen, dass er …«

Ich ließ sie nicht ausreden. »Mein Bruder ist genial«, verkündete ich. Sie blickte auf ihren Notizblock. Ich wusste, dass sie sich nicht für meine Kindheitsgeschichten interessierte, weil sie sich überhaupt keine Notizen machte.

»Es ist mir egal, was Sie über meinen Bruder gelesen haben, aber ich kann Ihnen versichern, dass Jehad ein sanfter und verletzlicher Mensch war«, sagte ich. »Als er auf die Mittelschule ging, bekam ich mit, dass er von zwei Jungen schikaniert wurde. Also sammelte ich meine Freundinnen ein. Zusammen warteten wir vor dem Schultor auf sie und verpassten ihnen eine Abreibung. Danach bewunderte mich Jehad umso mehr. Einmal, es war Sommer, da …«

Die Frau aus dem Westen hob die Hand. Sie sah auf ihren Notizblock hinab und legte die Hände über die vorformulierten Fragen. Dann atmete sie tief ein und blinzelte übertrieben langsam. Es sah aus, als würde sie durch die Augenlider atmen. »Ich habe irgendwo gelesen, dass Sie Opfer einer Gruppenvergewaltigung wurden, und zwar an dem Abend, als Saddam Hussein in Kuwait einmarschierte.«

Ich hob eine Augenbraue. Das schien sie zu verunsichern. In meinem Augenwinkel nahm ich Lenas unmerkliches Lächeln wahr.

Die Frau fuhr fort: »Ich kann mir vorstellen, wie schrecklich das war, und es tut mir leid, dass ich Sie wieder daran erinnere.«

»Warum glauben Sie, Sie könnten so einfach hereinspazieren und mir solche Fragen stellen?«

Lena zögerte kurz, übersetzte dann aber pflichtbewusst.

Die Frau gab sich überrascht. »Sie haben sich bereit erklärt, von mir interviewt zu werden. Darum stelle ich Ihnen Fragen«, erklärte sie und hielt mit geschlossenen Augen kurz inne. »Ich musste mich zwei Monate lang auf Herz und Nieren überprüfen lassen, um diese Stunde mit Ihnen zu bekommen. Ich habe den Behörden alle meine Fragen im Voraus zukommen lassen«, fügte sie beinahe verzweifelt hinzu.

Lena wiederholte ihre Worte auf Arabisch, übermittelte mir mit ihren Augen aber etwas anderes.

Schließlich antwortete ich. »Nun, mir haben die Behörden sie nicht vorgelegt. Seien Sie sicher, dass ich mich deswegen beschweren werde.« Mein Sarkasmus brachte sie fast zum Weinen, was mich ihr gegenüber etwas milder stimmte. Deshalb fügte ich noch hinzu: »Aber ich werde Ihre Frage beantworten: nein. Ich wurde nicht vergewaltigt an dem Abend, als Saddam in Kuwait einmarschierte.«

Die Interviewerin schien enttäuscht zu sein, ging dann aber zu anderen Themen über. Sie wollte wissen, wie ich zum Widerstand gekommen war. Sie bezeichnete ihn als Terrorismus. Sie fragte dann nach meiner Gefängniszelle, die sie ein »schönes Zimmer« nannte, und relativierte den Ausdruck sofort wieder. »Ich weiß, dass es trotzdem ein Gefängnis ist.«

»Sind Sie Jüdin?«, fragte ich.

Sie blinzelte wieder lange. »Ich weiß nicht, warum das wichtig sein sollte.«

»Weil es wichtig ist.«

»Ich bin hier als professionelle Reporterin, nicht als Vertreterin einer Religion.«

»Die meisten professionellen Reporter würden diesen Ort nicht als ein schönes Zimmer bezeichnen«, gab ich zurück.

Sie durchbohrte mich mit ihrem Blick. »Wenn man bedenkt, was Sie getan haben, würde ich sagen, es ist schöner als das, was Sie vielleicht verdient hätten. Ich glaube nicht, dass Sie in einem arabischen Land so gut behandelt werden würden. Dort würde man Sie auspeitschen und dann hängen.«

Sie klappte ihren Notizblock zu. »Ich glaube, ich habe alles, was ich brauche«, sagte sie und bedeutete der Wache, sie hinauszuführen.

Die Wärterin hatte neben uns gestanden, um sicherzustellen, dass mich niemand anfasste oder mir irgendeinen Gegenstand übergab. Jetzt befestigte sie meine Sicherheitsarmbänder an der Wand, bevor sie die Tür öffnete.

Die Frau wendete sich mir zu, als sie aufstand. »Ich möchte nur, dass Sie wissen, dass meine Großeltern …«

»… den Holocaust überlebt haben.« Ich beendete ihren Satz und verdrehte die Augen.

In ihrem Blick stand blanke Verachtung.

»Ja, in der Tat«, sagte sie, »das stimmt. Und sie haben mir beigebracht, immer fair zu bleiben. Das versuche ich hier gerade.«

Lena begann zu übersetzen, aber ich winkte ab. »Genau das tun Sie hier nicht«, sagte ich auf Englisch, mit viel Geringschätzung in der Stimme, die von der Unwürdigkeit ablenken sollte, dass ich an die Wand gekettet war. Die Wärterin befahl uns, dass wir schweigen sollten, und ich war dankbar dafür, weil ich dadurch das letzte Wort behielt. Solch ein winziges Stück Kontrolle bedeutete mir alles – wirklich alles.

Später ertönte die Sirene, die signalisierte, dass meine nächste Mahlzeit durch den Schlitz geschoben wurde. Doch dieses Mal flüsterte jemand von der anderen Seite der Tür: »Im Brot.«

Ich setzte mich mit dem Tablett hin, zerriss langsam das Pitabrot und spähte ins Innere. Die Deckenkamera hatte ich immer im Hinterkopf. Da war es: ein kleines, fest gefaltetes Papier, eingewickelt in Plastik. Ich nahm mir vor, es im Schutz der Dunkelheit zu öffnen, steckte es in eines meiner Bücher, das ich zu lesen vorgeben würde, wenn es wieder hell wurde.

Hör auf, mit Reportern zu sprechen. Israel konstruiert hier eine Geschichte, in der Du während Deines ganzen Lebens von muslimischen Männern misshandelt und dann gezwungen wurdest, einer terroristischen Gruppe beizutreten. Sie wollen damit zeigen, dass Israel Dich gerettet hat und ihr Gefängnis Dir ein besseres Leben beschert hat. Du bist die einzige Gefangene, die Besuch von Reportern bekommt. Sie dürfen in Deine Zelle, das kann doch gar nicht sein! Denk mal darüber nach. Sie veröffentlichen Bilder von Dir an einem sauberen Ort mit vielen Büchern. Das ist eine Propagandakampagne, um zu zeigen, dass Israel eine wohlwollende Nation ist, sogar für Terroristen. Deiner Familie geht es gut. Sie schicken Dir ihre Liebe. Wir kämpfen noch darum, dass sie Dich besuchen dürfen. Iss diesen Zettel auf.

Auch ohne Unterschrift wusste ich, dass er von Jumana war. Das war der erste Hinweis darauf, dass es ihr gut ging. Ich konnte mich kaum an ihr Gesicht erinnern, aber ich vermisste sie. Ich wünschte, sie hätte etwas über Bilal geschrieben. Ein paar Neuigkeiten – oder auch nur seinen Namen. Oder wenigstens den Anfangsbuchstaben seines Namens. B ist am Leben, und es geht ihm gut. B schickt dir seine Liebe. Oder nur B.

Als es wieder dunkel war, steckte ich den Zettel in den Mund, kaute und schluckte ihn. Ich stellte mir vor, wie schrecklich ich auf diesen Pressefotos aussehen musste. Ich darf keinen Spiegel besitzen, aber ich weiß, dass meine Haare ohne Föhn kraus werden. Damals waren sie noch schwarz, und damals machte mir das noch etwas aus. Der Flaum über meiner Lippe war nicht gewachst, und meine Augenbrauen wirkten buschig. Wahrscheinlich sah ich genau so aus, wie sich Westler eine Terroristin vorstellen: ungepflegt, haarig, dunkel, hässlich. Aber es waren nicht diese Fotos, die mich störten. Es waren vielmehr diejenigen, die während meines Prozesses in der arabischen Presse erschienen waren, jene, die mich vor so vielen Jahren in Kuwait zeigten. Ich malte mir aus, dass meine Familie sie sehen würde. Wie sehr muss es meine Mutter geschmerzt haben.

Und doch treibt mich das nicht mehr um. In Gefangenschaft kann sich nichts bewegen, nicht einmal das Herz.

Nach Lena und der Frau aus dem Westen hatte ich sehr lange keine Besucher mehr. Mein Haar war um fünf Zentimeter gewachsen, als ich den nächsten Menschen zu Gesicht bekam. Die Wärterin kam, um mir ein Notizbuch und zwei Druckbleistifte zu geben. Sie hätte die Sachen einfach durch den Türschlitz schieben können, entschied sich aber dafür, den Würfel zu betreten. Sie meldete sich über den Lautsprecher, damit ich meine Sicherheitsarmbänder an der Wand befestigen konnte. Ich fragte mich, ob sie die Wärterin war, die mir die Nachricht hatte zukommen lassen. Sie durfte nicht mit mir sprechen, aber ich glaube, sie lächelte, als sie bemerkte, wie aufgeregt ich war, als ich die Lieferung auf meinem Bett sah.

Ich hatte lange dafür gekämpft, diese Utensilien zu bekommen. Aber jetzt überlegte ich mir, was ich schreiben sollte. Einen Brief vielleicht. Oder eine Geschichte! Ein Tagebuch! Gedichte? Sobald die Metalltür hinter ihr zugeknallt und ich von der Wand entriegelt war, nahm ich den Stift und schlug das Notizbuch auf.

Ich starre auf die nackten Seiten, möchte versuchen, meine Geschichte zu erzählen – alles, was ich Bilal anvertraut habe, und alles, was danach kam. Wie eine richtige Geschichtenerzählerin, mit emotionalen Höhen und Tiefen, obwohl ich mich an diese Emotionen nur dem Namen nach erinnere. Mein Leben kehrt in Bildern, Gerüchen und Tönen, nicht aber in Gefühlen zu mir zurück. Ich empfinde nichts.

Tanz, Rubinfluss

Ich weiß nicht mehr, wann ich zum ersten Mal in meinem Leben getanzt habe. Die Frauen meiner Generation kamen schon tanzend auf die Welt. Es war einfach das, was wir machten, wenn wir uns trafen. Wir bildeten einen Kreis, klatschten und sangen, und dann kam abwechselnd jede von uns in die Mitte und schwang die Hüften. Aber ich merkte schon früh, dass die Leute mir gern zusahen, wenn ich tanzte.

Wenn die Musik spielt, überlasse ich meinen Körper ganz sich selbst. Ich habe nie versucht, irgendetwas zu kontrollieren. Es war die völlige Hingabe an die Musik und an all die unsichtbaren, unbekannten Kräfte, die sie heraufbeschwört. Ich lasse zu, dass der Rhythmus gegen meine Seele streicht und meinen Atem in sich einhüllt. Vielleicht war es das, was die Leute gesehen haben, denn beim Tanzen bin ich dem wahren Glauben bisher am nächsten gekommen.

Orientalischer Tanz, den die Leute, die es nicht besser wissen, Bauchtanz nennen, sieht vielleicht nach kontrollierter, choreografierter Bewegung aus, ist aber genau das Gegenteil. Unser Tanz ist Chaos und Anarchie. Die Antithese der Kontrolle. Es geht darum, die Macht über den eigenen Körper abzugeben und jedem einzelnen Knochen, Band und Nerv, jeder einzelnen Muskelfaser Autonomie zuzugestehen. Jeder Haut- und Fettzelle. Jedem Organ.

Ich nehme an, das gilt für jede Form des Volkstanzes, aber alles, was ich kenne, sind die Rhythmen der Levante, von Babylon, El Khaleej und Nordafrika. Dies ist die Musik, die seit meiner Kindheit in meinem Körper lebt und sich in meinen Knochen eingenistet hat. Die Texte von Umm Kalthoum, das Klagelied einer Nay, die Melodie eines Kanun oder das Kratzen einer Oud sind die Geräusche meines Lebens. Sie hallen in mir wider, hallen durch die Zeit und durch die Geschichten, die diese alten Instrumente erschaffen haben. So sehr ich die Klänge Indiens und Afrikas mag – den komplexen Nachklang einer Sitar, die hohen Saiten eines Tumbi, die tiefen Schläge und vielschichtigen Rhythmen afrikanischer Trommeln, die ergreifende Präzision eines Xylofons –, sie bewegen vielleicht meinen Körper, dringen aber nicht zu der tiefen Stille in meinem Inneren vor, aus der mich die Musik entführt. Denn sie stammen von anderen Völkern und erzählen Geschichten, die ich erst als Erwachsene erfahren habe.

Musik ist wie gesprochene Sprache, sie ist untrennbar mit ihrer jeweiligen Kultur verbunden. Wenn man eine Sprache oder einen Dialekt nicht früh genug im Leben lernt, wird immer der Akzent einer anderen Welt darin mitschwingen, egal wie fleißig man Vokabeln, Grammatik und Tonfall auswendig lernt oder liebt. Deswegen stören mich ausländische »Bauchtänzerinnen« so. Sie benutzen unsere Musik als Vorwand, um mit dem Hintern zu wackeln und herumzuhüpfen, und das beleidigt mich.

Orientalische Musik ist der Soundtrack meines Lebens und Tanzen die einzige Nation, die ich jemals für mich in Anspruch genommen habe, die einzige Religion, die ich verstehe. Wenn ich Frauen beim Bauchtanzen sehe, zu Musik, die sie nicht verstehen, in Kleidern eines Volkes, das sie nicht kennen – oder schlimmer noch, verachten –, dann fühlt es sich an, als wollten sie mich kolonisieren. Mich und alle anderen arabischen Frauen, die unsere Traditionen und Herkunft bewahren.

Mein Leben begann in einer Zweizimmerwohnung in Hawalli, einem kuwaitischen Getto, in dem sich palästinensische Flüchtlinge nach der Nakba niederließen. Ich wurde zwar mit Geschichten über Palästina groß, wusste aber nicht viel über Politik, und sie interessierte mich auch nicht. Obwohl mein Vater jedes Jahr mit uns nach Palästina fuhr, um unsere Ausweise verlängern zu lassen, war es das »alte Land« in meinem jungen Kopf, ein weit entfernter Ort, den ich mit der Generation meiner Großmutter in Verbindung brachte.

In der vierten Klasse spottete meine ägyptische Klassenkameradin Gameela einmal: »Die Palästinenser sind dumm. Deswegen haben die Juden euch auch euer Land gestohlen.« Ich zerrte sie an ihren Zöpfen zu Boden und verpasste ihr eine Tracht Prügel. Die Schule suspendierte mich daraufhin, und ich war meinem Ruf als Unruhestifterin gerecht geworden. Sitti Wasfiyeh sagte danach tatsächlich einmal, sie sei stolz auf mich. Keiner in der Schule traute sich noch, mich dumm anzumachen.

Bevor ich Bilal kennenlernte, verlor ich nie ein Sterbenswörtchen darüber, dass ich Gameela nur deswegen schlug, damit ich vor den landesweiten Schultests suspendiert wurde. Ich konnte nämlich nicht gut lesen, und vor allem befürchtete ich, als dumm geoutet zu werden. In der Schule war ich einigermaßen durchgekommen, weil ich bei Prüfungen schummelte und überragende Fähigkeiten im Auswendiglernen besaß. Und weil ich kämpfte. Mein Bruder Jehad gab mir Nachhilfeunterricht, als er in der Schule so weit fortgeschritten war, dass er schon fast in meine Klasse ging. Es war unser Geheimnis. Jehad sagte oft zu mir, dass ich »wirklich schlau« sei. Er ermutigte mich auch dazu, Gedichte zu lesen. Mit der Zeit konnte ich einige der schönsten und erotischsten Liebesgedichte Arabiens auswendig. Und durch sie fand ich Zugang zum geschriebenen Wort.

Mama bewahrte eine Schachtel Schwarz-Weiß-Fotos aus ihrem Leben in Haifa auf. Sie waren wohlhabend gewesen, aber europäische Juden stahlen ihnen alles, als sie 1948 Palästina eroberten: ihre Möbel, ihre Bücher und ihre Bankkonten. Mamas Familie wurde über Nacht mittellos, einige verstreuten sich über die ganze Welt, andere starben. Sie wollte nicht darüber reden. »Was bringt es schon, die alten Wunden wieder aufzureißen«, sagte sie immer. Außer einmal, als ich ihr erzählte, was Gameela zu mir gesagt hatte. Sie rief Gameelas Mutter an und sagte ihr, ihre Tochter solle ihre lose ägyptische Zunge im Zaum halten, oder sie würde sie ihr abschneiden.

»Du gemeine Frau, du solltest nicht schlecht über Palästina sprechen, sonst stopfe ich dir das Maul mit meinem Schuh!«, rief sie in den Hörer. Ich fand es aufregend, wie meine Mutter Gameelas Mutter ausschimpfte, und konnte fast nicht mehr aufhören zu kichern.

Meine Großmutter väterlicherseits, Sitti Wasfiyeh, Hajjeh Um Nabil, wohnte bei uns. Im Unterschied zu Mama hatte sie ihr Dorf in Palästina nie wirklich verlassen. So wie ich es jetzt im Würfel tue, durchstreifte sie Ein el Sultan im Geiste. Sie langweilte uns mit Geschichten ihrer Kindheit dort und über Leute, die wir nicht kannten. Sie glaubte immer daran, dass wir eines Tages zurückkehren würden.

»Es ist die älteste Stadt der Welt, du Kuh«, sagte sie einmal zu mir. »Vor langer Zeit erbaut. Älter als Jericho. Wenn du besser in der Schule wärst, wüsstest du das selbst.« Mit Jehads Hilfe schlug ich es später im Lexikon nach, weil ich ihr beweisen wollte, dass ich schlau war. »Sitti, natürlich weiß ich, dass Ein el Sultan im Jahr 7000 vor Christus gegründet wurde.«

»Warum erzählst du mir das? Denkst du etwa, ich wüsste das nicht? Vielleicht solltest du lieber daran arbeiten, ein bisschen abzunehmen. Niemand will eine dicke Kuh heiraten.«

Sitti Wasfiyeh hatte ihre freundlichen Momente. Sie flocht mir das Haar, als ich zur Grundschule ging, brachte mir bei, Weinblätter zu rollen, Zucchini zu schnitzen und Brot zu backen. Aber sie hatte auch eine harte Seite. Sie trat meist genau dann zutage, wenn sie mit ihren Töchtern telefonierte, meinen Tanten, die ich noch nie gesehen hatte, weil sie in Jordanien lebten. Zu allem Überfluss konnte mein Bruder in Sitti Wasfiyehs Augen nichts falsch machen, was ihre Beleidigungen umso persönlicher und boshafter machte. Mama sagte mir dann immer, ich solle nicht so empfindlich sein. »Sie ist eine zänkische alte Frau, was sollen wir denn tun? Sie meint es ja nicht so.«

Ich zahlte es Sitti Wasfiyeh heim, als ich fünfzehn war und schon glaubte, ich sei böse. Ich war Anführerin einer Bande, die den Lehrern Streiche spielte. Regelmäßig stahl ich Süßigkeiten aus dem kleinen Laden und ließ mich einmal von einem Jungen auf den Mund küssen. Ich gab den Autoritätspersonen Widerworte. Einmal brachte ich sogar Sitti Wasfiyeh zum Weinen.

»Du bist eine gemeine alte Frau«, schrie ich. »Deshalb haben dir auch deine Töchter nicht angeboten, bei ihnen zu wohnen. Der Grund ist nicht, dass sie gerade umziehen oder ihre Häuser zu klein sind oder was sie dir sonst für Märchen erzählt haben. Der Grund ist, dass du eine fiese alte Frau bist, die niemand erträgt, und wenn du künftig nicht netter zu uns bist, schmeißen wir dich auch bald raus. Wir drei müssen uns ein Schlafzimmer teilen, damit du dein eigenes Zimmer haben kannst. Du solltest die Füße meiner Mutter küssen für das, was sie für dich getan hat. Wenn es nach mir ginge, würde ich dich auf die Straße setzen. Und du weißt verdammt gut, dass deine blöden Töchter uns keinen einzigen Dinar für dich schicken. Das nächste Mal, wenn du meine Mutter beschuldigst, dein Geld zu stehlen, werde ich dich persönlich rauswerfen.« Niemand in meinem Alter redete so mit den Erwachsenen und schon gar nicht mit der eigenen Großmutter. Ich war böse.

Mama schlug mich mit ihrem Pantoffel. »Sprich niemals wieder so mit deiner Großmutter«, schrie sie, noch immer auf mich einprügelnd. »Wenn dein Vater, Allah hab ihn selig, noch bei uns wäre, würde er dir eine geharnischte Tracht Prügel verpassen«, sagte sie. Ich war froh, dass mein Vater in solchen Momenten nicht da war. Vermutlich hätte er genau das getan.

»Wie kannst du sie bloß verteidigen? Dich behandelt sie doch noch schlimmer!«, gab ich zurück.

Erschöpft ließ meine Mutter den Pantoffel sinken. Seit Baba tot war, kam sie mir ziemlich resigniert vor. Sie holte tief Luft, atmete langsam wieder aus und führte mich zur Veranda, aber erst, nachdem ich mich bei Sitti Wasfiyeh entschuldigt, ihr dreimal die Hand geküsst und mir schweigend von ihr angehört hatte, dass ich wie ein wildes Tier sei, völlig falsch erzogen.

»Komm, wir setzen uns nach draußen und reden, Habibti«, schlug Mama vor und legte mir eine Hand auf die Schulter. So war das bei uns. Innerhalb von Sekunden gingen wir von Streit oder Bestrafung zu habibti und anderen Koseworten über.

»Versteh doch, wir sind alles, was sie hat. Tief im Inneren weiß sie, dass du recht hast. Deshalb weint sie dort drinnen. Aber wenn sie so tut, als wäre ich der Grund dafür, dass ihre Töchter sie nie zurückrufen oder sie nicht besuchen oder sie bitten, bei ihnen zu wohnen, dann muss sie sich nie der Wahrheit stellen. Und die lautet, dass ihre Kinder sie nicht mehr wollen. Das ist ein schreckliches Schicksal.«

Ich hörte ihr zu in dem Bewusstsein, dass gerade etwas aus den stillen Tiefen meiner Mutter zum Vorschein kam. Wir waren eine Familie mit Geheimnissen, Dingen, die an den Rändern unseres Lebens lauerten, unsichtbar, unausgesprochen, aber spürbar in der Struktur unserer Streitgespräche, in den zusätzlichen Sekunden einer Pause, der Intensität eines Blickes. Erst viele Jahre später erfuhr ich aus Gerüchten, dass ich gezeugt worden war, bevor meine Eltern verheiratet waren, und dass mein Vater nur um die Hand meiner Mutter angehalten hatte, um einen Skandal zu vermeiden. Ich weiß nicht, ob es wirklich wahr ist. Aber ich vermute, das war der Grund, warum wir so wenig Kontakt zu ihrer Familie hatten.

Ich lernte sie erst kennen, als Mamas Mutter in Syrien starb und wir zur Beerdigung ins Flüchtlingslager nach Yarmouk reisten. Alle waren nett zu mir, meinem Bruder und Mama. Aber ich spürte anhand der Wärme und Liebe, die allen Familienmitgliedern zuteilwurden, nur nicht Mama, dass sie irgendwie eine Randexistenz in ihrer Familie geführt haben musste. Sie hat nie etwas darüber erzählt, aber ich vermutete, entweder war ich der Grund oder die Tatsache, dass Mama als Kind der Liebling ihres früh verstorbenen Vaters gewesen war.

»Habibti, ich brauche eine Zigarette. Geh hinein. Öffne die dritte Schublade. Ganz hinten ist eine Packung zwischen den Socken versteckt.«

Mama rauchte eine Schachtel am Tag, versuchte zwischendurch aber immer wieder, ganz aufzuhören. Ich war damals das einzige Mädchen unter meinen Freundinnen, das nicht versuchte, heimlich zu paffen. Ich hatte nämlich in einem Comic gelesen, dass westliche Firmen Tabak benutzten, um uns langsam zu töten und unser gesamtes Geld und unsere Bodenschätze an sich zu bringen. Das Rauchen zu verweigern war ein Akt der Rebellion, und ich belehrte gern andere über die Verschwörung des Westens. Aber ich wollte den Augenblick nicht verderben und holte pflichtbewusst Mamas Marlboro-Vorrat, während der Tee in der Küche kochte.

»Möge Allah deine Tage segnen, meine Tochter«, sagte sie, als ich mit dem heißen Kessel, zwei Tassen, frischer Minze, Zucker und ihrer Packung mit den ausgetrockneten Marlboros zurückkam. Normalerweise konnten wir in der engen Straße unter unserem Balkon Kinder spielen sehen, aber es war Waschtag, und unsere Kleider, die zum Trocknen aufgehängt waren, versperrten uns die Sicht. Nach Mamas Anweisung hatte ich die Jeans und Hemden meines Bruders auf die äußere Leine zur Straße hin aufgehängt, dazu Mamas dishdashas. Meine Hosen, Kleider und Blusen hingen an der mittleren Leine, versteckt vor den lüsternen Augen der jugendlichen Passanten, und schließlich, auf der inneren Leine, direkt hinter dem Balkongeländer, befestigten wir unsere Unterwäsche. Anstatt freie Sicht auf das Treiben auf der Straße zu genießen, konnte ich nur sehen, wie unsere Höschen unter blauem Himmel im Wind flatterten.

Ich goss den Tee ein und sagte: »Mama, du musst dafür sorgen, dass sie damit aufhört. Sie ist schrecklich.«

»Manchmal möchte ich sie direkt nach Amman verfrachten, zu ihren Töchtern, aber das können wir ihr nicht antun.« Sie steckte sich die Zigarette an und nahm einen Zug, schloss die Augen und hob zufrieden das Kinn, eine Rauchwolke ausstoßend. »Dein Vater, Allah hab ihn selig, nahm mir das Versprechen ab, für seine Mutter zu sorgen, egal was passiert.« Versprechen den Toten gegenüber sind heilig.

Meine Mutter gab Sitti Wasfiyeh Kontra, wenn ihr danach war, aber meistens ließ sie es einfach bleiben. Im Gegensatz zu mir war Mama keine Freundin dramatischer Auftritte, es sei denn, jemand tat ihren Kindern etwas an. Einmal bedrohte sie Sitti Wasfiyeh mit einem Küchenmesser. Damals war ich etwa sieben Jahre alt gewesen. Ich war zum Essen ins Haus gekommen und wollte danach gleich wieder zum Spielen auf die Straße hinaus, aber Mama war das nicht recht. »Außerdem bist du langsam zu alt, um mit Jungs zu spielen. Sie meinen vielleicht, du wärst verliebt in sie«, neckte sie mich.

Was Sitti Wasfiyeh darauf entgegnete, bekam ich nicht mit, aber meine Mutter lief sofort in die Küche, um sich ein Messer zu holen. »Bei Allah und seinem Propheten werde ich dir die Zunge abschneiden, wenn du jemals wieder so etwas sagst.«

Ich fragte Mama, was Sitti Wasfiyeh gesagt hatte, um sie dermaßen zu provozieren. Mama scheuchte mich weg und sagte: »Kümmere dich um deinen eigenen Kram, und misch dich nicht in die Angelegenheiten der Erwachsenen ein.«

An jenem Tag blieb ich im Haus. Ich war mir sicher, dass alle sich anschreien würden, wenn mein Vater von der Arbeit zurückkam. Aber Mama schickte mich nach nebenan zu unseren Nachbarn. Was auch immer los war, es drehte sich um mich, und da war etwas, was gerade ich nicht wissen durfte. Im Rückblick vermute ich, dass Sitti Wasfiyeh wahrscheinlich die Gerüchte um meine Geburt wieder aufgewärmt hatte. Vielleicht hatte sie gesagt: »Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm«, oder etwas noch Schlimmeres.

Laut Mama war Baba nicht für die Hausarbeit zu haben. »Ich bin ein Mann! Was erwartest du von mir?«, sagte er immer. Aber ich erinnere mich daran, dass er unseren Glastisch mit einem besonderen Glasreiniger namens Windex putzte, das war schicker als Spülmittel und bewies, dass wir in den Slums von Kuwait zur Mittelklasse gehörten. »Yalla«, rief er mir zu, »sing mir vor, was du gelernt hast.«

Daraufhin trällerte ich den Fatooma-Song von Ghawwar el-Tousheh. Am Wochenende, wenn Mama morgens zum Kaffee bei den Nachbarn war, brachte er mir noch ein paar Zeilen mehr vom Text bei, und ich sang, während er den Couchtisch abwischte. Der Glasreiniger bildete einen Regenbogen auf dem Glas – das faszinierte mich. Baba sagte, es sei die Magie von Windex. Ich erinnere mich nur an zwei konkrete Vormittage, aber die Erinnerung hat sich irgendwie auf meine ganze Kindheit ausgedehnt, ganz so, als hätten wir jeden Tag zusammen gesungen und geputzt.

Ich durfte den Fatooma-Song nicht singen, wenn Mama dabei war.

»Warum?«, wollte ich von Baba wissen.

»Sie kann dieses Lied wirklich nicht leiden, und wenn sie mitkriegt, dass du es singst, bekommen wir beide Ärger.«

Ich war hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu meinem Vater und der Loyalität zu meiner Mutter. Aber ich hielt den Mund. Ich wusste auch (ohne zu wissen, dass ich es wusste), dass Fatooma der Name seiner neuen Freundin war und dass Mama das auch wusste.

Es kommt mir vor, als müsste ich mehr Erinnerungen an meinen Vater haben, weil ich bei seinem Tod alt genug war, eine ganze Menge mit ihm erlebt zu haben. Eine Zeit lang erfand ich Erinnerungen an Dinge, die ich mir von ihm gewünscht hätte: dass er mein Haar bürstete, mir beibrachte, Autos zu reparieren, am Elternsprechtag in die Schule kam, meinen Lehrern die Meinung blies, zusammen mit mir im Meer schwamm, mir vorlas, mich auf den Schultern trug, sich am Zeugnistag auf meine Seite schlug, wenn Mama mir Vorwürfe machte, und Sitti Wasfiyeh zurechtwies, wenn sie sagte, ich sei dumm wie ein Esel, oder wenn sie mich dazu zwang, mir den Mund mit Seife auszuwaschen, weil ich geflucht hatte. Ich stellte mir vor, dass er Mamas Singer Nähmaschine genauso satthatte wie ich und darauf bestand, dass sie aufhörte, unsere Kleider zu nähen, und stattdessen im Salmiya-Souq mit uns einkaufen ging.

Aber alles, was von meinem Vater übrig geblieben war, war ein Mann, der das Fatooma-Lied sang und den Couchtisch mit Windex putzte. Bis er starb und nur noch ein Gesicht in einem gerahmten Foto war, an einer Wand in einer lange verlassenen Wohnung in Kuwait, in einem Land, das uns aufgegeben hatte.

Mama war im Juni 1967 mit mir schwanger, als die Israelis sie ein zweites Mal zum Flüchtling machten. Nach der Flucht im Jahr 1948 aus Haifa hatte sie sich zusammen mit meinem Vater in dem Dorf der Ahnen Sitti Wasfiyehs niedergelassen: Ein el-Sultan. Im Juni 1967 mussten sie von Neuem fliehen, nur mit dem, was sie tragen konnten. Acht Kilometer weit mussten sie laufen, um den Jordan über die Allenby-Brücke überqueren zu können. Die Brücke war voll mit Leichen und brach schließlich zusammen, gerade als Mama sie passierte. Einige Menschen fielen hinunter und mussten aus dem Wasser gerettet werden. Manche schafften es nicht mehr. Aber die Leute strömten weiter über die eingestürzte Brücke und hielten sich an den Trümmern fest, während sie sich durch den Fluss quälten. Mama erzählte mir später: »Als dein Vater und ich das Wasser überquerten, betete ich zu Allah. Dann traf ich eine Abmachung mit dem Fluss. Ich sagte, ich würde dich nach ihm benennen, wenn er keinen von uns verschluckt.«

Aber es wäre seltsam gewesen, mich Jordan zu nennen. So habe ich den Namen Nahr bekommen. Fluss.

Mein Vater begab sich auf die gefährliche Reise zurück nach Palästina, nachdem er uns in Jordanien in Sicherheit gebracht hatte. 1948 hatten die Palästinenser eine Lektion gelernt: Gehst du weg, um dein Leben zu retten, so heißt das, dass du alles verlierst und nie wieder zurückkehren kannst. Deshalb blieb Baba während der Ausgangssperre monatelang in unserem leeren Haus wohnen, während Israel seine Macht über ganz Palästina festigte. Es muss schwer für ihn gewesen sein, so alleine in der unheimlichen Stille des Hauses, in dem er und seine Geschwister als Teil einer lauten, lebhaften Familie aufgewachsen waren. Doch er blieb, denn so bekam er eine hawiyya, was bedeutete, dass er als »ausländischer Einwohner« in seinem eigenen Haus in Palästina wohnen durfte. Er sagte, das sei besser, als ein Flüchtling zu sein.

Baba schloss sich uns wieder an, sobald er konnte. Doch seine lange Abwesenheit hatte unsere Familie beschädigt. Als ich geboren wurde, waren meine Eltern bereits nach Kuwait umgesiedelt. Dort vögelte mein Vater die erste von vielen Freundinnen. Sie hieß Yaqoot: Das ist der Name, den er in meine Geburtsurkunde eintragen ließ, ohne vorher meine Mutter zu fragen. In der Nacht, als meine Mutter mich zur Welt brachte, war er sicher bei Yaqoot gewesen, und als er beim Krankenhaus ankam, sonnte er sich – noch leicht betrunken – im Nachglanz eines romantischen Abends. So nannte er mich impulsiv nach seiner neuen Freundin und unterschätzte damit Mamas Intuition und Wut.

Yaqoot ist ein ungewöhnlicher Name für eine Palästinenserin. Bei den Irakerinnen ist er gebräuchlicher; darum nehme ich an, dass die Freundin meines Vaters eine Tochter Babylons war. Der Name bedeutet »Rubin«, und die Leute finden, es ist ein wohlklingender arabischer Name. Doch als Mama meine Geburtsurkunde sah, schrie sie und weinte und schlug meinen Vater mit ihrem Schuh. Sie zerschmetterte alle Teller in unserem Haus und bewarf ihn damit, während er versuchte, den Geschossen auszuweichen. Er ließ sie sich abreagieren, entschuldigte sich, schwor, dass Mama die einzige Frau war, die er liebte, und versprach, es nicht wieder zu tun. Dann schliefen sie wahrscheinlich miteinander. In der folgenden Zeit war alles harmonisch zwischen ihnen, dann wiederholte sich das ganze Szenario mit einer anderen Frau.

Als Mama zum zweiten Mal schwanger war, drohte sie, meinen Vater umzubringen, wenn er das Baby nach einer seiner »Huren« benannte, aber als sie dann einen Jungen bekam, musste sie sich darüber keine Gedanken mehr machen. Mein Vater jedoch nannte ihn Wasfy, nach seiner Mutter Sitti Wasfiyeh, was genauso schlimm war. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass Mama niemals die Namen verwendete, die in unseren Geburtsurkunden verzeichnet sind. Sie hielt ihr Versprechen dem Fluss gegenüber und rief mich Nahr. Mein Bruder Wasfy war für sie nur Jehad, ein Name, den Mama ausgesucht hatte – ein weiterer Streitpunkt zwischen ihr und Sitti Wasfiyeh.

Nur meine Familie und einige Verwaltungsangestellte an meiner Schule wussten, dass mein richtiger Name Yaqoot lautete, was eine glückliche Fügung war, denn als die Amerikaner Saddam vertrieben, suchte die kuwaitische Polizei nach jemandem namens Nahr. Ich konnte mich aus der Affäre ziehen, weil in meinem Ausweis Yaqoot stand.

Mein Bruder hatte nicht so viel Glück. Die Leute riefen ihn entweder mit dem einen oder dem anderen Namen oder mit beiden zusammen: »Wasfy Jehad«. Als die kuwaitische Polizei auf die Jagd nach Palästinensern ging, um Rache zu üben, weil Jassir Arafat sich auf die Seite Saddams gestellt hatte, wussten sie, nach wem sie suchen mussten.

Jehad war erst drei Jahre alt, als Baba an einem Herzinfarkt starb, in den Armen einer anderen Frau. Aber uns gegenüber behauptete Mama, dass Baba zu Hause gestorben sei. Sie erfand eine ganze Geschichte, die sich jedes Mal veränderte, wenn sie sie erzählte. »Er hatte den roten Flanellschlafanzug an, den ich für ihn gekauft hatte«, sagte sie etwa. Kurz darauf trug er den grünen Pyjama oder nur Unterwäsche. In letzterer Version hatte sie ihn schnell ankleiden müssen, bevor der Krankenwagen kam. Mama war eine schreckliche Lügnerin, aber die Wahrheit war einfach zu demütigend. Alle wussten Bescheid, und Mama wusste, dass sie es wussten, was die Sache nur noch erniedrigender machte. Mamas Lüge diente aber nicht nur dazu, um ihr selbst und uns die Scham zu ersparen. Ich denke, sie wollte ihn auch beschützen. Trotz allem hatte Mama meinen Vater sehr geliebt. Und er liebte sie auch, auf seine ganz eigene Weise.

Einmal, im Eifer des Gefechts (in jedem Streit ging es immer auch um Geld), tadelte Sitti Wasfiyeh Mama wegen des Todes meines Vaters, ihres einzigen Sohnes. »Wenn du eine bessere Ehefrau gewesen wärst, hätte er nicht zu anderen Frauen gehen müssen«, sagte sie, während sie das Essen genoss, das Mama zubereitet hatte.

»Wenn du einen Sohn großgezogen hättest, der seinen Schwanz in der Hose behalten kann und sein Geld anstatt für Huren für seine Familie ausgegeben hätte, müssten wir diese Debatte nicht führen.« In dieser Nacht hörte ich, wie sich Mama auf dem Balkon bei meinem toten Vater für das entschuldigte, was sie gesagt hatte. »Ich vergebe dir, mein Liebling. Ich vermisse dich«, flüsterte sie in den Äther hinein.

Jene Palästinenser, die aus Jerusalem, Haifa, Yafa, Akka, Jenin, Bethlehem, Gaza, Nablus, Nazareth, Majdal und den anderen Orten in Palästina vertrieben worden waren, fanden Aufnahme in Kuwait. Der Ölboom bot ihnen die Gelegenheit, sich ein neues Leben aufzubauen. Die Kuwaiter gewährten den Palästinensern nie mehr als eine vorübergehende Aufenthaltserlaubnis und machten deutlich, dass wir ewige Gäste waren. Doch die Palästinenser hatten Erfolg und waren maßgeblich daran beteiligt, Kuwait zu dem zu machen, was es heute ist. Wir waren Teil von jedem Sektor des öffentlichen Lebens, blieben aber immer Unterschicht.

Das alles wusste ich, aber es machte mir nichts aus. Kuwait war mein Zuhause, und ich war eine treue Untertanin der königlichen Familie. An jedem einzelnen Schultag sang ich gemeinsam mit den anderen Schülerinnen die Nationalhymne, mit Leidenschaft und Treue zu Kuwaits Reihe der regierenden Emire. Ich war traurig, als Emir Sabah Al-Salim Al-Sabah im Jahr 1977 starb. Und immer am 25. Februar feierten wir Kuwaits Unabhängigkeitstag so ausgelassen, als wäre es unser eigener.

Ich liebte alles an den Kuwaitern – ihre feinen Khaleeji-Gewänder, ihre mutchboos mit geröstetem Huhn und scharfer Soße, ihre diwans, ihre Tradition des Perlentauchens und ihre Lebensweise. Ich brachte mir ihren Dialekt bei und konnte Khaleeji »besser als sie selbst« tanzen. Das hat mal jemand zu mir gesagt. In der achten Klasse durfte ich sogar Teil der offiziellen Tanzgruppe sein, die am Unabhängigkeitstag im Fernsehen für die königliche Familie tanzte. Aber im Gegensatz zum Rest der Gruppe wurde ich im folgenden Jahr nicht wieder eingeladen, weil sich die Zuschauer beschwert und darauf bestanden hatten, dass eine solche Ehre den kuwaitischen Kindern vorbehalten sein sollte.

»Sie können es nicht ertragen, wenn die Palästinenser sich mit etwas hervortun«, sagte Mama, um mich zu trösten, aber sie verärgerte mich damit nur, denn ich mochte es nicht, dass sie schlecht über die Kuwaiter sprach. Für Mama jedoch war der Grund aller Probleme, dass wir Palästinenser waren, und in ihren Augen hatte die ganze Welt es auf uns abgesehen. Ich musste erst Zeit, Krieg und Gefängnis überleben, um sie zu verstehen.

»Siehst du, wie das ganze Land zeit-o-zaatar vertilgt, nur um so zu sein wie wir?« Sie lachte so heftig, dass ich die Füllungen in ihren Zähnen sehen konnte. Jetzt, allein im Würfel, lache ich auch, und es kommt mir so vor, als wären ihre Silberfüllungen, die ich vor mir sehe, meine eigenen. Ich erzähle Mama, wie sehr ich es liebte, wenn sie so lachte. Die Wärterinnen sind an die Gespräche gewöhnt, die ich mit mir selbst führe. Ich weiß, dass ich hier allein bin. Ich leide nicht unter Wahnvorstellungen. Aber die Erinnerung erweckt die Vergangenheit zum Leben, alles wirkt so real. Ich sehe, fühle und höre Jehad, Sitti Wasfiyeh, Mama, Baba. Vor allem Bilal ist hier bei mir.

Als ich klein war, gab es weder Handys noch Computer, und das Fernsehen bot nur zwei Kanäle an, einen auf Arabisch, den anderen auf Englisch mit Untertiteln. Das Programm begann am Abend und dauerte bis Mitternacht. Beide Programme begannen und endeten mit Lesungen aus dem Koran, die wir Kinder ungeduldig absaßen, bevor wir unsere Augen auf Cartoons (Tom & Jerry oder Road Runner) und dann auf die Seifenopern richten konnten. Einmal in der Woche zeigte jeder Sender einen Spielfilm, der stark zensiert wurde, um jede zarte Andeutung körperlicher Intimität zu tilgen. Ich bekam noch nicht einmal Bilder von Liebespaaren zu sehen, die sich an den Händen hielten. Es war offensichtlich, wo die Schnitte gemacht wurden. Erst blickten die Schauspieler sich tief in die Augen und kamen sich näher, im nächsten Moment standen sie weiter entfernt voneinander als am Anfang. An solchen Stellen blieb der Film für gewöhnlich zuckend stehen, was uns ermutigte, die Pause in unseren Köpfen mit einem Kuss oder auch mehr zu füllen. Aber nicht einmal darin war ich gut. Ich wusste ja fast nichts, und dieses Wenige konnte ich mir nur vage ausmalen. Bis Suad Marzouq mir und meinen verblüfften vierzehnjährigen Freundinnen erzählte, dass die Erwachsenen mit ihren Zungen küssten. Wir glaubten ihr nicht, übten aber trotzdem. Als ich sechzehn war, war ich mir sicher, ich wüsste alles, was es über die Liebe zu wissen gibt. Meine Freundinnen und ich hatten es nämlich geschafft, ein paar Schmuddelhefte (einmal sogar ein VHS-Video) in die Finger zu bekommen. Ich war ein Naturtalent im Flirten und bekam viel Aufmerksamkeit von Jungs, hatte aber nie einen richtigen Freund so wie einige meiner Freundinnen. Sie trafen ihre Verehrer heimlich, und das bedeutete meist Händchenhalten im Park. Wir hielten uns für mutig und kühn, aber in der Regel war ein Kuss mit einem Jungen schon das Höchste der Gefühle. Ich glaubte an das, was meine Welt mich lehrte – dass Allah einen bestimmten Mann für mich vorgesehen hatte und mein Leben beginnen würde, wenn ich ihn fand. Bei dem Gedanken, verheiratet zu sein und Babys zu machen, entflammte ich innerlich.

Als ich Mhammad zum ersten Mal traf, war ich siebzehn. Er war fünfundzwanzig. Er lebte in der alten Heimat, war aber gerade in Kuwait zu Besuch bei seiner Tante Um Naseem, die eine Etage über uns wohnte. Wir alle hatten ihn in den Nachrichten gesehen, als er einen Monat zuvor aus einem israelischen Gefängnis entlassen worden war, und meine Freundinnen waren neidisch darauf, dass er jetzt in unserem Haus wohnte.

»Sieht er wirklich so gut aus wie im Fernsehen?«, fragte eine. Ich hatte ihn noch nicht leibhaftig gesehen, fand aber, dass er im Fernsehen eher durchschnittlich ausgesehen hatte.

»Ich habe gehört, dass er nach sieben Jahren im Gefängnis eine Frau sucht«, sagte eine andere.

»Nahr, können wir bei dir zu Hause abhängen?«, bat eine dritte.

Ich erteilte ihnen eine Abfuhr. »Was ist los mit euch? Gibt es auf der Welt keine Jungs mehr in unserem Alter?«

Sie sahen mich an, als wäre ich verrückt geworden.

Mhammad Jalal Abu Jabal war ein echter Held, ein Guerillakämpfer, der für mehrere Widerstandsoperationen verantwortlich war. Es hieß, er sei gefangen genommen worden, nachdem er im Alleingang zwei zionistische Soldaten getötet hätte, die wiederum zwei seiner Freunde getötet hätten, Märtyrer, Allah hab sie selig.

»Den einen hat er mit einem Messer erstochen, dann seine Waffe genommen und den anderen erschossen«, erklärten sie.

»Ja, und?«

»Er ist kein Junge, sondern ein Mann. Ein berühmter Freiheitskämpfer«, sagte Sabah. Missbilligend stieß sie Luft durch die Zähne aus, spottete über meine ständige Unwissenheit. Ich konnte es nicht leiden, wenn sie das tat, besonders vor den anderen Mädchen.

Sabah wohnte im Nachbarhaus, und wir kannten uns, seit ich denken konnte. Unsere Freundschaft war aus Rivalität und Eifersucht erwachsen, aber auch aus Liebe und Vertrautheit. Wir kannten die Geheimnisse der anderen, hatten eine gemeinsame Geschichte und hielten zusammen gegen Außenstehende, aber wir versuchten uns auch gegenseitig zu übertrumpfen und wetteiferten manchmal um die Aufmerksamkeit desselben Jungen.

Sabah fuhr fort: »Er hat echt krasse Sachen gemacht. Aber da es dir egal ist, was mit Palästina passiert, kann dir das ja auch egal sein. Wir anderen sind ihm dankbar dafür, was er geopfert hat.«

Sabah hatte keine Ahnung von Palästina. Keine von uns hatte das, mal abgesehen von dem bisschen, was wir aus den Nachrichten aufschnappten, und ein paar Fetzen aus den Unterhaltungen der Erwachsenen, die früher dort gelebt hatten. Hand aufs Herz, es stimmte, dass es uns nicht interessierte. Wir waren Töchter von Kuwait, auch wenn wir nie Bürgerinnen werden konnten.

»Scheiß drauf, Sabah. Vielleicht heiratet er dich ja. Versuch’s doch!«

Als mir klar wurde, dass Sabah an diesem neuen Mann interessiert war, wollte ich ihn auch für mich. Ich war hübscher und eine bessere Tänzerin als sie, obwohl sie auch nicht schlecht aussah. Außerdem war sie intelligenter als ich. Und sie spielte Gitarre, was mich ärgerte, weil sie damit alle in ihren Bann ziehen konnte. Zum Glück war sie unsicher und schüchtern und spielte nur bei sich zu Hause oder im engen Freundeskreis.

Während der nächsten Tage sammelte ich Informationen aus den Gesprächen zwischen Sitti Wasfiyeh, Mama und den Nachbarn. Mhammad stammte aus einer bekannten Familie mit riesigem Landbesitz, obwohl ein Großteil davon bereits von dem zionistischen Gebilde beschlagnahmt worden war – so nannten die Leute Israel, ganz so, als würde es sich auflösen, wenn wir seinen Namen nicht aussprachen. Sie hatten ihn gefangen genommen und acht Tage lang gefoltert, bevor er schließlich ein auf Hebräisch abgefasstes Geständnis unterschrieb, das er nicht verstand. Darin stand, dass er einer von drei Männern gewesen war, die drei Soldaten angegriffen und zwei von ihnen getötet hatten. Der überlebende Soldat hatte ihn während des Angriffs nicht wahrgenommen, aber es gab andere Zeugen, die unter Folter gestanden, ihn in der Nähe des Tatorts gesehen zu haben. Er wurde vor ein Militärgericht gestellt und zu lebenslanger Haft verurteilt. Sie boten ihm eine geringere Strafe an, wenn er seinen jüngeren Bruder Bilal, der nach Jordanien geflohen war, beschuldigte. Aber er behauptete, dass sein Bruder nichts damit zu tun habe, seine Abreise sei reiner Zufall gewesen. Schließlich hatte er nicht nur den Mord an zwei israelischen Soldaten gestanden, sondern bekannte sich auch schuldig, einen Monat zuvor ein militärisches Nachschublager gesprengt und Angriffe auf Zivilisten geplant zu haben. Sieben Jahre später kam er frei im Rahmen eines merkwürdigen Gefangenenaustauschs, der von Israels neuestem Liebling Hosni Mubarak aus Ägypten vermittelt worden war. Danach tauchte er in Kuwait auf.

Niemand glaubte daran, dass Bilal nichts mit den Ereignissen an jenem schicksalhaften Tag zu tun hatte. Er war bereits mit fünfzehn Jahren inhaftiert worden, weil er gegen eine jüdische Siedlung protestiert hatte, und hatte bald einen Ruf als Anführer weg. Im Exil und während des Studiums war Bilal im Widerstand aktiv, und Israel wollte ihn unbedingt erwischen. Sie versuchten, ihn zu ermorden, und als das nicht klappte, wollten sie ihn gefangen nehmen. Aber schließlich war es Bilal, der ihnen einen Deal anbot: Mhammads Freiheit im Austausch gegen seine eigene. Zur allgemeinen Überraschung stimmte Israel zu. Bald wurde klar: Bilal war eine Trophäe. Und ich nehme an, sie wussten damals ganz genau, was ich erst Jahre später erfuhr: dass nichts in Mhammads Geständnis der Wahrheit entsprach.

Um sicherzustellen, dass Israel seinen Bruder nicht erneut verhaften würde, verlangte Bilal, dass Mhammad dem Roten Kreuz übergeben und im Libanon, in Kuwait, Jordanien, Tunesien oder in irgendeinem arabischen Land außer Ägypten (das ihn vielleicht gleich wieder an Israel überstellte) in Sicherheit gebracht wurde.

Nach einer Odyssee durch mehrere Länder kam Mhammad schließlich zu seiner Tante nach Kuwait. Den wahren Grund dafür erfuhren wir nie. Einige sagten, dies sei der beste Ort, nicht wieder verhaftet zu werden, nachdem sie Bilal festgesetzt hatten, denn Kuwait war ein sicherer Zufluchtsort für Palästinenser. Andere behaupteten, der Deal bedeute, dass er niemals nach Palästina zurückkehren könne, und dass kein anderes Land ihn mehr aufnehmen würde. Wieder andere sagten, er sei nach Kuwait gekommen, weil er hier eine Stelle angeboten bekommen hatte. Sabah glaubte, er sei hier, um eine Frau zu finden. »Ich habe gehört, dass seine Mutter in Palästina ihn unbedingt unter der Haube haben will«, raunte sie.

Inzwischen weiß ich, dass es die Bestimmung der Exilanten ist, von Ort zu Ort zu ziehen. Was auch immer der Grund dafür sein mag, der Boden unter unseren Füßen ist niemals fest.

Im Frühjahr 1985 flirtete ich schamlos mit Mhammad. Am Anfang war es ein Spiel, ein unausgesprochener Wettbewerb zwischen Sabah und mir. Er zeigte jedoch kein Interesse an mir, und das führte dazu, dass ich mich in eine Art Besessenheit hineinsteigerte. Ich stellte ihm nach und führte immer wieder »zufällige« Begegnungen im Treppenhaus herbei. Er sah so gut aus, und ich musste trotz unseres Altersunterschieds ständig an ihn denken.

»Glückwunsch, Nahr«, sagte Sabah und verdrehte die Augen. »Du hast im Treppenhaus Hallo zu ihm gesagt. Das ist bahnbrechend.«

Ich sonnte mich in dem, was ich für Sabahs Neid hielt. »Mehr als nur Hallo«, berichtigte ich und erzählte ihr, dass er zu einer demnächst stattfindenden Hochzeitsfeier in unserer Nachbarschaft kommen würde.

»Er sagte, er wolle mich tanzen sehen«, schwindelte ich ihr vor.

Unsere Freundinnen kreischten vor Aufregung, aber Sabah sagte nichts mehr.

Mein Plan funktionierte. Auf der Hochzeit bestand meine Mutter nach einigen Liedern zwar darauf, dass ich mit dem Tanzen aufhörte. (»Das reicht, Nahr!«, hatte sie gesagt.) Ich bemerkte jedoch, dass ich seine Aufmerksamkeit erregt hatte. An jenem Abend konnte er die Augen nicht von mir lassen. Ich erinnere mich an nicht viel aus diesem Sommer, nur noch daran, wie ich meinen Freundinnen erzählte, dass ich den Mann gefunden hatte, den Allah für mich auserkoren hatte.

Von da an trafen Mhammad und ich uns regelmäßig am Strand, in Parks und Einkaufszentren. Meine Freundinnen (sogar Sabah) deckten mich, wenn Mama anrief. Er erzählte mir Geschichten über Palästina, die anders klangen als die meiner Großmutter und meiner Eltern. Dort gab es ein Nachtleben für junge Leute: Partys, Cafés, Parks und Clubs. Damals konnten die Palästinenser noch zum Strand gehen, und wir redeten über unsere gemeinsame Liebe zum Meer. Er wollte alles über mein Leben wissen. Er kämpfte mit der Wüstenhitze und mit der Anpassung an das Leben in Kuwait. Er wäre schon vor Wochen abgereist, hätte er mich nicht kennengelernt. »Die Freundschaft zu dir bedeutet mir alles«, sagte er. Er wirkte verletzlich, und die Art, wie er mich brauchte, verführte mich zu der Annahme, dass ich ihn liebte. Ich gestand es ihm. Nur wenige Monate später kam er mit seiner Familie zu uns nach Hause und bat um meine Hand.

Ich träumte von der großen Liebe, Sex, meinem eigenen Haus, Kindern, einem Job, so wie moderne Frauen einen hatten. Vielleicht konnte ich ja eine elegant gekleidete Sekretärin sein, so wie ich sie auf dem Cover von Frauenmagazinen gesehen hatte? Daraufhin ging ich auf die Suche nach den neuesten Haushaltsgeräten, die zu dem Leben passten, das ich mir vorstellte. Eine von diesen halb manuellen Waschmaschinen, wie es bei uns im Haus eine gab – wo man jedes Kleidungsstück durch zwei Rollen schieben musste, um das Wasser auszupressen –, würde mir nicht reichen. Einige Leute hatten sogar Spülmaschinen, die das Geschirr reinigten und trockneten. So eine wollte ich, und Mhammad versprach mir, dass ich eine bekäme. Ich malte mir aus, wie alle meine Freundinnen mich beneiden würden.

Sitti Wasfiyeh war entzückt, obwohl sie den Geräten, die ich kaufen wollte, nicht über den Weg traute. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Maschine das Geschirr spülen kann. Wie soll sie die Sachen denn auch gründlich sauber schrubben? Du wirst Käfer in deinem Haus bekommen, und ich werde dich nie besuchen«, warnte sie mich.

Mama riet mir, eine solch große Entscheidung nicht überstürzt zu treffen. Sie fürchtete, Mhammad könne zu alt für mich sein. Viele Jahre später gestand sie mir, dass sie die Ehe beinahe verboten hätte, aber meine Begeisterung und Freude in diesen Tagen hätten sie an ihrem Instinkt zweifeln lassen. »Außerdem hattest du den stärksten Charakter in der Familie. Ohne es zu bemerken, richteten wir uns immer nach dir«, sagte sie zu mir. Ich für meinen Teil hielt Mamas Sorgen für die Ängste eines Menschen, dessen Ehe nicht so gut gelaufen war, wie er es sich erhofft hatte. Außerdem stellte sich meine Geschichte doch wohl anders dar als ihre.

Mein Bruder Jehad fühlte sich nicht wohl in der Rolle des Hausherrn, die er der Tradition wegen bekleiden musste, obwohl er erst elf Jahre alt war. »Ach, was soll’s, es ist mir egal, Nanu. Zieh es einfach durch, wie auch immer. Ich ertrage diesen Heiratsverhandlungskram einfach nicht mehr«, verkündete er. Aber später, als ihm klar wurde, dass ich aus unserer Wohnung ausziehen würde, sprach er ein Machtwort.

»Als Mann des Hauses bestehe ich darauf, dass Nanu weiterhin in unserer Wohnung lebt. Sie darf ihren Ehemann besuchen, aber sie darf nicht bei ihm leben«, erklärte er am Abend unserer Verlobung. Die Gäste waren belustigt. »Wie süß«, bemerkte jemand. In jener Nacht bekam Jehad einen Asthmaanfall. Ich schlief in seinem Bett, ließ ihn an meiner Brust weinen und versprach ihm, dass ich nie weit weg sein würde und immer da wäre, wenn er mich brauchte.

Jehad war aber nicht der einzige Mann in der Familie. Die Brüder meiner Mutter (ich wollte sie nicht Onkel nennen) kamen vorbei, um ihre sozialen Pflichten zu erfüllen. Sie vertraten mich, die Braut, in den förmlichen Gesprächen über meine Mitgift und andere praktische Dinge der Ehe. Meine Familie hatte etwas gegen die ungeheuerlichen Summen, die manche Leute verlangten. Umsonst konnten sie mich jedoch auch nicht weggeben. Sie wollten meinen jungen Verehrer nicht ruinieren, aber ich war eben auch eine Frau, die eine anständige Mitgift wert war. Mama sagte, wir müssten überlegen, was der junge Mann sich leisten könne. »Aber wir müssen auch sicherstellen, dass du versorgt bist. Also müssen sie uns zeigen, dass sie es ernst meinen«, verkündete sie.

Als die Heiratsverhandlungen abgeschlossen waren, ließ Mhammads Tante eine Bombe platzen, die beinahe alles zerstört hätte. »Wir erwarten, dass die Hochzeit mindestens achttausend Dinar kosten wird, und wir wären bereit, zehntausend zu bezahlen. Aber wir müssen noch eine Weile warten …«

»Eine Weile?«, entgegnete Mama.

»Sein Bruder Bilal wurde gerade verhaftet, und seine Mutter kann nicht nach Kuwait reisen, um eine Hochzeit zu besuchen, weil Israel ihr Haus beschlagnahmen könnte, wenn sie wegfährt. Es wäre falsch und respektlos von dem ältesten Sohn, unter diesen Umständen eine Hochzeitsfeier abzuhalten«, erklärte Mhammads Tante.

Es war schwer, dagegen etwas zu sagen, aber sie verstanden auch, wie demütigend es für mich wäre, die Hochzeit ohne eine richtige Feier zu begehen. Mama schlug vor, den Hochzeitstermin zu verschieben, aber die endgültige Entscheidung lag bei mir. Schließlich zahlte Mhammads Familie eintausend Dinar, gab uns eine Gold-shabka im Wert von zweitausend Dinar und ein mo’akhar für ebenfalls zweitausend Dinar, mietete und möblierte unsere eheliche Wohnung und legte ein gemeinsames Konto über zehntausend Dinar an, die wir in einigen Monaten für unsere Hochzeitsfeier verwenden sollten, wenn Hajjeh Um Mhammad, meine Schwiegermutter, vielleicht doch nach Kuwait reisen konnte, inshallah.