Illustriertes »Hochzeits« Extra-Blatt -  - E-Book

Illustriertes »Hochzeits« Extra-Blatt E-Book

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Beschreibung

Am 7. Jänner 1906 heirateten in Innsbruck Jenny Mayer und Soma (Samuel) Kaldor, die beide aus angesehenen Familien des jüdischen Bürgertums stammten. Vermutlich wäre das heute vergessen, wenn nicht Freunde des Paares als Geschenk und Gästebuch ein Illustriertes »Hochzeits« Extra-Blatt verfasst hätten. Dieses glücklicherweise erhaltene Buch stellt ein einzigartiges Zeitdokument dar und gibt einen faszinierenden Einblick in Leben und Kultur des jüdischen Bürgertums Innsbrucks vor dem Ersten Weltkrieg. Die Gäste steuern freche Gedichte und Texte bei, in denen sich die jüdische High Society gut gelaunt übereinander lustig macht, Zeichnungen mit einmontierten Fotografien zeigen Innsbrucker Straßenszenen oder die feiernde Gesellschaft. Thomas Albrich und Josefine Justic stellen dem Illustrierten »Hochzeits« Extra-Blatt die Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte zur Seite, verschaffen einen Überblick über das jüdische Innsbruck Anfang des 20. Jahrhunderts und entschlüsseln die Abkürzungen und Anspielungen der Hochzeitszeitung. Abgerundet wird alles mit einem Personenregister mit ausführlichen biografischen Informationen. So bietet das Buch einen einzigartigen Einblick in eine Blütezeit jüdischen Lebens in Tirol, die mit dem Ersten Weltkrieg und spätestens im Nationalsozialismus ein tragisches Ende fand.

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Seitenzahl: 186

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Thomas Albrich/Josefine Justic (Hrsg.)

Illustriertes „Hochzeits“ Extra-BlattInnsbrucks jüdisches Bürgertum feiert im Jänner 1906

 

Thomas Albrich/Josefine Justic (Hrsg.)

Illustriertes „Hochzeits“ Extra-Blatt

Innsbrucks jüdisches Bürgertum feiert im Jänner 1906

Michael Wagner Verlag

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Zum jüdischen Leben in Innsbruck vor dem Ersten Weltkrieg – die Familien Bauer und Schwarz und ihre Verwandtschaft

Thomas Albrich

Innsbruck zwischen 1900 und dem Ersten Weltkrieg

Josefine Justic

Die Trauung von Jenny Mayer und Samuel Kaldor am 7. Jänner 1906 – das Brautpaar und seine engere Verwandtschaft

Thomas Albrich

ILLUSTRIERTES „HOCHZEITS“ EXTRA-BLATT ZUM 7. JÄNNER 1906

Karl Bauer und Walter Schwarz (Hrsg.)

Die Familie Bauer und ihre Verwandten vor dem Ende des Ersten Weltkriegs

Thomas Albrich

Personenregister mit biografischen Informationen

Thomas Albrich

Bibliographie

Bildnachweis

Einleitung

Am 7. Jänner 1906 heirateten in Innsbruck Jenny Mayer aus Innsbruck und Soma Kaldor aus Graz, beide aus angesehenen Familien des jüdischen Bürgertums. Die Hochzeit fand im damaligen israelitischen Bethaus im Stöcklgebäude des Hauses von Michael Brüll in der Anichstraße 7 in Innsbruck statt. Der Bräutigam war der 31-jährige Samuel Kaldor (Kohn), ein lediger Kaufmann und Sohn des Jakob Kohn, Handelsmann aus Körmend1, der in Graz wohnhaft war, und der Amalia, geborene Trautmann. Er wurde am 4. Juli 1874 in Graz geboren und zuständig nach Körmend, Eisenburger Comitat Ungarn. Die Braut war die 27-jährige Jenny Mayer, ledige Tochter des Kaufmanns Alexander Mayer in Innsbruck, zuständig nach Wien, und der Fanny, geb. Bauer, geboren in Innsbruck am 12. November 1878. Die Trauung vollzog auf Grund der Delegierung des Rabbinates Hohenems Dr. Gustav Sicher, Rabbiner in Innsbruck. Die Trauzeugen waren Sigmund Kaldor und Sigmund Mayer.2

Die Hochzeit wäre vermutlich heute vergessen, wenn nicht zwei Cousins der Braut, Karl Bauer und Walter Schwarz, zusammen mit weiteren Freunden des Paares, die ebenfalls Beiträge beisteuerten, als Geschenk für die beiden ein Illustriertes „Hochzeits“ Extra-Blatt herausgegeben hätten. Die beiden Herausgeber waren Karl, der einzige Sohn von Louis Bauer, und Walter, der älteste Sohn von Victor Schwarz. Karl Bauer war damals 27 Jahre alt, ein begabter Musiker und Sänger, im Ersten Weltkrieg Hauptmann der Kaiserjäger. Im Novemberpogrom 1938 wurde er schwer verletzt, konnte mit seiner Frau in die USA flüchten, war aber bleibend beeinträchtigt. Walter Schwarz, damals 20 Jahre alt, war ein Jahr zuvor während seines Militärdienstes beim 1. Tiroler Kaiserjägerregiment als „Saujud“ beschimpft worden. Die Ohrfeige, die er daraufhin austeilte, brachte ihm eine strafweise Verlängerung seiner Militärzeit ein. Er konnte nicht mehr Reserveoffizier werden. Im Ersten Weltkrieg ist er als einer der ersten Tiroler am 8. September 1914 bei Horodok/Grodek in der Ukraine gefallen. Die beiden Herausgeber waren die Verbindung zu den Familien Bauer und Schwarz, die auch die Hauptpersonen im Illustrierten „Hochzeits“ Extra-Blatt stellen.

Dieses glücklicherweise erhalten gebliebene Unikat ist ein einzigartiges Dokument, eine Momentaufnahme aus glücklichen Zeiten. Die Gäste steuerten freche Gedichte und Geschichten bei, mit denen sich die jüdische Gesellschaft in Innsbruck gut gelaunt – und phantasievoll verschlüsselt – über sich selbst lustig machte.

Wenige vergleichbare Stücke aus dieser Zeit haben überdauert. Das im Folio-Format gebundene Illustrierte „Hochzeits“ Extra-Blatt befand sich nach Auskunft des Innsbrucker Antiquars Dieter Tausch vermutlich im seinerzeitigen Nachlass von Dr. Hans Hochenegg (1894–1993), der 2001/2002 über Vermittlung von Tausch von der Stadt Innsbruck angekauft wurde. 2003 wurde die Handschrift im Innsbrucker Stadtarchiv inventarisiert und als Provenienz Dieter Tausch angeführt.

Teile des Illustrierten „Hochzeits“ Extra-Blatts sind sogar mit Schreibmaschine getippt, was trotz der über 30 Jahre zurückliegenden Präsentation der ersten bürotauglichen Schreibmaschinen 1873/74 durch die Firma Remington in den USA in Innsbruck um 1900 noch eine Seltenheit war. Die einzelnen, zumeist handgeschriebenen Kapitel behandeln sowohl die Charakterisierung von neuen und alten Familienmitgliedern auf humoristische Weise als auch familiäre Ereignisse, Aktuelles in Innsbruck und „aus aller Welt“ sowie geschäftliche Belange.

Das Illustrierte „Hochzeits“ Extra-Blatt stellte für uns als Bearbeiter eine große Herausforderung dar, da die im Text vorkommenden Personen teilweise mit Spitznamen oder Übernamen, meist aber nur mit Initialen gekennzeichnet sind. Die Auflösung dieser „versteckten“ Biografien war schwierig. Schlussendlich konnten all jene Personen als Mitglieder der Innsbrucker jüdischen Gesellschaft um 1900 identifiziert werden, die meist im Umfeld der Familien Bauer und Schwarz lebten bzw. ihnen angehörten. Eine Edition war nur möglich, da die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Innsbruck (und ihr Umfeld) zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Bearbeitern bekannt sind.

Schwieriger zu recherchieren waren Personen außerhalb des jüdischen Familienkreises, die schlussendlich z. B. über die Adressbücher zu finden waren. Wobei erwähnt werden muss, dass bei den Namensund Ortsnennungen im Illustrierten „Hochzeits“ Extra-Blatt einiges an Fantasie und „Übersetzungskunst“ anzuwenden war. Das „Kosakenkaffee“ entpuppte sich z. B. als das Café Central, das 1906 im Besitz des Franz Kosak war.

Das Illustrierte „Hochzeits“ Extra-Blatt ist mit gelungenen Zeichnungen – wahrscheinlich von Karl Bauer – ausgestattet. Andere Illustrationen sind eher skizzenhaft, wobei wichtige Personen mit ausgeschnittenen Fotos erkennbar gemacht wurden. Hier konnten freilich nur jene identifiziert werden, für die wir in anderen Kontexten bereits zugeordnete Fotografien auffinden konnten.

Neben den biografischen Teilen war auch die Zuordnung von Örtlichkeiten, die im Illustrierten „Hochzeits“ Extra-Blatt genannt werden (im Besonderen natürlich von Innsbruck), wichtig. Sie wurden identifiziert und zum Teil mittels Fotos illustriert. Auch werden ergänzende Informationen zu Ereignissen rund um die Jahre 1905/06 beigesteuert, die entweder im Illustrierten „Hochzeits“ Extra-Blatt erwähnt werden oder allgemein für Innsbruck um die Jahrhundertwende von Bedeutung waren, z. B. die 1891 eröffnete, mit Dampf betriebene Lokalbahn Innsbruck – Hall i. T., die 1900 eröffnete Mittelgebirgsbahn nach Igls und die ab 1905 elektrisch geführten innerstädtischen Straßenbahnen. Weitere infrastrukturelle Maßnahmen in der Stadt, die eine wesentliche Rolle im Aufstieg von Innsbruck zu einer modernen Stadt gespielt haben, waren z. B. die 1903/06 durchgeführten Kanalisationsarbeiten und ab 1905 die Einführung der elektrischen Straßenbeleuchtung. Diese Textabschnitte sind mit entsprechenden Fotos aus dem Stadtarchiv Innsbruck bebildert.

Eine kurze Darstellung zum 1908 eröffneten Kaufhaus Bauer und Schwarz in der Maria-Theresien-Straße (Haus Nr. 33–35, heute Kaufhaus Tyrol), dessen Errichtung seit 1905 ein gemeinsamer Plan der beiden befreundeten und verwandtschaftlich verbundenen Familien war, wurde, aufbauend auf die bereits vorhandene Literatur, mit Auszügen aus den damals vehement geführten Diskussionen im Innsbrucker Gemeinderat ergänzt. Das im Illustrierten „Hochzeits“ Extra-Blatt nachgezeichnete Kaufhaus Schwarz war noch das Geschäft an der Adresse Maria-Theresien-Straße 37.

Der Bezug der Braut zu Bauer & Schwarz war ihre Mutter Fanny Mayer, die eine Tochter des Stammvaters der Familie Bauer, Josef Bauer, war, und der Umstand, dass Jenny im Kaufhaus von Victor Schwarz arbeitete. Mit viel Aufwand konnten die Biografien des Hochzeitspaares und der anderen Personen, die im Buch vorkommen, erarbeitet werden. All diese Hinweise wurden ebenso wie die persönlichen Initialen bestmöglich entschlüsselt und in einem ausführlichen Personenregister mit biografischen Informationen dargestellt. Dazu wurde auch ein Stammbaum der Familie Bauer mit allen Angeheirateten und deren vor 1918 geborenen Kindern erstellt.

Als zusätzliche Quellen konnten eine Reihe von Vorarbeiten von Martin Achrainer3, Thomas Albrich4 oder Horst Schreiber5 herangezogen werden.

Wir haben dem Illustrierten „Hochzeits“ Extra-Blatt seine Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte zur Seite gestellt und es in den Kontext der jüdischen Gemeinde Innsbrucks und der Stadt Innsbruck Anfang des 20. Jahrhunderts eingebettet. So bietet das Buch einen einzigartigen Einblick in eine kurze Blütezeit jüdischen Lebens in Innsbruck, die mit dem Ersten Weltkrieg tiefe Brüche und dann mit dem Nationalsozialismus ein tragisches Ende fand.

Zum Abschluss ein Dank an den Verlag, das Land Tirol und die Stadt Innsbruck als Subventionsgeber, das Stadtarchiv Innsbruck und das Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum und alle, die uns bei diesem Unternehmen vor allem bei der Bildbeschaffung unterstützten.

Pfaffenhofen/Innsbruck im Frühjahr 2022 Thomas Albrich und Josefine Justic

Anmerkungen

1 Körmend (deutsch: Kirment) liegt im heutigen Komitat Vas an der Grenze zum Burgenland.

2 Trauungsmatrikel des Rabbinats für Tirol und Vorarlberg, S. 168. TLA, TV jüd 5.

3 Martin Achrainer, Jüdisches Leben in Tirol und Vorarlberg von 1867 bis 1918, in: Thomas Albrich (Hrsg.), Jüdisches Leben im historischen Tirol, Band 2: Von der bayerischen Zeit 1806 bis zum Ende der Monarchie 1918, Innsbruck 2013, S. 193–380.

4 Thomas Albrich (Hg.), „Wir lebten wie sie …“ Jüdische Lebensgeschichten aus Tirol und Vorarlberg, 2. Auflage, Innsbruck 2000.

5 Horst Schreiber (Hg.), Von Bauer & Schwarz zum Kaufhaus Tyrol, Innsbruck–Wien–Bozen 2010.

Zum jüdischen Leben in Innsbruck vor dem Ersten Weltkrieg – die Familien Bauer und Schwarz und ihre Verwandtschaft

Thomas Albrich

In Tirol galt bis zu den Staatsgrundgesetzen vom Dezember 1867 praktisch ein Ansiedlungsverbot für Juden. Die wichtigste Auswirkung der rechtlichen Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung war die Niederlassungsfreiheit im ganzen k. u. k. Staatsgebiet. Damit begann eine zuerst langsame, ab den 1890er Jahren zunehmend stürmische Zuwanderung nach Alttirol, vor allem nach Innsbruck.1 Die jüdische Bevölkerung in Innsbruck betrug 1890 genau 100 Personen, zehn Jahre später, im Jahr 1900, waren es erst 128.2 1910 hatte Innsbruck, inklusive Hötting und Mühlau, rund 63.000 Bewohner,3 davon waren 384 Personen jüdisch. Durch Verordnung des Ministeriums für Kultus und Unterricht vom 9. September 1892 wurden die Juden des Kronlandes Tirol vorerst der seit langem existierenden Emser Kultusgemeinde zugewiesen.4 Die Gründung einer eigenen Israelitischen Kultusgemeinde in Innsbruck erfolgte dann mit 1. Jänner 1914. Diese war nur für den Sprengel Nordtirol zuständig, während Hohenems bis 1918 für das restliche Kronland, also auch für das heutige Südtirol, verantwortlich blieb.5

Die jüdischen Tiroler fassten sich als religiöse Gruppierung auf, als Tiroler jüdischen Glaubens. Die Innsbrucker jüdische Gemeinde – bis auf wenige Ausnahmen lebte die jüdische Bevölkerung Nordtirols in der Landeshauptstadt – zählte damals zu den religiös liberalen.6

Die jüdische Bevölkerung von Innsbruck um 1900

Die seit 1867 mögliche Migration brachte seit Anfang der 1870er Jahre neue, innovative jüdische Kräfte ins Land. Da waren Kaufleute wie Josef Bauer und sein Sohn Louis aus dem Burgenland, Victor Schwarz mit seinen Brüdern aus Slawonien oder Michael Brüll aus Mähren, die mit neuen Werbe- und Verkaufsmethoden erfolgreich um Kundschaft in Innsbruck kämpften. Die Familien Bauer und Schwarz betrieben eine Konzentration der Kräfte und führten schließlich Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Eröffnung des großen Warenhauses Bauer und Schwarz die neuesten Errungenschaften des modernen Verkaufs in Tirol ein.7

Sigmund Steiner, Betreiber einer Essigsprit-Liqueurfabrik und Branntweinbrennerei in Wilten, der aus einer seit dem Jahr 1809 in Innsbruck lebenden Familie stammte, war bereits um 1890 im Handel tätig. Er präsentierte auf der Landes-Ausstellung in Innsbruck für Industrie und Gewerbe 1893 und ein Jahr später in Bozen alle Sorten selbsterzeugter Branntweine und Liqueure. Auch die Gebrüder Dubsky, alte jüdische Einwanderer aus dem Osten der Monarchie, die ebenfalls in Wilten eine Branntweinbrennerei und Essigfabrik betrieben, stellten ihre Erzeugnisse an gebrannten geistigen Flüssigkeiten aus, das waren 18 verschiedene Sorten „Tiroler Spezialware“. Auch der dritte jüdische Schnapsbrenner, Samuel Schindler, Besitzer der Branntweinbrennerei, Liqueur- und Weinessigfabrik in Innsbruck-Wilten, gab dort „in der Kosthalle“ Proben von seinen sämtlichen Erzeugnissen.

Vor 1906 noch zwei Firmen: Bauer & Sohn und Victor Schwarz & Co.

Wilhelm Dannhauser und sein Bruder, eingesessene jüdische Wäschefabrikanten in Innsbruck, zeigten bei den beiden Ausstellungen Herren- und Damen-Wäsche aller Art sowie Bettwäsche „in einfacher aber vorzüglicher Qualität“.8

Schon vor 1900 gab es auch jüdische Konvertiten in Innsbruck: Hermann Uffenheimer und seine vielfach höchstprämierte Kunststickerei in Innsbruck war auf der Ausstellung 1884 ebenfalls präsent und schlug die Werbetrommel:

„Alle vorkommenden Stickarten von der gewöhnlichsten Anfänger-Arbeit bis zur feinsten Nadelmalerei, Kirchenwäsche und Messkleider in Flachsteich und Tamburmaschinenerzeugnisse. Reichgestickte Messkleider sind wohl über 30 Stücke ausgestellt, darunter eines mit Kreuzwegbild von 140 cm Höhe, nach Zeichnung des Professors Klein. Die Leistungsfähigkeit dieser Firma wurde in Wien, Rom, Paris ec. ec. als vorzüglich anerkannt.“9

Zu den frühesten jüdischen Einwanderern Innsbrucks zählte Marcus Loewe aus Württemberg, der sich bis Mitte der 1870er Jahre vom Buchhalter und Wechselagenten zum größten Privatbankier Tirols hocharbeitete. Er brach mit seinem Institut das Monopol der Innsbrucker Sparkasse und befriedigte den wachsenden Kreditbedarf der Tiroler Wirtschaft. Seine drei aus Stuttgart stammenden Neffen Julius, Max und Theodor Stern entwickelten schon vor 1900 das Bankhaus M. Loewe weiter. Sie investierten vor allem in den Bau der Innsbrucker Lokalbahnen sowie in die Zillertalbahn und machten sich um den Ausbau des Tiroler Fremdenverkehrs verdient. Im Jahre 1904 übernahm die Österreichische Credit-Anstalt das Bankhaus. Die Brüder Stern führten ihr altes Bankhaus als Filiale der CA über den Ersten Weltkrieg hinaus weiter.10

Im Scherer, dem ersten illustrierten Tiroler Witzblatt für Politik, Kunst und Leben11, erschien 1899 eine lose Serie unter dem Titel „Der Evangelimann“, die in der äußeren Form eines Gleichnisses die Zuwanderung von Jüdinnen und Juden der vergangenen Jahre nach Innsbruck karikierte. Als Hauptpersonen erscheinen Josef Bauer und seine Schwiegersöhne Alexander Mayer, Michael Brüll und Victor Schwarz. Kaum versteckt kommen im Text außer dem Banker Marcus Loewe und Wilhelm Dannhauser noch weitere Innsbrucker Juden vor: Salomon Baum, David Preuß und Ernst Gutmann, dann die beiden Brüder Fuchs – Karl, der „Möbelfuchs“, und Leopold, der „Goldfuchs“ – und auch der Kaufmann Lois Singer. Die Geschichte dreht sich aber hauptsächlich um die Familien Bauer und Schwarz, jene Leute, die im Jahre 1906 die Hauptpersonen im Umfeld der Hochzeit von Jenny Mayer waren.12 Wer waren diese beiden Familien und wie waren sie miteinander und mit anderen jüdischen Familien in Innsbruck versippt?

Der 1815 im heutigen Mattersburg im Burgenland geborene Josef Bauer hatte sieben Kinder – Louis, Emma, Julius, Franziska, Nina, Rosa und Isidor, die alle in Wien geboren wurden.13 Er versuchte erfolgreich, seine Töchter mit aufstrebenden jüdischen Kaufleuten zu verheiraten, um eine mächtige Familiendynastie aufzubauen. So stützte er durch die ökonomisch orientierten Trauungen seiner Töchter den Ausbau seines wirtschaftlichen Erfolges mit familiären Banden.14

Josef Bauer aus dem Burgenland war mit sieben Kindern der Urvater der Bauer-Familie in Innsbruck. Seine Töchter verheiratete er an aufstrebende jüdische Geschäftsleute in Innsbruck.

Am 26. Juli 1885 wurde die 21-jährige Rosa Bauer mit dem neun Jahre älteren Victor Schwarz aus Osijek vermählt. Ihn hatte Josef Bauer geschäftlich kennengelernt. Victor Schwarz war Reisender für Wiener Engros-Firmen. Noch im Jahr ihrer Heirat eröffnete Victor Schwarz ein Damen- und Herrenmodengeschäft unter dem Namen „Viktor Schwarz & Co“ unter den Lauben („Goldenes-Dachl-Gebäude“). Bald darauf erwarb er die Villa Mignon in der Templstraße 8, in der er mit seiner kinderreichen Familie bis zur Übersiedlung in die Maria-Theresien-Straße 37 lebte. Dieses Haus kaufte er 1893 gemeinsam mit seinem Bruder Hugo mit Hilfe eines Kredits. 1899 eröffnete er dort seine Hauptniederlassung mit dem Namen „Victor Schwarz & Co – Warenhaus Schwarz“.15

Victor Schwarz folgten auch zwei seiner Brüder, Hugo und Alexander Schwarz, nach Innsbruck. Auch Hugo Schwarz heiratete in die Familie Bauer: Er nahm die Enkelin von Josef Bauer, die 16-jährige Flora Hohenberg, zur Frau. Sie war die Tochter seiner Schwägerin Emma, geborene Bauer. Isidor Bauer, ein Sohn von Josef Bauer, heiratete seine um elf Jahre jüngere Nichte Paula Hohenberg, ebenfalls eine Tochter von Emma. Ernst Schwarz, der Sohn von Victor Schwarz, nahm Helene Kafka, eine Enkelin von Louis Bauer, zur Frau. Die Familien Bauer, Schwarz und Hohenberg waren somit engstens verbunden.16

Die beiden Familien Bauer und Schwarz waren aber durch Heirat auch mit anderen jüdischen Innsbrucker Handelsfamilien verwandt. Josef Bauers älteste Tochter Nina heiratete am 20. April 1884 den Möbelfabrikanten Michael Brüll,17 der in Wien die Möbelhandlung seiner Eltern übernommen hatte. Da die Familie seiner Frau jedoch in Innsbruck lebte und Tirol durch die aufblühende Wirtschaft bessere Geschäftsaussichten bot, übersiedelte Brüll mit seiner Familie nach Innsbruck. In der Tiroler Landeshauptstadt eröffnete er 1887 eine „Möbel-Niederlage“ in der Fallmerayerstraße 9. Schon ein Jahr später expandierte er und hatte einen weiteren Standort in der Meinhardstraße 16. Diese beiden Geschäfte schloss er 1892, um in der Maximilianstraße ein „Innsbrucker Etablissement für Wohnungs-Einrichtungen“ zu eröffnen. Ab 1893 richtete er eine weitere Filiale in der Maria-Theresien-Straße 22 ein. 1894 kaufte er das Haus Anichstraße 7, in das er auch seinen Geschäftsstandort verlegte und seine beiden anderen Geschäfte aufließ. Sein Geschäft florierte, er konnte seine Werkstatt ausbauen und ein weiteres Wohngebäude errichten. Die Möbel, die er produzierte, verkaufte er nicht nur in Innsbruck, sondern sie wurden in ganz Tirol, Bayern, Italien und sogar der Ukraine vertrieben.18

Werbekalender der Firma Josef Bauer & Sohn;

Werbeseite der Möbelfabrik Michael Brüll, Anichstraße 7 in Innsbruck

Als sich Innsbruck Anfang des 20. Jahrhunderts in einem großen wirtschaftlichen Wachstum befand und dieses Wachstum einen steigenden Konsum mit sich brachte, war dies die optimale Voraussetzung für Fanny Mayers Brüder und Schwäger, in Innsbruck Handel zu betreiben und mit ein wenig Geschick erfolgreich zu werden. Die Familie Bauer bildete mit der Familie Schwarz das wichtigste Zentrum der jüdischen Gesellschaft in Innsbruck.19

Juden in der Innsbrucker Geschäftswelt vor 1910

Um 1910 waren einige der modernsten Geschäfte Innsbrucks von Juden aufgebaut worden: vom Möbelhaus Brüll und dem Modehaus Stiassny in der Anichstraße über das Warenhaus Bauer und Schwarz und die Schuhgeschäfte von Julius Pasch in der Maria-Theresien-Straße bis zum Schuhhaus Graubart und dem Modehaus Schulhof in der Museumstraße. Hinzu kam mit dem Café Schindler in der Mitte der Maria-Theresien-Straße eines der größten Kaffeehäuser der Stadt, in dem nachmittags und abends Tanzmusik geboten wurde.

Eine der ältesten jüdischen Firmen war jene von Josef Bauer. Ab dem Jahr 1864 lebte die Familie Josef Bauer saisonweise in Meran und Innsbruck, wo Josef Bauer als Marktfahrer Wäsche aus Wien verkaufte. Er war, wie auch viele andere jüdische Zuwanderer, zunächst ein kleiner Händler und verkaufte nur aus seinen Warenlagern.20 1867 siedelte er sich schließlich in Innsbruck an und gründete im folgenden Jahr die Firma „Josef Bauer“. Auf dem Markt in Hall und in seinen Verkaufsräumlichkeiten in Innsbruck verkaufte er Bänder, Krepp, Tüll, Organtin, Posamentier- und Aufputzwaren, feinste Seidensamte, englische Wollsamte, Kleiderstoffe und vieles mehr. Louis Bauer half seit jeher seinem Vater Josef in seinen Warenhandlungen und bei Abwesenheit seines Vaters übernahm Louis seit 1868 die Verantwortung in den Innsbrucker Geschäften. Am 28. November 1874 machte Josef Bauer seinen damals 30-jährigen Sohn Louis zu seinem Teilhaber und benannte die Firma in „Josef Bauer & Sohn“ um.21

Das Firmengebäude des Kaufhauses Bauer & Sohn in der Maria-Theresien-Straße in Innsbruck

Josef Bauers Söhne und Schwiegersöhne mieteten und kauften sich Häuser in den Innsbrucker „Prachtstraßen“, die sich damals noch teilweise in einem desolaten Zustand befanden, und richteten dort ihre Geschäfte ein. Dadurch etablierten sie sich im rückständigen Innsbrucker Handel in der Oberliga. Durch die Bündelung von Kapital, Arbeitskraft, Know-how, einer zusammengeführten Familiendynastie und einem weit verzweigten Verwandtschaftsnetz gelang ihnen der Sprung an die Spitze.22

Louis Bauer, seit dem Tod seines Vaters 1889 der Chef des Bauer-Clans, erwarb am 1. Mai 1902 vom Konditor Johann Jenny das Gebäude Maria-Theresien-Straße 33.23 Sein Schwager Victor Schwarz gründete mit seinen beiden Brüdern Hugo und Alexander die Firma Victor Schwarz & Co., die im Goldenen-Dachl-Gebäude ebenfalls Textilien verkaufte. Im Geschäft führte Alexander Schwarz Buchhaltung und Administration, Victor und Hugo den Einkauf. Victor Schwarz kaufte bald nach seiner Hochzeit mit Rosa Bauer die Villa Mignon in der Templstraße 8. Mit seinem Bruder Hugo erwarb er im April 1893 von Alois Schrott das Haus Maria-Theresien-Straße 37, wo er noch vor der Jahrhundertwende seine Hauptniederlassung „Victor Schwarz & Co – Warenhaus Schwarz“ eröffnete.

Auf dem Grundstück, das bis in die Erlerstraße zurückreichte, bauten Victor und Hugo Schwarz 1899/1900 das Haus Erlerstraße 16, in dessen ersten Stock ihr Bruder Alexander mit seiner Familie einzog. Victor Schwarz mit seiner Familie zog in den 3. Stock ihres Kaufhauses Maria-Theresien-Straße 37, ebenso bezog Hugo Schwarz mit seiner Familie Wohnräume im Kaufhaus.24

Louis Bauer führte die Firma Bauer & Sohn bis zu seinem Tod. Er war auch das Familienoberhaupt in Innsbruck.

Das Warenhaus Schwarz, um 1900

Zu Jahresende 1902 musste die Firma Victor Schwarz & Co nach einer antisemitischen Hetzkampagne die Filiale beim „Goldenen Dachl“ schließen. Die Stadt Innsbruck hatte den Mietvertrag gekündigt.25 Beide Firmen – Bauer und Schwarz – hatten nun ihren Standort in der Maria-Theresien-Straße, und zwar links und rechts des späteren Warenhauses Bauer und Schwarz, dem heutigen Kaufhaus Tyrol.26

Außer den Firmen der beiden Familien Bauer und Schwarz waren im Jahre 1904 in Innsbruck folgende jüdische Geschäfte verzeichnet: S. Freudenfels & Co, Gemischte Warenhandlung, Inhaber Sigmund Freudenfels, Kaufmann, Museumstraße 3;27 Martin Steiner, Fabrikant, Branntweinbrenner und Händler, Südbahnstraße 14;28 Leon Abrahamer, Kleider-Etablissement zum Matrosen, Erlerstraße 4; Salomon Baum, Handel mit Kleidern, Hüten und Schuhen, Herzog-Friedrich-Straße 22;29 Michael Brüll, Möbelhandlung, Anichstraße 7;30 Brüder Dubsky, 1. Tiroler Essigsprit- und Liqueurfabrik, Branntweinbrennerei, Heiliggeiststraße 2, Inhaber Leopold Dubsky; Heinrich Friedländer, Gemischt-(Schnittwaren-)Handlung; S. Graubart, Handel mit Hüten, Kappen, Hut-gestecken, ferner Schuhwaren und Schuhkonservierungsmittel, Erlerstraße 2/Museumstraße 10, Inhaber Simon Josef Graubart;31 Ignaz Kende, Getreide-Kommissionsgeschäft;32 S. Schindler, Essigfabrikation und Branntwein-Erzeugung, Andreas-Hofer-Straße 13, Inhaber Samuel Schindler;33 Loys (Alois) Singer, Wiener Bazar, Kurz-, Nürnberger-Glas- und Porzellan-waren, Marktgraben 7;34 S. Steiner, Essigfabrikation und Branntweinbrennerei, Inhaber Martin Steiner;35 Brüder Dannhauser, Weißwarenhandlung und Wäscheerzeugung, Maria-Theresien-Straße 13, Gesellschafter: Wilhelm und Emil Dannhauser;36 Karl Fuchs und Bruder, Möbelhandlung, Erlerstraße 5, Gesellschafter: Karl und Moritz Fuchs;37 M. Loewe, Wechselgeschäft, Museumstraße 1, Gesellschafter: Julius, Max und Theodor Stern;38 Robitschek und Hermann, Handel mit gebrannten geistigen Getränken, Leopoldstraße 28, Gesellschafter: Julius Robitschek und Alois Hermann.39

Im Jahre 1905 begannen Gespräche zwischen Louis Bauer und den Brüdern Schwarz, um die Kräfte in einem gemeinsamen Warenhaus zu bündeln. Die beiden verschwägerten Familien einigten sich auf die Fusion der beiden Firmen Josef Bauer & Sohn und Victor Schwarz & Co. und verkauften ihre Häuser, um die dazwischenliegenden Häuser Nr. 33 und 35 zu erwerben. Zu diesem Zweck erwarben am 30. Oktober 1906 Victor, Alexander und Hugo Schwarz zu je einem Viertel, Karl und Isidor Bauer zu drei bzw. einem Sechzehntel das Gebäude Maria-Theresien-Straße 35, in dem die Lebzeltenerzeugung und Kerzenmacherei Neuhauser und Deiser untergebracht war, um 300.000 Kronen vom Wachsfabrikanten Alfons Neuhauser. Gleichzeitig verkaufte Louis Bauer seine Liegenschaft Maria-Theresien-Straße 33 an die oben genannten Familienmitglieder mit der gleichen Aufteilung der Anteile um 130.000 Kronen. Damit gehörten die Liegenschaften Maria-Theresien-Straße 33 und 35 zu drei Vierteln den Familien Schwarz und zu einem Viertel den Familien Bauer.40

Victor und Rosa Schwarz, die Schwester von Louis Bauer, im Jahr 1905;

Rechnung der Firma Victor Schwarz 1903 in der Maria-Theresien-Straße 37

Im selben Jahr erfolgte der Abriss der beiden Häuser Maria-Theresien-Straße 33 und 35 und nach nicht einmal einjähriger Bauzeit konnte das Warenhaus „Josef Bauer & Sohn – Victor Schwarz und Co“ am 14. März 1908 eröffnet werden.41