Im 21. Jahrhundert - Magnus Dellwig - E-Book

Im 21. Jahrhundert E-Book

Magnus Dellwig

0,0
4,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Band 4 – Sieg oder Frieden? 2056. Nach einem Jahr in rusischer Kriegsgefangenschaft und der spektakulären Enttarnung der Untergrundzeitung der Opposition Istwestja Nova fordert Fischer Staatspräsident Semjonow zu Gesprächen über einen Waffenstillstand auf. - Und der russische Präsident empfängt ihn tatsächlich im Kreml. Dann führt Fischer als Bevollmächtigter der Nato in Moskau erfolgreich den Waffenstillstand herbei. Doch die Friedensgespräche in Genf scheitern. Fischer tritt wieder an die Spitze der Nato-Truppen. Über erfolgreiche Offensiven verliert die Russische Föderation ihre Fähigkeit zur Selbstverteidigung. Statt des Angriffs auf Moskau ruft Ludwig Fischer alias Alexander Puschkin die Russen zum passiven Widerstand auf, um den Frieden zu erzwingen. Es kommt zum Aufstand in Moskau. Als Präsident Semjonow Schießbefehl auf das Volk erteilt und den Einsatz taktischer Atomwaffen befiehlt, wird er von einem Bündnis aus der von Fischer in Seriotogorsk mitgegründeten Partei für Frieden, Freiheit und Solidarität, dem Innenminister und dem russischen Oberkommandierenden abgesetzt. Der Krieg wird beendet und Fischer übernimmt in Moskau als Militärgouverneur den Übergang in den Frieden.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1391

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Magnus Dellwig

Im 21. Jahrhundert

2056: Frieden oder Sieg? (Band 4)

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Inhalt

1 Ein Jahr Seriamansk

2 Silvester

3 Neujahr im Weißen Haus

4 2. Januar, die Stunde der Diplomatie

5 Im Kreml

6 Die Vollversammlung der Vereinten Nationen

7. Die Macht der Straße

8. Wir verhandeln

10. Waffenstillstand

10. Der 1. März 2056 in Moskau

11. Genf

12. Semjonow entscheidet!

13. Alles auf eine Karte!

14. Operation D

15. Kursk – die Märchenschlacht

16. Charité

17. Wieder im Leben

18. Zurück in Amerika

19. Wolgograd und die russische Seele

20. Rede an die Russische Nation

21. Semjonow, Kasarin und die Macht der Straße

22. Showdown in Moskau

23. Von Wjasma auf den Platz der Russischen Nation

24. Krischow oder Semjonow?

25. Moskau!

26. Auf in eine neue Welt!

32. Personenverzeichnis (in der Reihenfolge ihrer Mitwirkung)

Impressum neobooks

Inhalt

Magnus Dellwig

Im 21. Jahrhundert

2056: Frieden oder Sieg ? (Band 4)

Roman

1 Ein Jahr Seriamansk

Im größten Kinosaal des Madison Square Garden Center in New York City erlosch das Licht. Endlich, nach für Ellen Gates schier endlosen Begrüßungen und Vorworten, begann der Spielfilm „Seriamansk – Königin der Schlachten“, dessen Premiere die Welt am 23. Dezember 2055, dem ersten Jahrestag der Schlacht von Seriamansk, genauer dem ersten Todestag des Oberkommandierenden der Nato-Streitkräfte General Ludwig Fischer, in New York beging. Am gleichen Tag fand in Berlin ebenfalls eine Filmpremiere für Europa statt. Dort kam das Werk „Das Wunder von Bogdiliansk“ im Ufa-Filmpalast an der Friedrichstraße zur Uraufführung. Diesen Film hatte die Präsidentin der Gates-Foundation bereits zwei Tage zuvor an der Seite von Colonel Heather Waites bei seiner Weltpremiere im Pentagon in Washington erleben dürfen. Seit Ludwig Fischers Tod Weihnachten vor einem Jahr hatte Ellen nicht mehr so viel geweint wie in den beiden zurückliegenden Tagen.

Den Grund dafür bildete eine ebenso brutale wie neue Erkenntnis. Der Film über Bogdiliansk hatte Ellen erstmals einen detaillierten Einblick in die strategischen Winkelzüge der Schlacht, vor allem aber in die charismatische Feldherrenleistung ihres gefallenen Freundes Ludwig verschafft. Wie ein Paukenschlag traf sie die Erkenntnis, dass jenes große Wort vom Größten Feldherren unseres Zeitalters, welches Präsident Michael Cane bei der Trauerfeuer für Ludwig nach Weihnachten 2054 gewählt hatte, keine billige Propaganda war. Die erfolgreichsten Generäle und Admiräle der US-Streitkräfte hatten sich in dieser Schlacht und danach widerspruchslos dem Kommando, dem Willen eines Mannes gebeugt, der zuvor niemals ein Kommando geführt hatte. Jetzt begriff Ellen warum! Dadurch aber stand Ludwig plötzlich wieder vor ihr, in seiner für sie unvergleichlichen Art des Understatements. Er war ein Mann, der sich ihr gegenüber schlichtweg nicht mit dem Sieg von Bogdiliansk in allen Einzelheiten hatte rühmen wollen. Diese Diskrepanz zwischen Bescheidenheit, Alltäglichkeit in sämtlichen Dingen ihres Zusammenlebens und ihrer Freundschaft hier, der offensichtlichen Genialität seines strategischen Könnens dort, hatten Ellen Gates wie ein Keulenschlag erwischt. Mit jeder neuen Erinnerung an ein neues Detail aus ihrem nur kurzen gemeinsamen Leben mit Ludwig Fischer brach die fundamentalste aller Emotionen durch, die ein Mensch hegen kann: Ellen liebte Ludwig ein Jahr nach seinem Tod wieder genauso wie an jenem Tag im Dezember 2054 vor über einem Jahr, als er sich von ihr in New York verabschiedete, um in Europa erneut sein Kommando über sämtliche Streitkräfte der Nato in diesem gottverdammten Krieg gegen Russland anzutreten.

Auf Long Island hatten sie zum ersten Mal einige Tage wie ein richtiges Paar verbracht. Ihre Nähe war grenzenlos. Ellen war sich heute felsenfest sicher – weit mehr als damals, dass beide unter Entsagungen auf Sex verzichtet hatten, weil der Krieg wie ein Damoklesschwert und wie ein böses Omen über ihnen schwebte. Ludwig hatte es sogar einmal ausgesprochen. Er wolle keine Witwe zurücklassen. Aber er könne ihr im Gegenzug auch nicht versprechen, auf eine Form der Truppenführung als oberster Feldherr des Westens zu verzichten, die seinen Kopf kosten konnte. Denn er hatte es schließlich schon einmal getan, in eben jener legendären Schlacht um Bogdiliansk, deren Hergang sie vorgestern im Film erst begriffen hatte: Ohne Ludwig Fischer, der im Stab seiner Armee in Minsk beinahe von einer russischen Rakete getötet worden wäre und danach erst zur Höchstform aufgelaufen war, hätten die Alliierten die Schlacht verloren! Ellen liebte Ludwig für das, was er geleistet hatte. Und sie hasste ihn dafür, in Seriamansk sein Leben gegeben zu haben für andere – obwohl, ja obwohl die Nato diese Schlacht voraussichtlich auch ohne seinen heroischen Einsatz gewonnen hätte.

Als Ellen vor zwei Tagen schon einmal, damals im Pentagon in Washington, im Kinosaal saß, und die gesamte Mediawand bis an den Horizont von dröhnenden Transportern der ersten deutschen Luftlandedivision erfüllt gewesen war, brach ein Damm. Ihr rollten die Tränen in Strömen aus beiden Augen über die Wangen. Und sie unterließ es, sie wegzuwischen. Ellen hatte sich für kurze Zeit im schützenden Dunkel des Vorführraumes in ihren Schmerz ergeben. Sie wusste damals vor zwei Tagen noch viel mehr als in den zurückliegenden Monaten: Ein Mann wie Ludwig Fischer würde ihr niemals wieder begegnen. Für ein Jahr hatte sie sämtliche Annäherungsversuche der attraktivsten, reichsten oder mächtigsten Männer Amerikas abgewehrt, und zwar aus voller Überzeugung. Wir würde sie wohl über ihr Gefühlsleben in fünf oder in zehn Jahren denken? Ellen war gerade einmal 40 geworden. Sie hatte die Hälfte ihres Lebens noch vor sich, und sogar zwei Drittel ihres Lebens als erwachsene Frau. Doch heute genauso wie vor einem Jahr vermochte sie sich überhaupt nicht vorzustellen, einmal ihr Leben mit einem Mann zu teilen, der ihr ständig bewusst machen würde, eine im Vergleich zu Ludwig Fischer reichlich unvollkommene Variante der Spezies Mann zu sein. Denn Ellen Gates war in den neun Jahren vor ihrer Freundschaft mit Ludwig ziemlich gut alleine, heißt ohne Beziehung, verbunden mit einigen wenigen guten Freundinnen und von morgens bis abends vollauf beschäftigt mit der Lenkung der Stiftung für das Vermögen ihrer Großeltern ausgekommen. Sie seufzte tief, was angesichts der Lautstärke des Films niemand in ihrem Umfeld des Kinos bemerkte, und atmete erleichtert aus. Denn ihr Ziel, ihre Hauptaufgabe für die Gegenwart stand ihr wieder sonnenklar vor Augen. Und diese Aufgabe bildete das Vermächtnis jenes Mannes, den sie geliebt hatte und der im Schnee vor Seriamansk in seinem Panzer durch einen Raketeneinschlag zum Nichts atomisiert worden war. Sie wollte den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika auf jede noch so erdenkliche Art und Weise darin unterstützen, diesen Krieg zu beenden, durch einen Verhandlungsfrieden, bevor die Russische Föderation sich durch eine schier aussichtslose militärische Lage irgendwann einmal in einem Akt der Verzweiflung dazu entschließen mochte, auch noch Nuklearwaffen einzusetzen.

Auf der Mediawand war der smarte, mittelalte amerikanische Hauptdarsteller soeben aus Washington in Brüssel eingetroffen, um die Neuigkeiten über die Vorbereitung einer Offensive im Nordabschnitt der Front westlich der Waldai-Höhen von seinem Stab im Nato-Hauptquartier zu erfragen. Ellen Gates Gedanken schweiften erneut ab.

Die militärische Lage, du meine Güte! Die Fortschritte der Alliierten im Kampf gegen die Russische Armee seit Weihnachten letzten Jahres präsentierten sich nicht nur bescheiden, sondern von ernüchternder Bedeutungslosigkeit. Die Presse im Westen, in Russland und in der Welt hatte wiederholt spöttisch bemerkt, die Nato bekäme ohne ihren überragenden Feldherren Fischer im Kampf nichts mehr auf die Reihe. Im neutralen Ausland von China bis Indien deutete man das Ergebnis der Schlacht um Seriamansk schließlich um: Nicht Russland habe die Schlacht verloren mit dem Verlust vieler Panzerdivisionen, sondern die Nato. Der Tod des Oberkommandierenden habe die Kriegführung der Alliierten im Jahr 2055 nahezu paralysiert. So vermöge der Westen niemals, seine materielle und technologische Überlegenheit auszuspielen.

Ellen überlegte, lächelte. Verdammt! Sie hatten ja so recht! Amerika und Europa standen hilflos da. Weder militärisch noch diplomatisch hatte das sich dem Ende neigende Jahr irgendeinen Fortschritt erbracht. Nicht nur sie allein, die gesamte transatlantische Familie litt unter einem Verlust, der in die Geschichte als eine der ganz großen Tragödien der Militärgeschichte eingehen würde.

Aber da gab es ja noch mindestens einen weiteren Menschen, mehr noch, eine weitere Frau, die Ludwigs Tod als einen unfassbaren schmerzhaften persönlichen Verlust empfand. Sie saß nun neben ihr im Kinosaal des Pentagon, die strahlend schöne und als Stabsoffizierin hoch geachtete Colonel Heather Waites!

Nach Ludwigs Tod versank Ellen für Wochen in tiefem Schmerz und stiller Trauer. Das schmälerte Ellens kühle, analytische Fähigkeit zur Beurteilung von Sachverhalten und Menschen. Ellen begegnete vielen in diesen Wochen unberechenbar, mit einer erkennbaren offenen Ablehnung oder gar Feindschaft. Diese starke Ablehnung traf auch in voller Wucht Colonel Waites, als sie ihr bei der offiziellen Trauerfeier des Präsidenten für General Ludwig Fischer nach Neujahr auf dem Heldenfriedhof von Arlington begegnet war. Denn Ellen wusste von Ludwig selbst, welch besondere kollegiale Partnerschaft Heather Waites und Ludwig verbunden hatte. Die tiefere Ursache dieser Ablehnung Ellens bestand in ihrer Eifersucht. Sie hatte gespürt, dass Heather die einzige Frau auf der Welt war, die Ludwig außer ihr selbst etwas bedeutet hatte. Doch Ludwigs Tod änderte für einige Zeit nichts an ihren starken Gefühlen für ihn, einschließlich der Fähigkeit, mehr der Notwendigkeit, ihn auch über den Tod hinaus nicht einmal im Verlust teilen zu wollen. Die Colonel war damals im Januar beherrscht, sogar verständnisvoll und gar nicht ablehnend oder verachtend mit Ellen umgegangen. Diese Souveränität, welche Ellen im Gegensatz zu ihrer sonst so üblichen Art nicht im Geringsten aufbrachte, hatte sie wütend gemacht.

Heute jedoch über elf Monate später waren die beiden Frauen sich wieder begegnet. So als habe es jene Spannung im Januar niemals gegeben, begegneten sie sich mit ausgesuchter Höflichkeit und ausdrücklichem Respekt füreinander, für die gegenseitigen Fähigkeiten. Alles an Heather Waites, ihre Schönheit, ihre Sicherheit im Auftritt, ihre Ausnahmestellung unter den leitenden Offizieren des Pentagon, beeindruckte Ellen nun ohne Argwohn. Sie begriff erst heute, warum Ludwig diese Frau geschätzt, auf ihre Unterstützung als Feldherr nicht verzichtet hatte. Ellen wusste jetzt, dass sie Ludwigs Wertschätzung verdient hatte. Ebenso sehr war sie sich aber auch sicher, dass Colonel Waites wahrscheinlich irgendwann um Ludwig, und das hieß unweigerlich gegen Ellen selbst, gekämpft hätte, falls nicht Ludwigs Tod dazwischengekommen wäre.

Heather Waites hatte Ellen sehr freundlich und Anteil nehmend gefragt, ob sie sich besser fühle als im Januar. Ohne jeglichen zickischen Unterton hatte Ellen die Frage wahrheitsgetreu beantwortet. Ja, es gehe ihr tatsächlich besser, obwohl sie über den Verlust bisher nicht hinweggekommen sei. Sie wisse auch gar nicht, ob sie jemals darüber hinwegkommen könne. Denn es sei für sie immer noch unvorstellbar, jemals wieder einem Mann gegenüber zu treten, dessen Charisma, dessen Geist und Genialität, aber auch dessen Empathie auch nur ansatzweise mit dem Charakter eines Ludwig Fischer vergleichbar sei. Doch ihre innere Leere, ihre Wut auf die Welt, die ihr Ludwig durch den Krieg genommen habe, sei abgeklungen.

„Das ist wohl auch der Grund, Colonel Waites, warum ich ihnen heute höflich und ehrlich zu antworten vermag. - Im Januar bin ich sicher etwas ekelig gewesen, nicht wahr?“

Heather Waites hatte gelächelt.

„Ausgesucht freundlich sind sie damals tatsächlich nicht aufgetreten, Misses Gates.

Verübeln konnte ich es ihnen aber nicht. Ich fragte mich, wie ich mich in ihrer Lage verhalten hätte. Und weil ich mich ähnlich verzweifelt gefühlt habe damals, habe ich sie ganz gut verstanden.

Anders als sie hat Ludwig mich nicht geliebt. - Aber ich habe ihn geliebt, weil er genau das war, was sie gerade beschrieben haben: Niemals hat mich ein Mann so beeindruckt. Niemals war ich bereit, die Überlegenheit eines Mannes als Soldat und Stratege über mich anzuerkennen, außer bei ihm.

Es würde mich aufrichtig freuen, wenn sie mich nicht mehr als Konkurrentin betrachten könnten. Gerne möchte ich sie als Freundin im Geiste betrachten. Das gelingt natürlich nur, falls sie ihre Verachtung mir gegenüber aufgeben könnten.“

Ellen war eben vor Beginn der Filmvorführung höchst verwundert gewesen über diese Offenheit, diese Vertraulichkeit beim Einblick, den Heather Waites in ihre Gefühle und Gedanken geboten hatte. Spontan und wortlos hatte Ellen die Colonel umarmt. Wortlos hatten sie sich zugenickt. Dann waren sie gemeinsam in den Saal geschritten und hatten sich in der dritten Sitzreihe nebeneinander gesetzt. Dieses stille Einvernehmen tat Ellen plötzlich gut. Ihr schoss ein Gedanke durch den Kopf, nachdem sie Platz genommen hatten. Ellen beugte sich zu Heather Waites und sprach in ihr Ohr:

„Könnte Ludwig uns jetzt sehen, ich glaube er wäre sehr zufrieden und glücklich darüber, wie die beiden wichtigen Frauen seines Lebens miteinander umzugehen gelernt haben, ein Jahr nach seinem Tod.

Die Zeit heilt zwar nicht alle Wunden, doch sie kühlt den einstmals hitzigen Kopf. Ich freue mich, sie heute wieder getroffen zu haben, Colonel.“

Heather Waites hatte sie daraufhin angesehen, ihre Hand ergriffen und gesagt:

„Nicht Colonel, Misses Gates! Heather, ich würde mich freuen, wenn sie mich Heather nennen möchten.“

„Danke Heather, ich bin Ellen.“

Der Film rauschte an Ellen, in ihren Erinnerungen gefangen und immer aufs Neue innerlich stark aufgewühlt, lange Zeit vorbei, bis zu jenem Ereignis, als sich der Oberkommandierende der Nato entschloss, seinen relativ sicheren Platz im Stab zu verlassen und an die Front aufzubrechen. Von nun an beobachtete Ellen scharf jede Regung des Hauptdarstellers, Amerikas Charakterdarsteller Nummer eins. Ihre volle Aufmerksamkeit war jetzt erst auf die Mediawand gerichtet. Ellen versuchte zusätzliche, ihr noch unbekannte Erklärungen für Ludwigs Handeln zu ergründen. Sie fand aber nichts entscheidend Neues heraus. General Fischer glaubte die Wende im Verlauf der Schlacht erzwungen zu haben. Doch er sah noch unzählige Opfer auf beiden Seiten voraus, sollte keine schnelle strategische Überwältigung des Feindes gelingen. Also stürzte er sich in den Kampf, um Menschenleben zu schonen, nicht um den Verlauf der Militärgeschichte zu verändern.

Als Ellen die in ihren Augen aufsteigenden Tränen in der allergrößten Seelenruhe mit einem seidenen Taschentuch aufgefangen hatte, blickte sie erneut zum Geschehen auf der Mediawand. Der im Vortragssaal aufsteigende unfassbare Lärm von hunderten Flugzeugtriebwerken ließ ihr auch gar keine andere Wahl.

Im Zentrum des Bildes befand sich ein Transporter der ersten deutschen Luftlandedivision, das eiserne Kreuz und Kürzel aus Buchstaben und Ziffern auf den getarnten Rumpf lackiert. Zwei Ausstiegsluken rechts und links der Kennzeichnung wurden geöffnet. Das Bild zoomte weg. Rings um die Maschine tauchten weitere Maschinen auf, dann davor und vor allem dahinter. Um Nu wurde der gesamte Bildausschnitt bis zum Horizont von Transportflugzeugen ausgefüllt, über die Kampfjets der U.S. Air Force hinwegrasten. Dann aber zoomte das Bild blitzschnell wieder heran, bis nur noch drei Maschinen zu sehen war. Uniformierte und behelmte Fallschirmspringer begannen, sich in schier endloser Reihe aus je vier Luken pro Flugzeug, zwei an jeder Seite des Rumpfes, zu stürzen. Das Bild zoomte langsam weiter zurück. Immer mehr Flugzeuge kamen wieder in den Blick. Die Maschinen rückten an den oberen Rand und bildeten einen Teppich aus Rümpfen und Tragflächen, die Pfeilen gleich langsam nach vorne krochen. Doch unter ihnen fielen immer und immer noch weitere dunkle Punkte aus den Rümpfen. Dann schnellten wie im Zeitraffer explodierende Blumenblüten weiße Fallschirme nach oben aus den Punkten. In Windeseile wurde der Himmel restlos von Fallschirmen und den unter ihnen herabsinkenden Strichmännchen ausgefüllt. Ellen empfand eine atemberaubende, machtvolle Ästhetik. Sie atmete tief durch. Jetzt erst nahm sie die Veränderung der Geräuschkulisse wahr. Der Motorenlärm war dezent in den Hintergrund gerückt, währenddessen klassische Musik, Streicher ertönten. Ellen war verwirrt. Konnte das sein?- Ja, sie irrte sich auf keinen Fall. Franz Liszts Les Preludes erhoben sich majestätisch und verliehen der Szene eine Erhabenheit voller emotionalem für die Ewigkeit. Ellen löste sich vom Bild und von der großen Faszination der Szene, denn ihr wurde bewusst, welch ungeheuerlichen Bruch aller Konventionen der amerikanische Regisseur soeben begangen hatte. Les Preludes, daraus entstammte die so genannte Russland-Fanfare der deutschen Wochenschau im Zweiten Weltkrieg.

Vor Ellens innerem Auge erhob sich wieder das Bild von Ludwig Fischer, in Uniform, sanft lächelnd, unbeirrbar in dem, was er unbedingt glaubte tun zu müssen! Sie empfand ihre Erkenntnis des schon längst Bekannten als enttäuschend, ja sogar als völlig niederschmetternd. Ludwigs Opfer war heldenmütig, moralisch untadelig, aber es hatte ihre gemeinsame Zukunft zerstört. - Scheiße! Dieser Aufschrei hallte in ihr immer aufs Neue wider, als sie nach dem Film das Pentagon verließ. Sie entzog sich dem anschließenden Empfang mit reichlicher Gelegenheit zum Small-Talk mit führenden Militärs, Spitzenbeamten, Senatoren und Kongressabgeordneten sowie Journalisten. Auf mehr oder weniger aufrichtig Anteil nehmende Fragen nach ihren Gefühlen hatte sie nun so wenig Lust wie auf einen Eiskaffee in einer offenen Bushaltestelle im Schneetreiben der Hauptstadt. Ellen brauchte jetzt ihre Ruhe. Sie würde den Abend in ihrem Washingtoner Appartement verbringen. Denn ihre Rückkehr nach New York stand erst am kommenden Nachmittag an. Davor allerdings befand sich in ihrem Terminkalender noch die Gedenkfeier des Präsidenten anlässlich des ersten Todestages des Vorsitzenden des Großen Generalstabs und Oberkommandierenden der Nato-Streitkräfte am kommenden Vormittag, dem 24. Dezember, auf dem Heldenfriedhof von Arlington auf den Hügeln oberhalb der Stadt.

Ellen Gates wählte in ihrer Multi-Media im Wohnraum eine Song-Play-List aus, schaltete die Boxen im Schlafzimmer frei, zog Schuhe und Hose aus und ließ sich mit einem tiefen Seufzer auf ihr Bett niedersinken. Sie schloss die Augen und ließ einige eindrucksvolle Bilder aus dem heutigen Film zu Seriamansk erneut vor ihrem geistigen Auge aufscheinen. Da schritt Ludwig Fischer durch die Räume des Generalstabs der Nato in Minsk und erteilte im Sekundentakt seine Befehle an smarte, junge Stabsoffiziere, die nur begierig darauf warteten, Anweisungen in Empfang zu nehmen und ihrem großen Feldherren in Windeseile Informationen zu beschaffen oder Aufträge in die diversen Arbeitsgruppen mitzunehmen. Im Stakkato erhielt General Fischer Berichte über die Lage an der Front und vor allem über Ergebnisse der strategischen oder operativen Vorbereitungen für die alliierte Offensive im Norden am Fuße der Waldaihöhen. - Schnitt – Ähnliche Szenen wiederholten sich im Stab der Nordarmee. Sodann brach der Oberkommandierende mit Tross auf, um an die Front zu reisen. Begleitet wurde das von Entsetzen in den Gesichtern seiner Getreuen in Minsk, Brüssel oder Washington. Schließlich landete der Hubschrauber Ludwig Fischers bei den amerikanischen Truppen im Operationsgebiet der Schlacht. Zuerst fand eine rasante Fahrt durch hügeliges Gelände in SUVs der U.S. Army statt. Endlich bestieg der General einen Leopard 2c der zehnten deutschen Panzerdivision. - Schnitt – Ein ohrenbetäubender Knall! Der Panzer des Oberkommandierenden der Nato zerbarst im Rauch und Feuer der Explosion des russischen Raketeneinschlags.

Unruhig, mit klopfendem Herzen und feinen Schweißperlen auf der Stirn öffnete Ellen wieder ihre Augen. Wieder stellte sich die quälende Frage: Warum? Warum nur? - Das wäre doch alles nicht nötig gewesen! Ellen Gates stand auf, ging in ihr Arbeitszimmer, wo ein Notebook auf dem filigranen Designer-Schreibtisch stand. Sie schaltete ihn ein, navigierte im Menü zu einer umfangreichen Sammlung privater Fotos. Ellen öffnete ein erstes Bild. Ludwig Fischer steht neben ihr im Oval Office des Weißen Hauses und spricht mit dem Präsidenten. Seine Miene ist ernst, seine Rede offensichtlich engagiert. Ellen zoomte auf das Gesicht von Ludwig Fischer. Die feinen Furchen auf seinen Wangen bedeuteten für sie Überzeugungskraft und Einsatz, nicht den Tribut des Alters an einen Mann, der stramm auf die 60 zuging – ohne dieses Alter jemals erreichen zu dürfen. In Ellens Augen sammelte sich erneut Flüssigkeit. Sie suchte andere Bilder aus. Sie entstammten ihrer letzten gemeinsamen Reise in das Haus der Gates-Familie auf Long Island. Ludwig steht auf der Terrasse und schaut aufs Meer. Der Schatten der Fotografin streift seine Beine.

„Damals waren wir tatsächlich glücklich, Ludwig.

Als wir uns gegenseitig beteuerten, unser Leben nach dem Krieg neu zu ordnen, gemeinsam und für unsere Zweisamkeit neu zu ordnen, da fühlte ich eine Zuversicht und Freude wie nie zuvor, Ludwig. Das hast du kaputt gemacht! Dafür hasse ich dich! Aber für dein Opfer liebe ich dich auch. Werde ich jemals in meinem Leben darüber hinwegkommen?

Vielleicht. Vielleicht, wenn der Frieden endlich da sein wird, für den du so sehr gekämpft hast.“

Ellen Gates ging ins Bad, machte sich bettfertig. Sie atmete tief ein und aus. Sie hoffte darauf, trotz der aufwühlenden Erinnerungen dieses Tages auch noch den morgigen Tag auf dem Friedhof in Arlington, an Ludwigs Gedenkstein zu überstehen. Und dann würde es endlich nach New York zurückgehen. Drei Tage in aller Stille und allein auf Long Island. - Darauf freute sich Ellen. Sie nahm sich vor, aus dieser Erwartung ihre Kraft zu schöpfen, um morgen nicht in aller Öffentlichkeit in Tränen der Verzweiflung auszubrechen. Sie schlief ein und ruhe wider Erwarten fest und tief.

Am nächsten Morgen frühstückte Ellen ausgiebig. Sie hoffte dabei, dass sich ihr nicht später noch der Magen umdrehen und sie vor laufenden Kameras auf den Rasen von Arlington kotzen würde. Um 9 Uhr holte sie die Limousine des Präsidenten an ihrem luxuriösen Appartement mit Blick auf das Südufer des Potomac ab. Ellen stieg zu Mike Cane ins Wagenfonds. Wortlos und sanft umschloss seine große rechte Hand ihre Linke. Mike lächelte.

„Liebe Ellen, ich weiß, dass es für keinen Menschen auf der Welt so schwer sein kann wie für dich, mich heute zu meiner kleinen Rede an Ludwigs Gedenkstein zu begleiten. Ich bin dir unendlich dankbar dafür. Denn ich muss dir ein Geheimnis anvertrauen. Es fällt mir unglaublich schwer! Es tut weh! Ich habe den einzigen Menschen im Leben verloren, dem ich restlos vertraut und den ich zugleich unermesslich bewundert habe – für seine Kraft, seinen Scharfsinn, sein Verständnis, sein Feldherrengenie.“

Jetzt erst lächelte Ellen zurück.

„Mike, als ob ich das nicht längst gewusst hätte. Es gemahnt mich, in meinem Schmerz nicht zu selbstsüchtig zu werden. Auch andere haben gelitten. Mindestens ein dritter Mensch ist längst noch nicht darüber hinweg. - Ich habe sie gestern nach langer Zeit wieder getroffen. Colonel Heather Waites. Ich bin sicher, sie hat Ludwig genauso geliebt wie ich. Und sie hat die unfassbare Größe, mir die öffentliche Anerkennung für den Schmerz der Liebenden ganz allein zuzubilligen.

Wir drei werden den heutigen Tag schon noch überstehen. Wenn du gleich sprichst, sei dir immer sicher: Ich stehe dir bei, so wie du mir beistehst!“

Ellen Gates legte daraufhin ihre rechte Hand auf die Hand des Präsidenten auf ihrer linken. Sie atmete tief durch. Die Limousine erreichte den Hügel von Arlington und rollte im Schritttempo an

Unmengen Wartender vorbei durch einen kleinen Wald von Medienkameras und Journalisten.

„Ich danke dir, Mike, dass ich dich heute so nah begleiten darf.

Es hat für mich eine Bedeutung. Es ist eine tiefe Verneigung vor Ludwigs Lebensleistung, wie wir dazu vor einem Jahr als Trauernde noch gar nicht fähig waren.“

An der breiten Weggabelung auf der Kuppe des westlichen Haupthügels des Ehrenfriedhofs in Arlington, der Bundeshauptstadt in der Ferne bedeutungsvoll zugeneigt, stand nun derselbe schlichte Gedenkstein aus schwarzem Granit, den der Präsident auch dort auf dem Schlachtfeld von Seriamansk hatte errichten lassen, wo der Panzer des Oberkommandierenden der Nato am 24. Dezember 2054 zerborsten war. Michael Cane straffte seinen Rücken und seine Schultermuskulatur und trat an das Pult mit Mikrofon und dem Siegel des Präsidenten. Sein Blick suchte das Grab von John F. Kennedy. Es lag nur 150 Meter entfernt. Das war dem Präsidenten wichtig gewesen. - Doch Michael Cane konnte es selbstverständlich nicht erblicken. Denn tausende Menschen umringten den Standort seiner Rede.

„Ladies and Gentlemen,

dear citizens of the United States of America!

Dear citizens of all nations, of all friends in the Nato!

Wir sind heute hier zusammengekommen, um ein Jahrgedächtnis zu begehen.

Es ist ein Jahrgedächtnis, das uns, und mir persönlich ganz besonders, beweist, wie wenig ein einziges Jahr dazu ausreicht, den Verlust eines geliebten und verehrten Menschen zu verarbeiten und zu bewältigen.

Weihnachten 2054 sind wir alle gemeinsam in einen Zustand der Leere, der Schockstarre gefallen. Und die westliche Welt hat diese diffuse Leere, diese Apathie bis heute nicht überwunden. Schauen wir darauf, was wir seitdem erreicht haben. Von taktischen Geländegewinnen abgesehen, verläuft die Front in Russland immer noch dort, wo sie vor einem Jahr stand. Neue diplomatische Initiativen von Belang oder gar von Erfolg sind ausgeblieben. Unsere Aussichten auf ein Ende des Krieges stützen sich nicht auf die Verdienste und die unbestreitbar überlegenen Machtmittel der Mächte der Nato, sondern ganz im Gegenteil auf jene faszinierenden Wandlungen, die sich in der Gesellschaft unseres Feindes vollziehen.

Derjenige Mensch, der die Weltgeschichte aktuell voran zu bringen vermag, scheint einzig und allein ausgerechnet ein Russe zu sein. Meine Hoffnung und mein Dank gilt einem Mysterium. Alexander Puschkin, dessen geheimnisvolle Identität sich für die ganze Welt immer noch hinter diesem Pseudonym verbirgt, hat es vermocht, die zuvor schweigende, den Frieden herbeisehnende Mehrheit der russischen Nation aus dem Zustand des Schweigens und der Untätigkeit zu erlösen. Millionen Menschen gehen heute freitags auf die Straße und beweisen Präsident Semjonow wie der ganzen Welt: Das Regime der Russischen Föderation steht immer mehr auf tönernen Füßen! Russland verlangt nach dem Frieden und einer guten Zukunft in Freiheit und Hoffnung.

Die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika und ihre Verbündeten haben diese Entwicklung mit Begeisterung und großer Sympathie für die Menschen in Russland verfolgt. Das galt bis gestern. Denn wir haben uns die Frage gestellt: Was würde unser großer Verstorbener, was würde General Ludwig Fischer von uns verlangen, wenn er noch unter uns weilen und erleben dürfte, welchen Zauber der Hoffnung und Entschlossenheit sein Seelenverwandter, Alexander Puschkin, der russischen Nation einzupflanzen im Stande war.

Ab heute sind wir entschlossen, unsere Zurückhaltung in unseren Taten aufzugeben, Wir werden deshalb das kommende Jahr nicht so verleben wie das nun zu Ende gehende. Wir werden Initiative ergreifen, und das in zwei elementaren Bereichen: der Politik und dem Militär.

Auf diplomatischem Parkett bieten wir der Russischen Föderation ohne, ich betone ohne das Stellen auch nur einer einzigen Voraussetzung einen Waffenstillstand, sobald der Präsident eine Übergangsregierung zur Abhaltung von freien Wahlen zur Duma bildet. Mitglied dieser Regierung mindestens im Rang eines stellvertretenden Ministerpräsidenten hat zu sein – Herr Alexander Puschkin!

Auf militärischem Gebiet wird die Nato im kommenden Jahr zu einer offensiven Aktivität zurückkehren, die nicht hinter den großen Schlachten von General Ludwig Fischer zurückstehen wird. - Das sind wir dem großen Toten schuldig! Mein Freund Ludwig Fischer hat sein Leben für das Leben seiner Kameradinnen und Kameraden gegeben. Sein Opfer darf und es wird nicht umsonst gewesen sein!

Ich erkläre vor der Welt in der Gewissheit, dass nicht nur die Nationen der Nato, sondern ebenso die russische Nation nach dem Frieden lechzen. Eine große Offensive mag erneut viele Menschenleben fordern. Doch sie wird uns dem Frieden näherbringen. Und darüber wird sie helfen, die Leiden der Völker insgesamt zu verringern, bis wir der Menschheit ein neues Zeitalter des Friedens werden bereiten können.“

Zur Linken des Präsidenten standen seit an seit zwei Frauen, die nach Größe, Statur, langem blonden Haar und ebenmäßigen Gesichtszügen eine gewisse Ähnlichkeit aufwiesen. Die eine trug die dunkelgrüne Uniform der U.S. Army. Heather Waites rannen kleine Tränen über die Wangen, ohne dass sie sich die Mühe machte, diese mit der in schwarzem Leder behandschuhten Hand abzuwischen. Neben ihr trug Ellen Gates einen weit über die Knie reichenden, an Schultern und Taille eng und sehr elegant geschnittenen, schwarzen Kaschmirmantel. Darunter steckten ihre schlanken Waden in Fußknöchel hohen Stiefeln. Ellen starrte während der Rede des Präsidenten in eine unwirkliche Ferne. Immer dann, wenn der Name Ludwig Fischer fiel, durchzuckte es sie mit wachsender Intensität. Bei der letzten Nennung drehten sich Ellen Pupillen nach oben. Ganz langsam knickten ihre Knie ein. Als sie das Gleichgewicht verlor, fasste Colonel Waites mit beiden Händen fest zu und hielt ihre Nachbarin an der Taille fest. Nachdem der Präsident seine Rede beendet hatte, trat er zu beiden Frauen zurück und übernahm von der Colonel die Stütze für seine Vertraute. Michael Cane flüsterte ihr zu.

„Ich hab´s dir doch versprochen. Ich stehe dir bei Ellen!

Jetzt lass uns gehen. Du brauchst nämlich dringend eine Stärkung.

Tee mit Rum und einen kleinen Imbiss im Oval Office, wie wär´s denn damit?“

Weihnachten verbrachte der Präsident in Washington, während die Präsidentin der Gates-Foundation über New York nach Long Island reiste und sich in ihrem Anwesen am Strand drei Tage der Stille, des Alleinseins gönnte. Es gelang ihr bei Spaziergängen durch die Dünen, gut verpackt und geschützt vor Wind, Schneetreiben und Kälte, nur hin und wieder an ihren letzten Aufenthalt mit Ludwig Fischer in diesem Haus im November 2054 zu denken. Die Initiative der Nato-Staats- und Regierungschefs beschäftigte sie unentwegt. - Ludwig hätte tatsächlich ebenso gehandelt! Aber was meinte Mike wirklich mit der Geistesverwandtschaft zwischen Ludwig und jenem unbekannten, geheimnisvollen Alexander Puschkin? Zwei Männer, die unter hohem Risiko, jeder mit seinen Möglichkeiten, als charismatische und begabte Führungspersönlichkeiten alles dafür taten den Frieden zu gewinnen? Oder meinten die Geheimdienste andere Übereinstimmungen in den Charakteren beider Männer zu erkennen?

Am Nachmittag des zweiten Weihnachtstages lud sich Ellen Gates sämtliche Leitartikel auf ihr Notebook, die von Alexander Puschkin als Chefredakteur seit dem Spätsommer in der Istwestja Nowa veröffentlicht worden waren. Sie hatte im Weißen Haus recherchiert. Erkannten die Spezialisten der CIA und der NSA vor Monaten noch keine Übereinstimmungen zwischen dem Stil, der Wortwahl, den Botschaften des Nobelpreisträgers aus Russland und irgendeiner bekannten realen Person, so fragte sie sich plötzlich eines: Mochte das heute vielleicht anders sein? - Sie nahm sich vor, Mike Cane persönlich mit dieser Frage zu konfrontieren, wenn sie beide im Januar erneut zu ihren Beratungen zusammentreffen würden.

Um neun Uhr am Abend war Ellen alle Artikel Puschkins mindestens zwei Mal durch gegangen. Ihr Herz klopfte. Obwohl die Übersetzungen vom Russischen ins Englische eine Menge von der Wortgewalt des Journalisten verschlucken mochten, so spürte Ellen dennoch die Eindringlichkeit seiner Botschaften. Er hatte die Herzen und die Hirne seiner Landsleute millionenfach erreicht, berührt, in Bewegung versetzt. Er hatte den Menschen im Westen den Glauben an die Freiheitsliebe, die Zivilgesellschaft und die Chancen auf eine zukünftige plurale Demokratie in Russland zurückgegeben. - Auch wenn jener geheimnisvolle Alexander Puschkin 88 Jahre alt und im Rollstuhl sitzen mochte, seine Energie und seine Taten rüttelten Ellen auf. Nach Ludwig Fischer und Mike Cane war er der dritte Mann, der sie unfassbar faszinierte, in ihren Bann zog.

Ellen öffnete den Mail-Account ihres Notebooks und schrieb an die streng geheime, keinem Dutzend Menschen in Amerika und der gesamten Welt bekannte persönliche Adresse des Präsidenten der Vereinigten Staaten.

„Lieber Mike, frohe Weihnachten!

Ich wünsche dir Harmonie und Ablenkung von der Weltpolitik im Kreise deiner Lieben.

Ich selbst genieße Ruhe und Einsamkeit auf Long Island und ich versichere dir: Es tut gut!

Es war mir heute ein dringendes Bedürfnis, alle, absolut alle Artikel von Alexander Puschkin in der IN zu lesen. Dein Ausspruch von der Seelenverwandtschaft zwischen ihm und Ludwig ließ mich nicht mehr los.

Und dann kam ich auf eine Frage, die wie ein Meißel sich in mein Hirn bohrt.

Wisst ihr, weißt du heute mehr über die persönliche Identität jenes Mannes, der Russland und die Welt mehr in Atem hält als jeder andere, als zu jenem Zeitpunkt im September, als mir dein Office versicherte: CIA und NSA tappen im Dunkel?

Ich muss das wissen, Mike! An meiner unbedingten Zuverlässigkeit im Hinblick auf die Verschwiegenheit brauchst du nicht eine Sekunde zu zweifeln. Niemand, auch nicht mein Stellvertreter Tom würden es erfahren.

Falls mein Bauch richtig liegen sollte, wäre ich dir sehr dankbar, noch in diesem Jahr eine Nachricht von Dir zu erhalten.

Anderen Falls wünsche ich einen guten Rutsch!“

An diesem Abend schlief Ellen Gates sehr entspannt ein. Sie fühlte sich wie ein Mensch, der alles dafür getan hatte, seinem inneren Frieden wenigstens ein kleines Stückchen näher zu kommen. Sie entschied sich am kommenden Morgen beim Frühstück und beim Blick vom Essplatz auf die Dünen und die in graue Wolken gehüllte See dafür, noch nicht nach New York an ihren Schreibtisch zurück zu kehren. Zu Verlockend war es, den soeben gefestigten inneren Frieden noch ein wenig in vollen Zügen auszukosten. Bis nach Neujahr würde auf sie nichts weiter warten als die Vorbereitung auf ihre Reise nach Washington zu den nächsten Beratungen mit dem Präsidenten ab dem 3. Januar. Ellen ließ eine kleine Flut von Sprachnachrichten an ihre engen Mitarbeiterinnen los und bestellte einen Dokumentenordner auf ihr Notebook. Damit würde sie sich auch auf Long Island hervorragend einarbeiten können.

Nach einem ungemütlichen Strandspaziergang am 29. Dezember las Ellen nach längerer Zeit wieder einmal in einem Roman. Protagonistin war eine sehr resolute und noch schönere Agentin der CIA. Ellen Gedanken schweiften zu Heather Waites ab. - Ob sie vielleicht mehr über die streng geheimen Recherchen der Regierung über die wahre Identität von Alexander Puschkin wusste? Ellen zauderte keinen Moment und sandte auch an die Colonel eine Mail-Anfrage. Als Ellen am frühen Abend in der Küche stand, um sich ein Stück Lachs zu braten, meldete sich ihr Mobilphone. Etwas verärgert über die Störung beim Kochen erfolgte ihre Meldung in überhörbar mürrischem Tonfall.

„Entschuldigen sie die späte Störung, und dann auch noch in der Stille zwischen den Jahren.

Heather Waites hier. Ich dachte, es sei besser zu sprechen als zu schreiben.“

Ellens Herz tat einen kleinen Hüpfer. Wunderbar! Dieser Anruf hatte etwas zu bedeuten!

„Lieber Heather, sie stören gar kein bisschen. Vielen Dank für ihren Rückruf.

Gibt es denn etwas, das sie mir mitteilen können?“

„Das ist ja der Grund, warum ich mich gleich melde, Ellen.

Die NSA hat natürlich ihre Anstrengungen auf Hochtouren erhöht, je wichtiger die Dinge in Russland um die IN und die neue Partei für Frieden, Freiheit und Solidarität geworden sind.

Das entscheidende gleich zuerst. Es gibt keinen einzigen russischen Intellektuellen, dessen Stil, dessen Reden oder Veröffentlichungen jenen Duktus aufweisen, den wir aus den Artikeln von Alexander Puschkin herauslesen konnten.

Deshalb, liebe Ellen, hat die NSA einfach einmal versuchsweise ihre Spracherkennungssoftware mit sämtlichen Daten gefüttert, die uns von allen verfügbaren Quellen der Welt vorliegen. Dabei besteht jedoch das Hauptproblem darin, dass die Istwestja Nowa natürlich auf Russisch erscheint. Also haben wir das Übersetzungsdilemma. - Trotzdem haben die Systeme der NSA eine stilistische Ähnlichkeit von fast 90 Prozent mit einer bekannten Persönlichkeit ausgespuckt.“

Ellen Gates blieb für eine Schrecksekunde das Herz stehen.

„Und? Mit wem stimmt die Sprache von Alexander Puschkin überein?“

„Sitzen sie gut, Ellen?“

„Moment!“

Ellen warf sich auf ihr Sofa, die Augen starr in die Ferne des brandenden Meeres gerichtet.

„Ich bin bereit, Heather.“

„Die Übereinstimmung lautet auf – Ludwig Fischer.“

Ellen wurde schummerig.

„Aber – aber das kann doch überhaupt nicht sein!“

„Nein wirklich, das kann auch überhaupt gar nicht sein.

Also haben die Sprachpsychologen der NSA nach einer Erklärung gesucht.

Und sie sind davon überzeugt, eine plausible Erklärung gefunden zu haben. Sie sagen, dass dies kein Zufall sein kann! Die Russen, also Alexander Puschkin und die Redaktion der IN müssen absichtsvoll die starke, klare, nüchterne und dennoch eindringliche Ausdrucksweise unseres Freundes Ludwig imitiert haben. - Sie bedienen sich seines Stils, weil sie diesen als ihr Vorbild ausgewählt haben. Das muss es sein.

Der Präsident wurde vor wenigen Wochen darüber informiert.

Er hat verfügt, die Information vertraulich zu behandeln. Würden unsere Erkenntnisse bekannt, wäre die internationale Presse in Aufruhr. Und die Öffentlichkeit würde sogar Spekulationen anstellen, ob Ludwig vielleicht doch noch lebte. Das können, dürfen wir nicht riskieren!

Sie müssen mir aber jetzt schwören, niemandem davon zu erzählen! Meine Zuverlässigkeit als Mitglied im inner circle des Pentagon hängt davon ab.“

„Selbstverständlich, Heather. Ich wollte es ja auch nur für mich ganz allein wissen.

Und natürlich möchte ich sie auf gar keinen Fall in Schwierigkeiten bringen.“

Nach dem Telefonat war es mit Ellens innerer Ruhe, mit ihrer relativen Ausgeglichenheit seit gestern vorbei. Natürlich konnte das gar nicht sein! Ludwig war tot! Doch warum sollte die Vermutung der NSA nicht stimmen? Dort arbeiteten versierte Psychologen, auch solche mit Erfahrungen in wichtigen Feldern der Gesellschaft und der Sozialpsychologie. Gerade für die Welt der Presse galten eigene Regeln. Doch was sprach eigentlich dagegen, dass sich selbst ein renommierter Journalist für eine neue Aufgabe, für ein neues Medium einen modifizierten Stil zulegte? Ludwig hatte eine Menge veröffentlicht. Er hatte Denkschriften für zwei amerikanische Regierungen ins Netz gestellt. Vor allem aber hatte er Reden gehalten, Pressekonferenzen abgehalten, Interviews gegeben.

Ellen lief vor der breiten Glasfront ihres Wohnzimmers auf und ab. Sie schaltete Musik ein. - Music, von John Miles, 1976. Ludwig hatte diesen Song geliebt! Ellen stand im Raum, sah in die Dünen, stützte ihr Kinne auf die Hand ihres angewinkelten rechten Arms. Sie grübelte.

Ellen fand es durchaus schlau, falls dieser Puschkin im Netz recherchiert und sich ausgerechnet Ludwig als Vorbild ausgesucht haben sollte. Aber – ja aber dieser Zufall verunsicherte sie. Lägen die Experten der NSA falsch, gab es schließlich nur noch eine einzige andere Erklärung. - Und diese raubte ihr den Atem! Ludwig lebte und er wäre irgendwie im russischen Untergrund untergetaucht, um wiederum irgendwie Einfluss auf die konspirative Führungsgruppe der Istwestja Nowa und der Partei für Frieden, Fortschritt und Solidarität zu nehmen.

Der Schnee fiel in großen, lockeren Flocken auf die Terrasse. Ellen fuhr die Lautstärke ihrer Multimedia-Anlage hoch. Die Bässe von Music hämmerten durch den Raum. Sie stemmte ihre Hände in die Hüfte. Plötzlich löste sich die Anspannung in ihrem Gesicht und verwandelte sich in ein schelmisches Lächeln. Leise sprach Ellen zu sich selbst.

„Ludwig, Ludwig, musst du mir das jetzt antun?

Da glaubte ich, ein Jahr nach deinem Tod endlich wenigstens ein kleines bisschen von dir los zu kommen, und schon schlägt mir meine Fantasie wieder ein böses Schnippchen.

Das zeigte ja wieder nur, wie wenig du aus meinen Gedanken verschwunden bist.

Es wäre der totale Hammer, wenn du im Hintergrund Alexander Puschkins die Fäden zögest. - Doch leider ist das die Fantasie einer versunkenen Liebesbeziehung und nicht die Realität. Zu schön um wahr zu sein!

Und warum komme ich überhaupt auf so einen Quatsch?

Weil es dir ähnlichsähe, die Fäden der Weltgeschichte zu ziehen, so wie es keiner vermag!“

Am 30. und 31. Dezember verschlang Ellen Gates einen dicken Wälzer, indem sie außer zum Essen und für einen Spaziergang nicht mehr vom Sofa aufstand. Der Thriller war so spannend, dass er sie hervorragend ablenkte. Silvester Nachmittag nahm sie sich die Zeit, ihren Bruder und ihre besten Freundinnen anzurufen und ihnen vorsorglich alles Gute für das neue Jahr zu wünschen. Jede sprach sie auf die Feier in Arlington an. Alle ständen ihr bei und wüssten, wie schwer es auch heute noch für sie sein müsse, auf solch pathetische Weise an Ludwigs Tod erinnert zu werden. Ellen dankte für das Mitgefühl und öffnete während dieser Telefonate wieder die Leitartikel Alexander Puschkins in der Istwestja Nowa. Im Anschluss an die Gespräche ließ sie sich jede Formulierung genüsslich auf der Zunge zergehen.

„Schlau dieser Puschkin, aber dabei verdammt russisch. Die Seele der Nation rührt er an. Das vermöchte Ludwig ja überhaupt nicht, weil er die Russen ja gar nicht kennt.

Aber wäre Ludwig ein Russe gewesen, dann schriebe er genauso wie Puschkin!“

Ellen entdeckte an diesem Silvesterabend den wahren Kern der Seelenverwandtschaft beider Männer. Und ihre Erkenntnis ließ sich zur eigenen Überraschung sehr gut und tief und fest schlafen, bis in der Frühe des Neujahrstages ihr Mobilphone klingelte. Sie war verärgert. Wer störte um diese Zeit. Die Uhr zeigte ihr 7.45 Uhr. Als sie den Anrufer bereits wegdrücken wollte, hielt sie die Luft an. Auf dem Display stand der Name Mike Cane.

2 Silvester

Washington D.C.

31. Dezember 2055, 15.50 Uhr Ortszeit. Der Präsident begibt sich mit seiner Frau zu Tee und Kuchen in den Speisesalon seiner Privatgemächer. Zuvor hat er den zweiten Entwurf seiner Neujahrsansprache gelesen, die er um 20 Uhr vor laufenden Kameras im Oval Office halten wird. Michael Cane wirkt entspannt, umarmt seine Frau Kate und sagt zu ihr:

„Das neue Jahr wird besser als das alte. Das verspreche ich dir, Darling.“

Der Präsident verscheucht mit einem humorvollen „Husch, Husch“ das Personal. Daraufhin schneidet er den Kuchen und schenkt den Tee ein. Michael fordert Kate auf, die Neuigkeiten jener ihrer Familienmitglieder zu berichten, die beide über die Weihnachtsfeiertage in Washington nicht zu Gesicht bekamen.

15.58 Uhr. Nach kräftigem, zweimaligem Klopfen wird die Türe des Speisesalons aufgerissen. Mit einem langen, energischen Schritt steht Bob Dewee im Raum. Die Stirn des Ministers und Stabschefs für das Präsidialamt der Vereinigten Staaten glänzt leicht vor Schweiß. Bobs Wangen sind gerötet vor Anspannung, doch sein übriges Gesicht wirkt merkwürdig weiß, als habe er soeben einen schweren Schock zu verdauen gehabt.

„Mike, Kate – entschuldigt die Störung. Aber wenn das nicht wichtig ist, weiß ich auch nicht, was auf der Welt überhaupt noch wichtig sein könnte.“

Mit einem Ruck erhebt sich der Präsident vom Tisch und geht auf seinen engsten Vertrauten zu. Ernst und leise und ruhig spricht er.

„Was ist passiert?“

„Die NASA hat über unseren Wirt für die Istwestja Nowa, Wettersatellit NSF 417, nicht eine Textdatei empfangen – oder besser gesagt das auch mit der neuen Ausgabe der IN – sondern ein Live-Video. Es läuft immer noch. Es zeigt uns das größte Open-Air-Konzert, das jemals am nördlichen Polarkreis veranstaltet wurde. Die Bühne steht im uns bekannten Lager Seriotogorsk, wo offensichtlich auch die Redaktion der IN sitzen muss.

Und jetzt, lieber Mike, setz dich!“

„Was soll das?“

„Ich möchte nicht, dass du mir hier gleich vor Schwindel und Kreislaufschwäche auf dem Boden liegst.“

Der Präsident lacht auf, doch in Bob Dewees Miene zieht keine Spur von Belustigung auf. Das Lachen des Präsidenten erstirbt augenblicklich.

„Du meinst das etwa ernst, Bob? - Gut ich sitze ja schon.“

„Auf der Bühne steht die seit Kriegsbeginn verschollene, weltberühmte russische Rock-Sängerin Irina Orlikowa. Und neben ihr steht als Sänger und Cheforganisator des Events Alexander Puschkin!“

„Nein!“ der Ausruf des Präsidenten gleicht einem Schrei, der Freude und Genugtuung zum Ausdruck bringt. Michael Cane springt auf und fasst seinen Stabschef mit beiden Händen an den Unterarmen.

„Bob, ist dir klar, was das bedeutet? Wir werden Semjonow jetzt jagen! Wir werden ihn jagen, bis die Meute den Fuchs zur Strecke gebracht haben wird!“

Bob Dewee nickt bedächtig, gar nicht euphorisch, nicht begeistert.

Michael Cane ist irritiert.

„Was hast du?“

„Mike, setz dich bitte wieder hin.“

Und er führt den Präsidenten an seinen Händen erneut zum Esstisch. Michael Cane nimmt Kopf schüttelnd Platz. Bob Deewe löst seine Hände von dessen Armen und tritt einen kurzen Schritt zurück.

„Und das Mysterium Alexander Puschkin ist aufgelöst. Seine Identität ist gelüftet.“

„Wunderbar“ unterbricht ihn der Präsident.

„Ja, unfassbar wunderbar, Mike!

Denn Alexander Puschkin ist – der General der U.S. Forces, Mister Ludwig Fischer.“

In einem unkontrollierten Reflex schlägt der Präsident mit der Faustseitlich gegen die Tischplatte, so dass beide Teetassen umstürzen.

Michael Cane starrt Bob Dewee mit irrem Augenausdruck an. Er springt auf, stürzt auf seinen Stabschef zu und greift ihn mit beiden Händen an den Oberarmen.

„Aber, aber, Bob“, stottert er.

„Das ist unmöglich! Ludwig ist tot. Sein Panzer wurde im Inneren pulverisiert.

Das kann doch niemand überlebt haben! Das geht doch gar nicht!“

Bob Dewee sieht seinen Chef beinahe gütig an. Es ist sein Vorteil, dieselbe Nachricht mit seiner eigenen, recht ähnlichen Reaktion der fassungslosen Ungläubigkeit schon vor 25 Minuten erhalten und sich inzwischen gefasst zu haben.

„Mike, ich verstehe dich.

Ich konnte es erst auch nicht glauben. - Trotzdem ist es wahr.

Ich habe verlangt, eine kurze Sequenz aus der Live-Übertragung der NASA für die NSA herausgeschnitten zu bekommen, bevor ich dich informieren würde. Und dann bin ich in die Leitzentrale des Weißen Hauses gegangen, habe mich in einen Sessel plumpsen lassen und darauf gewartet, dass mir der diensthabende Nachrichtenoffizier die Bilder einspielte.

Und dann habe ich ihn leibhaftig gesehen, Mike!

Krass kurz geschorene, beinahe schneeweiße Haare, aber unverkennbar unser Freund Ludwig.

Verdammt gut sah er aus, als er da in knallenger Jeans, mit Turnschuhen und in einer Lederjacke der russischen Luftwaffe auf die Bühne trat.

Mike, du brauchst nichts zu glauben. Du kannst es selber sehen!

Komm, wir gehen in die Leitzentrale!“

Der Präsident hauchte ein kaum hörbares Nein seinem Stabschef entgegen. Michael Cane drehte seinen Kopf zu Kate am Esstisch, die schon die Teetassen aufgesammelt und die Teelachen auf dem Tischtuch mit einer Stoffserviette getrocknet hatte. Kate blickte ihren Mann verständnisvoll, sanftmütig an. Der freudige Schock steckte auch ihr in den Knochen, doch mehr noch fühlte sie mit Mike mit.

„Bob - du, Kate und ich, nur wir allein werden uns dieses Video hier, in meinen privaten Räumen ansehen. Ich will mich dazu aufführen dürfen, wie ich das will, ungehemmt, bestürzt oder jubilierend, ganz egal. Jetzt will ich nur Mensch sein und nicht der Präsident, der darauf Acht zu geben hat, wie er auf andere wirkt, was andere von ihm denken.

Wenn die Übertragung beendet ist, sorgst du dafür, dass ich das gesamte Video auf die Mediawand im Wohnzimmer gespielt bekomme!“

„Selbstverständlich, Mike. Ich kümmere mich, Ich beeile mich!

Und was machen wir jetzt mit dieser Sensation?“

„Zuerst einmal rein gar nichts, Bob! Bevor ich nicht mit eigenen Augen gesehen haben werde, was da im ewigen Winter des russischen Polarkreises abgegangen ist, verschwende ich nicht mal einen einzigen Gedanken daran, was weiter passiert.“

Um 16.48 Uhr Ortszeit Washington D.C. - es war inzwischen 0.48 Uhr am Morgen des Neujahrstages in der Zeitzone Westsibiriens – hatten sich der Präsident und seine Gattin sowie Bob Dewee in die tiefen Sofas des Wohnzimmers sinken lassen. Auf dem Tisch befanden sich Tee, Kaffee, Wasser und Bourbon. Der diensthabende Nachrichtenoffizier des Präsidialamtes und ein Techniker starteten den Film. Auf einer riesigen Bühne stand, in eine glänzende schwarze Lederhose und ein verdammt enges weißes Top gekleidet, Irina Orlikowa, das Haar zu einem langen Pferdeschwanz gebunden und das Mikrofon mit ihren schönen schlanken Fingern zu den Lippen führend.

Der Präsident dankte den beiden IT-Experten und scheuchte sie freundlich, aber unmissverständlich aus dem Raum. Kommentarlos schenkte sich Michael Cane einen Jack Daniels ein und tat einen kräftigen Schluck, die Augen starr auf das zwei mal drei Meter große Display an der Wand gerichtet. Unterdessen hatte Irina Orlikowa begonnen, dem Mann zu danken, der jenes mysteriöse Konzert im sibirischen Winter ermöglicht habe. Mike nahm erst jetzt, als die Kameraeinstellung auf die Totale des Konzertareals wechselte, dessen ungeheure Dimensionen war, und die Unmenge an offenen Gasflammen, die das Gelände einrahmten und voraussichtlich dazu in der Lage waren, die übelsten Ausprägungen von eisiger Kälte von den Konzertbesuchern abzuhalten. Mit einem wohligen Gefühl des unerklärlichen persönlichen Triumphes sog der Präsident jedes der Worte auf, die in Simultan-Übersetzung aus der Leitzentrale des Weißen Hauses in größerer Lautstärke als Orlikowas eigene Worte auf Englisch eingesprochen wurden.

„Danken möchte ich in meinem und in euer aller Namen eben jenem Häftling unter uns, der unser aller Leben im zurückliegenden Jahr so unfassbar veränderte.

Danken möchte ich dem Mann, ohne den wir heute weder dieses Konzert gespielt und gehört hätten noch dazu es mit dem unglaublichen Komfort einer riesigen Fußbodenheizung und einer Wand aus heißen Gasflammen um uns herum gegen die Kälte des Nordpolarkreises genießen durften.

Liebe Mithäftlinge, liebe Freunde,

lasst uns den Dank überbringen, indem wir ihn hier zu mir auf die Bühne bitten,

den leitenden operativen Manager dieses Konzertes am Silvesterabend in Seriotogorsk,

den Chefredakteur unserer Häftlingszeitung Istwestja Sibiria,

den Vorsitzenden der Vertretung der Häftlinge, unseres Gefangenenrates,

und damit nach dem Kommandanten ganz sicher dem wichtigsten – irgendwie sogar auch dem mächtigsten – Mann von Seriotogosk!“

Nach jeder Funktion, die Irina mir zuschrieb, hatte sich bereits Beifall erhoben. Doch indem sie einfach weitersprach, verstummte der Applaus sogleich wieder. Jetzt aber machte Irina eine Pause, senkte ihr Mikro und tat eine tiefe Verbeugung. Augenblicklich brach ohrenbetäubender Jubel aus. Irina Orlikowa ließ sich Zeit, viel mehr als bisher an diesem Abend, und hob erst wieder zum Sprechen an, als es beinahe still geworden war.

„Aber – meine lieben Freunde,

das ist noch lange nicht alles!

Denn es gibt noch eine Welt außerhalb der Zäune unserer Haftanstalt.

Ich begrüße außerdem den -

Träger des Nobelpreises für Literatur 2055, und den

Träger des Friedensnobelpreises 2055.“

Atemlose Stille! Dann ungläubiges Geraune, das aus den Kehlen von fast 30.000 Menschen schnell zu einem brodelnden Gemurmel anschwoll.

„den Chefredakteur und Herausgeber der Istwestja Nowa, sowie den

Ersten Stellvertretenden Vorsitzenden der Partei für Frieden, Freiheit und Solidarität Russlands,

der Welt besser bekannt als Alexander Puschkin.“

Michael Cane griff nach der Hand seiner Frau neben sich auf dem Sofa. Als er Kate ansah, füllten sich seine Augen mit Tränen.

„Das ist der absolute Wahnsinn, Kate, Bob!

Das müssen wir der ganzen Welt vorspielen.“

Bob Dewee lächelte vielsagend und wissend.

„Warte nur ab, Mike. Es wird noch besser, noch viel besser!“

Irina Orlikowa hatte nach einer dem Jubel im Publikum geschuldeten Redepause begonnen, ihre kleine Ansprache zur Ankündigung des Ehrengastes auf der Bühne fortzusetzen.

„Liebe Freunde, ich bin doch noch gar nicht fertig!

Denn wie ihr ja alle wisst, ist das noch gar nicht alles.

Und jetzt würde ich mir wünschen, dass sie uns zusehen könnten und ich dabei in ihre Gesichter blicken dürfte:

der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Mister Michael Cane, und

der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Herr Lars Werner.“

Ein schallendes Lachen durchwogte den Konzertplatz.

„Ladies and Gentlemen,

I am very proud to present,

the greatest strategan of our times,

nevertheless - the most famous man in the world,

the general commander of the allied forces,

the one and only,

Mister – Ludwig – Fischer!“

Zuerst brandete ein dunkles, einschüchterndes „Hey, hey, hey“ auf.

Es wurde nach vielleicht zwanzig Sekunden abgelöst von jenem Sprechchor, der eben schon angesetzt hatte:

„Ludwig, Ludwig, Ludwig!“

Irina Orlikowa streckte, das Mikro in der Rechten, ihre linke Faust gen Himmel.

Als Kate Cane jetzt wieder nach rechts zu ihrem Mann blickte, sah sie etwas, das in Mikes politischem Leben außer bei der Nachricht von Ludwig Fischers Tod noch nicht vorgekommen war. Dem Präsidenten rannen die Tränen ungehemmt über die Wangen. Er wendete seinen Blick nicht vom Film ab. Mit einem Taschentuch wischte er sich schließlich die Augen und die Wangen trocken. Jetzt schwenkte die Kamera von der Bühne weg, um 180 Grad bis zum gegenüber liegenden Ende des Konzertgeländes, wo die Technik in einem verglasten und eingehausten Vorbau aus Holz untergebracht war. Eine Türe wurde geöffnet und heraus trat – Ludwig Fischer!

Extrem kurze hellgraue Haare, sein bekanntes schlankes, ebenmäßiges Gesicht, ohne dass dieses abgemagert oder irgendwie eingefallen wirkte. Spontan war Mike Cane erleichtert darüber, seinen Freund dem Augenschein nach in bester Gesundheit zu sehen. In seiner Lederjacke der russischen Luftwaffe erweckte Ludwig den Eindruck eines coolen, lässigen Typen, eher Schauspieler oder Musiker denn Gefangener oder Amtsträger der Alliierten. Mit dem Moment, in dem der Präsident Ludwig Fischer gesehen hatte, fiel die große Last einer schier unerträglichen Anspannung von ihm ab. Nachdem Ludwig sich seinen Weg längs durch die Masse der Konzertbesucher gebahnt hatte und endlich auf der Bühne stand und seinen Teil, den abschließenden Teil des Konzertes zu singen begonnen hatte, klarten sich Michael Canes Züge auf. Er begann, mit Kate und Bob zu reden, freute sich über alles, was er auf dem Screen sah, genoss seinen Bourbon und stieg schließlich auf Kaffee um. Zum Abschluss-Song erhob sich der Präsident vom Sofa, trat nah an die Mediawand, reckte seinen linken Arm mit der Faust geballten Hand gen Decke und sang laut und feierlich mit:

„We are the champions! … oft he wordl!“

Nachdem die Aufzeichnung geendet hatte, schaltete Bob Dewee die Mediawand ab. Der Präsident und sein Stabschef lächelten sich etliche Sekunden schweigend an.

„Ist das nicht der Wahnsinn, Mike?

Die Welt wird nicht nur aus dem Häuschen sein, sie wird regelrecht aus den Fugen geraten!“

Michael Cane nickte.

„Genauso soll es auch sein. Wenn wir, die Regierung der Vereinigten Staaten, dieses Video veröffentlichen, wird ein Sturm der Entrüstung über Ludwigs Gefangenschaft in einem Lager des Gulags losbrechen. Aber noch viel stärker wird der Sturm der Begeisterung darüber sein, dass der größte Feldherr unserer Zeit lebt, dass zugleich das Geheimnis des Alexander Puschkin gelüftet wird.

Doch was verdammt noch einmal bedeutet das eigentlich für Ludwig und seine Mitstreiter in der IN und seiner neuen Partei? Das wird kein Spaß werden! Einzelhaft, Verhöre, Folter. - Warum machen die das, uns dieses Video über den NASA-Satelliten zuzuspielen?

Bob, bevor uns die NSA und die CIA diese Frage nicht schlüssig beantworten kann, werde auch ich nicht darüber entscheiden, ob wir das Video der Welt zeigen!“

„Ich werde die Chefs beider Agencies sofort mit dem Befehl ausstatten.

Wann willst du Antworten hören? - Eigentlich keine Frage. Ich denke so schnell wie möglich.“

„Das genügt mir nicht, Bob!

Ich will morgen früh eine Sondersitzung des Nationalen Sicherheitsrates durchführen. Dann will ich Antworten hören! Denn wir beide müssen morgen entscheiden, was wir weiter unternehmen. Am besten wäre es, noch Neujahr die Welt über die Neuigkeit zu informieren.“

Der Präsident überlegte kurz.

„Und bestelle einen Hubschrauber der Army nach New York. Ich muss unbedingt Ellen informieren. Lass mich nur noch mal nachdenken, ob ich das noch heute Abend oder doch besser erst morgen früh tun soll. Und wenn sie Bescheid weiß, hole ich sie sofort hierher. Dann müssen wir ihr das Video zeigen. Und ich werde mich neben sie setzen und ihr die Hand halten. - Es wird für Ellen ein Schock sein. Aber dann wird die grenzenlose Freude Einzug halten.“

Der Präsident stand auf, ging zum Fenster, starrte in den Garten. Kate trat zu ihm und nahm Mike in den Arm.

„Ist das nicht eine unglaublich schöne Wendung der Ereignisse, Mike?

Jetzt kann 2056 auf völlig andere Weise ein besonderes neues Jahr werden, als du dir das noch vor Weihnachten jemals hättest vorstellen können.“

Michael Cane küsste seine Frau erst auf die Stirn, dann auf den Mund.

„Ja, meine liebe Kate, so soll es sein. Dass Ludwig lebt und wir außerdem der ganzen Welt zeigen können, wer Alexander Puschkin ist, wird die Russen elektrisieren!“

Dann drehte er sich zu seinem Minister des Präsidialamtes um.

„Wenn ich es mir so recht überlege, Bob, müssen wir dieses Video sehr schnell öffentlich machen. Das ist unter den gegebenen Umständen die einzige Lebensversicherung, die Ludwig hat. Denn sollte der Kreml glauben, er könne nach dieser Offenbarung Alexander Puschkin mit 9 Gramm Blei im Herzen jetzt noch auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgen, haben wir die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, ihnen diese Flausen schnellstmöglich auszutreiben!

Vielleicht ist es das, was unser Freund mit diesem Coup in Wahrheit bezweckt.“

Bob Dewee erhob sich ebenfalls und trat neben den Präsidenten an das Fenster. Er verschränkte die Arme hinter dem Rücken und presste nachdenklich die Lippen aufeinander.

„Daran habe ich auch schon gedacht, Mike.

Ludwig ist schlau. Es ist kein Zufall, dass er seine Existenz jetzt Preis gibt. Es ist auch kein Zufall, dass er jetzt das Geheimnis um Alexander Puschkin lüftet.

Entweder er will damit den Druck auf Semjonow unerträglich erhöhen und die Russen zu Millionen auf die Straßen treiben, um dem Kreml die Grenzen seiner Macht vorzuführen. Das würde natürlich unsere Chancen auf die Einleitung von Friedensverhandlungen erhöhen. - Und falls der Staatspräsident stur bliebe, bliebe uns immerhin noch die Option einer gewaltigen Militäroffensive, gegen einen Feind, dessen innere Geschlossenheit massiv erschüttert ist.

Oder? Oder Ludwig steht selbst mit dem Rücken zur Wand. Vielleicht musste er nach vorne preschen, weil seine Enttarnung unmittelbar bevorstand. Falls die IT-Experten der Geheimdienste ihm und seiner Redaktion so dicht auf den Versen gewesen sein sollten, dass es nur noch eine Frage von Tagen oder bestenfalls Wochen war, bevor sie entdeckt würden, ja dann hätte er unbedingt richtig daran getan, vor der Welt das Geheimnis des Alexander Puschkin zu lüften. Anderen Falls hätte der Apparat Kasarins Puschkin alias Fischer garantiert verschwinden lassen!“

Der Präsident löste sich aus der Umarmung seiner Frau. Ihm stand der Schreck ins Gesicht geschrieben.

„Es ist also höchste Zeit. Wir können gar nicht anders, als das Video schnell zu veröffentlichen. Tun wir es nämlich nicht, ermuntern wir die Tscheka geradezu, Ludwig und alle seine Getreuen im Lager von Seriotogorsk zu ermorden!“

...

Es verlangte dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika eine bis an die psychische Schmerzgrenze heranreichende Selbstdisziplin ab, um 20 Uhr am Silvesterabend vor die Kameras der wichtigsten nationalen Nachrichtendienste und Internetportale zu treten, um seine Ansprache für das neue Jahr zu halten. - Kein Wort von dem, was ihn wirklich beschäftigte, innerlich bis zum Bersten berührte, durfte nun schon über seine Lippen kommen. Michael Cane hegte die Befürchtung, sein in vielen Jahren eingeübtes, sanftes Lächeln wirke dieses Mal wie zu Stein erstarrt. Umso aufmerksamer wollte er im Anschluss seinen eigenen Auftritt ansehen und schonungslos mit der Sozialpsychologin seines Stabes durchsprechen.

Die junge Dame beruhigte Cane und Dewee sehr überzeugend, dass die Ausstrahlung des Präsidenten tadellos gewesen sei. Doch Bob Dewee setzte nach.

„Ich meine nicht die Wirkung des Chefs auf den normalen Durchschnittsamerikaner.

Was werden wohl die Psychologen des russischen Inlands-Geheimdienstes analysieren, wenn sie sich im Auftrag Kasarins die Neujahrsansprache ansehen und gefragt werden: Wusste Cane Bescheid?“

Schweigen. Eine, zwei, drei Sekunden lang.

„Sir, Mister Dewee, Mister President,

das vermag ich nicht mit Sicherheit zu beurteilen. Profis, die genau wissen, worauf sie zu achten haben, mögen einen vagen Verdacht erhalten, dass der Präsident vermutlich ein klein wenig angespannter gewirkt haben könnte als sonst. - Doch mit Verlaub, meine Herren, die Maske war dieses Mal so perfekt, dass weder eine feuchte Stirn noch eine Blässe durchschimmern konnten.“

Bob Dewee lehnte sich selbstzufrieden zurück.

„Nicht umsonst haben wir dieses Mal absolute Perfektion verlangt, so als träte der Präsident nach einer erschütternden Naturkatastrophe vor die Kameras, so als hinge von seiner Glaubwürdigkeit während der nächsten 20 Minuten seine Wiederwahl ab!“

Die Psychologin guckte verunsichert, sagte aber nichts. Bob fuhr fort.

„Mehr müssen sie für heute auch gar nicht wissen. Morgen Abend werden sie begreifen, was uns beide hier ein wenig nervös gemacht hat.

Zum Feuerwerk über dem Washington Memorial trat der Präsident um Mitternacht vor die Stufen des Haupteingangs zum Weißen Haus und winkte entspannt in die Kameras. Er ging daraufhin auf die Journalisten zu, reckte den Daumen seiner rechten Hand Optimismus verbreitend nach oben und rief ihnen zu:

„2056 wird ein gutes Jahr, Ladies and Gentlemen!

Die Welt wird einen Sprung nach vorne machen! Wir alle werden es erleben!“

Schon gegen 1 Uhr drängte es Michael Cane danach, zu Bett zu gehen. Beim leisesten Gedanken daran, welch ein Tag nach dem Frühstück auf ihn warten würde, begann sein Herz heftig zu klopfen. Er erteilte den Auftrag, um 6.30 Uhr geweckt zu werden und um 7.00 Uhr sein Frühstück zu erhalten. Danach, ja danach würde er mit Ellen Gates per Skype kommunizieren. - Arme Ellen! Den Schreck in der Morgenstunde werde ich dir nicht ersparen können. Aber was danach folgen dürfte, wird bombastisch sein!

...

„Hier ist Ellen – guten Morgen Mike.

Ein frohes neues Jahr, und von ganzem Herzen alles Gute für deine weitere Präsidentschaft.

Und jetzt erzähle mir ohne Umschweife, warum der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika am Neujahrsmorgen das erste Telefonat des Jahres mit einer Beraterin führt, die nicht einmal Mitglied der Regierung ist.“

Michael Cane musste unwillkürlich und gut sichtbar schmunzeln, obwohl er das unter gar keinen Umständen gewollt hatte.

„Schlaue Ellen! Schlagfertige Ellen, das muss ich dir lassen!

Es stimmt. Du hast natürlich recht. Es gibt einen Grund, einen sehr gewichtigen Grund für meine Störung in der unchristlichen Morgenstunde.

Du musst sofort nach Washington kommen! Ein Helicopter der Air Force ist bereits im Anflug auf deinen Landsitz auf Long Island. Bitte mache dich frisch und fertig. Der Tag könnte etwas lang werden. Ich brauche deinen Rat. Aber viel mehr als das will ich dir exklusiv noch vor dem Nationalen Sicherheitsrat eine Information geben, die so top secret ist wie nur irgendetwas. Deshalb bitte ich dich um Verständnis, dass ich damit nicht am Telefon herausrücke.

Vertraue mir! Es ist wichtiger als alles, was im Jahr 2055 auf der Welt geschehen ist!“

Ellen Gates fuhr ein kühler Schauder den Rücken hinunter. Sie schüttelte sich, zögerte, ob eine Nachfrage Sinn mache. Doch Mikes Erläuterung war eindeutig: Nicht am Telefon!

„O.K., Mike. Ich packe ein paar Fummel und meinen Malkasten zusammen und stehe zur Abholung bereit. - Und wehe, falls sich deine galaktische Ankündigung später als Ente erweisen sollte.“

Beide lachte auf und verabschiedeten sich. Der Präsident war total überrascht, dass dies so glatt und reibungslos von statten ging. Nicht einmal die Andeutung einer Nachfrage, worum es gehe. Also brauchte er auch keine Ausflüchte zu machen. Michael Cane war erleichtert. Bei Ellen über diese Neuigkeit unaufrichtig werden zu müssen, hätte er gehasst, auch wenn sich die Situation bereits nach wenigen Stunden hätte auflösen lassen.

Um 8.20 Uhr landete der Transporthubschrauber der Air Force auf einer Weide gegenüber der Landstraße, gerade einmal 500 Meter vom Grundstück Ellen Gates entfernt. Ellen stand bereit, angekleidet, den Wintermantel im warmen Haus noch nicht zugeknöpft, ihre Reisetasche neben der Haustüre platziert. Sie fühlte sich leicht, gar nicht aufgeregt vor Neugierde und Ungeduld. Noch hatte sie keine Ahnung, was Mike von ihr wollte. Doch nach seinen Worten zu urteilen musste es außerordentlich wichtig sein. - Das bedeutete zwangsläufig, es hatte mit dem Krieg, wahrscheinlich sogar mit Russland zu tun.

Neuigkeiten über Alexander Puschkin und die arcana imperii des russischen Widerstandes?