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Ost und West, Eine Erzählung zur deutschen Einheit, Dezember 1989. Die Mauer ist seit wenigen Wochen geöffnet und die Menschen strömen in beiden Richtungen über die innerdeutsche Grenze. An einem Wochenende vor Weihnachten fährt Hans aus dem Ruhrgebiet in seine thüringische Heimat. Er reist mit seiner Frau und seinem beinahe erwachsenen Sohn. Er reist aber auch mit vielen Erinnerungen und gemischten Gefühlen. Wird er sich jetzt, nach vielen Jahren wieder heimisch fühlen? – Schließlich durfte er als Mauerflüchtling nicht in sein Heimatdorf zurückkehren. Wird die offene Grenze, die allgemeine Diskussion in Ost und West über Währungsunion, Wiedervereinigung, Demokratisierung der DDR das Denken der Menschen verändern und zu neuen Sehnsüchten, Hoffnungen, Ängsten führen? Hans wohnt für ein Wochenende mit seiner Familie bei der Familie seiner Schwester. Man ist freundlich zueinander, aber es fällt allen schwer, so richtig warm miteinander zu werden. Die über Jahrzehnte verschieden verlaufene politische Sozialisation der Geschwister türmt eine unsichtbare Mauer zwischen ihnen auf. Ihre Vorstellungen von der deutsch-deutsche Zukunft unterscheiden sich darin, dass Hans die Aufnahme der DDR in die Bundesrepublik als Gesetzmäßigkeit der Geschichte erwartet, während seine Schwester eine humanistische, diffuse Sehnsucht nach der praktischen Wandelbarkeit des Sozialismus hin zu einer offenen Gesellschaft empfindet. Vieles wird angerissen, und dann der mögliche Konflikt im Gespräch gescheut. Man will ausdrücklich viel voneinander wissen und versteht den anderen doch nicht so recht. Leichter fällt es da den sich bisher völlig unbekannten Kindern, denn die Jugendlichen sprechen natürlich auch über Politik, aber doch nicht allein darüber, und finden leichter als ihre Eltern zu persönlicher Nähe, die sich an Musik und Alltag, Liebe und Zukunftshoffnungen festmacht.
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Seitenzahl: 298
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Magnus Dellwig
Ost und West
Eine Erzählung zur deutschen Einheit
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1: Erinnerung
Kapitel 2: Wiedersehen
Kapitel 3: Kinder der 80er Jahre
Kapitel 4: Die zwei
Kapitel 5: Abendessen
Kapitel 6: Mit der Jugend ist das so eine Sache ...
Kapitel 7: Jeder schließt seine Kompromisse, nicht wahr Hans?
Kapitel 8: JFK
Kapitel 9: Weimar
Kapitel 10: Die Last der Geschichte
Kapitel 11: Annäherungen
Kapitel 12: Abschied
Kapitel 13: Heimkehr
Impressum neobooks
Hans fährt den blauen BMW mit 150 Stundenkilometern auf der linken Spur der A 4. Seine Frau neben ihm sagt gerade bestimmt schon zum fünften Mal seitdem sie losgefahren sind, er solle nicht so schnell fahren. Die Sicht sei schließlich bei diesem schmuddeligen Novemberwetter mit Nieselregen viel zu schlecht zum Rasen. - Ist doch schon Dezember, wenn auch erst der zweite! Wenn auch nur in Gedanken formuliert Hans diesen stillen Protest.
"Du fährst uns alle noch gegen den Baum. Ist doch völlig egal, ob wir nun eine halbe Stunde früher oder später ankommen. Jetzt hast Du Paula seit fast dreißig Jahren nicht mehr gesehen. Da wird es doch wohl auf diese verdammte halbe Stunde auch nicht mehr ankommen."
Hans brummt sich ein leises "Ja, ja, ist ja schon gut", in den Bart, das aber bei den Fahr- und Motorgeräuschen niemand seiner Mitreisenden verstehen kann. Der auf Intervall geschaltete Scheibenwischer legt gerade wieder den Blick auf den grauen Asphalt und die roten Rückleuchten des Vordermannes frei. Hans starrt einfach weiter auf die Fahrbahn. Dabei nimmt er den Fuß leicht vom Gaspedal, so dass der Wagen allmählich langsamer wird. Bei einhundertdreißig wechselt Hans auf die rechte Fahrspur. Das "Endlich" seiner Frau quittiert er mit einem zornigen Seitenblick, der nur eines bedeuten kann: Wenn ich dir den Gefallen jetzt schon tue und langsamer werde, dann könntest du dir wenigstens den blöden Kommentar sparen!
Sofort darauf fängt Hans Blick links der Autobahn auf dem übernächsten bewaldeten Hügel einen hellgrauen Betonturm mit Aussichtsplattform an seiner Spitze ein. Kein Gedanke mehr an seine Frau. - Endlich, die Zonengrenze! Noch einen Kilometer und ich bin in Thüringen. In der Heimat! Der alten Heimat, um es nicht zu theatralisch zu sagen. Hans Gedanken schweifen weit ab und zurück in die Vergangenheit. So als wäre es gestern gewesen, hat er nun die Bilder vor Augen: Ein junger Mann, beinahe noch ein Jugendlicher steht dort an der S-Bahn-Station Berlin-Friedrichstraße. Kurze Hosen hat er an, ein weißes Hemd und darüber einen beigen Pullunder. Nur mit einem Rucksack bepackt besteigt dieser Mann, den er da so genau vor sich sieht, den Zug in Berlin-Mitte, um nach Süden zu fahren. Er setzt sich auf einen Platz am linken Fenster, in Fahrtrichtung. So kann der junge Mann auf die Straßen blicken, die ein bis zwei Geschosse unter der S-Bahn-Trasse an ihm vorbeirauschen. Kaum hat der Mann noch einmal darüber nachgedacht, was er da eigentlich gerade vorhat, da läuft die S-Bahn nach nur vierzehn Minuten Fahrzeit im Bahnhof Oranienstraße ein.
Hastig greift er nach dem Rucksack, der auf dem Boden zu seinen Füßen steht. Beinahe hektisch, auf jeden Fall aber verwirrt sieht der junge Mann aus dem Fenster. - Oranienstraße, Kreuzberg, West-Berlin. Ich hab es geschafft! Hans kann es noch gar nicht fassen. Es war so leicht! Keine Kontrolle, kein Ausweis, nicht einmal die Fahrkarte wurde verlangt. Energisch packt Hans den Rucksack auf seinem Schoß und steigt aus der S-Bahn aus. Eilig läuft er die Treppen der S-Bahn-Station hinunter, um unten auf den Bürgersteig der Oranienstraße zu gelangen. Ein greller Sonnenstrahl blendet ihn für einen kurzen Moment. Hans stolpert, fängt sich. Er geht jetzt ganz ruhig ein paar Schritte. Tief atmet er die Luft in seine Lungenflügel.
Aah! Das tut gut! Nun erst denkt Hans an das Wort, das ihn in den letzten Wochen immer aufs Neue angetrieben hatte, immer dann, wenn er befürchtete schwach zu werden, von seinen Plänen abzulassen, als seine Mutter und genau so seine Schwester Paula auf ihn einredeten, er solle doch um Himmels Willen bei ihnen bleiben! Das Leben in der DDR werde doch auch von Tag zu Tag besser. - Freiheit! Ja, Hans Berger ist jetzt in der Freiheit, im freien Teil der Stadt, im freien Teil Deutschlands, in der freien Welt. Hans setzt sich auf eine Straßenbank und verfolgt für kurze Zeit den dichten Autoverkehr auf der Oranienstraße, Ecke Yorck-Straße. Dann lehnt er sich, ein wenig erschlafft aber lässig, an und lässt den Rücken in sich zusammen sinken. Hans sieht auf seine Armbanduhr. Es ist jetzt 11 Uhr 24, es ist der 14. September 1960.
Auf der Höhe des bereits zweiten Wachturms der DDR-Grenztruppen angelangt sieht Hans zuerst aus dem Fenster, dann aber auf die Uhr an seinem linken Handgelenk, ganz genau so wie damals vor, ja wirklich, vor bald dreißig Jahren. Mit einem Mal empfindet Hans ein befreiendes Gefühl in seiner Brust. Er atmet tief durch. Hans freut sich jetzt, in diesem Augenblick richtig darauf, seine Schwester wieder zu sehen, ihre Familie kennen zu lernen. Es ist eigentlich das erste Mal, seitdem sie sich zu der Reise nach Thüringen vor zwei Wochen entschieden hatten. Und vor nur gut drei Wochen, als Hans die Bilder im Fernsehen sah, wie die Mauer am Brandenburger Tor fiel, ja da konnte er überhaupt nicht klar denken. Zuerst ging ihm nur eines durch den Kopf:
Wie können diese Erz-Leninisten im Politbüro nur so derart bescheuert sein, die Grenze jetzt zu öffnen? Begreifen die denn nicht, dass genau an diesem Tag, jenem 9. November 1989, dem 70. Jahrestag der Revolution, dem 66. Jahrestag des Hitler-Putsches in München und dann auch noch dem 51. Jahrestag der Reichskristallnacht, unwiderruflich der Damm gebrochen ist, der die ganze DDR überhaupt noch zusammenhält? Die Menschen würden ihr Schicksal nun so schnell wie möglich in die Hand nehmen, in den sicheren Schoß der D-Mark retten. Und kein Ideal, keine Phrasen vom demokratischen Sozialismus, wenn auch jetzt in einer pluralistischen Gesellschaft mit echter parlamentarischer Gewalt, würden den Zug noch stoppen, der auf den Anschluss an die alte BRD hinauslief!
Inzwischen sind die Grenzbefestigungen der Deutschen Demokratischen Republik an dem blauen BMW 525 i vorbeigezogen, als Hans seinen Gedankengang jäh unterbricht. Deine Worte, deine Begrifflichkeiten, das sind die Schubladen des linken Sozialdemokraten! BRD, Anschluss. Mein Gott, genau in diesen Kategorien hast du in den 60er Jahren an der Uni gedacht. Diese Zeiten sind lange, lange vorbei. Und gerade eben hat ein neues Zeitalter begonnen. Hans, gib dir wenigstens Mühe, die Schere im Kopf aus den alten 68er-Tagen wegzupacken! Ich glaube nicht, dass wir heute damit weiterkommen, wenn wir weiter so denken wie damals: Die bösen Kapitalisten hier in der BRD, die bösen Stalinisten da in der DDR, aber die guten Idealisten dort in Prag - die menschlichen Sozialisten eben! Das muss jetzt endgültig vorbei sein: Offen sein für eine neue Zeit! Wie sollst du denn sonst vernünftig mit deiner Schwester über politische Dinge diskutieren? Paula war damals schon ein verdammt schlaues Mädchen. Und ihre Briefe aus den letzten Jahren haben immer wieder gezeigt, dass sie niemals die Hoffnung aufgegeben hat, an den guten Sozialismus, an die Chance zum Wandel. Mit Klischees kommen jetzt weder sie noch ich weiter!
Der Wagen hat die Autobahn A 4 an der Abfahrt Gotha verlassen. Über eine kurvenreiche Landstraße fährt Hans mit nicht einmal mehr 80 Stundenkilometern einen Hügel nach dem anderen hinauf und wieder hinab. Der Nieselregen hat aufgehört. Doch dafür liegen hier oben im Thüringer Wald dichte Nebelschwaden über den Wäldern und Lichtungen. Die Sicht ist dadurch jedenfalls nicht die Beste. Und das, obwohl es mitten am Tag ist. Hans sieht wieder auf die Uhr; dieses Mal aber auf die am Armaturenbrett. 14 Uhr und acht Minuten. Wir sind immer noch gut in der Zeit, denkt er gerade, als Hans durch eine Stimme aus dem Wagenfonds aus seiner Tagträumerei gerissen wird.
"Und hier, in dieser Einöde von Wäldern, die ja überhaupt nicht enden wollen, da hast du deine Jugend verbracht Papa?"
Hans ist im Moment verstört. Gerade hatte er sich die Frage gestellt, ob es nicht besser gewesen wäre, beim Tod seiner Mutter vor vier Jahren die Gelegenheit zu nutzen und wieder einmal in die DDR einzureisen. Als Republik-Flüchtling war das für Hans damals die erste Möglichkeit, wieder in die alte Heimat zu kommen. Doch er wollte nicht. Irgend etwas, eine innere Stimme sagte ihm damals, er solle nicht fahren. Sehr bald kam er dahinter, warum er in Wahrheit nicht nach Thüringen reisen wollte. Hans fürchtete damals die Vorwürfe seiner Schwester. In vielen Briefen von Paula und auch von seiner Mutter war es immer wieder durchgeklungen: Mutter grämte sich bis in ihr hohes Alter über seine Flucht, darüber, dass sie seitdem keine vollständige Familie mehr waren. - So ein Blödsinn! Hans schüttelt den Kopf. Eine richtige Familie waren wir schon nicht mehr seit Papa im April 45 bei der Schlacht um Berlin gefallen war. Paula war damals gerade erst geboren. Und ich? Hm. Ich war gerade mal drei Jahre alt. Was für ein beschissener Krieg, der Familien kaputt gemacht hat, noch bevor Kinder wie Paula auch nur das Wörtchen >>Papa<< lallen konnten!
Hans sieht in den Rückspiegel. Christian hatte da doch eben eine Frage gestellt. Was wollte er noch gleich?
"Entschuldige, Christian. Ich war mit meinen Gedanken gerade ganz wo anders. Was hast du gefragt?"
Etwas genervt blickt Hans Sohn durch den Rückspiegel zurück.
"Ich wollte wissen, wie man, wie du eigentlich damals als Jugendlicher hier, in dieser Einöde leben konntest. Aber ich sehe schon. Du bist in deinen Gedanken wohl eher bei deinen Verwandten und Freunden von damals."
"Ist schon in Ordnung. Kann ich gut verstehen, dass ihr das kaum begreifen könnt. Bei uns in der Stadt ist das schon etwas anderes als hier auf dem Land. Ich bin in einem Dorf groß geworden von sage und schreibe neunhundert Einwohnern. Und dabei lebten wir gar nicht einmal so weit vom Schuss wie viele andere in den Thüringer Wäldern. Denn immerhin sind es von Großrettbach aus nur runde zwanzig Kilometer bis Erfurt. Da konnte man immerhin mal zum Einkaufen, oder später als Jugendlicher mal am Wochenende zum Kino mit dem Bahnbus in die Großstadt fahren.
Christian, weißt du, ich und wir alle auf dem Dorf kannten es ja gar nicht anders. Da hast du die Zeit mit Deinen Freunden und mit der Familie verbracht. Es mag euch seltsam vorkommen. Doch selbst ohne Fernsehen, ohne Diskos und eine Kneipenszene wie euer Bermuda-Dreieck zuhause gab es eigentlich nie Langeweile. Als ich in euer Alter kam, da habe ich abends mehr gelesen denn jemals zuvor. Nicht mehr Karl May. Jetzt waren es Dostojewski, und Camus, und Stefan Heym, und Thomas Mann - die Buddenbrooks fand ich echt klasse."
Hans Blick wechselt von den erstaunten Gesichtszügen seines Sohnes zu Petra hinüber. Auf dem linken Sitz im Wagenfonds sitzt schweigend Hans Tochter. Sie mustert ihren Vater bei dessen letzten Worten scharf. Offensichtlich entdeckt sie plötzlich eine bislang eher unbekannte Seite an ihm.
"Du hast uns bisher fast nichts über Deine Jugend erzählt, Papa, außer eben dass du aus der DDR stammst, aus einer einfachen Familie. Leben auf dem Dorf, viele Freunde, vom Volksschullehrer auf das Gymnasium in Erfurt geschickt. Voller idealistischer Ideale, so hast du gesagt, kam plötzlich die Einsicht, dass der Sozialismus a la DDR nicht funktionieren könne. Und deshalb bist du dann urplötzlich in den Westen gegangen, unter dem Wehklagen deiner Mutter und deiner kleineren Schwester Paula. - Haben die beiden das damals eigentlich genau so gesehen, das mit dem Scheitern der DDR, meine ich?"
Hans lächelt entspannt in den Rückspiegel.
"Nein, Petra, das haben sie ganz und gar nicht. Meine Schwester war - und ich glaube sie ist es immer noch - eine kluge Frau voller Ideale, und deshalb eine überzeugte Sozialistin. Paula hat geglaubt, die SED werde sich ändern, allen überzeugten Sozialisten eine Plattform für gesellschaftliches Engagement bieten. Und zwar immer mehr, je mehr der Anteil der wahren Sozialisten an der Bevölkerung zunehmen würde. Und meine Mutter? Ja wisst ihr, sie war eine einfache Arbeiterfrau. Und als mein Volksschullehrer ihr dann in der vierten Klasse sagte, der Hans, der muss aufs Gymnasium; aus dem kann ein wichtiges Mitglied unserer neuen sozialistischen Gesellschaft werden, da war meine Mutter stolz. Danach hat sie immer gesagt, dieser Staat fördert die guten Arbeiter. Deshalb hat sie es nicht nur nicht verstanden, nein, sie hat es sogar ein wenig als Verrat von mir betrachtet, dass ich nach dieser guten Schulausbildung einfach abgehauen bin, um dann im Westen zu studieren und mir, wie meine Mutter zuvor vorwurfsvoll befürchtete, ein schönes Leben zu machen."
"Dann wird es ja richtig spannend werden, wenn Paula und du euch wieder seht. Ihr werdet euch ja nicht nur zu erzählen haben, was aus den Schulkameraden von damals geworden ist. Da prallen der Linke aus dem Westen und die Linke aus dem Osten nach dreißig Jahren wieder aufeinander. Mann oh Mann, das kann ja heiter werden!"
Petra hat ein breites, süffisantes Grinsen aufgelegt. Hans Frau Johanna blickt ihren Mann verstohlen von der Seite aus an.
"Da werdet ihr schon recht haben, ihr Lieben. So ein weltgeschichtliches Ereignis wie der Fall der Mauer bringt eben seine ganz besonderen persönlichen Begleiterscheinungen mit sich. Ich bin selber neugierig, wie das so werden wird. Aber mal ganz abgesehen davon, dass es Paula vielleicht, hoffentlich genügen wird, mich einmal gleich zu Beginn vorwurfsvoll wegen meines Fehlens auf Mutters Beerdigung zu beschimpfen, komme ich gerne nach Hause. Ich habe meine kleine Schwester immer so sehr gemocht, dass es jetzt eine Freude werden soll, wenn wir uns wieder sehen dürfen."
Der BMW rollt am Ortseingangsschild von Großrettbach vorbei. Hans spürt sein Herz immer lauter schlagen, bis die Halsschlager nachdrücklich pocht. Die Spannung steigt in ihm rasant an, ohne dass er wirklich sagen könnte, warum. Es ist in diesem Moment, wenn er ehrlich zu sich selber ist, sicher nicht die Vorfreude. Ihm kommt es eher vor wie Neugierde und eine merkwürdige Spannung, wie das Zusammentreffen mit seiner Schwester denn wohl werden möge. Wird er sofort wieder einen Draht zu Paula aufbauen können? So wie das damals immer phantastisch geklappt hat, als sie sich blind verstanden, egal ob es um die Clique im Dorf ging oder um ihrer beider beinahe abgeklärtes Bild davon, was sie denn von der Propaganda der FDJ im Dorf zu halten haben sollten.
Vorne rechts an der Dorfstraße steht die Kirche. Hans rollt mit andächtig geringer Geschwindigkeit von nicht einmal dreißig Stundenkilometern darauf zu. Aufmerksam mustert er Häuser rechts und links. Seine Frau und die Kinder sind einfach nur still. Sie spüren die Spannung, die auf ihrem Mann und ihrem Vater liegt. Und diese Spannung überträgt sich.
"Da vorne links, da hat mein Klassenkamerad Werner gewohnt. Ganz schön herunter gekommen, die Bruchbude. Und hier drüben auf der anderen Seite, kurz vor dem Kirchplatz die Tante Elfriede. Das war die ältere Schwester meiner Mutter. Ich kann mich noch erinnern, ganz genau, obwohl es schon sage und schreibe vierundvierzig Jahre her ist. Verdammte Scheiße. Wie ein Film läuft es vor mir ab. Das ist vielleicht die älteste Erinnerung, die ich überhaupt in Bildern habe: Meine Mutter rennt durch das Dorf, Petra hat sie auf dem Arm. Mich fasst sie an der Hand. Ich komme kaum mit. Meine Mutter schleift mich beinahe einen ganzen Meter hinter sich her. Mir tut der Arm weh und ich keuche vor Anstrengung. Dann, hier drüben an der Straßenecke zum Kirchplatz, da kann ich einfach nicht mehr mithalten. Ich stolpere. Meine Mutter lässt los. Ich falle mit einer Drehung meines Oberkörpers auf das Pflaster des Bürgersteigs. Die Knie schmerzen und ich fange an zu weinen. Dann sehe ich auf.
Meine Mutter ist stehen geblieben. Ich sehe ihr mit meinem ganzen Schmerz ins Gesicht. Und dann, was sehe ich? Meine Mutter weint auch. Sie drückt mich an sich. Wir gehen ganz langsam die paar Schritte, bis wir zu Tante Elfriedes Haus kommen. Meine Mutter klopft an. Nach wenigen Sekunden öffnet sich die Türe. Und jetzt passiert es. Tante Elfriede sieht sehr ernst aus. Sie kneift die Lippen zu einem schmalen Spalt zusammen. Dann schüttelt meine Mutter ganz leicht, langsam, bedächtig den Kopf.
Aus meiner Mutter bricht der Schrei eines Nein! hervor, wie ich bis dahin und auch seitdem niemals wieder ein menschliches Geräusch gehört habe. Dann bricht sie in lautes Schluchzen aus. Sie lässt meine Hand los. Petra immer noch auf dem Arm haltend fällt sie ihrer Schwester in die Arme. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, bis dieses entsetzliche Weinen aufhört. Endlich lassen sich die beiden Frauen los. Meine Mutter wischt sich ganz bedächtig die Tränen aus den Augen und von den Wangen. Dann sagt sie mit leiser Stimme: >>Elfriede, Gustav ist gefallen.<<
Jetzt aber dreht meine Mutter ihren Kopf nach links und sieht zu mir hinunter. Mit einem unendlich sanften Gesicht, einem leichten Lächeln um die Mundwinkel, um dem was folgt, wenigstens eine Spur seiner endgültigen Härte zu nehmen, sagt sie dann zu mir: >>Hans, Papa ist tot!<<
Ich spürte im Hals, wie mir die Luft wegblieb. Und dann habe ich mich an den Rock meiner Mutter geklammert. Ich fing an zu zittern. Und dann habe ich geweint. Von meinen Knien spürte ich auf einmal nichts mehr. Aber tatsächlich schlotterten meine Beine nur noch so, ohne dass ich sie unter Kontrolle bringen konnte."
Hans ist an dem ehemaligen Haus seiner Tante vorbeigefahren, rechts um die nächste Straßenecke auf den Kirchplatz gebogen und hält dort an. Während er spricht, blickt er unentwegt stur geradeaus. In Hans Augen stehen ein paar Tränen. Er sieht aus der Windschutzscheibe über den tristen Platz mit seinem feucht-dunkelgrauen Kopfsteinpflaster zur Kirchentüre hinüber. Alte Eiche, aber nicht mehr in gutem Zustand, etwas bemoost und schon ziemlich verwittert. So ist das eben im Sozialismus, denkt sich Hans. Ihm wird bewusst, dass er hier nicht alleine im Auto sitzt. Seine Gesichtszüge, eine Mischung aus Versteinerung und Entrücktheit, lösen sich. Hans sieht zuerst seine Frau an und dann, verbunden mit einer Drehung seiner Schulter um 90 Grad nach rechts, Christian und Petra auf den Rücksitzen. Ein leichtes, verkrampftes Lachen folgt.
"Ihr seht, es ist nicht ganz leicht, Heim zu kehren. Ich will euch in den nächsten zwei Tagen möglichst von solchen sentimentalen Ausflügen in die Vergangenheit verschonen. Doch in Wirklichkeit weiß ich, dass ich euch nicht versprechen kann, ob das vollständig gelingen wird."
Er lächelt. Johanna drückt Hans die Hand. Sie lächelt zurück.
"Auch dafür sind wir hierher gefahren. Vor uns brauchst du dich für nichts zu schämen; erst recht nicht für Gefühle, dafür, dass dich so manche Erinnerung aufwühlt, oder auch schon mal wehtun kann."
"Und wenn du von heute bis Montag irgendwann das Bedürfnis haben solltest, mit deiner Schwester ganz allein zu sein, weil diese Dinge in letzter Instanz nur dich und sie etwas angehen, dann sag uns Bescheid, Papa. Es ist schon O.K., wenn du uns dann ganz einfach rausschmeißt."
Petras Worte machen Hans Herz vom einen auf den nächsten Augenblick wieder leicht. Jetzt lächelt er nicht nur, sondern zwischen den Lippen kommen sogar einige weiße Zähne zum Vorschein. Hans nimmt ein Papiertaschentuch aus dem Handschuhfach und wischt sich die Tränen aus den Augenhöhlen. Dann legt er den ersten Gang ein und fährt an.
Beinahe schon am Ortsrand von Großrettbach liegt das kleine Häuschen seiner Kindheit: Silbergasse 14. Eingekeilt zwischen zwei großen Höfen erkennt Hans es sofort wieder. Fachwerk, auf einem gemauerten Sockel aus Bruchsteinen. Die Querbalken sind im Laufe der drei Jahrhunderte, in denen das kleine Häuschen die Familie seiner Mutter beherbergt hat - freie Forstarbeiter, die immer am Rande der Armut leben mussten, aus dem Lot geraten. Erstaunlich, wie Paula das geschafft hat, unser Häuschen so in Schuss zu halten. Beim Näherkommen empfindet Hans Respekt vor seiner Schwester, die in Zeiten sozialistischer Mangelwirtschaft offensichtlich permanent findig genug war, in das Haus zu investieren, die Fassade und das Dach in Schuss zu halten.
Hans sagt das auch so zu seiner Familie, während er auf der gegenüberliegenden Straßenseite einparkt.
"Nicht nur als überzeugte Sozialistin, die an das Gute im Menschen glaubt - selbst bei den Mitgliedern des Politbüros der SED - ist meine Schwester eine bemerkenswerte Frau. Das gilt offensichtlich ebenso für manche profanen Dinge des Lebens. Denn wie sonst hätte sie es schaffen sollen, das Häuschen unserer Familie über die letzten drei Jahrzehnte der Planwirtschaft von Günther Mittag zu retten. Alle Achtung! - Jetzt wird es aber Zeit, Ihr Lieben, dass ihr Paula auch endlich kennen lernt."
"Das gleiche gilt für dich doch wohl auch, Hans! Oder glaubst du wirklich die Paula von heute wäre noch dieselbe wie die Jugendliche von damals, wie sie sich in deine Erinnerung eingegraben hat?"
Johannas Bemerkung macht Hans nachdenklich. Doch er ist vergnügt. Denn jetzt will er Paula wieder sehen, und zwar sofort. Er öffnet die Wagentüre und steigt aus. Johanna und die Kinder folgen. Auf der Straße streckt Hans zuerst einmal seine Arme lang gen Himmel aus. Es nieselt ganz leicht. Er atmet die feuchte Novemberluft tief ein. Ein herrlicher Duft von Nadelwald umgibt ihn.
"Ach ja. Ist schön hier."
Hans wechselt auf die andere Straßenseite und geht auf die alte, palisander-schwarz gestrichene Holztüre zu. Um dort hindurch zu kommen, wird er sich bücken müssen, meint Hans. Er klingelt. Im Innern des Hauses ertönt deutlich vernehmbar ein schrilles Rasseln einer jener fürchterlichen Schellen, wie sie auch beinahe jeder West-Haushalt in den 70ern sein eigen nannte.
Die Türe wird geöffnet und Hans blickt in einen von zwei elektrischen Lampen hell erleuchteten Flur. Vor ihm steht eine schlanke, beinahe zierliche Frau von vielleicht ein Meter fünfundsechzig. Die Haare sind bereits leicht ergraut; das hätte Hans nicht erwartet. Doch er macht sich klar, dass seine Schwester natürlich auch schon fünfundvierzig ist. In dem schmalen Gesicht mit der glatten, immer noch jugendlich wirkenden Haut sitzen zwei leuchtend blaue Augen, die ein kraftvolles Feuer ausstrahlen. Hans ist bewegt, und glücklich.
"Hallo Paula. Da sind wir. Schön, im anderen Teil Deutschlands nach Hause kommen zu dürfen."
Hans geht mit einem Lächeln auf Paula zu und umarmt sie. In diesem Moment ist seine Sorge verflogen, es könnte ein krampfhafter Besuch werden, vor allem wegen der Vorwürfe seiner Schwester, die er sich in Gedanken ausmalte. Es war tatsächlich eine gehörige Portion schlechtes Gewissen dabei, dass Hans vor vier Jahren, als seine Mutter starb und sich dies ja sogar über ein paar Wochen abzeichnete, nicht gekommen war. Vor ihrem Tod und noch viel mehr danach befürchtete er nicht mehr, bei einer Einreise in die DDR von den Vopos als Republikflüchtling in den Knast gesteckt zu werden. Ganz im Gegenteil - Paula hatte ihm ein amtliches Schreiben der Kreisverwaltung besorgt: Wegen der familiären Notlage wurde ihm ausdrücklich die Einreise in die Deutsche Demokratische Republik gestattet. Es war tatsächlich etwas ganz anderes. Hans wollte weder seiner Mutter noch seiner Schwester in die Augen sehen und auf die Frage antworten müssen: Warum hast du uns vor einem viertel Jahrhundert, vor ewig langer Zeit, einfach so im Stich gelassen? Wie konntest du das damals tun, eine Kriegerwitwe mit kleinem Lohn und lächerlich niedriger Rente zurücklassen? Und das, obwohl du doch wissen musstest, dass hier im Dorf anders als in den großen Städten jeder Zweite mit dem Finger auf sie zeigen würde: >>Weißt du, erst hat der Staat ihm das Gymnasium in Erfurt ermöglicht, und dann, kaum hat der Hans sein Abitur gemacht, da dankt er es der sozialistischen Gemeinschaft mit der Flucht in den Westen!<<
Ja wirklich. Hans ist verblüfft. Damals, 1960, da gab es - zumindest hier auf dem thüringischen Land - wirklich noch ganz, ganz viele, die dem SED-Regime einen ehrlichen Vertrauensvorschuss entgegenbrachten. Der 17. Juni war bereits lange her. Und in der Zwischenzeit ging es fast allen tatsächlich besser! Na ja, fast allen außer den großen Bauern, die enteignet worden waren und dann in der LPG arbeiten mussten. Aber hier, im Thüringer Wald, da gab es doch überwiegend kleine Holzarbeiter und Landwirte. Die waren nach ein paar Jahren allmählich der Überzeugung, mit dem Sozialismus könne es tatsächlich noch etwas werden. Und irgendwie empfanden es die Menschen auf dem Land viel weniger als die meisten Städter als Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit, wenn die Partei viele Bereiche des alltäglichen Lebens sanft zu bestimmen suchte. Sie waren es von den Nazis noch ganz anders gewohnt. Hans erlebte das damals sehr hautnah. In Erfurt, auf der Schule, gab es zwar keine Lehrer, die Kritik geübt hätten. Aber unter den Schülern waren viele aus so genanntem guten Hause. Und die konnten ihren Mund allzu oft nicht darüber halten, was ihre Eltern - Ärzte und Anwälte, Beamte und Ingenieure - zu Hause über Ulbricht und seine >>Marionetten-Truppe der Russen in Ost-Berlin<< von sich gaben. Hans glaubte damals allmählich, der Grund für jene überhebliche Ablehnung sei weniger die Ablehnung des Sozialismus gewesen als vielmehr die Offensichtlichkeit, mit der die SED an der langen Leine aus Moskau geführt wurde. Und damit verband sich oftmals eine Bitterkeit der gut situierten Bürger darüber, dass die Eiszeit zwischen Ost und West während der fünfziger Jahre nicht den Hauch einer Aussicht auf die Widererlangung der deutschen Einheit ließ.
Einheit. - Bei diesem Wort zuckt Hans zusammen und zwingt sich dazu, seinen Tagtraum einer weiteren Reise in die Vergangenheit zu beenden. Es ist ja gerade diese Einheit, die, je länger sie entbehrt werden musste, umso mehr aus dem Bewusstsein der Deutschen verschwand. Jetzt stehe ich hier und die Mauer ist gefallen! Hans schmunzelt. Vor einem Jahr noch, wer hätte es da denn nur im Entferntesten für möglich gehalten, dass der Schutzschild der Sowjetunion über dem SED-Regime tatsächlich fallen, und mit ihm die Mauer bröckeln sollte?
Paula hat Hans nach der festen, herzlichen Umarmung wieder losgelassen. Sie lächelt ihn an. In ihren Augen steht ein Hauch von Träne. Da Hans jedoch weiß, dass es keine Träne aus Zorn, sondern eine Träne vor Rührung sein muss, bleibt er völlig entspannt.
"Einfach unglaublich! Es ist ein Wahnsinn, Paula, wieder hier sein zu dürfen. Noch vor vier Wochen habe ich die Ereignisse bei den Leipziger Montagsdemonstrationen mit der sentimentalen Spannung des DDR-Flüchtlings verfolgt. Und dabei habe ich mir für keine Sekunde klar gemacht, dass es mich persönlich von heute auf morgen betreffen könnte, falls die Macht der Partei wirklich zerbröseln sollte. Aber jetzt durfte ich über die Autobahn zu dir kommen, mit nichts weiter als meinem Reisepass. Ich danke dir für die Einladung. Denn wir hätten euch natürlich genau so gerne bei uns zu Hause in Bochum aufgenommen. - Aber das weißt du ja. Haben wir ja am Telefon lang und breit besprochen. Das nächste Mal, bald, ganz bald, da kommt Ihr zu uns nach Westdeutschland.
Ihr und wir - es ist als aller Erstes an der Zeit, dass sich die Familien kennen lernen, die sich hinter uns getrennten Geschwistern verbergen."
"Stimmt genau, Hans. Herzlich willkommen zu Hause, hier bei uns in Großrettbach. Jetzt kommt zuerst mal rein, bei dem scheußlichen Nieselwetter da draußen."
Paula tritt einen Schritt zurück und öffnet dabei weit die Türe. Mit einer auffordernden Armbewegung bittet sie Hans und seine Familie hinein. Jetzt erst bemerkt Hans, dass sich am rechten Ende des Gangs eine Türe geöffnet hat und Paulas Mann in den hellen Flur getreten ist. Etwas schüchtern steht er da, wirkt auf Hans so gänzlich unscheinbar. Paulas Mann Leopold kommt auch aus Großrettbach. So ist es kein Wunder, dass Hans ihn von früher zumindest von Ansehen kennt. Leo ist ein Jahr jünger als Paul und ein Stückchen kleiner als er, vielleicht gute eins fünfundsiebzig. Ein freundliches Gesicht mit schmalen Lippen, braunen Augen, einer breiten Stirn unter den dunkelblonden, streng gescheitelten Haaren erweckt bei Hans den Eindruck eines einfachen Menschen. Ehrgeiz, Biss sucht Hans in Leos Augen vergebens. Wie auch, denkt Hans für sich, bei einem Mann, der Buchhalter der örtlichen forstwirtschaftlichen Genossenschaft ist. So unspannend wie Leos Job, so unscheinbar ist seine Erscheinung. Und dennoch strahlt das sanfte Lächeln seines Schwagers auf Hans eine Ruhe aus, die nicht ohne Selbstbewusstsein ist. Für den Bruchteil einer Sekunde keimt in Hans der Neid, dass Leopold und Paula hier in den zurückliegenden Jahren ein nicht nur einfacheres Leben als er, sondern vor allem ein ausgeglichenes Leben geführt haben dürften. Nichts von alledem, womit sich Hans in seiner Stadt, in der Politik und der Verwaltung, in den zunehmend unangenehmeren Kontakten mit der Kommunalaufsicht wegen der bescheidenen Finanzlage seiner neuen Heimatstadt Bochum seit einiger Zeit so herumzuschlagen hat.
Hans tut es seiner Schwester gleich und tritt einen Schritt zurück, um für Johanna und die Kinder Platz zu machen. Die haben in respektvollem Abstand gewartet und ohne ein Wort zu sagen die Begrüßungsszene zwischen Hans und seiner Schwester verfolgt. Johanna ist Paula gleich sympathisch. Ihr erster Gedanke ist die Hoffnung, dass diese Frau, wie sie eine innere Stärke ausstrahlt, in den folgenden zwei Tagen ihrem Hans durch die Ruhe ausführlicher Gespräche und durch die Freude des Wiedersehens ein wenig Abschalten, etwas Zufriedenheit verschaffen möge. Johanna verfolgt es seit Monaten mit Unbehagen, dass Hans nach langen Sitzungen der Fraktion oder ihrer Arbeitskreise und der dazugehörigen Ausschüsse immer abgespannter, entnervter, und leider auch verschlossener heimkehrt. Von der Vertrautheit aus den ersten Jahren ihrer Ehe ist immer weniger geblieben. Hans liebt es nicht, von der Arbeit zu kommen und sich darüber auslassen zu sollen, was sich denn am Tage Interessantes ereignet habe. Doch indem er immer mehr nur noch seine Ruhe haben möchte, sich mit einem guten Buch zurückziehen möchte, sind Johannas Gespräche und ebenso die der Kinder mit Hans immer spärlicher geworden. Daher hat sich Johanna mit Hans gefreut, als sich Paula am 11. November telefonisch meldete, ohne ein Wort der Anklage den Fall der Mauer als ein Glück für die Geschwister bezeichnete und dann Hans ganze Familie nach Thüringen einlud.
"Guten Tag Paula. Ich freue mich richtig, und ich bin neugierig, dich kennen zu lernen. Hans hat mir immer gesagt, Du seiest eine bemerkenswerte Frau, weil du eine starke Frau und zugleich eine überzeugte Sozialistin bist. Deshalb glaube ich, dass sich unsere Familien eine Menge zu sagen haben werden."
Johanna umarmt Paula ein wenig zaghaft. Sie möchte nicht aufdringlich wirken, gegenüber einer Frau, die bis heute ja noch nicht einen einzigen Spross der Familie Berger aus dem Ruhrgebiet persönlich kennen lernen durfte. Johanna war vor ihrer Abreise, ja sogar noch heute Morgen davon überzeugt, es werde nicht leicht werden, einen echten persönlichen Draht zwischen den diversen Mitgliedern der zwei Familien aufzubauen, wenn sie von Hans und Paula einmal absieht. Aber im Gegensatz dazu wächst in ihr beim Anblick ihrer Schwägerin der Optimismus, dass diese Frau gerade heraus reden, mit der aktuellen Situation der Familie genauso wie mit der Lage in der gesamten DDR umgehen werde. Johanna weiß, dass Paula das leichter fallen, ja sogar besser gelingen wird als ihrem Hans. Das stimmt sie zuversichtlich. Johanna nimmt sich vor, zu einer offenen, ungezwungenen Stimmung beizutragen, ohne sich mehr als nötig in tiefer schürfende Gespräche zwischen den Geschwistern über persönliche Wunden und gesellschaftspolitische Ansichten einzumischen. Insgeheim hofft sie, ihre Kinder und ebenso Paulas siebzehnjähriger Sohn Bert werden sich diese Zurückhaltung mit dem jugendlichen Recht der manchmal schroffen Neugierde nicht auferlegen.
"Hallo Johanna. Du bist also die Frau, die sich in den letzten zwanzig Jahren mit meinem Bruder herumschlagen musste. Ich hoffe für Dich doch sehr, dass es dir besser gelungen ist als mir in unserer Jugend. Ich habe es einfach nie geschafft, mir einen vernünftigen Reim auf Hans persönliche Wünsche und seine politischen Ansichten zu machen. Jedenfalls fügte sich das für mich nie wirklich zu einem einheitlichen Bild von seiner Persönlichkeit zusammen. Aber der Hans von heute wird ein anderer sein als der junge Mann von 1960. Ich jedenfalls habe mich auf euren Besuch wahnsinnig gefreut. Und ich glaube fest daran, dass wir uns schon am Ende der nächsten zwei Tage besser verstehen werden, Deutschland besser verstehen werden als noch heute Nachmittag."
Paula drückt Johanna nochmals feste die Hand und zieht sie zu sich in den Flur ihres Hauses hinein. Johanna lässt sich gerne von ihrer Schwägerin lotsen und gelangt nach wenigen Schritten zu Leopold. Der streckt ihr freundlich zunächst nur den rechten Arm zum Händedruck entgegen. Danach drückt Leo sie bis zu einem Hauch von Berührung an sich, um sogleich wieder loszulassen.
"Guten Tag Johanna. Ich bin Leo. Uns beide dürfte wohl einen, dass wir uns ein bisschen wie die Zuschauer auf der Bühne des Wiedersehens fühlen dürften. Ich denke, wir wollen daran teilhaben, ohne dabei zu stören."
"Das hast du schön gesagt, Leo. Mit anderen Worten, die beiden sollen Wissen, dass sie keine Scheu davor zu haben brauchen, uns zu sagen, wenn sie uns los sein wollen, um unter vier Augen tief in die Vergangenheit vor Hans Flucht abzutauchen."
Leopold nickt und lächelt. Dann geleitet er Johanna in das Wohnzimmer, aus dem er vorhin in den Flur getreten ist.
Inzwischen hat Paula unter den milden Augen ihres Bruders Petra und Christian per Handschlag begrüßt und sie in Thüringen herzlich willkommen geheißen.
"Es muss für euch schon ein merkwürdiges Gefühl sein, zum ersten Mal im Leben hinter die Grenze zwischen den zwei Welten gereist zu sein. Lasst euren Fragen und Zweifeln freien Lauf! Ich will mir alle Mühe geben, keine Frage als unberechtigt abzutun. Wie sollte es euch auch leicht gelingen, mit dieser deutsch-deutschen Realität zurecht zu kommen, wenn schon euer Vater und ich, die wir doch so viel mehr darüber wissen und dazu erlebt haben, es aus vielleicht sehr verschiedenen Gründen überhaupt nicht begreifen konnten, als vor drei Wochen die Mauer fiel."
Außer einem knappen "Hallo Paula" kommt den beiden nichts über die Lippen nach dieser für beide überraschenden Ansprache. Petra, Christian, Hans und Paula folgen Leo und Johanna durch den Flur ins Wohnzimmer. Leo schüttelt seinen drei ihm noch unbekannten Verwandten, die er bisher noch nicht begrüßt hat, kräftig die Hände und bittet darum, Platz zu nehmen. Seiner Frau bedeutet er, den Kuchen holen zu wollen, Kaffee frisch aufzubrühen und für sonstige Getränke zu sorgen. Sie solle sich indes ungestört um "ihre" Familie aus dem Westen kümmern. Johanna ist ein wenig gerührt von dieser zurückhaltenden Rolle, die Leo für sich soeben reklamiert. Sie fragt sich, ob ihr Hans unter umgekehrten Vorzeichen denn wohl so ähnlich reagieren würde. Johanna ist sicher, dies gelte nur an einem seiner guten Tage, doch davon habe ihr Hans in der letzten Zeit zunehmend weniger.
"Lieber Hans, liebe Johanna, liebe Petra und lieber Christian, darf ich euch zur Begrüßung mit einer traditionellen Spezialität aus der DDR aufwarten? - Natürlich, ihr braucht gar nicht zu antworten. Wenn es bei uns im Osten mal richtig etwas zu feiern gibt, dann trinken wir uns einen schönen roten Rotkäppchen-Sekt. Ich sage euch, das muss jetzt auch sein, damit Ihr euch wirklich stilecht von euren neuen Verwandten begrüßt fühlt."
Das Lachen der gesamten Runde gibt den Auftakt zu einem lockeren Gespräch darüber, wie die Fahrt gewesen sei, wie ihnen die thüringische Landschaft gefallen habe und dann was die Menschen in Westdeutschland während der letzten drei Wochen denn für Gedanken und Gefühle mit dem anderen Teil Deutschlands verbunden hätten. Paula hebt ausdrücklich hervor, dass Menschen wie sie und Hans durch ihre familiäre Betroffenheit von der deutschen Teilung einfach nicht dazu in der Lage sein könnten, die Empfindungen der anderen, der völlig normalen Deutschen realistisch und ohne falsche Sentimentalität zu erfassen und zu beurteilen.
