Im Anfang war Berlin - Falko Hennig - E-Book

Im Anfang war Berlin E-Book

Falko Hennig

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Beschreibung

Berlin ist ein Palimpsest – jede Epoche hat ihre Spuren hinterlassen, überlagert, ausgelöscht, neu beschrieben. Falko Hennig gräbt in diesen Schichten, hebt Geschichten ans Licht, die unter Asphalt und Erinnerung begraben liegen: von verschwundenen Badeanstalten und umgesiedelten Häusern über vergessene Druckereien, Kraftwerke und Kinos bis zu den Menschen, die in all dem lebten, bauten, scheiterten und weitermachten. Mit journalistischem Gespür, literarischer Neugier und trockenem Humor rekonstruiert Hennig die Stadt als lebendiges Archiv, in dem jedes Pflaster, jeder Ziegel, jede Anekdote zählt. Seine „Stratigrafien“ sind Bohrungen in die Tiefen Berlins – präzise, überraschend und voller Zärtlichkeit für eine Stadt, die nie aufhört, sich neu zu erfinden. Ein Buch für alle, die wissen wollen, wie Berlin geworden ist, was es war – und was davon noch übrig ist.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 383

Veröffentlichungsjahr: 2025

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IM ANFANG WAR BERLIN

Impressum

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN: 978-3-95894-362-9 (Print)

© Copyright: Omnino Verlag, Berlin / 2025

Am Friedrichshain 22 / 10407 Berlin / [email protected]

www.omnino-verlag.de

Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.

Falko Hennig

IM ANFANG WAR BERLIN

Stratigrafien

Für Lias

Inhalt

Das Haus zum Comic

Erinnerungen an die BS Rudi Arndt

Erinnerungen an die BS Rudi Arndt (2)

Erinnerungen an die BS Rudi Arndt (3)

Fälscher und Genie

„Bachmann kann passieren!“

Die älteste Badeanstalt

Schwimmvater Pfuel am Oberbaum

Der Bär im Morast

Das Baumhaus an der Berliner Mauer

Berlins älteste Bedürfnisanstalt

Franz Biberkopf bei den Anarchisten

Bilderverbrennung im Feuerwehrhof

Berlins älteste Bordelle

Carl Theodor Brodführer, Fragmente aus seinem Leben

Berlins älteste Brücke

Berlins älteste Burg

Berlins erster Computer

Berlins älteste Desinfektionsanstalt

Berlins erste Druckerei

Die alte Eisfabrik an der Spree

Das Becken und sein Engel

Der Lebensretter vom Engelbecken

Das Ermelerhaus, Märkisches Ufer 10

Berlins älteste Feuerwache

Fluchtweg durch die Mauer:

Berlins ältestes Haus

Hugo Heimann

Die beiden Brüder Herrnfeld

Die Todesfalle der Nazis

Glückwunsch zum 103. Geburtstag!

Berlins ältestes Hochhaus

Berlins ältestes Internetcafé

Josetti-Höfe

Berlins älteste Kegelbahn

Gottfried Keller

Berlins ältestes Kino

Berlins älteste Kita

Berlins älteste Kleingartenanlage

Komet, Überschwemmung, Cholera

Risikokapital Köpi

Kunst am Kraftwerk

Wie Johannes Kunckel die Pfaueninsel bekam und wieder verlor

Lilienthal nicht vergessen!

Aus der Luisenstadt in die Welt

Ein Denkmal für Lilienthal

Cooler Typ wird Pate

Luise und Napoleon

Die Luisenstadt und ihre Grenzen

Berliner Mauern

Fahnen und griechische Kleider

Die Kirche der Luisenstadt

Sichere Bank für Genossen

Stolpern über Lotte und Erich

Der Neue Alte Luisenstädtische Friedhof am Südkreuz ist ein geheimer Park

Kloake und Todesstreifen

Wieso Märkisches Museum?

Die Juwelen sollen leuchten

Herz und Hirn der Volksmarine

Das Massaker an den Maschinenstürmern

Die Berliner Mauer

Ditmar Wiese, der vergessene Lebensretter

Flucht in der Dichterklasse

„Beiß auf deine Hand, du klapperst so laut!“

Durch Geisterbahnhöfe in den Westen

Spur der Steine

„Die Kinder konnten nicht weglaufen“

Mark Twains Rohrpost

Berlins älteste Moschee

Die erste Bibliothekarin

Berlins älteste Pflanze

Das Postfuhramt in der Melchiorstraße und seine elektrischen Postkutschen

Berlins älteste Plumpe

Berlins erste Platte

Als das Spreetal das Silicon Valley war

„Das ist unser Haus!“

„Wir gehen hier nicht raus!“

Die umkämpfte Engelsburg

Berlins ältester Schattenspender

Der Hof-Photograph des Verschwindens

Die alte Seifenfabrik, die keine war

Die erste Kirche der Luisenstadt

Asisi und die Sebastianstraße

Sklaverei in Berlin

Vater Späth

Berlins ältester Sportverein

Spreefeld, wie alles begann

Von der Brandstiftung zum Happy End

Der Sekretär vom Marstall

Stadtmuseum Ahoi!

Der Friedensnobelpreisträger aus der Köpenicker

Die Indianer von der Spree

Berlins ältestes Taxi

Berlins ältester Tonträger

Wie Berlin Techno-Hauptstadt wurde

Berlins erste U-Bahn

Berlins ältester U-Bahn-Tunnel

Verschieberitis

Wasserkarte aus der Luisenstadt

Berlins erster Weihnachtsmarkt

Die Geister der Brückenstraße

Das Haus zum Comic

Die Adalbertstraße 32 ist nicht nur eine Bildergeschichte

Das farbenfroheste Haus des in Ostberlin liegenden Teils der Adalbertstraße ist das mit der Nummer 32. Gerade im Herbst ist es dank der Entlaubung besonders gut anzuschauen, und erst recht lohnt es einen Besuch im Winter, wenn auch das letzte Blatt verweht ist. Nicht nur wegen des großartigen Wandbildes, sondern aus weiteren Gründen, die ich weiter unten ausführe.

Zuallererst ist es die Fassade des Hauses, die anzieht und eine ausgiebige Betrachtung lohnt. Zentral ist darauf ein buckliger Freak zu sehen. Seine Freunde sind sprechende, kiffende, aus Gläsern trinkende Ratten, und auf einer Fassade kann man drei Politiker erkennen, die Menschen gern wie Ratten aus der Stadt ausgemerzt hätten, und das zu so unterschiedlichen Zeiten wie 1933, 1980 und 1997.

Hinter der glitzernden Skyline samt Fernsehturm nähert sich im Himmel über Berlin ein überdimensionaler Hai, der allgegenwärtig und übermächtig die Stadt beherrscht. Es ist ein Geldhai, wie die Banknoten beweisen, die aus seinem Maul flattern, weil er sie mit seinen Gierzähnen noch nicht verschlingen konnte. Es sind noch D-Mark-Scheine, doch denkt man zwangsläufig an Miethaie von heute, ob sie nun als große Immobilienkonzerne, gierige Privatpersonen oder als Heuschrecken auftreten.

Aber im Mittelpunkt stehen diejenigen, für die in unserer von Reichtum, Schönheit und Erfolg besessenen Gesellschaft kein Platz ist. Viele Anspielungen und Zitate verweisen auf populäre Comics wie die vom Marsupilami, dem geheimnisvollen Tier aus dem südamerikanischen Palumbien.

Wir verdanken dieses Mural dem Maler und Comic-Autor Reinhard Kleist, der es 1998 im Auftrag der Hausgemeinschaft malte. Die benutzten Farben waren ziemlich ökologisch, Naturpigmente auf Mineralienbasis, die einfach mit Wasser angerührt wurden. Weil sie nach dem Auftragen in den Putz eingedrungen sind, halten sie vermutlich ewig. Jedenfalls ist nach einem Vierteljahrhundert kein Verbleichen zu bemerken.

Kleist zitiert sich in diesem Wandbild selber, genauer gesagt sein Comic-Album Amerika, erschienen 1998. Darin spielt der abgebildete Freak die Hauptrolle und hat mit seiner sprechenden Ratte ebenfalls Auseinandersetzungen mit einem mächtigen Hai. So ist das Bild in der Adalbertstraße wohl das einzige, das man als Comic auf der Straße bestaunen kann, um ihn schließlich in seinen eigenen warmen Wänden zu Ende zu lesen.

Seitdem hat es der Künstler Kleist zum besten deutschen Comic-Künstler und zu Weltruhm gebracht. Längst müssten eigentlich Kunstfreunde aus vielen Ländern sein Frühwerk in der Adalbertstraße bestaunen. Denn seit vielen Jahren ist er ein Star unter den Graphic-Novel-Autoren. Eine Graphic Novel unterscheidet sich von einem Micky-Maus-Heft so wie eine Babytröte von einer Silbermann-Orgel. Falls dafür ein deutsches Wort gebraucht wird: Comicroman. Über viele bedeutende Sänger hat er biografische Fantasien veröffentlicht, so Nick Cave – Mercy on me oder jüngst Starman über das Leben von David Bowie.

Viele Preise wurden ihm verliehen. Sein Comic über den US-Country-Sänger Cash bekam zum Beispiel 2007 den Münchener Preis Peng als bester deutscher Comic, den Sondermann als bestes deutsches Album, den Max-und-Moritz-Preis 2008 und den Les prix des ados 2009 beim Literaturfestival in Deauville.

Außerdem hat er Workshops, Vorträge und Ausstellungen in Mexiko und Brasilien gegeben, in China, Indonesien, Vietnam, Jordanien, Algerien, Belarus, Spanien, Kanada und der Ukraine.

Warum sollte man sich das Haus noch ansehen? Weil es eines der ältesten heute noch existierenden der ganzen Luisenstadt ist, es wurde vor 1835 erbaut, beherbergte bis Ende der 1960er-Jahre eine Metzgerei, danach bis 1974 den letzten Laden im ganzen Viertel.

1990 wurde in dem Haus die deutsche Einheit vorweggenommen, als es Jugendliche aus Ost- und Westberlin gemeinsam besetzten und bis 1996 in baulicher Selbsthilfe sanierten.

Man sollte, wenn man an dem Gebäude ist, noch auf vieles achten. So auf das Mosaik mit einem Doppelporträt Rudi Dutschkes, auf das Zwischengeschoss über dem Hausflur, auf den letzten Kellerladen, auf den begrünten und entsiegelten Hof, zu dem man von der Melchiorstraße kommt.

Vor allen Dingen aber sollte man auf den Aushang in der antiken Vitrine achten, aus dem ich das alles weiß.

Erinnerungen an die BS Rudi Arndt

Generationen von Druckern, Schriftsetzern und Reprofotografen wurden in der Michaelkirchstraße 17 ausgebildet

Der Regisseur Leander Haußmann, der Karikaturist Ol, die Moderatorin Marion Brasch, die Schriftstellerin Katja Lange-Müller sind nur einige der späteren Prominenten, die in der Ausbildungsstätte der DDR das Handwerk der Drucker oder Setzer lernten.

Ich selbst wurde hier von 1986 bis 1988 zum Schriftsetzer, aber ich bin nicht einmal Semi-Prominenter, allenfalls viertelprominent. Aber auch in meinem alten Ausweis für Arbeit und Sozialversicherung ist ein Stempel der „Betriebsschule Rudi Arndt, Bildungsstätte der Druckerei Neues Deutschland“ in der Michaelkirchstraße 17.

Seit 1990 ist Ahne mein Hausbesetzer-Nachbar und seit 1995 Reformbühnen-Kollege und, was es noch reizvoller macht, mich mit ihm auf einen Kaffee zu verabreden: Auch er hat an der BS Rudi Arndt gelernt, allerdings von 1984 bis 1986 vor meiner Zeit, und zwar Drucker und nicht Schriftsetzer.

Wir schwelgen in meiner Küche in Erinnerungen, manche Namen von Lehrern fallen uns nicht mehr ein, andere würden wir hier ohnehin anonymisieren. Ahne erinnert sich an die Begrüßungsfeier im Kino International, wo in einem Film alle Drucker weiße Kittel anhatten, in der Brusttasche einen Kugelschreiber. In der Schule im Keller stank das alte Öl in den Maschinen: keine weißen Kittel, sondern verschmierte Blaumänner. Als Hänfling musste er als Erstes schwere Walzen oder Farbwannen auswechseln, die ganze Wanne lief aus, ordentlich Gelächter, gute Laune von Anfang an.

Mir fällt das Fach Polygrafische Kulturpolitik bei Frau Kinzorra ein, die prompt von uns „Kinderzorro“ genannt wurde. In Ahnes Klasse war es ähnlich, gleich nachdem sie ihren Namen gesagt hatte, fragte jemand: „Dürfen wir Sie auch Zorro nennen?“ Und sie hatte nicht einmal etwas dagegen. Sie war nett, zu jeder Ausstellung sagte sie: „Muss man unbedingt gesehen haben!“ Und zu jedem Buch: „Muss man unbedingt gelesen haben!“

Bei mir war es das Berliner Wappen am Michaelkirchplatz, wo ich mit anderen Lehrlingen meinen Jugendalkoholismus auslebte, bei Ahne begann die Sauferei dagegen in der „Esse“ an der Jannowitzbrücke. Bei manchen seiner Lehrfacharbeiter sei der Jugendalkoholismus nahtlos in den normalen übergegangen. Ein Herr V. ist ihm da besonders im Gedächtnis. Freitag sei Jugendtag, habe der erfunden, da könnten die Lehrlinge die Maschinen allein bedienen. Er konnte dann häufig nicht mehr allein hinausgehen.

Im Metzer Eck gab es einen Stammtisch der schwarzen Künstler und das Hühner-Gust’l in der Grünberger Straße hatte sogar ein Zimmer für die Drucker reserviert:

„Was die Sachertorte ist in Wien, ist Hühner-Gust’l in Berlin.“ In Ahnes Klasse gingen viele Punks und Skinheads, sogar ein Graffiti-Maler war dabei, der seiner Leidenschaft mit Autolack nachging und während des Unterrichts nur an seinen Vorlagen arbeitete. Auch ein Nazi gehörte dazu, der später die Weitlingstraße mit besetzte, und einer hielt sich für einen Außerirdischen und hatte zwei selbst gebastelte Antennen auf dem Kopf.

Angenehme Erinnerungen hat Ahne an den schon etwas älteren Herrn Nikolaus, der fünf Minuten vor der Pause die „Vorbereitung auf die Pause“ eingeführt hatte. Außerdem konnte man seinen Unterricht durch Fragen nach seinem Trabant oder nach Rock’n’Roll beliebig unterbrechen, das waren seine Steckenpferde, über die er dann lange Ausführungen von sich gab. Durchaus nicht uninteressant, da er von den illegalen Rock’n’Roll-Kneipen in der DDR in den 50er-Jahren erzählte.

Mich erinnert das an unseren Lehrer für Betriebsökonomie, was BÖ abgekürzt wurde. Der kam oft in die Klasse, blickte sich um und sagte:

„Ihr wisst alle, was ihr zu tun habt?“ und saß dann die ganze Stunde da und las ein Buch. Wenn er besonders lustige Stellen fand, las er sie laut vor. Schöne Lehrzeit!

Es gibt noch viele lustige und spannende Geschichten, die den Rahmen dieses Kapitels sprengen würden.

Leider konnte ich bisher nicht herausfinden, wann die Bildungsstätte gegründet und wann sie geschlossen wurde. Nur so viel: 1967 hat es sie schon gegeben und mindestens bis 1990 hat sie existiert.

Heute erinnert an der Michaelkirchstraße 17/18 nichts mehr an den alten Gewerbebau, Büros und ein Altersheim befinden sich in einem schlichten Neubau von 1997 auf der früheren Brache vor der Schule. Aber die Gebäude der BS Rudi Arndt dahinter stehen noch.

Erinnerungen an die BS Rudi Arndt (2)

Facebook & Co

Die Geschichte der BS Rudi Arndt zu schreiben, ist deutlich schwieriger als erwartet. Denn während im Internet die absonderlichsten Spezialgebiete mit Fakten, Seiten, Fotos und Zeitzeugen präsentiert werden, findet man keinerlei zuverlässige Angaben zur „Betriebsschule Rudi Arndt, Bildungsstätte der Druckerei Neues Deutschland“, meistens kurz BS Rudi Arndt genannt, in der Michaelkirchstraße 17.

Es gibt eine Facebook-Seite unter dem Namen und da ich auch eifriger Facebooker bin, war ich mir sicher, sehr leicht an zuverlässige Angaben zu dieser Ausbildungsstätte zu kommen. Aber meine Anfrage an den Betreiber dieses Kontos bekam keine Antwort, vielleicht hat er sich, der 2011 diesen Account eingerichtet hat, inzwischen von Facebook abgewandt. Denn schon damals fragte jemand den anonymen Herrn:

„Sag BS Rudi Arndt, magst Du Dich uns nicht namentlich vorstellen? Bin gespannt, ob ich weiß, wer Du bist… wenn wir zusammen gelernt hatten??“ Der Adressat enthüllte jedoch seinen Namen nicht, aber immerhin, dass er die Ausbildung zum Offsetdrucker 1990 begonnen und auch einige Wochen Buchdruck absolviert hatte.

Als hilfreicher erwies sich Martin Z. Schröder, der nicht nur Schriftsetzer an der BS gelernt hat, sondern dieses Handwerk bis heute in seiner Offizin ausübt. Er ist damit einer der ganz wenigen, die heute noch mit Bleisatz arbeiten, also mit Setzkästen, Winkelhaken und Kolumnenschnur umgehen und sogar mit Buchdruckmaschinen. Seine Werkstatt in Weißensee lohnt einen Besuch, und Besucher, die sich telefonisch anmelden, sind willkommen.

Während sich meine Lehre zum Schriftsetzer heute bei mir nur noch dadurch zeigt, dass ich eine bescheidene Zeitung layoute, ist Schröder ein Schweizerdegen, so der Fachbegriff für die Personalunion von Buchdrucker und Setzer.

Bei Schröder setzte die Begeisterung für den Schriftsatz schon früh ein, als Junge war er in der Arbeitsgemeinschaft Junge Schriftsetzer im Pionierpalast und hatte seine Lehre an der BS 1985 abgeschlossen. So konnte ich ihn damals nicht kennenlernen, weil ich erst im Jahr darauf begann, die schwarze Kunst zu lernen. Während meine Spezialisierungsrichtung Zeitungsumbruch war, ausgerechnet in der Militärdruckerei, waren es bei Schröder Akzidenzen, so nennt man Drucksachen von Briefpapier, Annoncen bis hin zu Einladungen und Broschüren.

Etwas bedaure ich, dass mich die Leidenschaft für die Schrift nicht in den Setzereien heimisch werden ließ, sondern eher in Bibliotheken, in Redaktionen und an den Schreibtisch führte, wo ich nun sitze und versuche, mich an die Jahre meiner Lehre zu erinnern. Ich war leider kein guter Lehrling und bin kein guter Schriftsetzer geworden, war aber auch nicht miserabel. Und mir ist eine Begeisterung für Druckereien, für Setzereien, für schön gesetzte Bücher, Zeitungen und Plakate geblieben, und ich bin froh, wenn sie mit meinen Texten oder Veranstaltungen verbunden werden.

Schröders typografische Karriere setzte sich in der Druckerei Rapputan fort, wo er Erster Akzidenzer wurde. Seit 1994 betreibt er seine eigene Werkstatt, und als Gestalter einer Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung erhielt er 2012 sogar den European Design Award und später den German Design Award, wozu hier herzlich gratuliert sei.

Dass er außerdem einen spannenden, lesenswerten Blog zu speziellen typografischen Themen schreibt, sei hier nur am Rande erwähnt. Schröder jedenfalls verdanke ich den Kontakt zu Herrn Warmbier per klassischer E-Mail.

An den Namen des Lehrmeisters und Fachlehrers Warmbier kann ich mich noch deutlicher erinnern als an ihn selbst. Und Herr Warmbier antwortete prompt. So ist zwar bisher nicht klar, wann die Schule gegründet wurde, aber als Warmbier 1961 dort lernte, hieß sie schon „Rudi Arndt“. Davor war der Name der Schule für das Druckgewerbe „Zentrale Lehrwerkstatt“. Als sich die DDR in Wohlgefallen auflöste, traf ihr Untergang auch die BS. Sie wurde 1991 in „Grafisches Ausbildungszentrum“ umgetauft und 1993/94 endgültig aufgelöst.

Also haben wir zumindest einen Nachweis für die Existenz der Schule 1961. Aber etwas konnte ich dem anonymen Facebook-Account der BS Rudi Arndt doch entnehmen: Es scheint sie deutlich früher gegeben zu haben, als Herr Warmbier vermutete. Denn eine Facebookerin fragte für ihre Mutter nach Lehrlingskollegen, die schon 1956 ausgebildet wurden. Wann die Zentrale Lehrwerkstatt zur BS Rudi Arndt wurde, werden hoffentlich meine weiteren Recherchen klären.

Erinnerungen an die BS Rudi Arndt (3)

Kapitel für die lesenden Drucker über einen Brief von alten Hasen

Für mich als Kolumnist der ecke köpenicker, von Insidern kurz ecke genannt, ist es erfreulich, von den Wegen zu erfahren, die meine darin abgedruckten Artikel zur Betriebsberufsschule (BS) Rudi Arndt genommen haben. Und vielleicht noch etwas mehr erfreut mich das Wissen darum, dass die Drucker diese Zeitung nicht nur drucken, sondern sie auch lesen.

Denn manchmal kreuzen sich die Schicksale von Artikeln, Menschen und Büchern, so wie ich es im Folgenden beschreiben kann. Als ich zu meiner früheren Berufsschule zu forschen begann, war ich völlig baff, keine Chronik der Lehreinrichtung zu finden. Trotz großer Bemühungen fand ich nicht einmal heraus, wann diese Ausbildungsstätte der polygrafischen Industrie der DDR genau gegründet worden ist. Jetzt endlich weiß ich es, und in diesem Kapitel wird es enthüllt.

Denn ein mysteriöser Brief traf bei mir ein, mit korrekter Briefmarke, aber ohne Poststempel, und auch der Brief selbst war ohne Datum. Eine ordentliche Handschrift, der Absender war mir unbekannt, eine Frau Witte schrieb mir aus der Heidekrugstraße noch weit hinter Köpenick.

Ich las und erinnerte mich an einen Anruf einer Dame bei mir einige Tage zuvor. Die Anruferin hatte von ihrer Mutter erzählt und jetzt las ich es handschriftlich: Jawohl, ihre Tochter habe ihnen meine Artikel über die Rudi Arndt mitgebracht und sie und ihr Mann hätten von 1954 bis 1957 die damalige ZGL besucht. Wofür steht ZGL? Es ist die Abkürzung für „VEB Zentrale grafische Lehrwerkstatt Groß-Berlin“. Aus Eitelkeit muss ich aus dem Brief von Frau Witte zitieren:

„Ihre Artikel sind sehr interessant.“ Ich hoffe, das gilt auch für die Kapitel dieses Buches. Offensichtlich wolle ich mehr über die Geschichte der Schule erfahren und es gebe da den ehemaligen Lehrkollegen Klaus-Dieter Kürschner, der ein Buch über die ZGL besitze und einem Kontakt nicht abgeneigt sei. Die Telefonnummer stand dabei, und weiter schrieb Frau Witte:

„Außerdem haben wir alten Hasen demnächst ein Klassentreffen, etwa 15 ehemalige Schriftsetzer und Schriftsetzerinnen. Vielleicht wollen sie mal vorbeischauen?“ Das will ich allerdings.

Aber zuerst rief ich bei Herrn Kürschner an. Der war gut im Bilde: Ja, er habe ein Buch zur BS Rudi Arndt, aber das wolle er nicht verborgen. Zu viele unersetzliche Bücher seien ihm auf diese Art abhandengekommen. Immerhin war er einverstanden, sich mit mir zu verabreden, und als ich erzählte, dass es noch immer die Gaststätte Marinehaus am Märkischen Museum gebe, machten wir dort ein Treffen aus. Ich würde ihn an den weißen Haaren erkennen.

Und so war es dann auch, wir hatten nicht reserviert und fanden in dem rammelvollen Lokal gerade noch an einem Stehtisch Platz. Herr Kürschner ist ein gut erhaltener Herr von über 80 Jahren, er hat Schriftsetzer gelernt, aber nie als solcher gearbeitet, war beim Kinderbuchverlag, ein Buch über den Zirkus Krone hat er geschrieben und für Dussmann die Öffentlichkeitsarbeit gemacht.

Er erinnerte sich an den Direktor der Rudi Arndt in den 50er-Jahren, der war eigentlich Koch, also nicht gerade vom polygrafischen Fach, aber er „konnte gut“ mit der Jugend.

Herr Kürschner übergab mir das großformatige Buch aus dem Jahr 1960 und fasziniert fotografierte ich es ab, während er seine Bohnensuppe aß.

Das Werk ist sehr schön gedruckt und in grauem Leinen mit Prägung gebunden, es heißt schlicht 1950 – 1960, 10 Jahre Betriebsberufsschule Rudi Arndt und als Autor werden lediglich Schulleitung und Fachgruppen genannt. Es ist eine erstklassige Buchbinderarbeit: „Die Gesamtherstellung erfolgte in den Werkstätten der Betriebsberufsschule Rudi Arndt, Ausbildungsstätte der polygrafischen Industrie, Berlin C 2, Michaelkirchstraße 17“

Rudi Arndt war Schriftsetzer, hieß eigentlich Rudolf, 1938 kam er als „politischer Jude“ ins KZ Buchenwald und wurde von der SS „auf der Flucht“ erschossen. Er war gerade mal Anfang 30. Die Frage aller Fragen, wann denn nun die Rudi Arndt genau ihren Namen bekommen hat, wird auf S. 15 beantwortet:

„Anlässlich des 40. Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution wurde unserer Schule am 7. November 1957 der Name Rudi Arndt verliehen.“

Fälscher und Genie

Der begabteste Sohn von Johann Sebastian Bach

Welche in der Luisenstadt beerdigte Persönlichkeit mag die bedeutendste gewesen sein? Oder die berühmteste? Vielleicht war es Wilhelm Friedemann Bach, auch wenn heute nur noch sein großer Vater Johann Sebastian allgemein bekannt ist. Friedemann Bach starb als Berliner, aber bis heute ist er Freunden klassischer Musik als „Hallescher Bach“ ein Begriff. In den Berlinischen Nachrichten heißt es am 17. Mai 1774 über ein improvisiertes Konzert:

„Vergangenen Sonntag hat sich Herr Wilhelm Friedemann Bach, einer der größten Orgelspieler Deutschlands, vormittags in der St. Nicolai- und nachmittags in der St. Marienkirche, öffentlich und mit auszeichnendem Beifall der Kenner und des Publikums hören lassen. Alles, was die Empfindung berauscht, Neuheit der Gedanken, frappante Ausweichungen, dissonierende Sätze, die endlich in einer Graunschen Harmonie starben – Force, Delikatesse, kurz: dieses alles vereinigte sich unter den Fingern dieses Meisters, Freuden und Schmerzen in die Seele seiner feinern Versammlung hinüberzutragen.“

War Friedemann ein Epigone oder ein Originalgenie, eine verquere Erscheinung oder ein großer Komponist? Er war von all dem etwas, hauptsächlich aber war er der größte Organist seiner Zeit.

1710 ist Friedemann in Weimar geboren worden und sein Schicksal war es, der älteste Sohn von Johann Sebastian zu sein. Das Komponieren sowie Orgel- und Klavierspielen lernte er von seinem Vater und der erhoffte das Höchste von ihm. Nicht zu Unrecht, denn auf beiden Instrumenten wie auch im Kontrapunkt war er sehr früh ein großer Meister.

1746 kam er nicht nur als Orgelspieler, sondern auch als „Director Musicae“ an die Marienkirche nach Halle. Fast 20 Jahre blieb er dort und schrieb ungefähr 30 Kirchenkantaten. Mit 53 Jahren kündigte Friedemann ohne Aussicht auf eine neue Stelle.

Von nun an schlug er sich als freiberuflicher Musiker durch und war womöglich sogar der erste. 1745 schrieb er die wichtigste Sonate vor Beethoven. Dunkle Gerüchte gab es über ihn, so heißt es, er habe, als das Geld seiner Frau aufgezehrt war, die geerbten Manuskripte seines Vaters und auch seine eigenen verschrobenen Werke unter dessen Namen verkauft, sei also ein Betrüger und Fälscher gewesen. Aber selbst Zelter pries den Pianisten und Organisten, der für die jungen Leute stundenlang improvisierte:

„Er spielte, was ihm eben zu Gedanken kam, und je länger er spielte, je prächtiger, sicherer, ergreifender wirkte er auf uns Jüngere. Auf Flügeln, Fortepianos und Clavieren habe ich ihn öfters so bewundern müssen, wiewohl ich ihn niemals eine Note von seinem Vater spielen hörte, was jeder wünschte.“

Schön sind die Geschichten, die über ihn erzählt wurden, aber historisch verbürgt sind sie nicht. Er soll so zerstreut gewesen sein, dass er silbernes Besteck mitgehen ließ, sonntags in der Kirche auf die Musik wartete, anstatt sie zu spielen, er soll Frau und Kinder misshandelt und dem Alkohol verfallen sein.

„Alle diese Not brachte ihm sein roher Sinn, sein starrer Künstlerstolz, seine ungeheure Zerstreutheit und sein mürrisches, zanksüchtiges Wesen, das im Trunke, dem er ergeben war, alle Rechte jeder Bürgerlichkeit und Ordnung verletzte.“

Sein Biograf Hanno Ehrler stellt die Frage, ob er in seiner Haltung nicht Beethoven ähnelte, nur dass es für Friedemann Bach noch nicht die Rolle des freien Künstlers gab. Die musste er als Erster vorleben. Er war kein braver Untertan, sondern widersetzte sich den Institutionen, und seine Musik ordnete er nur seinem eigenen Anspruch unter.

1774 bis 1775 wohnte er im ehemaligen Jägerhof, der am Hausvogteiplatz Ecke Oberwallstraße stand. Dort erinnert seit 2012 eine Gedenktafel an Friedemann. Kurz vor 1765 schrieb er 12 Polonaisen, die nicht nur auf Beethoven und Chopin, sondern sogar schon auf die Intermezzi von Brahms einstimmen. Durch seine Musik weht die frische Luft der Zukunft.

Er starb 73-jährig in seiner Berliner Wohnung in ärmlichen Verhältnissen. Sein Schicksal hat viele Musiker, Schriftsteller und Journalisten bis heute fasziniert. Am bekanntesten wurde der Roman von Albert Emil Brachvogel über ihn, der wiederum in der Verfilmung von und mit Gustaf Gründgens zusätzlich populär wurde. Aber noch mindestens vier weitere Schriftsteller schrieben Biografien, die sich genauso wenig um sein Leben scherten wie die Oper von Paul Graener.

„Bachmann kann passieren!“

Das Leben des ersten Chronisten der Luisenstadt

Johann Friedrich Bachmann war der erste Chronist der Luisenstadt. Sein Buch Die Luisenstadt. Versuch einer Geschichte derselben und ihrer Kirche. von 1838 war eine Sensation, denn bis dahin hatte es noch keine Geschichte eines einzelnen Stadtteils von Berlin gegeben. Bachmann präsentierte sich mit diesem Buch als akribischer Forscher und als sorgfältiger Wissenschaftler, sodass ihn der Verein für Geschichte der Mark Brandenburg zum Mitglied berief.

Bachmanns Lebensweg führte ihn bis nach Portugal, obwohl seine Laufbahn schon durch seine Geburt am 21. Juli 1799 in Drossen in der Neumark als Sohn eines Pfarrers vorgegeben schien. 1816 kam Bachmann ins Gymnasium zum Grauen Kloster in die Klosterstraße. Nach dem Tod des Vaters hatte er es nur der Förderung durch Direktor Bellermann zu verdanken, dass er sich den Besuch überhaupt leisten konnte.

Er studierte Theologie in Halle und Berlin und engagierte sich deutschnational. Schon als Gymnasiast hatte er nach Turnvater Jahns Anleitung geturnt, nun trat er sogar der Deutschen Burschenschaft bei. Für den Militärdienst wurde er trotzdem als zu schwach eingestuft. Sein Berufsleben begann er als Lehrer am Schindlerschen Waisenhaus in der Friedrichsgracht 57.

Damit war Bachmann in der Luisenstadt angekommen, die sein Thema werden sollte. Das Schindlersche Waisenhaus nahm jeweils 30 arme vater- oder elternlose evangelische Knaben von neun bis zwölf Jahren auf, um sie sechs Jahre lang zu erziehen und sie Gymnasien oder Realgymnasien besuchen zu lassen. Das Haus war mit der Schindlerschen Legatenkasse verbunden, die Stipendien für Gymnasiasten und Theologiestudierende vergab und die Erziehung von Töchtern armer Witwen unterstützte.

1825 wurde Bachmann als Prediger und Religionslehrer nach Lissabon berufen, im Urlaub drei Jahre später heiratete er im Berliner Dom seine Verlobte Julie Lieder. In Portugal spitzte sich die Lage zu, Staatsstreich und Bürgerkrieg verhinderten seine Rückkehr. Ende 1828 wurde er zweiter Prediger an der Luisenstadt-Kirche in der Alten Jakobstraße.

Bachmann war als Prediger nicht ausgelastet, so gab er Unterricht für Armenkinder im Luisenstädtischen Wohltätigkeitsverein und gründete die erste Sonntagsschule und eine Kleinkinderbewahranstalt. Außerdem durchstöberte er das Archiv seiner Gemeinde und schrieb die umfassende Geschichte seiner Heimat. Mit dem Buch gab er ein Vorbild für „vaterländische Geschichte“ und für den genauesten Umgang mit den Quellen.

1843 wurde auf seinen Vorschlag hin die mit der Industrialisierung gewachsene Gemeinde der Luisenstadt geteilt. Er hatte den König Friedrich Wilhelm IV. dazu gebracht, der neuen Kirche ein Baugrundstück in der Oranienstraße zu überlassen. Bachmann teilte mit dem König sehr orthodoxe Ansichten, und so erinnerten seine Gottesdienste eher an katholische. Sein Wegbegleiter Eduard Kochhann glaubte, nicht Überzeugung, sondern Eitelkeit und Augendienerei hätten Bachmann dabei geleitet.

Unzählig sind Bachmanns Ehrenämter, ob als Lehrer im Verein zur Erziehung sittlich verwahrloster Kinder oder im Verein zur Beförderung der evangelischen Mission unter den Heiden.

In der Revolution 1848/49 zeichnete er sich durch besondere Courage aus, allerdings als Reaktionär. Zu einer Haustrauung stieg er über die Barrikaden der Luisenstadt in vollem Ornat, sein Ansehen war groß genug, dass gerufen wurde: „Bachmann kann passieren!“

Der Todeskeim für christliche Gemeinden war für ihn die Trennung von Staat und Kirche, und dagegen gründete er den Evangelischen Verein für kirchliche Zwecke. Als Belohnung für seine Treue zur Monarchie bekam er den Roten Adlerorden und wurde zum Konsistorialrat befördert.

Sein wichtigstes Feld nach der Luisenstadt wurde das Kirchengesangbuch. In einer Neuausgabe des Standardwerkes für Berlin hatte er 60 zeitgemäße Titel entfernt und 210 historische hinzugefügt. Das war sogar den Berlinern zu rückwärtsgewandt, man nahm ihm und dem Gesangbuch übel, dass er den personifizierten Teufel wieder einführte. Denn damit würde es polytheistisch und heidnisch. Letztlich gelang es Bachmann nicht, Berlin zu einer Auffassung von Gott und der Kirche zurückzubringen, wie sie im 16. Jahrhundert geherrscht hatte. Die Gartenlaube warf ihm vor, in seinem Gesangbuch jahrhundertealte Kirchenliedermumien zu verbreiten.

Wie nebenbei floss durch sein bienenfleißiges Studium aller Gesangbücher ein weiteres akkurates wissenschaftliches Werk aus seiner Feder, das ihn zum wichtigsten Hymnologen der preußischen Hauptstadt machte: Zur Geschichte der Berliner Kirchengesangbücher. Bei der Geburt des Deutschen Kaiserreiches erinnerte er sich 1871 an seine Jugend:

„Nun ist ja doch erreicht, wofür wir gemaßregelt worden sind.“ Schwer von Darmkrebs gezeichnet, widmete sich Bachmann 1874 einem wissenschaftlichen Streit um die Gesangbücher der Gemahlin des Großen Kurfürsten Luise Henriette, aber niemanden interessierte das noch. 1876 starb er in Kassel und hinterließ drei Söhne und eine Tochter, sein Grab liegt auf dem Friedhof der St.-Jakobi-Gemeinde, Karl-Marx-Straße 2-6.

Die älteste Badeanstalt

Seine erste Badeanstalt verdankt Berlin im 12. Jahrhundert einer unheilbaren Krankheit. Die zur Behandlung nötige erste Badestube befand sich auf dem Krögel, also am nördlichen Ufer der Spree an der heutigen Mühlendamm-Schleuse, wo sich passenderweise die Zentrale der Berliner Wasserbetriebe befindet. Denn dieser Ort an der Spree war wegen des großen Wasserbedarfs und auch wegen seiner Lage am Stadtrand ideal.

Jene unheilbare, aber immerhin behandelbare Krankheit war der Aussatz, der auch „arabische Lepra“ genannt wurde. Die Infektion kam im Mittelalter mit den heimkehrenden Kreuzrittern nach Europa und auch nach Berlin. Philippus Schopff beschrieb das Übel:

„Der Aussatz ist eyn erbliche, heymliche gifftige, darzu langwirige Sucht, welche von uberflüssigem Melancho lischen geblüt entspringt, dasselbige verunreyniget den Menschen nicht alleyn innwendig, sonder zerstört auch äusserlich die gestallt und zusammenfügung der Glider, solcher massen daß sie beßweilen stuckweiß von eynander fallen, und diß so lang und hefftig, biß der Leib mit allen seinen kräfften zu grund geht, unn der Sieche mit dem Tod sein endschafft nimpt.“ Die Patienten wurden isoliert, ausgesetzt und durften sich anderen Menschen nicht mehr nähern.

„Nachmals erhebet sich eyn fäule oder exulceratio aller Glider, es faren an den Siechen böse unheylbare Geschwär auß, ulcera cacrosa, chronia, eyn Glid fällt von dem andern ab, als Finger, Oren, Gemächt, Zähen der Füß, dessen die Patienten offtermals nicht gewar werden, wie ich dann von den Mägden so den Aussetzigen auff gewart, gehört, welche gesagt, daß sie inn den Lägerstatten deren eyns oder mehr gefunden haben.“ Immerhin gab Schopff auch Hinweise zur „Curation“, also zur Behandlung, die von Badern durchzuführen war:

„Des andern Tags uberschmier er den gantzen Leib auch das Angesicht mit warmem Hasenblut und so es dürr worden wasche er sich mit der Kräuter Brüe oder mit dem Wasser darinnen Kleien und Leinsamen haben gesotten inn der Badstuben reyn ab und thue das zu offtermal. Die Alten haben wider das Jucken wider die feindselige Flecker der Haut fomenta ari da, psilothra, smegmata gebraucht damit hat man die Patienten hin und wider durch den gantzen Leib entweder an der Sonnen oder inn der Badstuben geriben biß die Haut rot worden.“

Hildegard von Bingen empfahl gegen die Krankheit eine im Schwitzbad einzureibende Salbe aus Storchen- und Geierfett, Schwalbenkot und Schwefel oder ein warmes Bad mit viel Menstrualblut, Gänse- und Hühnerfett und etwas Hühnerkot.

Berlins erste für diese Behandlung nötige Badestube hatte zwei gewölbte Stuben, wo Männer und Frauen voneinander abgesondert in aller Bequemlichkeit baden konnten. Mit der Trennung der Geschlechter war es nicht immer so weit her, denn das Badegewerbe war nicht nur wegen der Behandlung von Aussätzigen anrüchig, wie in diesem Buch über Berlins älteste Bordelle zu lesen ist. Badeprostitution ist für Berlin belegt, Bader galten als Kuppler.

Auch die folgenden Badstuben entstanden an der Spree, so am Köllnischen Fischmarkt auf der anderen Seite des Mühlendamms und auf dem heutigen Marx-Engels-Forum. Von diesen Badstuben gab es um 1750 neben der auf dem Krögel vier an der Marienkirche, zwei auf dem Werder, drei in der Friedrichstadt und vier vor dem Spandauer Tor. Der ursprüngliche Zweck dieser Gesundheitsanstalten war in Vergessenheit geraten. Wie in Barbierstuben wurden stattdessen Bärte rasiert und Haare geschnitten, wurde geschröpft und zur Ader gelassen. Für die chirurgischen Operationen mussten teure Konzessionen erworben werden. Die Bader erkannte man an dem Schild aus drei aneinandergereihten Becken aus Messing.

Als der Aussatz zurückging, hielt man häufiges Baden nicht länger für nötig. Dazu kamen Missstände, die sogar ein Gesetz gegen die Badjungen nötig machten: „Dass sie nicht nackt über die Straße laufen sollten.“

Der Untergang dieser Bäder war die „venerische Krankheit“, von der man überzeugt war, sie werde durch sie verbreitet. Gemeint war damit die Syphilis, die „1495 ins Teutschland“ gekommen sei. Das Journal von und für Deutschland fand es 1792 merkwürdig, „daß zwey exotische Krankheiten, der morgenländische Aussatz, und das abendländische venerische Uebel, welche einander folgten, einmal die Gewohnheit zu baden eingeführt, und das zweitemal wieder vertilgten.“

Ein besonderes Kapitel in der Geschichte der Badeanstalten sind die Berliner Badeschiffe und Flussbäder. Diese Bäder waren aus Holz, genau wie die Zäune im Wasser, die den Schwimmbereich abgrenzten und so vor Treibholz, Abfall und Wasserleichen schützten.

Das erste Badeschiff wurde Anfang des 19. Jahrhunderts an der heutigen Rathausbrücke vom Arzt Georg Adolph Welper eröffnet. 1806 hieß es: „Das Baden in dem unsichern Spreestrom und anderen Flüssen um Berlin ist streng verboten, und nur einem Haloren ist freygegeben worden, bey Moabit eine Bade- und Schwimmanstalt im Spreestrom anzulegen.“ Das Hallorenbad am Unterbaum der Spree, der heutigen Kronprinzenbrücke, war Berlins erstes echtes Freibad.

1817 wurde die Militärunterrichts- und Schwimmanstalt an der Köpenicker Straße 12 gegenüber der Zeughofstraße eröffnet. Dieses von Ernst von Pfuel eingerichtete Bad unweit der Oberbaumbrücke war die erste Schwimmschule Deutschlands. Pfuel war Erfinder des Brustschwimmens. Wer es bis zum anderen Spreeufer und zurück schaffte, ohne zu ertrinken, bekam ein „Diplom der Schwimmkunst“.

1825 wurde die Pochhamersche Badeanstalt an der Jannowitzbrücke gegenüber dem Märkischen Ufer gegründet und die erste städtische Badeanstalt 1850 an der nahen Waisenbrücke war ebenfalls ein Schiff. Dieser Badeprahm durfte von den Armen kostenlos genutzt werden. Erst ab 1863 war es auch Frauen erlaubt, in der Spree zu baden, und zwar an der Waisen- und an der Schillingbrücke.

Verwirrend ist die erste staatliche Fluss-Badeanstalt von 1847 an der Ratiborstraße, weil sie nicht an einem Fluss lag, sondern am Landwehrkanal. Dieses Studentenbad existierte bis 1956.

Das Ende der meisten Spreebäder im frühen 20. Jahrhundert kam durch die Bebauung der Ufer, den zunehmenden Schiffsverkehr und die Verschmutzung des Flusses durch Abwässer. Mindestens 30 solche Bäder hat es gegeben, an die heute nur noch der Name der Straße Zur alten Flussbadeanstalt in Rummelsburg erinnert. Das Badeschiff in Treptow und das geplante Flussbad im Kupfergraben schwimmen in diesen Traditionen.

1853 wurde eine Aktiengesellschaft gegründet, die „der nachteiligen Einwirkung ungesunder Wohnungen durch Hebung der Reinlichkeit“ begegnen wollte. Sie erbaute nach englischem Vorbild in den 1850er-Jahren je ein Bad in der Schillingstraße und im Hof der Auguststraße 21. Viele weitere private Bäder folgten, das bekannteste war ab 1889 das Admiralsgartenbad in der Friedrichstraße. Als 1911 der Admiralspalast eröffnete, konnte man in diesem Nachfolger luxuriös baden, saunieren, spielen, essen und trinken.

Der Dermatologe Oskar Lassar gründete 1874 den Berliner Verein für Volksbäder. „Jedem Deutschen wöchentlich ein Bad!“ war das Motto, und gemeint waren Brausebäder, also Duschen. In Berlin gab es die ersten Duschen 1879 in der Kaserne des Kaiser-Franz-Garde-Grenadier-Regiments in der Kreuzberger Urbanstraße.

Die erste Schwimmhalle war 1892 die kommunale Volksbadeanstalt am Kleinen Tiergarten in Moabit, Turmstraße 3, mit einem Becken von 9 mal 18 Meter. Es folgten 1901 die Volksschwimmhalle in der Baerwaldstraße und 1902 in der Oderberger Straße nach Plänen von Ludwig Hoffmann. Alle kommunalen Bäder wurden in Arbeitergegenden gebaut, damit die Proletarier endlich sauber würden. Im Gegensatz dazu standen die privaten Bäder der noblen Stadtviertel.

Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts galt es als anstößig, sich außerhalb einer Badeanstalt in Badehose zu zeigen. Erst ab den 1920er-Jahren durften Männer, Frauen und Kinder gemeinsam Frei- und Strandbäder wie das am Großen Wannsee nutzen.

Da Charlottenburg erst 1920 zu Berlin eingemeindet wurde, kann man sich streiten, ob dem dortigen alten Stadtbad von 1898 in der Krummen Straße 10 der Ruhm gebührt, das älteste Hallenbad Berlins zu sein. Der Fachwerkbau aus Stahl und Ziegeln im Jugendstil mit Anklängen märkischer Backsteingotik hat es aus verschiedenen Gründen verdient. Um das Becken führt eine Galerie, darüber Ornamente aus glasierten Klinkersteinen, Gemälde, Stahlträger und glänzende alte Messinglampen. Eine Reminiszenz an das 19. Jahrhundert war noch bis Anfang des 21. Jahrhunderts die letzte Reinigungsabteilung Berlins. In kleinen, gekachelten Räumen konnte man Wannen- und Duschbäder nehmen.

Das Stadtbad Charlottenburg verdankt seine Erhaltung dem Nacktbaden, denn nach der Eröffnung des neuen Bades in den 1970er-Jahren sollte das alte abgerissen werden. Aber das im alten Bad neu eingeführte Nacktbaden wurde ein so großer Erfolg, dass es erhalten blieb, und seit 1982 steht es sowieso unter Denkmalschutz.

Das Stadtbad in der Oderberger Straße ist das einzige originale Berliner, nicht Charlottenburger, Bad aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, das noch in Betrieb ist. Seit 2016 ist das Bassin nach 30 Jahren Pause wieder für Badelustige geöffnet und dient trotzdem weiter als Veranstaltungsort. Denn vom Grund des Beckens kann ein Hubboden nach oben gefahren werden, ohne dass Wasser abgelassen werden muss.

Schwimmvater Pfuel am Oberbaum

Die erste deutsche Schwimmschule

Ich muss es zugeben: Ich bin ein schlechter Schwimmer. Ich kann nicht einmal kraulen, nur Brustschwimmen. Der Grund ist, dass den Kindern in Deutschland zuerst Brustschwimmen beigebracht wird, und wer später zu faul ist, dem geht es wie mir.

Wer das Brustschwimmen als Erster erfunden hat, weiß man nicht. Aber schon in der frühesten Zeit der Menschheit waren Frösche die Vorbilder für diese Kulturtechnik. Nikolaus Wanmann beschrieb sie 1538 im ersten Schwimmbuch der Welt Colymbetes, Sive De Arte Natandi. Aber dieses Wissen geriet in Vergessenheit, und ein preußischer General der Infanterie erfand das Brustschwimmen neu und verbreitete es von der Luisenstadt aus.

Es war Ernst von Pfuel, geboren 1779 auf dem Gut Jahnsfelde, gestorben 1866 in Berlin. Mit Kleist war er befreundet gewesen, der war sogar ziemlich in ihn verschossen, was man bei Pfuels muskulösem Schwimmerkörper vielleicht gut verstehen kann. Pfuel war aber mehr an Fröschen als an anderen Männern interessiert, und ihm kam die Erleuchtung, dass Menschen so schwimmen müssten wie Frösche. Ähnelte nicht der Froschleib mit seinen langen Hinterbeinen und den mit fingerartigen Zehen verlängerten Vorderbeinen dem des menschlichen Schwimmers? Als er am Oberbaum die erste Schwimmschule Deutschlands eröffnet hatte, wurde auch dort Brustschwimmen gelehrt, und ich und alle anderen, die nicht kraulen können, müssen es bis heute ausbaden.

In seinem Leben war er unter anderem Kommandant von Köln und Paris, Gouverneur von Berlin, preußischer Ministerpräsident und Kriegsminister. Wenn wir von Turnvater Jahn sprechen, dann verdient Pfuel den Titel Schwimmvater. Er war ein Schüler eines anderen Turnvaters, nämlich von Johann Christoph Friedrich Guts-Muths, von dem das Zitat überliefert ist:

„Bisher ist das Ertrinken Mode gewesen, weil das Schwimmen nicht Mode ist.“ Von Pfuel brachte das Brustschwimmen in Mode. Denn 1817 gründete er die Pfuelsche Schwimmanstalt zu Berlin, wo er seine vom Frosch abgeschaute Schwimmmethode lehrte. Einer seiner Angestellten war Wilhelm Auerbach, der später unter anderem das Wellenbad im Plötzensee betrieb und mit dem Auerbach-Salto Unsterblichkeit errungen hat.

Es gab durchaus auch viele Spreebäder am Unterlauf der Spree, die aber den Nachteil hatten, dass der Fluss dort bereits durch Berlin geflossen und mit den Abwässern der Großstadt gesättigt war. Die Badegäste der Pfuelschen Schwimmschule machten sich über die Schwimmer am Unterbaum lustig: Sie würden, wenn sie dort aus dem Wasser stiegen, eine tote Katze auf dem Rücken herumtragen.

Im Lehrbuch der Schwimmkunst. Für Turner und andere Freunde der Leibesübungen und zur Benutzung in Schul- und Militär-Schwimmanstalten von Hermann Otto Kluge aus dem Jahr 1870 gibt es eine Beschreibung der Anlage, die aus einem großen und einem kleinen Bassin bestand:

„Die Schwimmanstalt selbst ist, ganz auf Pfählen ruhend, von Holz in die Spree gebaut. Die Pfähle sind durch Rahmen unter sich verbunden, worauf Balken liegen, welche mit Dielen belegt sind. Zur Anstalt führt eine auf Pfählen ruhende Dielenbrücke, theilweise mit Geländer.“

Die Schwimmlehrer erhielten jeder eine bunte Jacke und eine Strohkappe, Hosen und Schuhe mussten sie sich selber anschaffen. Verboten in der Anstalt waren das Untertauchen oder Necken anderer und das Schwimmen ohne Schwimmhosen. Für das Schwimmdiplom hatten die Prüflinge die Spree nach Friedrichshain und wieder zurück zu schwimmen. Diese Prüfung ist wahrscheinlich die einzige, die von einem Komponisten vertont wurde, nämlich von Felix Mendelssohn Bartholdy in dem Lied Stromübergang.

Heute noch kann man erkennen, wo sich die Pfuelsche Schwimmschule befand, und zwar gegenüber der Zeughofstraße in der Köpenicker Straße 12 an dem einzigen Teil des Spreeufers, das bis heute nicht befestigt ist. Es war das beliebteste und wichtigste Bad im Berlin des 19. Jahrhunderts und existierte bis weit in das 20. Jahrhundert hinein. Tatsächlich hielt es sich auch am längsten von allen privaten Berliner Bädern und wurde erst 1933 geschlossen.

Das Pfuelsche Bad war Vorbild für alle weiteren Badeanstalten der folgenden Jahrzehnte, so wie Pfuels Brustschwimmen sogar bis heute die Grundlage des Schwimmunterrichtes geblieben ist.

Der Bär im Morast

Der Köllnische Park und seine Geschichte

Berlin war von 1683 bis 1740 eine Festung mit allem, was dazugehört. Ein Sandwall wurde dafür aufgeschüttet, dadurch entstand davor ein Graben. Der Graben wurde geflutet und fertig war der Festungsgraben. Dahinter waren 13 Bastionen, die pfeilförmig weit aus den Festungsmauern herausragten. Der Schaft eines solchen Pfeils hieß Flanke. Die beiden vorderen Seiten einer Bastion, Facen genannt, liefen im Bastionswinkel zusammen, dem Saillant.

Die Berliner Festung und ihr Graben sind sehr typische Bauwerke für die spätere deutsche Hauptstadt, da sie teuer und sinnlos waren. Die Festung um Berlin und Cölln schützte die Doppelstadt kein einziges Mal vor Feinden und war schon während des Baus veraltet. Fertiggestellt war die Festung ausschließlich ein Verkehrshindernis. Erst Ende des 19. Jahrhunderts bekam wenigstens der östliche Teil des Festungsgrabens einen Sinn. Bis heute dient er, zugeschüttet und mit der S-Bahn-Trasse bebaut, dem öffentlichen Personenverkehr.

Der heutige Köllnische Park ist die einstige Bastion VII dieser Festung. Wo genau verlief der Festungsgraben? Von der Spree folgte er der Straße Am Köllnischen Park und erreichte an der jetzigen Rungestraße die Pfeilspitze. Der Graben verbreiterte sich, der Rungestraße nach rechts folgend, bis zur Neuen Jakobstraße. Durch die Bastionen zu einem Zickzack-Kurs gezwungen, verlief das Gewässer zwischen der heutigen Wall- sowie der Alten und der Neuen Jakobstraße.

Bis zum Festungsbau war das Gelände nur ein Sumpf, und der machte es den Bauherren nicht einfach. Erst ganz zuletzt, 1687, wurde die Bastion VII, das „Bollwerk im Morast“, fertiggestellt. Zwischen dieser und Bastion VI an der Neuen Rossstraße verlief der acht Meter hohe und sechs Meter dicke Festungswall, nördlich des Grabens und südlich der heutigen Wallstraße. Der östliche Teil des Geländes dieses Festungswalls, vom heutigen Bärenzwinger bis zur Berliner Musikschule, wurde später Teil des Köllnischen Parks.

Erst durch den Festungsbau und den Graben wurde der Morast trockengelegt. Zwei Namen für dieses Gewässer lassen ahnen, dass es nicht so idyllisch war, wie es auf Stichen, Zeichnungen und Fotografien aussieht. Es wurde der „Grüne Graben“ wegen der Entengrütze und der giftgrünen Algen genannt oder der „Faule Graben“ wegen des Geruchs und der fehlenden Strömung. Der Graben trennte Festung und die Cöllner Vorstädte, die spätere Luisenstadt.

Steht noch etwas von der Berliner Festungsanlage? Ja, es ist ein Bär, und wer nun denkt, es müsste eine Statue des Berliner Wappentieres sein, liegt falsch. Denn der Wusterhausener Bär ist ein Wasserbär und kein Tier, sondern ein Dammbauwerk, ein Wehr. Es diente der Festung Berlin zur Regulierung des Wasserstandes im Festungsgraben.

Dieser Bär steht heute im Köllnischen Park, und zwar nur 150 Meter vom originalen Standort inmitten des einstigen Festungsgrabens entfernt. Das Märkische Museum ist seit letztem Jahr geschlossen, in einer unabsehbaren Zukunft wird es als Stadtmuseum Berlin neu eröffnen. Aber das Freilichtmuseum Köllnischer Park bleibt offen, und es ist ein bemerkenswertes Stück Geschichte.

Auf seinem Gelände befanden sich nach der Festungszeit unter anderem eine Holländer-Windmühle samt Müllerhaus, die Berlins erster Zuckersiederei weichen musste, die wiederum später als Blätter-Magazin der Tabakadministration genutzt wurde und noch später als Arbeits- und Irrenhaus. Es gab ein Waschhaus, einen Eiskeller, ein Lazarett, die Freimaurerloge Aux trois globes mit Tempel und eine Kattunbleiche. Auf einem Plan von 1870 findet man den wohl ersten Kinderspielplatz Berlins auf dem ehemaligen Tempelhügel des Logengartens.

1878 veröffentlichte die Zeitschrift Kladderadatsch ein Gedicht an den Verein für die Geschichte Berlins, in dem der Ich-Erzähler vor sich selber warnt. Dieser Erzähler ist der Berliner Festungsgraben, und Hintergrund ist eine geplante Bootspartie auf ihm:

„Thut’s nicht! Thut’s nicht! Ihr Herrn, bewahrt

Eu’r Leben vor der wüsten Fahrt!

Seid folgsam meinem Winke!

Wer steht euch für die Wiederkehr?

Ihr wißt, ihr Herrn, noch nicht, wie sehr

Ich – dufte, dufte, dufte!

Wollt schätzbar Material ihr ziehn

Für die Geschichte von Berlin

Aus meinen trüben Wogen?

Werft nicht zu tief die Netze! Wißt:

Was nur bei mir zu finden, ist

Erstunken und erlogen.“

Der Spitzname dieses unüberriechbaren Gewässers war wie gesagt „Grüner Graben“, aber Friedrich Wilhelm IV. schrieb auch Briefe „An die Prinzessin Luise, wohnhaft am stinkerigen Graben“.

Das Baumhaus an der Berliner Mauer

Wein und Kekse von den Grenzern

Als Mischung aus Hexenhaus und Villa Kunterbunt zeugt das Baumhaus an der Berliner Mauer von Gastarbeiterfleiß und steht in einem Kleingarten am Mariannenplatz, nordöstlich der Kreuzberger Sankt-Thomas-Kirche. Der Bethaniendamm gegenüber der Melchiorstraße begrenzt das dreieckige Grundstück.

Wer sich in Berlin auskennt, ist sich sicher, dass der Garten in Kreuzberg liegt, aber er gehörte noch bis 2004 zu Mitte. Für mich als Stadtführer ist das Haus eine sehr erfreuliche Sehenswürdigkeit in der Luisenstadt, denn ich kann die Geschichte eines anatolischen David erzählen, der gegen die Goliaths DDR und Berlin seinen Kleingarten behaupten konnte. „Das ging bis hoch zu Honecker!“, so erzählen es auch die anderen Stadtführer, und das klingt gut.

Ob etwas daran ist? Zum ersten Mal rufe ich 2017 die Nummer an, die auf Tafeln am Haus steht. Es liegt Schnee, Winter in Berlin, aber der Sohn des Gründers der einmaligen Anlage sagt eine Führung zu. Dass er mal den sensationellsten Kleingarten Deutschlands besitzen würde, wurde Mehmet Kalin nicht an der Wiege gesungen, denn die stand im mittelanatolischen Yozgat. Erst 1979, da war er 16, ist er mit Vater Osman nach Deutschland, genauer: nach Mannheim, gekommen und 1980 nach Berlin.

1982 hat Osman Kalin einen Teil des kleinen Grundstücks entmüllt und darauf Knoblauch und Zwiebeln angebaut. Das sprach sich sehr schnell in der türkischen Gemeinde von Kreuzberg herum. Aber auch den DDR-Grenzsoldaten blieb der exotische Laubenpieper nicht verborgen.

An dem Tag, als die Grenzer Osman besuchten, war Sohn Mehmet auf Arbeit, aber kennt die Geschichte von seinem Vater, der sie so oft erzählt hat.

Die Soldaten kamen von der Köpenicker Straße und haben fast drei Stunden mit Osman diskutiert. Die Uniformierten und Osman trennten sich als Freunde. Seitdem sagte Osman, er habe den Garten von Honecker persönlich bekommen. Jedenfalls konnte ein solcher Garten gegen Honeckers Willen unmöglich erlaubt gewesen sein. Und Jahr für Jahr, von 1982 bis 1989, gab’s Weihnachtsgeschenke aus dem Todesstreifen an die Kalins. Von den Bewachern selber ausgesucht, waren im Päckchen Gebäck und Rotwein. Den Rotwein hat Mehmet getrunken, die Kekse sein Vater gegessen. Hätte Mehmet gewusst, dass die Geschenke wegen des Mauerfalls ausbleiben würden, er hätte wohl die letzte Flasche lieber als Andenken behalten.