Im Auge der Zukunft - Maria M. Eckert - E-Book

Im Auge der Zukunft E-Book

Maria M. Eckert

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Beschreibung

Dieses Buch räumt auf mit Tabus. Es beschreibt die Entwicklung eines Mannes vom skrupellosen Finanzspekulanten hin zu einem Menschen, der sich darauf einlässt, auf scheinbar Unglaubliches seines nicht bewussten Geistes zu hören. Diesem Mann gelingt es, seine Welt und damit die vieler anderer sinnvoller und lebenswerter zu machen. Eigentlich ist es ganz einfach: Wenn du dich änderst, ändert sich die Welt um dich herum! Kurz: dieses Buch zeigt, dass jeder Mensch seinem Leben durch eine bewusste Entscheidung eine Wende zum Besseren geben kann. Wer dieses Buch gelesen hat, beginnt zu verstehen, wie das funktionieren könnte. Es braucht nur ein bisschen Mut.

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EPUB
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Seitenzahl: 426

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Maria M. Eckert

Im Auge der Zukunft

Roman

Maria M. Eckert

Im Auge der Zukunft

© 2018 Maria M. Eckert

Covergestaltung: Uschi Ronnenberg, ronnenberg-design.de

Lektorat: Maria Al-Mana, texthandwerkerin.de

www.verlag-texthandwerk.de

ISBN

Paperback

978-3-7469-9012-5

Hardcover

978-3-7469-9013-2

e-Book

978-3-7469-9014-9

Druck und Herstellung: tredition GmbH, Hamburg

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhalt

Angekommen

Der Tunnel

Heute

Möglichkeiten

Folge

Vorbereitung

Deshalb also!

Was jetzt?

Ende und Anfang. Anfang und Ende

Willkommen zu Hause

Zwei verschiedene Leben

Im kalten Wasser

Erster Versuch

Die Höhle des Löwen

Die Rettung

Fortschritt

In Bewegung

Der Plan

Erste Schritte

Ein Beginn

Der Stein im Rollen

Weitere Schritte

Überraschung

Schnell

Grenzen testen

Entscheidung

Jetzt

Am Ziel

Epilog

Danksagung

Wir stehen auf einer Brücke, ganz am Anfang. Sie ist noch nicht fertig gebaut. Zurück geht es nicht, da der Boden hinter uns in Bewegung ist. Dieser Boden ist nicht länger tragfähig, gibt keinen Halt mehr.

Die Brücke ist lang. Wir können die andere Seite noch nicht sehen, nur erahnen. Jeden Tag können wir nur so viele Schritte gehen, wie sie weitergebaut wird.

Die andere Seite erwartet uns. Wir fühlen das, und es gibt uns ein Gefühl, als würden wir in unsere Heimat zurückkehren.

Angekommen

Er fühlte, wie die Nacht aus ihm weichen wollte. Er spürte, dass es nur einen kurzen Augenblick dauern würde, bis er wieder wach wäre. Er hielt die Augen geschlossen. Er fühlte, dass etwas ganz und gar nicht so war, wie es sein sollte.

Zuerst nahm er seine Hände wahr. Sie lagen direkt am Körper. Vorsichtig begann er, mit den Handflächen die Ebene abzutasten, auf der sie lagen. Er konnte keinen Rand, keine Unebenheiten, kein Ende der Fläche finden. Lag er etwa auf einem Fußboden? Die Fläche fühlte sich grob strukturiert an, nicht glatt und nicht rau. Wo war er?

Er betastete seinen Körper. Und weigerte sich, die Augen zu öffnen, als befürchte er, das zu sehen … Ja, was würde er dann sehen? Er spürte seinen nackten Oberkörper. Nichts Ungewöhnliches. Er spürte, dass sein Unterleib bedeckt war. Was ihn da bedeckte, musste aus dem gleichen Material wie der Fußboden sein. Was ging hier vor? Er spürte, dass er ausgestreckt auf diesem Boden lag, wie hingelegt. Die Beine gerade, die Arme eng am Körper, der Kopf auf einem Kissen. War das überhaupt ein Kissen? Er betastete seinen Kopf und spürte eine Art Säckchen auf der Stirn. Jetzt fiel ihm auch dieser Geruch auf, den er unbewusst schon wahrgenommen hatte. Recht intensiv, aber angenehm. Dieser Geruch schien von dem Päckchen auszugehen. Aber was sollte ein Päckchen auf seiner Stirn?

Ruckartig richtete er seinen Oberkörper auf, fiel jedoch sofort wieder zurück, als ihm ein heftiger Schmerz durch Bein und Kopf zog. Doch nun waren seine Augen weit offen.

Indem er den Kopf so wenig bewegte, schaute er sich um. Er befand sich tatsächlich auf einem Fußboden, in einer seltsam anmutenden Hütte. Wenn die hinter seinem Kopf so gebaut war wie vor seinen Augen, dann war sie rund. Das Material schien ein Naturprodukt zu sein. Sonnenstrahlen blitzten durch winzige Lücken, so, als wollten sie nicht stören, nur nachsehen, ob alles in Ordnung war. Es gab keine Fenster, jedoch eine Öffnung nach oben. Direkt vor ihm war etwas, das sah aus wie eine Tür.

Er hatte keine Ahnung, wo er war und wie er hierhergekommen sein mochte. Das verstörte ihn, weil er plötzlich merkte, dass er sich auch absolut nicht an den gestrigen Tag erinnern konnte. Er überlegte fieberhaft, wie er in diese Lage hatte kommen können. Da übermannte ihn heftige Panik, weil alles, woran er sich erinnern konnte, in der Nacht verschwunden sein musste. Er versuchte sich zu beruhigen. Alles würde sich klären. Schließlich gab es hier Menschen, eine Hütte und jemanden, der ihn hierhergebracht haben musste. Er würde einfach fragen, dann fiele ihm bestimmt alles wieder ein.

Ein leichter Windhauch strich ihm über den Körper. Seine Augen richteten sich auf die vermeintliche Tür. Es war also tatsächlich eine Tür. Langsam wurde sie von außen angehoben, dann schob sich eine Gestalt herein.

Dem Mann stockte der Atem. Ein derartiges Wesen hatte er noch nie gesehen. Es war jung und weiblich, wie unschwer an den unbedeckten Brüsten zu erkennen. Aber mit Sicherheit war es behindert.

Der Kopf war rund wie eine Scheibe, die Augen füllten beinahe die obere Hälfte. Sie waren riesengroß. Die Haut war glatt und porzellanartig, die Nase unverhältnismäßig zierlich. Der wohlgeformte Mund ebenso. Der Kopf schien den Hals eher zu bedecken, als dass der Kopf oben auf dem Hals gesessen hätte. Er hing am Hals wie eine Blume an einem leicht gebogenen Stiel. Die Haare hatten die gleiche Farbe wie die Augen. Braun. Die Haare hingen in leichten Locken bis zur Brust und gaben der Rundung des Kopfes einen absurden Rahmen. Sie hingen nicht einfach herab, sondern schienen den Kopf an den Außenseiten zu umrunden. Und diese Augen! Sie muteten an wie implantierte Sonnenbrillengläser. Und erst dieser Ausdruck und Blick der riesigen Augen!

Das Mädchen trug einen kurzen Rock, der aus dem gleichen Naturmaterial wie der Fußboden und die Außenwand der Hütte bestand. Nur kurz hatte er einen Blick in ihre Augen werfen können, da sie sofort die Lider niedergeschlagen hatte. Aber ihm war, als würde sie den sich ihr bietenden Anblick in einer Sekunde regelrecht einsaugen, damit er als unauslöschliches Bild in ihr bleiben konnte.

Zögerlich, mit ausgestreckten Armen, näherte sie sich ihm und legte das kleine Bündel, das sie trug, so weit von ihm entfernt ab, dass er es gerade noch erreichen konnte. Dann huschte sie leichtfüßig hinaus.

Von ihrem Aussehen war er derart geschockt gewesen, dass er den Gedanken, sie etwas zu fragen, im gleichen Moment schon wieder vergessen hatte. Er tröstete sich damit, dass sie ihn wahrscheinlich sowieso nicht verstanden hätte.

Er streckte die Hand nach dem Bündel aus. Das war ja seine Kleidung! Aber war das überhaupt seine Kleidung? Ein Hemd. Frisch gewaschen. Eine Hose. Frisch gewaschen. Socken, gewaschen, einen Slip, gewaschen und Schuhe. Sie waren ihm fremd und doch irgendwie vertraut. Es musste einfach seine Kleidung sein. Vorsichtig richtete er sich auf, das Säckchen auf seiner Stirn fiel herab. Auch dieses Säckchen war aus Naturfasern gewebt, beinhaltete jedoch Kräuter. Oder was war es sonst?

Gerade, als er beginnen wollte, seine Socken anzuziehen, verschob sich wieder diese Türmatte. Dieses Mal war es wohl ein Junge. Er war größer als das Mädchen, hatte keinen Busen und trug vor dem Geschlecht einen Schurz ähnlich einem Slip. Aber der Mann konnte im flüchtigen Vergleich zu dem Mädchen keinen Unterschied in Kopf und Gesicht erkennen: das gleiche Rund des Kopfes, die gleiche Art der Haare, die gleichen, riesigen Augen.

Der Junge wirkte beherzter als das Mädchen. Ein leicht verlegenes Lächeln zuckte um seine Lippen. Er trug einen Aktenkoffer und stellte ihn direkt neben dem Mann ab.

Das Lächeln des Jungen ermutigte ihn zu einer Frage: „Wie lange bin ich schon hier?“

Der Junge sah ihn fragend an.

„Ich verstehe dich nicht“, antwortete er in einem unbekannten, singenden Tonfall.

Der Mann setzte nach: „Welchen Tag haben wir heute?“

Der Junge legte den Kopf zur Seite, wirkte verlegen. „Das weiß ich nicht. Ich muss Großvater fragen.“

Damit wandte er sich um und verschwand durch die Mattentür.

‚Noch ein Behinderter’, schoss es dem Mann durch den Kopf. ‚Wo bin ich hier bloß gelandet?’

Mit einem Socken am Fuß, konnte er es nicht erwarten, den Aktenkoffer zu durchsuchen. Mit zitternden Händen öffnete er den Verschluss und griff hinein. Seine Enttäuschung war groß. Karten. Lauter Landkarten, Flugkarten und Karten, die ihm unbekannt zu sein schienen. Aber auf dem Boden lag noch etwas, und er erkannte es als Brieftasche. Eilig zog er heraus, was sich darin befand. Plastikkarten. Nichts als Plastikkarten. Aber es stand ein Name darauf. Mit Schrecken stellte er jetzt erst fest, dass er seinen Namen vergessen hatte. Aber auf allen Karten stand:

Jonathan Goodness

Das war also sein Name. Aber er sagte ihm nichts. Es hätte alles Mögliche darauf stehen können, er hätte es nicht als seinen Namen erkannt und es hätte ihm auch nichts bedeutet. Ah, da war noch eine Karte mit einem Foto. Das sollte er sein? Vertraut und fremd zugleich. Wer war dieser Mann? Wo kam er her, was hatte er in seinem Leben gemacht, wo gelebt? Das Foto zeigte einen Mann im mittleren Alter, leicht kantiges Gesicht, nicht unattraktiv. Die Haare waren dunkel, glatt, nach hinten gekämmt. Die Augen, was war mit diesen Augen? Sie wirkten kalt, abweisend. Dennoch meinte er, so etwas wie Trauer in ihnen erkennen zu können. Was war nur mit diesem Mann los? Das sollte wirklich er sein? In der Hütte gab es natürlich keinen Spiegel. Er stellte sich vor, wie es wohl wäre, einem Mann wie dem auf dem Foto zu begegnen. Die Vorstellung gab ihm kein gutes Gefühl.

In seinem Kopf herrschten große Leere und Angst zugleich. Ihm dämmerte, dass er unter einer Amnesie litt. Er beschwichtigte sich sofort. Wenn er seinen Namen hatte und wohl auch die Adresse, würde er wieder nach Hause kommen. Und dann? Wenn er niemanden wiedererkannte? Wenn er nicht mehr arbeiten könnte? Das ließe sich sicherlich alles regeln. Später. Hauptsache, er käme so bald wie möglich aus diesem Dorf der Behinderten raus.

Er ließ wieder und wieder die Plastikkarten durch die Finger gleiten. Sie sagten ihm einfach nichts. Mitgliedschaft hier, Mitgliedschaft da, Clubausweis, Bank, Zugangsberechtigungskarte, Karten mit Löchern ohne Beschriftung. Resigniert legte er sie zur Seite.

Es war geradezu eine Erleichterung, dass sich die Vorhangtür wieder öffnete und ein Mann in die Hütte trat. Innerlich stöhnte er auf. Schon wieder ein Behinderter! Nur: Bei diesem war der Kopf ovaler, nicht so kreisrund, und seine Augen schienen in die Augenhöhlen eingesunken zu sein, ähnlich einem nach innen gerichteten Teleskop. Er wirkte älter, aber ob er auch wirklich älter war, wusste er nicht zu sagen. Er beschloss, ihn als den Alten anzusehen, den der Junge fragen wollte, den Großvater.

Der Alte nickte. Seine Augen schienen Funken zu sprühen. Eine eigentümliche Wärme ging von ihm aus. Er setzte sich Jonathan gegenüber auf den Fußboden, blickte ihn an und fragte: „Wie geht es dir?“

Seine Stimme war tiefer und klangvoller als die des Jungen. Jonathan Goodness überkam ein Schauer, der sich sehr angenehm anfühlte. Später würde er sagen, dass diese Stimme voller Güte und aufrichtiger Anteilnahme gewesen sei.

„Ich möchte wissen, wie lange ich hier bin, warum ich hier bin und welcher Tag heute ist“, sprudelte es aus ihm heraus. Der Alte wiegte sich leicht hin und her, ein Brummen, ähnlich dem Schnurren einer Katze, ertönte und die Lippen des Alten schienen zu lächeln.

„Viele Fragen auf einmal. Ich werde dir alles sagen, was ich weiß und hoffe, die Antworten werden dir genügen.“

Er schwieg für einen kurzen Moment, das Leuchten seiner Augen veränderte sich, es wurde dunkler. Dann sagte er: „Du bist seit fünf Sonnenläufen hier.“

„Du meinst, seit fünf Tagen?“, unterbrach ihn Jonathan.

Der Alte legte den Kopf leicht auf die Seite.

„Ihr sagt das wohl so. Bei uns gibt es keine Tage. Wir zählen nur die Sonnenläufe, also den Lauf, wenn die Sonne morgens erscheint und uns abends auf die Brücke begleitet.“

„Brücke? Was ist das?“

„Eins nach dem anderen. Warte ab, ich erkläre es dir gleich. Erst zu deiner Frage, warum du hier bist: Du wolltest hier sein.“

„Nein“, Jonathan schüttelte heftig den Kopf, ließ es sofort wieder bleiben, weil der Schmerz im Kopf nach wie vor heftig pochte. „Das kann nicht sein. Wie sollte ich hierherkommen wollen, wenn ich überhaupt nicht weiß, wo ich hier bin, was für ein Land das überhaupt ist.“

Wieder ertönte das Schnurren des Alten, das vermutlich ein Kichern oder Lachen sein sollte. „Doch“, beharrte er, „du wolltest raus.“

„Wenn ich mir diese Karten ansehe“, Jonathan deutete auf die Karten in seinem Aktenkoffer, „dann muss ich mit einem Flugzeug gekommen sein. Und wenn ich abgestürzt bin, dann ist es doch normal, dass ich da raus wollte, oder?“

„Richtig“, nickte der Alte. „Aber schon bevor du in dein Flugzeug eingestiegen bist, wolltest du raus. Und dann wolltest du noch einmal raus, als dein Flugzeug abgestürzt ist.“

Jonathan verstand nichts. Absolut nichts. Was redete der Alte da?

Der sprach weiter: „Es war deine Entscheidung, hierher zu kommen.“ Er sah den fassungslosen Blick seines Gegenübers. Er nickte langsam und meinte: „Ich verstehe, dass du das noch nicht so sehen kannst. Hab ein klein wenig Geduld, du wirst es bald verstehen. Nun zu deiner letzten Frage, die du hast du schon beantwortet: Heute ist heute.“

Jonathans zunehmende Nervosität gab seiner Stimme einen gereizten Ton: „Nein, ich meine das Datum. Welches Datum haben wir heute?“

„Wir zählen die Sonnenläufe nicht in Tagen wie ihr, weil jeder Tag ein Heute ist, ein neuer Tag, ein neuer Beginn, etwas vollkommen Neues. Warum sollten wir einen neuen Tag immer wieder mit alten Namen benennen, die sich ständig wie ein Kreislauf wiederholen, obwohl Dinge geschehen, die noch nie da waren? Keine Zeit, kein Tag kehrt jemals wieder. Immer ist jeder Moment neu. Also ist das Jetzt das Heute und das Heute das Jetzt. Wir leben jetzt im Heute und heute im Jetzt.“

Jonathan stammelte: „Ihr habt keinen Kalender?“

„Nein.“ Er betrachtete Jonathan. Die ursprüngliche Farbe kehrte in seinen Augen zurück und überzog den Mann wieder mit dieser alles umhüllenden Wärme.

„Ich sehe, du bist erschöpft und müde. Geh über die Brücke zum Tunnel. Dann reden wir weiter, wenn die Sonne uns erwärmt.“

Jonathan nickte leicht. Er hatte Mühe, die Augen offen zu halten, in seinem Kopf pochte es unerträglich. Er konnte nicht mehr denken. Dies hier war alles zu viel. Die Erkenntnis, unter einer Amnesie zu leiden und angeblich an diesen seltsamen Ort aus freiem Willen gekommen zu sein, am Ende der Welt, wo es keinen Kalender gab, mit lauter Behinderten … Er brauchte Schlaf. Vielleicht würde er morgen, das es ja angeblich gar nicht gab, klarer sehen. Er schaffte es gerade noch zu fragen: „Welche Brücke?“

„Ja, die Brücke. Wenn du dich schlafen legst, wandert dein Geist zur Brücke. Sie führt in den Tunnel zu dir. Dort im Tunnel, wenn die Sonne ihr Gesicht verdeckt hält, triffst du dich, so wie du bist. Nur dort gibt es die Wahrheit über dich. Diese Zeit ist wichtig, da du dort die Antworten zu deinem Leben finden wirst.“

Jonathan war eingeschlafen. Die letzten Worte des alten Mannes hatte er schon nicht mehr gehört. Nur das Wort „Brücke“ begleitete ihn.

Der Tunnel

Die Brücke lag vor ihm. Den ersten Fuß hatte er schon auf sie gestellt. Es war eine sehr schmale Holzbrücke, deren Geländer aus dicken Seilen bestand. Die Brücke schaukelte bei jedem Schritt leicht. Sonderbar war allerdings, dass die Brücke in einem tiefschwarzen Nichts zu hängen schien. Rechts, links, oben, unten: nur Schwärze. Doch, ein ganz schwacher Lichtschimmer begleitete ihn. Jonathan konnte nicht ausmachen, woher das Licht kam. Blieb er stehen, blieb auch das Licht stehen, ging er weiter, ging es mit. So war es ihm möglich, seinen nächsten Fußtritt richtig zu platzieren. Eine Anspannung, vermischt mit Neugier und Sorge ließ ihn weiter und weiter gehen, bis die Brücke an einem Torbogen endete.

Der Torbogen war so groß, dass ein Auto gut hätte hindurch fahren können. Zögerlich versuchte er zu erkennen, was nach dem Torbogen kam. Es schien ein Tunnel zu sein. Um aber etwas erkennen zu können, musste er den Tunnel betreten, damit das Licht, das ihn begleitete, das Innere des Tunnels beleuchten konnte. Vielleicht war es ja auch eine Höhle.

Seltsam! Die Wände der Höhle waren mit rechteckigen Platten behängt, die einen leichten Schimmer reflektierten. Jonathan dachte unwillkürlich an eine ausgeschaltete TV-Bildschirme. Nicht alle Platten waren gleich groß. Sie schienen auch nicht nach einem speziellen Muster eingelegt zu sein. Vorsichtig näherte er sein Gesicht einer der Platten, um zu sehen, ob sie vielleicht durchsichtig wäre. Und schrak heftig zusammen, als ein Gesicht zu erkennen war, das ihn direkt ansah.

Das Gesicht näherte sich ihm. Wut, Zorn sprühten ihm entgegen. Es war das breite, wutverzerrte Gesicht eines Mannes, dem die Adern an der Stirn zu platzen drohten. Speichel hing in seinen Mundwinkeln und das ganze Gesicht war zu einer einzigen Fratze verzogen. Und er schrie: „Du Schwein, du Hurensohn. Du hast mich hintergangen. Durch dich habe ich eine Million Dollar verloren. Das werde ich dir heimzahlen. Ich mach dich fertig!“

Jonathan spuckte zurück: „Du Arsch, das hast du doch selbst verschuldet! Deine Gier war grenzenlos. Hättest du mir nur besser zugehört! Du bist ein Gauner und Betrüger. Womit hast du denn bisher dein ganzes Geld verdient?“ Er wollte fortfahren, als augenblicklich das Licht um ihn herum erlosch und das Gesicht im Glas verschwand. Auch war nichts mehr zu hören.

Jonathan zitterte am ganzen Leib. Noch nie hatte er diesen Typ gemocht, immer hatte er gute Miene zum bösen Spiel gemacht, da dieser Mensch durchaus fürs Geschäft lukrativ war. Aber das wäre jetzt vorbei. Wie hieß der doch noch?! Er würde kein Risiko mehr wegen dieses verschlagenen Mannes eingehen.

Schwach glomm das Licht wieder auf. Jonathan, näherte sich einem sehr kleinen Fenster. Was für eine Überraschung! Dort stand ja sein kleines rotes Lieblingsauto, mit dem er als Kind so gern gespielt hatte. Es sah aus wie neu. Wo es wohl geblieben war?

Jetzt trieb ihn die Neugier. Das Licht war heller geworden. Gut zu erkennen war, dass sich hinter der nächsten größeren Scheibe Personen befanden, die sich unterhielten. Ein beeindruckender Salon, luxuriös ausgestattet. Eine schöne, sehr elegant gekleidete Frau präsentierte sich auf einem Sofa, wie hindrapiert. Ihr gegenüber saß ein Mann. Jonathan erkannte ihn. Das war sein Vater, die Frau war seine Mutter. Die Frau ließ ihn erschauern. Er meinte, dass die Temperatur um ihn herum um einige Grad gesunken sein musste. Er fröstelte bei der Kälte, die sie ausstrahlte. Als er aber seinen Vater betrachtete, weitete sich sein Herz. Am liebsten hätte er ihn umarmt. Dann entdeckte er den kleinen Jungen, der sich hinter der Tür zum Salon versteckt hielt.

Die Mutter sprach mit schneidender Stimme: „Der Junge wird nicht Geige lernen. Er wird – wie es sich gehört“, und das betonte sie mit ausgestrecktem Zeigefinger, „Klavierunterricht bekommen. Dafür werde ich sorgen. Und ansonsten bleibt es dabei: Er geht ins Internat!“

Sein Vater warf ein: „Er ist doch noch so jung! Es wäre doch besser für ihn, wenn er hier zur Grundschule …“ Sie ließ ihn nicht aussprechen.

„Das kommt überhaupt nicht in Frage! Das Kind muss lernen, sich den Regeln anzupassen. Je früher, desto besser. Oder glaubst du vielleicht, dass ich mich bei allem, was ich um die Ohren habe, auch noch darum kümmern kann?“ Sie richtete sich theatralisch auf, bemühte sich um einen kummervollen Gesichtsausdruck. „Nächste Woche findet ein Gala-Diner statt und ich habe mich noch nicht um alles kümmern können. Dann der Charity-Ball mit der Gästeliste, der Sitzordnung, dem Blumenarrangement, den Einladungskarten, die Vernissage, die Termine beim Schneider und Friseur, dann das Golf-Turnier. Ich weiß nicht, wie ich das alles schaffen soll.“ Kurze Pause. Sie blickte ihn prüfend an, ob sie überzeugend genug gewesen war oder ob es weiterer Argumente bedurfte, um dieses Kind loszuwerden. Es hatte wohl gereicht, denn ihr Mann saß nur mit gesenktem Kopf da. Seine Art der Zustimmung. Gut!

Der Junge an der Tür zitterte, seine Blase ging mit ihm durch. Er rannte so schnell er konnte in sein Zimmer, warf sich, egal wie nass die Hose war, auf sein Bett und weinte bitterlich.

Der erwachsene Jonathan zitterte nun ebenfalls. Wie gut konnte er sich daran erinnern! Dies war der bittere Anfang dessen gewesen was dann folgte. Nie hatte er verstanden, warum sein Vater ihm nicht beigestanden hatte. Doch wenn er die in sich zusammengesunkene Gestalt betrachtete, wurde es ihm klar. Er war ein gutmütiger, weicher Mann, der selbst als Kind nie hatte sein dürfen, wie er sein wollte. Er hatte nie lernen können, sich zu widersetzen, auch seine Eltern waren hart gewesen. Aber seinen Geist, seine Intelligenz hatten sie nicht aus ihm herausprügeln können. Er wurde zum Bücherwurm und schließlich zu einem hoch angesehenen Wissenschaftler.

Wieder fühlte Jonathan diese Wärme für seinen Vater. Und das Licht um ihn herum wurde heller und heller. Dann schaute er zu seiner Mutter, und das Licht erlosch augenblicklich. Was ging hier vor? Was war mit diesem Licht los? Vater ansehen – Licht hell, Mutter ansehen – Licht aus. Er wiederholte das mehrmals, und jedes Mal trat der gleiche Effekt ein.

Die nächste Kachel schien geteilt zu sein. Eine Frau rechts, eine Frau links. Sehr schöne Frauen mit einer gewissen Ähnlichkeit. Die rechte war älter, doch dies schien ihrer Schönheit das gewisse Etwas an Weiblichkeit zu geben, feminin und liebevoll. Was für ein Anblick! Wunderschön. Eine Frau zum Verlieben. Das Licht erstrahlte hell um ihn herum. Aber, sein Atem stockte, als er ihre Augen sah. Sie waren leer, vollkommen freudlos. Sie schien geweint zu haben. Warum weint eine Frau, die so schön ist und sich in einer derart wundervollen Umgebung befindet: an einem Swimmingpool in irgendeinem exotischen Land mit Palmen und Orchideen. Sie schien doch alles zu haben, was ein Mensch sich nur wünschen kann! Sonderbar!

Die langen, blonden Haare waren mit einem weißen Leinenhut bedeckt. Ein Mann, der wohl stundenlang in einem Fitness-Studio Muskelaufbau betrieb, näherte sich ihr. Sie nahm ihn nicht zur Kenntnis, ihr Blick war nach nirgendwo gerichtet. Er ergriff ihren Fuß und begann, ihn zu massieren. Sie ließ es geschehen. Lüstern blickte er sie an. Jonathans Hand ballte sich zur Faust. Das Licht erlosch. Dem Kerl einfach eins in die Fresse hauen. Merkte der denn nicht, wie überflüssig er war? Jonathans Blick ging wieder zu der Frau. Licht an. Von hinten kam ein älterer Mann zu der schönen Frau. Der Muskelprotz verschwand augenblicklich. Weiße Hose, weißes Hemd, lässig über der Hose hängend, die oberen vier Knöpfe waren offen. Dicke Goldkette um den Hals, weiße Leinenschuhe. Sein wabbeliges Gesicht mit den weißen Haaren strahlte Freundlichkeit aus. Aber da war noch etwas anderes: Wie er sie anstarrte! Diese Gier in seinem Blick! Was wollte er von ihr? Der sollte sofort verschwinden! Licht aus.

Sie bemerkte den Weißhaarigen und wandte ihm ihr Gesicht zu. Er hechelte: „Meine Liebe, was kann ich für dich tun, damit du wieder glücklich bist? Soll ich für dich eine neue Jacht bauen lassen oder ein Flugzeug oder willst du lieber eine Weltreise machen, um alles hinter dir zu lassen?“ Sie schüttelte mit einem leichten, bemühten Lächeln den Kopf. Jonathan hatte nur den einen Wunsch: sie an sich zu ziehen, sie zu streicheln und zu trösten. Licht an.

Nur ungern löste er seinen Blick von dieser wunderbaren, offenbar so verletzten Frau und schaute sogleich in die Augen einer anderen Frau. Fordernd, kühl, berechnend. Sie lächelte ein falsches Lächeln, das wohl frivol und lockend sein sollte, winkte ihm zu. Keine Frage, sie sah verdammt hübsch und sexy aus, aber ein Zusammensein mit ihr gliche eher einem Kältebad als einer heißen Nacht. Nein, mit der wollte er nichts zu tun haben. Etwas in ihm verkrampfte sich.

Schon wieder dieses dämliche Licht: an, aus, an, aus. Das nervte. Dennoch ging er zum nächsten Fenster. Das schien ein Spiegel zu sein, denn er erkannte den Mann von der Plastikkarte. Ja hallo, das war dann ja wohl er selbst! Kritisch betrachtete er sein Gegenüber. Mit dem Bildschirm stimmte etwas nicht. Einmal sah er diesen Typ von der Plastikkarte und dann einen Mann, der zwar so aussah wie der andere, aber trotzdem völlig anders wirkte. Dieser andere war, wie sollte man es nennen, weicher, freundlicher, liebevoller? Auf jeden Fall sympathischer.

Dieses Licht! Was sollte das? Sah er den von der Plastikkarte, ging das Licht aus, bei dem anderen wurde es sofort hell. Endlich, endlich ging auch Jonathan ein Licht auf: Immer, wenn er sauer war oder jemanden sah, über den er sich ärgerte oder wenn irgendetwas war, das negative Gefühle in ihm wachrief, ging das Licht aus. Im anderen Fall wurde das Licht hell bis sehr hell.

Eigentlich blieb ihm nichts anderes übrig, als den Mann im Licht zu betrachten, also sich. Die Haare ungekämmt, fragende Augen, und da war dieses Verletzliche, das er bei dem Kind schon gesehen hatte. Das bin ich? Wer bin ich? Das Licht veränderte sich. Er erkannte Farben in dem Licht. Er überlegte: Wenn es eine Lichtquelle gab, die ihn anstrahlte, müsste es auch Schatten geben. Aber er konnte keine erkennen. Licht von oben? Er bewegte sich vor dem Spiegel so, dass die Arme Schatten werfen müssten, aber das geschah nicht. Er drehte den Kopf zur Seite, schielte mit den Augen in den Spiegel. Das Licht war überall, als ströme es aus ihm selbst heraus. Wie war das möglich? Von so etwas hatte er noch nie gehört. Er wusste auch nicht, wen er fragen könnte. Er beschloss, einen Versuch zu machen. Gute Gedanken, Licht an – schlechte Gedanken, Licht aus.

Im letzten Fenster sah er wieder die beiden Frauen. Er warf zuerst einen liebevollen Blick auf die schöne, traurige Frau, dann zu der anderen. Die nahm sofort den Blickkontakt auf und lockte ihn: „Komm zu mir. Ich weiß, was du brauchst. Nur ich kann es dir geben.“ Und wie bei einer Sprechblase hörte er auch ihre Gedanken: ‚dieser Scheißtyp muss sich nur noch scheiden lassen!’

Jonathan wich erschrocken zurück. Sollte das etwa bedeuten, dass diese wunderschöne Frau, in die er sich eben verliebt hatte, seine Ehefrau war? Übelkeit stieg in ihm auf. Was hatte er ihr angetan!? Vielmehr, dieser Plastikkartentyp?

Das wäre das Erste, was er ändern musste. Wenn er zurück war. Ob sie ihn vermisste? Ob sie traurig war, weil er vermisst wurde? Warum saß sie denn sonst bei diesem alten, schmierigen Sack in der Südsee und nicht zu Hause, um zum Beispiel bei der Suche nach ihm zu helfen? Hörte das denn nie auf, dass immer mehr Fragen kamen, statt Antworten?

Noch war das Licht an. Sehr gut! Er drehte sich zu der anderen Frau um und sagte: „Es tut mir leid, dass du dich in mir geirrt hast. Ich verstehe, welche Hoffnungen du auf ein besseres Leben durch mich hattest. Aber sieh dir diese Frau dort an. Sie hat alles, was du zu bekommen hoffst, aber trotzdem ist sie der traurigste Mensch der Welt. Sei froh, dass ich gehe! Du hast ein glücklicheres Leben verdient.“

Ja, ja, ja, das Licht war nicht ausgegangen! Sein laut heraus geschrienes „Yeah!“ warf kein Echo.

So beschwingt, wie in diesem Moment hatte er sich schon lang nicht mehr gefühlt. „Aaaah!“ Leicht, frei, fröhlich ….

Mal sehen, was er in den anderen Fenstern wohl sehen würde. Jetzt wusste er ja, wie das Spiel lief.

Nach den nächsten drei Spiegeln gab er auf. Nur kurz hatte er in die Scheiben geblickt, dann verdunkelte sich das Bild. Das konnte doch nicht wahr sein! Dieser Plastikmann war wirklich ein unangenehmer, herrischer, widerlicher Typ.

Geknickt und traurig ging Jonathan durch den Tunnel zur Brücke zurück. Er hatte bisher nur auf der linken Seite in die Scheiben geblickt. Mehr oder weniger zufällig sah er eine Bewegung in einer Scheibe auf der rechten Seite. Eher halbherzig näherte er sich. Ein kleines Mädchen spielte in einer Sandkiste. Völlig selbstvergessen in ihrer eigenen Welt, fütterte sie eine Plastikente mit Sand und Grashalmen, redete ihr gut zu, streichelte sie, nahm sie auf den Arm und gab ihr ein Küsschen. Ein Mann beugte sich über sie und streichelte nun seinerseits erst die Plastikente, dann die Haare des Mädchens. Ein nie gekanntes Gefühl überkam Jonathan. Dann erkannte er diesen Mann. Das war ja er. Er! War dieses Mädchen etwa seine Tochter? Der Mann sah älter aus als der vorhin im Spiegel. Hieß das etwa, dass er eines Tages diese Tochter haben würde? War auf der rechten Seite sein anderes Leben, nicht das des Plastikmannes? Das musste er prüfen! Jetzt sofort!

Ein Sog erfasste ihn, zog ihn mühelos hinaus aus dem Tunnel. Er warf einen letzten Blick zurück zu der Scheibe mit seiner Frau, dann zu seinem Kind, dem jetzt schon sehnsüchtig erwarteten Kind. Dann war er wieder auf der Brücke.

Die Brücke war hell erleuchtet. Er konnte sogar ihr Ende erkennen und die Hütte, die ihn erwartete. Er kicherte. Was ihn wohl heute im Jetzt erwarten würde? Er fühlte sich großartig.

Heute

Vorsichtig schob die Sonne einen Strahl durch die Wolken. Sie wollte wissen, ob sie bereits willkommen war. Anderenfalls würde sie sich weiterhin hinter einer dichten Decke aus Wolken versteckt halten. Aber ihre Vorsicht war überflüssig. Die aus Jonathans Sicht „behinderten“ Menschen standen schon auf dem Platz zusammen und erwarteten sie. Und als die Sonne sich zu zeigen begann, reckten sie ihr die Hände entgegen, jubelten und hießen sie fröhlich willkommen.

Es war eine Zeremonie, die immer heute stattfand. Die Vögel weckten die Menschen mit ihren Rufen, damit sie sich pünktlich auf dem Platz versammeln konnten.

Und wie immer freute sich die Sonne und gab sich besonders viel Mühe, die Ecken und Winkel zu beleuchten, ihre Strahlen nicht zu stark auszusenden, sondern eher wohldosiert. Zwar versuchte sie, es zu verheimlichen, aber sie war auch neugierig. So unauffällig wie möglich schickte sie einen Strahl zu der Hütte, in der Jonathan noch schlief, drückte den sonnigen Strahl ein klitzekleines Bisschen durch einen winzigen Schlitz, um nachzuschauen, wie es ihm wohl ging.

Unbeabsichtigt kitzelte sie ihn damit in der Nase. Jonathan erwachte mit einem Niesen. Ein breites Lächeln lag auf seinem Gesicht. Er fühlte sich großartig. Das Bild seiner Tochter stand ihm noch wie eingebrannt vor Augen. Er musste zurück, nach Hause, zu seiner Tochter. Er streckte seine Glieder. Das Bein schmerzte noch, auch im Kopf hämmerte es weiterhin heftig. Ein exotischer Duft stieg ihm in die Nase und ein Hungergefühl meldete sich. Er entdeckte neben sich eine Schale mit unbekannten Früchten, die diesen intensiven Wohlgeruch verbreiteten. Die Schale bestand wieder aus diesem geflochtenen Material. Und außerdem stand da ein Becher aus Holz, mit Wasser gefüllt. Sein Durst war zu groß, um dessen kunstvolle Verzierung zu bemerken. Er setzte ihn an seine Lippen, nahm einen großen Schluck und glaubte, es würde ihn zerreißen. Ihm war, als stünde er mit offenem Mund unter einem Wasserfall. Jede Zelle seines Körpers schien augenblicklich dieses Wasser aufzusaugen und schrie nach mehr, mehr, mehr. Er nahm einen weiteren Schluck und atmete ein Meer an Luft ein. Welch eine Wohltat!

Nun widmete er sich den Früchten. Ihr Duft benebelte seine Sinne, umschmeichelte seine Nase, erfüllte seine Lunge, erfreute sein Herz und umschwirrte seinen Geist. Behutsam nahm er eine der Früchte in die Hand, befühlte und betrachtete sie, hielt seine Nase daran, leckte an der Oberfläche und biss kostend hinein. Ah, was für ein Geschmack! Nicht zu vergleichen mit allem, was er bisher gegessen hatte. Fremd und vertraut. Leicht zart säuerlich zu Beginn, um die Geschmackszellen vorzubereiten, dann schob sich eine kaum merkliche Süße dazu. Der Saft erfüllte den Mund, umschmeichelte Zunge und Gaumen, damit auch nichts von diesem Geschmack verloren ging. Dann biss er in das Fruchtfleisch. Es schien nur darauf gewartet zu haben, denn augenblicklich löste es sich auf, um samtig den Geschmack des Fruchtsafts zu unterstützen.

Gerade, als er sich eine zweite Frucht nehmen wollte, bemerkte er den Alten neben seinem Lager. Er hatte ihn weder gehört noch gesehen. Der Alte musterte ihn mit seinem freundlichen Gesicht.

„Du hattest eine gute Zeit im Tunnel.“ Es war mehr Aussage als Frage.

Jonathan strahlte augenblicklich und sagte: „Ja, ich habe meine Tochter gesehen und erkannt.“

„Ich weiß“, meinte der Alte.

Jonathan schaute ihn irritiert an: „Wie meinst du das ‚ich weiß’?“

„Ich habe dich begleitet.“

„Wie!“ entrüstete sich Jonathan. „Ich habe dich nicht gesehen, ich war dort allein.“

„Ich habe dich im Geiste begleitet.“

‚Das sind alles Bekloppte. Wusst’ ichs doch, alle hier sind behindert‘, dachte Jonathan.

Beinahe mitleidig fuhr der Alte fort: „Ich merke, dass ich dir so einiges erklären muss. Also komm. Zieh dich an und setze dich raus in die Sonne. Dann können wir reden.“

Wie auf Zuruf kamen zwei junge Frauen herein, drehten sich mit ihren Gesichtern zur Tür, sodass Jonathan sich unbeobachtet anziehen konnte, dann griffen sie ihm unter die Arme und halfen ihm hinaus. Behutsam ließen sie ihn auf eine Bank vor der Hütte gleiten. Dann entfernten sie sich. Der Alte war nicht mehr zu sehen.

Jonathan streckte die Beine aus und sah sich um. Was für ein Anblick! Ein Maler mit Phantasie und im Farbenrausch musste diese Szene, diese Landschaft gemalt haben! Das konnte einfach nicht echt sein! Noch nie hatte er ein derart leuchtendes Grün gesehen, ein Rot, das zu explodieren schien, das Gelb war nichts im Vergleich zur Sonne. Dann die Vermischung der Farben zu einem furiosen Bild mit kühnen, schwungvollen Pinselstrichen und Formen. In großflächigen Farbmustern zeigten sich kleine, kontrastreiche Verzierungen, Schnörkel und Bilder von Blumen und Vögeln. Es dauerte einen Moment, bis er erkannte, dass diese Verzierungen keine Bilder waren, sondern tatsächlich Blumen und Vögel. Still schienen sie ihn neugierig zu betrachten. Das Verrückteste aber waren die ihm völlig unbekannten Pflanzenarten. Was für ein Schauspiel, was für ein Anblick!

Tief atmete er ein. Es war wie dieser erste Schluck Wasser: Die Lunge bekam nicht genug. Sie weitete und weitete sich und sog gierig die Luft ein. Es kam ihm so vor, als würde er dadurch wachsen, und im Geiste sah er seine Tochter hier spielen.

Sein Blick wanderte verträumt hin und her. In einiger Entfernung saßen zwei Mädchen vor einem Busch. Ihre Lippen bewegten sich nicht, aber sie fingen beide gleichzeitig an zu lachen. Dann drehten sie ihre Köpfe zueinander und wie auf Kommando bewegten sie ihre Hände in sonderbaren Kreisen durch die Luft. Eigentlich sollte er sich über nichts mehr wundern, aber was er da beobachtete, schien ihm doch ein Wunder zu sein. Vögel in unterschiedlichsten Farben kamen angeflogen und schienen den Bewegungen der Hände folgen zu wollen. Sie tanzten regelrecht mit den Händen. Dabei zwitscherten sie vergnügt. Ab und zu setzten sie sich auf die Hände der Mädchen und ließen sich durch die Luft tragen. Dann wiederum stolzierten sie zu deren Füße oder auf ihren Armen entlang. Gelegentlich tauchte ein Schmetterling auf, der sich ein paar Runden lang an dem Spiel beteiligte.

Auf der rechten Seite beobachtete er einige Jungs bei einem ihm ebenfalls unverständlichen Spiel: Sie warfen sich eine Kugel aus was auch immer zu. Mal höher, mal weiter, aber immer so, dass der andere sie fangen konnte. Sie stellten sich aufeinander, praktizierten andere Variationen mit dem Werfen und Auffangen, aber nie kämpften sie um die Kugel. Etwas weiter entfernt übten andere sich in Weitwurf. Ältere zeigten den Jüngeren, wie sie es machen sollten. Andere arbeiteten an einer neuen Kugel. Und auch da halfen die Älteren den Jüngeren. Bei keinem der Jungs konnte er auch nur den Ansatz von Konkurrenz erkennen.

Jemand hatte die Obstschale und den Wasserbecher aus seiner Hütte neben ihn gestellt. Gefangen von den Bildern, die er sah, nahm er eine weitere Frucht aus der Schale. Wieder befühlte und betastete er sie, betrachtete sie, roch an ihr, leckte die Außenhaut ab, bevor er erwartungsvoll hineinbiss. Wieder ein völlig neues Geschmackserlebnis. Anfangs meinte er, diese Frucht mit einer Banane vergleichen zu können, aber der Geschmack war völlig anders. Gerade, als er wieder hineinbeißen wollte, setzte sich ein Vogel auf seinen Arm. Seine kleinen, lustigen Augen blickten ihn an.

„Na, kleiner Vogel, willst du mit mir spielen? Ich kenne aber das Spiel der Mädchen nicht“, lachte Jonathan.

Der Vogel trippelte auf seine Hand und schaute demonstrativ auf die Frucht.

„Ach so, ich verstehe, du willst ein Stückchen haben.“

Er biss ein Stück ab und legte es vor sich hin. Der Vogel flog sofort hinunter. Wie aus dem Nichts erschienen drei weitere Vögel der gleichen Art und auch ein Pelztier, das eine Mischung aus Eichhörnchen und Hase zu sein schien. Der Vogel, der von seinem Arm gesprungen war, nahm das Stückchen Obst, zupfte etwas ab und warf es dann geschickt dem nächsten Vogel zu. Der machte das gleiche. Der letzte warf das Obststück dem Vierbeiner zu. Der nahm es in seine Vorderpfoten, biss ab und warf es den Vögeln zurück. Es ging so lange im Kreis herum, bis nichts mehr übrig war.

Jonathan staunte. Das würde ihm kein Mensch glauben, dass Tiere auf diese Weise Futter teilten. Aber was war hier schon normal?

Seine Gedanken eilten zurück zu seiner Tochter. Wie hieß sie noch? Nini, richtig, sie heißt Nini. Was für ein niedlicher Name! War das eine Abkürzung?

Gerade, als er sich überlegte, was er für ihr kommendes Leben planen könnte, stand der Alte wieder neben ihm. Wieder wie aus dem Nichts. Wie machte er das bloß?

Der Alte setzte sich neben ihn, schaute ihn nicht an, nur geradeaus nach nirgendwo.

„Wie war deine Nacht?“, fragte er schließlich.

Jonathan, noch im Überschwang seiner Gefühle, erzählte, dass er Erinnerungstücke in der Nacht gefunden habe. Eigentlich war es nicht seine Absicht, Details über sein nächtliches Erlebnis zu berichten, aber es brach ohne sein Zutun aus ihm heraus: „Ich hatte einen seltsamen Traum. Ich bin über eine Brücke gegangen, die einfach im Nichts stand und kam in einen Tunnel.“

Er beschrieb die Fenster, dass er dort Bilder aus seinem bisherigen Leben gesehen und alle wiedererkannt habe. Und zuletzt habe er ein Bild seiner Tochter gesehen. Dann ergoss er sich in der Beschreibung seines Mädchens. Er sagte nichts zu den Bildern, die ihn erschreckt hatten. Auch nichts von den Lichteffekten.

Der Alte nickte nur, sagte nichts. Fast schien es so, als würde er lauschen, etwas anderem nachspüren als den Worten, die Jonathan sagte.

Immer noch in der Euphorie seines Erlebnisses, sagte Jonathan: „Ich muss nach Hause! Ich muss unbedingt zurück.“

Der Alte nickte langsam. Leise murmelte er: „Ja, das musst du.“

„Wie komme ich denn nach Hause?“

Nun blickte ihn der Alte an. Seine Augen verdunkelten sich und man hätte meinen können, in seiner Stimme einen sorgenvollen Ton zu hören.

Aber nicht so Jonathan. Er brannte nur darauf zu hören, wie er von hier wegkäme, nach Hause, zu seiner Tochter.

Der Alte begann zu sprechen: „Es ist eine schwierige Sache. Du bist noch nicht so weit, die Heimreise antreten zu können. Dein Kopf …“

Jonathan unterbrach ihn. „Wenn ich das richtig verstehe, bin ich reich und kann euch geben, was ihr wollt. Gibt es denn eine Möglichkeit zu telefonieren oder einen Hubschrauber kommen zu lassen?“

Kopfschütteln. Ein sehr langes Kopfschütteln des Alten war die Antwort. Dann sprach er etwas forscher: „Hör zu. Und wenn es dir möglich ist, unterbrich mich nicht. Du bist hierhergekommen, weil du es wolltest. Das sagte ich ja schon. Dort, wo du geflogen bist, kamst du in einen Wirbel, der dich aus deiner Zeit herausgetragen hat.“

Er deutete mit dem Finger auf einen Hügel in der Ferne. „Siehst du den Hügel dort? Dort, hinter dem Hügel, gibt es einen runden Platz, auf dem nichts wächst, noch nie etwas gewachsen ist. Dort beginnt der Wirbel oder er endet dort. Wer von diesem Wirbel erfasst wird, wird in eine andere Zeit getragen oder hier eben ausgespuckt. Wir wagen es nicht, auf diesen Platz zu gehen. Einige Alte von uns sind in den Wirbel gegangen und nie wiedergekehrt. Ein paar von uns schafften es jedoch, zurückzukommen und berichteten darüber. Ich weiß davon nur aus ihren Erzählungen.“

„Und wie habt ihr mich gefunden?“

„Oh, das war unser Wolkenleser.“

„Wolkenleser? Was ist das denn?“

„Der Wolkenleser kann, wie der Name sagt, die Wolken lesen. Die Wolken bringen Botschaften aus anderen Welten und anderen Zeiten. So waren wir bisher gut informiert, was in eurer Welt so vor sich geht.“

„Wieso ‚waren’?“

Der Alte lachte. „Du musst verzeihen, aber wir möchten ihm schon seit langer Zeit nicht mehr zuhören. Es macht uns traurig, was wir hören. Nun,“ fuhr er fort, „der Wolkenleser las aus einer Wolke, dass jemand mit dem Wirbel zu uns gebracht worden ist und im Kreis abgelegt wurde. Er war sehr erstaunt, weil er Derartiges auch noch nicht erlebt hatte. So liefen wir also alle hin um nachzusehen. Und tatsächlich, da lagst du außerhalb des Kreises, deine Aktentasche stand neben dir. Als hätte sie jemand direkt neben dich gestellt. Wir trugen dich in die Hütte. Du hast lang geschlafen. Du hattest Fieber und sprachst viel im Schlaf. Großmutter stellte ein paar Kräuter zusammen, um dein Fieber zu senken. Und wie du siehst, es hat geholfen.“

„Ja, aber ich habe immer noch diese Kopfschmerzen und das Bein schmerzt auch noch.“

Der Alte lachte. „Oh nein, der Kopfschmerz sind deine vielen Gedanken. Sie sind es, die dir Beschwerden machen. Die Gedanken, die du nicht denken willst, die in die ungeschriebene Zukunft gehen, deine Zweifel, deine Bedenken, auch schlechte Gedanken. Und dein rechtes Bein schmerzt, weil du so nicht weitergehen wolltest und jetzt nicht weißt, wohin du gehen sollst. Dein Herz spricht aber eine andere Sprache, deshalb bist du ja hier.“

Jonathan hatte schweigend zugehört. ‚Das kann doch alles nicht wahr sein‘, dachte er. Sicherlich war das nur ein Albtraum in einem Dorf voller Behinderter. „Nein“, meinte der Alte streng, „das ist kein Traum, und wir sind auch kein Dorf voller Behinderter!“

Jonathan stockte der Atem. Röte überzog sein Gesicht. Konnte der Alte Gedanken lesen?

„Ja. Das können wir. Ich hätte das wohl schon früher sagen sollen. Entschuldige!“

„Wa-was? Ihr könnt Gedanken lesen? So richtig hören, was andere denken?“

Ein Nicken kam zur Antwort.

„Du hast also alles gehört, was ich gedacht habe?“

Wieder ein Nicken.

Jonathan überlegte fieberhaft, was er alles gedacht hatte, womit er diese Menschen beleidigt haben könnte. Schon allein, dass er von ihnen als Be…, Be… Er beendete dieses Wort nicht, überlegte schnell und dachte dann, dass er von ihnen als Beähm – Bewusste sprechen würde. Ja, als Bewusste.

Grinste der Alte etwa? Dann wurde es vollkommen verrückt. Jonathan hörte in seinem Kopf die Stimme des Alten: ‚Sei unbesorgt. Wir wussten ja, dass du sehr verwirrt sein würdest, wenn du erwachst. Das war bei unseren Reisenden, die zurückgekehrt sind, auch so.’

Jonathan schüttelte heftig den Kopf. Drehte er jetzt vollkommen durch? Stimmen im Kopf hören!

Der Alte sprach jetzt laut: „Es ist sehr viel, was jetzt auf dich zugekommen ist. Gern hätten wir dir mehr Zeit gelassen, bis du es von selbst herausgefunden hättest. Aber wie uns der Wolkenleser sagte, wird es schon bald eine Möglichkeit geben, dass du nach Hause gehen kannst.“

Nur mit halbem Ohr hatte Jonathan zugehört. Seine Gedanken wirbelten wie ein Orkan durcheinander. Der Kopf pochte wie verrückt. Jetzt eine kalte Dusche, das wäre schön und würde ihm guttun.

„Das ist eine gute Idee“, nahm der Alte Jonathans Gedanken auf. „Wir bringen dich jetzt zu unserem Badeplatz. Er wird dir gefallen.“ Wie auf ein geheimes Zeichen hin unterbrachen die Jungs ihr Spiel, drehten sich um und kamen auf die beiden Männer zugelaufen. Das Einzige, was Jonathan denken konnte und wie ein Mantra vor sich hermurmelte, war: ‚Kontrolliere deine Gedanken, kontrolliere deine Gedanken, kontrolliere, kontrolliere … Gedanken …’

Die Kinder halfen ihm auf und führten ihn langsam aus dem Dorf hinaus, auf einen schmalen Weg, über üppig blühende Wiesen mit nie gesehenen Büschen und Sträuchern. Schon von weitem hörte er lachende Stimmen. Dann zeigte sich ihm ein überaus fröhliches Bild.

Ein vielleicht fünf Meter hoher Wasserfall ergoss sich in einen großen Teich mit kristallklarem, grünlich schimmerndem Wasser, aus dem es in einen seichten Bach mit bunten Kieselsteinchen überging. In dem Teich spielten Kinder, am Rand entdeckte Jonathan viele Erwachsene, die er im Dorf noch nicht gesehen hatte: Frauen mit Babys auf dem Rücken, Frauen, die sich oder ihre Wäsche am Bach wuschen, Männer, die sich mit irgendetwas am Ufer von Bach und Teich beschäftigten. Es war ein überaus fröhliches Bild.

Und die Menschen waren alle nackt. Ihre Röckchen beziehungsweise Schürzen lagen ordentlich auf der Wiese aneinandergereiht. Diese Ungezwungenheit, Selbstverständlichkeit ließ Jonathan erschauern. Wieso erschauerte er eigentlich?

Selbstverständlich würde er nicht nackt mit diesen Menschen in den Teich springen. So weit ging es nun auch wieder nicht! Ein Junge nahm ihn an der Hand und bat ihn, wieder mit dieser Stimme in Jonathans Kopf, er möge bitte mitkommen. Mist, schon wieder nicht daran gedacht: Gedankenkontrolle! Er schalt sich.

Der Junge führte ihn zu einem dichten Busch direkt am Ende des Teichs und am Beginn des Bachs. Ja, hier konnte er seine Bekleidung ablegen und sich ausgiebig waschen. In Gedanken murmelte er ‚danke’. Es war mehr ein Spaß als ein ernsthafter Versuch der telepathischen Kommunikation, doch die Stimme in seinem Kopf antwortete sofort: ‚Es war mir eine Freude.’

Er entkleidete sich, legte ordentlich alles zusammen, und stieg erst mal nur bis zu den Knien in den Teich. Tiefer war es hier nicht. Er wusch sich. Bei den Frauen hatte er zufälligerweise eine Art Nüsse gesehen, die sie zum Waschen benutzten. Auch hier lagen ein paar davon. Also ausprobieren. Es funktionierte tatsächlich. Sie rubbelten und röteten ein wenig die Haut, gaben aber gleichzeitig etwas Seifenartiges ab. Während er sich wusch, hörte er die Freudenrufe der Kinder und auch das fröhliche Lachen der Erwachsenen. Wie gern würde er jetzt auch in dieses tiefere Wasser eintauchen und schwimmen! Vorsichtig streckte er den Kopf durch den Busch. Niemand schaute in seine Richtung. Er schob den Oberkörper nach, zog erst ein Bein hinterher, aber als er das zweite nachziehen wollte, strauchelte er und fiel in das tiefere Wasser des Teichs. Diese Entscheidung war ihm also abgenommen worden. Sofort tauchte er ab, machte ein paar weite Züge unter Wasser und kam direkt unter dem Wasserfall wieder zum Luftholen hoch. Aaah, wie angenehm, wenn das Wasser auf Kopf, Brust und Arme trommelte, die Blasen seinen Körper umspielten, die kleinen Wellen seine Arme, Beine und den ganzen Körper umrieselten. Einen Moment lang hatte er seine Umgebung vollkommen vergessen. Die Sonne und ihre Reflexionen auf dem Wasser blendeten ihn ein wenig. Viel konnte er gerade nicht erkennen, aber das Lachen war weiterhin zu hören.

Jonathan überlegte: Wenn sich keiner an ihm störte, dann war das ja perfekt. Die Lust, sich im Wasser zu bewegen, ließ ihn wie einen Delfin aus dem Wasser schnellen, auf den Rücken zurückfallen, abtauchen und plötzlich wiederauftauchen. Er sah, wie kleine Jungen zum Wasserfall hochkletterten und von dessen Böschung aus in den Teich sprangen. Alles in ihm schrie: ‚Ja, das will ich auch.’ Er fühlte sich wie ein kleiner Junge. Und wenn ihn keiner beobachtete, dann könnte er sich doch wohl auch benehmen wie ein kleiner Junge! Er sprang aus dem Wasser, erklomm den Wasserfall, um dann mit einer satten Arschbombe ins Wasser zu springen. Er hörte ein aufgeregtes, freudiges Quietschen und Jauchzen. Sogleich eilte er wieder hinauf, um diesmal einen beinah gelungenen Kopfsprung vorzuführen. Das wiederholte er mehrere Male und konnte nicht genug davon bekommen. Wieder dieses Quietschen und Jauchzen.

Eine junge Frau mit einem Baby im Arm stand oben auf der Klippe und sah – wie es ihm schien – sehnsüchtig seinen Sprüngen zu. Oh ja, er hatte gelernt! Er dachte zu der Frau hin: ‚Ich halte dein Baby. Wenn du auch mal springen willst, dann kannst du das tun.’ Die Frau sah ihn kurz verlegen an, reichte ihm schüchtern das Baby, als könnte sie ihn missverstanden haben, dann sprang auch sie ins Wasser. Schnell eilte sie wieder zu ihm und übernahm mit einem glücklichen Lächeln ihr Kind.

Ein paar ältere Jungen versuchten sofort, nun ihrerseits Kunststücke zu vollführen, begleitet vom heftigen Johlen der anderen Kinder. Die jüngeren Kinder trauten sich nicht.

Da gerade ein kleiner Junge neben ihm schwamm, schnappte Jonathan ihn im Überschwang, stellte seine Beinchen auf seine Schultern und katapultierte ihn mit Schwung in einem Bogen ins Wasser. Der Kleine quietschte vor Vergnügen. Was dann folgte, verlief nach eigenen Spielregeln. Immer mehr Jungs kamen zu ihm, um von ihm im Bogen ins Wasser geworfen oder im Kreis durchs Wasser gezogen zu werden. Oder auf seinem Rücken zu liegen. Jonathan fiel immer wiederetwas Neues ein, um die Kinder in Begeisterung zu versetzen. Ihm war nicht aufgefallen, dass es anfangs nur Jungs gewesen waren. Irgendwann stand auch ein Mädchen auf seiner Schulter, das er auf die gleiche Weise ins Wasser warf. In seiner Freude fiel ihm gar nicht auf, dass in diesem Moment die Älteren wie erstarrt mit offenen Mündern zusahen. Jonathan bemerkte es nicht, den Kindern war es egal. Sie jubelten, kreischten, johlten und lachten. Auch entging ihm, dass nun nicht nur Jungs auf der Klippe des Wasserfalls standen, um zu springen, nun standen dort auch Mädchen und junge Frauen, die sich gegenseitig ihre Babys gaben und sprangen. Warum hätte er darin auch etwas Merkwürdiges sehen sollen?

Ein scharfer Pfiff ertönte. Die Kinder trollten sich aus dem Wasser, alle bekleideten sich wieder mit ihren Röckchen und Schürzen und traten den Weg ins Dorf an. Jonathan eilte zu seinem Busch, zog sich rasch an und folgte den Menschen zum Dorf. Was war das für ein Pfiff gewesen? Sofort hörte er in seinem Kopf: ‚Das war doch der Sonnenvogel. Er meldet sich immer, wenn es Zeit ist zurückzugehen. Die Sonne wird sich bald mit ihrem Tuch verhüllen.’

Ah, das klappte ja immer besser mit den Gedanken! Er freute sich. Plötzlich schob sich eine kleine Hand in seine. Verdutzt sah er nach unten. Ein kleines Mädchen lächelte ihm mit schief gelegtem Köpfchen zu. Seine andere Hand wurde ergriffen: ein Junge, der ihn anlachte. Jonathans Hände umschlossen die Händchen vorsichtig und fest zugleich und er schaukelte sie übermütig hin und her. Eine Melodie entströmte seiner Brust. Ein heftiger Ruck von hinten, dann spürte er Arme und Beine, die sich an seinem Rücken hocharbeiteten, bis ein kleiner Körper auf seinen Schultern saß und sich mit seinen Händen am Kopf festhielt.

Jonathan war sicher, dass es keinen Menschen auf der Welt geben konnte, der in diesem Moment glücklicher war als er.

Möglichkeiten

Er betrat seine Hütte mit einem nie gekannten Wohlgefühl. Sein Körper verspürte Kraft, gleichzeitig aber auch wohlige Mattigkeit. Er nahm sich eine Frucht aus dem Körbchen, das, wie es aussah, aufgefüllt worden war. Wie am Morgen betastete er die bläulich violette Frucht, leckte an ihr, roch an ihr, biss vorsichtig hinein und staunte wieder über diesen intensiven Geschmack. Obwohl er seit dem Morgen nichts gegessen hatte, war den ganzen Tag über kein Hungergefühl aufgetaucht.

Nein, er würde sich über nichts mehr wundern. Alles war einzigartig, einmalig, sonderbar, wunderbar. Er kicherte innerlich. Es war eben Heute.

Er entkleidete sich, legte sich auf die eine Matte und bedeckte sich mit der anderen. Er war fest entschlossen, sofort wieder über die Brücke in den Tunnel zu gehen und seine Tochter zu treffen. Kaum hatte er die Augen geschlossen, schlief er augenblicklich ein.

Ah, da war die Brücke. Er eilte auf die Brücke zu, die hell erleuchtet war, in den Tunnel hinein und suchte ungeduldig das Fenster, in dem er hoffte, seine Tochter zu sehen. Er fand es nicht. Er tastete wahllos viele Fenster ab, aber es zeigten sich ihm nur Bilder, mit denen er nichts anfangen konnte. Verzweiflung packte ihn. Das Licht verdunkelte sich. Er ermahnte sich zur Ruhe, damit es auf jeden Fall hell bliebe. Es gelang ihm nicht. Immer weiter drang er in den Tunnel vor, als er plötzlich gegen etwas prallte. Jonathan erschrak heftig. Was um alles in der Welt war das?! War das etwa ein Geist? Die Gestalt strahlte aus sich heraus und erfüllte die Breite und Höhe des Tunnels. Ihr Licht blendete ihn.

‚Hier geht es nicht weiter’, hörte Jonathan in seinem Kopf.