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Mit Naill an ihrer Seite erreicht Cassandra die Stadt Drysda,... eine Stadt, in der Aufruhr und Rebellion bereits im Verborgenen gären. Doch die größte Gefahr lauert nicht nur auf den Straßen, sondern in den Hallen der Macht, wo Intrigen und Verrat ihr den Weg erschweren. Osmaya findet einen Weg, Cassandra immer nahe zu sein und wird so zu ihrer unsichtbaren Stütze in einer Zeit, in der Vertrauen zur kostbarsten Währung wird. Zwischen den Schatten des Umsturzes entdeckt Cassandra ihre erste große Liebe, erfährt aber auch die zerstörerische Kraft von Lüge und Manipulation. Als der Putsch das Reich in Chaos stürzt, erwacht in ihr eine Gabe, die sie kaum begreifen kann. Eine Gabe, die sie rettet und zugleich in ungeahnte Gefahren stößt. Zerrissen zwischen Liebe und Verlust, Hoffnung und Verrat, muss Cassandra ihren eigenen Weg finden … und erkennt, dass ihr Herz ebenso mächtig ist wie die Kräfte, die in ihr schlummern. Ein epischer Roman über den Mut, sich selbst treu zu bleiben und die Sehnsucht nach einer Liebe, die selbst in den dunkelsten Zeiten Hoffnung schenkt.
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Seitenzahl: 498
Veröffentlichungsjahr: 2025
Dieses Buch ist nicht allein nur durch meine Hände entstanden.
Es trägt die Spuren all der Liebe, Geduld und Ermutigung, die ich von meiner Familie und meinen Freunden erfahren durfte.
Ihr habt an mich geglaubt, auch in Momenten, in denen ich selbst gezweifelt habe.
Dafür bin ich euch unendlich dankbar.
Ganz besonders danke ich meiner Tochter, deren Herz und Nähe mir stets die Kraft gegeben haben, diesen Weg bis zum Ende zu gehen.
© 2025 Anett Krause
Herausgegeben von: Tredition
Umschlag, Illustration: Anett Krause
Lektorat, Korrektorat: Anett Krause
Verlagslabel: Fashionelles
ISBN
Paperback 978-3-384-69715-8
Hardcover 978-3-384-69716-5
e-Book 978-3-384-69717-2
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin Anett Krause: tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.
Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich.
Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig.
Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter:
Anett Krause, Hauptstraße 26, 01909 Großharthau-Bühlau, Germany.
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]
Anett Krause
Im Auge des Drachens
Teil 2
Im Taumel der Zeit
Cover
Urheberrechte
Titelblatt
Was bisher geschah
Auf dem Weg in ein neues Leben
*** Der Atem der Vergangenheit ***
*** Ein Abschied für immer ***
*** Vom Himmel in die Hölle ***
*** Im Taumel der Gefühle ***
*** Eine fruchtbare Verbindung ***
*** Das Feuer der Rache ***
Einsam in der Ferne
Osmaya und das Geheimnis des Kristalls
Am Vorabend des Sturms
**** Der Preis der Neugier ****
*** Zwischen Hunger und Freiheit ***
*** Im Netz der Blicke ***
*** Die unsichtbare Prüfung ***
Sturm über Brynia
Der Junge zwischen den Beeten
*** Geflüsterte Geheimnisse ***
*** Küsse im Schatten ***
*** Worte wie Schwerter ***
Der zerschlagene Thron
*** Blut und Asche***
*** Im Garten der Trauer ***
*** Der Tanz auf dem Drahtseil ***
*** Das Flüstern der Ahnen ***
Der Fall Theklar
Heißkalte Liebe
*** Hitze im Winter ***
*** Gefährliche Nähe ***
*** Unsichtbare Ketten ***
*** Die stille Entscheidung ***
*** Ein Herz aus Asche ***
*** Ein Retter zu viel ***
*** Kalte Worte und heiße Klingen ***
*** Die Wege der Anderen ***
Osmayas stille Reise
*** Die Quelle Enya ***
Erklärung und Bedeutung der Namen und Orte
So geht es weiter
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Urheberrechte
Titelblatt
Was bisher geschah
So geht es weiter
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Was bisher geschah
16 Jahre zuvor
In einer kalten Oktobernacht erblickt im Schloss von König Shaitan ein Mädchen das Licht der Welt.
Man nennt sie Cassandra und sie ist das erste Kind seiner ältesten Tochter Desdemona.
Doch die Mutter kann und will das Kind nicht annehmen und lieben.
Der König selbst herrscht streng und despotisch und er unterdrückt sein Volk ebenso gnadenlos wie seine Familie. Seine Töchter sind seit Kindertagen den Launen des Tyrannen ausgeliefert und Desdemona musste bis zu ihrer Hochzeit mit General Sheilon sogar seine Übergriffe erdulden.
So ist das kleine Mädchen für sie kein Segen, sondern eine Erinnerung an erlittene Schande.
Sie verachtet es, wendet sich ab und legt es in die Obhut der Amme Akira.
Doch Cassandra ist nicht allein.
Von Geburt an wird sie von ihrem Seelendrachen Osmaya begleitet, ohne dies zu wissen.
Auch Akira, die Halbelfe und der schwarze Rabe Kain wachen im Verborgenen über sie.
Denn das Kind trägt eine besondere Gabe: das „dritte Auge“, die Hellsicht.
Fähigkeiten, die König Shaitan abgrundtief verachtet.
Alles, was magisch oder außergewöhnlich ist, verfolgt er unerbittlich.
Elfen, Feen, Gnomen,…sie alle wurden in die Verbannung getrieben und haben in einem verborgenen Tal, das sie Matramugh nennen, einen letzten Zufluchtsort gefunden. Nur wenige Menschen stehen Cassandra in den frühen Jahren wirklich bei: ihre Großmutter Aithne, eine angesehene Heilerin und ihr Onkel Naill, der trotz seiner Rolle als Botschafter des Königs versucht, seine Nichte im Geheimen zu schützen.
Als der König kurz nach Cassandras Geburt vor seinem Volk verkündet, dass nur jene Tochter seine Thronfolgerin wird, die sich als stark und intelligent genug erweist, stellt er Desdemona vor seinem Volk bloß.
Die Älteste, die sich längst als künftige Königin gesehen hatte, fühlt sich verraten und gedemütigt.
Der Bruch zwischen ihr und ihrem Vater ist endgültig.
Um das Kind vor der Grausamkeit des Königs zu bewahren, veranlassen Aithne und Naill den Umzug von Schloss Growdawn auf die Burg Swora.
Hier lebt Desdemona erstmals frei von der Kontrolle ihres Vaters und zeigt offen ihre Abneigung gegenüber Cassandra. Mit der Geburt ihrer zweiten Tochter, Gwendolyn, richtet sich ihr Zorn vollends gegen das erste Kind.
Cassandra wird zur Zielscheibe all ihrer Verbitterung, während die Großmutter immer wieder schützend eingreift. Während General Sheilon fern der Heimat die Armeen des Reiches für kommende Bedrohungen rüstet, beginnt Desdemona in seiner Abwesenheit eine Affäre mit dem Stallmeister Hamish.
Als Sheilon zurückkehrt und seine Frau im Zorn über ihre Grausamkeit gegenüber Cassandra schlägt, rächt sie sich noch in derselben Nacht mit der heimlichen Liebschaft.
Cassandra selbst hält es auf Burg Swora nicht mehr aus und läuft davon.
Tief im Wald begegnet sie dem Magier Samiel, der sie mit schmeichelnden Worten in seine Hütte locken will.
Nur durch das schnelle Eingreifen eines Suchtrupps wird sie im letzten Augenblick gerettet.
Samiel entkommt im Schatten des Waldes, doch sein Blick bleibt auf dem Mädchen haften,… voller düsterer Absichten. Von diesem Tag an ist die Ehe ihrer Eltern zerbrochen.
Desdemona verliert immer weiter an Rückhalt und selbst die Einweihung der ersten Schule für das niedere Volk, der Cassandra erstmals beiwohnen darf, kann das Bild nach außen kaum wahren.
Zwar rettet Cassandra später mutig das Leben ihrer Schwester Gwendolyn, doch die Verbitterung ihrer Mutter kennt keine Gnade.
Als Sheilon die Untreue Desdemonas entdeckt und sie mit Hamish in flagranti überrascht, kommt es zum endgültigen Bruch.
Der König selbst verstößt seine älteste Tochter und verbannt sie mitsamt den Kindern in ein bescheidenes Haus in der Stadt Sylka.
Von nun an prägt Armut den Alltag.
Cassandra muss neben der Schule schwer im Haushalt arbeiten und erträgt immer härtere Strafen der Mutter. Nur die Besuche Naills bringen etwas Trost.
Er überzeugt Desdemona schließlich, das Kind für einige Wochen zu Aithne nach Matramugh zu schicken.
Dort erfährt Cassandra erstmals Geborgenheit und entdeckt in den Wäldern und Dörfern der Verborgenen, wie es ist, wirklich geliebt zu werden.
Doch das Glück währt nicht ewig.
Als sie zurückkehrt, lodert der Hass der Mutter stärker denn je.
Eines kalten Novembertages läuft Cassandra erneut fort, diesmal tiefer in den Wald, als jemals zuvor.
Dort wartet Samiel.
Endlich kann er seinen finsteren Plan vollenden.
Er betäubt das Mädchen, missbraucht es und versucht durch ein Ritual, sie für immer an sich zu binden.
Doch der Zauber misslingt.
Cassandras Erinnerungen kehren bruchstückhaft zurück und im Chaos der Flucht weist ihr Kain den Weg zu den Suchenden.
Entkräftet bricht sie schließlich in den Armen ihrer
Großmutter Aithne zusammen.
Niemand kennt die ganze Wahrheit dessen, was geschehen ist doch jeder spürt: Dieses Kind wird von nun an ein anderes sein.
Und so beginnt Cassandras eigentliche Reise:
In einer Welt, die im Umbruch steht.
Mit Freunden, die zu Feinden werden können.
Mit einer Liebe, die sie erhebt und zugleich in den Abgrund stößt.
Und mit einer Gabe, die noch unentdeckt in ihr schlummert … bereit, ihr Leben für immer zu verändern.
Auf dem Weg in ein neues Leben
9 Jahre später
Cassandra kauert auf der Fensterbank.
Die Knie unter das Kinn gezogen, lauscht sie dem gleichmäßigen Ticken der großen Standuhr unten in der Stube.
Jedes Klicken erinnert sie daran, dass ihre Mutter gleich die Treppe heraufkommen könnte.
Resigniert und traurig schaut sie aus dem Fenster und ihr Blick schweift geistesabwesend in die Ferne.
Die Sonne gibt an diesem Spätsommertag noch einmal alles und strahlt heiß vom blauen Firmament.
Doch an den Bergwipfeln rund um Sylka sammeln sich schon unheildrohend dunkle Gewitterwolken, um dann langsam Richtung Stadt zu ziehen.
All das bemerkt Cassandra nicht.
Wehmütig denkt sie an ihren Onkel, der sie eigentlich schon vor einer Woche abholen wollte.
Doch aus irgendeinem Grund war Naill nicht gekommen. Nicht einmal eine Nachricht hat er geschickt, um sein Fernbleiben zu erklären.
Die Mutter hatte ihr daraufhin immer wieder gehässig unter die Nase gerieben, dass Cassandra nun doch bei ihr in Sylka bleiben würde und der Traum vom neuen Leben in der großen Stadt ein für alle Mal ausgeträumt war.
Als die Tür unten knarrt und das harte Klacken der Absätze durch den Flur schallt, presst sich Cassandra fester an die kalte Wand.
„Bist du da oben wieder am Nichtstun?“
Die Stimme der Mutter ist wie ein scharfes Messer, das an einer rostigen Kerbe hängen bleibt.
„Ich habe… gelesen“, lügt Cassandra leise, obwohl das Buch längst geschlossen auf dem Boden liegt.
„Lesen!“
Desdemona stößt ein kurzes und abwertendes Lachen aus.
„Träumereien machen dich nicht satt. Also schere dich runter und mache das Feuer im Herd an, damit wir Tee ansetzen können.“
Widerwillig steigt Cassandra die knarrende Treppe hinunter und beginnt lustlos den Ofen anzuschüren.
Dabei spürt sie den Blick ihrer Mutter im Rücken.
Es ist kein Blick der Fürsorge, das weiß sie, sondern einer, der abschätzt, wie viel Wert sie wohl jemals für Desdemona noch haben würde.
Plötzlich bellt draußen ein Hund und Hufschläge hallen durch die Gasse.
Kurz darauf hält ein Wagen direkt vor dem Haus.
Cassandra wischt sich unbewusst die Hände an ihrem Rock ab und ein kleiner Hoffnungsschimmer schleicht sich in ihr Herz.
Sekunden später springt die Tür auf und Naill steht im Türrahmen wie ein rettender Engel.
Seine Augen, dunkel und tiefgründig, bleiben an ihr hängen. „Cassandra!“
Naills Stimme ist leise, aber sie durchdringt den ganzen Raum.
Ein Strahlen überzieht sein Gesicht, als er auf die junge Frau zugeht.
Die Mutter stellt den Wasserkessel lauter als nötig auf den Herd ab.
„Sie ist noch nicht bereit für so etwas“, sagt sie mit grollender Stimme.
Naill blickt sie nicht an, als er sich an seine Nichte wendet: „Pack deine Sachen. Wir brechen noch heute auf.“ Cassandra spürt, wie ihr Herz zu rasen beginnt.
Sollte er letztendlich doch sein Versprechen halten?
Sie hat tausend Fragen, doch nur eine bringt sie tatsächlich über die Lippen:
„Wohin?“
Naill lächelt kaum merklich, als er antwortet: „Dorthin, wo du lernen kannst, frei zu sein.“ Ein glückliches Lächeln gleitet über Cassandras Gesicht. Bevor Desdemona etwas einwenden kann, rennt sie die Stufen nach oben in ihre Kammer und beginnt zu packen. Die Sonne hat sich inzwischen hinter dunklen Wolken verzogen, als Cassandra mit zittrigen Fingern den Koffer füllt, der all ihre Habseligkeiten fassen muss.
Ein paar Kleider, eine Strickjacke, das alte Buch ohne Umschlag und ein Tuch, das noch nach den Sommertagen in Matramugh riecht, an denen sie einmal glücklich gewesen war.
Schnell wechselt sie die Kleidung und richtet sich die Frisur.
Das alles hatte sie schon einmal vor einer Woche getan und dann stundenlang am Fenster gesessen und auf Naill gewartet.
Enttäuscht hatte sie abends ihr Kleid ausgezogen und es ordentlich gefaltet zurück in den Schrank gelegt.
Eigentlich hatte sie es extra für die Reise anfertigen lassen und nun würde sie es wohl nie tragen.
Unten im Haus knistert das Feuer und Desdemona spricht mit gedämpfter Stimme auf Naill ein.
Cassandra kann die Worte nicht verstehen, aber an Desdemonas Tonfall erkennt sie, dass ihre Mutter keinesfalls begeistert ist von Naills Erscheinen.
Gereizt und fordernd, so als wolle sie ein Geschäft aushandeln, versucht sie den Onkel von seinem Vorhaben abzubringen.
Als Cassandra die Treppe hinuntergeht, hört sie, wie die Mutter sagt:
„Und wenn sie versagt? Was mache ich dann mit dem Gerede?“
Naill antwortet ruhig:
„Dann wird man nicht über dich reden, sondern über mich.
Aber das wird nicht geschehen.“
Er kann es kaum glauben, dass der ersehnte Tag endlich gekommen ist.
Heute nun wird er seine Großnichte nach Drysda bringen. Dort wird sie in wenigen Tagen ein Studium beginnen und kann, in großer Entfernung zu ihrer Mutter, ein weitestgehend selbstbestimmtes Leben führen.
Noch vor wenigen Monaten wäre so etwas undenkbar gewesen , denn Mädchen waren an höheren Lehranstalten schlicht nicht zugelassen.
Erst das neue Dekret des Königs öffnete ihnen die Tore zum Studium.
Zwar achtet man weiterhin streng darauf, Knaben und Mädchen getrennt zu unterrichten und in eigenen Gebäuden unterzubringen, doch selbst ein strenges Internatsleben ist für Cassandra allemal besser als das Dasein in Sylka an der Seite ihrer Mutter.
Naill steht am Tisch, die Hände liegen locker auf der Lehne eines Stuhls, als Cassandra mit ihrem Gepäck in die Küche stürmt.
Er schaut sie an, als wäre sie schon längst die Tochter, die er selbst nicht hat.
„Schick siehst du aus!“, sagt er bewundernd und umarmt sie liebevoll.
Die Zuneigung für seine Nichte überwältigt ihn immer wieder.
Sie ist ihm in den letzten Jahren richtig ans Herz gewachsen, fast wie seine eigenen Söhne.
Überrascht bemerkt er, dass sie in den Monaten seiner Abwesenheit nun vollends zur Frau erblüht ist.
Von körperlicher Gestalt recht schmal, kann man doch eindeutig weibliche Rundungen unter dem seidigen Stoff ihres Kleides erkennen.
„Lass mich dich richtig ansehen!“, sagt er, als er sie an seiner Hand leicht im Kreis dreht.
Sie hat sich trotz der Eile etwas herausgeputzt, stellt er wohlwollend fest.
Zwar trägt sie nur ein schlichtes Sommerkleid, doch ein aufwendig bestickter Gürtel ist locker um ihre Taille geschlungen und verleiht ihr damit ein elegantes Aussehen. Auf ihre Schuhe hat man extra kleine Schleifchen aufgenäht, damit sie moderner wirken und vor allem die kleinen Abriebspuren überdecken.
Und zu guter Letzt hat sich Cassandra ihre Haare, die sonst in lockigen Wellen offen über ihre Schultern fallen, mit goldenen Spangen zu einer femininen Hochsteckfrisur zusammen gebunden, was ihr ein erwachsenes Aussehen verleiht.
Nur die süße, kleine Stupsnase ziert noch immer das ebenmäßige Gesicht und ihre grün-braunen Augen leuchten im Sonnenlicht wie Edelsteine.
Man würde sie nicht im klassischen Sinne schön nennen, aber sie hat ein anziehendes Äußeres und ihre Art zu sprechen und sich zu präsentieren, hat etwas Einnehmendes.
Schmunzelnd muss er feststellen, dass die Kombination aus Liebreiz, Klugheit und gewitzter Schlagfertigkeit sicher in Zukunft dem einen oder anderen jungen Mann den Kopf verdrehen wird.
Denn wie sie so da steht, hat sie so gar nichts mehr von dem kleinen, geschundenen Kind, das man vor neun Jahren im Wald gerettet hat.
*** Der Atem der Vergangenheit ***
Damals wusste noch niemand, was Cassandra im Wald zugestoßen war.
Es dauerte Tage, bis man sie überhaupt befragen konnte. Selbst als sie schließlich aus der Ohnmacht erwachte, blieb sie stumm, lag zitternd in ihrem Bett und starrte nur die Decke an.
Keine Frage und kein gutes Zureden konnte sie erreichen. Erst nach einigen Tagen fasste sie wieder so viel Mut, dass sie bereit war, sich jemandem anzuvertrauen.
Der Ortsvorsteher Tomash bestand darauf, die Befragung selbst zu durchzuführen und dann auch nur in Anwesenheit von Desdemona.
„Das Kind ist verstört“, sagte er ernst, „zu viele fremde Stimmen würden sie noch mehr verunsichern.“
So saßen sie schließlich in der kleinen Stube, Tomash mit verschränkten Händen und Desdemona steif daneben.
Cassandra saß mit gesenktem Kopf und die Finger in den Stoff ihres Kleides gekrallt ihnen gegenüber.
„Cassandra“, begann Tomash sanft, „wir wollen dir helfen.
Kannst du mir sagen, was im Wald geschehen ist?“
Das Mädchen zögerte.
Ein kaum hörbares Flüstern löste sich von ihren Lippen:
„Er… er hat mich mitgenommen.“
„Wer?“ Tomash beugte sich leicht vor und schaute Cassandra direkt in die Augen.
„Samiel.“
Ein Ruck ging durch Desdemona.
Ihre Augen verengten sich, doch sie sagte nichts.
„Und was tat er?“, fragte Tomash ruhig.
„Hast du Angst gehabt?“
Cassandra nickte stumm und Tränen liefen ihre Wangen hinab.
„Er… er hat mich angefasst… festgehalten… ich konnte nicht atmen…“
Als plötzlich der Missbrauch im Raum stand, versteinerte sich Desdemonas Mine und sie fuhr erschrocken dazwischen:
„Genug!“
Ihre Worte peitschten scharf durch die Kammer.
„Das Kind fantasiert. Es hat einen Schock erlitten, mehr nicht.“
Schnell schob sie das Mädchen aus dem Raum und schloss hinter ihr die Tür.
Tomash, der die plötzliche Aufregung nicht verstehen konnte, schaute sie nur überrascht an und entgegnete ruhig: „Ich nehme die Aussagen deiner Tochter sehr ernst und glaube nicht, dass sie uns hier etwas vormacht!“
„Ein Hirngespinst!“, entgegnete Desdemona erneut, nun noch mehr aufgebracht.
„Oder ein Versuch, mir eins auszuwischen. Sie ist launisch und sie erfindet ständig die schaurigsten Geschichten!“ „Desdemona“, erwiderte Tomash nun fester, „ich bin verpflichtet, einem solchem Vorwurf nachzugehen,… ob dir das gefällt oder nicht.“
Doch Desdemona ließ nicht locker.
Sie konnte nicht zulassen, dass diese Angelegenheit an die Öffentlichkeit kam.
Wer wusste schon, was der kluge Tomash dann noch so alles ausgraben würde, was ihren Ruf ruinieren konnte.
Sollte das eintreten, war die Thronfolge für sie komplett aussichtslos und sie würde für immer in diesem trostlosen Leben verharren müssen.
Wütend entgegnete sie mit drohender Stimme:
„Du wirst die Sache auf sich beruhen lassen! Ich bin die Mutter von Desdemona und entscheide, was für sie gut ist. Solltest du nur irgendeinem Anderen etwas von diesem Gespräch oder von deinem Verdacht erzählen, werde ich beim König deine Amtsenthebung erreichen.“
Mit zusammen gekniffenen Augen starrte sie ihn an und zischte weiter:
„Und du kannst dir sicher sein, dass ich das schaffe!“ Unbeeindruckt hatte Tomash sie angesehen und sich leicht genervt, mit verschränkten Armen, im Stuhl zurück gelehnt. „Du magst die Tochter des Königs sein“, sagte er schließlich kühl, „aber ich bin Vorsteher dieses Ortes. Und ich lasse mir nicht sagen, wie ich meine Arbeit zu machen habe.“ Und damit war für ihn das Gespräch beendet.
Noch am selben Tag schickte er einen Trupp von Soldaten los, die das Gebiet absuchen sollten, in dem Cassandra gefunden wurde.
Außer einer abgebrannten, alten Hütte fand man allerdings keine weiteren Hinweise, wie das Kind allein im Wald überlebt hatte.
Und so konnte Desdemona am Ende doch offiziell ihre Version verbreiten, dass sich Cassandra verlaufen hatte und nicht allein wieder nach Hause fand.
Nach ein paar Monaten, so dachte sie, würde wohl niemand mehr von dem Vorfall sprechen und die unschöne Angelegenheit wäre vom Tisch.
Nur Cassandra wusste, das die Sache noch nicht ausgestanden war.
Jeden Morgen auf dem Schulweg hatte sie den Eindruck, dass ihr Samiel auflauern würde.
Immer wieder sah sie seine Gestalt in einem Hauseingang oder einer Nische.
Hämisch grinsend starrte er sie an und verschwand dann unmittelbar, wie eine Fata Morgana, einfach wieder.
Sie fragte sich, ob das nur ein aus der Angst geborenes Trugbild war, oder ob er tatsächlich auf eine günstige Gelegenheit wartete, um sie allein anzutreffen.
Zu ängstlich, um sich jemanden anzuvertrauen, lebte sie in permanenter Panik, Samiel würde sie aus Rache für ihre Flucht am Ende doch noch entführen und dann töten.
Ständig drehte sie sich auf der Straße um und versicherte sich, dass er nicht plötzlich hinter ihr stand.
Wochenlang lebte sie in dieser ständigen Furcht.
Doch dann, von einem Tag auf den anderen, tauchte er plötzlich nicht mehr auf.
So sehr sie sich auch anstrengte, sie konnte Samiel nirgends mehr erblicken,… weder seinen Schatten, noch sein höhnisches Grinsen.
Der Spuk schien vorbei und zögerlich begann Cassandra sich wieder zu entspannen.
Vielleicht, so hoffte sie, hatte er das Interesse verloren.
Von alledem ahnte Desdemona natürlich nichts.
Sie sah nur, dass ihre Tochter immer häufiger Ausreden erfand, um Botengänge zu vermeiden und ärgerte sich darüber.
Als Cassandra ihre Pflichten wieder aufnahm, zeigte sie sich erleichtert und glaubte, die „Phase“ sei nun endlich vorbei. Das Mädchen aber trug ihre Last schweigend weiter.
Tapfer versuchte sie, das Erlebte zu verdrängen, doch nachts holten sie die Albträume immer wieder ein.
Schweißgebadet schreckte sie hoch, unfähig, sich zu rühren. So sehr sie ihre Träume auch ängstigten, sprach sie doch mit niemanden darüber, denn das Thema war tabu im Haus von Desdemona.
Ohne es jemals offen gesagt zu haben, verbannte die Mutter mit ihrem Schweigen die Erinnerung über die schlimmen Erlebnisse ihrer Tochter für immer aus beider Leben.
Es war, als wäre es nie geschehen.
Vielleicht deshalb versprühte das Mädchen immer einen Hauch Melancholie.
Etwas Rätselhaftes und Trauriges schimmerte aus ihren Augen, wenn sie in Gedanken versunken, ihre Aufgaben erledigte.
Doch trotz all der Kümmernisse, die das Kind schon erleben musste, sah man ihr heute, nach so langer Zeit, die letzten schweren Jahre nicht an.
Außerhalb ihres Zuhauses zeigte sich Cassandra freundlich und lebensfroh und Naill betete inständig, dass dies nicht nur Fassade war und die Misshandlungen der Mutter das Mädchen nicht gebrochen hatten.
Denn nachdem sich Desdemona damals bei der Suche nach ihrer Tochter so emotional gezeigt hatte, keimte in ihm die Hoffnung auf, die Angst seiner Nichte um Cassandra hätte ein Umdenken über ihre vorherigen Erziehungsmethoden bewirkt.
Doch die blauen Flecken an den Armen und die eingeschüchterte Art,… sie erzählten eine andere Geschichte. Denn schon nach kurzer Zeit verhielt sich Desdemona so ablehnend und aggressiv wie früher.
Nur in der Öffentlichkeit war Cassandra relativ sicher vor den Züchtigungen ihrer Mutter.
Aber hinter geschlossenen Türen reichte schon die geringste Kleinigkeit und es hagelte wieder Schläge.
Die kurzen Momente bei Naills Besuchen in den kommenden Jahren reichten aus, um zu wissen, dass sich nichts verändert hatte,…das Martyrium seiner Nichte hatte nie wirklich aufgehört.
***
Um so wichtiger ist es nun, Cassandra nach so langer Zeit endlich aus der Reichweite Desdemonas zu nehmen.
Das Mädchen sollte zukünftig ihre eigenen Entscheidungen treffen und nicht auf die Gunst oder Missgunst der eigenen Mutter angewiesen sein.
Der König selbst hatte den Stein ins Rollen gebracht.
Als er erfuhr, dass Cassandra die Schule als eine der Besten abschloss, befand er, dass sie eine würdige Nachfolgerin für den Königsthron abgeben würde.
Er befahl, dass man sie fördern und umgehend darauf vorbereiten müsse.
Das Gesetz, das dafür nötig war, Frauen das Lernen an einer Universität zu erlauben, hatte Shaitan eilig durch den großen Rat gebracht.
Auch wenn viele der alten Männer sich vehement dagegen aussprachen, hatte sich der König am Ende doch durchgesetzt, denn er hatte unabhängig von der Meinung seiner Berater immer das letzte Wort.
Desdemona tobte, als sie davon erfuhr.
Wieder einmal hatte man Cassandra ihr vorgezogen.
Seine Entscheidung zeigte ihr, dass der König nicht mehr vorhatte, sie selbst als Thronfolgerin in Betracht zu ziehen. Doch ein Befehl war ein Befehl und dagegen kam sie erst einmal nicht an.
Die Demütigung, wieder übergangen worden zu sein, loderte in ihr, wie ein Schwelbrand, der mit der Zeit alles verschlang. Wütend über ihre aussichtslose Perspektive reifte in ihr ein neuer Plan, wie sie doch noch zum Ziel kommen würde. Scheinheilig stimmte sie deshalb Naills Vorschlag zu, Cassandra gut ausbilden zu lassen.
In den Wochen darauf nahm sie die Tochter immer wieder ins Gebet, um sie daran zu erinnern, wem sie ihre Schulausbildung „verdankte“.
„Vergiss nicht“, sagte sie mit scharfem Unterton, „ohne mich wärst du nie so weit gekommen.“
Cassandra ballte die Fäuste.
„Ohne dich? Es war Großmutter Aithne. Und Onkel Naill.
Du hast nur zugestimmt, weil du musstest.“
Desdemona funkelte sie an.
„Sei vorsichtig, wie du mit mir sprichst. Ich bin immer noch deine Mutter.“
Cassandra hob trotzig das Kinn.
„Eine Mutter beschützt… und eine Mutter liebt. Du hast mich geschlagen, wann immer es dir passte. Aber das ist vorbei.“
Sie hatte kaum ausgesprochen, da holte Desdemona schon aus und und verpasste der Tochter eine schallende Ohrfeige. Doch Cassandra hatte es satt und schlug unmittelbar darauf zurück.
Völlig überrascht hatte sich Desdemona die Wange gehalten und entgeistert in die wütenden Augen ihrer Tochter gesehen.
Die Kampfansage, die sie darin erkannte, hielt sie davon ab, erneut zuzuschlagen.
Das hatte sie weder erwartet, noch ihrem Kind zugetraut.
Mit Feuer im Blick hatte Cassandra ihre Mutter angesehen und nur drohend gesagt:
„Du schlägst mich nie wieder!“
Diese Worte brannten tiefer als die Ohrfeige.
Und doch versuchte Desdemona, die Fassade zu wahren.
„Du bist frech geworden. Du glaubst wohl, weil der König dich lobt, bist du etwas Besseres?“
„Nein“, entgegnete Cassandra fest, „aber ich weiß jetzt, dass ich deine Schläge nicht mehr ertragen muss.“
Die Erinnerung an jenen Tag, an dem sich Cassandra das erste Mal gewehrt hatte, flackerte zwischen ihnen beiden seitdem immer wieder auf.
Desdemona war noch immer fest entschlossen, irgendwann einmal wieder eine wichtige Position am Hofe zu haben, selbst wenn es nur als Mutter der Königin war.
Doch dafür musste sie ihre Strategie ändern, denn sie begriff, das Schläge und Drohungen bei Cassandra nicht mehr zogen.
Sie war nun fast selbst eine Frau und hatte sich das erste Mal gegen die körperliche Züchtigung durch die Mutter gewehrt. Welche Ursache der plötzliche Mut ihrer Tochter hatte, konnte Desdemona trotz langem Grübelns nicht ergründen. Sicher war aber, dass sie bei Cassandra mit Gewalt und Unterdrückung nichts mehr erreichen würde.
Die Schwelle war überschritten, denn die junge Frau wusste nun, dass sie nie mehr duldsam alles hinnehmen musste.
„Bist du bereit?“
Cassandra nickt, obwohl ihr Bauch sich wie ein festgezogener Knoten anfühlt.
Der Himmel hängt inzwischen schwer über Sylka, als der Kutscher mit dem Wagen vorfährt.
Die junge Frau steht an der Türschwelle, den dünnen Mantel eng um sich geschlungen.
Eine frische Brise fegt durch die Straßen und vertreibt beharrlich die sommerliche Hitze aus der Stadt.
„Komm, wir müssen los, bevor es regnet“, drängt Naill ungeduldig.
Mit wenigen Schritten ist sie bei der Kutsche, die von zwei kräftigen Braunen gezogen wird.
Der Geruch nach altem Holz und Pferden mischt sich mit der frischen Kälte.
„Hast du dich schon von deiner Mutter verabschiedet?“, fragt Naill, als er die wenigen Taschen in die Kutsche lädt. Cassandra wendet sich um und schaut zum Haus.
An der Tür steht Desdemona, mit vor der Brust verschränkten Armen und beobachtet die Szene mit ausdrucksloser Miene.
Widerwillig geht sie auf die Mutter zu.
Auch wenn seit diesem besagten Tag Waffenstillstand zwischen den beiden herrscht, hat sie im Stillen gehofft, einer Verabschiedung entgehen zu können.
Sie weiß, was nun folgt.
Und die öffentlich zur Schau gestellte, aber nicht erst gemeinte Zuneigung Desdemonas ihr gegenüber ist ihr zutiefst zuwider.
Oft genug hatte sie die zwei Gesichter ihrer Mutter am eigenen Leib gespürt.
Bei Besuchen im Schloss des Großvaters oder ihrer Schwestern mimte sie die liebevolle und stolze Mutter.
Aber unter vier Augen konnte sie eine Furie sein.
Von Eifersucht zerfressen, rächte sie sich gnadenlos für jede an Cassandra gerichtete aufmerksame Geste oder jedes gute Wort.
Der Gedanke, das alles hier nur noch ein paar Minuten ertragen zu müssen, hilft ihr nun, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen.
So wie es sich gehört, haucht sie der Mutter einen sanften Kuss auf die Wange und wartet dann, geduldig vor ihr stehend, auf deren letzten Worte.
Desdemona, die in den letzten Jahren stark an Gewicht zugenommen hat, löst die Verschränkung ihrer feisten Arme und streckt sie nach der Tochter aus.
Kurz zieht sie die junge Frau an sich heran und zischt ihr bei der Umarmung leise ins Ohr:
„Das du uns ja keine Schande machst! Du weißt, was von dir erwartet wird!“
Mit diesen Worten löst sie sich wieder von der Tochter und sagt laut und diesmal liebenswürdiger:
„Ich wünsche dir eine gute Reise. Und schreibe uns, wenn es dir an Etwas fehlt.“
Cassandra schaut der Mutter bei ihren Worten direkt in die Augen .
Die Verlogenheit hinter dieser Geste macht sie wieder einmal sprachlos.
Gerade von Desdemona klingt die geflüsterte Mahnung an ihre Tochter sehr doppelzüngig.
Die Mutter war inzwischen das dritte Mal verheiratet und nicht jeder Mann, der in den letzten Jahren ihr Bett geteilt hatte, war auch ihr Ehemann gewesen.
Still überlegt sie, ob sie etwas entgegnen soll, entscheidet sich aber dafür, nur kurz zu nicken.
Glücklich, nun endlich ihrem bisherigen Schicksal entfliehen zu können, wendet sie sich ohne ein weiteres Wort ab und läuft beschwingt zur Kutsche.
Nur Naill, der ihr höflich in das Gefährt hilft, hört ihren erleichterten Stoßseufzer, als er die Tür hinter ihr schließt. Er kann seine Nichte gut verstehen und über sein Gesicht huscht unwillkürlich ein wissendes Lächeln.
Dennoch weiß er, was sich gehört.
Und so geht er mit gestrafften Schultern auf Desdemona zu und wechselt noch ein paar wenige Worte mit ihr:
„Ich werde mich darum kümmern, dass es ihr gut geht. Du musst dir keine Sorgen machen.“
Auch wenn ihm seine eigenen Worte selbst sehr höhnisch vorkommen, muss er den Schein wahren.
Seine frühere, große Zuneigung zu ihr hatte in den letzten Jahren stark gelitten.
Gerissen und berechnend war sie schon früher gewesen.
Das hatte für ihn zum Teil ihren Reiz ausgemacht.
Doch ihre kaltherzige Ader gegenüber Cassandra konnte er ihr nicht verzeihen, auch wenn er wusste, dass es ihr früher selbst nicht besser erging.
Nur um den Kontakt zu Cassandra nicht zu verlieren, ließ er sich das natürlich nicht anmerken.
Auch heute mimt er wieder den Freund und den hilfsbereiten Onkel.
Desdemona lächelt ihn bei seinen letzten Worten liebevoll an.
Sie weiß, wann sie eine Schlacht verloren hat.
Sie hatte bis zum Schluss gehofft, den Weggang Cassandras verhindern zu können.
Doch nun muss sie das Beste daraus machen und darf Naill nicht auch noch gegen sich aufbringen.
Verschwunden ist der verbissene Zug um ihre Lippen und die Kälte aus ihren Augen.
Noch immer scheint sie vernarrt in ihn zu sein.
Doch ihr inzwischen rundes Gesicht und ihre füllige, aufgedunsene Gestalt hat für ihn schon lange nichts Reizvolles mehr.
Sanft legt sie ihre Hand auf seinen Arm, als sie antwortet: „Ich bin dir sehr dankbar für deine Hilfe. Ich selbst kann Cassandra nicht viel geben, weil mir mein neuer Gemahl das Geld nur knauserig zuteilt.“
Scheinbar bedauernd sieht sie ihm in die Augen.
Doch Naill schüttelt innerlich den Kopf.
Ihre Scheinheiligkeit hat er schon zur Genüge erlebt.
Aus Erfahrung weiß er, dass sich Desdemona den Taler nicht vor zählen ließ und Mittel und Wege kennt, auch auf andere Weise zu Geld zu kommen.
Nur um das Gespräch nicht unnötig in die Länge zu ziehen, nickt er scheinbar zustimmend.
Mit wenigen Worten beendet er die kleine Plauderei:
„Ich werde auf der Rückfahrt noch einmal hier vorbei kommen und euch von der Reise erzählen.“
Mit einem leichten Handkuss und einer angedeuteten Verbeugung verabschiedet er sich förmlich und wendet sich der Kutsche zu.
Geschwind steigt er ein und schon nach wenigen Sekunden kann er dem Kutscher das Zeichen zur Abfahrt geben.
Nun liegen mehrere Stunden Fahrt vor den beiden und doch wirkt Cassandra keinesfalls aufgeregt, sondern eher merkwürdig still.
In sich versunken schaut sie aus dem Fenster und sieht die hügelige Landschaft an sich vorüber ziehen.
Abgeerntete Felder und grüne Wiesen wechseln sich ab. Schwärme von kreischenden Vögeln stürzen sich auf die Körner und Samen, welche die Bauern beim Schneiden des Getreides liegen ließen.
Noch ist die Luft in der Kutsche warm und der Fahrtwind weht ihr frisch ins Gesicht.
Ausgelassen lässt er die Locken um ihr Antlitz lustig hin und her tanzen.
Cassandra zieht den Umhang fester um ihre Schultern und sieht Naill dankbar an.
Nach kurzen Weile des Schweigens fragt sie vorsichtig: „Warum jetzt? Ich meine Drysda. Warum ist es so wichtig, dass ich gerade jetzt dorthin gehe?“
Er lächelt schwach, als er ruhig antwortet:
„Weil es Zeiten gibt, in denen man schnell handeln muss, ehe alles zusammenbricht.“
„Und bricht jetzt alles zusammen?“
Sein Blick geht in die Ferne, dorthin, wo der Himmel schwer wie Blei hängt und fast zu sich selbst sagt er leise:
„Vielleicht schneller, als du glaubst.“
Seine distanzierte Haltung zeigt ihr, dass er nicht vorhat, seine Beweggründe weiter zu erklären.
Sie hofft, dass sie es irgendwann einmal verstehen wird und lehnt sich auf ihrem Sitz zurück.
Der Wagen rumpelt über den Weg, während inzwischen graue Wolken tief über den Feldern hängen.
Cassandra hält den Umhang fest um sich geschlungen und beobachtet, wie die Stadt ihrer Kindheit im Nebel verschwindet, bis sie nur noch ein blasser Umriss ist und sich schließlich vollends auflöst.
Kein Licht in einem Fenster, kein Schatten an der Tür.
Es ist, als hätte es sie nie gegeben.
Naill sitzt schweigend ihr gegenüber.
Nur das Knarzen des Ledergeschirrs und das Schnauben der Pferde unterbrechen die Stille.
Befangenheit liegt in der Luft.
Cassandra will etwas sagen, aber in Naills Augen liegt etwas, das sie verstummen lässt.
Erst als sie die Hügel hinter sich gelassen haben, beginnt er zu sprechen.
„Deine Mutter… sie glaubt, dich zu kennen. Aber sie kennt nur das Mädchen, das sie klein halten kann. Es ist Zeit, dass du jemand anderes wirst.“
„Wer soll ich denn werden?“, fragt Cassandra leise.
Sie sieht ihn an, als würde sie Naills Antwort schon kennen.
„Jemand, der nicht untergeht, wenn die Welt bebt.“
Ohne ihm zu antworten, schaut Cassandra wieder aus dem Fenster, um über das Gesagte nachzudenken.
Doch plötzlich erweckt ein dunkler Punkt in der Ferne ihre Aufmerksamkeit.
Bedrohlich und düster ragt ein schwarzer Turm in den Himmel, halb im Nebel verborgen.
„Was ist das?“
Cassandra zeigt mit dem Finger aus dem Fenster.
„Ein Wachturm“, erklärt Naill.
„Früher diente er dazu, vor Drachen zu warnen.“
Sie lacht unsicher, als sie entgegnet:
„Drachen gibt es doch gar nicht.“
Naills Gesicht verdunkelt sich plötzlich, als er widerspricht: „Sag das nicht zu laut. Manche sagen, sie seien zurückgekehrt. Im Westen hat man… seltsame Schatten gesehen. Und wenn das wahr ist, wird kein König und keine Mauer uns schützen.“
Es kommt ihm verlogen vor, ihr zu verschweigen, dass er sehr wohl weiß, was es mit den Drachen auf sich hat. Sein schlechtes Gewissen beruhigt er damit, Osmayas Bitte zu entsprechen, ihren Schützling noch nicht einzuweihen. Cassandra fröstelt es plötzlich,… nicht nur wegen der aufziehenden Kälte.
Die Vorstellung von den mächtigen Fabelwesen machen ihr Angst, fasziniert sie aber gleichzeitig.
Als die Sonne kurz hinter den Wolken hervorkommt, färbt sich der Himmel für einen kleinen Moment orange wie glühende Kohlen.
Und für einen Augenblick glaubt sie, in den Wolken eine Silhouette gesehen zu haben, geschwungen wie ein riesiger Vogel.
Naill betrachtet sie still, während er darüber nachdenkt, was nun in ihr vorgehen mag.
Wehmut kommt in ihm auf, als er begreift, dass es wohl die letzte, gemeinsame Fahrt für lange Zeit sein wird.
Und ohne es zu wollen, schleicht sich ein lang verdrängtes Gefühl wieder in seine Seele.
Leise flüstert es:
`Wenn das nur Aithne noch hätte erleben dürfen.´
Bei diesem Gedanken steigen ihm unwillkürlich die Tränen in die Augen und er blinzelt schnell, um sie vor Cassandra zu verbergen.
Er ist zwar nach außen hin kein sehr emotionaler Mensch, aber der Verlust seiner Schwiegermutter und engsten Vertrauten vor sechs Jahren trifft ihn noch heute.
Und sein Herz blutet, wenn er daran zurück denkt.
*** Ein Abschied für immer ***
Im hohen Alter von über siebzig Lenzen, erkrankte die weise Frau an einem unheilbaren Leiden.
Ohne sich jemanden anzuvertrauen, versuchte sie sich mit ihren Kräuter und der selbstgemachten Medizin selbst zu therapieren.
Erst als sie spürte, dass sie nichts mehr retten konnte und ihre Lebenskraft immer schneller schwand, teilte sie sich ihren Freunden mit.
Doch da war es bereits zu spät.
Nur ein paar wenige Tage, nachdem sie Naill über ihr kommendes Schicksal eingeweiht hatte, verstarb Aithne im kleinen Kreise ihrer treuesten Weggefährten und Vertrauten in ihrem Bett in Matramugh.
Die Trauer war groß und der Schock saß tief.
Die Kunde über ihren Tod verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Land und jeder wollte ihr die letzte Ehre erweisen.
Und dennoch fühlte sich niemand bereit, die Lücke zwischen dem Kind und den alten Weisen zu schließen.
Viel zu wenig wussten sie von den Dingen, die Aithne im Geheimen in den letzten Jahrzehnten veranlasst hatte, um Desdemona und das Kind zu schützen.
So blieb nichts weiter, als darauf zu hoffen, dass die Drachen weiterhin ihre Aufgabe erfüllten und der Rabe Kain zwischen Naill und ihnen den Kontakt hielt, bis sich ein würdiger Kandidat fand.
Desdemona selbst erfuhr die Todesnachricht noch am selben Tag von Akira.
Als Cassandra von der Schule kam, fand sie ihre Mutter völlig aufgelöst vor.
Nur schluchzend konnte sie erklären, welches Unglück über sie herein gebrochen war.
„Sie ist fort… Cassandra, sie ist fort“, stammelte Desdemona, während sie vor Kummer ganz grau war.
Cassandra wagte kaum zu atmen.
„Unsere Urgroßmutter?“, fragte sie und ihre Stimme brach mitten im Wort.
„Ja!“ Desdemona schlug die Hände vors Gesicht und ihre Stimme erstickte in Tränen.
„Aithne ist gestorben…“
Wie gelähmt starrte Cassandra damals auf die todunglückliche Desdemona, die stundenlang weinend im Haus hin und her lief.
In diesem Moment tat sie Cassandra sogar ein bisschen leid, auch wenn sie selbst ebenso schlimm litt, wie ihre Mutter. Sie war kaum mehr fähig, einen klaren Gedanken zu fassen, aber sie begriff sehr schnell, das sie nie wieder so unbeschwert in Matramugh leben konnte, wie noch im letzten Sommer.
Nur nachts im Bett gab sie heimlich ihren Gefühlen Raum und weinte sich bitterlich den Kummer von der Seele.
Und doch nahm sie sich fest vor, ihre Urgroßmutter noch ein letztes Mal zu sehen und der Gedanke gab ihr Kraft.
Als klar war, dass auch Desdemona zur Beerdigung fahren würde, schmiedete Cassandra kurzentschlossen einen Plan. Als Naill ihre Mutter abholte, um sie nach Matramugh zu bringen, schlich sie sich heimlich hinter die Kutsche und sprang beim Anfahren unbemerkt auf den rückwärtigen Sitz. Dieser wurde in der Regel nur für die Bediensteten reicher Herrschaften benutzt, diente Cassandra nun aber als versteckte Mitfahrgelegenheit.
Und so bemerkten die Reisenden erst bei der Ankunft am Wasserfall in Matramugh, dass sie einen blinden Passagier an Bord hatten.
Doch da war es schon zu spät.
„Cassandra!“, rief Naill entsetzt, als er sie sah.
„Was fällt dir ein, Kind?“
Cassandra blickte trotzig zu Boden.
„Ich musste mitkommen. Ich kann mich nicht verabschieden, ohne sie noch einmal zu sehen.“ Naill wollte schimpfen, doch die Verzweiflung in ihrem Blick nahm ihm die Worte.
Zurückschicken konnten man das Kind nicht und alleine in der Kutsche lassen war ebenso wenig eine Option.
Desdemona selbst war nicht mehr in der Lage, irgend etwas selbst zu entscheiden.
Viel zu sehr war sie mit ihrer eigenen Trauer beschäftigt.
So blieb ihm nichts anderes übrig, als das Kind zu der feierlichen Zeremonie mit zu nehmen.
Mit gesenktem Blick ging Cassandra hinter den Erwachsenen her, die sich auf den Weg zum Dorfplatz machten.
Tränen strömten unwillkürlich über ihre Wangen und verschleierten ihr den Blick.
Diesen Pfad ist sie mit ihrer liebsten Urgroßmutter so oft in viel glücklicheren Momenten gegangen.
Doch diesmal warteten nur die treuen Freunde aus dem Dorf an der großen Kastanie auf sie, um dann den letzten Weg zum Trauerplatz gemeinsam zu gehen.
Keiner sprach ein Wort, während man sich mit einer innigen Umarmung begrüßte.
Jari nahm bewegt Cassandras Hand und lief schniefend neben ihr her, bis sie den Caray-See erreicht hatten. „Ich will nicht, dass sie geht“, flüsterte Cassandra zwischen den Tränen.
„Ich auch nicht“, antwortete Jari mit brüchiger Stimme.
„Aber vielleicht… vielleicht wacht sie jetzt über uns.“ Schweigend gingen sie zum Strand des Sees.
Hier hatten sich sehr viele Menschen eingefunden, um in tiefer Trauer versunken von Aithne Abschied zu nehmen.
Die Verstorbene lag in einem großen Boot, das am Ufer festgemacht war.
Man hatte ihr eins ihrer schönsten Kleider angezogen und sie umsäumt von duftenden Blumen und Kräutern auf eine Decke weicher Weidenzweige gebettet.
Einige der Anwesenden legten ihr persönliche Dinge in das Boot oder warfen Blüten hinein.
Andere weinten still, während sie eine Kerze anzündeten, um sie auf den Rand des Kahns zu stellen.
Aithne sah so friedlich aus und Cassandra konnte kaum glauben, dass sie nicht mehr lebte.
Desdemona stand mit Naill und Akira direkt am Boot und nahm die Beileidsbekundungen der Trauernden nur apathisch entgegen.
Keine Träne wollte mehr fließen und keine Klagelaute kamen mehr über ihren Lippen.
Regungslos starrte sie auf die tote Gestalt und ertrug die Zeremonie wie durch einen Nebelschleier.
Cassandra machte sich ernsthaft Sorgen um ihre Mutter, denn so hatte sie Desdemona noch nie erlebt.
Still hatte sie die Szene beobachtet und selbst nur ein oder zweimal gewagt, einen Blick in das Schiff zu werfen.
Sie schalt sich eine Närrin, denn nur aus diesem Grund war sie ja schließlich hier her gekommen.
Denn bis jetzt hatte sie noch gehofft, sie würde schnell aus diesem Alptraum wieder aufwachen, wenn sie sich nur lange genug weigerte, den Tot der geliebten Urgroßmutter anzunehmen.
Als sich alle Anwesenden von Aithne verabschiedet hatten, wurde das Boot losgebunden und vorsichtig auf den See hinaus geschoben.
Nichts und niemand hatte Cassandra darauf vorbereitet, was dann geschah.
Irritiert schaute sie sich um.
Totenstille herrschte, als zwei Fackelträger nach vorn an das Ufer traten, damit die anwesenden Bogenschützen ihre Pfeile entzünden konnten.
Dutzende von ihnen flogen pfeifend durch die Luft und schlugen unmittelbar darauf im Holz des Bootes ein.
Die Planken fingen sofort Feuer.
Flammen züngelten und schlängelten sich am Rand hinauf und nahmen den Kahn in kürzester Zeit vollkommen in Besitz.
Erst jetzt begriff Cassandra, dass Aithne unwiderruflich verloren war.
Schreiend rannte sie zum Ufer und lief ein paar Meter ins flache Wasser.
Unter hemmungslosen Schluchzen und nicht enden wollenden Bächen von Tränen brüllte sie:
„NEIN, NEIN, NEIN! Das dürft ihr nicht tun! Holt sie zurück!“
Verzweifelt lief sie aus dem Wasser und zeigte flehentlich auf das brennende Schiff.
Doch viele der Trauernden senkten nur weinend den Kopf. Nur Akira war schnell bei ihr und drückte das tobende Kind liebevoll an sich.
Während sie zärtlich über Cassandras Kopf strich, versuchte sie das Mädchen leise zu beruhigen:
„Es ist schon gut, mein Herz. Du darfst traurig sein. Lass alles raus und weine, solange du musst.“
Es dauerte endlose Minuten, bis sich Cassandras Weinkrampf langsam legte.
Ermattet sank sie in den Armen der treuen Amme in den Sand.
Bis zum Abend saßen sie so am Strand des Sees und starrten auf das sterbende Feuer, bis es ganz erloschen war.
***
Naill wird plötzlich aus seinen Gedanken gerissen, als die Kutsche holpernd von der mit Feldsteinen gepflasterten Straße in einen Seitenweg abbiegt.
Cassandra beobachtet ihn schon ein paar Minuten lang still.
Schweigend hat er vor sich hin gestarrt und schien seine Umgebung nicht mehr wahrzunehmen.
Als er sie nun etwas verwirrt ansieht, fragt sie mit aufrichtiger Sorge in den Augen:
„Ist alles in Ordnung, Onkel?“
Er jetzt bemerkt er, dass doch unbemerkt ein paar Tränen den Weg über seine Wangen nach unten gefunden haben. Schnell wischt er sich mit der Hand über sein Gesicht und räuspert sich verlegen.
Als er sich gefasst hat, antwortet er mit belegter Stimme: „Es fehlt mir nichts. Ich habe nur gerade an Aithne denken müssen. Sie wäre so stolz auf dich, wenn sie dich heute so sehen könnte…“
Und wieder schnürt ihm die Trauer seine Kehle zu und er kann nicht weiter sprechen.
Cassandra muss den Blick senken.
Auch sie kann den Namen der Großmutter noch immer nicht aussprechen, ohne dass die Gefühle sie übermannen. Sanft nimmt sie seine Hand in ihre und sagt leise:
„Sie fehlt uns allen so sehr. Aber ich bin mir sicher, sie weiß, dass es uns inzwischen wieder gut geht und wir all das Unglück aus den letzten Jahren überwunden haben.
Das haben wir doch, oder ?“
Mit einem aufmunternden Ausdruck in den Augen lächelt sie ihn an.
Doch Naill nickt nur betreten und legt seine andere große Hand auf ihre.
Kurz schließt er seine Augen, während er tief ein und wieder ausatmet.
Er weiß, worauf sie anspielt und welche schlimme Zeit nach dem Tod der Großmutter für Desdemona und ihre Kinder anbrach.
Ungern denkt er daran zurück, denn in dieser traumatischen Phase hing das Leben Desdemonas und ihrer Kinder zeitweise an einem seidenen Faden.
*** Vom Himmel in die Hölle ***
Nach der Beerdigung fand Desdemona nicht gleich wieder zu ihrer alten Stärke zurück.
In den ersten Wochen danach ging sie lustlos und in sich gekehrt ihren Aufgaben nach.
Immer mehr frönte sie stattdessen den Gelüsten für Kuchen und fettiges Essen.
Das Backen und Kochen wurde zu einem Ritual, das sie stundenlang beschäftigte und sie liebte es Torten, Plätzchen und andere Süßspeisen herzustellen.
Schon nach kurzer Zeit machte sich das auch bei ihrem Körperumfang bemerkbar.
Die sonst so ansehnliche Frau wurde im Laufe der Monate sichtbar runder.
Als der größte Schmerz verflogen war, begann sie sich auch mit anderen Lustbarkeiten abzulenken.
Mehrmals im Monat verließ sie abends das Haus, um sich mit anderen Frauen aus ihrer Fabrik zu treffen und um die Vergangenheit zu vergessen.
Mal war es ein Besuch beim Stadtfest, mal ein Kartenabend oder einfach nur ein Becher Wein in einer Taverne.
Die Kinder ließ sie dabei unbeaufsichtigt zurück.
Sie schien sich über ihren Ruf nun keine Gedanken mehr zu machen und lebte ihre Freiheit ungehemmt und ohne schlechtes Gewissen aus.
Hin und wieder rief ihr am nächsten Tag ein Handwerker auf der Straße anzügliche Worte hinterher, die sie frech kommentierte.
Woher Desdemona diese Männer kannte und warum sie so vertraut miteinander waren, konnte Cassandra damals noch nicht begreifen.
Dennoch spürte das Kind, dass eine Veränderung in der Mutter vonstatten gegangen war.
Wenn sie von einem solchen Abend, meist in den späten Nachtstunden, nach Hause kam, war sie am nächsten Tag wesentlich entspannter.
Cassandra war es gleich, was Desdemona trieb, wenn sie das Haus verließ.
Für sie waren es unbeschwerte Stunden, in denen sie sich frei im Haus bewegen konnte, ohne auf die Launen der Mutter Rücksicht nehmen zu müssen.
Das Mädchen war inzwischen zehn Jahre alt und hatte gelernt, sich weitestgehend selbst zu versorgen.
Seit einiger Zeit kümmerte sie sich auch um ihre Schwester Gwendolyn, denn schon früh am Morgen verließ Desdemona das Haus, um ihrer neuen Arbeit nachzugehen.
Sie hatte sich inzwischen in der Fabrik einen Namen gemacht und arbeitete nun als Gehilfin im Büro des Buchhalters.
Hier verdiente sie wesentlich mehr Geld und musste nicht jeden Taler dreimal umdrehen.
So waren die Kinder schon früh auf sich allein gestellt. Cassandra weckte morgens die kleine Schwester und sorgte dafür, dass beide rechtzeitig in die Schule kamen.
Das ging nicht immer ohne Reibereien ab, denn Gwendolyn war mit ihren sieben Jahren sehr eigensinnig und bockig. Außerdem war sie nach wie vor das Lieblingskind ihrer Mutter und genoss oft Narrenfreiheit.
Nur sehr selten wurde sie für ihre Fehler oder aufkommenden Ungehorsam bestraft.
Weil Gwendolyn das wusste, machte sie keinen Hehl daraus, dass sie jeder Zeit am längeren Hebel saß, wenn sie wieder einmal eine unliebsame Aufgabe nicht selbst erledigen wollte. „Wenn du’s nicht machst, sag ich’s Mutter“, fauchte Gwendolyn dann. „Sie glaubt mir eher als dir.“
Trotz allem begann Cassandra Grenzen zu setzen, leise, aber entschieden.
Doch so klein und dünn die jüngere Schwester auch war, umso gehässiger und gerissener zeigte sie sich.
So entsann Gwendolyn immer neue Lügengeschichten, nur um selbst keine Schelte von der Mutter zu bekommen und um Cassandra Ärger zu machen.
Und Desdemona machte sich selten die Mühe, die Geschichten zu hinterfragen und so wiegelte sie jeden Widerspruch Cassandras wütend ab.
Sie sah stattdessen immer wieder die Bestätigung darin, dass die große Tochter ungehorsam und hinterhältig war und bestrafte Cassandra nur zu gern für die Taten ihrer Schwester.
Gwendolyn genoss es sichtlich, wenn die Mutter ihre älteste Tochter maßregelte oder züchtigte.
Sie selbst war dadurch wieder einmal einer Strafe entgangen und hatte nach wie vor das Wohlwollen Desdemonas.
All das änderte sich erst, als die Mutter eines Tages einen gutaussehenden Mann mit nach Hause brachte.
Glücklich stellte sie ihn als ihren Verlobten und zukünftigen Gatten vor.
Überrascht über diese Neuigkeit betrachtete sich Cassandra den gutgebauten Mann genauer.
Gut zwei Köpfe größer, aber ebenso kräftig gebaut, wie Desdemona, füllte er die kleine Stube mit seiner massiven Statur und einer männlich ausstrahlenden Autorität.
Seine starken Oberarme hatte er liebevoll um ihre Schultern gelegt.
Doch diese Geste passte so gar nicht zu seinem Aussehen.
Sein gepflegter Vollbart und seine langen Haare wirkten eher verwegen, als sanft und einfühlsam.
Vor Kraft strotzend, konnte er es sicher mit jedem anderen Mann problemlos aufnehmen.
Fröhlich erzählte Desdemona den Kindern, dass sie ihn in der Fabrik kennengelernt hatte.
Er war dort Schmied und führte eine Gruppe von Gesellen an.
Als Vorarbeiter verdiente er genug, um eine Familie zu ernähren und um Desdemona endlich das Leben zu bieten, was sie sich wünschte.
Still betrachtete Cassandra die beiden Verliebten, die ungewöhnlich vertraut miteinander waren.
Sie gönnte der Mutter das neue Glück, trotz all der Misshandlungen und Ungerechtigkeiten in den letzten Jahren.
Auch Desdemona hatte stark gelitten und viel verloren, … mehr als Cassandra in jedem Fall.
Er schien ihr gut zu tun und eine ganz neue Seite an ihr hervorzubringen.
So entspannt und gelöst hatte sie Desdemona bei ihrem eigenen Vater nie erlebt.
Doch irgendwie traute Cassandra dem Frieden nicht.
Trotz seiner freundlichen Augen und seinem scheinbar friedlichen Wesens hatte er etwas Gefährliches an sich, was sie nicht benennen konnte.
Sie schob den Gedanken schnell beiseite, hoffte sie doch, dass nun endlich auch Frieden im Herzen der Mutter einziehen und die täglichen Demütigungen endlich aufhören würden.
Shay war seit diesem Tag sehr oft zu Besuch im Haus der kleinen Familie.
Handwerklich begabt, wie er war, packte er tatkräftig an und beseitigte Stück für Stück die vielen kleinen Mängel und Baustellen im Haus.
Klemmende Fenster wurden gerichtet, kaputte Möbel repariert und die eine oder andere, durch Holzwürmer zerfressene, Diele gewechselt.
Oft brachte er selbst gemachte Schmiedearbeiten mit.
Neue Türklinken oder einen massiven Türklopfer baute er, wie selbstverständlich, ein.
Wie von Cassandra gehofft, war endlich Ruhe eingekehrt. Desdemona schien glücklich und zufrieden und Shay gab sich jede Mühe, das Vertrauen der Kinder zu erlangen.
Mit gutmütiger Mine beschwichtigte er Desdemona, wenn sie wieder einmal vor sich hin schimpfte und an Cassandra kein gutes Haar ließ.
Minuten später nahm er dann auch seine zukünftige Stieftochter freundschaftlich beiseite und beruhigte sie im fast väterlichen Ton.
Er war Meister darin, lustige Geschichten aus seiner Kindheit zu erzählen und faszinierte damit jeden in seinem Umfeld.
Auch bei Cassandra schwand langsam das Misstrauen und sie gewann den großen Mann an der Seite ihrer Mutter lieb. Und so war es wenig verwunderlich, dass nach nur wenigen Wochen Hochzeit gefeiert werden sollte.
Nur die engsten Vertrauten waren zu der Zeremonie geladen.
Natürlich hatte der König zuerst seine Anwesenheit verweigert, weil der zukünftige Ehemann seiner ältesten Tochter nicht standesgemäß war.
Doch die beiden Schwestern Desdemonas bestanden darauf, Shay kennenzulernen.
Moyra, die damals mit 18 Jahren schon im heiratsfähigen Alter war, lebte selbst noch im Schloss des Vaters.
Sie war die Einzige seiner Kinder, die er annehmen konnte. Bei ihr konnte er sicher sein, dass sie tatsächlich sein eigen Fleisch und Blut war.
Stur und eigenwillig wie er, spiegelte sie ihm immer wieder seine eigenen Stärken und Schwächen.
Und so überredete sie Shaitan, nach Sylka reisen zu dürfen, um an der Hochzeit teilzunehmen.
Der König, der seiner jüngsten Tochter selten einen Wunsch abschlug, entschied spontan, inkognito der Vermählung beizuwohnen .
Neugierig darauf, wie sich Desdemona in ihrem neuen Leben eingerichtet und wie sich seine Enkeltochter Cassandra in den letzten Jahren entwickelt hatte, ließ er die Reise veranlassen.
Nur mit ein paar wenigen berittenen Soldaten und ohne das Wappen des Reiches fuhren sie ein paar Tage später gemeinsam nach Sylka.
Die Trauung selbst wurde im Geheimen durch den Amtsvorsteher Tomash durchgeführt, der in einer schlichten Zeremonie Shay und Desdemona miteinander vermählte. Vorher musste er versichern, dass er niemanden von der Anwesenheit des Königs berichten würde.
Doch Shaitan bereute schon kurz nach der Ankunft in Sylka seine Entscheidung, zur Trauung mitgefahren zu sein und zeigte durch eine demonstrativ versteinerte Miene, seine Ablehnung gegen den neuen Schwiegersohn.
Kein einziger Segenswunsch für seine Tochter und Shay wollte ihm über die Lippen kommen.
Stattdessen nahm er, schockiert über das Aussehen des Bräutigams, Desdemona nach der Trauung beiseite und fragte sie aufgebracht:
„Das ist nicht dein Ernst! Er sieht aus wie ein Bär und denkt wahrscheinlich auch wie einer. Viel Bildung hat er in jedem Fall nicht. Hättest du dir nicht wenigstens einen Mann suchen können, der in gehobener Stellung arbeitet und sich auszudrücken weiß?“
Letzteres war eigentlich keine Frage, denn unmittelbar darauf, fuhr er erbost fort:
„Weißt du eigentlich, was du unserer Familie damit antust. Der Adel lacht sich doch ins Fäustchen, wenn er davon erfährt!“
Trotz seiner tadelnden Worte, sah Desdemona ihren Vater unbeeindruckt an.
Die letzten Jahre hatten sie geformt und so hatte sie keine Angst mehr vor ihm.
Was sollte er ihr auch noch antun, was er nicht schon getan hätte.
Mit Shay an ihrer Seite fühlte sie sich sicher und ihre Zukunft sah, das erste Mal seit langer Zeit, wieder zuversichtlich aus.
Unbeirrt begegnete sie seinem strafenden Blick und antwortete etwas aufmüpfig:
„Ich weiß nicht, worüber du dich aufregst. Hast nicht du uns höchstpersönlich in dieses Leben verbannt?“
Mit einer hochgezogenen Augenbraue sah sie ihn kampflustig an, als sie fortfuhr:
„Und da du mir seit Jahren eine finanzielle Zuwendung verweigerst, versuche ich nun, das Beste daraus zu machen.“ Verärgert über die unverblümte Antwort, runzelte der König die Stirn.
Im Grunde hatte sie Recht.
Allerdings hatte er im Stillen gehofft, sie wäre von Natur aus ehrgeiziger und nicht mit dem Erstbesten zufrieden.
Die geringe Apanage, die er für die Ausstattung der Kinder zur Verfügung stellte, reichte in keinem Fall auch noch für Desdemona.
Doch er wollte ihr damals einen Denkzettel erteilen und ihren Eigensinn brechen.
Nach ein paar Monaten Armut, so glaubte er, würde sie von ganz allein beim Vater um Gnade und sein erneutes Wohlwollen bitten.
Dann hätte er sie jederzeit mit der Rückkehr in das bürgerliche Leben erpressen können und sie in der Hand gehabt.
Nach einer gewissen Weile wollte er sie dann an einen älteren Adligen verheiraten, dessen Gunst er sich dadurch sichern konnte.
Doch Desdemona hatte den Spieß umgedreht.
Sie hatte erwartet, dass Shaitan nach geraumer Zeit seinen Fehler einsah und verstand, dass Blut dicker war als Wasser. Stur hatte sie all die Schmach und Einschränkungen ertragen und auf den Tag gewartet, an dem der König sie an den Hof zurück holen würde.
Doch nachdem Monat um Monat verging und nichts geschah, wuchs die Wut in ihr darüber, dass er ihr so hartnäckig das verweigerte, was ihr von Geburt an zustand. Sie schwor sich, sie würde nie vor ihm zu Kreuze kriechen. Stattdessen wollte sie ihm beweisen, dass sie es auch ohne ihn schaffen würde, egal was dafür nötig war.
Insgeheim freute sie sich nun darüber, dass sie ihm seine Sturheit vergelten konnte, indem sie nicht nach seinen Regeln spielte.
Hochmütig sah sie ihm in die Augen, während sie auf eine Entgegnung wartete.
Doch Shaitan kannte seine Tochter gut und wusste einen Krieg zu führen, wenn es auch nur einer mit Worten war. Scheinbar gelassen antwortete er mit leiser, aber fester Stimme:
„Gut, wenn das dein Wille ist, dann wünsche ich dir alles Gute!“
