Im Ballhaus brennt noch Licht - Stephanie Jana - E-Book

Im Ballhaus brennt noch Licht E-Book

Stephanie Jana

0,0
6,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Berlin Anfang des 20. Jahrhunderts: Die junge, aus einfachen Verhältnissen stammende Lulu Schneider träumt davon, Tänzerin zu werden. Als sie eines Tages sehnsüchtig durch die Fenster des nahe gelegenen Ballhauses Sternberg das glamouröse Treiben beobachtet, lernt sie David kennen, den Sohn des jüdischen Besitzers. Mit viel Fleiß und der Unterstützung der Sternbergs, die ihr Talent erkennen, steigt Lulu in den rauschenden Goldenen Zwanzigern zur Startänzerin auf. Doch dann kippen die politischen Verhältnisse im Land, und bald sind das Ballhaus und alle, die Lulu liebt, in großer Gefahr …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 565

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Buch

Berlin Anfang des 20. Jahrhunderts: Die junge, aus einfachen Verhältnissen stammende Lulu Schneider träumt davon, Tänzerin zu werden. Als sie eines Tages sehnsüchtig durch die Fenster des nahe gelegenen Ballhauses Sternberg das glamouröse Treiben beobachtet, lernt sie David kennen, den Sohn des jüdischen Besitzers. Mit viel Fleiß und der Unterstützung der Sternbergs, die ihr Talent erkennen, steigt Lulu in den rauschenden Goldenen Zwanzigern zur Startänzerin auf. Doch dann kippen die politischen Verhältnisse im Land, und bald sind das Ballhaus und alle, die Lulu liebt, in großer Gefahr …

Weitere Informationen zu Stephanie Jana

sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin

finden Sie am Ende des Buches.

Stephanie Jana

Im Ballhaus brennt noch Licht

Roman

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Ein großer Teil des vorliegenden Romans spielt im Berlin der Zwanziger-, Dreißiger- und Vierzigerjahre des 20. Jahrhunderts. Deshalb haben Verlag und Autorin nach reiflicher Überlegung beschlossen, Vokabeln wie »Negermusik« und »Judensaal«, die heutzutage zu Recht als rassistisch, antisemitisch und inakzeptabel gelten, zu verwenden, um dem historischen Kontext möglichst realistisch zu entsprechen und durch die ausdrückliche Benennung den Leser*innen die Geschichte und Wirkung von Rassismus und Antisemitismus gezielt vor Augen zu führen.

Originalausgabe September 2023

Copyright © 2023 by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Covergestaltung: UNO Werbeagentur, München

Covermotive: Arcangel Images/Laura Ranftler; FinePic®, München

Redaktion: Waltraud Horbas

KS · Herstellung: ik

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN: 978-3-641-26507-6V001

www.goldmann-verlag.de

Für Clärchen, Marion, Usch und all die anderen Herzensmenschen, die immer an mich geglaubt haben.

Prolog

1923

Die kleine Tänzerin aus Porzellan schimmerte perlmuttweiß in ihrer Hand. Lulu strich zärtlich über ihre filigranen Formen, die zum Dutt gebundenen Haare, die spitz geformte Nase, die schmalen Schultern, die elegant gebogenen Arme mit den leicht geöffneten Händen und das bauschige Ballerinakleid. Die rechte Hand war nach oben gestreckt, die linke zeigte nach unten. Auf Zehenspitzen schwebte sie in ihren Ballettschuhen, im Begriff, sich zu drehen – unglaublich grazil und gleichzeitig verletzlich. Die perfekte Tänzerin. Wie wunderschön sie ist –und aus weißem Gold, wie ihre Mutter das feine Porzellan immer genannt hatte.

Eine tiefe Trauer überkam Lulu und legte sich wie ein schwerer Schleier über sie. Tränen tropften auf die kleine Tänzerin. Schnell wischte Lulu mit ihrem Ärmel den glatten, kalten Körper trocken, als könnte sie damit auch ihren Schmerz auslöschen. Sie umklammerte die Spieluhr fester. In diesem Moment wurde ihr klar, dass sie nicht so weiterleben konnte wie bisher. Nie wieder. Alles hatte sich verändert. Aber sie musste weiterleben, weitertanzen. Sie durfte nicht aufgeben. Nicht jetzt.

Lulu gab der Tänzerin einen zarten Kuss auf die Stirn und stellte sie vorsichtig vor den beleuchteten Theaterspiegel ihrer Garderobe zurück. Das warme Licht der runden Birnen hieß sie willkommen. Sie blickte hinein und erschrak selbst über ihr trauriges Gesicht. Und das Schwarz ihrer langen, gebogenen Wimpern hing wie ein Vorhang, der in einen unbekannten Abgrund einlud, über dem Nachtblau ihrer Iris. Hieß es nicht, die Augen sind der Spiegel der Seele? Hat die Seele überhaupt eine Farbe? Lulu stellte sie sich wie einen Regenbogen vor. Ihre Mutter hatte einmal zu ihr gesagt, wenn sie stürbe, würde sie sich einen Platz im Himmel suchen, von dem sie Lulu am besten sehen könnte. Nun lag sie unter der Erde. Oder vielmehr das, was von ihr übrig war.

Gleich war es so weit. Keiner durfte merken, wie es in ihrem Herzen aussah. Die lila Federboa, die an einem Haken über dem Spiegel hing, trug noch Spuren vom Glitzerregen des letzten Auftritts. Wieder schossen Lulu Tränen in die Augen. Hör auf zu weinen.Du musst jetzt rausgehen und tanzen. Dein Tanz. Deine Chance. Dein Abend. Alle sollen es sehen. Für Mutter.Für Claire.

Auch wenn der Tod sich durch ihren Zustand schon lange angekündigt hatte, hätte Lulu es vorher für unmöglich gehalten, dass gerade diese beiden Ereignisse, die sie innerlich regelrecht auseinanderrissen, auf einen Tag zusammenfielen: Mutters Beerdigung und ihre Premiere, der langersehnte Tanz vor Publikum. Ihr erstes Engagement als Tänzerin, und das auch noch in ihrem geliebten Ballhaus – nun ihr Zuhause. Wie lange und wie hart hatte sie dafür gearbeitet, Tag für Tag, Jahr um Jahr geprobt. Allein wenn sie daran dachte, stieg das Lampenfieber kribbelnd in ihr hoch, denn nun durfte sie gleich zeigen, was sie konnte.

Und doch schwang, seitdem es passiert war, mit jeder Sekunde, jedem Schritt, jeder Bewegung, jedem Atemzug die furchtbare Gewissheit mit: Mutter ist tot. Tot. Tot. Tot.

In einem schlichten Eichensarg hatten sie Claire Schneider, geborene Bernot, am Mittag auf dem Sophienfriedhof begraben. Die Erinnerung daran erschien Lulu wie durch einen Nebel, verschwommen und unwirklich. Und doch spürte sie jetzt noch die weiße Rose in ihrer Hand, deren Dornen sie gestochen hatten, bis sie blutete. Nun lag die Lieblingsblume ihrer Mutter auf dem Sarg. Wäre Rosa nicht dabei gewesen, wer weiß, vielleicht hätte sie sich einfach auch in das Loch hineinfallen lassen. Doch ihre Freundin hatte den Arm um ihre Schultern gelegt und geflüstert: »Komm, wir gehen … Es wird Zeit.«

Nur acht Stunden waren seitdem vergangen. Es war Samstagabend, kurz vor acht. Lulu atmete laut aus. Dann trocknete sie ihre Tränen. Das löchrige Stofftaschentuch, mit den Initialen D. S. und einem vierblättrigen Kleeblatt bestickt, lag immer auf ihrem Garderobentisch. Ein wenig Glück könnte sie wahrlich gebrauchen. Sie setzte sich aufrecht in den Ledersessel, streckte sich und straffte die Schultern. Es wird Zeit, klangen die Worte in ihrem Kopf. Dann begann sie entschlossen mit ihrer Verwandlung.

Mit der alten Theaterschminke, die Rosa besorgt hatte, bedeckte sie ihr Gesicht Stück für Stück ganz in Weiß.

Es dauerte nicht lange, Lulu war geübt darin. Die Augen umrandete sie schwarz, ein schmaler Bogen markierte die Brauen, die Wimpern tuschte sie ebenso dunkel, bald strahlten ihre vollen, herzförmigen Lippen blutrot. Sie malte noch eine einzelne schwarze Träne unter ihr linkes Auge. Pinselte etwas Rouge auf die Wangen. Dann zog sie vorsichtig ihr silbernes Pierrotkostüm an und setzte den schwarzen Zylinder mit der kleinen Feder auf ihren blonden Bubikopf. Am Ende verteilte sie Glitzerpuder über die noch sichtbare Haut auf Gesicht, Hals, Dekolleté und Arme. Voilà. Ein letzter kritischer Blick in den Spiegel bewies: Jetzt war sie vollkommen. Vollkommen Lulu.

Die kleine Tänzerin schien ihr zuzulächeln.

Noch zehn Minuten bis zum Auftritt. Von drinnen hörte sie die ersten Klänge. Gregor ließ seine Kapelle sich warmspielen. Sie war dankbar für das vertraute Gefühl, das sie sogleich umgab. Ihre Gedanken formten sich bereits zur Musik. Tadam, tadam, tadam. Ihr Herz schien im Takt zu schlagen.

Das Stimmengewirr wurde lauter. Gleich würde der Saal voll besetzt sein. Viele Menschen dicht aneinandergedrängt, schick zurechtgemacht für die neue Tanzshow in Sternbergs Ballhaus, dem derzeit angesagtesten Ort des Viertels, in tanzwütiger Stimmung und freudiger Erwartung der Hauptattraktion. Auf den Plakaten beworben mit »Erleben Sie den neuesten Stern am Berliner Tanzhimmel: Die einzigartige Lulu als Pierrot auf dem Vulkan – Jugend! Eleganz! Schönheit! Kunst!«

Noch fünf Minuten. Es klopfte ungeduldig. »Lulu, Schätzchen, bist du so weit? Das Publikum wartet!« Rosa öffnete die Tür und lugte herein, die roten Kringellocken fielen ihr dabei lustig über die Sommersprossen im Gesicht. Lulu nahm die silberne Zigarettenspitze, prüfte, ob die Fluppe darin fest genug steckte, und erhob sich. »Ja, ich komme.«

Von der Garderobe waren es genau dreiunddreißig Schritte bis zur Bühne. Sie hatte sie zigmal gezählt. Rosa folgte ihr stumm und kam kaum hinterher, denn Lulu ging schnell – angezogen vom Rampenlicht. Es gab kein Zurück mehr.

Beim ersten Betreten knarrte der Dielenboden der Bühne unter ihren blanken Füßen. Als Gregor sie durch den hinteren Eingang kommen und neben dem Vorhang warten sah, nickte er ihr aufmunternd zu. Seine Musiker – alles Russen wie er – konzentrierten sich auf sein Kommando, sie waren bereit. Das Licht erlosch. Das Publikum verstummte. So still im Saal wurde es, dass man eine Nadel fallen hören konnte. Der charismatische Conférencier im schwarzen Frack kündigte sie mit durchdringender Stimme an. Die Menge applaudierte. Gregor gab das Zeichen. Dann erklang der alte New Yorker »Cigarette Tango« und erfüllte den Raum, bis nichts anderes mehr zählte und von Bedeutung war.

Der Tanz begann.

Und ließ Lulu schließlich wieder daran glauben, dass alles möglich war.

Das Leben tanzen 1. Teil

Das neue Ballhaus

(1913–1918)

1

Freitag, 21. November 1913

Die Kirchturmuhr schlug fünfmal. Sie musste los. Voller Vorfreude schlich sich die zwölfjährige Lulu auf Zehenspitzen in den Flur. Leise schlüpfte sie in ihren grauen Wollmantel und die Fellstiefel. Dann wickelte sie sich den dicken Schal um den Hals und zog ihre Mütze auf den Kopf, sodass nur noch ihre weißblonden, geflochtenen Zöpfe wie kleine Schlangen hervorlugten. Sie war unglaublich aufgeregt, schnappte sich die warmen Fäustlinge und prüfte, ob sie ihren Schlüssel umhängen hatte. Schnell raus hier.

Es war Ende November und bereits so kalt und stürmisch wie im tiefsten Winter. Ihre Mutter Claire prophezeite gar für morgen den ersten Schnee, man könnte ihn bereits riechen. Lulu spähte durch die offene Tür ins Wohnzimmer, um sich von ihr zu verabschieden. Sie lag schlafend auf der Chaiselongue aus rotem Samt. Obwohl es erst Spätnachmittag war, hatte Mutter bereits zwei Flaschen Wein geleert. Lulu bemerkte es sofort, weil sie neben ihr auf dem kleinen Casa Padrino-Tisch standen. Der Anblick versetzte dem Mädchen einen Stich, doch sie wusste einfach nicht, was sie deswegen unternehmen sollte. Wahrscheinlich war sowieso ihr Vater schuld. Wenn sie an den dachte, zog sich ihr Magen zusammen, und etwas tief in ihr drin wurde schwarz und kalt.

Wenn ihre Eltern abends laut miteinander stritten, lag Lulu oft schlaflos nebenan in ihrem Bett. Streng genommen brüllte und polterte hauptsächlich ihr Vater Ernst wie ein Haudegen herum – »eine echte Kanaille«, schimpfte Mutter gerne. Lulu verstand das Wort zwar nicht, begriff allerdings, dass es nichts Gutes bedeutete.

Auch gestern hatte sie sich voller Unbehagen unter der Decke versteckt und sich an ihre Puppe geklammert. Ihre Zähne hatten geklappert, so zitterte sie. Um sich abzulenken, schloss Lulu dann immer die Augen, ganz fest, und stellte sich vor, sie wäre an einem anderen Ort. Wenn sie sich lange genug auf die Dunkelheit konzentrierte, das wusste sie schon, bekam sie irgendwann nichts mehr von ihren Eltern mit, und andere Bilder erschienen vor ihrem inneren Auge. Die waren bunt, hell und freundlich. Manchmal erschien ein Zirkus oder ein Theater. Oder sie war plötzlich am Meer, auf einem Schiff oder am Strand. Gerne träumte sie auch davon, sie könnte fliegen. Dann schwang sie in ihrer Fantasie die Arme wie ein wilder Vogel seine Flügel und besuchte alle Orte, die sie unbedingt sehen wollte. Oder sie flog mitten durch riesige weiße Wolkenberge in den azurblauen Himmel. Wie hoch sie wohl käme? Und wie weit geht der Himmel überhaupt? Wann hört er auf und fängt das Universum, wo Mond und Sterne wohnen, an? Solche Fragen kamen ihr dann in den Sinn.

Niemand konnte jedoch Vaters Tobsuchtsanfälle verhindern. Meist wehrte sich Mutter nur am Anfang und wurde immer leiser, je lauter er wurde. Doch es nützte auch nichts, dass sie mit der Zeit verstummte. Wenn keiner auf ihn reagierte, brachte ihn das noch mehr aus der Fassung. Seitdem er letztes Jahr bei der Reichsversicherungsanstalt untergekommen war, war es schlimmer mit ihm geworden. Die neue Arbeit machte Vater scheinbar noch unzufriedener, obwohl er mehr verdiente. Man wusste nie, wie er abends gelaunt sein würde, wenn er wieder auftauchte. Oft schlug seine Stimmung auch von einer auf die andere Sekunde ins Gegenteil um, obwohl Lulu fand, dass Mutter und sie wirklich nichts falsch gemacht hatten. Vielleicht war er unglücklicher, als sie dachte. Wie Mutter auch. Das erkannte Lulu wenigstens in ihren Augen.

Am besten war es jedenfalls, wenn Vater nach Feierabend direkt in der Kneipe verschwand und erst heimkam, wenn sie schon schlief. Sie hoffte inständig, das würde heute auch so sein.

Ihre Mutter gab einen kleinen Schnarcher von sich, das holte Lulu wieder in den Augenblick zurück. Sie sollte aufhören, sich Sorgen um ihre Eltern zu machen. Außerdem war sie viel zu spät dran. So geräuschlos wie möglich schloss sie die Tür zum Wohnzimmer und trat auf leisen Sohlen in den Hausflur. Ein mächtiges Glücksgefühl durchströmte ihren Bauch. Gleich würde sie frei sein! Sie rannte die Treppen vom dritten Stock ihrer Wohnung bis ins Erdgeschoss hinunter, nahm die letzten Stufen in einem Sprung auf einmal und stürmte voller Vorfreude hinaus. Ein eisiger Wind schlug ihr draußen ins Gesicht. Stockdunkel war es, als wäre es bereits Nacht, und die Laternen beleuchteten die Auguststraße in warmem Orange. Ein Hund kläffte im Nachbarhof. Im Haus schräg gegenüber bekam der Sohn der Familie Klavierunterricht, konnte Lulu durch das riesige Erdgeschossfenster erkennen.

Sie schaute prüfend nach oben. Vielleicht würde es wirklich bald schneien. Auch wenn ihre Mutter kaum noch das Haus verließ, spürte sie so etwas immer genau. Es war, als hätte sie feinere Sinne für manche Schwingungen des Lebens. Mehr als andere Menschen. Oder auch dunkle Vorahnungen, die sich dann bestätigten. Als ihre Tante zum Beispiel plötzlich durch einen Unfall starb, hatte Claire dies in der Nacht vorher geträumt. Oder sie sagte Sätze wie »Es ist Vollmond, danach ändert sich das Wetter« oder »Streichle nie eine schwarze Katze, das bringt Unglück«. Ein bisschen war das wie bei der russischen Seherin Darja mit den roten Haaren und grünen Augen, die jeden Tag vor der Synagoge anzutreffen war und Passanten ihre Dienste anbot. Auch Lulu las sie ab und zu aus der Hand, weil das Mädchen ihr manchmal ein Stück Brot vorbeibrachte. Das letzte Mal hatte sie die Linien begutachtet, ihre Hand gedrückt und mit bedeutungsschwangerer Stimme gesagt: »Meine Kleine, moja Malen’kaja, du wirrrst mal eine große Känigin werden.«

Lulus Atem bildete kleine Wölkchen in der ungemütlichen Kälte. Schnell zog sie ihre Fäustlinge über die Hände und den Schal höher über ihr Gesicht. Auch wenn sie die Augen etwas zusammenkniff, half das nichts. Die Kälte überfiel sie schonungslos und durchflutete jede Pore ihres zierlichen Körpers. Trotzdem blieb Lulu vergnügt, denn nun konnte das Abenteuer beginnen, auf das sie sich unbändig freute.

Den Weg rannte sie. Das neue Ballhaus in der Auguststraße 24 befand sich nur ein paar Häuser von ihnen entfernt und hatte vor zwei Monaten seine Pforten geöffnet. Sternbergs Ballhaus nannte es sich, nach seinem Besitzer Levi Sternberg. Das war ein in der Stadt angesehener Mann, sagte ihre Mutter. Diese kannte ihn von früher, weil sie als junge Frau einige Zeit in seinem Elternhaus als Dienstmädchen beschäftigt gewesen war, hatte Lulu erfahren.

Als Hauswart Kurt bei ihnen Ende August das Treppengeländer gestrichen hatte, absichtlich langsam, um nichts im Haus zu verpassen und mit der schrulligen Tante Frieda zu plaudern, die bei ihnen im Erdgeschoss lebte, hatte Lulu im Hausflur Wortfetzen wie »neues Ballhaus« und »Tanzen« aufgeschnappt. Neugierig war sie oben auf der Treppe stehen geblieben. So bekam sie mit, dass der jüdische Kaufmann und Kunstförderer Levi Sternberg in ein paar Tagen ein echtes Ballhaus in der Nummer 24 eröffnen würde. Man munkelte, dass er zusätzlich zu den Tanzabenden ein kleines Showprogramm plante, was ihn von anderen Ballhäusern abheben und ein wenig »Varieté« in das Viertel bringen würde.

Was für eine Nachricht!

Lulu erinnerte sich daran, wie sie schließlich am Eröffnungstag im September, als der Spätsommer in Berlin schon die ersten herbstlichen Anzeichen gezeigt hatte, zu Sternbergs Ballhaus gelaufen war. Wie konnte sie einen Blick hinein erhaschen, ohne aufzufallen? Sicher war Kindern der Zutritt nicht gestattet. Sie ging suchend im Hof, vor dem hohen Gebäude und wieder auf der Straße herum. Aber hier war nichts zu machen. Also versuchte sie, eine andere Möglichkeit zu finden. In diesem Moment trat jemand aus dem rechten Nachbarhaus, und ihr kam eine Idee. Als die Luft rein war, öffnete sie schnell die Eingangstür der Nummer 23 und folgte der Zufahrt Richtung Innenhof. Sie wusste, hier hinten gab es auch eine Wäscherei, und man sah von hier aus die Rückseite des Ballhauses. Vielleicht, ja vielleicht gab es irgendeinen kleinen Weg nach nebenan. Gegenüber erkannte sie die Remise mit dem blauen Tor, wo allerlei Krimskrams und Geräte abgestellt waren. Sie schlich sich auf leisen Sohlen daran vorbei, schaute nach, ob in der alten Scheune daneben eine Öffnung zur anderen Seite zu finden war, und passte auf, dass sie keiner entdeckte. Im Innenhof war zum Glück niemand. Nur eine Katze schreckte Lulu auf, die laut miauend von einer Kiste sprang und abhaute. Stockdunkel war es hier überall, aber sie verspürte keinerlei Angst. Ohne groß zu überlegen, drückte sie die Klinke der Tür des Vorbaus neben der Scheune hinunter. Sie war unverschlossen! Lulu ging hinein und wagte sich weiter vor. Hier war offensichtlich ein Lagerplatz für Nahrungsmittel, Wein, Kerzen und andere Dinge wie Geschirr und Besteck, die zu einem Ballhaus passen könnten. Das war gut. Sie war auf der richtigen Fährte. Das Herz klopfte Lulu bis zum Hals, als sich auch die nächste Tür am Ende des Raums problemlos öffnen ließ. Sie lugte mit dem Kopf vorneweg, was sich wohl dahinter verbarg, und staunte nicht schlecht: Vor ihr lag tatsächlich die hintere Seite des Ballhauses mit einer Art Terrasse und einem kleinen Wintergarten, der zum Tanzsaal führte. Sie hatte es geschafft! Lulu betrat atemlos den Kiesboden, der unter jedem ihrer Schritte knirschte, und versteckte sich schnell in einer Ecke hinter einem Lorbeerbusch. Dort hatte sie eine gute Sicht durch die hohen Glastüren ins Innere. Was sie in diesem Augenblick zum ersten Mal gesehen hatte, würde sie niemals wieder vergessen: Schick gekleidete Menschen, die zu wundervollen Klängen der Kapelle tanzten, tanzten, tanzten. Alle waren ausgelassen, glücklich und strahlten um die Wette. Und das Ballhaus erst. Es kam ihr vor wie ein Schloss. Obwohl es gar nicht golden glänzte. Vielmehr ein Märchenschloss aus bunten Lichtern, Musik und Frohsinn. Lulu staunte und konnte ihren Blick nicht abwenden.

Seitdem ging sie jede freie Minute nach der Schule – die sie sowieso nicht mochte – zum Ballhaus in ihr Versteck hinter dem Kirschlorbeer. Der Busch war zu ihrem Stammplatz geworden, ein wahrer Lieblingsort, von dem aus Lulu unbemerkt das lebendige Treiben im Saal beobachten konnte. Alle Tänzer, die grazilen Damen in ihren schönen Kleidern, die eleganten Herren, die Musiker, deren Finger flink über die Instrumente hüpften. Die Gäste, die sich unterhielten, lachten, sich zuprosteten. Das Gewusel der Kellner, die leuchtende Bar mit ihren tausend Flaschen und Gläsern, die gemütliche, kleine Weinstube, der blaue Dunst vom Rauch, der schwer im Raum lag, die lustigen Bilder an den rubinrot gestrichenen Wänden. Jedes von ihnen zeigte ein anderes tanzendes, verliebtes oder sich küssendes Paar. Auf dem einen Bild fasste sich eines sogar gegenseitig an den Po. Wenn Lulu sich etwas weiter aus ihrem Versteck wagte und ihre Nase an die Fensterscheibe drückte, konnte sie alles genau erkennen.

Hinzu kam das warme Licht im Saal, das eine gemütliche Atmosphäre verbreitete. Solche goldenen Kronleuchter hatte Lulu nie zuvor gesehen. Aber sie mochte auch die kleinen grünlich schimmernden Messinglampen an den Wänden. Alles hier erstrahlte. Da war ein ganz bestimmter Zauber, der vom Ballhaus ausging. Für Lulu einfach magisch, eine neue märchenhafte, fremde Welt, die sich ihr zeigte.

Manchmal fand auf dem Parkett Tanzunterricht statt, den ein Lehrer im Frack mit lauten strengen Rufen anleitete. Er hatte jedes Mal eine andere Dame dabei, mit der er in perfekter Haltung und stolzem Blick die Schritte und Figuren übte. Die Tanzschüler schauten und lauschten ehrfürchtig, dann versuchten sie, es nachzuahmen.

An anderen Tagen gab es offenen Tanz – Walzer, Foxtrott, oder die neueste Mode: den Tango. Oder es spielte nur die Kapelle, und die Tanzfläche war leer. Dann saßen die Gäste an den vielen Tischen und standen an der Bar, vergnügten sich mit dem herrlich duftenden Essen und Wein, Bier oder Getränken, die Lulu nicht kannte.

Noch etwas hatte sie beobachtet: Am Samstagnachmittag probte eine bildhübsche Tänzerin allein auf der Bühne, was das Mädchen besonders faszinierte. Wie eine Prinzessin sah sie aus. Von ihr wollte sie lernen. Jede Bewegung, jeden Schritt, jede Geste. Wie sie schaute, blinzelte, ihre Glieder bis in die Spitzen streckte. Lulu inhalierte das förmlich, um sich alles zu merken. Das war schön. So wollte sie auch einmal werden.

Das Ballhaus war für alle da. Jeder schien willkommen, die Dienstmagd genauso wie der feine Herr. Alle, die im Ballhaus weilten, wirkten frei und fröhlich, auch wenn es manchmal richtig rumpelte, die einen oder anderen volltrunkenen Gäste aneinandergerieten und hinausgeleitet werden mussten.

Lulu hatte nicht gewusst, dass das Leben so leicht sein konnte.

Aber das Ballhaus war eine andere Welt. Dort schienen die Sorgen wie weggefegt. Wenn die Kerzen drinnen im Saal einladend flackerten, die Musik gedämpft herausklang, die einzelnen Körper sich im Tanz zu einem einzigen Großen und Ganzen verbanden, versank sie im Schauen und Staunen und vergaß dabei alles um sich herum.

Inzwischen wusste Lulu auch, welcher Mann Levi Sternberg, der »Vater« des Ballhauses, war. Er stand meist lächelnd in irgendeiner Ecke und verfolgte das Geschehen aufmerksam. Seine tiefschwarzen Haare glänzten, er hatte sie streng zurückgekämmt, im eleganten Fassonschnitt. Und mit seinen freundlichen dunkelbraunen Augen überwachte er den Saal. Er hatte immer einen dunkelgrauen Anzug mit zugeknöpfter Weste an, mit ordentlich gebundener Krawatte, einem weißen Hemd und Einstecktuch in der Sakkotasche. Ab und zu gab er Anweisungen und begrüßte manche Gäste persönlich mit Handschlag. Manchmal lief Sternberg auch herum, deckte Tische neu ein oder rückte frei gewordene Stühle gerade. Er schien sich für keine Tätigkeit zu schade. Wenn er nur so dastand und zuschaute, kam es Lulu vor, als würde er die Atmosphäre genauso genießen, wie sie es heimlich von außen tat. Er war sichtlich erfreut über das, was er dort im Saal vor sich sah. Dann lag dieser zufriedene Ausdruck auf seinem Gesicht. Hin und wieder zog er dann an seiner Zigarre oder trank etwas aus einem Glas mit dickem Boden. Manchmal verschwand Sternberg einfach so wieder im Nirgendwo. Oder er sagte etwas zum Barmann, Kellner oder Kapellmeister. Danach setzte er sich an seinen Tisch, ein kleiner runder mit zwei Bistrostühlen in einem zurückgelagerten Separee mit spärlicher Beleuchtung seitlich von der Bühne. Dort war er gewöhnlich allein. Am besten gefiel Lulu seine Ruhe und sanfte Freundlichkeit, die er ausstrahlte, und wie geduldig er mit allen redete.

Jetzt war Lulu endlich angekommen und ziemlich außer Puste. Von der Straße aus erkannte sie das große Schild Sternbergs Ballhaus über der Eingangstür in geschwungenen dunkelroten Lettern. Sie blickte hinauf und begrüßte das hohe Haus mit den vielen Fenstern, die ein bisschen wie Augen aussahen, mit einem entschlossenen Nicken.

»Da bin ich«, sagte sie laut und schenkte dem alten Gemäuer ein Lächeln.

2

Unbemerkt lief Lulu durch den Eingang des Nachbarhauses. Flink wie ein Wiesel schlüpfte sie über den Hof in die Remise, öffnete die geheime Tür zum anderen Grundstück und schlich dann geduckt die letzten Meter bis zum Wintergarten. Dort warf das Licht aus dem Tanzsaal einen warmen Schein auf den Boden, und innen spielte die Kapelle bereits fremd klingende Tangoklänge.

Freitags war immer »Tango-Tanztee« um fünf Uhr. Es hatte schon längst angefangen. Die Luft war rein, bei der ungemütlichen Kälte wollte niemand raus. Lulu merkte gar nicht, ob sie fror oder nicht, es zählte nur, dass sie keiner erwischte. Sie versteckte sich hinter ihrem Lorbeer, der den nötigen Schutz vor Entdeckung bot, quetschte sich zwischen ihn und die Hauswand und linste durch die hohen Flügeltüren in den Saal. Den Tango, ein brandneuer Tanz aus Argentinien, wie sie von Mutter wusste, mochte sie besonders gern. Lulu genoss jeden Ton, wiegte sich hin und her und summte unwillkürlich mit.

Inzwischen spielten die Musiker in Höchstform auf, die Vortänzer hatten sich zurückgezogen – jetzt war das gemeine Volk an der Reihe. Der Tanz war in vollem Gange. Auch heute erkannte Lulu im Saal Sternberg, der etwas unauffällig an der Wand zwischen Bar und Bühne lehnte, mit Zigarre in der Hand und umherblickend. Er schien fast einsam in dem munteren Treiben, und seine großen dunklen Augen sahen sogar aus der Entfernung seltsam leer aus. Wie er dort stand, still und unbeweglich, hätte er auch eine Statue sein können. Im Gegensatz zu ihm kam ihr der Trubel und Lärm im Ballhaussaal umso lebendiger vor.

Lulu trat in ihrem Versteck von einem Bein aufs andere und reckte ihren Kopf höher, um noch besser sehen zu können. Warme Atemwolken stoben aus ihrem Mund, ihre Nasenspitze fühlte sich eisig an. Aber das machte ihr nichts aus.

Jetzt wurde die Musik schneller. Lulu wippte mit größter Begeisterung zum Takt hin und her, wagte sich ein Stück hinter dem Busch vor und drehte sich im Kreis. Dabei strahlte sie einen unsichtbaren Tanzpartner an, wie sie es sich bei den schnieken Damen abgeguckt hatte. Sie versuchte angestrengt, den Tango zu verstehen, sich die Schrittfolgen zu merken und eigene zu erfinden. Zu unaufmerksam und ausgelassen in ihrem Spiel durfte sie jedoch nie sein, weil sie aufpassen musste, nicht erwischt zu werden. Ab und zu traten unerwartet Gäste in den Wintergarten hinaus. Zum Reden, Rauchen, um frische Luft zu schnappen, oder auch Liebespaare zum Knutschen. Dann ging sie schnell wieder in Deckung und blieb dort so lange hocken, bis die Besucher verschwunden waren.

Sie liebte es, hier zu sein. Keiner durfte ihr das verbieten. Beim Zuschauen lernte sie den Unterschied zwischen Polka und Mazurka, Walzer und Foxtrott. Und zu Hause übte sie fleißig ihre eigenen neu kreierten Tanzschritte, Bewegungen, Pirouetten, Choreografien und die fünf Grundpositionen des Balletts, die Mutter ihr beigebracht hatte. Manchmal erzählte sie ihr auch von ihren Ballhaus-Besuchen und den neuen Tänzen, und sie versuchten sich gemeinsam im Tango oder Walzer. Oder Lulu spielte die Ballerina, und Mutter war das Publikum. Aber das ging nur, wenn diese nicht traurig oder müde war, nicht über Kopfschmerzen klagte. Die Polka machte am meisten Spaß. Wenn Vater nicht da war, tanzten sie mit lautem Jauchzen durch die ganze Wohnung, bis die alten Dielen knarrten, sie völlig außer Atem waren und sich erschöpft auf die Chaiselongue fallen ließen. Oder bis Frau Bertram von der Wohnung unter ihnen wütend mit dem Besen an die Decke klopfte und brüllte: »Ruhe da oben! Is aber mal jenuch jetzt!«

Lulu hatte bald nach ihrem ersten Ballhausbesuch begonnen, sich Kostüme zu nähen, sich zu verkleiden und die Lippen rot zu malen. Mal war sie ein Schwan mit einem Kleid aus weißem Bettlaken, dann eine Blume aus den Resten einer löchrigen Stola von Mutter oder ein Teufelchen mit schiefen Hörnern, die sie aus Stofffetzen an einen ollen Hut nähte. In ihrem Zimmer hatte sie schon eine recht ansehnliche Sammlung aus unterschiedlichen Materialien, alten Accessoires und Dekors, die sie noch verwenden wollte. Lulu mochte es, sich zu verwandeln. Ihre Mutter Claire amüsierte das. Manchmal wünschte sie sich eine bestimmte Rolle, die Lulu spielen sollte: »Mein Goldstück, sei doch heute mal ein Engel!«, oder »Was meinst du, wie tanzt wohl ein Äffchen? Zeig es mir, Luluchen!« Wenn sie Mutter dann ihren Wunsch erfüllte, erhellte sich deren schönes Gesicht, und sie lachte laut. Das machte Lulu glücklich, und sie strengte sich noch mehr an.

Ihr Mund hätte die Form eines Herzens, sagte Mutter oft zärtlich zu ihr. Bestimmt läge das daran, dass im selben Moment, als sie gezeugt wurde, sich gerade Himmel und Erde geküsst hatten. Das Mädchen stellte sich das immer vor und fand, dass es im Grunde keine besseren Voraussetzungen geben konnte, um eine echte Tänzerin zu werden. Und es gab nichts in ihrem Leben, das sie mehr wollte.

»Hey, Blondzopf, was machst du hier?«, tippte Lulu wie aus dem Nichts jemand von hinten auf die Schulter. Schlagartig wurde sie aus ihren Gedanken geholt, und sie fuhr erschrocken herum. Ein Junge mit dunklem Lockenkopf, ungefähr so alt wie sie selbst, vielleicht auch schon dreizehn, etwas größer auf jeden Fall, grinste sie mit frechen braunen Augen an. Trotz der Kälte trug er keine Mütze, nur einen Wintermantel und zerschlissene Schnürstiefel.

»Bist du taub? Was machst du hier?«, wiederholte er und stemmte die Hände in die Hüften.

»Siehste doch.« Lulu strich sich möglichst gleichgültig eine ihrer hellen Strähnen aus dem Gesicht. Sie blickte ihn herausfordernd an.

»Na was denn?«

»Ich schaue.«

»Schauen? Wohin?«, fragte der Junge jetzt noch neugieriger.

»Blöde Frage. Ich schaue, wie die tanzen, im Ballhaus.« Für Lulu war es das Selbstverständlichste auf der Welt.

»Aha.« Er stutzte. »Aber warum?«

Was für eine Frage. Wer könnte sich diesem Treiben entziehen!

»Weil … es mir gefällt. Außerdem will ich Tänzerin werden.« Lulu versuchte, möglichst überzeugend zu wirken, und hoffte, dass ihre Stimme fest klang.

»Pfff«, zischte er abwertend. »Donnerlittchen! Ne Tänzerin? Du?« Der Junge lachte.

»Ja, richtig. Ich.« Sie streckte sich demonstrativ in die Höhe: Schultern zurück, Bauch eingezogen, Kopf hoch, Kinn leicht nach oben. Dazu klimperte sie bedeutungsvoll mit ihren Wimpern.

»Soso.« Er fixierte sie von oben bis unten, blieb misstrauisch. »Kannste das überhaupt? Tanzen?«

»Was geht dich das an?«, raunzte Lulu ihn an, sein Ton ärgerte sie.

»Nichts, aber ich … könnte dich verpfeifen.« Er legte den Kopf schief und hob eine Augenbraue.

»Pah! Und, was hättest du davon? Ich tu ja keinem was!« Trotzig verschränkte Lulu die Arme vor der Brust.

»Tja, weißte, meinem Vater gehört der Schuppen schließlich.«

»Was?« Lulu machte große Augen. Ein Triumph für ihn.

»Da kiekste, wa?« Er genoss sichtlich ihre Überraschung.

»Dann bist du also …?«, fragte sie zögernd, und eine Ahnung überkam sie.

»David Sternberg!«, sagte er stolz und reichte ihr seine rechte Hand. »Und du? Raus damit, wie heißt du, Blondzopf?«

»Lulu«, antwortete sie etwas schüchtern, schlug aber ein, lächelte vorsichtig und blickte ihm direkt in die Augen. Ihre kleine zarte Hand schüttelte seine raue mit festem Griff.

»Angenehm.« Nach einer kurzen Pause zog er sie wieder zurück und lachte. »Lulu? Das ist doch kein Name für ein Mädchen! Du bist doch kein Kanarienvogel?«

»Hahaha. Sehr witzig, David Sternberg. Kennst du etwa einen Kanarienvogel namens Lulu?«, fragte sie spöttisch.

»Nee«, gab er mit einem Grinsen zu.

»Siehste«, sagte sie und fuhr fort: »Eigentlich heiße ich Anna – Anna Schneider. Aber alle sagen Lulu. Schon immer. Meine Mutter hat den Namen ausgesucht. So heißt die Hauptfigur in einem ihrer liebsten Theaterstücke. Und überhaupt … gefällt er mir auch«, erklärte sie entschieden.

»Mir auch!«, fand David prompt, und sein Blick zeigte, dass er es ehrlich meinte. »Du kommst öfter her, stimmt’s? Hab dich schon ein paarmal hier gesehen. Dort hinten, guck, da ist nämlich mein Geheimversteck, im Bretterverschlag.« Er deutete auf eine Art Unterstand um die Ecke vom Wintergarten. Hinter den achtlos zusammengezimmerten Holzbalken brannte Kerzenlicht, sodass Lulu jetzt auch eine Art vorderen Zugang erkannte.

»Oh.« Lulu staunte. »Ich dachte immer, da kommt man zu den Toiletten?« Das war ihr vorher nie aufgefallen, und den Jungen hatte sie auch noch nie zuvor gesehen. Alles was sie bisher interessiert hatte, war im Ballhaus gewesen, nicht die Umgebung. Und warum hatte er sie vorher nie angesprochen? Was wollte er jetzt von ihr? Plötzlich bekam sie Angst, dass er ihr Versteck auffliegen ließ und alles, was damit zusammenhing.

»Das stimmt«, antwortete er bereitwillig, »aber die Tür vom Korridor nach hier hinten raus ist für Gäste verschlossen. Sonst könnten die sich nach ihrem Geschäft ja am Ende heimlich davonstehlen!« David grinste sie an. »Wo wohnst du? In der Nähe? Scheunenviertel?«, fragte er neugierig.

»Nur ein paar Häuser weiter, Auguststraße 20, oben, dritter Stock.«

»Echt? Sieh an, dann sind wir ja sogar so was wie Nachbarn! Wir wohnen hier, im ersten Stock, direkt überm Tanzsaal«, er deutete mit dem Finger auf das Haus. Dann überlegte er kurz, bevor er weitersprach. »Du, kleine Tänzerin. Pass auf. Lass uns was versprechen. Kein Wort von dir zu irgendjemand über meine Hütte, ja? Wär nicht gut, wenn das die Runde macht. Und ich verrate im Gegenzug niemandem, dass du dich hier rumtreibst und heimlich das Geschwofe im Saal beobachtest … Schritte abguckst und übst, ohne zu zahlen.« Er zwinkerte ihr verschwörerisch zu. »Einverstanden?«

Lulu wurde rot und hoffte, dass er das in der Dunkelheit nicht sehen konnte. Sie mochte sich lieber nicht vorstellen, was er noch so alles von ihr wusste. »Einverstanden!«, sprudelte es deshalb aus ihr heraus.

David lächelte. Nett sah das aus. »Großes Indianerehrenwort?«

»Versprochen«, sagte sie feierlich und setzte zur Sicherheit hinzu: »Ehrenwort.«

»Schön. Abgemacht. Keine Sorge, dit werden wir schon drehn.« Zum zweiten Mal reichte er ihr seine Hand. Sie schlug erleichtert ein und lächelte nun auch. Einen Moment lang standen sie unschlüssig da, hielten sich an den Händen und schauten sich an. Ihr kam es vor, als stünde kurz die Zeit still.

Plötzlich ließ er los und trat etwas verlegen von einem Bein aufs andere. »Äh, Blondzopf … haste Hunger? Ich hab noch zwei Butterstullen. Nicht mehr ganz frisch, aber besser als nix. Kommste mit?«

Sie wusste nicht wohin, und was sie sagen sollte, und zuckte nur mit den Achseln. »Weiß nicht …«

»Los, Frollein, keine Angst! Auf geht’s. Ich zeig dir meine Bude!« David machte ein Zeichen mit dem Kopf und pfiff leicht durch die Zähne, dabei wippte eine Locke über seiner Stirn wie zur Musik. Ohne ihre Antwort abzuwarten, drehte er sich um und lief zum Bretterverschlag.

Ein bisschen störte es Lulu, dass er sie herumkommandierte. Andererseits fand sie diesen unbekannten Jungen mit dem hübschen Gesicht aber so interessant und auf eine Weise geheimnisvoll, dass sie ihm schließlich ohne Widerrede folgte.

Das warme Kerzenlicht in seinem Versteck flackerte einladend und schien zwischen den achtlos zusammengezimmerten Holzbalken nach draußen in die Dunkelheit. David wartete am Eingang auf sie. Die Umrisse seiner Gestalt sahen aus wie ein Scherenschnitt.

In diesem Augenblick spürte Lulu ganz tief in ihrem Herzen, dass diese Begegnung ihr Leben für immer verändern würde.

3

Claire wachte erschrocken auf. Sie gähnte und sah sich um. War sie auf der Chaiselongue eingeschlafen? Sie rieb sich die Augen und warf einen prüfenden Blick auf die alte Pendeluhr an der Wand im Wohnzimmer. Schon acht. Die große Uhr aus dunklem Mahagoniholz, elegant und schön, war die einzige Hinterlassenschaft ihrer Großeltern, die sie bei ihrem Umzug damals mit nach Berlin nehmen durfte.

Du meine Güte,so spät. Es war tatsächlich schon Abend. Sie fühlte sich benommen und schwach. Trotzdem bemühte sie sich, die Glieder zu strecken und zu bewegen. Hatte sie nicht eben noch geträumt? Sie war doch gerade am Meer gewesen. Zu Hause … und mit nackten Füßen am Strand herumgesprungen, zum Wasser gelaufen. Sie hatte sogar den warmen Sand unter ihren Füßen gespürt. Die Wellen der Ostsee klatschten leise ans Ufer, die Sonne brannte auf ihrer Haut. Im Traum war es Hochsommer gewesen. Claire hatte die Bilder noch genau vor Augen und wollte nichts lieber, als so schnell wie möglich wieder zurück in das salzige Nass zu tauchen. Bitte, lieber Gott. Spüren, wie das Wasser kühl ihre Zehen umspülte, sie darin planschte, und dann mit ihrem restlichen Körper ins Grünblau hinabtauchen.

Claire liebte das Meer über alles und vermisste es. Aber in der Realität war es unendlich weit weg von ihr, erschien unerreichbar … Sie hatte keine Wahl, sie musste aufstehen, sich kümmern. Ihre kleine Lulu brauchte sie. Claire bekam ein schlechtes Gewissen. Was war sie bloß für eine Mutter?

Draußen war es stockdunkel. Ernst konnte jeden Moment zurückkommen. Langsam versuchte Claire, sich aufzusetzen. Sie stöhnte auf. Ihr Kopf tat höllisch weh und dröhnte fürchterlich, schwindelig war ihr auch. Ach natürlich, der Wein. Waren es ein oder zwei Flaschen gewesen? Sie hatte es vergessen. Aufrecht blieb sie sitzen und atmete ruhig durch, lauschte. Kein Mucks war zu hören. Wo war Lulu?

Ich muss mich waschen. Die langen haselnussbraunen Haare hingen ihr schweißnass ins Gesicht, die Augen waren schwer und verklebt. Ihr Anblick wäre Ernst sicher der nächste Dorn im Auge. Sie durfte sich nicht derart gehen lassen. Seit ihrem furchtbaren Streit gestern Abend war er nicht mehr aufgetaucht. Claire hatte sich vor ihm ins Bett gelegt, war geflüchtet, weil es keinen Ausweg, keine Hoffnung auf ein friedliches Ende der Auseinandersetzung gab. Er war erst mitten in der Nacht ins Schlafzimmer gekommen und am Morgen früh zur Arbeit verschwunden, als sie noch im Tiefschlaf war.

Claire fasste sich an ihren Brummschädel. Eine Unruhe überkam sie. Lulu. Hatte ihre Tochter vorhin etwas zu ihr gesagt, wo sie hinwollte? Auch das hatte sie vergessen.

»Lulu?«, rief Claire unsicher in den Raum hinein, wie zur Probe. Dann lauter: »Liebling, wo bist du?«

Keine Antwort.

Langsam erhob sie sich von der Couch, streckte ihre Glieder und rückte ihr Kleid zurecht. Etwas knackte beim Aufstehen. Ihr Nacken war steif, sie konnte kaum nach links schauen. Sie fühlte sich wie von einer Pferdekutsche überfahren.

Wie viel lieber würde sie nun wirklich im Meer baden … Früher, als Kind in Ostpreußen, war sie das einzige Mädchen in ihrem Alter gewesen, das schwimmen konnte. Grand-mère behauptete immer auf Französisch, ihrer Muttersprache, das läge an ihren Augen, denn die wären so türkisblau wie das Wasser. Bestimmt wäre Claire in Wahrheit eine echte Meerjungfrau. Dieser Gedanke hatte ihr als Kind schon gefallen, und sie begann es zu glauben …

Bevor sie allzu rührselig wurde, schob sie die Erinnerung an ihre geliebte Großmutter fort. Sie blickte umher und beschloss, zunächst dieses Chaos zügig zu beseitigen, damit Ernst nichts zu meckern fand.

Die leeren Rotweinflaschen und das alte Geschirr räumte sie in die Küche. Anschließend klaubte sie die Zeitungen und ihr Nähzeug vom Boden auf, schüttelte die schweren Kissen aus und platzierte sie sorgfältig auf der Chaiselongue. Dann faltete sie die Wolldecke zusammen und legte sie daneben.

Wo steckte nur Lulu? Bestimmt war sie zum Ballhaus gelaufen. Es konnte nur so sein. Eigentlich war Claire das sonnenklar, dennoch sah sie überall nach, im Kinderzimmer, Schlafzimmer, Bad.

»Kind? … Liebling?« Überall dunkle Stille. Gut, so würde sie sich in Ruhe frisch machen können. Das schmutzige Geschirr musste gespült werden, das Feuerholz nachgelegt, die Löcher in den Strümpfen gestopft – und Ernst hatte sicher Hunger.

Claire seufzte bei dem Gedanken daran. Ihr fehlte die Kraft für alles. Sollte sie sich vielleicht doch noch eine neue Flasche aufmachen …? Sie verwarf den Gedanken.

Sie schleppte sich ins Badezimmer zum Waschbecken und schöpfte sich mit beiden Händen Wasser ins Gesicht. Dann trank sie einen großen Schluck aus dem Hahn und wusch sich die Hände. Der anschließende Blick in den Spiegel erschreckte sie.

Alt, müde und traurig sah Claire aus, mit tiefen, dunklen Augenringen. Die Farbe verschwamm, Tränen liefen ihr über die Wangen. Jede einzelne erzählte etwas von ihr und ihrem Schmerz, der einfach nicht weggehen wollte.

Was ist aus dir geworden, Claire Bernot?

»Ich weiß es nicht!«, brüllte sie ihr Spiegelbild an. Dann schrie sie, so laut sie konnte. Plötzlich schämte sie sich wieder. Sie trocknete ihre Tränen, kämmte sich die Haare und steckte sie zu einem Dutt zusammen. Irgendwann werde ich sie abschneiden.

Doch jetzt musste sie schnell in die Küche. Ernst war bestimmt gleich zurück. Nur eine klitzekleine Verschnaufpause … ein paar Minuten Ruhe.

Sie ging noch einmal zurück ins Wohnzimmer, legte schnell ihre Lieblingsmusik auf das Grammophon, das sie von der alten Frieda im Erdgeschoss geschenkt bekommen hatte. Tschaikowski. Schwanensee. Schon die ersten Töne ließen sie schweben. Ihr Herz wurde sofort etwas leichter. Sie wiegte sich hin und her. Der Tanz der vier kleinen Schwäne. Wundervoll. Was für ein Meisterwerk hatte er mit dieser Musik erschaffen. Sie kannte jeden einzelnen Ton in- und auswendig. Claire konzentrierte sich einen Moment, schwang ihre Arme in die Höhe, brachte ihre Füße in Position und versuchte sich an einer Pirouette. Dabei wurde ihr etwas übel, und auch ihr restlicher Körper wollte ihr partout nicht gehorchen. Ihre Glieder fühlten sich schwer an. Nicht einmal tanzen konnte sie mehr …

»Schluss!«, schimpfte sie sich laut. Die Hausarbeit wartete. Mit einem lauten Seufzer zwang sie sich, in die Realität zurückzukehren. Claire warf noch einen letzten Blick auf die kleine Tänzerin aus Porzellan im Büfettschrank. Wenn man ihre Spieluhr aufzog, erklang Odettes Melodie. Wie gerne wäre sie Tänzerin geworden. Wie gerne wäre sie jetzt am Meer. Wie gerne wäre sie auch nur ein einziges Mal glücklich. Aus der Traum. Ihr ganzes Leben war ein einziger Konjunktiv.

Im Treppenhaus polterte jemand die Stufen herauf. Unwillkürlich zuckte sie zusammen und versteifte sich. Ihr Mann war im Anmarsch. Es gab sonst keinen Menschen, den sie kannte, der bei allem, was er tat, derart laut war. Beim Gehen, Reden, Essen, sogar beim Schlafen. Sein Schnarchen hielt sie jede Nacht wach. Claire lag oft hellwach neben ihm, achtete auf jedes Geräusch und wurde schier wahnsinnig dabei.

Seine Schritte erklangen nun vor der Wohnungstür, sie wappnete sich. Schon schloss er auf, und sie hörte ihn im Flur. Er zog seine Stiefel aus und schmiss sie auf den Boden. Legte Mantel und Hut ab, warf die Sachen über die Garderobe. Jede einzelne seiner Bewegungen sah sie vor ihrem inneren Auge. Sie begann am ganzen Körper zu zittern. Warum hatte sie kein Feuerholz nachgelegt?

»Claire?«, rief Ernst. »Ich bin da!«

Als hätte sie das nicht mitbekommen. Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper, um das Frösteln zu stoppen. Schnell brachte sie das Grammophon zum Schweigen. Stille. Die kleine Tänzerin warf ihr einen traurigen Blick zu und schien zu rufen: Schnell, spute dich.

»Was gibt’s zu essen? Ich hab Hunger wie ein Wolf!«, teilte er ihr sofort ungefragt mit, und sie hörte, wie er die Küchentür öffnete, wo der Ofen noch kalt war.

4

Hereinspaziert, hereinspaziert, willkommen in meinem kleinen Reich!« David verbeugte sich und hielt die löchrige Decke für sie hoch, die er als provisorische Eingangstür notdürftig über den Balken des Bretterverschlags gehämmert hatte. Dann strahlte er sie einladend an.

»Danke vielmals, mein Herr!«, spielte Lulu mit und schritt elegant wie eine Königin über die Schwelle. Sie war so gespannt, was sie hier erwartete. Noch nie zuvor hatte sie ein Junge in sein Geheimversteck gebracht.

»Tadaaaa!«, sagte David feierlich und zeigte mit einer ausladenden Armbewegung auf den Raum. Er war sichtlich stolz. Lulu sah sich neugierig um. Auf einer umgedrehten Holzkiste in der Ecke stand ein dreiarmiger Messingleuchter mit Kerzen auf einer kleinen, bunt bestickten Tischdecke. Die Flammen flackerten und verbreiteten warmes Licht. Daneben fanden sich ein alter Holzhocker und eine etwas größere Kiste, darin lagen jede Menge Zeitungen, Bilder und vollgekritzelte Blätter. Direkt gegenüber vom Eingang entdeckte sie einen Schaukelstuhl, wie sie ihn nur aus der guten Stube ihrer Großeltern kannte. Wo hatte David den wohl aufgetrieben? Er sah einladend aus und war ausgelegt mit einer Wolldecke und einem Kissen mit dunkelrotem Samtbezug. Ein ziemlich in die Jahre gekommener Kuschelbär mit Schal saß darin und blickte sie mit seinen Kulleraugen freundlich an.

»Du denkst jetzt bestimmt, da bin ich doch viel zu alt für, stimmt’s? Darf ich vorstellen: Das ist Onkel Wilhelm«, erklärte David und deutete auf den Stuhl.

»Der Schaukelstuhl?«

Er grinste. »Nee, Witzbold, nicht doch, der Bär! Ich hab ihn seit meiner Geburt. Ist eine Art Glücksbringer. Nicht dass du denkst, ich spiel noch mit ihm!«

»Tust du nicht? Sag bloß.« Lulu zwinkerte ihm zu und grüßte den Bären mit einem Knicks: »Guten Abend, Onkel Wilhelm!«

»Juten Abend, schönes Frollein! Wie wär’s denn mit uns beiden? Ick kann ooch kochen und Schach spielen!«, antwortete David mit verstellter Stimme. Und mit seiner eigenen flüsterte er verschwörerisch: »Er kann sprechen.«

»Schach muss er mir erst beibringen – aber kochen kann ich auch!« Beide mussten lachen, und das Eis war endgültig gebrochen.

Lulu sah sich weiter um. Rechts von ihr, neben dem Schaukelstuhl, lehnte an der schiefen Bretterwand ein selbstgezimmertes Regal. Ganz oben stand ein goldener Vogelkäfig mit geöffneter Tür. In den einzelnen Böden erkannte sie Bücher, ein paar Atlanten und Bildbände, Kartons mit Spielsachen und Krimskrams – Zinnsoldaten, eine Eisenbahn, eine Trommel, ein Säbel, Büchsen, Holzautos, Stifte, Wolle und Garn, Malstifte, ein Messer, eine Schere und anderes Werkzeug – und dann unten: eine Schatzkiste aus Metall. Lulu war fasziniert. Das alles sollte David gehören?

»Gefällt’s dir? Mein Reich?«, fragte er.

»Ja, sehr!«, sagte sie wie aus der Pistole geschossen. »Es ist wirklich schön! Du hast hier so viele Dinge …«

Zwischen Schaukelstuhl und Regal entdeckte sie jetzt auch ein mittelgroßes geknüpftes Wandbild, das einen siebenarmigen Leuchter zeigte. David folgte ihrem Blick. »Das ist die Menora. Wir sind Juden, weißt du? Sie ist wichtig für uns. Ich mag, was sie bedeutet.«

»Was denn?«, wollte Lulu wissen. Von einer Menora hatte sie noch nie gehört.

»Das Licht Gottes, das Leben spendet und Erleuchtung bringt. So lehrt es unser Rabbi. Das Licht strahlt stark und hell, wie die Liebe Gottes zu uns Menschen. Unser Volk Israel sollte auch zu einem Licht unter allen Völkern werden. Und jeder einzelne Arm des Leuchters, schau, es sind sieben, steht für einen Tag der Schöpfungsgeschichte«, erklärte der Junge wie aus dem Religionsbuch. Lulu verstand nicht wirklich, was das genau bedeutete, aber es klang wundervoll.

Sie schwiegen und betrachteten stumm das Wandbild. Es beeindruckte Lulu, was David hier für sich gebaut hatte. Wie er sich ausdrücken konnte und wie selbstsicher er wirkte. Noch nie hatte sie mit einem Jungen in ihrem Alter ein Geheimnis geteilt.

»Was ist mit dir? Glaubst du an Gott?«, riss David sie aus ihren Gedanken.

Sie überlegte kurz. »Meine Eltern schon, aber wir gehen nie in die Kirche. Ich weiß gar nicht recht, an was ich glaube, hab noch nie darüber nachgedacht. Eigentlich nicht … Wenn ich mir vorstelle, was so alles passiert, die Kriege und Krankheiten, bei all dem Bösen auf der Welt … Wie kann es da einen Gott geben?« Lulu wusste nicht weiter und schaute unsicher zu ihm hoch.

»Bei all dem Schönen und Guten auf der Welt, wie kann es ihn da nicht geben?«, parierte David, und seine Augen blitzten herausfordernd. Lulu zuckte ratlos mit den Schultern.

»Egal. Na komm, setz dich endlich! Du darfst auf den Schaukelstuhl. Nimm Onkel Wilhelm ruhig weg. Haste Hunger?«

»Wie Bolle!«, rief Lulu ziemlich erleichtert, dass er das Thema wechselte. Sie setzte sich in den Stuhl, nahm den Bären auf den Schoß und schaukelte vorsichtig.

David fischte aus einer braunen Lederumhängetasche, die seitlich am Regal hing, zwei in Zeitungspapier eingewickelte Butterstullen. Dann warf er ihr eine zu. »Fang!« Geistesgegenwärtig schnappte sie das Päckchen mit beiden Händen.

»Nicht schlecht für ’ne Krabbe!«, grinste er anerkennend, nahm selbst am Tisch Platz, schälte das Brot aus dem Papier und biss herzhaft hinein. Lulu merkte erst jetzt, wie hungrig sie wirklich war, und brach sich ein großes Stück der Butterstulle ab. Seit Mittag hatte sie nichts mehr gegessen.

»Auch Durst?«, wollte David wissen. Lulu nickte dankbar, und er brachte ihr eine Feldflasche mit Wasser, die sie bis zur Hälfte in einem Zug leerte.

Beide kauten mit vollen Backen, ohne dabei zu reden. Nur ihr Schmatzen und Schlucken war noch zu hören. Ein bisschen schaukelte Lulu dabei, Onkel Wilhelm auf ihrem Schoß. Es war richtig gemütlich hier.

Plötzlich hörte sie ein lautes Geräusch. Ein Schlag von außen an die Bretterwand. Sie zuckten beide zusammen und schauten sich erschrocken an.

»Was war das?«, fragte Lulu ängstlich.

»Keine Ahnung. Pssst …« David legte den Zeigefinger auf den Mund. Sie horchten angespannt.

Nichts. Kein auffälliges Geräusch war mehr zu hören. Nur der Wind pfiff stärker als vorhin um das durchlässige Holzdach.

»Hm. Vielleicht eine Katze«, spekulierte er.

Rasch aßen sie ihre Stullen auf und leerten die Feldflasche bis auf den letzten Tropfen. Nun ging es ihr besser; das Loch in ihrem Magen war verschwunden. Das Wiegen des Schaukelstuhls beruhigte Lulu, auch wenn er dabei etwas knarzte. Sie streichelte den weichen Kopf des Bären, so wie sie es selbst gerne mochte. David nahm sein Taschenmesser und schnitzte an einer Holzfigur weiter.

Nach einer Weile fragte Lulu: »Und du gehörst wirklich zum Ballhaus?« Sie konnte es nicht fassen, dass Sternberg sein Vater sein sollte und er sogar in ihrem Lieblingsort lebte.

David erzählte, dass seine Mutter Ludmilla hieß, Sängerin war und russische Wurzeln hatte, geboren in Moskau. Sie wäre sehr hübsch, das sagte jeder, mit langen rotbraunen Haaren und feurigen Augen. Seine Eltern hatten sich in einem Künstlercafé kennengelernt, in dem sie kellnerte, weil niemand ihr ein Engagement geben wollte. So fing alles an …

Lulu hörte David gerne zu, weil es wie ein Märchen klang, was er erzählte, und sie seine Stimme mochte. Sie war rau und kratzig, und es schwang ein frecher Unterton mit.

Angeblich war seine Mutter sofort verliebt gewesen in den scheuen jungen Kaufmann Levi. Zudem spielte er großartig Klavier und gab auch in jenem Kaffeehaus, dem bei allen Künstlern beliebten Romanischen Café, ab und zu eine Kostprobe seines Könnens. Er spielte einhändig, weil seine linke Hand seit seiner Geburt verkrüppelt war, was jedoch seine Virtuosität nur noch verstärkte. Aus irgendeinem Grund war er lange Zeit zwar freundlich, aber sehr distanziert geblieben, was Ludmilla betraf. Eines Tages hätte Levi sie jedoch aufgeregt im Café aufgesucht, sie sich wortlos geschnappt und am Arm auf die Straße hinausgezerrt. Ludmilla wäre vollkommen überrumpelt gewesen. Auf dem Gehweg hatte er ihre Hände genommen und ihr einen Heiratsantrag gemacht.

»Einfach so?«, staunte Lulu.

»Ja, einfach so! Ohne Vorwarnung. Und sie hat sofort zugestimmt. Stell dir vor. Überglücklich war sie.« David zuckte mit den Schultern. Sie gaben sich dann ein paar Monate später das Jawort, und ein Jahr darauf wurde er geboren. Seine Mutter würde jetzt im Ballhaus an der Bar mithelfen.

»Alle hier haben ein bisschen Angst vor ihr, sie kann ganz schön launisch sein, weißt du? Und mit ihrem Temperament hält sie einen echt auf Trab.« David grinste und schnitzte weiter an seinem Holzstück. »Ich hau ab, wenn sie mir zu sehr auf die Nerven geht«, verriet er, während die Späne auf den Boden rieselten.

»Das kenn ich. Mach ich auch, wenn mein Vater …« Sie stoppte.

»Was meinst du?«

»Ach … vergiss es!« Lulu wollte nicht näher darauf eingehen, sie kannte ihn ja kaum.

David verstand vielleicht, denn er beließ es dabei. »Hast du Geschwister?«, fragte er stattdessen. »Jetzt bist du dran! Erzähl.«

Lulu berichtete, dass sie wie er ein Einzelkind war, und erzählte von ihrem Zuhause. Beim Plaudern wunderte es sie, dass es ihr gar nicht schwerfiel, David das alles zu verraten. Er hörte ernst und aufmerksam zu. Also öffnete sie sich doch noch etwas mehr.

»Nichts kann man Papa recht machen. Er hat an nichts Freude. Meistens ist er unausstehlich«, flüsterte Lulu. »Und deshalb … mach ich mir Sorgen – um Mama«, gestand sie David niedergeschlagen.

»Warum? Behandelt er sie schlecht?«

»Etwas stimmt nicht mit ihr. Sie lacht kaum. Weißt du, meine Eltern streiten zu viel. Und je lauter Papa wird, desto schweigsamer wird Mama …« Lulus Stimme zitterte ein wenig, als sie das aussprach. »Mir macht das Angst.« Sie erklärte David, dass sie deshalb glücklich gewesen war, das Ballhaus entdeckt zu haben. Denn da war es schön, fröhlich, und alles schien schwerelos.

Lulu senkte den Blick und fühlte einen Stich im Herzen. »Nur das Tanzen mit mir heitert Mama noch auf. Aber das kommt nicht allzu oft vor.«

David schien nachzudenken. »Das ist traurig.«

»Ja …« Lulu schluckte, auf keinen Fall wollte sie vor ihm anfangen zu weinen. Sie begann schnell, ihren Zopf um den Finger zu wickeln.

»Willst du denn deiner Mutter zuliebe Tänzerin werden?«

»Nein! Quatsch. Tanzen fällt mir leicht, es ist für mich … ganz natürlich … wie trinken, essen, schlafen. Verstehst du? Und ich kann vergessen, was ich fühle und trotzdem … durchs Tanzen sprechen.«

»Durchs Tanzen sprechen?«, wunderte sich David und schnitzte jetzt am Kopf seiner Holzfigur herum. »Das hört sich komisch an!« Lulu lächelte ihn an und hoffte, dass er sie nicht für vollkommen bekloppt hielt. Glücklicherweise nickte er plötzlich. »Ja, doch, das kenne ich! So ähnlich geht es mir beim Klavierspielen. Oft vergesse ich dann alles um mich herum. Die Musik hilft mir, wenn es mir schlecht geht. Und wenn es mir gut geht, klappt das auch!«

»Klar!« Lulu wusste genau, was er meinte. Sie kuschelte sich etwas tiefer in die Decke, legte ihren Kopf auf den Bären und schaukelte hin und her. Wieder schwiegen sie eine Weile, jeder hing seinen Gedanken nach. David schnitzte weiter an seiner Holzfigur. Es sah geübt und zügig aus. Sie konnte noch nicht erkennen, was es werden sollte.

Nach ein paar Minuten fing Lulus Blick etwas anderes ein, das sie neugierig werden ließ. Sie zeigte auf das Regal und fragte David geradeheraus: »Die Kiste. Ganz unten. Was ist da drin?«

»Meine Schätze! Ich zeig’s dir.« Er sprang auf und holte sie heraus, setzte sich damit vor Lulu auf den Boden. Dann nahm er einen kleinen Schlüssel aus seiner Hosentasche und öffnete das Schloss. »Schau!«, rief er, schob den Deckel zurück und kam noch ein Stück näher.

Lulu rutschte von ihrem Platz, hockte sich kurzerhand neben ihn und reckte den Hals, um gut sehen zu können. Die Kiste war bis obenhin gefüllt mit Schätzen, die er ihr alle nacheinander zum Begutachten reichte und anschließend stolz auf dem Boden ausbreitete: bunte Murmeln, Stifte, alle Arten von Bonbontüten, eine Zirkusspieluhr, noch mehr selbst geschnitztes Holzspielzeug, ein paar zerfledderte Bücher, Sammelbilder, ein Jo-Jo, alte Münzen, Briefmarken, eine goldene Taschenuhr von seinem Großvater, eine Anstecknadel, die er im Wintergarten gefunden hatte, und einige Fotografien seiner Familie.

Lulu staunte. »Was für eine Sammlung! Und alle Sachen mit einer eigenen Geschichte dazu. In einem echten Geheimversteck! Das wünschte ich mir auch.«

»Hey, Blondzopf, du darfst dir was aussuchen!« David strahlte sie an und deutete auf all die Schätze.

»Ehrlich?« Lulu fragte sich, ob da nicht noch eine Bedingung dran geknüpft war.

»Bis auf die goldene Uhr natürlich«, ergänzte er schnell mit einem Augenzwinkern.

»Keine Sorge!«, rief sie, pfiff auf ihre Bedenken und wühlte neugierig in den Schätzen herum. Begutachtete mal den einen, mal den anderen Gegenstand. Auf einmal hustete jemand draußen vor der Hütte. Dann folgte ein lautes Niesen. Im gleichen Moment zuckten sie beide vor Schreck zusammen und drehten sich alarmiert Richtung Eingang.

»Wer war das?«, flüsterte sie etwas ängstlich David zu. In seinem Blick las sie, dass auch er völlig überrumpelt war.

»Ich weiß es nicht«, formte er lautlos mit den Lippen, dann legte er seinen Finger auf den Mund. »Pssst …« Er stand auf und schlich auf Zehenspitzen zum Vorhang. In der gleichen Sekunde sah sie ein Augenpaar durch die Bretter lugen. Oje, da beobachtete sie doch die ganze Zeit jemand!

»David, da ist einer!«, raunte sie ihm aufgeregt zu. Er gab ihr ein Zeichen, sich weiter still zu verhalten.

»Schau mal, das Buch hier ist was ganz Besonderes«, sagte David dann extra laut und verschwand blitzschnell hinaus. Lulu blieb regungslos sitzen und hielt den Atem an.

»Hab ich dich!«, hörte sie David Sekunden später von draußen rufen. Dann folgte ein wildes Gerangel, zwischendurch rumpelte es gefährlich an der Bretterwand. Lulu sprang auf und verfolgte alarmiert, was draußen als Nächstes passierte.

»Du Spanner!«, schrie David wütend.

»Aua, hey, was soll das? Autsch! Lass mich los!« Eine andere Jungenstimme, die ihr verdächtig bekannt vorkam, beschwerte sich lautstark.

»Was willst du hier, hä? Na los, raus damit! Wer bist du?«, versuchte David etwas aus dem Spion herauszubekommen.

»Lass mich los! Du tust mir weh!«

»Erst, wenn du mir deinen Namen verrätst. Wie heißt du? Was machst du hier? Raus damit, Spanner!«

»Blödmann!«, brüllte der andere außer sich. Lulu spitzte die Ohren. Wieder vernahm sie Kampfgeräusche und das Schnaufen der Jungen, es ging hin und her, bis David ungeduldig rief: »Los jetzt! Wie heißt du?«

Keine Antwort. Lulu harrte gelähmt vor Spannung in der Hütte aus. Woher kannte sie nur die Stimme?

»Also gut. Dann bist du jetzt mein Gefangener.« David klang entschlossen. Kurz darauf stürmte er auch schon mit dem Unbekannten durch den Vorhang herein, sodass sich Lulu erschreckte. Der Gefangene wurde von David mit hinterm Rücken fest umklammerten Händen geführt und sah ziemlich erbost aus.

Es war ein blonder Junge mit knallrotem Gesicht. Er verzog den Mund und schaute zu Boden. Lulu erstarrte. »Fritz?«

David blickte überrascht von einem zum anderen. »Ihr kennt euch?«

»Ja, das ist Fritz. Fritz Krause. Der wohnt in der Nähe, in den Heckmannhöfen«, erklärte Lulu schnell.

»Das ist ja interessant. Stimmt das, du Suppenkasper? Fritz also?«, zischte David ihm zu und verstärkte nochmals seinen Griff.

»Aua! Jawoll. Erstatte Meldung: Krause, Friedrich, Spitzname Fritz. Das bin ich. Und der Beschützer von der da«, stellte Fritz sich militärisch vor und deutete mit dem Kopf auf sie.

»Wie bitte?« David verstand kein Wort und schaute Lulu fragend an. Sie spürte die Röte in ihrem Gesicht aufsteigen.

»Weißt du, der Fritz, er … also … wir haben fast denselben Schulweg. Er hat mir mal mit ein paar Halunken geholfen, die mich auf der Friedrichstraße überfallen wollten, als ich alleine unterwegs war. Seitdem will er mich immer beschützen …«, versuchte sie, David die Sachlage zu beschreiben. Dann fuhr sie Fritz erbost an: »Hast du mich etwa verfolgt? Bis hierher?« Lulu war fassungslos.

»Ohne mich hätten die Gott weiß was mit dir angestellt! Das weißt du genau«, verteidigte sich Fritz. Beleidigt zog er einen Schmollmund. Und an David gewandt, der ihn immer noch festhielt, ergänzte er patzig: »Außerdem kenne ich sie schon viel länger als du. Das nennt man ältere Rechte. Also lass mich jetzt endlich los, Sternberg!«

»Woher kennst du meinen Namen?«, fragte David verblüfft. Dann entließ er Fritz aus seiner Umklammerung, schubste ihn an den Schultern nach vorne und stellte sich hin wie ein Leibwächter. Lulu verfolgte die Szene mit zitternden Händen und klopfendem Herzen. Sie hatte wirklich geglaubt, niemand außer ihr kenne den Durchgang vom Nachbarhaus zum Wintergarten. Fritz musste sie beobachtet haben und ihr gefolgt sein. Bei dem Gedanken daran überkam sie ein großes Unbehagen. Sie schwitzte plötzlich, obwohl es im Bretterverschlag fast genauso kalt war wie draußen, und rieb sich den Schweiß von der Stirn.

»Pass mal auf, Krause, ich wiederhole mich ungern: Du machst jetzt sofort die Biege und lässt dich hier nie wieder blicken. Nie wieder! Verstanden?« Mit drohendem Blick taxierte David den Eindringling.

Lulu machte ebenso einen Schritt auf ihren selbst ernannten Aufpasser zu. »Fritz, bitte. Lauf mir nicht mehr nach. Ich komme allein klar. Verstanden? Geh nach Hause.« Sie versuchte, etwas sanfter zu klingen: »Wir sehen uns Montag auf dem Schulweg …«

Doch so leicht ließ sich ihr Beschützer nicht beschwichtigen. Er wirkte in die Enge getrieben, bekam noch mehr rote Flecken im sommersprossigen Gesicht und schnaubte vor Wut. Seine grauen Augen verengten sich. »So schnell willste mich also loswerden? Gleich werd ich ausgetauscht, kaum kommt ein neuer Kamerad daher. Soll ich deinem Vater vielleicht stecken, wo du dich so spät rumtreibst? Und mit wem?«, fragte er zornig.

»Du bist so gemein! Tu das nicht!«, rief Lulu entsetzt. Sie musste schwer an sich halten, sich nicht auf ihn zu stürzen.

»Jetzt reicht’s aber. Hau ab, Krause! Du hältst mal schön deine Klappe und die Füße still. Und hier will ich dich nicht mehr sehen!« David schubste ihn heftig, und in seinen Augen blitzte es. »Sonst setzt es was! Darauf kannst du Gift nehmen.« Er zeigte eine Entschlossenheit, die sie ihm vorhin nicht zugetraut hätte.

Fritz strauchelte kurz nach hinten, fing sich wieder und kam mit beiden Füßen in den Stand. Dann baute er sich vor David auf, der einen Kopf größer war, und spuckte ihm verächtlich vor die Füße. »Vor dir hab ich keine Angst.« Voller Ekel rümpfte der Eindringling die Nase. Lulu zuckte zusammen. David blieb, davon ungerührt, ruhig stehen. Bevor David doch noch etwas erwidern konnte, drehte sich Fritz blitzschnell um und rannte davon.

»Es tut mir leid.« Lulu fand zuerst ihre Sprache wieder und wischte sich über die Augen. Sie wollte David trösten, wusste aber nicht wie. Also legte sie nur die Hand auf seine Schulter.

»Schon gut. So ein Idiot. Den behalte ich im Auge, mach dir keine Sorgen«, sagte David. Er schüttelte den Kopf.

»Ich muss jetzt gehen. Bestimmt krieg ich Ärger. Es ist schon nach neun …« Der Vorfall hatte Lulu gehörig die Laune verdorben. Und beim Gedanken an ihren Vater wurde ihr angst und bange. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass sie nie länger als bis acht im Viertel »herumstromerte«, wie er es schimpfte. Außerdem schloss der Hauswart der Nummer 23 das Eingangstor immer um diese Uhrzeit zu, und dann hätte sie das nächste Problem.

»Warte kurz. Du hast dir gar nichts ausgesucht aus der Schatzkiste. So viel Zeit muss sein! Was gefällt dir?« David lächelte aufmunternd und zeigte auf die ganzen Dinge, die immer noch überall verstreut auf dem lehmigen Boden lagen.