IM DUNST (des vorwinterlichen Waldes). ROMAN - Michael Awischus - E-Book

IM DUNST (des vorwinterlichen Waldes). ROMAN E-Book

Michael Awischus

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Beschreibung

Der Ingenieur Mattias Maruschke trauert in posttraumatischer Situation seiner Jugendliebe Kerstin nach, während er seit über zwanzig Jahren mit Anja verheiratet ist. Er entledigt sich seiner Psychose im selbstgewählten Exil eines Hinterhauses. Doch plötzlich taucht Manuela auf. Was will siehier? Wo kommt sie her? – Ein Psychodrama in den Straßen der Leipziger Südvorstadt.

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Seitenzahl: 279

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Michael Awischus

IM DUNST

(des vorwinterlichen Waldes)

ROMAN

Impressum eBook:

ISBN 978-3-86901-725-9

Copyright (2009) Engelsdorfer Verlag

Impressum Printausgabe:

Bibliografische Information durch

die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet

diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-86901-614-6

Copyright (2009) Engelsdorfer Verlag

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

PROLOG
1
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5
6
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9
10
11

Für Alice

„Die Erinnerung ist das einzige Gefängnis, aus dem man nicht entlassen wird.“

Thomas Stein

PROLOG

Es war ein Gleitflug mit leicht fallender Tendenz. Keine Thermik weit und breit. Mir war als stünde ich auf der Wolke daneben, unbeteiligt schon, desinteressiert, und dem Wunsch nach Ende näher als dem Glauben an Erneuerung. Nichts Erhellendes. Keine Ermutigung. Siechtum in den moosbedeckten Schluchten der Erinnerung.

Und dennoch lag ich wohlbehütet in der schaukelnden Matte grenzenlosen Gebrauchtseins. Streichelte meinen Bauch an den sonnigen Stränden inniger Zuneigung und pendelte als rastloser Reisender zwischen Wahnsinn und Wonne.

Dann verfolgte ich einen Plan.

Der Vorhang ist schnell beiseite geschoben, ein Fächer leicht geöffnet. Trennung, Besinnung, Auferstehung? Alles scheint möglich.

Der unbedachte Schritt hinüber auf ein rosarotes Schlauchboot: Ein belangloses Ereignis für die sich selbst zerreißenden Gedanken. Nichts weiter als das Hinabwälzen eines übermüdeten Körpers. Auf dem Boot steht „Rescue“. Solchermaßen Eintritt in den kontrollierten Krankenstand entwickelt so eine perfide Eigendynamik: Man will ihn nicht, aber er kommt. Schmerzlos bis dahin, narkotisch und atemhauchleicht. Grüner Flieder! Niemand kann sagen, wann und wo es begann: Geilheit allein genügt nicht, Frau Sommer. Und trotzdem:

„Wenn wir siebzig sind, verfluchen wir jeden Tag, an dem wir es nicht gemacht haben.“

Der Bezug zu einer lebensbedrohenden Psychose war schlicht gegeben. Posttraumatisch: Die Vergangenheit. Die Vergangenheit nagt immer und ohne Unterlass. Gerade das ist die heikle Mischung: Vergangenheit und Gegenwart. Wenn du das zusammenbringen willst, dann hast du ein Problem. Aber wenn du es zusammengebracht hast, bist du krank.

Habe ich doch ernsthaft geglaubt, dass ich die eine Frau zurückbekommen und die andere gleichzeitig behalten kann.

Naivität ist die Domäne des rechten Mannes, Berechnung die der Frau.

1

Wer im Wald schon einmal Pilze sammeln war, der weiß: Die Körperhaltung des Suchenden verändert sich leicht in Richtung „nach vorn übergebeugt“ und die Physiognomie baut zusätzliche Falten neben den Augenwinkeln ein sowie quer über die Stirn. Die Atmung wird flach und der Schritt gerät in eine leicht rhythmische Bewegung. Schon nach kurzer Zeit bastelt das Gehirn an einer Schablone und stellt sie im Zentralspeicher bereit. Von dort aus erreichen nur pilzähnliche Gebilde über die Netzhaut und den Sehnerv die Registratur. Also pendelt sich das Auge ein. Die Pupillen erweitern sich. All das unter Ausblendung jeglicher Nebensächlichkeiten. Der Lichteinfall durch die Pupille konzentriert sich auf den Pilz. Der stumpfe Schleier vor der Iris weicht dem Glanz des Fiebers. Das Jagdfieber ist auf der lodernden Bühne des Ehrgeizes zwischen dürren Gehölzen und trockenen Grashalmen längst entflammt. Und die Regie treibt die launige Madame Pilzblick nervös umher. Und nur der Korb, als unbestechlicher und teilnahmsloser Zuschauer, entscheidet über Erfolg und Misserfolg der Darbietung. Auf dem Plakat vor dem Theater steht: Der Pilzsammler. Burleske in einem Akt.

Ähnliches spielt sich ab auf den Gebrauchtwarenmärkten der Republik: Unbändiges Sammelfieber und rasierklingenscharfe Jagdinstinkte. Allerdings wird hier der aufrechte Gang gepflegt. Man trägt die Bierflasche vor sich her wie eine Auszeichnung. Und sowohl klassische Sprüche als auch daher geplapperte Kommentare gelangen zur hohen Blüte: „Das haben wir alles schon einmal weggeschmissen.“ Oder: „Das haben wir alles schon einmal gehabt.“ Aber auch die so genannten Fachgespräche haben einen gewissen Standard: Überwiegend reden die Blinden über die Farben.

Der blonde Schopf einer kleinen Frau genügt, dass die rotierenden Messer wilder Panik meinen Magen zerfetzen. Jedes Mal spüre ich für den Bruchteil einer Sekunde den wütenden Stich. In der Regel gehe ich verstört weiter, pumpe Luft in meine bleiernen Lungen und repariere die Magenwände notdürftig mit den Flicken aus dem zerrissenen Banner urzeitlichen Überlebenswollens. Ich bin im Begriff meinen Weg fortzusetzen. Die kleine zierliche Frau wendet ihren Kopf. Ich erkenne sie: Kerstin! Sie steht hinter einem Stand aus Tapeziertischen voller Bücher. Gelangweilt scheint es. Wie an allen Ständen eines Flohmarktes, bei denen gerade kein Besucher auch nur für das geringste Interesse zeigt.

Es ist der Moment, als ein schwarzer maskierter Mann mich in den Schlamm der Vergangenheit hinunterzieht. Der heiße Strick von kinoleinwandscharfer Erinnerung um den Hals lässt keine Luft zum Atmen. Die heiße Brühe trüber Gegenwart zieht die Haut zusammen. Grässliche Agonie. Mein Herzblut fließt leise ab. Mein Magen lässt die Rollläden krachen. Die Knie verlieren deutlich an Standfestigkeit. Ich sehe mich aus drei Metern Höhe röcheln. Ich stehe da und schaue hilflos zu ihr herüber. Das Ringen nach Luft trübt meine Wahrnehmung. Es ist wie bei der Suche des gorillakopfgroßen Diamanten an den Ufern des Kongo: Zehn Jahre sucht man verbissen, ohne den Gedanken an Glück und Reichtum zu verlieren. Und als man deprimiert und längst auf dem Heimweg an eine freudlose armselige Zukunft denkt, rollt einem der Edelstein ungefragt und zufällig vor die Füße. Man ist zu unvorbereitet, um Freude zu empfinden. Stattdessen wird man übermächtigt von einer unerklärlichen Starrheit, von der Unfähigkeit zu jeglicher Bewegung. Keine Hand, die nach dem Stein greifen könnte. Nicht ein einziger Fuß, der in der Lage wäre sich in Richtung Stein zu bewegen. Erst wenn die Bewegungslosigkeit sich löst und der Verstand als Grundlage jeder kontrollierenden Bewegung in Gang gekommen ist, haben andere den Stein längst munter davongetragen.

Mein Kopf leert sich gluckernd wie eine am Krankenbett hängende Natriumchloridflasche, deren Stöpsel man versehentlich entfernt hat.

Ist sie es wirklich? Kerstin! Woher kommt sie so unerwartet und plötzlich? Warum gab es keine Warnung? Nirgends auch nur das kleinste Anzeichen. Wieso sehe ich den alten Grawunder und Frau Müller da hinten durch die Menge laufen? Das gleiche Gefühl von damals. Nur 26 Jahre später.

1980. Es war keiner der lausigen Frühmärztage, an denen aschgraue Wolken knapp über die Dächer rasten. Nein, es war lau und die Sonne kratzte die Russpartikel aus den roten Ziegelporen. Die alten hohen Häuser der Kolonnadenstraße zeigten ein freundliches Antlitz. Und die Fenster schauten gutgelaunt über die Stadt. Es war Frühling, so schien es. Zumindest lag er in der Luft. Ein paar Vögel kreuzten da oben die Straßenflucht, ohne dass man wusste: Waren es Gänse oder Krähen? Und nirgendwo ein Anzeichen von Unheil. Kein Schmerz soweit das Auge reichte. Es war kein Tag, an dem man Schlechtes ahnte.

Ich kam die Straße vom Ring hinunter und hatte die Idee Schnitzel für Kerstin und mich zu kaufen. Mir stand der Sinn nach einem guten Abendessen und einer Flasche Wein. Jedoch, als ich beim Fleischer im Nachbarhaus die Leute auf der Straße anstehen sah, verschob ich meinen Plan um eine Stunde, schaute noch einmal den Vögeln nach, bog um die Ecke in die Alexanderstraße ein und stieß mit voller Wucht die schmiedeeiserne Tür des ersten Hauses auf. Das Krachen lag noch lange im Hausflur und gutgelaunt sprang ich, immer zwei Stufen nehmend, die Treppe hinauf. Im ersten Stockwerk ermunterte ich mich zu einem Zwischenspurt. Old Grawunder saß gewiss noch auf seinem Halbtreppenklosett, denn es roch nach der unvergleichbaren Mischung aus billiger Zigarre und frisch geschlupftem Sumpfgas. Grawunder war so um die Achtzig und man wusste: Es war das Einzigste, was er noch vom Leben hatte. Frau Müller im dritten Stock entlockte mir heute ein kleines Lächeln. Wie immer lunzte sie aus dem Fenster ihrer Wohnungstür. Und wie jedes Mal, wenn jemand die Treppe hinauf kam, in der Hoffnung, es wäre der Gasmann. Ich klopfte im Vorbeirennen übermütig an ihre Tür und da waren es noch genau 26 Stufen. Verdammt, wo war nur der Wohnungsschlüssel!? Vielleicht war Kerstin schon da und ich musste nur klingeln. So lehnte ich mich mit der Schulter an die Klingel und suchte gleichzeitig meine Jackentasche ab. Offenbar war niemand da. Der Schlüssel fand sich und so schloss ich auf, war mit drei kurzen Schritten über den kleinen Flur und stieß die Küchentür auf.

Ich stockte, riss verwundert die Augen auf. Es war noch nichts realisiert in meinem Hirn, es war noch reines Gefühl. Taumelnd der nächste Schritt und plötzliche Kraftlosigkeit. Atemlosigkeit. Oder was war da? Immer noch kein Gedanke, alles nur Gefühl. Es mutierte zum Scheißgefühl, als es die dunkelgrauen Wolken der Erkenntnis wie ein Düsenjäger durchstieß. Im Vorbeifliegen die Gipfel der schnell entschwindenden Glücksseeligkeit hin zum luftleeren Raum unerwarteter Schmerzen. Sie zuckten meine Wirbelsäule empor. Das Vakuum ließ Hals und Kopf anschwellen. Eine heranzischende Granate fand ihr Ziel mitten in meinem stromlosen Schädel und – sie krepierte. Verletzt schloss ich meine Augen und öffnete sie wieder. Sie zogen die Schlinge um meinen Hals zu. Der matt glänzende Eisenring um meine Brust: Eine rigorose Gewalt presste ihn zusammen. Und irgend so ein Arschloch hieb seine Faust unablässig in meine Magengrube. Ich sah den Kühlschrank, die Fenster. Alles hatte etwas von Endgültigem, Unfassbarem, ja Totem. Ich sank auf die Knie, fiel vorn über, zog mich wieder hoch. Wo waren das Geschirr, die Gardinen? Die Scheiben vom Küchenschrank glotzten mich schwarz und leer an. Überall nasskalte Leblosigkeit. Ich kroch auf allen Vieren links durch den Türrahmen ins Wohnzimmer. Nichts als magere Trostlosigkeit, Leere. Keine Tischdecke mehr und keine Gläser. Leere Wände. Es war nichts mehr da, was auf einen Raum hätte schließen lassen, der von zwei Menschen bewohnt war, die sich liebten. Ich ließ mich an die Wand fallen, streckte die Beine aus und riss den Hemdkragen auf. Es war soweit. Kerstin hatte mich verlassen. An der fissurenhaften Innenwand meines Bauches kroch dumpf der Verdacht hoch, dass vor wenigen Sekunden, direkt vor unserer Wohnungstür, mein unbeschwertes Leben seinen Abschluss gefunden hatte. Ich saß da, röchelte etwas, was soviel wie „Kerstin“ klingen sollte.

Mir war kalt, zum Kotzen übel. Mein Gehirn sprang langsam wieder an und kam auf Drehzahl. Warum? Die Lücke, in der ihre Liege stand, brachte mich vollends um den Verstand. Ein kurzer Blackout nur. Das Ergebnis einer durchgebrannten Sicherung. Vielleicht wäre ich panisch aus dem Fenster gesprungen. Ich versuchte aufzustehen, stakte dann etwas unentschlossen durch die Wohnung. Draußen war es schon dunkel. Was war passiert? Warum war sie weg? Ich versuchte mich zu konzentrieren. Die letzten vier Jahre zogen an meinem inneren Auge vorbei. Es war furchtbar.

Der summende Flohmarkt hängt wie eine Bienenkorbkuppel über uns. Kerstin lässt ihren Blick schweifen. Unsere Blicke treffen sich. Pause! Die Leere des Alls wird mir schlagartig begreifbar. Relativ im Bezug auf die Zeit bedeutet für mich: Es ist die längste Zehntelsekunde meines Lebens. Sie erkennt mich. Und? Sie lacht mir mit voller Herzlichkeit ins Gesicht. Was für ein Signal. Ich stolpere nach vorn. Nie hätte ich gedacht, dass sie mir jemals in meinem Leben noch einmal so zulachen würde. In der Halle summt der Bienenkorb jetzt doppelt so laut. Ich komme bei ihr an. Wir reichen uns die Hände. Sie erklärte die Umstände: „Siehst du, soweit ist es schon gekommen mit uns Kinderärzten.“ Dabei zeigt sie auf den Tapeziertisch: Bücher. Unendlich viele Bücher. Weiter drüben ein Mädchen mit rosskastanienbraunem Haar. Mit dem Rücken zu mir knuddelt sie einen der zahlreichen Hunde, die herumliegen. Soweit ich zählen kann, sind es drei.

„Wie geht’s?“

„Gut.“

„Was machst du?“

„Immer noch dasselbe. Warum fragst du?“.

„Man hört nichts von dir. Hätte ja sein können, dass du ausgestiegen bist.“

Sie blickt traurig in die Richtung des Mädchens mit den rosskastanienbraunen Haaren und meint: „Aussteigen. Hm, nicht schlecht.“

Das Mädchen ist offenbar ihre Tochter, die ich zuletzt sah, als sie im Vorschulalter noch an der Hand von Kerstin ging. Sie spricht mit einem kleinen Typen, der mit seinen Kulleraugen gelangweilt umherblickt. Offenbar ihr Freund. Er beschaut seine Fingernägel. Er scheint sich unwohl zu fühlen. Ist nicht jedermanns Sache, Bücher auf einem Flohmarkt zu verkaufen. Ein schwarzer Schäferhund trottet heran. Das Mädchen krault ihn hinter den Ohren. Ich höre, er heißt Horst. Ich kenne nur einen Hamster namens Horst.

„Wo hast du all die Bücher her?“

„Von meinem Vater.“

„Aha!“

Kerstin versucht mich zum Kauf eines Buches zu ermuntern.

„Möchtest du ein Buch kaufen?“

„Nein, nein“, höre ich mich eilig ausrufen, „ich habe keine Zeit zum Lesen.“

Nun wird’s schwachsinnig. Mein Kopf ist leer. Mit jedem weiteren Wort rede ich mich um Kopf und Kragen. Ich höre mich sagen: „Ich muss weg. Ich halte das nicht aus. Alles Gute! Tschüss!“

Sie legt zum zweiten Mal ihr komplettes Lachen auf. Sagt ebenfalls: „Tschüss.“

Ich drehe mich um, lasse die Hände in den Brusttaschen meines Fishtail Parkas verschwinden und versuche locker davon zu schlendern. Ich spüre deutlich: Es muss ein Bild des Jammers sein.

Als ich Kerstin zum ersten Mal sah, hockte sie mit angezogenen Beinen an die Zimmerwand gelehnt auf einer Matratze, die auf dem Fußboden lag. Mit den Augen und manch zaghafter Kopfbewegung verfolgte sie aus der Perspektive eines kauernden Häschens das Geschehen im Raum, nahm dadurch sozusagen daran teil. Nur bezog sie niemand ein in das geschäftige Treiben zwischen Möbelrücken und Bierkastenschleppen. Niemand nahm Notiz von ihr. Also wartete sie still und ruhig, wie jemand, der wirklich neu im Kreise war. Und sie wartete auf denjenigen, der zu dieser Geburtstagsfeier extra für sie eingeladen war: Sie wartete auf mich. Sie machte einen ziemlich verlassenen Eindruck, als ich eintraf. Vor drei Wochen erst war sie in das Internatszimmer gezogen. Claudie, die derzeitige Freundin meines alten Studienkumpels Dieter, hatte mich eingeladen, weil Kerstin noch keinen richtigen Kontakt hatte. Und es war rührig, wie Claudie sich darum kümmerte, dass Kerstin betreut wurde. Bei derartigen Feten lagen die Pärchen am Ende immer nur knutschend herum. Da war es schon blöd, wenn einer allein noch herumsaß und dem Treiben ohne die geringste Hoffnung auf vergleichbare Genüsse tatenlos zusehen musste.

Kerstin hatte sich gerade von ihrem Freund getrennt und suchte mit Bedacht die räumliche Distanz zu ihm. Und dies in einem Leipziger Internatszimmer, das sie mit fünf anderen Kommilitoninnen teilte. Respekt! Das zeugte von gut kalkuliertem Mut. Sie kam aus Pegau, einem kleinen Örtchen südlich von Leipzig. Ich hatte gehört: Ihr Vater war Zahnarzt. Und hinter vorgehaltener Hand wurde erzählt: Sie trug nur Klamotten aus dem Exi.

Kerstin saß also etwas verloren auf der Matratze und lachte mich herzlich an, als ich sie begrüßte. Ich warf mich neben sie und atmete tief ein. Sie roch nach einem Parfüm, das mir noch nicht untergekommen war. Es trug eine leichte Spur süßherben Sandelholzes in der Komposition mit der weichen Note einer öligen Frucht. Nichts Unangenehmes oder Penetrantes, keine scharfen Äthanols oder Rosenkrimskrams. Mir ging es wie einer Motte, die unweigerlich auf den mit Sexualhormonen präparierten Klebestreifen zuhalten muss. Die zweite Zehntelsekunde benötigte ich, um mich wieder aufzurichten.

Fünf Jahre später nahm ich unvermittelt und völlig überrascht den mir wohlbekannten Duft in der Mädlerpassage auf. Ich wandelte zwischen den wabernden Massen von eiligen Passanten und schlendernden Touristen. Es tat den wohlbekannten Schlag. Sofort waren die Synopsen aller der Ratio dienenden Nervenverbindungen auseinandergesprungen. Die liebesbezogenen Stränge wurden schlagartig überbeansprucht. Ein Kollaps zwang mich auf die Knie. Ich spürte wie einen Hund den Duftschwaden nach. Irgendwo war Kerstin. Aber wo? Doch kurze Zeit später war die Quelle am versiegen. Ein rechter Haken auf die Kinnspitze riss mich wieder hoch. Nunmehr aufrecht stehend mit panischen Blicken nach allen Seiten stellte ich resigniert fest, dass der Duft gänzlich verschwunden war. Ich bahnte mir verzweifelt einen Weg durch die Menge. Vergebens. Von Kerstin keine Spur. Vor Enttäuschung blind suchte ich einen Bordstein auf, ließ mich nieder und blickte eine Ewigkeit starr vor mich her auf die alten blanken Pflastersteine des Neumarktes. So schnell kann das Leben vorbei sein, dachte ich.

Jetzt aber lebte ich! Hier im Internatszimmer. Neben dem Duft von Kerstin. Ansonsten lagen im Raum die polieröldüsteren Schwaden von Internatsräumen, in denen nur geschlafen, gelernt und, wenn es möglich war, auch gevögelt wurde. Die Matratzen warfen die Dumpfheit von trockenem Stroh von sich. Zigarettenqualm emulgierte mit schlechter Atemluft. Wenig später auch noch mit dem rauchig fetten Duft schlechter Kerzen. Im letzten Augenblick, bevor das Licht gelöscht wurde und ein Plattenspieler zu plärren anfing, sah ich Kerstin von der Seite an. Ihr Blick fixierte abwechselnd die Zimmerdecke und dann wieder ihre Zehenspitzen. Dann wieder ein kurzer scheuer Blick zu mir. Sie war klein, fast zierlich. Ihre blonde Schüttelfrisur endete im Nacken in einem etwas dunkleren Rehfell. Ich hatte sofort den Verdacht: Eine Berührung dieses Teiles ihrer Frisur würde sich nicht vermeiden lassen, ja es würde zwingend erforderlich sein. Nein, es war unabwendbar. Die bereits vorgestreckte Hand brach die Aktion wegen eines unterschwelligen Kommandos meiner Großhirnrinde ab und strich in Ermangelung des bereits fest eingeplanten Genusses durch mein eigenes schulterlanges Haar. Ich hatte keine Kontrolle darüber. Ich wunderte mich nur und war letztendlich froh keine Missverständnisse erzeugt zu haben. Kerstins blaue Augen verschanzten sich hinter den runden Gläsern einer Nickelbrille. Sie hatten einen ganz feinen kaum spürbaren Ausdruck von Traurigkeit. Ihre gerade Nase sprang beim Lachen in einen leichten Bogen, der ihrem Profil die wilde Rasse von Przewalskipferden verlieh. Der Mund trug klare Züge, wobei die Unterlippe in einen flüchtigen Anflug von Keckheit unmerklich hervorstand. Von vorn betrachtet erinnerte sie mich irgendwie an die Biene Maja. Über ihren Jeans trug sie eine weiße Leinenbluse, die am Hals in einem schmalen und bunt bestickten Stehkragen endete. Über den oberen Teil ihrer Brust, dann über beide Schultern und ebenso am Rücken wieder zusammenlaufend war eine rote Paspel genäht. In dieser Umrahmung waren auf Brust und Rücken bunte Blumen im Kreuzstich angelegt. An den Ärmeln befand sich ebenfalls ein gesticktes Blümchen. Die Manschetten endeten mit einer roten Paspel.

Mit dem Verlöschen des Lichtes wurden die ersten Flaschen entkorkt und kreisten in der Runde. Wir wendeten uns einander zu, und sprachen, als würden wir uns schon ewig kennen. Und nur das, worüber wir sprachen, war neu.

Neu war auch, dass die Musik leiser wurde. Ein Lautstärkeregler drehte die Gespräche im Raum langsam zurück. Ein blasser Kokon legte sich geräuschlos um uns. Unbemerkt wehte ein zarter Hauch duftender Zuneigung zwischen uns und hielt uns in Atem.

Der Moment, in dem du dich verliebst, ist still. Keine Geräusche. Du schwimmst in flüssiger Watte. (Und wenn sie dich verlassen hat, ist es genau so: In der blinden Stille eingebrochener Isolation hörst du über die körperliche Resonanz nur dein eigenes Gewimmer).

In der Aufregung vergaß ich überhaupt etwas zu trinken.

Als wir uns verabschiedeten, war ich durch ein Fenster gestiegen, hinter dem ich Zeit meines Lebens noch nie gewesen war. Kein Land über das man sich halbblind hinwegtasten musste, um ein seichtes Gefühl zu erlangen, und auch kein schneller Fick an den grün bealgten Ufern der Gier. Nein, es war eine helle Leinwand mit bunten Bildern, orientalischen Teppichen und friedlich grasenden Tieren. Die Luft war klar und rein. Ich flog über ein eurasisches Afrika. Nur das Schönste war in diesem Bilde vereint. Die beiden Adler weit über mir stießen spitze Schreie aus, als wollten sie mich grüßen. Tannen und Palmen standen zwischen einem dunkelgrün umwaldeten Bergsee und den weiten sandigen Ebenen des Nil. Am Horizont ungleich hohe Pyramiden. Diese ganzen Bilder flossen nach einiger Zeit ineinander, formten sich zu neuen Teilen, Organen. Eine Rehfellfrisur, blaue Augen nickelbrillenumrahmt. Und die Haut war überhaucht mit einem feinen Schatten von milchschokoladenbraun: Kerstins Gesicht. Dieses Gefühl war definitiv neu. Ich kramte in meinen Erinnerungen. Nichts Vergleichbares ließ sich finden.

Sie hieß Kerstin Guoffre, war ein Nachkomme richtiger und echter Hugenotten, und wenn sie nicht gerade vordergründig auf der Suche nach einem neuen Freund war, so war sie doch offen für etwas Neues, Unbekanntes. Ich war unbekannt genug.

Ich hörte tags darauf über Dieters Freundin, dass ich clever gewesen sei, weil ich Kerstin nicht gleich am ersten Tag umgelegt hätte. Die Zimmergenossinnen waren einerseits enttäuscht von mir. Andererseits wäre es bewundernswert, wie man solch einer Versuchung standhalten konnte. Ich war meinem Ruf also nicht gerecht geworden. Welchem Ruf auch immer. Niemand kannte mich in diesem Zimmer so genau. Dass ich fast zehn Jahre Gitarrist in den einschlägigsten Rockbands war und die Haare bis auf die Schultern trug, war doch noch lange kein Beweis für ein glamouröses Lotterleben. Sicher, ich kannte alle Sauereien, die das Spektrum hergab. Ich hatte einen zweijährigen Sohn mit einer Chemikerin aus Leuna. Und mein Blick trug bisweilen einen Anflug von Melancholie. So waren die Studentinnen der Fachrichtung Medizin in einem Wohnheim. Noch keine von denen hatte das Physikum bestanden, aber alle dachten unentwegt ans Ficken. Soviel Zeit muss sein. Wofür? Dafür!

Keine Woche später stand ich im Internatszimmer auf der Matte. Es war der Rosenmontag 1976 und allerorten liefen irgendwelche Faschingsgeschichten. Die Mädels waren ausgeflogen. Auch Kerstin. Allein Claudie war übrig, saß einsam am Tisch und las in einem Buch. Sie wartete auf Dieter, der auch bloß nicht kam. Sie sah auf und lachte mich an: „Du suchst wohl Kerstin?“ Ich war offenbar als Abwechslung willkommen, und während ich mich zu ihr setzte, sagte ich kurz „Ja“, und lachte zurück.

„Die ist beim DHfK-Fasching. Sie hatte wohl schon eher mit dir gerechnet.“

„Ich hatte Spätschicht. Daher erst heute.“

Claudie kam aus der Provinz, oben aus dem Bezirk Mecklenburg. Den Ort, wo sie herkam, kannte ich nicht. Ich vergaß ihn in dem Augenblick, als sie ihn nannte. Sie sprach diesen reizvollen Dialekt, den die Küstenbewohner pflegen: Sie sangen ihre Sätze mit einem gelegentlichen Ton in die höheren Regionen. Musikalisch ausgedrückt: Sie gehen von einer Silbe auf die andere gern mal von C auf C Strich. Sie hatte die freundliche aber bestimmte Art von Mädchen, die sich im Leben zeitig selbst zurechtfinden mussten. Ihre graublauen Augen trugen den klaren Blick von eiskaltem Bergquellwasser. Wenn sie lachte, strahlte der ganze Raum. Was ich besonders an ihr mochte, war ihre ausgemachte Herzlichkeit. Nach einer halben Stunde hielten wir uns die Hände unter dem Tisch, als wollten wir uns gegenseitig ermutigen.

Als die Tür aufflog, stand Karola im Raum, die dritte Mitbewohnerin. Sie war angeputzt wie eine schwarze Miezekatze, lief zu ihrem Schränkchen und wühlte darin wie eine Beutelratte.

Claudie fragte: „Und wo ist Klaus?“ Klaus war ihr Freund.

„Der ist beim PhyMa-Fasching.“

„Und du gehst da auch noch hin?“

„Nein, nein. Ich bin bei den Veterinärmedizinern.“

Genau das waren die Internatsmädchenvorstellungen vom echten Leben: Egal was sie taten, sie taten es immer aus Spaß am Leben. Und immer waren sie „fest liiert“. Liiert! Seit jenen Tagen kann ich das Wort nicht mehr hören. Wenn man fest liiert war, konnte überhaupt nichts passieren. Das war ihre ernsthafte Überzeugung. Wenn du eine von ihnen endlich auf der Bettkante sitzen hattest, längst waren sie splitternackt und du hattest deine Finger bereits an den entlegensten Orten ihres Körpers, hielten sie plötzlich inne und sahen dir fest in die Augen. Dann sprachen sie zu dir in dem geschäftsmäßigen Ton von Krankenhausärzten: „Pass mal auf. Du bist fest liiert, ich bin fest liiert. Das heißt: Morgen früh gehen wir auseinander, so, als wäre nichts gewesen. Wir wollen nur unseren Spaß, ja?“ Dann drehten sie an irgendeinem bunten Schalter in ihrem Kopf, warfen sich aufreizend nach hinten und spreizten die Beine. Und wenn du sie gevögelt hattest, dann war am nächsten Morgen nichts, als wäre nichts geschehen. Sie waren in dich verknallt und du hattest sie wochenlang täglich am Hals. Es war immer dasselbe.

Inzwischen fand Karola in ihrem Schrank, was sie suchte. Soweit ich sehen konnte, waren es Präservative. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, ließ ich mir von Claudie Kerstins Bett zeigen. Sie lag in dem Doppelstockbett oben, und am Bettholm hing ein mittelgroßes Teufelchen aus Plüsch, das einen karierten Schal um den Hals geschlungen hatte. Ich ließ mir einen Zettel geben, schrieb darauf, dass ich da war, und dass es schön gewesen wäre, wenn sie auch da gewesen wäre. Ich steckte das Stück Papier dem Teufelchen an die Brust, verabschiedete mich von Claudie und ging.

Als ich am nächsten Tag kam, saß Kerstin am Tisch vor dem Fenster und lernte. Sie drehte sich um, und als sie mich erkannte, nahm sie den kleinen Zettel in die Hand, der vor ihr auf dem Tisch lag, hielt ihn hoch und zeigte ihr strahlendes Lachen. Beim DHfK-Fasching war offenbar nicht viel los. Nur die kleinen Federgewichtsringer hätten sich um sie gerissen. Es herrschte offenbar akuter Mangel an ganz kleinen Mädels. Da war sie zeitig wieder ins Internat gekommen. Und an ihrem Teufelchen hing dann diese schöne Überraschung. Sie sagte: „Danke.“ Und ich wusste von dem bunten Land im eurasischen Afrika. Das gab es wirklich. Ich war mehr als erleichtert.

Die folgenden Wochen waren ausgefüllt mit der permanenten Ausschüttung von Endorphinen. Jede Begegnung mit Kerstin war wie ein warmes Bad in den Riffen eines Südseeatolls. Fast immer rannte ich freudig nervös durch die Gegend. Keine Minute, in der ich nicht an sie dachte. Während der Spätschicht oder Nachtschicht in der Zuckerfabrik telefonierten wir stundenlang. Erst nach vier Wochen küsste ich sie zum ersten Mal. Zum Abschied direkt vor dem Internat. So groß war die Angst etwas falsch zu machen, sie durch eine unbedachte Tat zu verletzen und gleich wieder zu verlieren. Silvester verbrachten wir bei Freunden in Delitzsch. Im Prinzip hätten wir auch zu Hause bleiben können. Wir saßen, während die anderen lustig feierten, in einem Nebenraum, hielten uns die Hände und schauten uns unablässig in die Augen. Bis uns der 24-Uhr-Trubel überrollte. Wir standen eng umschlungen im Strom der Wahnsinnigen und Besoffenen und beschlossen: Das wird unser Jahr. Stunden später lagen wir auf einer Luftmatratze im Wohnzimmer und bedauerten uns gegenseitig: Sie hatte ihre Tage. Am folgenden Wochenende fuhr sie daher nicht nach Hause. Wir hatten das Internatszimmer für uns alleine und holten das Versäumte nach. Ich hielt mich ja für einen harten Burschen. Aber ich glaube, sie hatte noch ihre Schlüpfer an, als ich sie vögelte. So aufgeregt war ich. Und all das geschah unter den aufmerksam blitzenden Augen eines kleinen Teufels, der mich Jahre später noch im Schlaf ereilen sollte.

2

Immer ist es kalt und immer ist Winter für die armen Leute. Und immer tragen sie dunkle Klamotten und zeigen einen unsteten Blick. Und wie extrem dicke Menschen plötzlich ihren Körper in Bewegung setzen, wuchtig mit den Armen rudern, um Beweglichkeit vorzuspielen, so soll der nervöse Blick Aktion suggerieren, bei der dumpfen Bewegungslosigkeit abseits des normalen Lebens. Der dicke Schnellwandler bricht nach zwanzig Metern zusammen, der Obdachlose erreicht das fortgeschrittene Stadium: Seine Augen blicken leer. All das unter der Käseglocken unausweichlichen Notstandes.

Die Munteren der dunkel Gekleideten haben ein Feuer angezündet, die Bierdose kreist und ein Fetzen hängt am Stab über dem Feuer, der wie ein gehäuteter Hund aussieht. Na klar, ich bin müde und steuere meine E-Klasse aus den Lahnbergen hinaus. Ein Fetzen im Vorbeifahren. Eine Mischung aus Realität und Vorstellung: Ein Gebilde aus quälenden Gedanken und Nerven zerfetzender Fiktion. Ich fahre auf Zell zu, und denke an meinen Pinkelbaum am Rande eines Wäldchens, den ich jedes Mal bei der Hinfahrt heimsuche. Wie ein räudiger Köter setze ich meine Marke. Im Winter pinkele ich ein großes Loch in den Schnee, im Sommer ertränke ich Käfer und Ameisen. In Wirklichkeit stelle ich fest, wie das Wetter in der Gegend ist, denn ich bin dreihundert Kilometer entfernt in mein Auto gestiegen.

Genau genommen könnten die dunklen Gestalten auch Studenten gewesen sein, die eine Fete feiern. Ist mir auch egal. Romrod. Ich biege auf die Autobahn ein. Genau dies ist der Moment den Tempomat einzuschalten. Die Konzentration geht wie immer zurück und am Hinterkopf kriecht die kleine Raupe in die Birne, die sich klammheimlich in die Großhirnrinde einschleicht und Gedanken auslöst. Kerstin! Jetzt ist es nicht mehr aufzuhalten. Die Dominosteine fallen in dem unerbittlichen Zwang dynamischer Bewegung. Jeden Donnerstagabend die gleiche quälende Prozedur: Nach einem Frühstück im Hotel und dem zermürbenden Zwölfstundentag auf der Baustelle die hungrige Heimfahrt. Wenn es gut geht dreieinhalb oder vier Stunden bis nach Hause. In dieser Zeit lebe ich jeden Tag von damals, als ich mit Kerstin zusammen war, noch einmal nach. Bequem im Auto sitzend, in den vielen zur Verfügung stehenden Stunden.

Die Bilder aus der Zeit von vor fast dreißig Jahren jagen parallel zu denen auf der Autobahn vor meinen Augen dahin. Indifferent, nicht auseinander zu halten, rasend. Sie versetzen mich in schwindelnden Taumel, in süßlich schmerzende Raserei. Bohrende Genickschusssehnsucht. Ich wanke trunken zwischen den Welten. Bin Geisterfahrer im Gehirn. Und wenn ich Schmerz empfinde, trete ich auf das Gaspedal. Mit einer Kalaschnikoff in der Hand hätte ich abgedrückt. Nach Siegmund Freud treibe ich meinen Penisersatz voran. Ich hoffe nur, mir kommt keiner zu nahe. Auf der Autobahn. Lasst mich in Ruhe! Es tut so weh.

Wie ist das mit den Grundschmerzen im Leben? Schmerz eins mit neunzig Prozent, Schmerz zwei mit sechzig Prozent und Schmerz drei mit dreißig Prozent? Ich sage dir, wie es kommt, ist egal. Schmerzen bleiben Schmerzen. Und Schmerzen bleiben immer. Kirchheimer Dreieck. Die Gedanken an Kerstin benebeln mich. Halbe Bewusstlosigkeit trübt meine Wahrnehmung. Die Streifen auf der Autobahn, die Streifen am Himmel. Die Streifen meiner Unterhose, die ich anhatte, als sie das erste Mal vor mir lag. Nicht einmal nackt. Wir hatten irgendwie nicht soviel Zeit im Internatszimmer. Wo ist sie hin, die Zeit? Zeit! Eine kreisende stets schluchzende Spirale. Warum sehe ich immer die halb geöffneten Münder, die Lippen mit braunen Punkten gesprenkelt? Keine Stimme hat mich ermuntert zu bleiben. Bei ihr. Das ist die Wahrheit nach fast dreißig Jahren. Die wirkliche Wahrheit ist die: Nichts konnte sie dazu ermuntern mich nicht zu verlassen. Und überhaupt: Ich kenne niemanden mit braun gesprenkelten Lippen.

Gleißendes Licht. Leuchtspurgeschosse auf der Gegenfahrbahn. Abrupte Explosionen von roten Bremsleuchten. Warum der LKW auf der Überholspur fährt. Ich bin auf der Überholspur. Ich. Die Bremsen sind die Besten. Eisenach West. Ich schaffe es nicht mehr. Du schaffst es. Du schaffst eeeeeees. Lenkereinschlag rechts. Quietschende Bremsen hinter mir. Die linke Flanke ist offen. Hupend wird sie geschlossen. Puch! Dieses Geräusch aufeinander fahrender Autos. Ich sehe überhaupt nichts mehr, ich spüre nichts mehr. Meine Beteiligung ist nicht nachgewiesen. Drüben den Berg hoch. Eisenach Ost. Wenn ich nicht aufhöre im Hinterkopf geisterzufahren…. Also Lenkrad, Mittelstreifen. Kein Horizont in Sicht. Den Horizont gibt es nur bei Tage. Jetzt ist Nacht. Finsterste Nacht.

Es ist wie Hypnose. 27 Jahre Hypnose. Bisweilen lebst du in einem Ei. Ansonsten redest mit deinen Leuten, lebst mit deiner Familie, lächelst charmant in die Runde und benutzt ordnungsgemäß die Toilette. Aber mittendrin im normalen Leben dreht der Film sich rückwärts. Du schlüpfst zurück in das halbe Ei. Mit den Füßen voran. Die ausgebrochenen Schalenstücke fügen sich eins zum anderen. Die Ränder verschmelzen. Ein unsichtbarer Radiergummi beseitigt die Bruchstellen. Im Ei verschwunden schwimmst du in der anderen Welt, wobei der Zyklus dem Strom deiner Gedanken folgt: Stündlich, minütlich, sekündlich. Aber nie länger als täglich. Und da ist das Problem: Mindestens täglich.

Warum fallen mir bei Gotha immer Landkarten ein? Als Kind hatte ich einen großen Globus, der aus Gotha stammte. Bis ich ein Loch in Höhe des Aral-Sees mit einem Nagel hineinschlug und feststellte, dass er aus Gips war. Damals beschäftigte mich die Frage, wie die wohl eine hohle Kugel aus Gips hergestellt haben.

Eine leere Autobahn wie diese ist ein idealer Ort in das Ei zu schlüpfen. Dein Leben spielt sich ab in Zeit und Raum: Derzeit und immer hier. Wo immer das ist. Es ist real. Doch hinten am Kirschbaum im Garten, am Horizont des Thüringer Waldes oder sonst wo: Parallel dazu läuft ein Breitwandkino. Achtzig Millimeter. Und ich bin der Hauptdarsteller in einer anderen Zeit. Woanders! Du schaust mit glasigen Augen durch das Derzeit mit seinen Protagonisten hinüber in den eigelben Kosmos. Manchmal schließt du ganz die Augen und schlüpfst geschmeidig hinein. Aber die Regel ist der durchdachte Parallelismus. Das Leben im Ei ist der Traum. Nur nicht vergessen, Mattias! Das Leben im Ei ist der Traum. Und die Zweifel? Wenn ich Zweifel zulasse, gehe ich kaputt. Ich suche schon lange nach einer Finte, diesen Albtraum zu beenden. Das süße Gift stört mich nicht wirklich. Klar, ich kann nicht ewig jeden Morgen mit Kerstin aufwachen und mit Anja frühstücken. Anja ist seit fünfundzwanzig Jahren meine Frau. In den Denkpausen auf Arbeit dreht sich alles um beide. Wenn du schon mal zum Luftholen kommst. Beim Kaffeetrinken zuhause sitzt du neben Anja und sprichst hinten am Kirschbaum gleichzeitig mit Kerstin. Wenn ich es recht überlege, muss ich mich nach dreißig Jahren mal ausruhen gehen. Vielleicht durchschreite ich einmal heiter Raum um Raum. Nur jetzt gerade kommt eine Baustelle. Abfahrt Stadtroda.

Wann war das eigentlich? Siebenundsiebzig? Nein! September 1978. Ich kam aus Lützen. Mein fünfhunderter Trabbi rollte auf Markkranstädt zu. Wie von selbst. Während der Nachtschicht war absolut nichts los. Ich glänzte mit 1000 Tonnen Rübenverarbeitung. Die Fabrik war nur für 850 Tonnen ausgelegt. Ich war der Schichtleiter. Schichtleiter in einer Zuckerfabrik, die schon über hundert Jahre auf dem Buckel hatte. Eigentlich war es ein Museum: Gusseiserne Wendeltreppen und Säulen mit verzierten Konsolen und Kapitellen. Ich erinnere mich genau. Die Dampfkessel waren von 1925. Genietete Doppelflammrohrkessel. Ein Sterndreieckmotor von Siemens-Schukert, der eine Transmission antrieb. Der stammte noch aus dem neunzehnten Jahrhundert. Beim Anfahren sprühten die Funken von den Kohlen. Und eine Gegendruckdampfturbine von 1910. Die hätte man sich echt ins Wohnzimmer stellen können. Und der Plan war erfüllt und auf den Straßen nichts los. Eine schläfrige Zufriedenheit dämpfte langsam die notwendige Konzentration. Ganz hinten am Horizont leckte der kommende Tag behutsam die Dunkelheit der Nacht Richtung Westen. Es war der diffuse Moment an dem Tag und Nacht sich gleich waren. Es war die Sekunde, in der man am Steuer einschlief, wenn man die Nacht durchgefahren war. Der Moment, in dem Kriege beginnen und Schwäne sterben.