Im Farbenspiel der Liebe - Freda Power - E-Book

Im Farbenspiel der Liebe E-Book

Freda Power

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Beschreibung

Die Hobbyköchin Molly kümmert sich im Pferdeasyl ihrer Freundin Maura um die Finanzen und baut sich nebenbei eine kleine spezialisierte Cateringfirma auf. Zusammen mit Erin, einer jungen Frau mit Down-Syndrom, produziert sie gesunde Fertiggerichte. Während der turbulenten Vorbereitungen lernt Molly Erins Bruder Ronán kennen, der sie sofort in seinen Bann zieht. Doch die quirlige Journalistin Nancy bemüht sich ebenfalls um den attraktiven Mann und drängt sich zwischen die beiden. Als die warmherzige Molly entführt wird und in Lebensgefahr schwebt, zögert Ronán nicht, alles für ihre Rettung zu tun. Werden die beiden trotz aller Widrigkeiten zueinander finden?

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Veröffentlichungsjahr: 2015

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Für all die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich in Camphill-Gemeinschaften einsetzen. Die Hälfte des Erlöses von diesem Roman geht an Camphill, Dingle.

LESEPROBE zu

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2015

© 2015 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim

www.rosenheimer.com

Titelfoto: © Klaus G. Förg (oben) und LanaK – Fotolia.com (unten)

Lektorat: Christine Weber, Dresden

Worum geht es im Buch?

Freda Power

Im Farbenspiel der Liebe

Die Hobbyköchin Molly kümmert sich im Pferdeasyl ihrer Freundin Maura um die Finanzen und baut sich nebenbei eine kleine spezialisierte Cateringfirma auf. Zusammen mit Erin, einer jungen Frau mit Down-Syndrom, produziert sie gesunde Fertiggerichte. Während der turbulenten Vorbereitungen lernt Molly Erins Bruder Ronán kennen, der sie sofort in seinen Bann zieht. Doch die quirlige Journalistin Nancy bemüht sich ebenfalls um den attraktiven Mann und drängt sich zwischen die beiden.

Als die warmherzige Molly entführt wird und in Lebensgefahr schwebt, zögert Ronán nicht, alles für ihre Rettung zu tun. Werden die beiden trotz aller Widrigkeiten zueinanderfinden?

Prolog

Links, rechts, links, rechts …

Viel körperliche Bewegung, hatten sie gesagt. So lange laufen, bis du richtig müde bist. Dann wirst du auch gut schlafen können. Und du vergisst all das Zeug.

Er trottete seit seiner Entlassung jeden Tag die acht Kilometer bis Dingle, lief anschließend quer durch das Städtchen und auf der anderen Seite die vier Kilometer zum Leuchtturm – dreizehn Kilometer. Nach einer Rast wanderte er wieder zurück zu dem Mobile Home, das er gemietet hatte. So viele Schritte …

Vergessen schenkten sie ihm bisher nicht. Es dauert seine Zeit, hatten sie gesagt, aber du wirst sehen, am Ende bist du durch.

Vielleicht lag es ja daran, dass seine Wanderung nur sieben Stunden des Tages einnahm. Da blieben, abgesehen von der Schlafzeit, immer noch zehn leere Stunden, sechshundert Minuten, sechsunddreißigtausend Sekunden. Er füllte sie, so gut es ging. Mit Einkaufen, Essen, Fernsehen. Vor allem aber malte er. Papier und Wachsmalkreiden lagen in jeder Ecke, sogar an seinem Rastplatz. Seinem geheimen Rastplatz.

Schritt und Schritt und Schritt.

Die versiegelte Flasche Wodka im Rucksack begleitete ihn auch überallhin. Bisher hatte er Widerstand geleistet …

Besser etwas schneller gehen: links, rechts, links, rechts, links …

1

Traurig blickte Ronán auf die stille Gestalt im Bett. Seine Mutter lag nun bereits seit Monaten im Krankenhaus. Eine plötzliche Gehirnblutung hatte sie Mitte August aus ihrem erfüllten Alltagsleben gerissen – und sie ihren Kinder genommen.

Anfangs war man davon ausgegangen, sie würde rasch sterben. Sie lag im Koma. Dann jedoch gab es kleinste Anzeichen, dass noch nicht alle Hirnfunktionen völlig versagt hatten. Ihr Herz schlug, sie atmete leise. Aus diesem Zustand waren zuweilen Patienten erwacht, manchmal nach Tagen, manchmal erst nach Jahren. Zumindest behaupteten die Ärzte das. Hoffnung machten sie Ronán allerdings kaum: Sollte seine Mutter wirklich wieder zu sich kommen, so hieß es, würde sie nicht mehr wie früher sein. Von unwiderruflich zerstörten Gehirnzellen war die Rede, vom Sprachzentrum und von Bewegungsnerven – es genügte, um dem empfindsamen jungen Mann entsetzliche Zukunftsvisionen vor Augen zu führen, gewiss grauenhaft für alle Beteiligten. Wie sollte die einst so energische, tatkräftige Frau damit fertig werden, gelähmt im Sessel oder im Bett dahinzuvegetieren? Oder würde sie es nicht einmal mehr merken? Musste sie gefüttert, gewaschen, gepflegt werden? Wie sollte er das finanzieren? Was würde Erin sagen, wie konnte er ihr die Veränderung erklären? Wie sollte es überhaupt mit seiner Schwester weitergehen, um Gottes willen?

Er seufzte. Im Augenblick schien es sinnlos, sich darüber Sorgen zu machen. Bewegungslos lag Clare Kavanagh zwischen den weißen Laken, Augen und Mund geschlossen, einen fast strengen Ausdruck im bleichen Gesicht. Ganz fremd wirkte sie.

Ronán blickte aus dem Fenster. Vor seinem inneren Auge erschienen tausend Bilder von seiner Mutter: immer freundlich, immer voll lebendiger Anteilnahme, meist lächelnd oder singend, ständig in Bewegung, aber stets zufrieden. Ja, das war es: Mum besaß die Gabe der Zufriedenheit. Wo andere über unangenehme Kleinigkeiten und herbe Schicksalsschläge klagten, hielt sie sich an das Positive. In der schlimmsten Situation sah sie etwas, wofür sie dankbar sein konnte.

»Was für ein Glück, dass wir gestern schon eine große Schüssel Kirschen gegessen haben!«, rief sie einst, als ein Schwarm Stare auf der Durchreise in Windeseile den Baum abgeerntet hatte. »Gut, dass es der rechte Arm war«, lautete ihr Kommentar, als Lorna, die Linkshänderin, sich die Schulter brach. Und nie würde er vergessen, wie Mum die neugeborene Erin ansah und zärtlich sagte: »Es ist wunderbar, dass sie gerade jetzt zu uns gekommen ist, wo wir uns keine Geldsorgen mehr machen müssen.«

Es stimmte schon. Der Vater hatte seinen Fischkutter verkauft, als man weiter und weiter nach Nordwesten fahren musste, um noch große Fischschwärme anzutreffen, und einen gut bezahlten Posten bei der Küstenwacht angenommen. Die Familie lebte in einem ordentlichen Haus, die zwei ältesten Geschwister würden bald ihre eigenen Wege gehen.

Ronán grinste schief, als er merkte, wie seine Gedanken wieder zu Erin zurückgekehrt waren. Wie ein Kreisel, dachte er. Dreht sich und dreht sich und kommt doch nicht vom Fleck. Ob es Mutter ähnlich ging? Ließ das Koma die Sorgen verschwinden oder nahm es einem bloß die Fähigkeit, etwas dagegen zu tun? Stumm betrachtete er ihre Züge. Diese steile Falte zwischen den Augenbrauen war neu; die hatte Mum erst, seit sie reglos im Bett lag. Er drückte ihre warme Hand, die schlaff in der seinen lag. Vielleicht verstand seine Mutter ihn ja, wenn er von seinem Leben, von den Ereignissen in Dingle berichtete – eine spürbare Reaktion zeigte sie jedoch nie.

Anfangs hatte er es seltsam gefunden, mit jemandem zu sprechen, der nicht antworten konnte, ja, es war ihm sogar peinlich gewesen. Davon hatte er sich inzwischen befreit. Bisher hatte er sich jedoch auf unverfängliche Themen beschränkt, warum, wusste er selber nicht. Wahrscheinlich, um ihre Genesung nicht zu gefährden. Probleme hatte sie genug, auch ohne dass er sie zusätzlich mit seinen Sorgen belastete. Aber nun meinte er plötzlich, das sei möglicherweise gerade der falsche Ansatz gewesen. Sollte er nicht versuchen, ihr Herz zu erleichtern? Schließlich war er jung und stark. Er konnte arbeiten. Es musste eine Lösung geben.

Er rückte den weißen Plastikstuhl näher zum Bett. Während er zögernd seine Gedanken formulierte, begann er tatsächlich, einen gangbaren Weg vor sich zu erahnen.

»Mum. Ich habe über Erin nachgedacht. Im Augenblick ist sie in Binn Ban bei den Camphill-Leuten untergebracht. Da fühlt sie sich recht wohl und wird gut betreut. Aber ich werde mich darum kümmern, dass sie wieder daheim leben kann, bei mir. Mein Cottage ist leicht zu vergrößern, hinten, weißt du. Vierzig Quadratmeter darf ich ohne weiteren Antrag anbauen; das reicht für ein zweites Schlafzimmer und ein ordentliches Bad … Das bau ich selbst, da kostet’s fast nichts. Und hinterher … Vielleicht könnte ich sie untertags mitnehmen auf dem Boot. Oder ich bringe sie morgens raus nach Binn Ban und hol sie wieder ab, wenn ich fertig bin. Mit etwas Glück erklärt sich in Dingle jemand bereit, ihr leichte Arbeit unter Aufsicht zu geben. Du hast mal gemeint, sie würde gern backen oder kochen – ich werd beim Bäcker anfragen, und in den Hotels. Und im Notfall wären Lorna und Peadar bestimmt einverstanden, dass wir das große Haus verkaufen und das Geld aufteilen. Erins Anteil und meiner müssten zusammen eigentlich reichen, um die Unterbringungskosten für Camphill selbst langfristig zu zahlen … Ich verspreche dir, dass ich mich um Erin kümmere!«

Sein Blick war in die Ferne geglitten. Nun schwieg Ronán, fast überrascht davon, wie klar ihm alles geworden war. Ich habe das Problem verdrängt, habe zugelassen, dass es mich bedrückt, anstatt vorwärts zu schauen, dachte er. »Es wird schwierig sein«, fügte er laut hinzu. »Aber du hast immer gesagt, es sei sinnlos, auf das Gewitter zu schimpfen. Besser, man lernt, im Regen zu tanzen …«

Erwärmt von der Erinnerung, sah er seine Mutter an. Ihr Gesicht hatte sich verändert. Die strenge Falte war verschwunden, und ihre Züge wirkten entspannter. Noch während er ungläubig hinstarrte, erschien der Schatten eines Lächelns um ihre Lippen.

»Mum!« Täuschte er sich, oder erwiderte sie mit der Hand ganz leise seinen Druck? Er streichelte ihre Wange. »Oh, Mum«, murmelte er.

Da öffnete sie die Augen. Ihre Lippen bewegten sich.

»Gut«, flüsterte sie.

Es war nur ein Hauch, aber er verstand sie. Und der Blick, den sie ihm schenkte, war strahlend und voll Liebe, bevor ihre Lider sich erneut schlossen.

Ronán streichelte weiterhin ihre Hand, seine Mum sagte jedoch nichts mehr. Nach einer Weile wurde ihr Atem unregelmäßig, setzte manchmal aus. Schließlich hörte Clare Kavanagh ganz auf, zu atmen.

Er blieb lang bei ihr sitzen und nahm Abschied von seiner Mutter, während ihm die Tränen übers Gesicht rannen. Erst als ihre Finger kühler wurden, stand er auf, faltete ihre Hände auf der Bettdecke und sprach ein Gebet. Wie friedlich sie aussah! Aber fremd und irgendwie … ja, feierlich. Er besann sich. Was war noch zu tun? Er öffnete das Fenster, damit die Seele den Weg nach Hause fand. Dann rief er die Krankenschwester.

2

Molly O’Brien legte zufrieden das Besteck beiseite. Gar nicht schlecht war das gewesen. Wie alle Menschen, die gern kochen, liebte sie es, ab und zu in einem Lokal zu essen. Man bekam neue Ideen, durfte ungeniert kritisieren, wenn auch nur gedanklich, und brauchte nicht abzuspülen. Das musste sie allerdings ohnehin selten. Ihre Freundin Maura, bei der sie wohnte, brachte zwar kaum hart gekochte Eier zustande und überließ die Organisation und Zubereitung der Mahlzeiten gern Molly, revanchierte sich jedoch, indem sie die Nacharbeit übernahm.

Heute war Molly allein nach Dingle gefahren und hatte in John Bennys Pub im Hafen Truthahn bestellt. Dafür gab es verschiedene Gründe. Erstens hatte sich Brendan für den Abend bei Maura angemeldet. Da die beiden frisch verliebt waren, schien es Molly am besten, ihnen das alte Farmhaus ganz zu überlassen. Noch waren ja die neuen großen Wohnungen über dem Stall nicht fertig, und die momentane Situation erlaubte wenig Privatsphäre. Zweitens aber galt es, das Weihnachtsessen zu planen; schließlich war schon Mitte Dezember. Und es sollte Pute geben, das stand bereits fest. Bisher hatte Molly die Feiertage immer zusammen mit ihren Geschwistern bei der Mutter verbracht. In diesem Jahr wollte sie es einmal anders versuchen – mit vierundzwanzig, fand sie, wurde es langsam Zeit, eine eigene Tradition aufzubauen. Dazu gehörte eben auch der Truthahn; zu Hause hatte es alljährlich eine Art Auflauf aus Stockfisch, Kartoffeln und Gemüse gegeben.

Bei John Benny war sie gelandet, weil sie das gemütliche alte Pub ebenso gern mochte wie den großen, ruhigen Wirt mit seinem stillen Humor, und weil das Essen hier gut war.

Sie bestellte noch ein Guinness und lehnte sich zurück. Die Füllung hatte lecker geschmeckt: Salbei, Thymian und … ja, definitiv ein Hauch Minze. Ingwer und Knoblauch zusätzlich konnten nicht schaden, und vielleicht eine Spur Muskat. Und was das Fleisch anging: Sie musste den Braten in fette Speckstreifen einwickeln, um ihn saftig zu halten. Dazu natürlich Cranberrys und Kartoffelpüree. Maronenmus. Selleriesalat. Gedämpfter Chinakohl?

Ihre Gedanken wurden unterbrochen. Das Lokal war entsprechend der Jahreszeit ziemlich ruhig gewesen, gerade mal drei Tische besetzt und zwei Leute an der Theke. Nun aber kamen laufend neue Gäste herein. Sie setzten sich nicht, waren also nicht zum Essen da. Sie unterhielten sich und gehörten offenbar zusammen. Amüsiert versuchte Molly, herauszufinden, was all die Fremden verband. Unterschiedlichste Altersgruppen, Männer und Frauen. Viele trugen Jeans und Pullover, doch ein junger Mann erschien im Anzug, und eine Frau hatte ein schickes Kleid an, dazu farblich passende hochhackige Schuhe.

Nun trat der Wirt zu Molly. »Es wird gleich etwas schrill werden. Wenn du mit in den vorderen Bereich kommst, wirst du weniger gestört«, sagte er mit einem Schmunzeln, während er das Geschirr von ihrem Tisch abräumte.

»Schrill?« Molly verstand nicht.

»Sie üben für den Wrens Day. Am Tag nach Weihnachten, du weißt schon.«

Ah, jetzt dämmerte es ihr. Schon oft hatte sie davon gehört. Am 26. Dezember wurde dieser alte Brauch in einigen irischen Gegenden noch gepflegt. Menschen mit Strohröcken und Strohhauben zogen mit Musik durch den Ort, alle verkleideten sich möglichst abschreckend, und es war ein Riesentrara. Erlebt hatte Molly das noch nie, aber im Fernsehen kurze Berichte gesehen.

Interessiert fragte sie: »Ach, gibt es in Dingle eine Wrensgruppe?«

John lachte: »Eine? Wir haben vier verschiedene Gruppen. Ich selbst gehöre zu den Green and Gold Wrens. Die gleich hier drüben sind die Leute von der Quay Wren.«

Vier dieser Truppen! Molly war beeindruckt. Den Trubel am zweiten Weihnachtstag würde sie sich nicht entgehen lassen. Wie schön, dass sie heute bereits bei einer Probe Mäuschen spielen durfte. Sie blieb in ihrer Ecke sitzen und beobachtete, was geschah.

Nun sah sie auch die Gemeinsamkeiten der Versammelten: Die meisten hatten eine Tin Whistle in der Hand, die irische Blechpfeife. Und als sie sich auf die Bänke und Hocker setzten, breiteten sie bedruckte Papierblätter vor sich aus. Molly schielte zu dem Mädchen am Nachbartisch hinüber, das höchstens siebzehn sein konnte.

»Unsere Noten«, erklärte die junge Frau eifrig. »Bist du neu bei uns? Ich heiße Annie.«

»Oh. Ich bin Molly … Nein, ich bin nur ganz zufällig hier.«

Annie nickte und begann, eins der Musikstücke zu üben. Da die meisten Leute ebenfalls pfiffen, aber jeder eine andere Melodie oder eine andere Stelle ausprobierte, klang es tatsächlich etwas schrill. Molly verzog amüsiert das Gesicht.

Ein Mann um die vierzig, der ihr vage bekannt vorkam, ergriff das Wort. »Also los! Wir haben eine halbe Stunde, bevor die Trommeln dazustoßen. Wir spielen die beiden neuen Stücke.« Er nannte den Titel, setzte die Blechflöte an und begann, zu blasen.

Die anderen hielten mit, so gut sie konnten. Der Effekt war ziemlich haarsträubend, fand Molly. Aber da es sich um einen heidnischen Brauch handelte und es darum ging, die Wintergeister zu vertreiben, sollte es vielleicht gar nicht zu lieblich klingen, überlegte sie.

Molly besaß ein gutes Ohr für Musik. Nach einigen Wiederholungen war das Stück fest in ihrem Kopf verankert. Als Kind hatte sie selbst ein paar Jahre lang Tin Whistle gelernt; sie folgte mit den Augen den Griffen des Mannes, der ihr gegenübersaß, während sie die Melodie im Geiste abspulte. Dass sie auch mit den Fingerspitzen unwillkürlich mitzuckte, merkte sie gar nicht.

»Na, willst du nicht einsteigen bei uns? Du scheinst das Stück zu kennen.«

Sie sah auf. Der Leiter stand vor ihr und lächelte sie an. »Was?«, fragte sie verlegen.

Er wies auf ihre Hände. »Du hast doch gerade auf der Geisterwhistle mitgespielt. Ich bin übrigens Gerry.« Er streckte ihr die Hand hin.

»Ja, äh, ich heiße Molly. Und … ich hab ja gar keine Whistle.« Das war alles, was ihr einfiel. Jetzt wusste sie auch wieder, woher sie Gerry kannte: Er arbeitete im Baumarkt und hatte ihr kürzlich geholfen, ein paar Rollen Schafdraht für die Zäune aufzuladen.

Gerry klappte seine alte braune Arbeitsjacke zurück und fischte eine Blechflöte aus der Innentasche, wo er mindestens ein halbes Dutzend davon stecken hatte. »Hier«, sagte er und reichte sie ihr.

»Aber ich kann doch nicht …« Molly war rot angelaufen. Sie gehörte nicht zu den Menschen, die es genossen, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, und die Angelegenheit war ihr äußerst peinlich.

Doch das Mädchen neben ihr grinste sie aufmunternd an, und Gerry schlug vor: »Du könntest es wenigstens versuchen. Wir sind immer auf der Suche nach neuen Leuten. Vielleicht macht es dir ja Spaß.« Dann wurde er abgelenkt durch einige Neuankömmlinge, die Trommeln hereinschleppten.

Molly war froh über die Unterbrechung. Sie hatte vor, das Instrument auf den Tisch zu legen und die Flucht zu ergreifen. Da schob Annie ihr das Bündel Noten hin. »Schau einfach bei mir mit rein. Gerry gibt dir nachher gleich eigene Blätter.«

Beinahe hätte Molly gelacht. Die sogenannten Noten sahen gar zu merkwürdig aus. Sie war natürlich mit der in Irland üblichen Notation vertraut. Hier verwendet man nämlich nur ganz selten richtige Notenzeilen mit den schwarzen Notenköpfchen, sondern schreibt einfach die Namen der Noten nebeneinander. Lange Töne bekommen Großbuchstaben, während kurze mit kleinen Buchstaben gekennzeichnet werden. Soll die Note ausgehalten werden, zeigt das ein Strich auf der Grundlinie an. Und die Töne in der oberen Oktave, die durch Überblasen erzeugt werden, bekommen einen Apostroph. Eine bekannte Polka wird also so notiert:

GB GB GB cbagF#A F#A F#A d’cbaGB GB GB D’_cbag f#gαc BG G _

Hier jedoch hatte jemand die Notennamen mit der Hand hingekritzelt, ohne jede Gruppierung und Längenangaben. Neue Zeilen waren nur begonnen worden, wenn das Papier an der Stelle zu Ende war, und verbindende Linien deuteten an, welche Töne eng zusammen gespielt werden sollten. Mollys klarer mathematischer Verstand war schockiert ob dieser Unordnung. Sie hatte jetzt allerdings keine Zeit mehr, sich zu wundern. Gerry sagte an, was geübt werden sollte; alle blätterten in den Zetteln; die drei Trommler stellten sich auf. Zwei Trommelwirbel erklangen, und es ging los.

Molly hörte eine Weile zu, bis sie das Stück erkannte und mit einstieg. Sie merkte, dass grundsätzlich nur in der höheren Oktave gespielt wurde, und passte sich an, indem sie fester in die Flöte blies. Wenn sie bei Griffen unsicher war, schaute sie den anderen auf die Finger, und wenn sie aus dem Takt kam, wartete sie, bis sie wieder einen Einsatz fand. Da die Stücke mindestens sieben- oder achtmal durchgespielt wurden, konnte sie am Ende meist recht gut mithalten. Ja, es machte großen Spaß. Die Trommeln rissen einen unwillkürlich mit und hielten die Musik zusammen, sodass es jetzt viel beeindruckender klang als vorhin.

Nach einer Weile gab es eine Pause. Einige gingen zum Rauchen in den Hinterhof, andere holten neue Getränke, unterhielten sich oder probierten an einer schwierigen Stelle herum. Gerry setzte sich zu Molly.

Er wischte all ihre Vorbehalte weg. Nein, es mache überhaupt nichts aus, betonte er, dass sie noch nicht alles mitspielen könne. Es gäbe ja noch vier Proben vor Weihnachten, und außerdem wären manche schon seit Jahren dabei und beherrschten bloß drei Stücke.

Dass Molly in Ballyferriter wohnte, spielte keine Rolle. Mary und Donal lebten auch dort, mit denen konnte sie fahren, dann brauchte nicht jeder sein Auto. Gerry winkte Mary heran: eine nette Frau in den Dreißigern, die sofort erklärte, sie würde die schwierigeren Stücke mit Molly ein bisschen üben. Als Donal vom Rauchen zurückkam, stellte sich sogar heraus, dass Molly ihn schon kannte: Er stand oft im Supermarkt an der Kasse und war gern bereit, die Neue zu den Proben mitzunehmen.

»Schau, eigentlich geht es nur darum, ob du Lust hast«, meinte Gerry zum Schluss. »Die Whistle kannst du einstweilen behalten. Gib sie halt nach dem Wrens Day zurück. Wenn du selber eine kaufen willst – im Musikladen in Dingle sind sie immer vorrätig.«

Molly blickte sich noch einmal um. Überall freundliche Gesichter, nette Unterhaltungen, schrille Tonfolgen und Trommelwirbel. Ja, sie hatte Lust auf etwas Neues.

Gerry tippte ihre Telefonnummer in sein Handy ein, damit er sie benachrichtigen konnte, gab ihr den Stapel Noten, und dann war sie Mitglied der Quay Wren, von deren Existenz sie bis vor zwei Stunden keine Ahnung gehabt hatte …

Schon einige Tage später wurde sie per SMS zu einem Einsatz gerufen:

Denke, wir sollten bei Clare Kavanaghs Beerdigung morgen spielen. Sie war ja Gründungsmitglied der Quay Wren, und Ronán gehört zu uns. Messe ist um 12, wir treffen uns am Friedhof um eins – Old Comrades und Sean South. Hoffe, viele von euch können da sein – Grüße.

Old Comrades und Sean South konnte sie tadellos spielen, weil sie die Stücke bereits als Kind gelernt hatte. Also machte Molly sich auf den Weg nach Dingle; sie musste sowieso einkaufen. Vorsichtshalber zog sie eine dunkle Jacke an.

Das wäre gar nicht nötig gewesen – die anderen, die schon vor dem Friedhof warteten, trugen ihre normale Alltagskleidung. Etwas verlegen warteten sie, bis der Leichenwagen und die Autos der Trauergemeinde von der Kirche her angekommen waren. Gerry führte seinen Trupp über die Straße und zwischen den Gräbern hindurch, wo die Musiker sich im Hintergrund aufstellten. Sechs Männer hoben den Sarg auf die Schultern, um ihn zu Grabe zu tragen. Gerry nickte, der Trommelwirbel setzte ein, und kurz darauf auch die Flöten.

Anfangs war Molly recht aufgeregt und musste sich stark konzentrieren, aber nach dem ersten Durchgang konnte sie nebenher beobachten, was geschah. Ganz vorn am Grab standen zwei Männer und eine Frau, wohl die Angehörigen der Verstorbenen. Kinder? Geschwister? Molly wusste nichts über die Tote, nicht einmal, wie alt sie gewesen war. Beliebt musste sie gewesen sein, der Menge der Anwesenden nach zu schließen. Molly kannte natürlich den irischen Brauch, bei Beerdigungen zahlreich zu erscheinen. Es gehörte zum guten Ton, an der Messe teilzunehmen und zum Friedhof zu kommen, selbst wenn man nur in derselben Straße wohnte oder zusammen in die Schule gegangen war. Aber hier waren ungewöhnlich viele Leute versammelt.

Die Musik verklang. Die Trauergäste applaudierten leise und nickten den Musikern dankbar zu. Während der Priester nun die Grabrede hielt, verließen die Wrens still den Friedhof und kümmerten sich wieder um ihre Alltagspflichten.

Für Kinder verstreicht die Zeit vor Weihnachten für gewöhnlich mit winzigen Trippelschritten, für die meisten Erwachsenen galoppiert sie davon. Als Molly mit ihrer Arbeitgeberin und Freundin Maura am Heiligen Abend frühstückte, fragte sie sich, wohin die letzten zwei Wochen verschwunden waren – es fühlte sich an, als wären es nur Stunden gewesen.

Maura schien ähnlich zu empfinden. »Mir kommt es vor, als hätte der Dezember dieses Jahr höchstens zehn Tage gehabt«, meinte sie nachdenklich, während sie Honig auf das frisch gebackene Brot strich.

»Eher bloß acht.« Molly lächelte. »Es war aber wirklich viel los, nicht?«

Die zwei jungen Frauen ließen die jüngste Vergangenheit an sich vorüberziehen: Mauras Abschlussprüfung als Tierärztin, danach ihr Lottogewinn; die Gründung der Esel- und Pferdefreistatt Grazeland hier in der westlichsten Ecke Europas in Ballyferriter; die Einstellung Mollys als Finanzberaterin; das stetige Wachsen der Herde geretteter Tiere und der Umbau der alten Lagerhalle in einen modernen Stall mit Wohnungen – dem schönen Architekten Brendan Fitzgerald sei Dank. Und zuletzt die dramatischen Ereignisse in der Sturmnacht Anfang Dezember, als beinahe eine Nachbarin in einem Eselskarren umkam, der an der Steilküste ins Schlittern geraten war. Im letzten Augenblick konnten Frau und Esel gerettet werden. Am nächsten Tag dann hatte Brendan – etwas überraschend – Maura gebeten, ihn zu heiraten, was weitere hektische Aktivität auslöste: Schließlich wollte so eine Hochzeit gründlich geplant und vorbereitet sein.

Dazu kam jetzt noch Mollys plötzlicher Anschluss an die Wrens mit all den nötigen Proben, gemeinsam mit den anderen Pfeifern und Trommlern in Dingle, private Nachhilfe mit Mary hier in Ballyferriter und viele Übungsstunden allein. Molly, die gern am Nachmittag einmal um das ganze Weidegelände wanderte, nahm seitdem immer ihre Flöte mit und spielte unterwegs gegen den Wind an. »Erstens muss ich am Wrens Day auch im Laufen spielen«, hatte sie gesagt, »und zweitens klingt es im Haus einfach zu schrecklich.« Meist begleiteten sie dabei die Tiere, und der junge Eselshengst Rumpelstilzchen pflegte, begeistert mitzusingen.

Es war also insgesamt kein Wunder, dass die Zeit wie im Fluge vergangen war.

Molly schenkte sich Tee nach und lehnte sich zurück. »Aber noch kehrt keine Ruhe ein für uns. Wann kommen denn die Gäste?«

»Meine Mutter wird mit ihrem Partner gegen fünf da sein. Ich hab für sie ein Zimmer genommen; wir wollen uns im Pub nebenan treffen und später im Hotel zu Abend essen. Du bist doch dabei?«

»Ins Pub geh ich freilich mit; ich freu mich schon auf das Weihnachtssingen dort. Aber hinterher geh ich lieber heim und genieße die Ruhe vor dem Sturm.« Ihre braunen Augen leuchteten, als sie die Tierärztin angrinste.

Maura grinste zurück. »So, wie ich dich kenne, wurstelst du eher in der Küche herum, damit morgen alles reibungslos abläuft. Ach, Brendan hat etwas von seiner Tante Katie gemurmelt; habt ihr noch eine letzte Krisensitzung?«

Leichte Röte kroch in Mollys Wangen. Die Tante des Architekten war ihre Verbündete für das große Weihnachtsessen. Gemeinsam hatten sie über Rezepten gegrübelt, nach einer Quelle für eine Bio-Pute geforscht, die traditionellen kleinen Kuchen gebacken und nach einer Variante für den Plumpudding gesucht. Den hätte man ja bereits im November zubereiten müssen, doch da hatte niemand Zeit gehabt, an Weihnachten zu denken. Heute Abend wollte Molly tatsächlich mit Katie den Braten mit der Würzmischung bestreichen und die Füllung fertig vorbereiten, damit sie ihn morgen schon vor dem Frühstück in den Ofen schieben konnte.

»Ja … Wir haben noch ein paar Sachen zu erledigen«, gab sie zu, während sie das Geschirr abzuräumen begann. Ihre Freundin sprang auf, kam um den Tisch herum und nahm Molly in den Arm. Überrascht blickte sie auf.

»Du bist die Beste! Wirklich und echt wahr. Danke schön für all deine Arbeit und Hilfe. Ohne dich hätte ich längst aufgeben müssen.«

Molly protestierte: »So ein Unsinn, Maura. Du hast so viel Energie und Willenskraft – du hättest nie aufgegeben!«

Die Tierärztin lachte. »Also gut. Aber verhungert wäre ich, und unglücklich obendrein. Danke, Molly! Und frohe Weihnachten!«

»Dir auch. Und ich bin es, die zu danken hat; du hast mich aus meiner öden Bank befreit. Wahrscheinlich wäre ich dort inzwischen an Langeweile gestorben.«

Einen Augenblick lang umarmten sich die zwei Frauen fest, bevor sie die Küche in Ordnung brachten. Ihr gemeinsames neues Leben war tatsächlich für beide voller Vorteile und Glück.

In Irland wird der Heilige Abend nicht gefeiert wie andernorts. Aber man trifft sich vor dem großen Weihnachtstag im Kreise der Familie noch einmal mit Freunden im Pub. Auf der Dingle-Halbinsel und in anderen Gegenden mit springlebendiger Musiktradition gibt es an diesem Tag besondere Konzerte in den Kneipen, oder man versammelt sich zum gemeinsamen Singen. So auch in Murphy’s Pub in Ballyferriter.

Als Molly um halb sechs das Lokal betrat, blieb sie gleich an der Tür stehen, um nicht zu stören. Es war mucksmäuschenstill, obwohl sich bestimmt dreißig Leute in der kleinen Gaststube befanden. Alle lauschten, während ein alter Mann White Christmas sang. Nach seinem Vortrag brach Beifall los.

Er nickte freundlich in die Runde und nahm einen tiefen Zug aus seinem Bierglas. Molly holte sich nun ebenfalls ein Pint.

»Frohe Weihnachten«, wünschte der Wirt und fügte hinzu: »Das geht aufs Haus, Nachbarin.«

Sie lächelte ihn an. »Danke. Und dir und deiner Frau auch ein frohes Fest, Tom!«

Inzwischen hatte sie Maura und Brendan entdeckt, die an einem Tischchen ganz hinten saßen, und drängte sich zwischen den Gästen hindurch, rechts und links grüßend. Das gefiel ihr besonders gut hier in dieser entlegenen Ecke Irlands: Jeder kannte jeden, und man grüßte sich freundlich, wann immer man sich begegnete.

An Mauras Mutter erinnerte sie sich noch gut von früher. Außerdem war sie im November schon einmal da gewesen, um Grazeland zu besichtigen.

Lynn Galagher schloss sie herzlich in die Arme. »Molly, Kind, wie schön, dich wiederzusehen! – Darf ich vorstellen, das ist mein Partner John O’Leary. John, das ist Molly O’Brien, die Finanzfachfrau im Betrieb meiner Tochter.«

Molly grinste. »Finanzfachfrau – und Köchin.« Sie schüttelte dem Mann die Hand und musterte ihn aufmerksam. Dunkle Augen und Haare, graue Schläfen, eine römische Nase; man konnte schon verstehen, warum die gut aussehende Witwe sich in ihn verliebt hatte. Sie wechselte einen amüsierten Blick mit Maura, die die Begrüßung beobachtete. Anfangs gar nicht begeistert von der Beziehung der Mutter, hatte diese John sogar verdächtigt, ein Heiratsschwindler zu sein. Zum Glück hatte sie sich dann mit ihm ausgesprochen und sich mit der Tatsache abgefunden, dass Lynn noch einmal eine Liebe erleben durfte.

Auch Katie Fitzgerald saß bei ihnen. Sie begrüßte Molly mit einem Zwinkern, bevor sie aufstand und die Augen schloss.

»Ruhig, ein Lied«, mahnte ein Mann, der in der Nähe stand.

»Los, Katie, Mädel, lass uns was Schönes hören«, ermunterte sie ein anderer, der auch zu den alten Freunden gehörte. Einige Leute machten »scht« und »pst«, und im Lokal wurde es mäuschenstill.

Katie war bereits über siebzig, aber ihre dunkle Stimme war stark und klangvoll. Sie stimmte ein irisches Weihnachtslied an.

Molly verstand fast gar nichts, obwohl sie die alte Sprache, die nur noch in wenigen Ecken gesprochen wurde, wie alle Kinder in Irland schon in der Schule gelernt hatte. Hier im Westen gab es allerdings immer noch viele Familien, die daheim Irisch redeten, natürlich beherrschten sie das Englische trotzdem. Katies Vortrag war dennoch beeindruckend. Sie sang a cappella, also ganz ohne Begleitung, wie es in Irland üblich ist. Beim Refrain fielen einige der älteren Gäste leise ein; sonst hörte man schweigend und andächtig zu. Hinterher gab es lebhaften Applaus.

Danach stimmte Danny, der mit Tom Murphy hinter der Bar stand, Stille Nacht auf Deutsch an. Einen Vers sang er allein, dann unterbrach er sich und forderte die anderen auf: »Macht doch mit, das kennt ihr ja!«

So hielt ein jeder mit, manche auf Englisch, manche auf Irisch, und man hörte sogar spanische und französische Klänge – Ballyferriter war ein Ort, der Menschen aus aller Welt in seinen Bann zog, sodass sie dort gerne blieben.

Hinterher wurde es wieder fröhlicher, als ein paar junge Burschen das Weihnachtslied einer beliebten Rockgruppe aus England schmetterten. Eine Familie mit vier Kindern in allen Größen packte Tin Whistles aus, und sie pfiffen mehrstimmig eine lebhafte Hirtenmelodie. Es war ein wunderbarer Abend.

Erst um acht schickte der Wirt die Leute heim und sperrte sein Pub zu.

Am Weihnachtstag schien die Sonne von einem mit weißen Wolken getupften Himmel – eine willkommene Überraschung nach den Regengüssen der vergangenen Tage. Molly fuhr mit den anderen zu einem Strand in der Nähe, wo das traditionelle Weihnachtsschwimmen stattfand. Mit leichtem innerem Schauder sah sie, wie sich bestimmt dreißig oder vierzig Leute in Badesachen auf dem Sand in Stellung brachten. Brendan gehörte ebenfalls zu den mutigen Schwimmern, und Molly beneidete ihre Freundin ein bisschen, als sie seinen gut gebauten, muskelbepackten Körper sah. Arme und Beine waren sonnengebräunt nach den vielen Arbeitsstunden auf den Baustellen.

Punkt zwölf stimmte die berühmte Dingler Eisschwimmerin Nuala Moore den Countdown an. »… vier … drei … zwei … eins … null!«

Kinder, Jugendliche, Männer und Frauen rannten los, über den Strand und ins Meer. Die Zuschauer klatschten und lachten, die Schwimmer jauchzten und schrien. Lang blieben sie nicht in den eisigen Fluten, aber für ein paar Minuten spritzten und planschten sie übermütig in den Wellen, während besorgte Familienangehörige schon große Badetücher bereithielten. Es war ein Riesenspaß und es diente einem guten Zweck: Auf dem Parkplatz wurde danach für langzeitkranke Kinder gesammelt.

Das Weihnachtsessen war ein voller Erfolg. Außer Katie und Brendan, Lynn und John hatte Molly auch das Faktotum von Grazeland, Paudie Shanks, eingeladen. Natürlich blieb trotzdem eine Menge übrig, aber das störte niemanden. Es wurden wunderbar träge Nachmittags- und Abendstunden.

3

Als Molly kurz nach zwölf John Bennys Pub betrat, war sie nicht ganz sicher, ob ihre Entscheidung, bei den Wrens mitzumachen, richtig gewesen war. Zum einen nieselte es draußen, und die Vorstellung, für den Rest des Tages in feuchten Klamotten durch den Ort zu ziehen, hatte wenig Verführerisches. Außerdem kam es ihr komisch vor, schon vormittags in voller Verkleidung in der Stadt zu erscheinen. Sie hatte über der Regenjacke ein weißes Herrenhemd an, das sie vom Saum bis zu den Ärmeln in Streifen gerissen hatte, darüber ein grün gemustertes Umschlagtuch mit langen Fransen und auf dem Kopf eine grüne Lockenperücke. Eine weiße Jogginghose kombiniert mit grün-weiß gestreiften Strickstulpen vervollständigte ihren Aufzug. Grün und Weiß, so hatte man ihr gesagt, seien die Farben der Quay Wren.

Maura brachte die Freundin nach Dingle, zusammen mit ihren Gästen und Brendan wollten sich die vier den Spaß nicht entgehen lassen. Sie hatten sich allerdings damit begnügt, lustige Hüte mitzunehmen, und lachten ziemlich über Mollys Fantasiekostüm. Keiner von ihnen hatte jemals einen Wrens Day miterlebt, und sie sahen dem Tag mit Spannung entgegen. Sie ließen Molly bei John Benny’s aussteigen, um selbst noch einen Parkplatz zu suchen.

In dem warmen Pub am Hafen verflogen Mollys Bedenken rasch: Hier wimmelte es geradezu von ähnlich improvisiert zurechtgemachten Leuten, die in bester Laune miteinander redeten, während sie schon mal ein Bier oder einen Hot Whiskey zur Einstimmung tranken. Auf der Theke standen Platten mit belegten Broten, und es herrschte eine fröhliche, optimistische Stimmung. Gerry lachte, als er Molly sah. »Gut siehst du aus. Wir haben einen Strohrock für dich, wenn du magst.«

Die Strohröcke hatte die Gruppe am vergangenen Samstag geflochten. Molly hatte an dem Tag nicht kommen können, freute sich aber jetzt, dass man an sie gedacht hatte. Schmale Bündel langer Haferhalme waren dicht nebeneinander an einen starken Strick geknotet worden, der auch dazu diente, sich das Kleidungsstück um den Bauch zu binden. Bei Molly reichten die Halme bis fast zu den Knöcheln; sie war ja nicht besonders groß. Einige ergänzten den Rock mit der traditionellen Kopfbedeckung, einer ebenfalls aus Stroh geflochtenen Haube, die direkt auf den Schultern saß. Für Augen und Mund waren Öffnungen ausgespart. Es sah ziemlich urig aus, wenn die Flöte aus so einem Strohkopf ragte.

Als sie an ihrem Tee nippte, zupfte Annie an Mollys Umschlagtuch. »Du brauchst noch etwas Farbe, komm mit!«

In einer Ecke saß eine Frau, die ein Gesicht nach dem anderen mit grüner und weißer Schminke versah. Sie schaute Molly prüfend an, bevor sie begann. »Du hast wunderschöne Augen. Ich werde die ungewöhnliche Form betonen.« Geschickt wischte und strich sie mit Schwämmchen und Pinseln über Mollys Wangen. »Kopf hoch, Augen zu«, kommandierte sie zuletzt und streute feinen Glimmerstaub auf ihr Werk. Diese Glimmerteilchen waren treu: Noch Tage später begegneten sie einem daheim im Bad, in der Dusche und auf dem Kopfkissen …

Molly bedankte sich und ging auf die Toilette, um das Ergebnis zu besichtigen. Eine Gesichtshälfte war weiß, eine grün, während Augen und Mund jeweils in der anderen Farbe angemalt waren. Die fein geschwungenen Lippen waren leicht übertrieben nachgezogen, der untere Lidrand blieb gerade, während die obere Rundung bis zu den Brauen überhöht betont schien. Molly grinste – sie sah aus wie ein Pierrot mit Grünstich.

Mary hatte Nagellack mitgebracht und lackierte alle Fingernägel, die sich ihr entgegenstreckten, in Grün- und Weißtönen. Eine andere Frau hatte einen Schwung neongrüner fingerloser Handschuhe aufgetrieben, die sie zum Selbstkostenpreis abgab. Dankbar kaufte ihr Molly ein Paar ab. Sie war nicht auf die Idee gekommen, welche zu besorgen, und besaß nur normale Fingerhandschuhe. Mit denen konnte man aber nicht Tin Whistle spielen. Es war immerhin ungemütlich kühl, auch wenn das Thermometer acht Grad anzeigte. Die feuchte Luft und der leise Wind verstärkten die Kälte. Molly hatte sich bereits ein wenig Sorgen um ihre Finger gemacht.

Gerry klatschte in die Hände. Es war Zeit. Die Gruppe formierte sich.

Dicht am Eingang stand ein Mann, den Molly noch nicht kannte. Er trug eine riesige Pauke vor dem Bauch. Bisher waren bei den Proben bloß die kleinen Militärtambours zum Einsatz gekommen. Diese Trommler stellten sich nun ebenfalls auf.

Es ging los. Zwei helle Trommelwirbel, dann setzte die tiefe Bauchtrommel mit einzelnen Paukenschlägen ein. Ja, das hatte noch gefehlt! Der Rhythmus fuhr Molly in die Knochen. Nun die schrillen Pfeifen! Und es waren erheblich mehr Musikanten als bisher immer. Molly hatte die Hälfte der Leute nie zuvor gesehen. Viele stießen offenbar erst am Wrens Day dazu; sie kannten die meisten Stücke gut genug, um sich die Proben zu ersparen. Einige kamen von weiter weg und hatten sich von Gerry die Noten und eine Aufnahme der Musik schicken lassen. Insgesamt mochten es heute an die vierzig Teilnehmer sein.

Dreimal spielten sie das Stück im Lokal, bevor sie hinauszogen auf die Straße. Die Quay Wrens waren unterwegs.

Molly hatte sich gewundert, dass die Musikanten nie in Bewegung geübt hatten. Man brauchte doch eine Art Marschordnung … Jetzt stellte sie fest, dass alles sehr locker zuging. Allerdings gab es eine Grundreihenfolge.

Ganz vorn hüpfte das Hobby Horse, ein weiß bespanntes Holzgerüst in Form eines Pferdeleibes. Darin steckte ein junger Typ, der mal nach rechts, mal nach links tanzte. Auf einem Besenstiel saß der Pferdekopf, der lustig wackeln oder sogar das Maul aufreißen konnte, danach folgten die Bannerträger. Das sogenannte Banner war ein langes weißes Band mit dem grünen Quay Wren-Schriftzug, das an zwei Stangen vorausgetragen wurde. Die große Trommel als Nächstes, dann die kleinen. Anschließend marschierten die Pfeifer, und ganz hinten liefen die Anhänger, eine wilde Schar gut gelaunter und bunt verkleideter Leute.

Kein Mensch ging im Gleichschritt. Jeder latschte irgendwie und irgendwo. Nachdem sich Molly von ihrem ersten Staunen erholt hatte, fand sie dieses Chaos sehr erfrischend. Überhaupt machte es riesigen Spaß. Natürlich kam der Verkehr zum Erliegen, weil die Wrens eine ganze Straßenhälfte einnahmen. Die drei Geldeintreiber mit ihren Sammeleimern bettelten bei Passanten und Autoinsassen um Spenden für die Lifeboats, den Seenotrettungsdienst der Küstenwache.

Molly fand es bemerkenswert, wie friedfertig die Autofahrer den Stau hinnahmen und auch noch Geld spendeten. In ihrer Heimatstadt Waterford oder gar in Dublin hätte es bestimmt einige ungeduldige Huper gegeben. Aber hier im Westen hupte man ohnehin nur, wenn man einen Bekannten auf sich aufmerksam machen wollte. Das war einer der vielen sympathischen Züge der Leute dieser Gegend.

Anfangs fand Molly den Umzug recht anstrengend, da manche der Straßen in Dingle regelrecht steil sind. Gerry gab ein zügiges Tempo vor, und Molly hätte die Luft zum Schnaufen gebraucht, musste sie jedoch in ihre Pfeife blasen …

Zum Glück hatte es rechtzeitig aufgehört, zu regnen. In der Pflegestation des Krankenhauses gaben sie ein Extrakonzert, aber alles andere spielte sich tatsächlich im Freien ab. Ach ja, und in den Pubs natürlich. Es war Ehrensache, jedes einzelne Lokal zu besuchen, dort zu spielen und Geld zu sammeln. Selbstverständlich musste auch immer ein Bier getrunken werden; der Wirt sollte schließlich etwas davon haben. Wenn man bedenkt, dass es in dem kleinen Städtchen 24 Pubs gibt, dann versteht man, dass der Wrens Day ein harter Tag für die Musikanten sein konnte …

Am lustigsten war es, wenn sie einer der anderen drei Gruppen begegneten. Die spielten ja nicht das gleiche Stück und trommelten nicht denselben Rhythmus, und Molly hatte gut zu tun, nicht aus dem Takt zu kommen, während der fremde Zug mit Trara an ihr vorbeimarschierte.

Um sechs kehrten sie zurück in ihre Stammkneipe, die von John Benny. Hier wurde ihnen heißer Lammeintopf kredenzt, der nach der Kälte draußen und dem vielen Bier sehr willkommen kam. Hungrig löffelte Molly.

»Mmh, gut!«, lobte jemand gegenüber.

Sie blickte auf. Es war der Mann mit der großen Trommel, das Gesicht mit grünen und weißen Streifen bemalt. Molly studierte seine Züge, die bisher unter der traditionellen Strohhaube verborgen geblieben waren. Er mochte an die dreißig sein, bestimmt nicht älter. Ein dunkelblonder, ordentlich gestutzter Bart umrahmte sein Kinn. Der männlich feste Mund, die markante, leicht gebogene Nase und die dichten, geraden Brauen wirkten fast asketisch, aber die klaren grauen Augen milderten diesen Eindruck. Seine langen blonden Locken hatte er im Nacken zusammengebunden, einige Strähnen ringelten sich um Stirn und Ohren. Der Mann war von mittlerer Größe und kräftiger Statur, das hatte sie unterwegs gesehen, seine muskulösen Schultern und Arme waren ihr aufgefallen. Sie hatte sich meist in den vorderen Reihen aufgehalten und ihn deshalb gut beobachten können, wenn er mal rechts, mal links auf die dicke Trommel schlug. Ihr hatte der ruhige Rhythmus gefallen, der die raschen Trommelwirbel der anderen so wirkungsvoll untermalte.

»Ja, wirklich lecker«, bestätigte sie. »Ich heiße Molly, bin erst seit ein paar Wochen bei den Wrens.«

Er stellte sich ebenfalls vor, bloß verstand sie den Namen nicht richtig, weil gerade in dem Moment neben ihr jemand sein Bier umkippte und alles aufsprang, um den Fluten auszuweichen.

Als wieder Ruhe eingekehrt war, meinte sie nachdenklich: »Du kommst mir irgendwie bekannt vor … Aber es fällt mir nicht ein, wo ich dich schon mal getroffen habe.«

Mit klaren Augen musterte er sie nun auch aufmerksam. »Ich glaube nicht, dass ich dich kenne. Allerdings fahre ich eins der Fungie-Boote, Mermaid heißt es. Vielleicht hast du mich da gesehen.«

Natürlich hatte Molly bereits von dem berühmten Delfin Fungie gehört, der seit über dreißig Jahren in der Nähe von Dingle wohnte. Mehrere Fischerboote waren auf Touristenbetrieb umgerüstet worden und fuhren täglich mehrmals hinaus, weil die Leute Fungie springen sehen wollten. Molly war jedoch bisher nie auf die Idee verfallen, das auch zu tun. Es schien ihr ein bisschen albern, eine typische Besucherattraktion eben. Aber dass er Kapitän war, faszinierte sie.

»Ach, wirklich? Macht dir das Spaß? Kommt er denn immer? Ist es dein eigenes Boot?«, platzte sie neugierig heraus.

Er lächelte. »Eine Menge Fragen hast du da … Also, ich finde den Job herrlich. Liegt bei uns in der Familie, die Seefahrt. Aber das Boot gehört mir nicht; ich arbeite für eine Art Kooperative, die diese Ausflüge organisiert. Und ja, Fungie taucht fast jedes Mal auf. Die Leute müssen ja auch nur zahlen, wenn sie ihm wirklich begegnen. Warst du noch nie draußen? Du wohnst doch wohl in der Gegend, nicht?«

»In Ballyferriter. Äh, sollte ich? Fungie sehen, meine ich. Lohnt sich das denn?« Es war ihr beinahe peinlich, so direkt zu fragen, aber andererseits hielt sie viel von Aufrichtigkeit.

Um seine Augen bildeten sich feine Lachfältchen, obwohl seine Gesichtszüge ernst blieben. Er antwortete schlicht: »Ja, unbedingt.« Nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: »Es sei denn, du fühlst dich auf dem Wasser unbehaglich.«

Wie taktvoll er das umschrieb! Molly grinste. Seekrank wurde sie nicht, und sie fürchtete sich auch nicht vor dem Meer. Sie nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit einmal den Fungie-Ausflug nachzuholen. Wenn er das so eindeutig empfahl, musste ja wohl etwas an der Sache sein. Oder wollte er bloß an ihr verdienen? Nein, das schien ihr unwahrscheinlich. Jetzt fragte sie ihn, seit wann er bei den Wrens war.

Er lachte. »Ich war schon bei der Gründung dabei, also vor neun Jahren. Hab von Anfang an die große Trommel bedient.«

»Oh. Das muss ordentlich anstrengend sein, das Riesending die ganze Zeit vor dem Bauch zu haben.«

»Nicht so wild. Ein Haus zu bauen, ist schlimmer.«

Sie zog fragend die Augenbrauen nach oben.

»Ich erweitere mein Cottage. Anbau auf der Rückseite. Das Fundament ist schon betoniert, und jetzt zieh ich die Mauern hoch. Jeden Abend eine Reihe Steine.« Dabei wurde sein Gesicht wirklich ernst, alle Heiterkeit war verschwunden.

»Was? Es ist doch eiskalt! Und um fünf ist es stockdunkel.« Molly schüttelte den Kopf.

Er zuckte die Schultern. »Ich hab’s halt eilig. Da kann ich nicht auf den Sommer warten … Mit der Kälte ist es halb so schlimm – Frost haben wir ja nur ganz selten, und wenn, dann höchstens nachts. Und ich hab einen Scheinwerfer aufgestellt. Beim Mauern muss man nicht viel sehen.« Jetzt lächelte er wieder, und die Wolke über seinen Augen zog weiter.

Sie berichtete ihm nun im Gegenzug von dem Bau auf Grazeland. Der wurde allerdings von dem tüchtigen Brendan als Bauleiter und Architekt betreut. Das war natürlich nicht wirklich zu vergleichen – Eigenarbeit mussten die beiden Frauen nicht leisten. Dennoch verfolgte Molly den Baufortschritt mit großer Spannung, sollte doch dabei ihre neue geräumige Wohnung über dem Stall entstehen.

Die Unterhaltung verlief recht interessant, weil der Trommler ein guter Zuhörer war und in seiner ruhigen Art humorvoll kommentierte, was Molly erzählte. So bedauerte sie es fast, als Gerry die Gruppe zum Aufbruch rief. Jeder suchte sein Zeug zusammen – Kopfputz, Handschuhe, Instrumente – und vermummte sich wieder. Während sich Molly fertig machte, dachte sie über das Gespräch nach. Ein netter Mann schien das zu sein, zielstrebig und fleißig. Aber seine Augen wirkten traurig, als hätte er Kummer. So grau wie das Meer unter einer Wolkenschicht … Sie rief sich grinsend zur Ordnung. Heute gab es keine Zeit für romantische Fantasien, der Wrens Day verlangte ihre volle Aufmerksamkeit.

Inzwischen war es längst dunkel draußen, doch es blieb zum Glück trocken. Ein böiger Wind zerrte an dem Banner, und Molly war froh, dass sie nur die leichte Blechflöte zu tragen hatte. Sie fühlte sich ohnehin ziemlich müde, schließlich trabten die Wrens bereits seit vielen Stunden durch die Stadt. Jetzt allerdings wurden die Strecken kürzer: Man zog nur noch von Pub zu Pub. Ob eine der anderen Gruppen darin war, erkannte man gleich an dem Banner, das außen über den Eingang gespannt war. In diesem Fall kehrte man eben später zurück – traditionell durfte man sich nicht in die Quere kommen.

Anstrengend blieb die Angelegenheit trotzdem, denn es wurde immer voller. Dingle war ja ohnehin ein beliebtes Ziel für feiernde Gruppen, besonders an feuchtfröhlichen Wochenendtagen wie heute strömten viele junge Leute in die Stadt, froh, dem Weihnachtsfest im Familienkreis entronnen zu sein. Überall drängten sich Menschen, wild verkleidet, übermütig und in bester Stimmung – und der Großteil von ihnen gut angetrunken. In den Kneipen war es oft so eng, dass Molly die Flöte beim Spielen schräg nach oben halten musste, um nirgends anzustoßen. Sie war ja nicht besonders groß und stand ständig eingekeilt zwischen den Massen. Dennoch hielt sie eisern durch, obwohl ihr das Gedränge und Geschubse und vor allem das Bier längst zu viel wurde. Sie hatte nun einmal versprochen, mitzumachen, und würde nicht aufgeben, bevor die Aktion zu Ende war.

Amüsiert beobachtete sie, wie auch die Wrens immer betrunkener wurden. Der eine Bannerträger steuerte im Hafen zielstrebig einen Haufen Netze an, die dort aufgetürmt lagen. Obwohl sein Partner, das Unheil ahnend, an ihm zog und zerrte, gelang es ihm nicht, ihn aufzuhalten: Jack purzelte mitten hinein und verwickelte sich derartig mit seinen Stiefelösen und den Nieten an seiner Lederjacke in dem feinmaschigen Nylonzeug, dass er überhaupt nicht mehr hochkam. Schließlich mussten einige der noch nüchternen Mitglieder helfen, ihn zu befreien.

Ein andermal kündigte Gerry in einem Lokal an, wohin der Trupp als Nächstes marschieren würde, stellte sich aber draußen in entgegengesetzter Richtung auf. Es erforderte eine längere Diskussion, bis er seinen Irrtum einsah. Auch um den Trommler machte sich Molly Sorgen: Er schwankte beim Gehen, als wäre er auf hoher See. Die Schlegel trafen das Fell allerdings weiterhin mit taktsicherer Präzision. Zu diesem Zeitpunkt war sie selbst bereits fast wieder nüchtern, denn sie hatte sich seit dem Abendessen nur noch zweimal ein kleines Bier geholt, ihr war der Trubel am Tresen einfach zu viel.

Sie seufzte erleichtert, als sie um halb eins endlich bei John Benny landeten. Mittlerweile waren die meisten der vergnügungssüchtigen Ausflügler entweder heimgefahren oder aber in die Disco verschwunden, und die Pubs wirkten leer und etwas schäbig. Überall lagen Strohhalme verschiedener Wrensgruppen herum, auf den Tischen schwammen Bierpfützen, an den Theken lehnten die letzten Besucher, keiner von ihnen mehr besonders fit.

Molly rief Dave Kennedy an, einen der beiden Taxifahrer in Ballyferriter. Er hatte ihr versprochen, sie abholen zu kommen, egal um welche Uhrzeit. Während sie nun auf ihn wartete, gönnte sie sich noch ein Bier, als krönenden Abschluss des aufreibenden Tages. Die Wrens waren aufgekratzt und stolz, die Geldeimer bis zum Rand gefüllt, der Tag konnte als Erfolg verbucht werden. Als Dave draußen hupte, verabschiedete sich Molly bei Gerry, winkte den anderen zu und verschwand nach draußen.

Zu Hause brachte sie gerade noch genug Energie auf, sich die Farbe aus dem Gesicht zu waschen, bevor sie ins Bett fiel und sofort einschlief.

4

Ronán Kavanagh saß stöhnend in dem Ausflugsboot. Er hatte die Ellbogen auf das Steuerrad gestützt und barg den schmerzenden Schädel in beiden Händen. Normalerweise hielt er wenig von Selbstmitleid; er war der Überzeugung, jeder Mensch sei durchaus selbst für sein Glück – oder Unglück – verantwortlich. »Das Glück kann man nicht erzwingen, aber man kann es einladen«, hatte seine Mutter oft gesagt. Mum … Sie hatte ein unglaubliches Talent zum Glücklichsein gehabt, und in ihren letzten wachen Minuten eines getan: gelächelt.

Im Augenblick hatte er allerdings das Gefühl, das Schicksal behandle ihn ziemlich schlecht. Der Tod seiner Mutter und alles, was daran hing, und nun obendrein dieser Riesenkater. Ausgerechnet heute schien die Sonne strahlend von einem blauen Himmel, und die Leute standen Schlange, um zu Fungie hinauszufahren. Er war nicht ganz sicher, ob er seinem Magen das Geschaukel auf dem Boot überhaupt zumuten durfte.

Mit schiefem Grinsen riss er sich zusammen. Ein Kapitän, der seekrank wurde … unvorstellbar! Ihm war noch nie auf See schlecht geworden. Weder auf dem rostigen Containerschiff, auf dem er zwei Jahre lang gejobbt hatte, noch auf dem stinkigen Fischkutter in der stürmischen Biskaya oder auf der Fährlinie von Irland nach Frankreich, wo er als Siebzehnjähriger als Ferienaushilfe gearbeitet hatte. Weshalb sollte er heute damit anfangen? Die Mermaid war tadellos sauber und gepflegt, und hier in der riesigen Hafenbucht sah die Wasseroberfläche spiegelglatt aus. Draußen mochte es etwas Dünung geben; immerhin handelte es sich um den Atlantik. Aber das hielt er aus, wäre ja gelacht.

Ronán hob vorsichtig den Kopf, kniff die Augen zusammen und spähte hinüber zum Landesteg, ob er schon dran war. Nein, Michael half seinen Fahrgästen noch beim Einsteigen. Seufzend grub Ronán seine Sonnenbrille aus dem Kasten neben dem Sitz. Die dunklen Gläser würden ihm die Illusion eines abgedunkelten Raumes geben, und das war genau, was er sich wünschte. Als er den Motor startete und langsam hinübertuckerte, wechselte seine Stimmung von Selbstmitleid zu Selbstvorwürfen: Warum hatte er bloß gestern derartig viel gesoffen? Er hätte sich doch denken können, dass er es würde büßen müssen! Aber dann wurde er wieder zum Realisten: Schließlich war es der Wrens Day, da gehörte Bier einfach dazu! Na und? Es war herrlich gewesen. Seit Monaten hatte er nicht so einen unbeschwerten, sorgenfreien Tag erlebt. Die wilde Musik hatte alle Trübsal fortgeblasen, die verkleideten übermütigen Menschenmassen waren eine Freude für die Augen, und das Guinness hatte wunderbar geschmeckt, bis zuletzt. So, und jetzt Schluss mit dem wehleidigen Gejammer und ran an die Arbeit!

Seine junge Cousine Ginny Noonan, die mit ihm arbeitete, sprang an Bord, sobald er angelegt hatte.

»Voll ausgebucht, fünfundzwanzig Leute! Und noch zwei andere Fahrten hinterher. Was die bloß alle in Dingle wollen, mitten im Winter?«, schimpfte sie. »Mann, und ich hab so gehofft, dass ich heut im Bett bleiben kann!«

»Ach, du auch?« Ronán musterte sie. Ja, sie wies Anzeichen einer durchzechten Nacht auf: dunkle Ringe unter den Augen, blasse Haut, Reste von Make-up.

Ginny zuckte die Schultern und grinste breit. »Bin erst um sieben heimgekommen … Aber der Abend war das ganze Schädelweh wert!«

Als sie den Leuten beim Einsteigen half, wirkte sie fröhlich und gut gelaunt wie immer. Ronán ertappte sich dabei, dass er Ausschau hielt nach einer jungen Frau mit einem grün-weißen Harlekingesichtchen und leuchtenden braunen Augen. Ungeduldig schüttelte er den Kopf. Sie tauchte bestimmt nicht auf, sonderlich begeistert von Fungie hatte sie nicht geklungen. Im Übrigen hatte sie vermutlich die Farbe längst abgewaschen, und ob er sie ungeschminkt überhaupt erkennen würde, schien ihm fragwürdig. Er wusste ja nicht einmal, welche Haarfarbe sie unter der grünen Perücke versteckte. Vielleicht traf er die junge Frau erst im nächsten Jahr am Wrens Day wieder …

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