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Eine Postkarte aus New York bringt das Stimmungskonzept von Inga mit einem Mal sehr durcheinander. Erinnerungen an Enno werden wach. Enno, der ihr Leben wieder hell gemacht hat und eines Tages so plötzlich verschwand, wie er aufgetaucht war. Zwischen Lachen und Weinen erinnert Inga sich an ihre gemeinsame Zeit: an einen patriotischen Teppich und eine philosophische Autobahnfahrt, an einen Opa, der nicht ihrer war, sowie die tröstende Kraft von Rührkuchen und Mensch ärgere dich nicht. Und dies alles bringt schmerzlich das Fehlen eines anderen geliebten Menschen aus Ingas Vergangenheit wieder hervor.
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Seitenzahl: 175
Veröffentlichungsjahr: 2024
Im Gewächshaus ist noch Licht
Impressum
Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN: 978-3-95894-299-8 (Print)
© Copyright: Omnino Verlag, Berlin / 2024
Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.
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New York liegt mir zu Füßen. Das muss man so sagen. Denn so ist es.
Und ich fühle mich schäbig. Ich schäme mich für meine Füße in diesem Moment, beziehungsweise für ihre wenig modische Hülle. So kann man doch nicht in die Stadt gehen, höre ich meine Mutter tadeln. Und ich höre auch, wie ich mich trotzig rechtfertige: Ich will doch so auch gar nicht in die Stadt gehen!
Selbst wenn ich in diesen etwas abgelatschten, ausgeblichenen, blau-grün karierten Filzpantoffeln durch New York spazierte, würde das dort wahrscheinlich niemandem überhaupt nur auffallen, geschweige denn negativ. Womöglich hätte ich sogar mein Vergnügen dabei, fühlte mich rebellisch und herrlich extravagant.
Aber das ist alles blasse Theorie. Denn New York und meine Filzpantoffeln werden sich nie anders begegnen als in diesem Moment – in diesem leicht muffigen, kühlen Hausflur des Viergeschossers in der Kleinstadt, wo ich wohne. Täte ich jetzt erst einen Schritt mit dem linken Fuß und dann noch einen mit dem rechten oder würde ich wie ein Kind mit einem winzigen Schlusssprung nach vorn hüpfen, wäre New York: platt. Aber platt ist es ja schon. So platt wie eine Ansichtskarte eben sein kann. Und da ist es egal, ob vorn New York drauf ist oder Peking oder Rom.
Aus meinem Briefkasten fällt mir durchaus öfter die Post entgegen. Offenbar sind die Briefe oder Karten dann derart speziell im Kasten gelandet, dass sie beim Öffnen der Klappe herausstürzen. Manchmal kann ich sie, mich dabei lächerlich-tänzelnd verrenkend, auffangen, bevor sie auf dem Steinfußboden des Hausflurs landen. Oft aber schaue ich ihnen wie in Zeitlupe nach, sie sind ja doch viel schneller als ich.
Ich habe es versäumt, eine Statistik zu führen: Mit welcher Häufigkeit fällt Post beim Einwerfen an die hintere Wand des Kastens oder an die vordere? Liegt es am Einwurfwinkel oder am Gewicht der Sendung? Oder ist es möglicherweise sogar so, dass die Postbotin beispielsweise die Karten – weil sie sie für etwas Besonderes hält oder mir die vertraute oder eben ganz und gar nicht vertraute Schrift erst auf den zweiten Blick preisgeben möchte – zuweilen absichtlich so im Kasten platziert, dass sie mir beim Öffnen zunächst, lässig hinten angelehnt, ihre Ansichtsseite präsentieren? Wie aber stellt die Postbotin das an?
Und landen vorn angelehnte Briefe, die herausfallen, dann eher mit der Anschrift nach oben auf dem Boden und Postkarten eher mit dem Motiv oder mit der Textseite?
Diese Überlegungen kommen mir gerade recht. Sie lenken mich ab von dem, womit ich mich eigentlich beschäftigen müsste. Denn heute, wie gesagt, fiel mir New York vor die Füße. Und ich kann es so sehr nicht glauben, dass diese Karte gerade aus meinem Kasten gefallen ist, dass ich eine ungemessene Weile auf sie hinabstarre, meine rechte Hand wie festgeklebt am Briefkastenschlüssel, der noch im Schloss steckt. Ich begreife es einfach nicht. Es kann schließlich nicht sein. New York … das ist doch so lange her. Das ist doch gar nicht mehr möglich. Ich habe nicht mehr daran geglaubt, habe die versprochene Karte mit traurigem Bedauern längst als verloren abgehakt.
Den Briefkasten, werde ich später bei nüchterner Analyse denken, sollte man also stets in dem Bewusstsein öffnen, dass sich mit diesem so dermaßen gewöhnlichen Vorgang etwas Unvorhergesehenes ereignen könnte. Dass man überrumpelt wird. Dass man sich auf etwas gefasst machen muss. Das Öffnen des Briefkastens erfordert also alle Aufmerksamkeit, körperliche Spannung und mentale Stärke, wie sie einem sonst nur beim Bewerbungsgespräch oder beim Tischkicker abverlangt werden.
Ich weiß nicht, wie in Trance sich anfühlt, aber so, wie ich den Kasten schließe, die Karte aufhebe und schließlich die Treppen zu meiner Wohnung erklimme – ja, es ist ein beschwerliches, kräftezehrendes Erklimmen –, und so, wie ich die Karte dann zwei Mal lese, ohne auch nur ein Wort zu begreifen, muss ich in einer Art Trance sein. Vielleicht auch einer roboterhaften Ohnmacht.
Ist unser ganzes Leben nicht eine einzige Ohnmacht? Wer hat schon Macht über sein Leben? Und über all das, was darin geschieht und uns zum Reagieren, Uns-Hineinfügen oder Folgen auffordert.
Meine liebe Inga,
New York, New York! Ach, was schreibe ich, es steht ja bunt und leuchtend vorn drauf. Aber ist es nicht verrückt? Ich bin in New York! Ich schreibe dir vom Times Square, es ist alles so irre hier, die Amis haben echt ne Meise, but: I love it! Und nein, ich habe M. noch nicht gefragt, aber wir haben ja noch Zeit. Es wäre cool, wenn Du mit hier wärst, jedenfalls könntest Du Dich hier aufs Beste durch alle möglichen Küchen der Welt futtern! Ich weiß: zu groß, zu laut, zu viel. Ich bring Dir von allem eine Tupperdose mit! See you soon! E.
Ich halte die Karte in der Hand, drehe sie wieder und wieder um, sehe den Text, sehe das Foto, die nächtlich leuchtende Skyline. Als ob solches Hin-und-her-Wenden eines Stücks bedruckten Papiers etwas erklären könnte. Aber die Karte schweigt über alles, was sie wissen könnte. Und ich fange an, meine aufkommende Wut in sie hineinzupressen, ich zwänge sie immer fester ein zwischen den eingeknickten Fingern und der schwitzigen Innenfläche meiner linken Hand, bis ich beinahe beginne, sie zu zerknüllen. Das tut mir sofort leid, ich reibe sie an meinem Shirt trocken und streiche sie wieder so glatt wie möglich.
Diese Karte wühlt alles wieder auf. Dass eine Postkarte es schafft, einen so wirr und unbeholfen zu machen, es ist unfassbar! Monatelang hat sie sich irgendwo da draußen verkrochen, hat sich herumgedrückt und sich nicht reingetraut. Feige nenne ich das. Und heute kommt sie hier mir nichts, dir nichts hereingeschneit und tut so, als sei nichts gewesen. Oder war das alles wohlweislich Absicht, dieses Ausbleiben, Zögern und Abwarten, weil es mir erst jetzt zuzumuten ist und ich das erst jetzt aushalten kann? Dieser Gedanke lässt mich schließlich warm und leise weinen. Ich begreife die traurige Endgültigkeit, die sie mir klarmacht. Gleichzeitig erfüllt mich diese Karte mit Glück und Dankbarkeit. Endlich ist sie da! Vor fast einem halben Jahr abgeschickt.
Ennos letzter Gruß. Wie schaurig. Und wie wundervoll. Man könnte meine Wohnung ausrauben – aber fasst ja diese Postkarte nicht an!
Diese Sache mit der Ansichtskarte hat mir wieder einmal gezeigt, dass das Leben eine einzige Gleichzeitigkeit ist. Oder wenigstens eine Abfolge von im Grunde zueinander nicht kongruenten Zuständen und Befindensvariationen. Sie hat mich für den Rest des Vormittags, der bis dahin mit einem völlig anderen Grundton daherkam, in einen seltsam diffusen Strudel gerissen. Ich habe mich willig mitziehen lassen und mich allem ergeben, was auf mich einwirkte. So geht es am besten: Sich dem inneren Wirken hingeben, sich walken und herumwirbeln lassen, alles aushalten, manchem standhalten und sich dann wieder ausspucken lassen. Als das Gewölle der Seele. Vielleicht so in der Art. Ich weiß, dass der Strudel mich ganz bald noch einmal in sich hineinziehen wird, doch die Wiederholung dieses Prozederes wird ihn irgendwann ermüden und mich erleichtern. Ich kenne das schon, es ist in Ordnung, es geht vorbei.
Aber für jetzt ist es erst einmal gut. Denn ich kann mich von dieser Postkarte nicht noch länger aus meinem heutigen Stimmungskonzept bringen lassen. Heute bin ich nämlich nicht ganz bei mir – und das ist einfach großartig. In meinen elegischen Modus Vivendi hat sich zuletzt, ganz behutsam, aber sehr bestimmt, wieder etwas Schwungvolles eingeschlichen.
Endlich gibt es wieder etwas, worauf ich mich hinfreuen kann, worauf ich hinleben kann, und das macht alles so viel leichter. Zum Schweben wird es nicht reichen, aber mir genügt der wieder etwas aufrechtere Gang durchs Leben – etwas gerader, etwas größer, mit nur noch einer angemessenen Spur von Wachsamkeit. Manchmal komme ich mir dabei vor wie ein Erdmännchen auf Späherposten.
Am Küchenfenster stehend schaue ich in diesen blendenden Frühlingstag. Normalerweise mag ich solche aufdringlich-hellen Tage nicht. Ich verschanze mich dann am liebsten zu Hause, hinter den kühlenden, das Draußen dämpfenden Mauern. Mit geschlossenen Vorhängen. Dann ist es gut, dann ist der zu helle Tag weggedunkelt.
Ich traue dem Frühling nicht mehr. Er ist mir oft zu anmaßend, zu übertrieben. Oder sein ganzes Gegenteil. Alles aus Notwehr, ich weiß, und trotzdem fühle ich mich vom Frühling verraten und verlassen und gebe mich meiner Enttäuschung hin. Dann klage ich an und finde die Welt ungerecht.
Der Frühling ist nur der Stellvertreter. Ich traue dem Guten nicht mehr. Weil es keinen Bestand hat. Auf das Gute ist kein Verlass, es wird uns genommen, entrissen, zerstört. Und wie recht ich oft damit habe. Auch was mit Enno passiert ist, ist wieder ein Beweis dafür.
Also habe ich mir angewöhnt, mich unter dem Guten und Freudvollen wegzuducken, ihm auszuweichen, es nicht an mich heran- und schon gar nicht in mich hineinzulassen. Als ob es dort irgendetwas Unaushaltbares anrichten könnte.
„Aber so findest du die Liebe doch nie“, hat Enno mal zu mir gesagt. Und ich habe ihm geantwortet: „Aber so kann sie mir eben auch nichts anhaben.“ Ich habe mich mit diesem Modus arrangiert. Das ist meine Überlebensstrategie. Und ich dachte, es würde immer so sein. Immer so bleiben.
Tja, falsch gedacht, denke ich jetzt und muss so ausufernd lächeln, dass es fast schon ein Grinsen ist. Und das Beste ist: Ich traue diesem Grinsen. In diesem mir immer befremdlich vorkommenden mimischen Ausdruck verbirgt sich oft eine ganze Geschichte. Von einem Mundwinkel zum anderen geht sie, und dazwischen liegt eine weite Strecke des Erzählens. Die würde ich jetzt so gern mit Enno gemeinsam gehen. Ich würde ihn am liebsten gleich anrufen oder, besser noch, zu ihm fahren und ihm alles erzählen. So wie immer. So wie früher.
See you soon!
Von wegen.
Zu sagen, Enno war alles, was ich nicht bin oder wie ich nicht bin, wäre wohl übertrieben und vereinfacht, aber so ist das eben: In der Rückschau tut es gut, Dinge zu vereinfachen. Vielleicht wäre es richtiger zu sagen, Enno war vieles, was ich nicht bin. Und das stimmt auf jeden Fall.
Eins steht fest: Enno war Licht und Farbe. Er war das buntkarierte Sakko im Einheitsgrau, die Sonne hinter der Gewitterfront. Er war die eine Kerze auf der Geburtstagstorte, die sich partout nicht ausblasen ließ. Enno war ein heller Mensch.
Enno war unerschütterlich, ohne dabei in irgendeiner Weise rigoros zu sein. Er strahlte eine warme Leichtigkeit aus, die ihn nicht nur umhüllte, sondern ihn auch zu beschützen schien, und um die ich ihn von Anfang an beneidet habe. Vielleicht hat es mich deshalb so zu ihm hingezogen, weil ich von der latenten Hoffnung erfüllt war, dass, je länger ich diese Aura um mich hätte, eines Tages etwas davon auf mich übergehen würde, mich miteinhüllen würde. Das wäre ein egoistisches Motiv, und wenn es so gewesen wäre, dann wäre es eben so gewesen. Aber ich suchte seine Nähe ja nicht zweckgerichtet. Überhaupt war alles an unserer Verbindung nie einer bestimmten Absicht geschuldet, es geschah einfach.
Enno war rundherum ein erstaunlich leichtfüßiger Lebemann – ich nannte ihn für mich gern Schwebemann, weil es immer so wirkte, als schwebte er durchs Leben.
Wie das Leben ohne Enno, vor Enno war … ich kann mich nicht erinnern. Ich kann mir nicht mal mehr vorstellen, dass es das je gab. Enno war doch immer da – so fühlte es sich an, und so war es. Nur dreieinhalb Jahre lang. Nicht mehr. Ganze dreieinhalb Jahre lang. So viel.
Und dabei hatten wir eines gemeinsam: Immer waren wir auf der Suche. Auf der Suche nach Liebe. Nicht im jeweils anderen, sondern jeder für sich, auf seine Weise. Enno mehr als ich. Er ließ sich dabei nicht beirren von Rückschlägen, Niederlagen, Gemeinheiten, Fehlverliebtheit. Enno machte weiter, suchte weiter. Er wollte finden. Er wollte nicht allein sein.
Ich hingegen nahm es mit dem Suchen nicht ganz so ernst, legte zudem eine gewisse Scheu an den Tag. Nach meiner letzten Beziehung war ich verunsichert und legte es nicht darauf an, wieder jemanden kennenzulernen. Noch dazu wollte ich nicht mehr finden, indem ich suchte. Ich wollte finden, indem ich gefunden werde. Das schien mir sicherer zu sein. Das ist wie mit dem Schlaf: Je verbissener ich ihn suche, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, ihn zu finden. Tue ich aber so, als interessiere er mich gar nicht, kommt er schneller herbei als für möglich gehalten.
Wenn aus einer Begegnung etwas ganz Innerliches zu werden scheint, was dazu taugt, einmal Liebe genannt zu werden, dann spürt man das in besonderer Weise. Wenn also ein künftiges Paar sich kennenlernt, geraten ganz bestimmte biochemische Prozesse in Bewegung, nehmen ihren Lauf und bringen nicht nur die Hormone durcheinander, sondern auch das Denken. Dem ist man ausgeliefert, es passiert einfach.
Wie aber lernen sich Freunde kennen, oder genauer: Menschen, die einmal zu Freunden werden? Was passiert dabei in einem drinnen, kann man das bemerken? Das erste Verb, das mir zu Freundschaft einfällt, ist schließen. Aber wie klingt denn das: Wir haben Freundschaft geschlossen. Als ob man einen Vertrag besiegelt, und daran hat man sich dann zu halten, und wenn nicht, gibt es diese und jene Klausel, aber auf alle Fälle ist das eine, eben beschlossene Sache. Fehlt nur noch der Schlüssel, den man dann rückwärts übers Brückengeländer wirft. Viel Glück!
Freundschaft schließen, das hört sich ein wenig nach Ehegelübde an. Willst du, liebe Inga Waldner, mit dem hier anwesenden Enno Marquardt für jetzt und immerdar Freundschaft schließen? Ja, ich will! Aber so war es nicht. Oder vielleicht doch. Gibt es Freundschaft auf den ersten Blick? Wann beginnt Freundschaft, ab wann fängt sie an, sich zwischen zwei Menschen zu entwickeln und sich in deren Leben einzuschleichen, bis dieses kaum zu beschreibende innige Gefühl aufkommt, bei dem man sich sicher ist: Irgendwie gehören wir zusammen. Auf eine unergründliche Weise. Und eines Tages kann man sich gar nicht mehr so recht entsinnen, wann und wie das alles seinen Lauf nahm. Es war einfach da. In diesem einen Augenblick, der so nicht hätte sein können, wenn an diesem Tag alles oder wahrscheinlich auch nur eine Winzigkeit anders verlaufen wäre. Auch Enno war im Grunde auf einmal einfach da.
Und jetzt? Jetzt ist Enno fort. Ich weiß immer noch nicht, wo er ist. Also, wo er wirklich ist. Er hat sich nicht verabschiedet, es gab keine Erklärung, auf die man etwas hätte erwidern können oder die man sich hätte bemühen können zu verstehen, um sein Wegsein dann zu akzeptieren. Allmählich, zwangsläufig, mit der Zeit eben. Aber ich verstehe es nach wie vor nicht. Und darum kann ich es nach wie vor nur schwer akzeptieren.
Sang- und klanglos. Wortlos. Spurlos. So verschwinden Menschen, wenn sie verschwinden. Und lassen die, die mit ihnen verbunden waren, wiederum in schwierigen los-Zuständen zurück: Ratlos. Sprachlos. Orientierungslos. Hilflos. Gleichzeitig befinden sich die Zurückgelassenen in quälenden voll-Zuständen. Sie sind voller Traurigkeit, voller Wut, voller Fragen. Voller unbenannter Gefühle. Aber auch: voller Erinnerung.
Ich saß wie so oft an einem Freitagabend in der Pizzeria, die für mich zum vertrauten Refugium geworden war. Wenn ich mal unter Menschen sein wollte, ohne mich auf diese Menschen einlassen zu müssen. Ich ließ ihr Reden und Lachen an mein Ohr, manchmal aber auch nicht, dann waren sie nur eine soziale Kulisse, in die ich mein Alleinsein platzierte. Ich bin öfter allein. Und ich bin es gern. Mein Alleinsein ist mir nie unangenehm. Ich glaube, anderen ist mein Alleinsein auf rätselhafte Weise unangenehm. Sie sehen etwas darin, was so nicht zu sein hat. Was so nicht sein kann. Was so nicht normal ist. Sie fragen sich vielleicht und tuscheln: Guck mal, die sitzt da so allein am Tisch, muss ihre Pizza allein essen, ihren Wein allein trinken. Wie einsam, das ist doch traurig. Und schon wird einem ein Verzweiflungsalkoholismus angedichtet. Der weniger glamourös ist als der Geselligkeitsalkoholismus. Damit kann ich leben, ich bestelle mir dann gern rasch ein zweites Glas. Dass ich damit mein eigenes Prinzip verletze, mich nicht vom unterstellten Denken der anderen in meinen Handlungen beeinflussen zu lassen, ja, das könnte mir eine höhere moralische Instanz vorhalten.
An dem Abend, von dem ich erzählen will, brauchte ich dieses Refugium dringender als sonst. Allein zu Hause hätte ich zu viel geweint. Es macht mir für gewöhnlich nichts aus, dieses Weinen, das mich manchmal überfällt. Aber diesmal wäre es mir zu viel gewesen, ich wäre womöglich darin versunken.
Am Tisch neben mir saß ein Mann, vielleicht mein Alter, vielleicht älter, ich kann so etwas nicht gut einschätzen. Er war in schlichtem Schick gekleidet, nicht übertrieben, aber doch leicht feierlich, alles in allem wirkte er ganz angenehm. Er schien außerordentlich nervös zu sein. Nervös und aufgeregt. Vor ihm auf dem Tisch lag eine dunkelrote Rose. Daneben sein Smartphone. Er griff ständig danach, wischte darüber, dann leuchtete es, ich bemühte mich, nicht explizit hinzugucken, und nahm das alles mehr aus den Augenwinkeln wahr. Da das mit der Zeit den Augen wehtut, lief es am Ende doch auf ein recht ungeniertes Observieren hinaus.
Auch darum gehe ich gern allein zum Essen aus oder ins Café: Ich kann mein Umfeld beobachten. Moderne Einzelgänger flüchten sich gemeinhin in ihre Smartphones und merken nicht, dass sie durch diesen Akt, den sie ja begehen, um nichts zu verpassen, genau das tun: Sie verpassen das Wesentliche. Ich halte es mir zugute, über ein gewisses selbstbewusstes Maß an Moderneresistenz zu verfügen und mich nicht von einem Telefon ködern und vereinnahmen zu lassen. Auf diese Weise ist es mir vergönnt, die anderen in ihrem Miteinander zu betrachten. Erkenntnisgewinne ziehe ich daraus nicht mehr, allein meine Ernüchterung über das Wesen Mensch erneuert sich dabei ein ums andere Mal. Und doch begnüge ich mich an diesen Freitagabenden mit dem mir Dargebotenen und versuche, mir daraus ein Quantum fades Amüsement zu schöpfen.
Der Mann am Nebentisch zog meine Aufmerksamkeit durch nichts Bestimmtes auf sich, vielleicht nur dadurch, dass auch er allein war, aber eben in einer offenbar ungeplanten beziehungsweise einer nur als vorübergehend einkalkulierten Alleinheit, die durch das Eintreffen seiner Verabredung aufgelöst werden würde.
Einmal hielt er sein Handy ans Ohr – wie mir schien, eine kleine Ewigkeit. Es ging offenbar niemand ran. Noch ein zweites Mal rief er an, sprach dann auf die Mailbox. Der Ablauf seiner Handlungen änderte sich in der folgenden Viertelstunde nicht. Übers Display wischen, mit den Schultern zucken, Kopf schütteln, zur Tür spähen, übers Display wischen. Das Unbegreifliche, aber sich immer mehr Aufdrängende mit Stirnrunzeln und Lippenschürzen wortlos kommentieren. Am Ende ein halblautes: „Das gibt’s doch nicht.“ Was er schließlich enttäuscht und gezähmt wütend vor sich hin brummelte, klang wie „So eine blöde Kuh“. Das ließ mich unwillkürlich kurz und unterdrückt auflachen, weil ich es zum einen rührend fand, wie er sich um Contenance bemühte, und mir gleichzeitig vorstellen konnte, wie gern er jetzt laut losgeflucht hätte. Er musste meinen grunzenden Lacher aufgeschnappt haben, und so antwortete ich auf seinen fragenden Blick mit einem verständnisvoll mitleidigen, begleitet von einem bedauernden Schulterzucken. Als Geste des Trostes hätte ich jetzt noch mein Glas zu einem In-der-Luft-Zuprosten erheben können, aber das hätte wie ein grotesk-verzweifeltes Anbandeln in einem schlechten Film gewirkt.
In Wirklichkeit folgten unsere Handlungen dann eher einer unausgereiften, uneindeutigen Regieanweisung, die dazu führte, dass wir uns von Tisch zu Tisch unterhielten, was ja die unverbindlichste Variante von distanzierter Annäherung ist. Es muss wohl komisch ausgesehen haben, wie wir da so seitlich hinübergeneigt zum jeweils anderen sprachen, dann wieder zurück in die aufrechte Position pendelten und uns beim nächsten Satz wieder in die einander zugewandte seitliche Schieflage begaben. „Das könnte auf Dauer zu Fehlhaltungen führen, meinen Sie nicht?“, bemerkte mein Pendelgesprächspartner bei nächster Gelegenheit und verharrte, auf Antwort wartend, in seiner schrägen Sitzhaltung.
Da zumindest mir definitiv klar war, dass ich von diesem Menschen nichts wollte, kein Abenteuer im Sinn hatte oder was man in so einer Situation der potenziellen Möglichkeiten alles empfinden oder vorhaben könnte, ließ ich mich auf ein Miteinander ein. Und fragte also, wobei ich meinen Kopf erst zu seinem Tisch und dann zu meinem Tisch schwenkte, mit heiter-ironischem Ton: „Zu Ihnen oder zu mir?“ Und er sagte: „Sie sind herzlich eingeladen, mir an meiner Festtafel Gesellschaft zu leisten.“
