Burnout – auf einmal mittendrin - Nora Knappe - E-Book

Burnout – auf einmal mittendrin E-Book

Nora Knappe

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Beschreibung

Ein Burnout ist kein Trend, den man mitmachen muss. Es ist eine schwere Krise, die immer mehr Menschen voll erwischt: körperlich, seelisch, sozial. Jede:r von Burnout Betroffene erlebt diese Krise anders. Dennoch ähneln sich Krankheitsphasen, Stimmungen und Gefühle sowie Denkmuster, Therapieerlebnisse und Erkenntnisse. Dieses Buch ist kein Ratgeber – es ist eine authentische tagebuchartige Darlegung und zugleich der Versuch, zu verstehen, was da eigentlich mit einem geschieht. Die Leser:innen begegnen Verzweiflung, Schmerz und Traurigkeit – aber ebenso Wut, Kraft und Aufbruch. Und manchmal geht es sogar heiter und humorvoll zu. Die Autorin lässt die Leser:innen zudem auf angenehm leichte Weise an ihrem Erleben der Psychotherapie teilhaben. Ein Buch, das sich geschickt zwischen Abstand und Involviertsein bewegt und vor allem so empathisch vermittelt, mit einem Burnout nicht alleine zu sein und immer einen Weg finden zu können.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 125

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Impressum

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN: 978-3-95894-231-8 (Print) / 978-3-95894-232-5 (E-Book)

© Copyright: Omnino Verlag, Berlin / 2022

Cover/Illustrationen: Shutterstock.com/Mr. Rashad

Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.

Inhalt

Zur Orientierung

Burnout

Therapie I

Leben

Klarsichthülle

Selbstgespräch

Gekündigt

Aufwärts

Dysbalance

Therapie II

Mut

Der rote Faden

Selbstfindung

Still

Vergleiche

Doppel-Ich

Atmen

Aushalten

Paradox

Das Kind

Wut

Therapie III

Erwartungen

Systemfragen

Optimismus

Wege

Der innere Kritiker

Rücken

An den Vater (Kafka reloaded)

Innere Stärke

Angst

Dran arbeiten

Therapie IV

Grübeln

Erkenntnis

Empor

Treten

Wunden

Die Friedhofsbank

Wer?

Schreiben

Erfinderin

Therapie V

Mantra

Startblock

Meine Aufgabe

Frei

Fataler Sog

Therapie VI

Ganz normal

Teamfähig

Rückschau

Zehn-Punkte-Plan (für alle Fälle)

Dank

Das letzte Wort

„Schreiben heißt: sich selber lesen. Was selten ein reines Vergnügen ist.”

Max Frisch, Tagebuch 1946-1949

Zur Orientierung

Dieses Buch ist durcheinander. Es schlingert. Es ist eine einzige Wirrnis – so wie der Zustand, in dem es entstand, eine einzige Wirrnis ist: Burnout mit Depression. Darum ist es ebenso Verzweiflung, Schmerz, Traurigkeit und Verzagtheit, wie es Wut, Tumult, Trotz und Aufbruch ist. Es ist voller quälender Fragen und Zweifel, aber es findet auch leise Antworten und zaghafte Gewissheiten. Bei aller Trübnis und allem Nebel hat es ebenso Helligkeit und Klarheit.

Es soll keine Abrechnung mit irgendjemandem sein, aber es stellt zur Rede, ist so offen und ehrlich wie nur möglich. Es ist eine authentische, unmittelbare Darlegung und zugleich der Versuch, zu verstehen, warum geschehen ist, was geschehen ist. Es ist kein Ratgeber und erst recht nicht verallgemeinerbar, aber es ist ein Buch für alle, die sich ebenso in sich selbst verirrt haben und daran verzweifeln.

Jede:r von Burnout Betroffene wird die Krise anders erleben – jede:r macht andere Dinge durch, trägt andere Lasten und Verwirrungen mit sich herum.

Dennoch ähneln sich Krankheitsphasen, Stimmungen und Emotionen sowie Denkmuster, Therapieerlebnisse und Erkenntnisse.

Daher versteht sich dieses Buch auch als Ermunterung an all jene, denen ähnliches widerfährt, sich dieser tiefen persönlichen Krise zu stellen, mit dem eigenen biografischen Ballast freundlich umzugehen und kleine Veränderungen zu wagen. Die Kraft dazu entsteht in einem selbst – man kann sie nicht erzwingen, aber ich schreibe diese Worte in der Gewissheit, dass diese Kraft da ist, dass sie sich zeigt, wenn es an der Zeit ist.

Burnout

Irgendwann im Leben kommt manche:r von uns an den Punkt, wo es ohne Hilfe nicht mehr geht. Man selbst merkt das meist gar nicht oder zu spät. Den vor einigen Jahren schon beiläufig von der Ärztin mitgegebenen Zettel mit Adressen von Psychotherapeutinnen hatte man sich zweimal angesehen und jedes Mal wieder weggelegt, dachte sich: Soo schlimm ist es doch nicht, das kriege ich schon alleine hin, das brauche ich doch nicht.

Bis es eines Tages eben doch schlimm ist, man es nicht mehr allein hinkriegt, es doch braucht.

Und man ist so froh, den ersten Termin ausgemacht und ihn doch nicht wieder abgesagt zu haben.

Jede Woche ist da diese Insel, dieser Raum, wo man Halt findet, wo man reden darf und sollte, über alles, was einen bedrückt, beschwert, erfreut und umtreibt; alles, was einen ausmacht, was man erlebt und erlitten hat, was man denkt und fühlt und wie man sich sieht; wo man weinen darf und auch schweigen; in Ruhe reflektieren oder ratlos sein; wo man immer wieder zu sich selbst geführt wird und sich wieder wertzuschätzen lernt; auch wenn es dafür mehrere Anläufe braucht und man manchmal das Gefühl hat, zu versagen, weil man immer wieder am selben Punkt, beim selben Problem landet, ja, manchmal sogar zum wiederholten Mal dieselbe Erkenntnis formuliert; wo man auf sachte Weise durch vorsichtige Nachfrage auf wichtige Worte, Gedanken, Gefühle aufmerksam gemacht wird und vom eigenen Irrweg weggeholt wird. Wo man nichts muss, aber alles darf. Wo man als Mensch wieder gehen lernt, aufrecht und offenen Blickes. Wie gut, dass es diese Geh-Hilfe gibt.

Und nach etlichen Sitzungen, die einen aufgewühlt, verstört, erstaunt, erschöpft, aber unmerklich auch wieder ein kleines bisschen stärker, selbstbewusster und zuversichtlicher gemacht und mit Erkenntnissen beschenkt haben, da schließlich fragt man sich: Wird es mir eines Tages wieder möglich sein, ohne diese Geh-Hilfe durch mein Leben zu gehen? Auch ohne dass jemand an der nächsten schwierigen Passage, vor dem nächsten Dunkel auf mich wartet, der mich begleitet und mir Mut zuspricht? Ich hoffe es sehr.

***

Burnout haben doch nur Manager und Geschäftsführerinnen. Nicht wahr? So Typen, die sich 28 Stunden am Tag abrackern, keinen Feierabend kennen, unersetzbar sind oder sich dafür halten, überall einspringen, wo gerade Not ist, und gern mal noch ein Projekt zusätzlich an sich reißen. Oder Ärzte und Pflegekräfte, die jedem gern helfen möchten; die Zeit und die Strukturen geben es zwar nicht her, aber sie rackern sich trotzdem ab für andere, für das Wohl der Menschen … Alle bis zum Anschlag, längst überlastet und überfordert, aber immer noch 120 Prozent, geht ja nicht anders, muss ja, wer soll’s denn sonst machen?

So denkt man sich das mit dem Burnout der anderen. Bis man selbst mittendrin ist. Und es noch nicht mal realisiert. Geschweige denn, eine Definition dafür hat.

Man hat nur auf einmal so eine Schwere in sich, eine Leere auch, eine Verzögertheit und Gelähmtheit. Kraftlosigkeit, Gefühl von Sinnlosigkeit. Keine Energie mehr, keine Ideen, keine Motivation, keine Lust. Überforderung. Dazu diese Reizbarkeit, Dünnhäutigkeit und Ungeduld. Zynismus, Missmut, Indifferenz. Alles negativ.

Und auf einmal braucht man für Handlungen und Routinen der Arbeit, die man sonst mit Freude und Elan angegangen ist, ewig. Alles ist so zäh, man selbst ist so zäh. Und kann einfach nicht mehr, nichts mehr. Alles ist zu viel, zu anstrengend, zu anspruchsvoll. Man ist perplex: Neulich hat man es doch noch gekonnt?!

Und jetzt: Diese große Müdigkeit, dieses Nichtsmehr-Können und Nichts-mehr-Wollen. Wozu auch? Diese Arbeit … alles immer schneller, immer oberflächlicher, immer anspruchsloser. Und was soll ich noch darin? Was ist mein Sinn?

„Geh mal zum Arzt“, sagt eine Freundin. Glücklicherweise sagt sie das. Dieser Schubs ist der erste Schritt auf einen wichtigen Weg. Einen Weg, von dem ich nicht weiß, wie lang er sein wird und wohin er führt. Ob überhaupt irgendwohin. Es ist der Weg mitten in einer Krise tiefer in diese Krise hinein. Es gibt keinen Routenplaner, keine Landkarte dafür – dichter Nebel, und ich muss losgehen. Nicht hier stehenbleiben und mich noch tiefer in mich hineinziehen lassen von diesem unbegreiflichen Sog.

Ja, da schwebt auf einmal dieses Wort im Raum: Burnout. Die Freundin hat es gesagt, meine Ärztin nicht. Aber auch sie hat es erkannt und gesagt: „Ich schreibe Sie jetzt erst mal krank.“ Und eine Diagnose-Chiffre auf den gelben Schein getippt, die ich kurz darauf im Internet nachschaue: Neurasthenie. Was mir da auf Griechisch kredenzt wird, ist eine „Nervenschwäche“. Schon habe ich eine überspannte, ohnmächtig gewordene Dame des 18. Jahrhunderts im viel zu üppigen, viel zu eng geschnürten Kleid vor Augen, die per Riechfläschchen wieder ins Hier und Jetzt geholt wird und alsdann einige Wochen im Bett verbringen soll, um sich zu schonen.

Nervenschwäche – als ob man sich nur mal ein bisschen zusammenreißen müsste und dann geht das schon wieder. Burnout gibt es also gar nicht.

Es gibt Tage, da kann ich mir im Spiegel nicht in die Augen schauen. Weil ich mich nicht sehe. Das bisherige Mich. Ich sehe eine große Ausdruckslosigkeit, oder nein: eine tiefe und zugleich klare, offengelegte Traurigkeit. Das bin ich? So schaue ich jetzt in die Welt?

Es ist nicht so, dass ich morgens nicht aufstehen kann und meinen Tag nicht zu gestalten weiß. (Hab‘ ich also überhaupt einen echten Burnout? Da ist man doch sicherlich ganz anders depressiv, viel tiefer und schwerer … Wie heißt das überhaupt richtig: der oder das Burnout?) Ich arbeite zwar nicht, aber die Tage im Schutz der gelben Scheine fliegen trotzdem irgendwie so dahin. Oft sind es lauter Banalitäten, mit denen ich „beschäftigt“ bin: frühstücken, Zeitung lesen, Radio hören, etwas einkaufen, kochen und essen, ein bisschen Gymnastik machen, grübeln, rausgehen, lesen, schlafen … Das Leben leben. Ohne erkennbaren Zweck, ohne der Gesellschaft nützlich zu sein. Einfach nur leben. Ist das etwa nichts?

Und: Darf ich das so?

Das ist nicht die Frage. Ich kann es grad nur so. Das ist mitunter schwer genug. Schwer zu akzeptieren und anzunehmen, nicht dagegen anzukämpfen und es negativ zu bewerten.

Es dauert Monate, bis ich es mir tatsächlich erlaube: einfach erst mal nur mein Leben zu leben. Nichts müssen, nichts sollen, auch nichts wollen. Nichts anstreben, nichts planen, nichts von mir fordern, weil ich denke, andere könnten diese Erwartung an mich haben und ich müsste doch schnellstens wieder „dabei“ sein, wieder etwas Sinnvolles tun, wieder wirksam sein. Und nützlich.

Nein, jetzt geht es nur darum: ruhig werden, wieder ich werden.

Dafür muss ich sehr geduldig sein … all das aushalten, mich aushalten.

Eines Tages kann ich erkennen und für mich gutheißen: Es geht mir nicht mehr darum, es loszuwerden, zu überwinden, besiegt zu haben; ich möchte es nur begreifen und es akzeptieren, es mit mir mitnehmen – und meinen Frieden damit machen.

***

Burnout – das klingt ja erst mal so dynamisch. Da hat sich jemand so sehr aufgeopfert und verausgabt, ist ja klar, dass der oder die irgendwann nicht mehr kann. Die hat sich den quasi verdient, diesen Burnout. Früher gab es Urkunden, jetzt halt Burnout.

Aber Burnout ist nicht dynamisch. Und keine Auszeichnung. Burnout ist eine Bürde. Die möchte man nicht haben, die sucht man sich nicht aus. Und: Die hat keinen Zeitplan, das ist kein Termin, keine Sitzung, die so und so lange dauert. („Ach, Entschuldigung, ich bin grad mitten im Burnout, ja, ich schau mal, wenn ich mich beeile und alles etwas straffe und optimiere, könnte ich … ja, also übernächste Woche könnte ich wieder an Bord sein.“)

Burnout ist ein Aushaltenmüssen und Sich-Ausgeliefertsein. Da ist keine Linearität, auch wenn man die gern hätte. Es sind Zustände, Phasen, Episoden. Widersprüche, Widerstände, Weinkrämpfe. Ein Wollen und Nicht-Können. Ein Ersehnen von Besserung, von Wieder-gesund-Sein und Sich-wiedergut-Fühlen. Das kommt sogar manchmal, glimmt kurz auf, lässt einen sogar regelrecht euphorisch werden. Bis es plötzlich wieder weg ist. Und man wieder in ein Luftloch sackt, in eine Morastgrube gerät, in ein wirres Dickicht abseits der Lichtung, auf der man sich eben noch wähnte. Das lässt einen verzweifeln, sich als Versagerin fühlen, nicht genesungskompetent.

Das sieht auch die Krankenkasse so, denke ich beunruhigt, als ich das Schreiben mit der Vorladung zum Medizinischen Dienst bekomme. Bürokratische Routine, formales Rasterwerk – so erklären es beschwichtigend Ärztin und Psychologin. Aber ich selbst fühle mich gedemütigt, nicht ernst genommen, in meiner Glaubwürdigkeit angezweifelt. Unter Druck gesetzt. Und wieder muss ich mich also erklären, irgendjemand Fremdem aus dieser Krankenkassenmaschinerie. Als ob ich mir selbst nicht schon genug Druck machen würde.

***

Nach den ersten vier Wochen Arbeitsunfähigkeit bekomme ich eine Verlängerung verordnet. Und ich frage mich: Wie lange so was wohl dauert?

Nicht nur ich frage mich das offenbar. „Ich würde gern mit Ihnen über Ihre Arbeitsunfähigkeit sprechen“, ereilt mich tatsächlich wenige Wochen später die schriftliche Anfrage meines Arbeitgebers, der ja von der Diagnose keine Ahnung hat. Für mich klingt es wie: „Wir vermuten, dass Sie länger ausfallen, wann können wir denn wieder mit Ihnen rechnen?“ Ich antworte kurz schriftlich, dass ich darüber keine Auskunft geben kann. Wiederum eine Woche später bekomme ich meine grundlose Kündigung per Einschreiben …

Ich bin keine Managerin, keine Ärztin, keine Geschäftsführerin. Ich bin … oder vielmehr war Journalistin. Ich habe bei einer Tageszeitung gearbeitet. Nicht 28 Stunden am Tag, sondern zuletzt sogar in Teilzeit. Und doch war sie mir sehr wichtig, diese Arbeit, sie war mein Ausdruck, mein Sein. Habe von außen viel Bestätigung bekommen, Ermunterung, Anerkennung. Das war schön, einerseits. Aber es hat, andererseits, den Druck auf mich selbst, die Erwartung an mich selbst stetig erhöht. Nur nicht nachlassen im Niveau, immer so weiter, die Leute kennen und erwarten das von dir und mögen das doch so – und du selbst von dir doch auch! Bleib so gut, so anspruchsvoll, lass nicht nach in deinen Ideen, bleib so originell, bleib was Besonderes. Und gleichzeitig diese Indifferenz um mich herum, keine Menschlichkeit in der Firmenkultur, keine Motivation, keine Perspektiven. Einfach nur ein Rädchen im System. Warum sehen sie nicht, wie gut ich meine Arbeit mache, warum kriegt man immer nur seine marginalen Fehler vor Augen gehalten? Und warum dulden sie keinen Widerspruch, keine Kritik, kein Aber? Sie müssten doch anders sein, endlich einsehen, dass sie in veralteten Mustern und verkrustetem Denken agieren ...

Ja, ich möchte gefallen, möchte Erwartungen und Hoffnungen gerecht werden, möchte andere gern übertreffen, möchte mich abheben vom Durchschnitt – und eben anerkannt werden, gelobt werden, angespornt werden. Weil es mich erfüllt? Weil es Befriedigung und Bestätigung bringt? Weil ich nicht anders kann? Weil ich es so gelernt habe, oder es mir „angelernt“ wurde? Weil ich schon immer so ehrgeizig war? Weil ich eben schon immer zu den Leistungsstärksten gehört habe? Oder doch nur, weil ich allein daraus meinen Selbstwert gewinne?

***

Identität über Leistung – das ging eine ganze Weile ganz gut. Leistung bringt Anerkennung, und Anerkennung tut gut. Dieses Prinzip funktionierte in der Schule, im Studium und zuletzt eben 14 Jahre im Beruf. Ich habe meine ganze Energie in diese Arbeit gegeben, Selbstwert und Achtung daraus gewonnen. Was für eine schwere Erschütterung meiner selbst, als ich mich ihr plötzlich fremd und zu ihr unfähig fühlte. Als man mir dann noch mitten in dieser Krise die Arbeit nahm, entriss man mir letztlich meine Identität – mein Dazugehören, mein Wirksamsein, meinen Sinn. Meine Verortung in dieser Welt.

Wer bin ich denn, wenn ich diese Arbeit nicht mehr mache? Bin ich überhaupt wer – oder bin ich nur jemand, wenn ich arbeite? Ich bin ich – aber reicht das? Ist Ich-Sein ein Wert an sich? Wer hat etwas davon? Muss überhaupt jemand etwas davon haben – außer mir selbst?

Was kann ich denn auch schon groß, außer dem, was ich nach Auffassung meines einstigen Arbeitgebers jetzt nicht mehr tun soll? – Also gut, schauen wir mal.

Ich kann:

- freundlich sein und zugewandt, schlagfertig und geistreich

- zuhören, nachdenken, mitfühlen

- anderen helfen oder etwas erklären

- treffende Worte finden und daraus gute Texte machen

- besondere Perspektiven entdecken und fotografieren

- einigermaßen bis sehr schmackhaftes Essen zubereiten

- Fremdsprachen lernen und anwenden

- einfallsreich sein und auch mal rumspinnen

- Wander- und Radrouten planen

- Gemüse säen, pflegen und ernten

- mit dem Messer gut Brot abschneiden

- sogar immer noch den Pionierhalstuchknoten

- sensibel sein und weinen (oh ja, viel weinen, und oft)

- schweigen

Ja, schön und gut, werden Sie jetzt vielleicht denken, aber das ist ja alles nichts Richtiges, kein Beruf, davon kann man doch nicht leben! Stimmt, kann man nicht. Aber vielleicht lässt sich etwas daraus machen, so dass ich damit leben kann.

***

Depression und Burnout – das sind hilfreiche Begriffe und Zuschreibungen; Definitionen von Zuständen, in denen man sich wiederfinden kann. Aber ich tue mich immer noch schwer, sie für mich anzunehmen, auf mich anzuwenden, sie zu gebrauchen. „Dieser Zustand jetzt“, „diese Phase jetzt“, sage ich oft, oder auch: „meine Krise“. Aber egal, wie man das