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Willkommen in der Immobilien-Vorhölle: Makler haben bekanntlich einen strittigen Ruf. Und der Haifisch, der hat Zähne.... Dass aber manche Makler für einen erfolgreichen Abschluss fast über Leichen gehen, das wissen nur Insider. Anette Dilger gelingt es so kenntnisreich wie unterhaltsam, Einblick in einen knallharten Markt zu geben. Wer in einem der Top-Büros so wie "Drängl & Melkers" anheuert, muss offenbar seine Seele verkaufen. Lügen sind erwünscht, Skrupel verboten. Dank der sympathischen Heldin Anna bleibt aber Hoffnung im Haifischbecken. Ein humorvoller, kluger Roman für alle, denen das Menschliche wichtiger ist als der Profit. Absolut lesenswert.
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Seitenzahl: 203
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Anette Dilger
Im Haifischteich
Ehrlich oder Makler
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Jochen Hartmann, GF von Drängl & Melkers
Der Vertrag
Martina Kurz, Top-Verkäuferin von Drängl & Melkers
Angelina
Annas erster Tag bei Drängl & Melkers
Der erste Antrag
Die Regeln bei Drängl & Melkers
Mailänder Straße
Der Sunset-Plan
Der Einstand
"Farming"
Der Goldfisch im Haifischteich
Der Koffer vor der Tür
Braune Augen oder das Spiel mit dem Panther
Kater Fridolin
Die Obduktion
Die sieben Todsünden
Julian Fernandes räumt auf
Die Flucht nach Mallorca
Die Versöhnung
In Schutt und Asche
Tod und Sühne
Free Willy
Zahltag
Der zweite Antrag
Nachtrag
Buddhistische Weisheit
Impressum neobooks
Im Haifischteich
Ehrlich oder Makler?
Roman
Anette Dilger
Der Teufel kann sich auf die Schrift berufen,
Ein arg Gemüt, das heil`ges Zeugnis vorbringt,
Ist wie ein Schalk mit Lächeln auf der Wange,
Ein schöner Apfel, in dem Herzen faul:
O wie der Falschheit Außenseite glänzt!
William Shakespeare
Copyright © 2015 Goldfischverlag, Anette Dilger
www.goldfischverlag.de
All rights reserved.
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch teilweise - nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-9817903-0-6
Für Rainer, meinen ersten Fan, besten Ehemann und Freund, der mit seinem unerschöpflichen Optimismus und Humor half, dieses Buch entstehen zu lassen.
Danke
Meiner Freundin Petra - Sie gab mir die Möglichkeit, bei der Frankfurter Rundschau meine Freude am Schreiben wiederzuentdecken.
Meinen Eltern - Sie haben mir gezeigt, was es heißt, ein gutes Herz zu haben und bedingungslos füreinander dazusein.
Meinem Schwiegervater Wolfgang - Er hat sich heldenhaft durch alle Irrungen und Wirrungen meiner Sätze gearbeitet und gnadenlos korrigiert.
Peter, mein Schwager -ist Richter am Oberlandesgericht und hat mir geholfen, dass alle „Bösewichter“ in der Geschichte ihre gerechte Strafe bekommen.
Kater Felix - Der verstorbene Kater Felix (er wurde nicht gepfählt, sondern starb an einer Krankheit) meiner Schwiegereltern am Comer See. Er war ein prachtvoller großer und auch etwas rundlicher, roter Kater, der gerne am Fischteich saß und die Goldfische beobachtete.
Matrix-Energie - Ohne sie hätte ich nicht die Kraft gehabt, meine Kreativität wiederzufinden.
Anna Goldmann erfüllt sich ihren persönlichen Traum und wird Maklerin bei dem renommierten Haus Drängl & Melkers in Frankfurt. Was anfangs ganz wunderbar scheint, entwickelt sich langsam zu einem Albtraum. Immer mehr sieht Anna hinter die Kulissen dieses Berufes, der, wenn er von skrupellosen und gierigen Menschen (Haien) ausgeübt wird, die Abgründe des Geschäfts offenbart. Anna fühlt sich zunehmend in die Enge getrieben, vor allem, da ihre finanzielle Situation sehr schwierig wird und sie unter Druck steht, endlich einen Abschluss zu tätigen. Als Anna sich auch noch von ihrem Freund Patrick trennt, scheint sie am Tiefpunkt ihres Lebens angekommen zu sein. Ein Kurztrip nach Mallorca markiert den Wendepunkt und sie fasst einen folgenschweren Entschluss.
Warnung:
Dieser Roman sowie alle darin vorkommenden Personen sind vollständig erfunden und satirisch. Ähnlichkeiten zu lebenden Personen sind rein zufällig. Sollten Sie Ähnlichkeiten zu lebenden Personen feststellen, machen Sie am besten einen großen Bogen um diese. Sicherheitshalber!
Dieser Roman spielt in Frankfurt, Kronberg und auf Mallorca.
Er war ein echter Watonai. Seinen Namen verdankte er der Feder des japanischen Dichters Chikamatsu, der wusste, was es hieß, mit Härte und Entbehrungen aufzuwachsen. Der Dichter war der Sohn eines Samurai, der zu denen gehörte, die so gut wie immer siegten, aber den Buddhismus im Herzen trugen und ihren unterlegenen Gegnern nicht den Todesstoß versetzten.
Als die ersten Sonnenstrahlen am Morgen eines kalten Februartages durch die immer beschlagenen Fenster der Zoohandlung in der Stiftstraße fielen, schickte er zum ersten Mal kleine Luftblasen durch das Wasser, die ihren Weg bis an die Oberfläche fanden. Hell, bunt und wunderschön war es hier, verschiedene Wasserpflanzen brachen das Licht und ließen das ganze Spektrum an Licht und Schatten in verschieden Nuancen über die Kieselsteine spielen. Die Energie durchströmte seinen glänzenden Körper. Noch war er silbrig grau, kaum von seiner Umgebung zu unterscheiden, sein prachtvoller orange-goldener Schimmer war verborgen. Dass er bald seine eigene Dynastie gründen würde, konnte er noch nicht wissen, aber es war ihm vorherbestimmt.
Etwa vier Wochen später zappelte er im Netz, inzwischen war der orange-goldene Schimmer zart zu sehen und er war immerhin auf eine Größe von vier Zentimetern angewachsen. Jedenfalls war seine Größe ausreichend, damit ihn die stark kurzsichtige Praktikantin als Goldfisch erkennen konnte. Dass er ein „Watonai-Goldfisch“ war und eine besonders auffallende schöne Schwanzflosse entwickeln würde, sagte sie der Kundin nicht. Sie wusste es selbst nicht, weil ihr es auch niemand erklärt hatte. Andernfalls wäre er auch nicht für 59 Cent verkauft worden, sondern für drei Euro, und die junge Kaugummi kauende Blondine mit dem Piercing durch die Oberlippe hätte dann nicht ihn, sondern einen gewöhnlichen Goldfisch in der zusammengebundenen Plastiktüte mit ihren spitzen, dunkelrot lackierten Nägeln aus der Tierhandlung getragen.
Ein angenehmer erfrischender Duft nach Zitrone und Zedernholz zog durch die Büroräume. Der Designer Raymond Matt hatte diesen Duft eigens entworfen und ihn zusätzlich mit verschiedenen exklusiven Pheromonen versetzt, um die Kaufbereitschaft potentieller Kunden zu steigern. Die Kosten dieses Duftsprays waren allerdings so hoch, dass Jochen Hartmann sich überlegte, ob es nicht günstiger wäre, den Kunden im Shop eine Brise Koks anzubieten. Er hatte seine Assistentin Lisa angewiesen, diesen Duft äußerst sparsam zu verwenden. Ausschließlich bei 1a-VIP Kunden sollte diese Kostbarkeit versprüht werden. Dass es jetzt duftete, hatte einen anderen Grund. Hartmann hatte keine seiner Drogen oder Beruhigungspillen dabei, sodass er zwei Sprühstöße opferte und tief durchatmete. Er lief in seinem gläsernen Chefbüro wie ein Tiger auf und ab. Dabei strich er sich immer wieder kreisförmig über seinen deutlich hervortretenden Bauch, was ein Zeichen äußerster Nervosität bei ihm war.
Die Mittagssonne blitzte zwischen den Hochhäusern hindurch und warf ein warmes, helles Licht in die schicken, modernen Büroräume in der Börsenstraße. Auf zwei Ebenen mit über 250 qm feinster Bürofläche waren die Räumlichkeiten mit viel Glas und teuren USM-Möbeln ausgestattet worden. Farblich abgestimmt im CI (Corporate Identity) der Firmenfarben Orange und Anthrazit, entsprach es der kataloghaften Vorstellung eines modernen Vorzeige-Büros. „Teuer und Edel“, das war das Motto und Beuteschema von „Drängl & Melkers Wohnimmobilien“.
Jochen Hartmann, der ehemalige Gebrauchtwagenhändler aus Friedberg, hatte von einem Bekannten erfahren, dass der aufstrebende Shop von „Drängl & Melkers Wohnimmobilien“ in Frankfurt verkauft werden sollte und witterte darin die Chance seines Lebens. Seit er zusammen mit dem entlassenen Mitarbeiter des Star-Architekten Stephan Wächter sein Traumhaus auf Mallorca gebaut hatte, eine 500 qm große Villa an den Klippen in der Nähe von Andratx, war er der felsenfesten Überzeugung, dass er alles wusste, was man über Immobilien wissen musste. Verkaufen, das konnte er schließlich auch, zwar Gebrauchtwagen, aber da sah er keinen so großen Unterschied zu gebrauchten Immobilien. Die hatten auch alle ihre Macken und die Kunst war es eben, diese vorteilhaft ins Licht zu rücken.
Seine Spezialität war es gewesen, den jungen Frauen, die gerade ihren Führerschein in der Tasche hatten, Unfallwagen zu verkaufen. „Schöne Frau“, pflegte er dann stets galant zu sagen, wenn er schick gekleidet mit einem 2000 Euro teuren Armani-Anzug und gegelten Haaren vor den meist unsicheren Frauen stand, „schöne Frau, sehen Sie doch mal diesen traumhaften VW Polo Baujahr 95, tipptopp in Schuss, der Kofferraum hinten ist nur leicht verbeult, aber ein kleiner Schlag mit diesem Schraubenzieher und schon springt er auf. Natürlich ist der Schraubenzieher inklusive.“ Auf den Einwand der Frauen, doch lieber einen nichtverbeulten Wagen zu nehmen, erwiderte er stets: “Sehen Sie, junge Dame, Sie müssen das Ganze philosophisch betrachten. In jeder Katastrophe steckt auch etwas Gutes, das hat schon Nietzsche 1895 gesagt!“ (Diesen Part veränderte er stets zu seiner eigenen Unterhaltung und wechselte zwischen Nietzsche, Goethe, Adenauer und Napoleon in der sicheren Überzeugung, dass sein Halbwissen den Bildungsstand der Abiturientinnen in Hessen deutlich überragte.) „Stellen Sie sich doch mal vor, Sie sind beim Einparken: Bornheim, Berger Straße! Sie sind spät dran, weil ihr Liebster Sie zum Dinner ins „Rink“ eingeladen hat. Sie fahren bereits eine halbe Stunde verzweifelt herum, um einen Parkplatz zu finden, dann endlich fährt ein Smart raus. Sie nun rein, aber es ist knapp, sehr knapp...“ Um der Situation die nötige Dramatik zu geben, legte er seine Hand ans speckige Kinn, kniff die Augen zusammen und runzelte die Stirn, sodass er eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Bulldogge bekam. „Würden Sie nicht sagen“, an dieser Stelle variierte er die Tonlage und wechselte zwei Oktaven rauf und runter, denn das hatte er sich von seinem Allianz-Vertreter abgeschaut, der ihm schon unzählige Versicherungen verkauft hatte, und der nebenbei Laienschauspieler bei den Theaterfestspielen in Bad Vilbel war, „würden Sie nicht sagen, dass es vorteilhaft ist, wenn das Auto bereits eine Macke hätte, sonst wäre der Abend mit dem Liebsten doch gelaufen! Sie würden sich die ganze Zeit über eine neue Beule am Auto ärgern.“ Dann grinste er breit, sodass sein Goldzahn links unten blinkte. Je nach Sonneneinstrahlung reflektierte der Zahn das Licht so stark, dass ein heller Blitz herausschoss, der die jungen Kundinnen meist erschreckte.
Den gleichwohl mäßigen Erfolg mit seinem Autohandel konnte er an und für sich verschmerzen, da er bereits als 18-Jähriger ein beträchtliches Vermögen von seinem Großvater geerbt hatte, und der Handel mit den Pflanzen des Gewächshauses seiner Eltern florierte ebenso. Allerdings war nun das meiste Geld in den Bau der Villa in Andratx geflossen… und er pflegte neuerdings einen kostspieligen Lebensstil, vor allem, da er seit vier Monaten eine feste Freundin in München hatte, die er schließlich verwöhnen musste.
Hartmann wurde zunehmend nervös, weil er den Eindruck bekam, zu teuer gekauft zu haben. Der Laden musste unbedingt gut laufen, dachte er und strich sich über seinen Bauch. Er würde alles tun, um die Top-Verkäuferin Martina Kurz zu halten, sie war das Rennpferd in seinem Stall. „Ich muss sie mit den besten Deals füttern“, überlegte Hartmann, „außerdem werde ich noch mehr Kaufberater einstellen“, so viele wie möglich, schließlich kosteten ihn diese ja nichts und Konkurrenz belebt das Geschäft. „Mal sehen, wie sich Anna Goldmann machen wird.“ Sie hatte am Montag gerade den Vertrag unterschrieben und sollte das Team im Verkauf unterstützen.
Für den aufstrebenden Shop von Drängl & Melkers in der Börsenstraße hatte Hartmann einen viel zu hohen Kredit aufgenommen und infolgedessen sein Ferienhaus auf Mallorca an seine Patentante Pauline verkauft. Seine Patentante litt unter Bluthochdruck und konnte zwar keine Flugreisen mehr machen, aber aus Mitleid mit ihrem Ziehsohn, der noch nichts Richtiges im Leben auf die Beine gestellt hatte, kaufte sie ihm das Haus schließlich ab.
Beide wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass das Haus praktisch wertlos war. Der Architekt hatte damals gerade seine Zulassung verloren. Das Gericht befand ihn schuldig, aufgrund falscher Statikberechnungen den Einsturz der Decke einer Villa in Portals Nous herbeigeführt zu haben, bei dem ein echter Van Gogh zerstört und die Haushälterin so stark verletzt wurde, dass diese nun gelähmt im Rollstuhl saß. Jürgen Hartmann kam damals das günstige Angebot des Architekten (ohne Zulassung) sehr entgegen. Seine Luxusvilla ganz oben in den Hügeln vor Andratx konnte damals nur gebaut werden, weil der Ex-Architekt den zuständigen Bauamtsleiter Carlos de la Roca bestochen hatte, in der Höhe einer sechsstelligen Summe, die das baldige Ausscheiden des Angestellten zur Folge hatte. Seine Tante Pauline hatte aber vor einer Woche Post vom Rathaus in Andratx bekommen. Julian Fernandes, der neue Bauamtsleiter, war gerade dabei, alle Bauanträge der letzten vier Jahre zu prüfen, die im Rathaus Andratx genehmigt worden waren und schrieb alle Eigentümer an, deren Häuser und Villen nicht den gesetzlichen Normen und Vorschriften entsprachen. Saftige Strafen winkten und in schlimmen Fällen wurde sogar der Rückbau angedroht.
Nicht nur, dass der Hartmann-Villa eine echte Baugenehmigung fehlte, viel schlimmer war, dass der Felsen, auf dem das Haus stand, nicht abgesichert war und die Erosion unaufhaltsam daran nagte. Ein Drittel des Gartens war bereits im Meer versunken und die Kosten, um den Fels dauerhaft mit Beton zu sichern, waren teurer, als eine neue Villa zu bauen. Doch auch davon wusste Jochen Hartmann noch nichts, denn der Hausverwalter, der sich um die Villa kümmern sollte, kassierte zwar monatlich ein ordentliches Honorar, tauchte aber höchstens dann auf, nachdem Hartmann sich ansagte und im Moment war natürlich nicht an Urlaub zu denken, er hatte ja schließlich das Geschäft erst übernommen und gerade eine riesige Summe an Peter Geiling, den ehemaligen Shop-Leiter von Drängl & Melkers, überwiesen.
„Ich wusste, Du würdest es schaffen, meine Süße“, freute sich Patrick und streichelte ihr zärtlich über die Wange. Anna strahlte ihn an, sie war einfach nur glücklich, es fühlte sich alles so rund an, es war genau das, was sie schon immer machen wollte. Jetzt hatte sie den Vertrag in der Tasche. „Du bist perfekt für den Job, Du hast das richtige Auftreten, kannst super mit Leuten umgehen, um sie zu öffnen und für Dich zu gewinnen. Anna, Du bist einfach ideal für „Sales“, das habe ich Dir schon immer gesagt!“
Luigi goss den guten Brunello ein und strahlte ebenso. Er mochte die beiden, die schon seit einigen Jahren häufig bei ihm auftauchten und sich immer an den kleinen Tisch mit den ledernen Sesseln hinten im Restaurant „Lukullus“ in Kronberg setzen. „Ein schönes Paar“, dachte er, „und gute Kunden“. Die verstanden auch was von Wein, bestellten immer den besten, den er gerade offen hatte oder auch mal eine der guten Flaschen. Dabei ließen sie sich auch gerne etwas Neues von ihm empfehlen und zuckten auch nicht zusammen, wenn die Rechnung dafür kam, schließlich waren 14 Euro für ein Glas Wein kein Pappenstiel. „Allora, ihr happen wir den Brunello di Montalcino 2004 von Tento il Poggione, wirklisch sehrr gut, probieren Sie, Senora, wird Ihnen schmecken.“ Anna nahm einen Schluck, ließ den Wein langsam über ihre Zunge gleiten und genoss die feinen Aromen. Samtig, wenig Tannine, etwas Kirsche und Vanille, einfach perfekt. „Toller Wein, Luigi, genau das Richtige für heute Abend!“ Zwei Gläser später, nach dem Thunfischtartar auf dem Fenchelbett, einer gegrillten Dorade mit Ratatouille und der für sie beide speziell angefertigten Zabaione mit einer Kugel Vanilleeis, einem Grappa und einem Espresso dachte Anna, wie schön ihr Leben sei: Besser geht es nicht!
„Noch einen Absacker im Schlosshotel?“ fragte sie Patrick, wohlwissend, dass er nicht ablehnen würde, und dass sie sicher für diesen Abend wieder büßen mussten. Wie immer, wenn sie über die Stränge schlugen und unvernünftig waren. Schlechter Schlaf war dann vorprogrammiert, man war eben keine 20 mehr und auch keine 30. Es war so angenehm, eine Bar wie „Jimmys“ ganz in ihrer Nähe zu haben.
Das „Jimmys“ im Schlosshotel Kronberg war die beste Bar weit und breit im Taunus und hatte jeden Tag bis mindestens 4.00 Uhr geöffnet. Wenn man nicht mehr fahren konnte, und das kam schon mal vor - denn Luca, der Barkeeper und das Herz dieser Bar, mixte hervorragende Drinks - dann konnten Anna und Patrick zu Fuß gehen oder, wenn auch das nicht mehr möglich war, konnte man mit dem Taxi die 800 Meter nach Hause rollen.
Anna liebte diese Bar, die, mit ihrem angestaubten altenglischen Interieur und echten Goyas an den Wänden, eine zeitlos gemütliche Atmosphäre verbreitete und die verschiedensten Leute aus der Gegend anzog. Da sie und ihr Freund sehr kommunikativ waren, lernten beide auch immer interessante Leute kennen.
„Hallo Luca, drei Gläser Champagner bitte, Du musst mit uns trinken, es gib was zu feiern“, lachte Anna ihn an. „Schön, dass ihr wieder da seid, ihr süßen Turteltäubchen, zeig mal Deine Hände, Anna.“ „Autsch“, dachte Anna, „nein, verlobt sind wir noch nicht“, aber das konnte heute ihre gute Laune nicht wirklich trüben. „Nee, wir feiern heute meinen neuen Job, ich werde bei Drängl & Melkers als Immobilienmaklerin anfangen. Suchst Du ein Haus, mein Schatzi?“, fragte sie scherzhaft. „Super, meine Hübsche, das passt zu Dir, freue mich für Dich, fängst Du hier im Taunus an?“ „Nee, hier haben sie leider niemanden gesucht, ich bin in Frankfurt in der Innenstadt, in der Nähe der Börse.“
“Excuse me guys, do you mind if I introduce myself“. Ein ungefähr 50 Jahre alter Mann, der neben ihnen am Tresen stand, sprach die beiden an. „Wow“, dachte Anna, „der sieht aber echt unverschämt gut aus, im schwarzen Zegna-Anzug, wie George Clooney, grau-meliert, durchtrainiert, markantes, schmalgeschnittenes Gesicht.“ Er hatte ganz feine gepflegte Hände, die sogar manikürt waren, wie Anna fachkundig feststellte. Hände waren ihr extrem wichtig, und sie bildete sich ein, über die Hände auch Rückschlüsse auf die Persönlichkeit ziehen zu können. Anna zog unauffällig ihre eigenen Hände vom Tresen zurück, da sie schon länger nicht mehr in einem Nagelstudio gewesen war und sich in Anbetracht dieser makellosen Hände und des makellosen Kerls etwas unsicher fühlte. “My name is Johnny and I would like to invite you for a drink. I just got a new job and I’d like to celebrate with you guys.“ “Congratulations to you“, antwortete Patrick und Anna lächelte ihn verzückt an und sagte: “But we can only accept if you will have another one on me. I’ve got a new job, too!“
Johnny Truman war amerikanischer Investmentbroker und hatte gerade seinen Vertrag bei der Deutschen Bank in Frankfurt unterschieben. Von Merrill Lynch in New York hatte er zudem eine satte Abfindung bekommen, sodass er allen Grund zum Feiern hatte. Er und sein junger Liebhaber David, der ein bekannter Musical-Star am Broadway war, suchten nun ein schnuckeliges kleines Penthouse in Frankfurt: “Nothing spectacular, I just want to spend about two million Euro. Anna Baby, do you think you will find me a decent space to live?“ Da war Anna sich ganz sicher, dass sie für ihn was Tolles finden würde. Was für ein Tag, erst der Vertrag und dann noch gleich einen tollen Kunden, der ein Pfundskerl war, was sollte jetzt noch kommen?
Der Abend wurde extrem lustig. Nach dem Whisky Sour folgte ein Mai Tai und schließlich kam noch ein Prince von Wales, der Anna aber nicht sonderlich schmeckte, was aber nichts machte, da sie sowieso schon zu viel getrunken hatte. Sie sang stattdessen ihren Lieblingssong “I am what I am“ in Begleitung des ukrainischen Pianisten Karl, der einiges gewöhnt war aus Jimmys Bar und ihr freundlich zunickte, obwohl sie ziemlich danebenlag. Es schien aber keinen zu stören, vielleicht waren die anderen Gäste auch unmusikalisch, betrunken oder einfach nur in ihre Gespräche vertieft, jedenfalls wurde sie nicht zum Aufhören genötigt oder wie in diesen amerikanischen Spielfilmen geschultert und rausgetragen. Sie hörte aber ganz von alleine auf, als sie nämlich nach dem Glas griff, das sie auf dem Flügel abgestellt hatte und dabei ins Leere fasste, das Gleichgewicht verlor und quer auf dem Schoss des verdutzten Pianisten Karls landete.
„Schatzi, hatten wir gestern noch Sex?“, wollte Anna am nächsten Morgen wissen, als sie mit einem ordentlichen Brummschädel und einem sehr flauen Gefühl im Bauch aufwachte. „Sag bloß, Du weißt das nicht mehr? Du warst so wild und leidenschaftlich, hast mich total angemacht.“ „Ehem, ja sorry, jetzt erinnere ich mich wieder“, log Anna, die sich noch nicht mal daran erinnern konnte, wie sie vom Schlosshotel nach Hause gekommen waren. Patrick grinste breit. „Du Schuft, hast mich reingelegt, na warte!“, rief Anna und warf sich auf ihn und kitzelte ihn, bis er aus dem Bett sprang und ins Bad flüchtete.
Am Frühstückstisch fragte Patrick: „Wo ist denn eigentlich der Vertrag, zeig ihn mir doch mal bitte, meine süße kleine Immobilienmaus, ich bin ja so stolz auf Dich!“ Anna holte den Vertrag und legte ihn auf den Tisch.
„Und Du bist sicher, dass Du kein Grundgehalt bekommst? Und kein Handy und keinen Zuschuss zum Sprit? Also gar nichts im Prinzip - tolles Geschäftsmodell, sollte ich mal in meiner Firma einführen!“ „So kann man das ja nicht sehen“, entgegnete Anna, „schließlich habe ich dort einen Arbeitsplatz, bekomme die ganze Infrastruktur geliefert, brauche mich um Werbung und Marketing nicht zu kümmern, sondern kann mich voll auf das Verkaufen von Immobilien konzentrieren. Das ist super für mich. Klar, am Anfang wird es hart sein und es kann einige Monate dauern, bis ich Geld verdienen werde.“ Dass sie ihre „Rücklagen“ inzwischen fast aufgebraucht hatte, verschwieg sie ihm zu diesem Zeitpunkt. Die einwöchige Schulung, die Anna als Voraussetzung für den Vertrag in Berlin in Drängl & Melkers Schulungszentrum absolvieren musste, hatte sie weit über 2000 Euro gekostet. Flug und Hotel dorthin musste sie ebenfalls selbst zahlen. Es hatte sich aber gelohnt. Sie lernte dort alles über das ausgefeilte Marketingsystem der Firma. Rechtliche Themen wurden behandelt, welche Dokumente für den Verkauf notwendig sind, wie ein Grundbuch aufgebaut ist, was eine Baulast ist, wo man eine Flurkarte bestellen kann und wie man eine Besichtigung vorbereitet, durchführt und welche Verkaufsargumente gebracht werden sollten. Die Prüfung entsprach von den Anforderungen und dem Umfang her jener der IHK und ging über mehrere Stunden. Anna schnitt dort als Kursbeste mit einer Auszeichnung ab.
Als Patrick in seine Firma fuhr, legte Anna sich auf ihre neue schwarze Rolf Benz-Couch und genoss ihren letzten freien Tag mit einem großen Latte Macchiato und einer Trüffelpraline mit weißer Schokolade. Dazu legte sie ihre Lieblings-CD von Nora Jones auf, die konnte sie ohnehin nur hören, wenn Patrick aus dem Haus war, da sie ihn mit dieser CD schon überstrapaziert hatte. Anna gehörte zu der Sorte Menschen, die eine CD so lange hörten, bis sie sie wirklich nicht mehr ertragen konnten, und das konnte schon einige Monate dauern. Eine geliebte CD hatte schon etwas Rituelles für sie, kaum aufgelegt, entspannte sie sich.
Sie war sehr froh und erleichtert, dass sie den Entschluss gefasst hatte, in ihrer alten Firma, einer Personalberatungsagentur, zu kündigen. Sie erinnerte sich noch an ihr Einstellungsgespräch vor zweieinhalb Jahren, als ihr eine der beiden Partnerinnen der kleinen Firma, Frau Krätzel-Wolf, gegenübersaß. In dem einstündigen Interview mit Anna erwähnte sie mindestens dreimal, dass sie hier hochprofessionell arbeiteten und dass hohe Anforderungen an die Angestellten gestellt würden. In dem Glauben, als Junior-Beraterin eingestellt zu werden, entpuppte sich ihre Tätigkeit immer mehr als reine Assistentenstelle, böse gesagt, sie wurde als Büro-Tippse missbraucht. Dabei fing alles so gut an. Der Seniorpartner nahm sie gleich zum Kunden mit und sie brillierte dort. Vielleicht zu sehr, denn das war das einzige Mal, dass sie raus durfte aus dem kleinen eiskalten Büro im Nordend. Sommers wie winters lief dort eine Klimaanlage, um die Luftzufuhr zu sichern, da der Raum aus einem ehemaligen Archiv einer Anwaltskanzlei notdürftig als Büro hergerichtet wurde. Es gab nur ein winziges Fenster in dem langen schlauchartigen Büroraum. Die Klimaanlage kühlte einst die Lagerräume eines Fleischers, der im guten verschwägerten Kontakt zu dem Chef der Agentur stand, da er die ältere Schwester seiner Frau geheiratet hatte. Man munkelt, dass die Hochzeit vom Vater der Braut selbst arrangiert wurde, da die Tochter eine Hautkrankheit hatte, die eine extreme Pigmentstörung zur Folge hatte und ihr Gesicht fleckig erschienen ließ wie das Fell eines Dalmatiners. Als sie 32 Jahre alt wurde und immer noch Jungfrau war, brachte der Vater sie kurzerhand unter die Haube. Der Metzgersohn hingegen, mit dem sie verkuppelt wurde, war kurzsichtig und farbenblind, sodass er, wenn er die Brille abnahm und seine Braut vor dem Schlafengehen küsste, zwar nicht immer ihren Mund traf, sich aber dafür einbildete, mit Angelina Jolie das Bett zu teilen. Sicherlich war das Versprechen des Vaters, ihm bei seinem Geschäftsaufbau mit 47.000 Euro zu unterstützen, auch hilfreich gewesen für das Anbahnen der Hochzeit. Die Klimaanlage für das Kühlhaus jedoch war von einer amerikanischen Firma geliefert worden, die sich aber scheinbar verrechnet hatte, denn diese Klimaanlage hätte auch komplett die Jahrhunderthalle in Höchst zur Eissporthalle herunterkühlen können. Sie war für den 15 Quadratmeter großen Kühlraum vollkommen überdimensioniert, sodass diese extreme Kühlung der Ware schadete. Die Klimaanlage musste ausgewechselt werden und so wanderte das gute Stück in das kleine Büro im Nordend. Der extrem hohen Krankheitsrate der Mitarbeiter zum Trotz, die sich ganzjährig dieser eisigen Kälte aussetzen mussten, freute sich der kostenbewusste Chef über die brillante Lösung, diesen Abstellraum mit Hilfe der geschenkten Klimaanlage für seine Angestellten nutzen zu können. Nur die Büros der Partner waren hell und freundlich mit großen, luftigen Fenstern. Die drei Angestellten aber hausten in der eisigen, dunklen Gruft. Annas Talent wurde nicht erkannt, bzw. unterdrückt. Als sie mit einem unsicheren Kandidaten über eine Stunde telefonierte, weil ihre Chefin sich gerade mit einer Gurkenmaske zurückgezogen hatte und Anna Anweisungen gegeben hatte, unter keinen Umständen gestört zu werden, konnte sie ihm, Peter Kraus, einem vielversprechenden jungen Chemiker, die nötige Sicherheit geben, den Vertrag bei einem Schweizer Pharmaunternehmen zu unterschreiben.
