Marlene – Zeit der Vergebung - Anette Dilger - E-Book

Marlene – Zeit der Vergebung E-Book

Anette Dilger

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Beschreibung

Eine deutsche Frau, ein amerikanischer Jude, eine leidenschaftliche Liebe – ist sie stark genug, um Schuld und Leid zu überwinden? Das Leben von Marlene verläuft in ruhigen Bahnen. Sie lebt in einer bezahlten Eigentumswohnung im Frankfurter Westend, ist mit ihrer Arbeit zufrieden und tritt gelegentlich als Sängerin in Bars auf. Sie hat Freundinnen, mit denen sie zum Lunchen und Joggen geht, und einen netten Kerl, der ihren Computer zum Laufen bringt und mit ihr schläft. Nach einem beunruhigenden Anruf ihrer Tochter Lisa aus New York beschließt sie spontan, ihre Komfortzone zu verlassen und nach New York zu fliegen. Marlene ahnt nicht, dass diese Reise sie mit ihrer Vergangenheit konfrontieren wird. Ihre leidenschaftliche Liebe zu David aus ihrer Zeit in Vermont wird plötzlich wieder lebendig, und Marlene muss sich entscheiden, wie sie damit umgeht.

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Seitenzahl: 481

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Anette Dilger

Marlene – Zeit der Vergebung

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Sam − Anruf aus New York

Gespräch mit Lisa

Lisa und Sam

Fotoalbum aus Vermont

Das erste Thanksgiving

Wehmut

Tom

Turbulenzen − Flug nach New York

Sam

Déjà-vu in New York

Der Ausflug

Der See

Die Hütte

Der Rückweg

Telefonat mit Jenny in New York

Jenny

Downtown Burlington im Nectars

Subway zur 33. Straße

Frühstück im Keko

Shelburne Farms

Blues

Lake Champlain

Kai

Telefonat mit Kai

Jennys Pflegefall

FDR nach Soho

Nordlicht

David

Das Saxophon

Der Unfall

Das Brautkleid

Nonna

Rückflug nach Burlington

Rückkehr der Freundin

Highway to Hell

Wiedersehen am See

Kai

Molly Watsons Erpressungsversuch

Lisa und Sam im Auto

Kais Unfall

Ein Berg Schuhe

Zu viel Leid

Familie Wolf

Das Abendmahl

Die Aussprache

Spaziergang am See

Vertragsverhandlungen mit Tom

Frühstück im Sofitel

Danke

Impressum neobooks

Sam − Anruf aus New York

Anette Dilger

Marlene – Zeit der Vergebung

Roman

von Anette Dilger

Copyright © Goldfischverlag 2016 Anette Dilger

All rights reserved.

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-9817903-2-0

Für

David und seine Familie

Denn steinerne Grenzen können Liebe nicht

fernhalten,

und was Liebe kann, das wagt Liebe zu versuchen.

Romeo und Julia von William Shakespeare

Inhalt

21. März

„Mom, ich werde heiraten.“

Der Satz knisterte durchs Telefon.

„Lisa, bist du das?“, murmelte Marlene, setzte sich schlaftrunken im Bett auf und hielt ihr Handy ganz fest ans Ohr gepresst, als würde das helfen, eine bessere Verbindung herzustellen. Es war erst sechs Uhr morgens und nicht ihre bevorzugte Uhrzeit, vor allem nicht, wenn sie wie gestern einen Auftritt hatte und erst gegen drei Uhr morgens erschöpft ins Bett gefallen war. Sie hatte vergessen, ihr Handy auszuschalten, das bei ihr auf dem Nachttisch lag.

„Sorry, Mom, habe ich dich geweckt?“ Lisa kannte natürlich die Morgenmuffligkeit ihrer Mutter, aber ihr Freund hatte ihr gerade einen Antrag gemacht, den sie angenommen hatte. Ihre Freude darüber war so übermächtig, dass sie vergaß, dass sie in New York war und ihre Mutter in Frankfurt. Sechs Stunden Zeitunterschied, etwa 6.202 Kilometer Luftlinie, der Atlantik und die verschiedenen Kulturen trennten sie.

„Süße, was erzählst du mir da, du wirst heiraten? Hast du dich mit Frank wieder versöhnt?“ Marlene war irritiert. Ihre Tochter Lisa hatte sich erst vor vier Monaten von ihrem langjährigen Freund getrennt, was Marlene im Übrigen sehr begrüßt und, wie sie es immer tat, auch ganz offen gezeigt hatte.

Lisa, die mitten in der Nacht aus der gemeinsamen Wohnung im Nordend zur Wohnung der Mutter ins Westend gelaufen kam und sich der verschlafenen Marlene schluchzend in die Arme geworfen hatte, wurde liebevoll gestreichelt und mit den Worten getröstet: „Das hast du prima gemacht, es ist die richtige Entscheidung, ich freue mich so für dich.“ Die Tränen, die Marlene dabei vergoss, waren Freudentränen. Es tat ihr zwar leid, dass die Beziehung zerbrach, aber für Lisa war dies das Allerbeste, da war sich Marlene ganz sicher. Lisa hatte zwei Wochen später eine Stelle bei der Deutschen Bank in New York angenommen, die sie fast schon abgesagt hatte wegen Frank, der nicht wollte, dass sie ging.

„Mom, er ist so süß, ich bin total verliebt, und er heißt Sam.“

„Wieso Sam?“ Marlene begriff es nicht. Seit ihre Tochter in New York war, hatten sie doch einige Male telefoniert. Von einem Sam war nie die Rede gewesen. Wer war dieser Sam, und wieso wollten die beiden so schnell heiraten?

„Mom, ich melde mich später, wir müssen los, Sam hat den Fahrer schon gerufen, ich erkläre dir alles später.“ Marlene wollte gerade noch nachfragen, doch Lisa hielt das Handy etwas ab und sprach zu jemand anderem: „Honey, I’m coming in a second.“

„Freust du dich denn für mich, Mom?“ Lisas Stimme klang nun auffordernd und etwas unsicher.

„Meine Süße, wenn du glücklich bist, bin ich es auch!“ Das war mit Sicherheit der diplomatischste Satz, den man von Marlene zu dieser frühen Morgenstunde erwarten konnte.

Ihre Tochter erwiderte hastig: „Mom, ich liebe dich, du bist die Beste, ciao“, und bevor Marlene sagen konnte, dass sie ihre Tochter ebenfalls liebe, hatte Lisa aufgelegt. Die Idee, sich herumzudrehen und nochmals einzuschlafen, verwarf Marlene sofort. An Schlaf war nicht zu denken, denn obwohl es Samstag war und sie frei hatte, war sie jetzt hellwach.

Wer war dieser Sam, und wo kam er so plötzlich her? War er Amerikaner, weiß oder farbig oder ein Puerto-Ricaner oder ein Deutscher …? Lisa hatte doch kurz englisch gesprochen, oder? Marlene war sich jetzt nicht mehr sicher, was genau sie gehört hatte. Aber „Sam“ hatte sie sicher gehört und „heiraten“ auch! Nachdenklich öffnete Marlene die Flügeltüren ihres Schlafzimmers und ging den Flur entlang zur Küche. Tee, sie brauchte jetzt dringend einen Tee! Als sie den ersten großen Schluck Earl Grey aus ihrer Lieblingstasse genommen hatte, fing ihr Gehirn wieder an zu arbeiten. Lisa, ihr Lieschen, war doch immer für eine Überraschung gut. Sie hatte sich doch erst vor Kurzem von Frank getrennt, nach vier Jahren.

Nach zu vielen Jahren, wie Marlene feststellte, denn sie hatte sich immer schrecklich gelangweilt in seiner Gegenwart, und diese konnte sie schließlich nicht ignorieren bei wiederkehrenden Geburtstagen, Weihnachten oder anderen Anlässen, zu denen die Tochter ihren Freund mitbrachte. Während sie ihren Tee trank, überlegte Marlene, was ihr eigentlich an Frank nicht gefallen hatte. Er sah gut aus, war sportlich, eloquent und sehr erfolgreich. Mit nur 35 Jahren wurde er als jüngster Partner in der angesehenen Kanzlei Allen & Overy aufgenommen. Frank war der Sonnyboy der Anwaltsszene. Er war intelligent und gebildet und verdiente, obwohl er noch so jung war, schon ein Vermögen. Lisas Freundinnen beneideten sie um ihren hübschen blonden Vorzeigefreund, der ihr fantastische Reisen in die Karibik, nach Südamerika und nach Thailand ermöglichte. Natürlich immer in Luxushotels, fünf Sterne, darunter ging es nicht. Auch Marlenes Freundinnen beneideten Marlene um ihren zukünftigen Schwiegersohn, denn dass die beiden heiraten würden, stand für alle fest. Nur Marlene hoffte immer, dass ihre Tochter sehen würde, was sie in Frank sah: einen eiskalten, berechnenden, selbstgefälligen Mann, der ihre Tochter nicht wirklich liebte, sondern sich mit ihr schmücken wollte.

Lisa passte in die Sammlung der Trophäen, die es als künftiger Staranwalt der Szene in Frankfurt zu erobern galt. Mit Lisa konnte man sich sehen lassen. Sie war bildhübsch, hatte lange blonde Haare, blaue Augen, eine sportlich-zierliche Figur und sah mit ihren 25 Jahren damals aus wie das blühende Leben. Außerdem war sie blitzgescheit und hatte nach ihrem Master in Finance in Frankfurt sofort eine sehr gute Stelle bei der Deutschen Bank bekommen, im Investmentbereich. Alles war auf Erfolgskurs getrimmt, und als sie den smarten Frank an Land zog, schien ihr Glück vollkommen zu sein. Aber das konnte die Mutter nicht täuschen. Lisa war nicht glücklich. Marlene sah, wie die Heiterkeit ihrer Tochter mehr und mehr nachließ, je länger sie mit Frank zusammen war. Aus der fröhlichen jungen Frau wurde eine zurückhaltende, die nur noch selten lachte.

Was Marlene anfangs sehr irritiert hatte, war, dass Frank große Ähnlichkeit mit Kai hatte. Nicht nur äußerlich, mit blonden Haaren, blauen Augen und dem schlanken, sportlich durchtrainierten Körper, auch die Art und Weise, wie die beiden mit den Menschen in ihrer Umgebung umgingen, ähnelte sich: halb herablassend, halb belustigend, und den anderen zumeist das Gefühl gebend, unterlegen zu sein.

Mit Frank schien Kai von den Toten wiederauf-

erstanden zu sein. Ihr Mann Kai war vor 26 Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und obwohl die Umstände damals furchtbar waren und sie geschockt war, dass Kai so plötzlich aus ihrem Leben gerissen wurde, spürte sie schnell eine Erleichterung, ihn nicht mehr in ihrem Leben zu haben. Lisa war damals erst dreieinhalb Jahre alt, und es schien für das kleine Mädchen nur ein „mäßiger Verlust“ zu sein, so lautete jedenfalls das abschließende Ergebnis der Kinderpsychologin, die Marlene auf Anraten ihrer Freundinnen engagiert hatte. Natürlich privat, für einen Kassenplatz hätte sie zu lange warten müssen. Lisa malte bei der Psychologin viel, hauptsächlich Tiere, vor allem Hunde, denn sie wünschte sich sehnlichst einen Hund, und summte Kinderlieder dabei. Sie war stets ausgeglichen und gut gelaunt, sodass die Psychologin, die ehrlich war, mit Lisa nicht reich wurde. Sie sagte Marlene bereits nach fünf Stunden, dass Lisa nicht wiederzukommen bräuchte. Gern hätte Marlene Lisa dort wieder hingeschickt, als sie vor vier Jahren mit Frank auftauchte, aber da war Lisa schon 25 Jahre alt und erwachsen und die Psychologin arbeitete auch nicht mehr als Kinderpsychologin, sondern schrieb Kinderbücher, die sie selbst illustrierte … oder waren es die Bilder ihrer damaligen Schützlinge?

Sam. Marlene wusste nicht, wie sie es anstellen sollte, um weitere Informationen über ihren künftigen Schwiegersohn zu bekommen. Bei Lisa war es gerade mal ein Uhr früh, und bis ihre Tochter sie wieder anrufen würde, würden mindestens sechs bis acht Stunden vergehen. Sie könnte Lisas Freundin Amanda anrufen, doch auch diesen Gedanken schob sie beiseite. Erstens war es zu früh, und zweitens würde es merkwürdig wirken, wenn sie bei Lisas bester Freundin anrief, um sich über ihren künftigen Schwiegersohn zu erkundigen. Googeln machte auch keinen Sinn, aber Marlene probierte es trotzdem: Bei „Sam + New York“ kam nur „Uncle Sam“, ein Bekleidungs-Shop und eine Pizza namens „Sam“. Ob er ein Pizzabäcker war? Sie würde das Rätsel in den nächsten sechs bis acht Stunden nicht lösen können, also versuchte sie sich abzulenken und nahm sich den neuen Roman Avenue of Mysteries von ihrem Lieblingsautor John Irving vor. Das 480 Seiten dicke Buch hatte sie sich zwar für die Osterferien aufsparen wollen und die begannen erst in einer Woche, aber sie musste sich jetzt ablenken. Sie kam ganze zwei Seiten weit …Sam … schoss es ihr wieder durch den Kopf.

Das war wieder typisch für Lisa, dachte Marlene nun etwas ärgerlich, ihre Tochter war immer im Zeitdruck, rief stets kurz vor Terminen an oder dazwischen, sodass für mehr als ein paar kryptische Sätze keine Zeit war. Außerdem sprach Lisa meistens so schnell, dass bei der Mutter nur die Hälfte ankam. Auch in Frankfurt hatte sie nicht viel mehr ein WhatsApp-Leben ihrer Tochter mitbekommen, wenn sie sie nicht ab und zu zum Lunch getroffen oder sie zu ihren berühmten Bioburgern am Wochenende eingeladen hätte. Marlene nutzte zwar auch ab und an WhatsApp, vor allem um Fotos auszutauschen war es sehr praktisch, aber manchmal schien ihr dieses neue Kommunikationszeug auch mehr Schaden anzurichten, als nützlich zu sein.

Mit ihren 51 Jahren versuchte Marlene schon noch, mit der Zeit zu gehen, ob es Mode war oder ein neues Apple-Modell herauskam mit den neuesten technischen Errungenschaften. In Tom, der eigentlich Thomas hieß, hatte sie auch einen „Bekannten“, der ihr geduldig diese „neue Welt“ erklärte und ihr Nachhilfe gab, wenn sie damit nicht zurechtkam oder ein technisches Problem hatte. Wenn Marlene ihn mal wieder mal verzweifelt anrief, weil Safari nicht ging oder ihre Mails wie eingefroren waren, lautete sein Rat oft: „Hast du schon den Computer aus- und wieder angeschaltet?“ Meistens war das schon ausreichend, damit wieder alles funktionierte.

Manchmal musste sie warten, bis er abends nach der Arbeit zu ihr kam, um das Problem zu lösen. Im Gegenzug backte sie ihm Käsekuchen und schlief mit ihm. Ihre Freundin Karin bezeichnete Tom etwas gehässig als Marlenes „Fuck-Buddy“, was nicht ganz zutreffend war, aber auch nicht völlig danebenlag. Sie mochte Tom sehr, und er betete sie an. Sicherlich könnte das Ganze auch zur „normalen“ Beziehung werden mit gemeinsamer Wohnung, gemeinsam verbrachten Urlauben und zusammen gefeierten Geburtstagen, aber das wollte Marlene nicht. Sie war mit dem Verhältnis, dass sie mit Tom seit fünf Jahren hatte, sehr zufrieden. Der Sex war auch toll, wenn sie sich sahen, weil sie mal wieder ein Computerproblem hatte, was zwei- oder dreimal die Woche vorkommen konnte. Damit lag Marlene im Schnitt deutlich höher als ihre Freundinnen mit „normalen“ Langzeitbeziehungen, die nur wöchentlich einmal oder auch nur alle vierzehn Tage den Matratzensport mit ihren Ehemännern ausübten.

Tom hatte WhatsApp auf ihr iPhone 5 heruntergeladen und ihr gezeigt, wie sie Fotos hochladen und diese dann verschicken konnte. Das war sehr praktisch, aber Marlene legte nach wie vor Wert auf eine zwischenmenschliche Kommunikation, die sie als „unplugged“ bezeichnete. Entweder telefonierte sie mit ihren Freundinnen, oder sie versuchte, sich zum Lunch oder Dinner zu verabreden oder auf einen schnellen Kaffee. Umso mehr überraschte es Marlene, als ihre Freundin Karin vor Kurzem erzählte, dass sie sich von ihrem neuen Freund getrennt hatte, und das alles wegen einer WhatsApp-Nachricht. Karin hatte eine Verabredung mit ihrem neuen Freund per WhatsApp abgesagt mit den Worten: „Lieber Peter, ich habe Kopfschmerzen und ich bekomme eine Erkältung und will dich nicht anstecken. Ich glaube, es ist besser, wenn ich heute Abend allein bin, Kuss Karin.“

„Wie, und das war’s?“, fragte Marlene Karin ungläubig,

„Ja, er hat sich nicht mehr gemeldet.“

Hatte er diese WhatsApp nicht bekommen? Unwahrscheinlich. WhatsApp gehörte zu den ausgeklügelten Apps, die darüber Aufschluss gaben, ob der Empfänger die Nachricht erhalten hatte; das sah man an dem doppelten Häkchen, das hinter der versandten Nachricht erschien. Karins Nachricht hatte zwei Häkchen. Der Einwand von Marlene, er könne im Krankenhaus liegen oder entführt worden sein, ließ Karin nicht gelten. Nein, Peter war wohl beleidigt und wollte nicht antworten.

„Ja, aber du liebst ihn doch!“, warf Marlene ein, denn die Freundin hatte ihr drei Monate täglich von diesem „Superman Peter“ vorgeschwärmt. Marlene, die Peter auch mal kennenlernen durfte, konnte sein gutes Aussehen und seinen sprühenden Charme bestätigen. Es blieb bei dieser einen WhatsApp; umso erstaunlicher, dass Karin weiterhin so stur blieb und sogar den gemeinsamen und schon bezahlten Urlaub verstreichen ließ, nur um ihr WhatsApp-Recht zu haben. Die Koordination der Übergabe des Rasierapparates und des Wohnungsschlüssels erfolgte zwei Wochen später dann auch per WhatsApp.

Diese WhatsApp hatte die gewaltige Sprengkraft gehabt, einen riesigen, unüberwindlichen Graben zwischen zwei liebenden Herzen aufzureißen. Marlene verwarf daher sofort die Idee, die Tochter per WhatsApp in New York zu erreichen. Mehr kryptische Sam-Nachrichten konnte sie heute früh nicht ertragen. Sie entschloss sich, eine Runde zu joggen.

Sollte sie ausnahmsweise Tom fragen, sie zu begleiten? Er war ein Frühaufsteher, aber vielleicht konnte das gemeinsame Laufen im Gegensatz zu den routinierten Computer- und Sextreffen von Tom falsch verstanden werden. Marlene wollte ihm keinesfalls Hoffnungen machen, dass mehr aus der Beziehung werden könnte. Da sie keine ihrer Freundinnen so früh anrufen wollte, es war zwar schon acht, aber für einen Samstag immer noch zu früh, beschloss sie, allein zum Joggen zu gehen. Sie zog sich ihre Laufsachen an und wollte gerade in Richtung Grüneburgpark loslaufen, als sie es sich anders überlegte und sich den Autoschlüssel schnappte. Sie würde nach Kronberg fahren. Dort hatte sie früher gelebt und war viel in den Wäldern gelaufen. Sie musste ja mindestens sechs bis acht Stunden überbrücken, Zeit genug, um hin- und herzufahren und eine Stunde zu laufen, um in den herrlichen Wäldern des Taunus den Kopf frei zu bekommen.

Marlene parkte ihren grünen Mini ganz oben auf dem Parkplatz des Waldschwimmbads und schaute in den Rückspiegel. Sie erschrak etwas, als sie ihr müdes Gesicht sah. Marlene, du bist eben keine zwanzig mehr, dachte sie bei sich. Mit nur drei Stunden Schlaf musste sie der Schönheit Tribut zollen. Sie band ihr dichtes, dickes kastanienrotes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen, schnürte ihre Laufschuhe fest und stieg aus. Kurz überlegte sie, ob sie doch lieber umkehren sollte und ins Café Merci zum Berliner Platz fahren. Vielleicht könnte sie ja ihre Freundin Anna bewegen, mit ihr zu frühstücken? Die Arme war Maklerin und gewohnt, jeden Samstag zu arbeiten. Sie kannte Anna Goldmann erst drei Jahre, aber zwischen den Frauen hatte sich eine nette Freundschaft entwickelt. Anna hatte vor drei Jahren das Haus von Marlene verkauft, und zwar sehr gut. Sie hatte viel mehr erzielen können, als Marlene für möglich gehalten hatte. Die Käufer, eine Familie aus München, freuten sich ebenfalls, in das schöne Haus in der Parkstraße einziehen zu können. Karin hatte ihr die Maklerin empfohlen und ihr dringend abgeraten, mit den Maklern von Drängl & Melkers“ oder, noch schlimmer, mit denen „von Geiß“ zu verkaufen. Als Scheidungsanwältin erfuhr Karin von ihren Mandanten, welchen Ärger ein Hausverkauf verursachen konnte, wenn nicht sauber gearbeitet wurde.

„Anna Goldmann ist da eine ganz andere Kategorie!“, hatte ihr die Freundin vorgeschwärmt. Das Auftreten und die professionelle Art von Anna hatten Marlene damals sofort überzeugt, und sie war froh, eine so gute und ehrliche Maklerin an ihrer Seite zu haben. Emotional hatte sie mit dem Haus schon vor langer Zeit abgeschlossen, als sie zwei Jahre nach Kais Tod mit der kleinen Lisa nach Frankfurt gezogen war. Sie hatte das Haus zunächst vermietet und auch immer nette Mieter finden können. Als die letzten Mieter, eine Familie Jackson, nach fünf Jahren den Mietvertrag kündigten, weil sie zurück nach Chicago gingen, sah Marlene eine gute Gelegenheit, das Haus zu verkaufen, zumal der Markt seit der Finanzkrise 2009 enorm angezogen hatte.

Ihre Entscheidung, dass sie weiterhin in Frankfurt leben wollte, stand schon lange fest. Zwar war es für sie etwas weiter, um zur International School in Oberursel zu gelangen, wo sie Deutsch und Musik unterrichtete, aber die S-Bahn-Verbindung war gut, und sie tauschte die Zeit gern gegen das lebendige Großstadtfeeling in Frankfurt ein. In Kronberg hatte sie sich immer etwas eingeengt und beobachtet gefühlt. In der Grundschule war sie als alleinerziehende Mutter eher eine Exotin und wurde von den anderen Frauen gemieden, die in der attraktiven Single Lady eine Gefahr für ihre gelangweilten Ehemänner sahen und sie daher besser auf Abstand hielten. Marlene mochte Kronberg sehr, diese grüne Oase im Norden von Frankfurt, mit den vielen schönen Häusern, dem idyllischen Park, den blühenden Obstwiesen und der lieblichen Altstadt, aber sie konnte sich nicht mehr vorstellen, hier zu wohnen. Frankfurt bot ihr alles, was sie für ihren Lebensstil schätzte.

Von einem Teil des Geldes, das sie durch den Hausverkauf erzielt hatte, kaufte sie eine attraktive Eigentumswohnung im Westend und ließ diese aufwendig sanieren. Marlene fühlte sich in der 140-Quadratmeter-Luxuswohnung mit großem Südwestbalkon sehr wohl.

Ja, sie würde Anna anrufen, vielleicht hätte sie ja Zeit. Gern würde sie auch zu Annas neuem Büro in der Altstadt kommen, das kannte sie noch nicht. Das wäre besser, als sich im Jogging-Outfit im Merci zu treffen. Sie wusste, dass die Kronberger Ladies immer sehr gut gekleidet waren, und das auch schon früh morgens.

„Marlene, was für eine nette Überraschung, wie geht es dir?“

„Gut, ich stehe gerade am Waldschwimmbad und wollte statt zu joggen lieber einen Kaffee mit dir trinken. Hättest du Lust, mich zu treffen?“

Die Freundin lachte: „Lust schon, sogar sehr, aber so schnell schaffe ich das nicht. Wir sind gerade auf Mallorca, wir haben doch hier ein Boot liegen, und Patrick ist echt nicht zu bremsen, so happy und begeistert ist er. Wir sind schon diesen Freitag vor Ostern geflogen und bleiben insgesamt drei Wochen. Es ist traumhaft hier und richtig warm in der Sonne. Hast du nicht Lust vorbeizukommen, wir haben genügend Platz auf dem Boot, und es wäre doch nett … was meinst du? Tom kannst du auch gern mitbringen, er würde sich sicher super mit Patrick verstehen, der ist doch auch so ein Hightech-Freak. Marlene, das glaubst du echt nicht! Patrick hat doch tatsächlich in dieses Boot eine Fernsteuerung einbauen lassen. Jetzt kann er ganz leicht mit zwei Fingern, mit dieser Fernbedienung, den riesigen Kahn steuern, echt abgefahren!“

Marlene freute sich für Anna, sie war sehr glücklich mit ihrem Patrick. Von dem Boot hatte Anna ihr schon vorgeschwärmt. Es wäre einen nette Idee, dort Ostern zu verbringen, aber ob sie Tom mitbringen wollte, wusste sie nicht. Und so eng mit einem frischverliebten Paar ein paar Ferientage zu verbringen schien ihr nicht passend zu sein.

„Das ist ja eine nette Einladung, vielen Dank, Anna, aber ich glaube, ich muss meine Tochter in New York besuchen.“

Anna kicherte. „Ach, du Arme, das tut mir leid für dich, dass du da hin musst, New York ist ja auch nicht schlecht zu Ostern.“

Hatte Marlene wirklich „muss“ gesagt? Es war sicher ihrer Müdigkeit zu verdanken, dass sie nicht ganz klar im Kopf war … oder war es dieser Sam? Mist, an den wollte sie doch gerade nicht denken.

„Dann lass uns aber gleich nach den Osterferien treffen, ich lade dich zum Dinner ins Lucullus ein, das heißt ja inzwischen Mangia, ist aber auch noch gut, und zeig dir mein neues Büro, es ist richtig schön geworden.“

Für die selbständige Maklerin war es nicht leicht gewesen, sich gegen die großen und etablierten Maklerhäuser in Kronberg durchzusetzen. Aber sie hatte Erfolg, und das sprach sich herum. Manche Objekte nahm Anna schon nicht mehr an, weil sie sich um alle ihre Immobilien professionell und mit viel Herzblut kümmern wollte. Außerdem musste die Chemie mit dem Eigentümer stimmen, und es war wichtig, dass sie auch keine überzogenen Kaufpreisvorstellungen hatten. Denn so gut und erfolgreich Anna auch war, hexen konnte sie nicht.

„Prima, so machen wir das, melde dich einfach bei mir, wenn du wieder zurück bist, und immer gut eincremen, die Sonne hat ja dort schon enorme Kraft. Bis bald, meine Liebe.“ Das war wieder typisch für Marlene, sie bemutterte alle in ihrer Umgebung.

„Bis bald! Und viel Spaß in New York und grüß Lisa von mir!“

Marlene entschloss sich dann doch, ihr ursprüngliches Vorhaben, den Waldlauf, in Angriff zu nehmen, und lief vom Parkplatz in Richtung Bürgelstollen und dann weiter zu den Hünerbergwiesen. Die Wolken hatte sich inzwischen etwas aufgelockert. Vereinzelte Sonnenstrahlen bahnten sich den Weg durch die Baumwipfel und tauchten den noch matschigen Waldweg in sanftes Licht. Es war Frühlingsanfang in Hessen, gerade mal acht Grad, und das sollte schon Anlass zur Freude geben. Marlene wäre jetzt auch gern tausend Kilometer weiter südlich gewesen wie ihre Freundin, die es sich auf Mallorca gut gehen ließ, und hätte der Sonne auf dem 39. Breitengrad zugelächelt.

Nach etwa zehn Minuten erreichte sie einen kleinen Bach, als ein großer Falke mit seinen weiten Schwingen direkt auf sie zuflog. Abrupt blieb sie stehen, doch das Tier schenkte ihr keine Beachtung und schwebte majestätisch über sie hinweg. Marlene schaut dem Falken nach. Obwohl es nicht selten war, einen solchen Falken in den Kronberger Wäldern anzutreffen, konnte sich Marlene bisher nur an eine Begegnung mit dem großen Vogel erinnern. Es war sehr lange her, und damals hatte sie im Nachhinein den Vogels als eine Art Boten gesehen, der einen Wendepunkt in ihrem Leben markierte. Sie riss sich aus ihren Gedanken, lief weiter über die Hünerbergwiesen bergab zum Franzoseneck und dann wieder zurück Richtung Parkplatz. Kurz vor dem Forsthaus musste sie langsamer gehen. Sie war erschöpft und müde.

Zu Hause in ihrer Wohnung angekommen duschte sie ausgiebig und überlegte, dass es um halb zwölf zu spät zum Frühstücken, aber zu früh für ein Mittagessen war. Sie hatte aber Hunger, und ein grünes Smoothie, das sie sonst immer morgens trank, würde ihr jetzt nicht reichen. Sie brauchte Kohlehydrate, und zwar rasch. Sie entschied sich für Spagetti mit Knoblauch und Peperoncinis, das ging schnell, und sie hatte die Zutaten immer im Haus. „Nudeln machen glücklich, Marlenchen“, hatte ihre Großmutter Nonna immer lächelnd zu ihr gesagt, wenn sie als Kind in der Küche herumsprang, während die Großmutter kochte.

Nur Tom, den würde sie dann heute nicht mehr treffen wollen, es sei denn, sie schickte ihn vorher zum Döner, ansonsten wäre sie sicher nur mit Atemschutz zu genießen. Aber sie hatte momentan kein Computerproblem und auch keine Lust auf Sex. Sie würde sich nach dem Essen hinlegen, um dann hoffentlich bald den ersehnten Anruf der Tochter zu bekommen.

Mit großem Appetit aß sie die ganze Portion auf. Noch immer hatte sie es sich nicht abgewöhnt, für mindestens zwei Leute zu kochen, obwohl Lisa schon vor sechs Jahren ausgezogen war.

Ihr Handy klingelte.

„Lisa?“

„Nein, Marlene, hier ist Tom, alles okay bei dir?“ Tom wunderte sich, dass sie so aufgeregt erschien.

„Ja, alles bestens, und bei dir?“ Marlene hoffte, er würde nicht fragen, ob sie sich heute treffen wollten.

„Soll ich dich nachher abholen, oder kommst du direkt in die Bar?“

Mist, sie hatte vergessen, dass sie heute Abend noch einen Auftritt hatte, und das mit den vielen Spagetti und Knoblauch im Bauch.

„Das wäre nett, wann kommst du?“

„So gegen acht Uhr, das erste Set beginnt um neun. Dann haben wir noch genügend Zeit, um aufzubauen, okay?“

„Prima, du bist ein Schatz, bis später.“

„Ciao, Bella!“

Es war ihr vollkommen entfallen, dass sie heute Abend in der Casablancabar spielen musste. An sich war Marlene immer sehr froh, wenn sie ein Engagement hatte, sie liebte es, auf der Bühne zu stehen und zu singen oder auch Saxophon zu spielen, aber heute war sie nicht in Stimmung. Außerdem hatte sie schon gestern einen Auftritt gehabt, bei einer privaten Veranstaltung in einer riesigen modernen Villa in Bad Homburg. Ein runder Geburtstag mit achtzig Leuten. Nur Tom zuliebe hatte sie dem Engagement heute zugesagt.

Tom hatte sich in den letzten Jahren zunehmend um die PR ihrer Band gekümmert und schaute, dass sie genügend Auftritte bekamen. Der Barmanager wollte unbedingt, dass ein „Blickfang“ dabei war. Zum Glück hatte Tom ihr das aber anders verkauft. Er hatte Marlene gesagt, dass sie großen Wert auf eine gute Sängerin legten und sie deshalb bräuchten. Hätte Marlene gewusst, dass sie nur Zierwerk sein sollte, hätte sie sowieso keine Lust gehabt zu kommen. Sie hasste es, wenn sie nur aufgrund ihres Aussehens und nicht wegen ihrer künstlerischen Leistung engagiert werden sollte. Singen wollte sie heute jedenfalls nicht, sie würde die Stücke so auswählen, dass sie nur Saxophon spielen müsste. Das konnte sie auch mal routinemäßig abspielen, und da sie sowieso nicht so gut Saxophon spielte, würde auch keiner den Unterscheid merken.

Ihr Vater, der ein sehr guter Saxophonist gewesen war, hatte es ihr als Kind beigebracht. Sie mochte das Instrument sehr gern, und jedes Mal, wenn sie spielte, wurden schöne Kindheitserinnerungen wach. Aber obwohl sie es beherrschte, konnte sie nie die Seele in das Instrument zaubern, wie sie es mit ihrer Stimme schaffte. Trotzdem hoffte sie, heute nicht singen zu müssen. Die Band Moonlight würde heute mit einer sehr müden und zerstreuten Lilli-Marlene spielen müssen.

Gespräch mit Lisa

21. März

„Was macht denn dein Sam beruflich?“, wollte Marlene wissen und wunderte sich, dass Lisa es nicht von allein erzählte.

„Er ist Musiker … Mom, bist du noch da?“, fragte Lisa, da Marlene schwieg.

„Musiker“, wiederholte Marlene und sie dachte: Hoffentlich kein brotloser Musiker! Sag jetzt bloß nichts Falsches, Marlene, sprach sie zu sich selbst. Sie hatte das Gefühl, ihre verstorbene Mutter spuke in ihrem Kopf herum, der es damals so wichtig war, das Marlene gut versorgt war. Kai hatte sie gut versorgt. Er hatte ein ordentliches Einkommen an der Uni gehabt, ein Vermögen von seinen Eltern geerbt und etwa ein Jahr vor seinem Tod eine Lebensversicherung zu ihren Gunsten abgeschlossen.

„Super, er ist Künstler, was für ein Instrument spielt er denn?“

„Er macht Jazz, richtig coolen Jazz, und er ist ein mega Shooting Star hier in New York. Die Plattenfirmen reißen sich um ihn.“

Die Mutter in ihrem Kopf und Marlene seufzten beide erleichtert auf.

„Sam spielt Saxophon, so wie du, Mom, aber er spielt hammermäßig gut.“ Lisa schmolz förmlich dahin, als sie von ihm sprach.

„Saxophon.“ Marlene fühlte einen Stich im Herzen. Sie hatte mit ihrem Vater früher Saxophon gespielt, heimlich im Keller unten, die Mutter durfte nichts wissen. Marlene hatte als Kind klassischen Gesangsunterricht bekommen, und ihre Lehrerin hatte den Eltern bestätigt, dass sie eine große Begabung hätte und sogar das Zeug, Berufsmusikerin zu werden: „Es war, als würde ein Engel singen“, so jedenfalls hatte die Lehrerin von ihrer Schülerin geschwärmt. Es entsprach nicht ganz der Wahrheit, aber die Lehrerin, die alleinstehend war und ein uneheliches Kind hatte, war damals auf jeden Schüler angewiesen, und Marlene war mit Sicherheit gut und talentiert, sodass ihr diese Übertreibung verziehen sei.

Als Marlene ungefähr zwölf Jahre alt war, wollte sie lieber Rock und Blues oder Jazz singen, was ihr die Mutter und die Lehrerin vehement untersagten. Vater Leonardo hätte seine Tochter gern darin unterstützt, zog aber wie immer, wenn er gegensätzlicher Meinung mit Marlenes Mutter war, den Kürzeren.

Leonardo hatte in jungen Jahren den Jazz hautnah miterlebt. Seine Familie war 1949 nach Frankfurt umgesiedelt, und der damals vierzehnjährige Leonardo hatte sich einen Aushilfsjob als Küchenjunge in einem der GI-Clubs besorgt, in dem sich vorwiegend farbige Soldaten amüsierten und abends den wechselnden Jazzbands zuhörten. Er liebte den Jazz und lauschte, nachdem er mit den Küchenarbeiten fertig war, der fetzigen Musik. Oftmals zog er sich zu Hause den Ärger seines Vaters zu, wenn er erst nach Mitternacht heimkam. Vor allem das Saxophon hatte es ihm angetan, und sein größter Wunsch war, es selbst zu spielen. Die Familie Barone hatte nicht das Geld, ihren Jungen zum Musikunterricht zu schicken oder ihm so ein kostspieliges Instrument zu kaufen. Sein Wunsch blieb daher lange Zeit unerfüllt.

Während seines Studiums der Betriebswirtschaftslehre arbeitete Leonardo weiter in den Clubs und neu aufgemachten Jazzclubs als Kellner und später als Barkeeper. Er sparte jeden Cent. Als er 23 Jahre alt war, kaufte er einem schwarzen Musiker, der Spielschulden hatte, sein Saxophon ab, ein Altsaxophon der amerikanischen Marke Buescher. Nachdem seine ersten, nicht ganz glücklichen autodidaktischen Versuche zu Hause die Eltern sehr störten, finanzierten sie ihrem Sohn schließlich den Unterricht. Er lernte schnell und spielte bald in einigen kleineren Bands mit. „Sax“ war sein Leben, Jazz seine Welt, und am liebsten hätte Leonardo das Studium geschmissen, um in den Bars und Clubs spielen zu können, aber das redeten ihm seine Eltern erfolgreich aus.

Nach dem Studium bekam er das Angebot der Hamburger Firma Schell und zog in die Hansestadt, wo er kurz darauf Marlenes Mutter Dorothea kennen- und lieben lernte und bald schwängerte. Die vermögenden Schwiegereltern Killinger kauften dem jungen Paar als Hochzeitsgeschenk ein Haus an der Außenalster. Leonardo spielte weiterhin Saxophon, konnte jedoch meist nur im Keller üben, um seine Frau, die häufig unter Migräne litt, nicht zu stören.

Wenn Marlene mitbekam, dass der Vater im Keller war, schlich sie sich zu ihm und hörte ihm zu. Er brachte ihr auch bei, wie man spielte, sie lernte es mühelos. Die konspirativen Kellertreffen der beiden im Haus Barone schweißten Vater und Tochter noch enger zusammen. Marlene hatte es der Mutter bis heute nicht verziehen, dass sie sofort nach Vaters Tod das Saxophon verschenkte, ohne es mit ihr abgesprochen zu haben. An Janik, den polnischen Gärtner, der völlig unmusikalisch, aber geschäftstüchtig war, und das Instrument noch am selben Tag in einen Laden für gebrauchte Musikinstrumente brachte. Marlene brach in Tränen aus, als sie davon erfuhr, und machte der Mutter und dem Gärtner heftige Vorwürfe. Sie rannte in das Musikgeschäft, um das Saxophon zurückzukaufen. Leider war das nicht mehr möglich. Ein amerikanischer Teenager hatte das Instrument noch am selben Tag gekauft und mit Dollarscheinen bezahlt, sodass die Spur zum Saxophon des Vaters verwischte. Der Händler hatte noch nicht einmal Zeit gefunden, die Seriennummer zu notieren.

Zu ihrem 46. Geburtstag hatte Tom ihr ein gebrauchtes Saxophon geschenkt. Es war ein viel zu großzügiges Geschenk, und das wusste er auch. Sie kannten sich zu diesem Zeitpunkt erst kurz. Er hatte den Tipp von Daniel, dem Keyborder und Bandleader von Moonlight bekommen. Der kannte die Geschichte von Marlenes Vater und dem verschwundenen Saxophon. Daniel war Marlenes bester Freund, und er war schwul, was man aber bei ihm nicht vermutete. Marlene war auch sehr überrascht, als sie es erfuhr.

Als Marlene neu in der Band war und sie spät abends noch zusammen Cocktails tranken und erzählten, machte sie den gut aussehenden Daniel an. Mit seinen dunklen schwarzen Locken und den braunen Augen passte er in Marlenes Beuteschema. Sie setzte ihren Charme ein, flirtete wie wild und war verwirrt, dass er zwar auch flirtete, aber keinerlei Anstalten machte, sie zu küssen. Marlene ging in die Offensive, stand von ihrem Stuhl auf, setzte sich dem verdutzten Daniel auf dem Schoss und küsste ihn.

„Du bist bezaubernd und eine wunderschöne Frau“, sagte Daniel zu ihr, „ich bin aber leider schwul … und das leider sage ich nur zu dir, als Kompliment gemeint, du wärst es fast wert, einen Heteroversuch zu wagen.“

Zwischen den beiden entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Gerade in Liebesdingen war es für die Musiker eine fruchtbare Ergänzung, sich den Ratschlag des Freundes oder der Freundin einzuholen. Daniel sagte auch sehr schnell zu Marlene, dass Tom, der auch ein guter Freund von ihm war − sie kannten sich schon aus der Schulzeit −, toll zu Marlene passen würde. Sie wären das perfekte Paar. Aber Marlene hatte da so ihre eigenen Ansichten, sie wollte nichts Festes. Mit dem Saxophon hatte Tom aber damals voll ins Schwarze getroffen. Marlene war zu Tränen gerührt, als er sie damit überraschte. Es war natürlich nicht das Saxophon des Vaters, aber eine wunderschöne Geste von Tom.

„Wir haben uns auf drei geeinigt.“

„Wie drei?“

„Na ja, wir wollen drei Kinder bekommen, Sam wollte lieber vier, mir hätten wahrscheinlich zwei gereicht. Bloß kein Einzelkind.“

Marlene schluckte, war Lisa schwanger? Lisa kam der Frage der Mutter zuvor.

„Keine Angst, Ma, du wirst noch nicht Oma!“

Ohne dass sie Marlene Gelegenheit gab, sich dazu zu äußern, fuhr die überschwängliche Lisa fort zu erzählen. „Seine Familie lebt in Vermont, wo du, Papa und ich zwei Jahre gelebt haben. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern. Aber es gibt doch das Fotoalbum aus der Zeit, das haben wir uns früher öfter angeschaut. Kannst du mir bitte das Foto schicken, wo ich vor der Ben & Jerrys-Fabrik in Stowe stehe und ein Schokoladeneis esse? Das sieht so lustig aus. An das Foto kann ich mich genau erinnern. Du musst mir unbedingt noch mal alles erzählen von damals, von Papas Job an der Uni und von deinem Studium.“

Marlene schluckte. Lisa war ein entzückendes Kleinkind gewesen, mit ihren blonden Löckchen und den stahlblauen Augen hatte sie wie ein Engelchen ausgesehen. Das war sie auch für Marlene. Sie hatte oft zu dem Kind gesagt: „Du bist das Beste, was mir je in meinem Leben passiert ist.“ Sie meinte es wörtlich.

Marlene war erst 21 Jahre alt gewesen, als sie ihren Mann Kai auf dem berüchtigten „Quartier-Latin“-Unifest in Frankfurt kennenlernte. Damals war sie erst im dritten Semester und studierte amerikanische Literatur und Psychologie. Marlene war mit ihren Freundinnen zusammen zu dieser mega Faschingsparty gegangen. „Hier geht die Post ab, hier tobt das Leben“, so die Umschreibung der feiernden Studenten. Marlene hatte sich als Krankenschwester verkleidet, mit einem sehr kurzen Röckchen, und den gut aussehenden Kai angesprochen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie schon einige Caipirinhas intus. Kai war als Doktor verkleidet. Sie wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass er tatsächlich Arzt und viel älter als sie war, genau fünfzehn Jahre und drei Monate. Sein Kostüm war auch kein Kostüm, sondern aus der Not heraus geboren worden. Ein anderer Professor hatte ihm den Mund wässrig gemacht und von den „sexy Studentinnen“ geschwärmt, die man hier abschleppen konnte. Im Gegensatz zu seinem Freund war Kai nicht darauf aus, Mädchen abzuschleppen, aber da er gerade Single war und nichts Besseres vorhatte, begleitete er den Freund zu dem Faschingsspektakel.

„Lust auf Doktorspiele?“, fragte ihn Marlene kess. Der Freund, der Studentinnen abschleppen wollte, ging an diesem Abend leer aus. Kai hingegen landete mit Marlene im Bett. Marlene hatte darauf bestanden, ihn mit zu sich nach Hause zu nehmen, zu ihm wollte sie lieber nicht. Geh nie mit fremden Männern mit! Marlene beherzigte die Worte der Mutter auch noch, nachdem sie längst ausgezogen war. Kai wachte am nächsten Morgen in der etwas heruntergekommenen Altbauwohnung, einer Fünfer-WG in Bornheim, auf. Die Überraschung am Frühstückstisch war groß, als Professor Dr. Kai Gärtner nur in Boxershorts und T-Shirt zwei seiner Medizinstudenten gegenüberstand. Aus dem One-Night-Stand der beiden wurde eine Beziehung.

Kai entsprach mit seinen blonden Haaren und blauen Augen nicht wirklich dem Männertyp, auf den Marlene stand, aber er war sportlich und gut gebaut, wusste sich zu benehmen und behandelte sie wie eine Prinzessin. Kai holte sie mit seinem 911er Porsche ab, lud sie zum Essen in die besten Restaurants ein und tat alles, um das Herz der jungen Frau zu erobern. Er war fasziniert von der jungen, temperamentvollen, bildhübschen Studentin mit den kastanienroten Locken. Marlenes Mutter war begeistert von ihrem „Schwiegersohn“. Sie wusste von Anfang an, dass die beiden heiraten würden. Das sagte sie jedenfalls hinterher all ihren Freundinnen. Ihr gefiel an Kai, dass er blond und blauäugig war, gute Manieren hatte und obendrein sehr vermögend. Sie hatte bei ihrer Freundin Elke Schröder Erkundigungen eingeholt. Elke lebte schon ihr ganzes Leben in Kronberg und kannte dort jeden. Zumindest jeden, der vermögend war. Kai Gärtner war es, da war sie sich ganz sicher. Seine Eltern waren früh verstorben und hatten ihm ein beachtliches Vermögen sowie eine Villa in Kronberg hinterlassen, in der er wohnte.

Marlenes Vater hingegen war etwas zurückhaltender, wenn es um Kai ging. Der Altersunterschied der beiden störte ihn nicht, aber er hatte das Gefühl, dass seine Tochter in Gegenwart von Kai nicht mehr so frei und lustig war wie früher. Für ihn war es nur wichtig, dass seine Tochter glücklich war, egal mit wem oder wie alt ihr Freund wäre. Er hatte seine Zweifel, ob Kai der Mann war, der Marlene glücklich machen konnte. Marlene selbst machte sich in dieser Zeit keine Gedanken darüber, ob sie Kai heiraten wollte oder nicht. Das änderte sich erst, als sich ein halbes Jahr später Lisa ankündigte.

„Wenn du die Bilder mit dem iPhone fotografierst, kannst du mir das Foto mit WhatsApp schicken.“

„Weiß ich doch“, knurrte Marlene vielleicht etwas unfreundlicher als nötig. Schließlich konnte sie dank Tom mit WhatsApp umgehen, und außerdem hatte sie keine große Lust, in dem Album nach Bildern zu suchen, konnte das Lisa aber natürlich nicht abschlagen.

„Gut, mach ich, ich schau gleich mal.“ Und wie immer, wenn sie etwas tat, was sie eigentlich nicht wollte, sich aber verpflichtet fühlte, wurde sie brummig.

„Ma, kannst du nicht zu mir herüberfliegen? Du musst ihn unbedingt kennenlernen, und ich brauche außerdem Hilfe beim Aussuchen des Hochzeitkleides. Hast du nicht sowieso jetzt Osterferien?“

„Süße, ich schau mal, ob ich vernünftige Flüge bekomme, und melde mich dann.“ Für Marlene stand es sowieso schon fest, dass sie fliegen würde, auch wenn sie nur einen teuren Flug bekäme, das hatte sie bereits nach Lisas erstem Sam-Telefonat beschlossen. Den Mann, der ihre Tochter im Sturm eroberte hatte, musste sie so schnell wie möglich kennenlernen.

„Bis bald, Ma, bitte komm. Es würde mir viel bedeuten, und ich versuche auch, ein paar Tage frei zu bekommen. Ciao, ciao, ich hab dich ganz doll lieb!“ Lisa hängte ein, noch bevor ihre Mutter sich verabschieden konnte.

Lisa und Sam

21.März

Die Sirenen eines Krankenwagens heulten schrill auf, darauf folgte lautes Autogehupe, sodass Lisa das Telefonat mit ihrer Mutter schnell beendete. Sie hatte sich in den vier Monaten, seit sie in New York City ihre neue Stelle angetreten hatte, immer noch nicht an den Lärm dieser Stadt gewöhnt. The City that never sleeps, wie Sinatra die Stadt in seinem legendären Song besang. Lisa konnte das nur bestätigen. Seit sie dort angekommen war, kam sie nicht viel zum Schlafen. Der Job war anspruchsvoll, und die Kollegen waren verrückt und versessen darauf, auszugehen und Lisa das illustre Nachtleben von New York zu zeigen. Ständig gab es ein neues In-Restaurant, das vom Zagat Survey, dem wichtigsten Restaurantführer der Metropole, hoch gelobt wurde. Neben Kategorien wie „Service“ oder „Essen und Preis“ gab es auch „Leute beobachten“ oder „Single Szene“.

Sehen und gesehen werden spielte eine große Rolle bei den jungen gut verdienenden Bankern. Fast jede Woche wurde Lisa in einen brandneuen Club mitgeschleppt, und die Aufregung unter Lisa Kollegen war immer groß, wenn es gelang, einen Prominenten zu entdecken. In den drei Monaten hatte sie schon Paris Hilton, Will Smith, Kim Cattrall, Nora Jones und einen bekannten Quaterback der Giants, Eli Manning, gesehen. Obwohl Lisa auch ein sehr gutes Gehalt und einen „New-York-City-Zuschuss“ bekam, damit sie sich das winzige Zimmer in Midtown überhaupt leisten konnte, war sie vor Ende des Monats fast immer blank. Das konnte ihre Feierlaune aber nicht trüben, da sie einfach auf ihr Sparkonto zugriff. Von ihren Großeltern hatte sie eine kleine Erbschaft erhalten, allerdings mit der Ermahnung, diese für etwas Sinnvolles zu nutzen. Doch Lisa sah darin keinen Widerspruch. Sie war jung und genoss das Leben in der Stadt in vollen Zügen, gönnte sich auch all die schicken Kleidchen, die sie bei Saks auf der Fifth-Avenue oder bei Macy’s im Sale bekommen konnte. Außerdem war auch fast jede Woche irgendwo ein „Super Sale“, zu dem sie die Kolleginnen mitnahmen. Ja, sie fand das alles sehr sinnvoll und war immer bestens gelaunt, seit sie in Manhattan lebte, wenn auch etwas übermüdet. New York war ein El Dorado, ein Disneyland für Erwachsene, wenn man genügend Geld hatte …

Sie lächelte vor sich hin, als sie zärtlich ihren schlafenden Verlobten betrachtete. Er schlief wie ein Stein und hatte das Telefonat mit ihrer Mutter nicht mitbekommen, was sie aber auch nicht gestört hätte, denn Sam sprach kein Deutsch.

Sie hatten sich damals in ihrem Lieblingsspot, dem Tao, kennengelernt. Das Tao-Restaurant befand sich in Uptown, in der 42 East und 58. Straße. In Zagats Beschreibung stand über die hippe Location: „Es gibt keinen besseren Platz, deine sexy Klamotten zu zeigen.“ Dass das Essen ebenfalls ausgesprochen gut war – dort bekam man die besten warmen, knusprig gebratenen Sushirollen von Manhattan, unglaublich zartes Kobibeef und eine Speise, die auf einem Hot- Stone zelebriert wurde, die ihresgleichen suchte –, nahm man gelassen hin. Das panasiatische Essen war hier außergewöhnlich schmackhaft und gut. Auch die spektakuläre, über zwei Stockwerke hohe Buddhastatue in der Mitte des Raumes war sehenswert. Warum aber hier Abend für Abend die jungen Singles in Scharen einfielen, um die überteuerten Drinks, meist Cosmopolitans oder Mojitos an der stylischen Bar zu schlürfen, lag daran, dass es der begehrteste Szenetreff von Midtown war. Hier konnte man die schönsten Frauen der Stadt bewundern, und natürlich waren es auch die Prominenten wie Paris Hilton oder Lindsey Lohan, die mit Magnetwirkung die vergnügungssüchtigen jungen Banker, Ärzte und Anwälte New Yorks in diesen Buddhatempel zogen.

Vor allem gegen Ende des Monats, wenn der Kontostand rote Zahlen aufwies, war diese Location bei Lisa angesagt. Die deutsche Lisa musste erst von ihren amerikanischen Kolleginnen lernen, dass man als Frau – sofern gut aussehend – in einer New Yorker Bar für Drinks nichts bezahlen musste. Das Einzige, was man dafür anstellen musste, war, sich nett anzuziehen, in die Bar zu gehen und einen Typen anzulächeln. Dieser würde dann automatisch (es sei denn, er wäre mit weiblicher Begleitung in die Bar gekommen) auf sie zukommen und Lisa fragen, ob er sie zu einem Drink einladen dürfe. Da Lisa sehr kontaktfreudig war und sich natürlich auch gern mit Männern unterhielt, war sie für diese kostengünstige Ausgehvariante sehr aufgeschlossen. Selbstverständlich gaben die Frauen ihr auch Tipps, wie man einen Langweiler wieder los wurde. Die Frauen gingen meist zu dritt oder mit mehreren Frauen aus, und es war von großem Unterhaltungswert zu verfolgen, welche Frau von welchem Typ in welcher Geschwindigkeit angesprochen wurde. Es gab natürlich auch Frauen, die bereits nach einem netten Flirt am Abend in der Bar mit dem Flirtpartner zu einem One-Night-Stand verschwanden. Das war aber die Ausnahme, denn im Gegensatz zu den männlichen Singles hatten die Frauen es in der Regel nicht so eilig, sondern wollten sich zuerst ein paar Mal daten, wobei natürlich immer der Mann zahlte, bevor man zusammen ins Bett ging.

Im Tao an der Bar hatte es begonnen mit Lisa und Sam. Allerdings hatte er ihr keinen Drink spendiert, sondern ihr versehentlich ein Bier übergekippt. Ausgerechnet über ihr nagelneues rotes Kleid von BCBGMaxazria (eine Marke, die für ihre ausgefallenen Kleider bekannt war), und dann noch Bier, keinen Champagner! Lisa mochte kein Bier. Es war allerdings auch mit ihre Schuld gewesen, dass der Gerstensaft nicht in Sams Kehle, sondern über ihr Dekolleté floss, denn sie hatte sich gerade in der vollen Bar gebückt, um den Riemen ihrer neuen Jimmy-Choo-Sandalette fester zu ziehen, damit der ex-trem hochhackige Schuh ihr mehr Halt gab. In diesem Moment hatte sich Sam mit dem Bier, das er gerade vom entnervten Bartender in die Hand gedrückt bekam, umgedreht, um zu seinen Kumpels zu gehen, die am Hochtisch in der Mitte standen. Die Bar war gerammelt voll. Sam bewegte sich also vorwärts und konnte in dem Gedränge die gebückte Lisa nicht sehen. Lisa richtete sich auf und traf mit der Schulter sein Glas. Das Bier schwappte in ihren Ausschnitt und durchtränkte den zarten Seidenstoff, wodurch sich ihre Nippel vorwitzig unter dem Kleid abzeichneten. Sam reagierte sofort und schnappte sich die kleinen Servietten, die für Snacks und Nüsse an der Bar lagen, und tupfte Lisas Brüste ab. Lisa war zuerst starr vor Entsetzen, gab Sam dann aber eine Ohrfeige, um dem gut gemeinten Einsatz an ihren Brüsten ein Ende zu bereiten.

„Du bist selbst daran schuld, weil du nie einen BH trägst“, meckerte ihre Kollegin Jane, als die beiden kurz darauf die Bar verließen. Viel zu früh, fand Jane, und ärgerte sich über den vermasselten Abend mehr, als dass sie Mitgefühl für die durchnässte Freundin aufbringen konnte.

Schon zwei Tage später sollte Lisa Sam wiedersehen. Diesmal war Lisa mit dem ganzen Team ihrer Abteilung im Blue Note, dem angesagten Jazzclub von New York im Stadtteil Greenwich, weil ein talentierter junger Musiker dort auftreten sollte: Sam Smiller.

Da Lisa sich in der Musikscene nicht auskannte und auch nicht wusste, dass Sam der „Busentupfer“ aus dem Tao war, ging sie ahnungslos mit und versank fast im Erdboden, als der Musiker mit seiner Band auf die Bühne trat. Auch Sam erkannte die schöne Lisa sofort und ließ ihr eine Flasche Champagner bringen, was sie noch mehr ärgerte, denn jetzt war sie bei den Kollegen in Erklärungsnot und wollte natürlich nichts über den „Bierunfall“ erzählen. In der Pause kam Sam dann auch noch an ihren Tisch, entschuldigte sich bei Lisa und sagte, dass er selbstredend für die Reinigungskosten aufkommen wollte, sie wäre aber so schnell verschwunden, dass er keine Zeit mehr gehabt hätte, ihr das anzubieten, und er wollte sie auch gern zur Entschädigung ins Nobu, dem besten Sushi-Restaurant der Stadt, einladen.

„Vielen Dank für das freundliche Angebot, ich überlege mir das.“ Lisa wurde tatsächlich etwas rot, als sie Sam antwortete.

„Der Typ ist echt heiß, du hast wirklich Glück!“, meinte Sue, ihre Kollegin, als Sam wieder verschwand, um nach der Pause weiterzuspielen. Die hübsche Asiatin war sehr beeindruckt von dem jungen Musiker, das konnte man sehen.

„Von dem würde ich mir auch gern Bier überkippen lassen“, seufzte die dickliche Sandra, die schon seit zwei Jahren Single war.

Als Sue Lisa fragte, ob es ihr etwas ausmachen würde, wenn sie an ihrer Stelle mit Sam ausgehen würde, da sie ja wohl nicht wolle, entschied sich Lisa doch dafür, mit Sam auszugehen. Die beiden verabredeten sich für den nächsten Donnerstag. Es war Sams Vorschlag, sich an einem Donnerstag zu treffen, und Sue meinte zu Lisa, das würde er extra machen, damit es nicht so offensichtlich wie ein Date aussehen würde, denn Freitag und Samstag waren beliebe Datingtage. Sam bestand darauf, Lisa abzuholen. Als die schwarze Stretchlimousine vorfuhr und an der 55. Straße und Second Avenue anhielt, um Lisa abzuholen, war sie ziemlich überrascht. Sie dachte, Sam würde sie mit einem Cab, einem der gelben New Yorker Taxis, abholen.

Der Abend verlief traumhaft; das Eis zwischen den beiden war schnell gebrochen, und Lisa musste zugeben, dass Sam nicht nur extrem gut aussah, viel Charme und Manieren hatte, sondern auch noch sehr witzig war. Sein Humor erinnerte sie an ihren geliebten Großvater Leonardo, der sie als Kind immer zum Lachen gebracht hatte.

Sam fuhr Lisa an diesem Abend gleich nach dem Essen nach Hause. Er machte keine Anstalten, mit auf ihr Zimmer zu gehen, sodass Lisa schon fast ein wenig gekränkt war. Vielleicht wollte er sich doch nur entschuldigen, eine Freundin hatte er zurzeit allerdings nicht, darüber hatten sie beim Essen gesprochen. Seine letzte Beziehung war vor einem Jahr auseinandergegangen. Mit Debby war er wohl zwei Jahre zusammen gewesen, aber es hätte doch nicht gepasst. Sie war zu dieser Zeit seine Managerin gewesen, und als die Beziehung auseinanderging, suchte er sich auch einen neuen Agenten. Jedenfalls schaffte es dieser neue Agent, der etwas ältere Steven Jacobs, schon in kurzer Zeit, Sam so in Szene zu setzten, dass er nun in aller Munde bzw. Ohren war und sogar vom People Magazin interviewt wurde. Er bekam Plattenverträge und Engagements sogar in Paris und London.

Warum er sie nicht verführen wollte, wusste Lisa nicht. Dass Lisa ihm nicht gefallen hätte, schlossen Sue und Sandra vehement aus, als sie gemeinsam am nächsten Morgen einen „Business-Kaffeeklatsch“ in der Teeküche des Büros abhielten, damit Lisa ihnen vom Abend mit Sam berichten konnten. Sandra hatte Lisa einen Artikel aus dem People Magazin über Sam Smiller mitgebracht, dort stand, er sei der „heißeste junge Jazzmusiker“ von New York, die Frauen würden Schlange stehen, doch er wäre wählerisch. Seine Eltern lebten in Vermont, und dahin zog es den erst 25-Jährigen auch immer wieder, denn er liebte die Natur und den See, dort sei er aufgewachsen.

„Ein richtiger Naturbursche also,“ stellte Sue kritisch fest, „das wäre ja nichts für mich, da musst du dann vielleicht noch Kanu fahren und in den Bergen rumkraxeln, da gibt es sicher jede Menge wilde Tiere und vor allem Ungeziefer!“ Verächtlich verzog sie ihren zierlichen kleinen Mund.

„Für den würde ich sogar abnehmen …“, schwärmte hingegen die dicke Sandra, „er ist ein absoluter Traummann und hat sogar Charakter. Dass er dich nicht gleich abschleppen wollte, finde ich echt stark und irgendwie auch romantisch!“ Sandra kicherte verschmitzt.

Als Lisa von der Kaffeepause zurück an ihren Schreibtisch kam, stand dort ein großer Strauß rubinroter Rosen mit einem Briefcouvert darin: „Liebe Lisa, ich danke dir für den wundervollen Abend. Ich muss sagen, dass ich im Nachhinein sehr froh bin, dir mein Bier in deinen schönen Ausschnitt geschüttet zu haben, sonst hätte ich dich vielleicht nie kennenlernen dürfen. Ich würde dich gern wiedersehen, und wenn du willst, würde ich mich sehr freuen, wenn du mich zum Basketballspiel der New York Knicks am Samstag begleiten würdest (ja, ich weiß, das ist schon morgen, aber ich habe die Karten geschenkt bekommen, und es sind wirklich gute Karten), du könntest sogar das schweißdurchtränkte Handtuch von Camelo Anthony anfassen, wenn du das willst (Smiley), ruf mich an : 914-37355877, liebe Grüße Sam.“

„Gute Karten für die New York Knicks, dafür würde ich morden oder auch mal für den Abend schwul werden!“, scherzte Nick, der das Blumenbouquet für Lisa in Empfang genommen hatte. Nick wusste auch im Gegensatz zu Lisa, dass Camelo Anthony als Forward der bedeutendste Spieler für das Team war und sogar für das NBA All Star Game nominiert wurde, zu dem nur die besten Spieler der NBA eingeladen werden. Lisa sagte zu. Nick hatte ihr noch im Gegensatz zu Sue geraten, sich nicht aufzudonnern, sondern im lässigen Outfit zu erscheinen, mit Jeans und Turnschuhen und Sweatshirt, was Lisa dann auch befolgte.

Das Spiel war mitreißend und aufregend. So nah hatte sie bisher keinen Spieler der NBA gesehen. Nicht dass Lisa ein Basketballfan war, aber die NBA in New York live zu sehen war schon sensationell. Die beiden hatten viel Spaß im VIP-Bereich mit Hotdog, Bier und Popcorn. Die Knicks gewannen mit 22 Punkten, und Lisa und Sam beschlossen, danach noch in eine Bar zu gehen. Da die Bar auf Lisas Heimweg lag, fuhren sie mit der Limousine zur Pen Top Bar an der Fifth Avenue, gleich neben dem Panam-Hochhaus. Heute war es keine Stretch, sondern ein großer schwarzer Suburban, der Lisa sofort an Agentenfilme erinnerte. Der Ausblick aus der 23. Etage war sensationell, und dass die beiden noch einen Tisch bekamen, sicher kein Zufall, denn Sam wurde gleich mit „Guten Abend, Mr. Smiller“ lächelnd von der brünetten Bedienung begrüßt und zu einem sehr guten Tisch mit gigantischer Aussicht geführt. Dass das Corona-Bier dort sechzehn Dollar kostete, störte die beiden nicht. Übrigens war Corona das einzige Bier, das Lisa schmeckte, da es nicht diesen bitteren Geschmack hatte und außerdem immer mit einer Limette zusammen serviert wurde. New York war herrlich, wenn man genügend Geld hatte.

Lisa hatte sich bereits vor Ende der ersten Halbzeit des Basketballspiels in Sam verliebt, das fühlte sie nun deutlich an den Schmetterlingen in ihrem Bauch, und sie hoffte, er würde nun Anstalten machen, sie zu küssen. Sie spürte, dass auch er sehr von ihr angetan war, aber aus irgendeinem Grund ging er nicht in die Offensive, sondern führte das knisternde, kribbelnde Spiel des Flirts immer weiter. Schließlich zahlten sie, d.h. natürlich beglich Sam die Rechnung, sie hatten noch Chicken Wings und Guacamole mit Nachos gegessen, diesen Avocado-Dip liebte Lisa besonders.

Sie mussten eine ganze Weile auf den Fahrstuhl warten, und Lisa sehnte sich danach, Sam zu berühren, wollte aber nicht den Anfang machen. Endlich kam der Fahrstuhl, und mit ihnen fuhren noch sechs weitere Gäste, eine Gruppe japanischer junger Männer, nach unten, sodass Sam dicht an Lisa rücken musste und sie seinen warmen Körper spüren konnte. Sehr vorsichtig nahm Sam ihre Hand in seine, drückte sie zärtlich und flüsterte Lisa zu: „Es war wieder ein wunderschöner Abend mit dir.“ Dabei lächelte er sein charmantes Sam-Lächeln, und Lisa schmolz dahin wie Wachs und sehnte sich nach seinen Zärtlichkeiten, auf die sie allerdings noch eine Weile warten sollte. Unten stand schon die Limousine bereit, und die beiden fuhren nun in die 55. Straße zu Lisas Apartment zurück. Im Wagen hatte Sam den Arm um Lisa gelegt, und sie kuschelte sich an ihn und war selig. Viel zu schnell waren sie vor ihrem Apartmentgebäude angekommen.

„Vielen Dank für den schönen Abend, Sam.“ Lisa lächelte ihn an, als sie aussteigen wollte. Sam hielt sie fest an der Hand, zog sie zu sich heran und küsste sie zärtlich. Lisa bebte am ganzen Körper und genoss die warme Zunge in ihrem Mund. Als sie sich lösten, sagte Sam zu ihr: „Ich bin ab morgen auf einer kleinen Tour in Hartford, Boston und Portland und komme erst Samstag sehr spät wieder. Wenn du Lust hast, können wir zusammen am Sonntag im Central Park laufen gehen, und danach mache ich dir bei mir ein Weltklasse-Frühstück. Mein Omelett ist legendär, besser als im Waldorf Astoria. Was meinst du, meine Hübsche, können diese entzückenden Beine auch joggen?“ Sam fuhr zart mit seiner Hand über Lisas Bein, und sie bekam am ganzen Körper eine Gänsehaut.

„Gern.“ Mehr bekam sie nicht heraus, weil der Hormoncocktail in ihrem Körper ihre Sinne vernebelte. Wie sollte sie nun eine Woche ohne Sam leben können? Schöner Mist. Sie würde viel Schokolade brauchen, sehr viel!

„Lass uns um zehn Uhr am Grand Army Plaza treffen, oder wenn du magst, hole ich dich auch wieder ab.“

„Nein, nein das passt schon.“

Das montägliche Kaffeeklatsch-Meeting in der Firma mit Lisa, Sue und Sandra ließ bei den drei jungen Damen viele Fragen offen. Was genau wollte Sam? Warum ließ er Lisa so lange zappeln? Sollte Lisa ihm nun WhatsApp-Nachrichten schicken oder nicht? Er hatte sich seit Samstagabend nicht gemeldet. Zugegeben, heute war erst Montag, um genau zu sein, Montagvormittag, aber trotzdem, der ganze Sonntag ohne Sam-Nachrichten war hart gewesen für Lisa. Neben drei Schokoladenmuffins hatte sie zwei Tafeln Lindt-Schokolade gegessen, zartbitter mit Orange, für die sie extra in den Grand Central Market fahren musste, denn die gute Schweizer Schokolade gab es nicht überall. Den amerikanischen Schokoladenkram wie Hershey’s konnte die schokoladenverwöhnte Lisa nicht herunterbekommen, schon gar nicht, wenn sie sich liebeskrank nach einem Mann verzehrte.

Sollte es der Altersunterschied sein (Lisa war genau fünf Jahre und drei Monate älter als Sam), der sein zögerliches, zurückhaltendes Verhalten erklärte? Sue und Sandra widersprachen dieser These sofort: „Er hätte sonst kaum was mit seiner Managerin gehabt, und die war schließlich zehn Jahre älter … und schließlich hatte sie ihn ja verlassen und nicht umgekehrt … oder?“ Sandra war felsenfest davon überzeugt, dass Sam eine Art Halbgott war. Wie er sich verhielt und aussah, konnte er nicht von dieser Welt sein, zu gut, um wahr zu sein, aber sie freute sich für Lisa, dass sie so einen tollen Mann an Land gezogen hatte und schon fast auf der Ziellinie war, einen Kuss hatte es ja immerhin schon gegeben. Die drei diskutierten noch, ob Lisa Sam eine Nachricht schicken sollte oder nicht, und wenn ja, was genau der passende Wortlaut wäre: „Ich vermisse dich“, schlug Sandra vor, doch die offensive Sue meinte, „ Ich kann es kaum erwarten, dich nach dem Joggen nackt unter der Dusche zu sehen“ wäre besser. Das war Lisa aber definitiv zu provokant. Sicherlich hätten sie den optimalen WhatsApp-Satz noch gefunden, wäre nicht der Abteilungsleiter Jim Bishop in die Küche gekommen und hätte mit strengem Blick die Damen gemaßregelt, dass sie neben der halbstündigen Mittagspause nur kurze maximal fünfminütige Kaffeepausen machen sollten und die halbe Stunde, die sie hier wären, wieder reinarbeiten müssten.

Mittwochabend, endlich, gegen Viertel nach zehn, kam eine Sam-Nachricht; es war eine SMS und keine WhatsApp. Lisa hatte inzwischen schon fast zwei Kilo zugenommen und deshalb sehr schlechte Laune, die sich aber schlagartig besserte, als sie Sams Nachricht las:

„Ich denke viel an dich und freue mich sehr auf unser Treffen am Sonntag. Die Konzerte sind ausgebucht, und mein Manager hat viele Termine tagsüber gemacht mit wichtigen Leuten, die mich langweilen, wünschte, du wärst bei mir. Sam.“