16,99 €
Seit Generationen sind die Seefischer im "Herrgottswinkel" am See zu Hause. Die drei Seefischer-Buben sind längst erwachsen: Sebastian ist als Einziger in der Heimat geblieben, Bernhard zieht als Musiker durch die Lande, und Andreas ist Jurist geworden. Nun feiert man Silberne Hochzeit, und so kommen die drei Brüder wieder zusammen. Bernhard bringt seine Verlobte Tina mit, doch die kann sich als richtiges Stadtkind mit dem einfachen Leben im Herrgottswinkel nicht anfreunden, zumal Bernhard seine alten Freunde trifft und nicht viel Zeit für sie hat. So kümmert Sebastian sich um sie und verfällt ihr ganz und gar. Die Vroni vom Nachbarhaus beachtet er nicht. Wird er erkennen, wo sein Glück wirklich liegt?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2017
LESEPROBE ZU
Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2003
© 2017 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim
www.rosenheimer.com
Titelfoto: Michael Wolf, München
Bearbeitung, Lektorat und Satz: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger und Karl Schaumann GmbH, Heimstetten
eISBN 978-3-475-54622-8 (epub)
Wolfgang Bergen
Im Herrgottswinkel
Seit Generationen sind die Seefischer im „Herrgottswinkel“ am See zu Hause. Die drei Seefischer-Buben sind längst erwachsen: Georg ist als Einziger in der Heimat geblieben, Bernhard zieht als Musiker durch die Lande, und Andreas ist Jurist geworden. Nun feiert man Silberne Hochzeit, und so kommen die drei Brüder wieder zusammen. Bernhard bringt seine Verlobte Linda mit, doch die kann sich als richtiges Stadtkind mit dem einfachen Leben im Herrgottswinkel nicht anfreunden, zumal Bernhard seine alten Freunde trifft und nicht viel Zeit für sie hat. So kümmert Georg sich um sie und verfällt ihr ganz und gar. Die Vroni vom Nachbarhaus beachtet er nicht. Wird er erkennen, wo sein Glück wirklich liegt?
Als Sebastian Seefischer sich dem kleinen, geduckten Haus näherte, war sein Schritt schneller und weiter ausgreifend als sonst. Fast war er etwas außer Atem geraten, als er die niedrige Tür aufstieß, unter deren Balken er den Nacken beugen musste, um nicht oben anzustoßen.
Als er den breiten, schweren Eichentisch inmitten der Stube unbesetzt sah, prägte sich ein Zug der Enttäuschung auf seinem braunen, schmalen Gesicht. Betroffen stieß er die Fäuste in die Taschen seiner abgeschabten Lodenjoppe, die sich ein wenig zu eng um seine Schultern spannte.
»Bist schon zurück vom Fischen, Sebastian?«
Die sanfte Mädchenstimme ließ ihn den Kopf wenden. Erst jetzt bemerkte er, dass er nicht allein in der Stube war. Ein Mädchen stand hinten in der Ecke unter den klobigen, rußverschwärzten Deckenbalken und sah jetzt zu ihm herüber.
Das Mädchen war nicht allzu groß. So einfach und schmucklos Jeans und Bluse auch waren, die sie trug, unterstrichen sie doch vollkommen die Schmiegsamkeit und Rankheit ihrer Gestalt. Das schwarze, glänzende Haar fiel locker und offen bis auf die Schultern. Die braunen Augen blickten ruhig und gerade.
»Ist der Bernhard noch nicht da?« Atemlos, begierig geradezu klang diese Frage.
»Nein, noch nicht«, antwortete das Mädchen.
Er schüttelte den Kopf. Es war wie die ungebärdige Bewegung eines Füllens auf der Weide.
»Aber er hat sich doch für heut angemeldet!«
Veronika Simmerauer zuckte nur leicht die schmalen Schultern.
»Ich weiß auch nicht, Sebastian. Mir hat er keine Nachricht gegeben. Wie sollte er auch?«
»Und die Eltern? Wissen die auch nichts?«
»Dein Vater ist im Dorf. Die Seefischerin ist droben in den Schlafstuben und richtet alles her. Aber ich glaub nicht, dass sie Näheres wissen, sonst hätten sie es mir wahrscheinlich gesagt.«
Sebastian Seefischer ließ sich auf einen Stuhl am Tisch niedersinken und stützte das Kinn in die offene Handfläche.
»Merkwürdig«, murmelte er. »Es wird doch nichts dazwischengekommen sein? Wenn er dann am Ende überhaupt nicht kommt?«
Das Mädchen lächelte.
»Aber geh, Sebastian, dann hätt er doch bestimmt etwas von sich hören lassen. Wirst sehen, morgen kommt er bestimmt.«
Sebastian ließ sich von der Zuversicht der Simmerauer Vroni willig anstecken. Er tat einen erleichterten Schnaufer.
»Na ja, wahrscheinlich hast Recht. Aber jetzt tät mich eigentlich ein bissel hungern. Hat die Mutter was hergerichtet für mich?«
»Noch nicht, glaub ich. Sie hat wohl auch nicht wissen können, dass du heut so früh nach Hause kommst. Aber eigentlich müsst von Mittag noch ein wenig Geröstel da sein. Soll ich es dir aufwärmen?«
»Ja, Vroni, wenn du so gut sein magst.«
Er sah den flinken Hantierungen des Mädchens am Herd zu.
»Ist eigentlich arg nett von dir, Vroni, dass du jetzt hier aushilfst. Hast doch eigentlich am Hof drüben selber Arbeit genug.«
»Aber geh«, meinte sie leichthin. »Das ist doch gar nicht der Red wert! Ich tue es gern, grad wo doch jetzt alle Brüder bei euch wieder zusammenkommen zum Hochzeitsjubiläum von deinen Eltern. Da könnt es die Seefischerin ja gar nicht allein schaffen.«
Sie kam mit dem gehäuften Teller Geröstel zum Tisch herüber.
»Lass es dir schmecken, Sebastian.«
»Vergelt’s Gott«, sagte er und begann mit Appetit zu essen. Doch schon nach vier, fünf Gabeln ließ er plötzlich das Kinn hochschnellen. »Herrschaftszeiten!«
Der Ausruf klang so bestürzt, dass die Vroni sich eilig umwandte.
»Was hast denn?«
»Der Bernhard kann vielleicht doch heut noch kommen. Zu uns heraus geht freilich kein Zug mehr. Aber im Markt drin kommt um siebene noch einer an. Wenn er sich da ein Taxi nimmt, kann er leicht um halber achte da sein.« Er sprang auf die Füße. »Ich mach mich gleich auf den Weg!«
»Aber Sebastian, bis zum Markt rein ist es doch eine Viertelstund zum Fahren!«
»Das macht mir gar nichts aus!« In der neugeschöpften Hoffnung leuchtete sein Gesicht wieder jungenhaft strahlend. »Wenn der Bernhard wirklich kommt, muss doch einer da sein, der ihm Willkomm bietet. Weißtdoch, Vroni, was vom Bernhard seinem Besuch alles für mich abhängt.«
»Ja, das weiß ich«, sagte sie leise und traurig.
Er hörte es nicht mehr, denn er war schon zur Tür hinaus.
Weil es dem Sebastian recht pressiert hatte auf seinem Weg zum Marktflecken, war er viel zu früh am Ziel. Die Zeiger der großen Kirchturmuhr standen erst auf Viertel nach sechs, als er sein Auto vor dem Bahnhof abstellte. Es war also noch eine Dreiviertelstunde Zeit, bis der letzte Zug aus der Stadt im Marktflecken ankam.
Unschlüssig stand er auf dem Bahnhofsvorplatz. Jetzt spürte er auch wieder ein hungriges Gefühl im Magen, und es tat ihm Leid, dass er sein Nachtmahl bei seinem überstürzten Aufbruch hatte stehen lassen.
Sebastian zückte seine Geldbörse und zählte deren Inhalt. Nun ja, eine Halbe Bier und ein paar Knackwürst in Essig und Öl mochte es schon noch leiden. So trat er in die Bahnhofswirtschaft und gab seine Bestellung auf. Aber immer wieder ging sein Blick zur Uhr, deren Minutenzeiger überaus träge vorwärts zu schleichen schien.
Dann endlich war es so weit. Scheppernd kündigte der Lautsprecher auf dem einzigen Bahnsteig die Einfahrt des Zuges an. Langsam und leise glitt der Triebwagen heran, bremste bis zum Stillstand, und zischend sprangen die Türen auf.
Sebastians Herz tat ein paar schnellere Schläge. Da war er ja, der Bernhard! Groß und breit, mit einem Kreuz wie ein Scheunentor, stand er auf dem Bahnsteig, das Gesicht noch dem Inneren des Abteils zugewandt. Er hob einen großen Koffer aus dem Abteil, dann nocheinen. Und schließlich half er einer jungen, blonden Frau aus dem Wagen, die sich auf Bernhards Arm stützte und auf ihren für ländliche Verhältnisse wohl ein wenig zu hohen Absätzen vorsichtig von dem Trittbrett herunterstieg.
Sebastian hatte eigentlich damit gerechnet, dass Bernhard allein kommen würde. Er hatte während seines Anrufs, in dem er seine Ankunft angekündigt hatte, nichts davon gesagt, dass er in Begleitung einer Frau erscheinen würde. Doch Sebastian war jetzt nicht in der Verfassung, sich darüber groß zu wundern. Bernhard war da, und das war für den Augenblick das Wichtigste.
Sebastian lief an der zaunartigen Absperrung entlang. »Bernhard!«, rief er und winkte heftig. »Bernhard!« Der große Mann in der flaschengrünen, mit großen Hirschhornknöpfen besetzten Trachtenjoppe drehte den Kopf. Die dunklen Augen unter den buschigen, über der Nasenwurzel fast zusammengewachsenen Brauen blitzten amüsiert.
»Da schau her, unser Kleiner!«
Links und rechts die schweren Koffer tragend, als wären es kleine Einkaufstaschen, schritt er durch die Sperre, stellte die Koffer dann nieder und streckte dem Bruder die Hand hin.
»Servus, Sebastian! Mit dir hab ich freilich nicht gerechnet. Woher hast eigentlich gewusst, dass wir mit dem Zug kommen?«
»Gar nichts hab ich gewusst«, erwiderte Sebastian atemlos. »Ich hab mir gedacht, schaust halt ganz einfach mal vorbei.«
»Sehr brav, Kleiner«, lobte Bernhard Seefischer. Es klang ein wenig gönnerhaft. Er musterte den Bruderkritisch. »Viel Fleisch hast nicht angesetzt in dem Jahr, in dem wir uns nicht gesehen haben.«
»Dasselbe könnt man von dir grad nicht sagen!«, gab Sebastian zurück.
Bernhard Seefischer lachte, dass die starken weißen Zähne unter dem kleinen Bärtchen auf der Oberlippe funkelten.
»No ja«, meinte er und tätschelte mit der flachen Hand die kleine Rundung oberhalb seiner Gürtellinie. »Das gute Leben schlagt halt an, weißt.« Er blickte zur Seite, und sein Lächeln verstärkte sich. »Siehst, Tina, das ist der Jüngste in der Seefischer-Familie. Komm, Sebastian, gib deiner zukünftigen Schwägerin die Hand!«
»Meiner zukünftigen Schwägerin?«, fragte Sebastian verdutzt.
Er sah das Mädchen an und begegnete einem flirrenden Blick unter langen, seidigen Wimpern hervor. Was sie für merkwürdige Augen hat, war der erste Gedanke, der ihn durchzuckte. Braun und innen von einem durchsichtigen, klaren Grün, fast wie das Isarwasser. Aus der Entfernung hatte ihr Haar blond ausgesehen, doch jetzt aus der Nähe sah man, dass es einen kräftigen Stich ins Rötliche hatte. Das Gesicht darunter war regelmäßig, die Nase gerade, die Lippen ein wenig voll.
Sebastian nahm Tinas Hand und spürte deren flüchtigen Druck. Er stand da, und unter ihrem Lächeln wurde er unsicher und verlegen und war wütend auf sich selbst, weil ihm jetzt kein freundliches, willkommheißendes Wort einfallen wollte.
»Ich hab schon viel von dir gehört, Sebastian«, sagte Tina.
»Hoffentlich auch was Gscheites«, stotterte Sebastian unbeholfen.
»Na aber freilich, was glaubst denn du?«, mischte sich Bernhard freundschaftlich ein. »Und jetzt kommt, ihr beiden! Wir gehen die paar Schritte zum Ochsenwirt nunter und gönnen uns eine Halbe. Der soll dann beim Prechtl anrufen, dass er uns mit seinem Taxi heimfährt.«
»Gib mir auch einen Koffer zum Tragen«, sagte Sebastian diensteifrig, und der Ältere ließ ihn mit gutmütigem Lächeln gewähren.
Die Beförderungsfrage war beim Ochsenwirt schnell gelöst, als Sebastian verkündete, dass er inzwischen stolzer Führerschein- und Autobesitzer sei und es sich nicht werde nehmen lassen, den Bruder und die künftige Schwägerin nach Wiltach zu fahren.
»Weißt was, Sebastian«, sagte Bernhard. »Jetzt setzen wir uns auf ein Glaserl zum Ochsenwirt rein. Wenn du fährst, haben wir ja genug Zeit.«
»Meinst nicht, dass es ein bissel spät wird, wenn wir uns jetzt hier noch aufhalten?«, wandte Sebastian ein.
Bernhard machte eine lässige Handbewegung. »Ach was, jetzt kommt es auf das halbe Stündel auch nicht mehr an. Auf jeden Fall tät mir jetzt ein kleiner Schluck ganz gut nach der langen Fahrt, und Tina hat gewiss auch nichts dagegen.«
»Na gut, wenn du meinst«, stimmte Sebastian zu. Er war aus alter Gewohnheit nur zu bereit, seinem Bruder Recht zu geben.
»So, mein schönes Kind«, sagte Bernhard ein wenig gespreizt zur Kellnerin. »Jetzt bring erst einmal ein gutes Schöpperl Weißen für die Dame und für uns Mannsbilder zwei Halbe. Für mich dazu einen doppelten Himbeergeist, denn ich muss nicht fahren. Und dann zwei Zigarren, aber gute, zu zwei Euro. Kannst dir das alles merken?«
»Freilich«, sagte die resche Kellnerin eifrig. Es war deutlich zu merken, dass ihr der große, forsche Herr mit dem dunklen, leicht gewellten Haar recht gut gefiel. Sie beeilte sich sichtlich, das Gewünschte herbeizuschaffen.
»Also, prost, Sebastian«, hob Bernhard sein Schnapsglas. »Auf die Heimkehr der alten Krieger!«
Sebastian tat ihm mit dem Bier Bescheid. Er beneidete den Bruder um dessen Sicherheit im Auftreten, um seine Gewandtheit, er beneidete ihn noch mehr um der Tatsache willen, dass er sein Leben selbst in die Hand genommen, dem Dorf den Rücken gekehrt und draußen in der Fremde sein Glück gemacht hatte.
Die beiden Brüder hatten Tina in die Mitte genommen und saßen sich gegenüber. Wenn man sie so von der Seite sah und die Linie ihres Profils miteinander verglich, merkte man, dass sie einander doch ähnlicher waren, als es auf den ersten Blick scheinen mochte. Da war dieselbe hochstrebende Stirn, die leicht gebogene Nase und das sich etwas nach vorn wölbende Kinn. Auch die Falte, die sich bei Bernhard Seefischer vom Nasenflügel zum Mundwinkel zog, war bei Sebastian schon vorhanden, nur noch nicht so auffallend ausgeprägt. Überhaupt war Bernhards Gesicht wuchtiger, kantiger. Sein breiter Mund wirkte energischer, der Sebastians dagegen empfindsamer, ohne deshalb weich zu sein.
»Weißt, eigentlich bin ich gar nicht wegen dem Bier da hereingegangen«, begann Bernhard nach einer Weile. »Nur ... irgendwie ist es komisch, wenn man nach solanger Zeit wieder einmal nach Hause kommt. Da muss ich mich erst ein bisschen vorbereiten. Erzähl halt, was gibt’s denn Neues bei uns daheim?«
Sebastian antwortete nicht sofort. Er blickte zu Tina hinüber und gleich wieder weg. Das Mädchen hatte sich, während die beiden Männer ihre Zigarren in Brand steckten, eine Zigarette genommen und sich von Bernhard Feuer geben lassen. Sebastian empfand das als etwas Ungewöhnliches, fast schon ein wenig Peinliches. Hier auf dem Land rauchten nur wenige Mädchen.
»Na«, meinte Bernhard, »gibt’s denn so viel Neues daheim, dass du gar nicht weißt, wo du anfangen sollst?«
»Ach wo«, erwiderte Sebastian mit unüberhörbarer Bitterkeit in der Stimme. »Ganz im Gegenteil! Ein Tag vergeht bei uns wie der andere. Zum Auswachsen ist das manchmal. Ich möcht lieber heute als morgen auf und davon gehen.« Er blickte den Bruder fest an. »Deswegen warte ich ja auch so sehnsüchtig auf dich. Hast es doch nicht vergessen, was du mir versprochen hast?«
Jetzt war es Bernhard, der einen Augenblick mit der Antwort zu zögern schien.
»Nein, ich hab es nicht vergessen«, sagte er dann. »Aber darüber reden wir später, Sebastian. Sag, was treibt denn der Vater allweil? Geht er noch alle Tag zum Fischen?«
»Manchmal geht er mit. Aber die meiste Zeit fisch ich allein. Er ist halt leider auch nicht mehr der Gesündeste, unser Alter. Sein Liebstes ist, wenn er sich mit seiner Wetterwissenschaft beschäftigen kann. Ganze Nachmittage kann er im Garten hinten sitzen und die Wolken anvisieren.«
Bernhard nickte.
»Ja, damit hat er letztes Mal grad angefangen, als ich daheim war. Hauptsach, er hat Freud dran.« Er schob den linken Ärmel etwas zurück und warf einen Blick auf den schweren, blinkenden Chronografen an seinem Handgelenk, dem man wohl ansah, was er gekostet hatte. »So, ich denke, jetzt können wir dann allmählich fahren. Trinkt’s euch z’amm, Leut!«
Im Allgemeinen pflegte man im Seehäusel beizeiten schlafen zu gehen, doch heute wurde es natürlich später. Vater Seefischer hatte zur Feier des Tages zwei Flaschen Tiroler Roten aus dem Keller geholt, die Seefischerin einen Aufschnitt und eine Käseplatte hingestellt, die für die Verhältnisse im Hause Seefischer geradezu fürstlich zu nennen waren.
Es lag wohl in erster Linie am alten Seefischer und an Bernhard, dass im Haus am Herrgottswinkel sogleich eine ungezwungene, gemütliche Stimmung eingekehrt war, die nichts Fremdes, nichts Gezwungenes an sich hatte.
Sebastian dagegen blieb verhältnismäßig still. Die Mutter, eine streng blickende Frau, die sich trotz ihres Alters noch sehr gerade hielt, sprach auch nicht gerade viel. Ihr Blick ging immer wieder zwischen ihrem Ältesten und Tina hin und her, als sei sie sich über ihr Urteil, wie die beiden wohl zusammenpassten, nicht recht schlüssig geworden.
Tina selbst beteiligte sich rege an der Unterhaltung, aber auch wiederum nicht in solchem Maß, dass es etwa aufdringlich gewirkt hätte. Sie ging auf jedes Thema mit heiterer Miene ein und war sichtlich bestrebt, sich beliebt zu machen.
Johanna Seefischer war es dann, die kurz vor Mitternacht sagte:
»So, Kinder, ich mein, jetzt gehen wir allmählich in die Federn. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag. Einen Moment könnts ja noch sitzen bleiben, bis ich droben alles hergerichtet hab für euch.«
Bernhard erhob sich.
»Ich trag dir unsere Sachen hinauf, Mutter.«
Als sie hintereinander die enge, knarrende Holztreppe hinaufstiegen, fragte Bernhard:
»Nun, Mutter, da hab ich euch keine schlechte Überraschung bereitet, dass ich meine Braut mitgebracht hab, gelt? Was sagst denn jetzt zu meiner Tina?«
Die Seefischerin öffnete die Kammertür zur Rechten und tastete umständlich nach dem Lichtschalter. »Mir wär’s lieber gewesen, Bernhard, du hättest uns gesagt, dass du jemanden mitbringst. Und was das andere betrifft: Aufs Land scheint sie mir ja nicht so recht zu passen, deine Tina. Aber freilich, du gehörst ja eigentlich auch nicht mehr so recht hierher, und so wird die Sach schon ihre Richtigkeit haben.«
Bernhard Seefischer lauschte den Worten der Mutter nach. Sie berührten ihn eigenartig, obwohl kein Vorwurf darin mitgeschwungen hatte und sie wohl lediglich als sachliche Feststellung gemeint gewesen waren.
Er sah sich in dem kleinen, niedrigen Raum um, dessen eine Wand schief zur Decke strebte. Es war die Kammer, in der er mit einem seiner Brüder als Junge Nacht für Nacht geschlafen hatte. In den Jahren seiner Abwesenheit hatte sich darin nichts verändert.
»Da schau her, der alte Schrank steht auch noch! Ich hab gedacht, den hätt schon längst der Holzwurmzusammengefressen.« Bedächtig und mit einem merkwürdigen Ausdruck in den Augen fuhr Bernhard mit dem Zeigefinger am Scharnier des Schranks entlang. Er lachte leise.
»Da drin hab ich mich einmal versteckt, als ich die Schule geschwänzt hatte und der Vater zornig war. Weißt es noch, Mutter?«
»Ja, freilich weiß ich’s noch.« Die Seefischerin schüttelte kräftig das geblumte Federbett auf. »Aber etwas anderes, Bernhard. Das geht natürlich nicht, dass die Tina auch bei uns schläft. Was sollen die Nachbarn sagen? Für heut war es wohl nicht anders zu machen. Aber morgen werden wir uns für sie um ein Zimmer beim Wirt drunten schauen.«
Bernhard drehte sich überrascht um. Er hatte eigentlich das Bett mit seiner Freundin teilen wollen und keinen Gedanken darauf verschwendet, dass seine Mutter als anstößig empfinden könnte, was ihm seit Jahren selbstverständlich war. Nach kurzem Nachdenken fiel ihm ein Kompromiss ein.
»Aber Mutter, wir haben doch noch eine Kammer frei! Wenn dann der Andreas kommt, kann er doch bei mir herinnen schlafen und die Tina drüben.«
»Nein«, sagte Johanna Seefischer streng. »Das gehört sich nicht, dass deine Braut mit dir unter einem Dach bleibt, solange ihr nicht verheiratet seid.«
Bernhard wollte etwas erwidern, aber dann zuckte er die Schultern und schwieg. Er begriff, dass ihm all seine gewonnene Selbstständigkeit hier im Seehäusel nichts nutzte, dass die Mutter hier nach wie vor das Regiment führte und dass ihm nichts anderes übrig blieb, als sich zu fügen.
»So, jetzt kannst wieder hinuntergehen«, sagte die Seefischerin. »Ich richt derweil der Tina ihre Schlafstatt her.«
Als der Morgen vor den Fenstern graute, war Sebastian Seefischer schon wieder auf den Beinen. Er hatte nur etwa vier Stunden geschlafen, dennoch fühlte er sich munter und ausgeruht. In der Küche unten machte er sich Kaffee und legte eine Semmel vom Vortag zum Aufbacken auf den Toaster. Dies war, zusammen mit etwas Butter und selbst gemachter Marmelade, sein Frühstück.
Dann trat er hinaus vor das Haus und ging hinunter zum See, der nur wenige Schritte entfernt lag. Er band den Kahn vom Holzpflock und griff sich das lange Stechpaddel. Da hörte er vom Hause her einen gedämpften Ruf:
»Sebastian! Wart auf mich!«
Bernhard kam aus der Haustür, frisch rasiert und vollständig angekleidet.
»Ich hab deine Kammertür gehen hören«, erklärte er. »Und da ich sowieso nicht schlafen konnte, hab ich mich auch gleich angezogen. Fahrst zum Fischen aus? Da komm ich mit!«
Gewandt schwang er sich über den niedrigen Bord des schmalen Kahns. Die sichere Bewegung, mit der er auf federnden Knien das Schwanken des Bootes ausbalancierte, verriet, dass er gegenüber früheren Jahren noch nichts verlernt hatte.
Sebastian, der am Heck saß, stach das Paddel ein. Lautlos glitt der Bootsrumpf hinaus auf die in bleiernem Grau schimmernde Wasserfläche. Mattes Halbdunkelherrschte noch auf der ruhenden Wasserfläche, die wie eine Mulde eingebettet war in den Halbkreis der himmelwärts ragenden Felsen.
Doch schon hatte der Himmel mattes Licht, in dem die erlöschenden Sterne wie Nadelspitzen sichtbar waren. Und langsam nahmen die düsteren Berge im aufsteigenden Licht Konturen an. Und dann, als sie schon weit draußen waren auf der weiten Wasserfläche, lagen die steinernen Spitzen der Berge im strahlenden Morgenlicht.
Dies war der Augenblick, in dem Bernhard Seefischer den Ausruf tat:
»Wenn einer nicht weiß, warum es bei uns ›Im Herrgottswinkel‹ heißt, dann müsst man ihm dies zeigen!« Sebastian war überrascht von der echten Bewegung, die in der Stimme des Bruders mitgeklungen hatte. Und als er Bernhard jetzt ansah, da merkte er, dass auf dessen breitem Gesicht ein andächtiger Ausdruck lag, als wäre er in der Kirche.
Später, als sie die silberne, schuppige Fracht im Boot hatten und zurückruderten, war Bernhard wieder der Alte. Er hatte nun wieder die sichere, überlegene Art, die Sebastian an ihm so bewunderte, die aber auch ein wenig von Herablassung an sich hatte.
»Bringst die Fische jetzt selber zum Markt rein, Sebastian?«
»Ja, heute wahrscheinlich schon. Aber manchmal fährt auch die Mutter selber.«
»So, lebt der alte VW-Bus auch noch?«, lachte Bernhard. »Der alte Karren muss doch schon auseinander fallen. Dann hättest uns ja eigentlich gestern auch mit dem abholen können.«
»Hätt ich auch gemacht«, lachte Sebastian. »Aber ich wollt deine Tina nicht gleich erschrecken.«
»Und geht das Geschäft mit dem Fischen eigentlich immer noch?«
»Grad, dass es halt umgeht«, erwiderte Sebastian missmutig. »Große Sprünge können wir nicht machen im Seehäusel, das kannst dir ja denken. Und wenn wir nicht die paar Mietboote für die Fremden auch noch hätten, dann wär es noch schlimmer.« Er trieb das Boot mit ein paar schnellen, wütenden Ruderschlägen vorwärts. »Aber das Schlimmste ist das ewige Einerlei. Früher, als ihr alle noch da wart und wir die Kapelle hatten, hat sich wenigstens hin und wieder noch etwas gerührt. Aber heut ist alles tot, sobald die Saison vorbei ist.«
Bernhard zündete sich eine Zigarette an und schnippte das Streichholz mit den Fingern ins Wasser.
»Recht hast«, sagte er sinnend, »das war eine schöne Zeit.«
Die Zeit, von der sie sprachen, lag nicht länger als fünf, sechs Jahre zurück. Damals hatten die Seefischers eine eigene Kapelle gebildet, die auf Hochzeiten, Kirchweihen und bei anderen Gelegenheiten aufspielte. Vater Seefischer mit dem Ackordeon, sein Bruder Wastl mit der Klarinette. Bernhard hatte die Gitarre gespielt und Sebastian am Schlagzeug gesessen. Und schließlich waren sie manchmal noch durch Bruder Andreas am Bass verstärkt worden, wenn Andreas – damals schon in der Stadt auf dem Internat – gerade auf Ferien zu Hause gewesen war.
Nun, die Zeiten waren längst vorbei. Onkel Wastl war gestorben, Andreas hatte es bald für unter seinerWürde gefunden, auf Dorfhochzeiten zum Tanz zu spielen, und Bernhard hatte das Dorf verlassen. Dabei war er seiner Gitarre durchaus nicht untreu geworden. Im Gegenteil! Er hatte im Unterland seine eigene Band gegründet und die Musik zu seinem Hauptberuf erkoren. Und er war dabei nicht schlecht gefahren, wie die Wohlstandssymbole auswiesen, mit denen er sich umgab. Darauf bezogen sich auch Sebastians nächste Worte:
»Ich beneide dich, Bernhard. Bei dir ist doch immer wieder was anderes los. Es muss doch schön sein, heute hier zu sein und morgen dort. Du bist doch sicher viel herumgekommen im letzten Jahr, oder nicht?«
Bernhard nickte. »Das schon. Im letzten Herbst waren wir sogar im Preußischen droben, direkt in Berlin. Die haben die Löffel nicht schlecht gespitzt, kann ich dir sagen, wie wir nach dem üblichen Rock mit unseren Blasinstrumenten losgeschmettert haben. Am Anfang ist ihnen die Sache wohl ein bissel fremdartig vorgekommen, aber dann waren sie Feuer und Flamme, und es ist wirklich recht zünftig geworden.«
»Siehst«, sagte Sebastian, »und ich bin im ganzen letzten Jahr nicht weiter gekommen als bis in den Markt hinein. Und selbst wenn man mal zum Tanzen geht in ein anderes Dorf, dann muss man ja doch jeden Fünfer dreimal in der Hand umdrehen, ehe man sich ihn ausgeben traut.« Er ließ das Stechpaddel einen Augenblick ruhen und legte die Hand auf den Rockärmel des Älteren. »Du nimmst mich doch mit, Bernhard, wie du es versprochen hast? Weißt ja, ich bin kein schlechter Schlagzeuger, wenn ich auch etwas aus der Übung bin.«
»Sicher«, entgegnete Bernhard ruhig. »Versprochenist versprochen. Natürlich nehm ich dich mit, wenn du es wirklich ernsthaft willst.«
Am Nachmittag gingen Sebastian und Bernhard ins Dorf hinein, um ihren Bruder Andreas von der Bahn abzuholen. Bernhard hatte auch Tina eingeladen, mitzukommen, doch das Mädchen hatte lachend abgewehrt:
»Nein, geht ihr beiden ruhig allein. Bei der ersten Wiedersehensfreude sollt ihr unter euch sein!« Worauf Bernhard einen schiefen Mund gezogen und gebrummt hatte:
»Na, ich weiß nicht, ob die Wiedersehensfreude gar so groß sein wird.«
Jetzt, da sie auf dem Weg ins Dorf waren, kam Sebastian auf diese Worte zurück:
»Was hast du eigentlich vorhin gemeint damit, Bernhard, als du gesagt hast, die Wiedersehensfreude wird nicht so groß sein?«
Bernhard warf dem Bruder einen schiefen Seitenblick zu.
»Nun sag bloß, bei dir wäre Jauchzen und Jubilieren, wenn unser studierter Herr Bruder wieder einmal zu erscheinen geruht!«
»Warum nicht?« Sebastians Stimme klang arglos und verwundert. »Natürlich freue ich mich, wenn ich den Andreas wieder einmal seh.«
Bernhard verzog den Mund und kniff die Augen zusammen.
»Du hast wirklich ein menschenfreundliches Gemüt, Bruderherz, alles, was recht ist. Anscheinend hast es schon wieder vergessen, wie wir alle zu Hause jahrelang den Gürtel haben enger schnallen müssen, nur damit derAndreas sich in der Stadt drinnen auf allen möglichen Schulen hat herumdrücken können.«
Dieser Vorwurf schien Sebastian ungerecht.
»Aber da kann doch der Andreas nichts dafür! Und außerdem hat er doch dann auch ein Stipendium gehabt und bei der Tante Uschi in München hat er mietfrei gewohnt. Und überhaupt ...«
»Das weiß ich alles selber«, unterbrach ihn Bernhard schroff. »Allein hätten wir das ja ohnehin nicht verkraften können. Aber auch so hat die Idee, die sich unsere Mutter da in den Kopf gesetzt hatte, Geld genug gekostet. Und an uns anderen Buben ist es nausgegangen, das steht fest!«
Bernhard sprach sicher und überzeugungskräftig wie stets. Wie immer, wenn er mit dem Bruder diskutierte, fühlte Sebastian sich in die Verteidigung gedrängt. So sagte er nur:
»Aber eigentlich könnten wir doch auch froh sein, wenn einer in der Familie was von der Juristerei versteht. Man kann nie wissen, wie man das einmal brauchen kann.«
Bernhard schnaubte verächtlich durch die Nase. »Das schon! Aber dann müsste der Andreas auch wissen, wo er herstammt und wem er das alles zu verdanken hat, was er geworden ist. Sag mal, wann hast du den Andreas eigentlich zum letzten Male gesehen?«
»Vor einem Jahr ungefähr muss es gewesen sein, als wir uns alle drei in München drinnen getroffen haben.«
Bernhard nickte, als wäre diese Antwort nur eine Bestätigung seiner ganzen Darlegungen.
»Aber ich hab ihn erst vor ein paar Monaten getroffen. Da hat er grad sein Examen gemacht gehabt. Schön,dass es für den Staatsdienst gereicht hat! Aber muss er sich seinen Herrn Assessor gar so raushängen lassen? Schlecht hätt einem werden können davon! Mein Lieber, das hättest sehen sollen, wie er da die Nasen hoch getragen hat, als wäre er nie einer von den Unseren gewesen.«
Darauf hatte Sebastian nichts mehr zu erwidern. Er schwieg bedrückt.
Sie wollen wissen, wie es weitergeht?Dann laden Sie sich noch heute das komplette E-Book herunter!
Besuchen Sie uns im Internet:www.rosenheimer.com
