Sonne über den Gipfeln - Wolfgang Bergen - E-Book

Sonne über den Gipfeln E-Book

Wolfgang Bergen

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Beschreibung

Thomas Reiter hat vom Xaver Brandner den Kreuzhof gekauft, als dieser in einer Notlage war. Sein Bemühen um gute Nachbarschaft im Dorf bleibt aber ohne Erfolg, denn der Brandner-Bauer genießt nach wie vor großes Ansehen. Auch die Brandner-Tochter Franziska lehnt den Neuling zunächst ab. Trotz der angespannten Lage entwickelt sich aber nach und nach eine vorsichtige Liebesbeziehung zwischen Thomas und Franziska. Doch es gibt eine überraschende Wendung: Als Thomas Franziskas Bruder beim Wildern ertappt, eröffnet ihm dieser einiges über die wahren Pläne seiner Schwester.

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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LESEPROBE zu

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen 3., neu überarbeiteten Auflage 2001

 

 

© 2019 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim

www.rosenheimer.com

 

Titelbild: Michael Wolf, München

Bearbeitung, Lektorat und Satz: Pro libris Verlagsdienstleistungen, Marbach am Neckar

 

eISBN 978-3-475-54860-4 (epub)

Worum geht es im Buch?

Wolfgang Bergen

Sonne über den Gipfeln

Thomas Reiter hat vom Xaver Brandner den Kreuzhof gekauft, als dieser in einer Notlage war. Sein Bemühen um gute Nachbarschaft im Dorf bleibt aber ohne Erfolg, denn der Brandner-Bauer genießt nach wie vor großes Ansehen. Auch die Brandner-Tochter Franziska lehnt den Neuling zunächst ab.

Trotz der angespannten Lage entwickelt sich aber nach und nach eine vorsichtige Liebesbeziehung zwischen Thomas und Franziska. Doch es gibt eine überraschende Wendung: Als Thomas Franziskas Bruder beim Wildern ertappt, eröffnet ihm dieser einiges über die wahren Pläne seiner Schwester.

1

Als Xaver Brandner, der Bauer vom Kreuzeck-Hof, die Stube betrat, wandten sich ihm die Gesichter seiner beiden Kinder zu in einer unausgesprochenen, bangen Frage.

Des Bauern Gesicht war umwölkt. Noch tiefer und härter als sonst schienen sich die zahllosen Falten und Runen in die verwitterte Haut eingegraben zu haben. Um seinen schmalen Mund war ein harter, verbitterter Zug.

Er nahm den Hut ab und hängte ihn bedachtsam an den Haken neben der Tür. Dann setzte er sich an den Tisch, stützte die Ellenbogen auf die Tischplatte und blickte erst Anton an, seinen Sohn, dann Franziska, die Tochter.

Endlich brach Anton Brandners helle, herausfordernde Stimme das lastende, drückende Schweigen.

»So red doch endlich, Vater!«

Xaver Brandners große, klobige Hände waren zu Fäusten geballt.

»Da gibt es nicht viel zu reden«, erwiderte er mit schwerer, müder Stimme. »Es ist so gekommen, wie wir es schon gefürchtet hatten. Ich hab nichts mehr daran ändern können.«

Anton hob mit einem Ruck den Kopf.

»Du hast also verkauft?«

Sein Vater nickte. »Ja, ich hab verkauft. Und ich habe sogar noch einen recht guten Preis erzielen können für den Hof.«

Anton Brandner lachte, bitter und voller Hohn. In seinem dunklen Gesicht, das trotz seiner Jugend schon scharf ausgeprägte Züge hatte, arbeitete es.

»Einen guten Preis hast du bekommen, so, so!«, rief er wild. »Als ob uns das ein Trost sein könnte! Mir ist es kein Trost, Vater, nicht der geringste.«

Mit schnellen Schritten ging der junge Brandner in der geräumigen, mit bäuerlicher Behaglichkeit eingerichteten Stube auf und ab, als könne er nur so die angestaute Erregung in seinem Inneren bezähmen.

»Seit Generationen sitzen die Brandners auf dem Kreuzeck-Hof«, stieß er zwischen den Zähnen hervor. »Dieser Hof ist wie ein Stück von uns selbst. Wir, alle Brandners, die hier Bauern waren, haben ihn zu dem gemacht, was er heute ist, Stück für Stück. Und jetzt soll auf einmal alles zu Ende sein? Alles vorbei sein, nur wegen dieses … dieses …«

Der alte Brandner hatte die bittere Anklage seines Sohnes mit keinem Wort unterbrochen. Ganz still saß er da, den Kopf leicht zur Seite geneigt, und starrte blicklos ins Leere.

»Diese Anklagen führen zu nichts, Anton«, sagte Franziska Brandner sanft. »Der Vater kann doch nichts dafür. Machen wir es uns selbst doch nicht noch schwerer, als es ohnehin schon ist.«

Franziska sah ihrem Bruder sehr ähnlich. Sie hatte denselben dunkel getönten Teint wie er, dasselbe tiefschwarze Haar und die lebhaften dunklen Augen, die ein mühsam gezügeltes Temperament verrieten, doch sie war schlanker, graziler als Anton. Rank und geschmeidig, zierlich fast wirkte sie neben seiner stämmigen, muskulösen Figur. Und weich, regelmäßig und klar geschnitten wirkten die Linien ihres Gesichts.

»Aber man muss doch darüber reden!«, rief Anton. »Wir können doch nicht einfach hier zusammensitzen und so tun, als sei nichts geschehen.«

Xaver Brandner sah auf. Er fuhr sich mit der Hand über die Augen, als erwache er aus einem schweren, belastenden Albtraum.

»Jetzt können wir nichts mehr tun«, sagte er müde. »Wir müssen den Hof räumen, und wir müssen es bald tun. In drei Tagen will der neue Besitzer einziehen.«

»In drei Tagen schon …«, murmelte Anton heiser, und seine Lippen pressten sich zusammen, dass sie nur noch wie ein schmaler Strich wirkten.

»Wo sollen wir denn hin?«, fragte Franziska.

Sie wirkte ruhiger als ihr Bruder. Aber das tanzende Funkeln in ihren Augenwinkeln verriet, dass der Anschein trog. Sie war nicht ruhiger als Anton, sie vermochte sich nur besser zu beherrschen.

Xaver Brandner mied den Blick von Sohn und Tochter, als er Antwort gab. »Ich hab das Austragshäusel vom Verkauf ausgenommen. Dort können wir weiter wohnen.«

»Das Austragshäusel …«, sagte Anton Brandner dumpf.

Franziska und er sahen sich an, und in ihrer beider Augen nistete ein eiskalter, peinigender Schrecken. Es war, als käme es ihnen erst jetzt mit voller, furchtbarer Deutlichkeit zum Bewusstsein, was eigentlich geschehen war, was es für sie bedeutete, dass sie in wenigen Tagen nicht mehr auf dem angestammten Hof sein konnten und ein anderer hier Herr sein würde.

Jakob Zwack und Lorenz Hauser saßen nebeneinander auf der schmalen Bank, die sich ein wenig windschief an die sonnenbeschienene Hauswand anlehnte.

»Ich bin gespannt, wie er sein wird«, sagte Lorenz und dehnte unbehaglich seine Schultern. »Er müsste doch jeden Tag kommen, oder nicht?«

Er brauchte es gar nicht näher zu erläutern, wen er mit seinen Worten meinte. »Er«, das war der neue Besitzer des Kreuzeck-Hofes, auf dem Lorenz Hauser schon fünf Jahre arbeitete und Jakob Zwack gar ein halbes Menschenalter.

»Kann leicht sein, dass er heut noch kommt«, knurrte Jakob Zwack verdrießlich.

»Ich verstehe nicht«, sagte Hauser kopfschüttelnd, »wie es mit dem Bauern hat so weit kommen können. Ich kann es mir gar nicht erklären.«

»Dann red auch nicht drüber, wenn du es nicht verstehst«, brummte Zwack unwirsch.

Lorenz Hauser sah den Älteren schief von der Seite her an, aber er hielt seinen Mund. Jakob Zwack war nun einmal der Großknecht, und seine Autorität zählte, jetzt erst recht, wo kein Bauer auf dem Hofe war.

So verharrten sie in unlustigem Schweigen, bis Motorengeräusch auf der Straße sie aus ihrem trübsinnigen Brüten aufschreckte. Sie sahen ein Auto, das in flottem Tempo die Straße herunterkam. In ihm saß ein einzelner Mann.

»Ui jegerl«, schnaufte der Lorenz. »Ob er das am Ende gar schon ist?«

»Sieht fast so aus«, sagte Zwack mit stoischer Ruhe und schob seine kurze Stummelpfeife in den anderen Mundwinkel.

Lorenz war schnell auf den Beinen, als der Wagen jetzt tatsächlich in die Hofeinfahrt einbog.

»Dann werde ich mal sehen, dass ich mich einstweilen dünn mache.«

Und flugs verschwand er im Haus.

Auch Jakob Zwack hatte sich erhoben. Breitbeinig und mit verkniffenen Augen stand er unter der Haustür. Fast sah es so aus, als wolle er das Haus gegen einen Eindringling verteidigen. Und wenn man in Jakob Zwacks Herz hätte hineinsehen können, so hätte man sicherlich gefunden, dass ihm tatsächlich danach zumute war.

Der Wagen hielt. Der Mann, der sich gewandt aus ihm herausschwang, war groß und schlank. Kurz geschnittenes blondes Haar umschloss sein gebräuntes, energisches Gesicht wie eine helle Kappe. Seine Bewegungen waren ruhig und verrieten doch etwas von verhaltener, gebändigter Kraft.

Er trat auf Zwack zu.

»Ich heiße Thomas Reiter«, sagte er mit dunkler, gelassener Stimme. »Ich bin der neue Besitzer. Sie gehören doch sicher zum Kreuzeck-Hof?«

Jakob Zwack nahm die Pfeife mit der linken Hand aus dem Mund.

»Ich heiße Jakob Zwack und bin der Großknecht hier«, knurrte er widerstrebend.

Freundlich lächelnd streckte Reiter ihm die Hand hin.

»Ich hoffe, wir werden gut miteinander auskommen.«

Einen Augenblick lang schien es so, als müsse sich der Großknecht erst überlegen, ob er die Hand ergreifen solle. Aber schließlich schlug er doch ein.

»Ich habe vorerst nur wenig Gepäck bei mir«, sagte Reiter. »Will mich erst einmal notdürftig einrichten. Am besten, Sie zeigen mir zunächst das Haus.«

Langsam und mit undurchdringlichem Gesicht trat Jakob Zwack zur Seite, um den Hauseingang für den neuen Herrn des Hofes freizugeben.

Ein paar Stunden später verließ Thomas Reiter das Haus. Er hatte sich vorgenommen, dem vormaligen Besitzer einen Einstandsbesuch abzustatten.

Langsam durchquerte er den ausgedehnten Obstgarten, an dessen anderem Ende das niedrige Haus stand, das so genannte Austragshäusel.

Thomas hatte sehr wohl bemerkt, dass der Großknecht ihn mit nicht nur freundlichen Gefühlen empfangen hatte. Aber er nahm es diesem Mann, der ansonsten einen sehr ordentlichen Eindruck machte, nicht übel.

›Es ist wohl nur das erste Eis‹, dachte Thomas Reiter, ›das erst einmal gebrochen werden will. Der Alte ist eben an seinen Bauern gewöhnt, und wenn man einmal so lange auf ein und demselben Hof ist, dann sieht man eben nicht gern neue Gesichter. Kommt Zeit, kommt Rat. Wir werden uns schon zusammenraufen.‹

Thomas hatte das dumpfe Geräusch der Beilhiebe schon vom Wohnhaus aus gehört. Jetzt, da er vor dem Austragshäusel stand, sah er auch den untersetzten, stämmigen Burschen, der vor dem Hackstock stand und mit kräftigen und geübten Schlägen klobige Buchenklötze spaltete.

Jetzt hatte auch der Bursche den Nähertretenden bemerkt. Er ließ das Beil sinken und sah Thomas mit kaum verhülltem Misstrauen entgegen.

»Was wollen Sie hier?«, fragte er unfreundlich.

Thomas nannte seinen Namen. »Ich möchte Herrn Brandner besuchen«, setzte er hinzu. »Ist er drinnen?«

»Er ist da«, sagte der andere finster und wischte sich die schmutzigen Hände nachlässig an seiner kurzen, speckigen Lederhose ab. »Aber Sie brauchen gar nicht erst hineinzugehen. Für Sie ist er nämlich ganz bestimmt nicht zu sprechen.«

Thomas Reiter zog die Augenbrauen zusammen.

»Was soll das heißen? Wer sind Sie überhaupt?«

»Ich bin der Brandner Anton. Das sagt Ihnen wohl genug. Und wir können auf Ihren Besuch sehr gut verzichten. War Ihnen das deutlich genug?«

»Hören Sie mal zu, Brandner«, sagte Thomas, bemüht ruhig zu bleiben. »Ich verstehe Ihre Verbitterung bis zu einem gewissen Grad. Aber Sie sollten vernünftiger sein. Ich kann nichts dafür, dass Sie den Hof verloren haben. Hätte ich ihn nicht gekauft, hätte es ein anderer an meiner Stelle getan. Lassen Sie uns also versuchen, möglichst gut miteinander auszukommen.«

Anton Brandner grinste freudlos und verkniffen.

»Wir brauchen mit Ihnen nicht gut auszukommen und Sie mit uns nicht, Reiter. Sie haben den Hof, und das soll Ihnen genug sein. Dieses Haus hier und der Grund, auf dem es steht, gehören immer noch uns. Und hier lassen Sie uns gefälligst in Ruhe.«

»Ich hoffe, dass Ihr Vater vernünftiger ist als Sie. Bisher kenne ich ihn leider nicht persönlich, da der Verkauf durch ein Maklerbüro erledigt wurde. Ich würde ihn gerne sprechen.«

»Die Mühe können Sie sich sparen«, erwiderte Anton Brandner höhnisch. »Der Vater denkt genauso wie ich.«

Thomas Reiter biss sich auf die Lippen.

»Na gut«, sagte er kurz. »Wie Sie wollen.«

Er wandte sich auf dem Absatz um und ging grußlos durch den Garten davon.

Friedrich Vogel, der Lehrer des Dorfes Zeitlarn, verkehrte schon seit vielen Jahren auf dem Kreuzeck-Hof. Mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks pflegte er sich jeweils am Mittwochnachmittag auf dem Hof einzustellen, um mit Xaver Brandner einige Partien Schach zu spielen und dabei gemächlich und geruhsam mindestens ebenso viele Halbe Bier zu trinken.

Auch an diesem Mittwochnachmittag kam Vogel. Es war das erste Mal, dass er die Brandners in dem kleinen Haus aufsuchte, das diesen von jetzt ab ihr Zuhause sein sollte.

Friedrich Vogel fühlte sich gar nicht wohl in seiner Haut. Er hatte sich fest vorgenommen, sehr taktvoll zu sein und so zu tun, als ob gar nichts geschehen wäre. Xaver Brandner kam ihm dabei entgegen, denn auch er verlor über die so einschneidende Veränderung der Verhältnisse kein Wort.

Trotzdem wurde dem wackeren Lehrer immer beklommener zumute. Er spürte die Peinlichkeit der Situation sehr gut und bekam auch langsam das Gefühl, dass die Sache, entgegen seinen ursprünglichen Vorstellungen, umso beklemmender wurde, je peinlicher man darauf bedacht war, sie mit Stillschweigen zu übergehen.

Immer unruhiger rutschte Vogel auf seinem Stuhl hin und her.

»Sie haben heute Ihre Gedanken nicht beisammen«, sagte Xaver Brandner strafend. »Sehen Sie nicht, dass Ihre Königin in Gefahr ist?«

»O ja, natürlich, natürlich«, sagte Vogel und schob die Dame um zwei Felder weiter. Er holte tief Luft, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. »Entschuldigen Sie, Brandner, aber wir müssen einfach darüber reden. Schließlich sind wir beide doch alte Freunde, oder nicht?«

»Das stimmt«, entgegnete Brandner, und sein breites, schweres Bauerngesicht veränderte sich nicht bei diesen Worten. »Reden Sie also!«

»Ich verstehe es nicht«, sagte der Lehrer. »Ich kann nicht begreifen, wie Sie so schnell in solch schwere Bedrängnis geraten konnten, dass Sie den Hof verkaufen mussten.«

»Die Ernte war schlecht, Vogel. Wie Sie wissen, habe ich im Vorjahr die neue Scheune bauen lassen, und dabei habe ich mich wohl verkalkuliert. Der große Hagelschlag im Frühjahr hat mir einen entscheidenden Strich durch die Rechnung gemacht.«

»Ja, das weiß ich alles«, sagte Vogel lahm. Sein Gesicht spiegelte freilich immer noch Verständnislosigkeit wider. »Aber ein Hof wie der Ihre, Brandner, der müsste doch einmal eine Missernte verdauen können. Ich meine, es ging doch allen Bauern fast ähnlich und …«

»Entschuldigen Sie«, unterbrach ihn Brandner milde, »aber davon verstehen Sie wohl doch nicht genug, um ein Urteil abgeben zu können.«

Aus der Ecke, in der Anton Brandner saß und mit einer Schnitzarbeit beschäftigt war, kam ein unterdrückter Laut, fast wie ein heiserer Ausruf. Doch als Vogel hinübersah, hatte Anton Brandner sein Gesicht schon wieder tief über sein Schnitzmesser gebeugt und sah nicht mehr auf.

»Diesen Vorwurf muss ich auf mir sitzen lassen«, sagte Vogel, leicht indigniert. »Ich spreche auch nur davon, weil ich mir überlege, ob man Ihnen nicht vielleicht doch noch helfen kann. Ich habe einen Bruder, der leitender Angestellter in einer Bank ist. Vielleicht, dass ein Kredit …«

»Verkauft ist verkauft«, entgegnete Brandner, als der Lehrer stockte. »Da ist jetzt nichts mehr zu ändern.« Er beugte sich wieder über das Schachbrett. »Ich bin am Zug, nicht wahr?«

Das war ein deutliches Zeichen dafür, dass er dieses Thema nicht weiter zu erörtern wünschte. Vogel musste sich notgedrungen fügen.

Es war im weiteren Verlauf eine sehr schweigsame Schachpartie.

Kaum hatte Vogel später das Haus verlassen und war außer Hörweite, als Anton Brandner in seiner Ecke aufsprang.

»Warum hast du es ihm nicht gesagt, Vater?«, fragte er wild. »Warum hast du ihm nicht gesagt, warum du wirklich hast verkaufen müssen?«

Xaver Brandner sah seinen Sohn traurig an.

»Hättest du das wirklich gewollt?«, fragte er.

Anton Brandners Fäuste, die geballt auf seinen nackten Schenkeln lagen, verkrampften sich.

»Du hast dem Joachim ja immer die Stange gehalten, Vater. Er war in deinen Augen immer etwas Besseres als wir alle. Alles hast du ihm durchgehen lassen, er war immer dein Liebling. Und wie hat er es dir gedankt? Ruiniert hat er uns mit seinen dreimal verfluchten Börsenspekulationen!«

Joachim war Xaver Brandners älterer Sohn. Es stimmte, er war immer der Stolz seines Vaters gewesen. Und nicht nur das. Joachim Brandner hatte die Universität besucht und Karriere gemacht in der Großstadt, wo er für eine internationale Bank gearbeitet hatte.

Xaver Brandner war zwar skeptisch gewesen, als Joachim ihn gebeten hatte, für einen großen Betrag zu bürgen, den er als Darlehen aufnehmen wollte, um Aktien eines Unternehmens zu kaufen, die, wie er sagte, ein »todsicherer Tipp« waren und sie beide reich machen würden. Doch da Joachim, der von solchen Dingen ja mehr verstehen musste als sein Vater, so davon überzeugt gewesen war, hatte er sich überreden lassen.

Seine Zweifel hatten sich aber nur allzu bald als berechtigt erwiesen; inzwischen war das Unternehmen pleite und seine Aktien nichts mehr wert, und Joachim war von seiner Bank entlassen worden, die ebenfalls von seinen Spekulationen Schaden davongetragen hatte. Wie hoch die Summe wirklich war, die Joachim verloren hatte und für die er als Bürge hatte einstehen müssen, hatte Xaver Brandner seinen beiden anderen Kindern heute noch nicht gesagt. Aber er hatte bezahlt, wenn es auch diesmal den Hof gekostet hatte.

»Abgerackert haben wir uns auf dem Hof und geschuftet«, knirschte Anton. »Und mein Bruder hat die Arbeit von Generationen einfach verzockt.«

Xaver Brandners Schultern sanken nach unten. Es war eine unbewusste Bewegung voll von Müdigkeit und Resignation.

»Anton«, sagte er rau. »Wir haben bezahlen müssen. Es blieb uns keine Wahl.«

»Er hat sich die Sache eingebrockt. Er hätte sie auch selbst auslöffeln können!«

Xaver Brandner schüttelte langsam den Kopf.

»So einfach ist das nicht. Ich habe mich entschieden, für Joachim zu bürgen, und dafür musste ich einstehen. Und außerdem: Was er auch getan haben mag, Anton, er ist doch ein Brandner. Er ist mein Sohn, euer Bruder. Wir konnten ihn nicht im Stich lassen. Glaubst du, mir ist es leicht gefallen, das zu tun, was getan werden musste?«

Es war etwas in des Vaters Stimme, was Anton die heftige Entgegnung zurückhalten ließ, die er auf der Zunge hatte. Er sah seinem Vater in die Augen und sah plötzlich mehr darin als bisher. Er las in diesen Augen mit einem Male die bittere Sorge zergrübelter Nächte, die ganze Last der Verantwortung, die der Vater auf sich genommen hatte, er las darin harte Selbstvorwürfe, eine fast flehentliche Bitte um Verständnis und auch eine stille, ergebene Demut.

Anton Brandner schluckte. Es war ihm, als halte plötzlich ein eiserner Reifen seine Kehle umspannt.

»Ja, Vater, du hast Recht«, würgte er hervor.

Dann ging er aus dem Zimmer und machte die Tür ganz leise und behutsam hinter sich zu.

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