Im Jenseits ist die Hölle los - Arto Paasilinna - E-Book

Im Jenseits ist die Hölle los E-Book

Arto Paasilinna

4,5
6,99 €

oder
Beschreibung

"Mein Tod kam für mich völlig überraschend." So kann es gehen, wenn "Mann" beim Überqueren einer Straße allzu intensiv einer jungen Frau hinterherschaut und von einem Auto erfasst wird. Doch überraschender ist für den soeben verstorbenen Journalisten, dass er fortan als Geist über den Dingen schweben und andere Tote treffen kann. Doch Vorsicht: Kein Geist lebt ewig und Dummheiten bleiben nie ohne Folgen ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 238




Inhalt

Cover

Titel

Impressum

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Arto Paasilinna

Im Jenseits ist die Hölle los

Roman

Aus dem Finnischen von Regine Pirschel

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Copyright © Arto Paasilinna und WSOY, 1992

Die finnische Originalausgabe erschien 1980 unter dem Titel HERRANEN AIKA bei WSOY, Helsinki, Finnland

Copyright © 2004/2013 für die deutschsprachige Ausgabe: Bastei Lübbe AG, Köln

Aus dem Finnischen von Regine Pirschel

Titelgestaltung: FAVORITBUERO, München

Titelillustration: © Kate Pru/shutterstock.com, © Suomuurain/shutterstock.com

E-Book-Produktion: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN 978-3-8387-5095-8

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

1

Mein Tod kam für mich völlig überraschend. Es war ein Nachmittag im August, ich befand mich auf dem Heimweg von meinem Arbeitsplatz, der Redaktion einer Zeitung, und ging durch die Kaisaniemenkatu. Meine Stimmung war heiter, und ich fühlte mich absolut vital. Ich war damals erst dreißig Jahre alt. Kaum je in meinem Leben hatte ich ernsthaft an die Möglichkeit gedacht, dass ich unverhofft sterben könnte, plötzlich und unwiderruflich.

Doch genau das geschah.

Die Straße war voll fröhlichen, oberflächlichen Lebens. Die Kaisaniemenkatu mit ihren Kaufhäusern und Modegeschäften war eine Flaniermeile für die eitelsten und schönsten Frauen der Stadt, sonnengebräunte, törichte Geschöpfe, die vor allem darauf aus waren, den Männern zu gefallen. Es machte in der Tat Vergnügen, ihren Gang zu beobachten, ihre Waden und Schenkel zu betrachten. Auf diesem Teil der Straße roch es nicht nach Abgasen, sondern nach Madame Rochas, nach den Parfüms von Dior, nach Max Factor.

Ich studierte das Straßenleben wohl ein wenig zu intensiv, ja, ich wich sogar auf die Fahrbahn aus, um so, abseits vom Gedränge, die Beine einer Frau besser betrachten zu können. Ihre straffen Waden hatten meine Aufmerksamkeit erregt. Ich ging schneller, um einen Blick auf ihr Gesicht zu erhaschen. Denn ich bin ein gründlicher Mann, mich interessieren nicht nur die Beine, sondern auch die Augen, die Miene. Der Gesamteindruck ist entscheidend.

Ich habe das Gesicht jener Frau zu Lebzeiten nicht mehr gesehen, denn plötzlich überfuhr mich ein Auto, dass es nur so krachte.

Ich wurde von dem Zusammenprall auf den Bürgersteig geschleudert, dort schlug ich auf den Steinen auf und blieb hilflos liegen. Der Aufprall tat furchtbar weh, in meinem Kopf knackte es. Und sofort ließ der Schmerz nach.

Eine Weile war es ganz schwarz.

Dann sah ich, was geschehen war. Mein Körper lag auf dem Bürgersteig, der Verkehr war zum Erliegen gekommen. Die Frau, der ich gefolgt war, hatte die Geräusche des Unfalls gehört und kam neugierig zurück. Jetzt sah ich ihr Gesicht, es war völlig nichts sagend. Ich begann mich zu ärgern: Wegen dieser Schnepfe war ein kompletter Mann unters Auto geraten!

Der Wagen, der mich überfahren hatte, hielt am Straßenrand. Der Fahrer betastete den verbeulten Kühlergrill. Einer der Scheinwerfer war zersplittert, der Mann wischte mit dem Taschentuch Blut herunter. Vom Bahnhofsplatz näherte sich eine heulende Ambulanz.

Eine Menschentraube umringte meinen Körper. Irgendjemand drehte mich auf den Rücken und hielt mir einen Taschenspiegel vor den Mund. Ein anderer lockerte meine Krawatte. Erschüttert beugte ich mich über mich, um zu sehen, ob der Spiegel beschlug.

Die Spiegelfläche blieb klar. Ich sah in meine Augen: Der Blick war leblos, die Pupillen geweitet, ganz offensichtlich war ich tot.

Kurz darauf traf die Ambulanz ein. Die Sanitäter fühlten rasch meinen Puls, schüttelten den Kopf. Sie legten mich auf eine Trage und schoben diese in den Wagen, alles ohne Eile, tot war tot. Dann fuhr die Ambulanz davon, um meinen Körper in die Klinik zu bringen – das Martinshorn war nicht eingeschaltet.

Nach einigen Minuten erschien die Polizei, um die am Unfallort zu treffenden Maßnahmen vorzunehmen. Die Zuschauer zerstreuten sich, die Show war vorbei. Der Portier des Warenhauses fegte auf der Straße die Glasscherben zusammen, und der Hausmeister kam mit einem Wasserschlauch, um die wenigen Blutspuren vom Bürgersteig zu spülen. Der Mann, der mich überfahren hatte, erklärte den Polizisten, dass die Schuld an dem Unfall bei mir gelegen habe. Er betrachtete traurig die Schäden an seinem Wagen.

Ich war also tot.

Der Gedanke erschien mir unfassbar. Wieso ausgerechnet ich? Ich hatte große Mühe, mich an die Situation zu gewöhnen.

Welchen Sinn machte es, auf diese Weise zu sterben, einfach so aus Versehen? Diese Sinnlosigkeit und die banale Art meines Todes begannen mich zu ärgern. Wem nutzte dieser Tod? Hätte ich es nicht verdient gehabt, wenigstens noch zehn Jahre zu leben? Dann hätte ich beweisen können, dass ich ein ernst zu nehmender Mensch gewesen war und nicht nur ein Tagedieb.

Hätte nicht irgendeine unbedeutendere Person an meiner Stelle sterben können? Jetzt konnte ich nichts mehr zu Ende bringen – dabei war ich eigentlich noch gar nicht dazu gekommen, etwas Wichtiges und Spürbares, etwas Bleibendes überhaupt in Angriff zu nehmen. Ich fühlte mich betrogen. Und für ein solches Ende hatte ich nun mehr als dreißig Jahre gelebt?

Ich überlegte, was ich jetzt anfangen sollte. Vielleicht war es am klügsten, den Dingen ihren Lauf zu lassen? Ich stand unschlüssig und tief erschüttert auf der Straße und fragte mich, ob irgendein lebender Mensch ahnte, was ich in diesem Moment durchmachte. Doch sofort schalt ich mich für diese törichten Gedanken: Die Lebenden konnten ja gar nichts vom Tod wissen. Denn wüssten sie etwas davon, wären sie nicht mehr am Leben.

Sollte ich einfach den unterbrochenen Heimweg fortsetzen, so als wäre nichts geschehen, so als wäre ich gar nicht gestorben? Das erschien mir irgendwie logisch. Vor dem Unglück hatte ich zwar beschlossen, in eine kleine Gaststätte auf der Liisankatu einzukehren und ein paar Bier zu trinken, ehe ich zu meiner Frau heimgehen würde. Doch reizte mich jetzt, nach meinem plötzlichen Tod, der Gaststättenbesuch nicht mehr. Wahrscheinlich wäre das auch eher unpassend gewesen: Man stirbt und geht gleich anschließend in die Kneipe. Davon abgesehen hatte ich auch überhaupt keinen Durst mehr. Der Wunsch, kühles Bier zu trinken, war anscheinend in meinem toten Körper geblieben, und dieser wurde gerade mit der Ambulanz in die Klinik geschafft.

Plötzlich erschrak ich: Würde ich meinen Körper überhaupt wiederfinden, wenn ich mich nicht sofort darum kümmerte, wo er verblieb? Sicher war es das Beste, der Ambulanz zu folgen, die in Richtung Hakaniemi davongefahren war. Ich stürzte los und stellte sofort erfreut fest, dass ich mich so schnell wie ein Gedanke bewegen konnte. Im Nu war ich in Hakaniemi, am Tierpark und in Alppila, wo ich die gemächlich dahinfahrende Ambulanz einholte.

Durch das teilweise sichtgeschützte Fenster sah ich meinen Körper, der Kopf war von einem Tuch verdeckt. Ich erkannte mich dennoch am Anzug und an der Aktentasche, die auf meinem Bauch lag. Wie ich wusste, trug ich einen hellbraunen Sommeranzug und neue braune Schuhe, die ich mir zwei Tage zuvor gekauft hatte. Der Kauf erschien mir jetzt überflüssig, denn die Schuhe waren teuer gewesen und die alten hätten noch gut die letzten beiden Lebenstage überstanden. Aber wie hätte ich das ahnen sollen! Andererseits – bei näherer Betrachtung war ich trotzdem zufrieden, denn so war ich nun nicht nur mit einem gut sitzenden Anzug bekleidet, sondern trug auch nagelneue Schuhe. Zum Glück hatte ich mir außerdem morgens das Haar gewaschen, sodass ich eigentlich ein ziemlich adretter Leichnam war.

Die Ambulanz fuhr zur Klinik von Meilahti, und mein Körper wurde hineingetragen. Im Behandlungszimmer untersuchte mich rasch der Dienst habende Chirurg und stellte meinen Tod fest. Man öffnete meine Aktentasche, sie enthielt nichts Besonderes: ein paar Zeitungen, Notizen für einige Artikel, zwei Bücher, ein Glas mit eingelegten Zwiebeln.

Ich habe eingelegte Zwiebeln immer gemocht. Meine Frau kaufte sie nie, sodass ich mir angewöhnt hatte, ab und zu selbst ein Glas mitzubringen. In diesem Moment ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass wir, meine Frau und ich, gar nicht viel gemeinsam hatten. Wir hatten ein gemeinsames Bett, eine gemeinsame Adresse, und das war’s eigentlich. Obwohl – immerhin. Und nun hatte ich meine Frau also zur Witwe gemacht, nun war sie mich und meine eingelegten Zwiebeln los.

Der Chirurg konstatierte, dass ich an einem Schädelbruch gestorben war. Etwas Ähnliches hatte ich mir schon gedacht, denn in meinem Kopf hatte es mächtig geknackt, als mich das Auto überfahren hatte. Der Arzt drehte mich auf die Seite, und aus meinem Mund floss ein wenig Blut auf die Trage – kein sehr angenehmer Anblick.

Dann wurde mein Portemonnaie untersucht. Es war mir peinlich, zusehen zu müssen, wie mein Geld gezählt wurde, denn es war nur wenig: knapp fünf Euro. Ich war in jeder Hinsicht ein unbedeutender Leichnam. Hätte ich gewusst, dass ich gerade heute unter ein Auto gerate, hätte ich gleich morgens bei der Zeitung gekündigt und mir mein Gehalt auszahlen lassen. Das Geld hätte ich in mein Portemonnaie gesteckt, sodass ich zumindest kein bettelarmer Leichnam gewesen wäre. Vielleicht hätte sich der Portier oder der Arzt im Krankenhaus ein paar Hunderter stibitzt? Derartiges war in Finnland bereits vorgekommen: Pathologen hatten den Toten Ringe, Uhren, Goldzähne gestohlen. Schließlich war Leichenfledderei insofern eine gut kalkulierbare und sichere Angelegenheit, als das Opfer den Täter niemals anzeigte.

Im Büro füllte die Sekretärin ein Formular aus, meine persönlichen Daten entnahm sie meinem Pass. Ich beugte mich dabei über ihre Schulter und las mit. Nicht einmal sterben konnte man, ohne dass sofort diverse Formulare ausgefüllt wurden.

Als die Sekretärin fertig war, erkundigte sie sich beim Arzt, ob sie jetzt die Angehörigen, in diesem Falle meine Frau, informieren solle. Kinder hatten wir ja zum Glück nicht.

Der Arzt riet ihr, mit dem Anruf noch zu warten. Der Leichnam müsse erst gewaschen werden, ehe die Ehefrau benachrichtigt wurde.

»Wir säubern ihn ein wenig und schieben ihn in den Kühlraum. Informieren Sie seine Frau in etwa einer halben Stunde«, sagte der Arzt.

Jetzt war Eile geboten. Denn ich musste unbedingt anwesend sein, wenn zu Hause die Nachricht von meinem Tod eintraf. Ich fragte mich, wie meine Frau wohl reagieren würde. Würde sie womöglich in Tränen ausbrechen, sich vor Schmerz die Kleider vom Leibe reißen? Oder einen Schock bekommen und in verzweifelte Apathie versinken?

Wohl kaum – aber bald würde ich es wissen. Vielleicht würde sie wenigstens ein bisschen weinen. Immerhin war ich ihr Mann gewesen, das musste doch eigentlich eine gewisse Bedeutung haben!

2

Ich verließ das Krankenhaus. Im Handumdrehen war ich daheim in Kruununhaka. Meine Wohnung befand sich in der vierten Etage. Im Hausflur hielt ich Ausschau nach dem Fahrstuhl, der wie üblich nicht dort war, wo man ihn brauchte. Ich versuchte den Knopf zu drücken, doch die Automatik reagierte nicht. Daraus schloss ich, dass der Mensch körperlos wird, wenn er stirbt: Er sieht seinen Finger, den man dennoch nicht als Finger im üblichen Sinne bezeichnen kann.

Ich kniff mir in die Wange und verspürte nicht den geringsten Schmerz.

Auf der Treppe probierte ich dann noch etwas anderes aus: Ich ließ mich absichtlich auf die Stufen fallen, so schwungvoll ich nur konnte. Mir passierte überhaupt nichts. Es heißt immer, dass Betrunkene beim Fallen oft erstaunliches Glück haben. Geister anscheinend auch. Ein nicht vorhandenes Knie schwillt nicht an, und es sammelt sich kein Wasser darin. Und ein Geist bekommt auch keine Gehirnerschütterung, selbst wenn er seinen Kopf mit voller Wucht gegen Beton rammt. Zufrieden konstatierte ich, dass im Himmel offensichtlich keine Unfälle passierten. Sofern ich jetzt überhaupt im Himmel war.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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