Im Kreis - Wilhelm Pevny - E-Book

Im Kreis E-Book

Wilhelm Pevny

0,0

Beschreibung

Er fährt seit nahezu vierzig Jahren auf der Wiener Ringlinie. Im Lauf der Zeit werden die Fahrgäste zu Bekannten, und die Geschichten, die er sich zu ihnen ausdenkt, stimmen mit der Wirklichkeit oft verblüffend genau überein. Er beginnt in dieser Welt des Kreisens aufzugehen, Unbekannte werden zu Gefährten, Fremde zu Freunden. Er erlebt, wie Leute, die zueinander passen könnten, sich ständig verfehlen, aber auch, wie sich andere finden, weil sie zum richtigen Zeitpunkt in denselben Wagen eingestiegen sind. Und das alles findet in einer historischen Umgebung statt, die übersät ist mit Denkmälern und Gedenktafeln - die allerdings, wie er meint, oft den falschen oder zumindest nicht den vielen wirklichen Helden gewidmet sind: zum Beispiel dem Stemmer Zamecnik, der täglich die gehunfähige Frau Peierl vom vierten Stock hinunter und wieder hinaufgetragen hat und keiner Maus etwas zuleide tun konnte, oder dem Apothekergehilfen Gasteiger, der zu arm war, um Medizin zu studieren, aber für die Leute im Bezirk sehr bald "der junge Herr Doktor" war, der sie gratis behandelte und deswegen ins Gefängnis musste. Die Putzfrau Mitzi Wunderer, die den depressiven Herrn Machacek vor dem Selbstmord bewahrte, und Franzi Bittner, der einen Gleichaltrigen aus der Donau gerettet hatte. Überall auf der Route der Linien 1 und 2 befindet sich ein Stück Erinnerung an solche vergessenen Menschen, und er kennt sie alle. Eine solche Welt sei eine bessere als die, welche noch immer die Luegers und Starhembergs verehrt - zum Glück sei deren steinerne nicht die wirkliche, meint er. Aber wer könne schon sagen, was wirklich ist...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 360

Veröffentlichungsjahr: 2014

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



PEVNY • IM KREIS

In alter Rechtschreibung, unter Verwendung von ss statt ß.

Wilhelm Pevny

Im Kreis

Die Herausgabe dieses Buches erfolgtemit freundlicher Unterstützung durch dieStadt Wien

A-9020 Klagenfurt/Celovec, 8.-Mai-Straße 12Tel. +43(0)463 37036, Fax +43(0)463 [email protected]

Copyright © dieser Ausgabe 2015 bei Wieser Verlag GmbH,Klagenfurt/CelovecAlle Rechte vorbehaltenISBN 978-3-99047-011-4

Im Durchschnitt habe ich den Ring fünf- bis fünfzehnmal am Tag umrundet, seit mehr als achtunddreissig Jahren schon. – Angefangen hab ich vor einundvierzig Jahren mit dem 31er, 231er und 331er, danach war ich im 21er und nur noch im A, Ak oder B und Bk unterwegs; da ist man damals vom Ring bis zum Elderschplatz gefahren oder bis nach Kaisermühlen. Die längere Linie B war mir die liebste, die hat man nämlich nur fünf Mal, höchstens sechs Mal am Tag geschafft, bis 1986, danach haben wir zweiundzwanzig Jahre lang nur mehr den Ring in beide Richtungen umkreist, wofür wir nicht viel mehr als eine halbe Stunde gebraucht haben, mit den neuen Garnituren der Linien 1 und 2, wie sie seit 81 heissen, sogar noch weniger. Anfangs hat es am Ende der Ringrunde keine Pause gegeben, sondern nach vier Runden bei der Station Stadtpark oder Schottenring jeweils zwanzig Minuten Rast, und danach mit einer anderen Garnitur wieder vier Runden und nach der zweiten Pause den Rest der Fuhr. Später sind wir beim Stubenring oder beim Schottenring nach jeder Runde fünf Minuten gestanden, aber das hat sich nicht bewährt. Vor einigen Jahren haben sie die Linienführung wieder ausgeweitet, jetzt ist sie sogar länger als früher, was linienmässig eine grosse Erleichterung ist, wenngleich ich es andererseits bedauere, weil ich meine Leute nicht mehr so oft sehe.

Den Herrn Ministerialrat zum Beispiel, der bei jedem Wetter im Anzug oder zumindest im Complet fährt. Im Winter trägt er natürlich einen Mantel darüber und einen Hut auf dem Kopf. Aber auch wenn es brühheiss ist, geht er nicht ohne Sakko. Immer steigt er bei mir vorne ein und immer auch wieder bei mir aus. Trotzdem grüssen wir uns nicht – obwohl ich mir eigentlich sicher bin, dass er mich genauso bemerkt, wie ich ihn. Ah, das ist der Fahrer Sowieso wird er denken, den mag ich oder mag ich nicht. Er lässt sich nämlich nicht in die Karten schauen, ein wahres Pokerface, weder unfreundlich noch freundlich. Er steigt immer in der Weihburggasse ein und beim Burggarten aus, geht die paar Schritte Richtung Heldentor und verschwindet in der Hofburg, und zurück dann eben umgekehrt. Oft hab ich mich gefragt, warum er nicht den Innenstadtbus nimmt oder überhaupt zu Fuss geht. Wahrscheinlich will er nicht umsteigen, oder sich beim Spazieren durch die Stadt die Schuhe schmutzig machen, die sind nämlich immer tiptop gewixt. Ob seine Frau sie ihm putzt? – Wohl eher eine Haushälterin oder Zugehfrau.

Bei der vorigen Ringrunde ist wie beinahe jeden Tag um diese Zeit die Mademoiselle zugestiegen, wie immer hinten in den Beiwagen. Die Mademoiselle steigt nämlich nie im vorderen Waggon ein. Vielleicht fährt sie schwarz, hab ich mir früher manchmal gedacht, als im Triebwagen noch ein Schaffner gesessen ist, der nicht nur Fahrkarten verkauft hat, sondern auch hin und wieder die Fahrgäste kontrolliert hat, die vorne bei mir eingestiegen sind. – Die Mademoiselle schaut allerdings, ehrlich gesagt, nicht danach aus, und für Jugendstreiche war sie schon damals zu alt. Immer ist sie bestens gekleidet. Sie würde perfekt zum Ministerialrat passen, aber die beiden sind – zumindest in all den Jahren, in denen ich den Zweier oder Einser fahre – nie zusammengetroffen. Was ich nach wie vor schade finde. Denn sie würden einfach ein passendes Paar ergeben, meine ich. Beide elegant und sehr , wenn Sie wissen, was ich meine. Sie zehn Jahre jünger als er, beide vermutlich an ernster Musik interessiert. Nun gut, vielleicht würden sie sich nichts zu sagen haben, was ich aber nicht glaube, im Gegenteil – allerdings von langen Pausen unterbrochen und sehr zurückhaltend. Denn beide hassen sicherlich Geschwätz.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!