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"Im Lande der weißen Ritter". Erleben wir die Goten, die deutschen Ordensritter, die Kaschuben, die Polen und die Preußen in ihrer wechselvollen Geschichte. Gewinnen wir einen Einblick in die Historie Westpreußens. - Die Eiche von Thorn - Des Landmeisters Weichselfahrt - Die Kulmische Handfeste - Kampf und Sieg an der Sorge - Der neue Damm - Herzog Sambor und sein Land - Herr Meinhard von Querfurt - Besiedlung im Werder - Im Ordenshause - Zwei Weichselstädte - Ostmärkischer Wein - Die Schlacht bei Konitz - Zwischen den Zeilen - Eine Städtegründung im 17. Jahrhundert - Verlobung und Hochzeit vor 200 Jahren - Im Wechsel der Jahrhunderte - Eine Audienz bei Friedrich dem Großen - Der Abschied
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Seitenzahl: 112
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Die Eiche von Thorn
Des Landmeisters Weichselfahrt
Die Kulmische Handfeste
Kampf und Sieg an der Sorge
Der neue Damm
Herzog Sambor und sein Land
Herr Meinhard von Querfurt
Besiedlung im Werder
Im Ordenshause
Zwei Weichselstädte
Ostmärkischer Wein
Die Schlacht bei Konitz
Zwischen den Zeilen
Eine Städtegründung im 17. Jahrhundert
Verlobung und Hochzeit vor 200 Jahren
Im Wechsel der Jahrhunderte
Eine Audienz bei Friedrich dem Großen
Der Abschied
Bildteil
1231 war´s, im Frühling.
Nicht weit von da, wo die Weichsel das raschfließende Wasser der Drewenz in sich aufnimmt, stand am rechten Ufer eine Eiche. Schon über tausend Jahre stand sie da. Leise rauschte der Morgenwind in ihren Zweigen und die Sonne küßte ihre Blätter. Da fing die Eiche an zu träumen von längst vergangenen Zeiten.
Sie sah – viel hundert Jahre war´s her – wie am anderen Ufer sich eine weite Lichtung ausbreitete, von Wald umgeben. Ackerland zog sich hin, in viereckige Stücke geteilt. Rechts war das Winterfeld, auf den sich das Getreide schon gelblich färbte. In der Mitte lag das Sommerfeld, noch grün anzuschauen. Links dehnte sich die Brache, mit kurzem Gras bedeckt. Auf dem Dorfanger weideten behäbige Rinder, während Herden von Borstenvieh im Schatten des Laubwaldes sich tummelten. Eine Gänseschar wurde von Kindern zur Weide getrieben.
In der Mitte ein geschlossenes Dorf. Um jedes Haus ein geräumiger Hof, anschließend der umzäunte Garten. Die Häuser, selbst Blockhäuser, oder aus Lehmwänden gefügt, die mit glänzendem Weiß übertüncht waren. Geschäftiges Leben herrscht auf den Höfen, in den Gärten, auf der Dorfstraße. Hier klingt lustiges Hämmern aus den Schmieden, die überall auf den Höfen vorhanden sind. Ab und zu tritt eine rußgeschwärzte Gestalt an die Schmiedetür und hält prüfend ein blitzendes Stück Eisen ins Sonnenlicht. Hier wieder tönt von einem Hof her jubelnder Ruf von Knabenstimmen. Man übt Kampfspiele. Die Hausfrau, den kleinsten auf dem Arm, schaut zu. Alt und jung hohe, kraftvolle Gestalten. In Locken ringelt sich Blondhaar bis auf die Schultern herab. Blaue Augen blitzen aus kühn geschnittenen Antlitzen hervor.
Eine gotische Siedlung war´s, welche die alte Eiche in ihren jungen Jahren, am anderen Ufer hatte entstehen und emporblühen gesehen.
Und die Eiche träumte weiter.
Sie sah, wie am anderen Ufer sich volkreiche Haufen sammelten. Waffen klirrten und die blondhaarigen Männer, die auf dem vorigen Bilde friedlicher Beschäftigung nachgingen, kamen zusammen, mit Schild und Speer bewaffnet. In langer Reihe stand ein Zug von Wagen geordnet, auf denen Weiber und Kinder saßen, zwischen aufgestapelten Hausgerät. Was hatte man denn vor?
Nun, es sind der Menschen zu viele geworden im Gau. Die Jungen finden kein überschüssiges Land mehr für sich, keine Betätigung, die eines freien Mannes würdig wäre. So drängen sie hinaus, um sich neue Wohnsitze zu suchen oder, wenn nötig, in hartem Kampfe zu erobern. Lange hat man hin und her geredet, im Rat der Häuptlinge und der Volksgemeinde. Endlich war´s beschlossene Tatsache. Die Stunde der Ausfahrt ist gekommen, durch den Spruch der Götter geweiht. Die kräftigen Männer haben Weiber, Kinder und Hausgerät auf Wagen gesetzt und sind mit ihren Knechten, mit Jochvieh und Hofhunden bereit zum Zug an die Grenze.
Jetzt löst sich aus dem Haufen ein riesenhafter Mann, der die anderen noch um halbe Haupteslänge überragt. Er kommt ans Ufer des Flusses, hebt Schild und Speer und winkt herüber. Das Haupt gebeugt, wie in tiefes Sinnen versunken, schreitet er langsam zu den Seinen zurück. Dort empfängt ihn vielhundertstimmiger Zuruf. Schwerter werden durch die Luft geschwungen, Schilde klirren aneinander. Jubelnd hebt man den Führer hoch und trägt ihn auf den Schildern umher. Dann setzt sich der Zug in Bewegung. Der erste jener langen Reihe von Wanderzügen, welche die Goten von der Weichsel, nach dem sonnigen Süden führte und die bisherigen Wohnsitze öde machten.
Und die Eiche träumt weiter.
Jahrzehnte vergingen, in denen die Gegend links vom Weichselufer unbewohnt blieb. Dann zeigten sich hin und wieder Menschen, einzeln und in kleinen Haufen. Vorsichtig kamen sie heran: kleine Leute, auf flinken Pferden hinund hersausend, Bogen und Köcher über der Schulter. Sie machten Halt. Eifrig schienen sie miteinander zu sprechen. Einige wiesen aufs rechte Ufer hin, wo die Eiche in stolzer Pracht ihre Zweige nach allen Seiten weit ausdehnte. Aber die anderen wehrten ab. „Po morze! Po morze!“ (Ans Meer!) ertönte ihr Ruf. Sie zogen weiter nach Norden. Doch ihre Stammesgenossen, die – wiederum nach Jahrzehnten – ihnen gefolgt waren, setzten sich fest. Bald war das von Germanen verlassene Land, von slawischen Stämmen eingenommen, die sich „Pommern“ und ihr Land „Pomerellen“ nannten, weil es „po morze“ lag.
Auch an der rechten Seite der Weichsel drangen Slawen nordwärts und lagerten sich unter der Eiche. Die wilden Preußen, denen sie bisher Schatten gespendet, wichen zurück und die Slawen wurden Herren des Landes, bis zur Oßa hin. Polen nannten sie sich.
So träumte die Eiche von vergangenen Zeiten. Da fuhr ein kräftiger Windstoß durch ihre Zweige und rüttelte sie auf...
Was war das?
Wieder hält eine Schar Krieger am jenseitigen Ufer. Hell funkelt ihr Eisenkleid in der Sonne. Einigen legt sich über die Brünne ein weißer Mantel, mit einem schwarzen Kreuz in der Brustgegend. Rasch sind die Flöße gezimmert, welche die Eisenritter herübersetzen. Sie reiten schnell zur Eiche hin, allen voran ein hoher Mann. Leuchtend strahlen seine blauen Augen über den starken Baum hin. Ein kurzer Befehl, die Arbeit beginnt. Dienstleute werden herangeführt, die Eiche mit Erde umschüttet, Wall und Graben gezogen und Bäume eingerammt, die das Ganze mit Palisaden umziehen. Eine Treppe führt nach oben in den Wipfel. Dort wird eine Art Wartturm eingerichtet. In wenig Tagen ist alles fertig. Die erste Burg des deutschen Ritterordens im Preußenlande ist errichtet. Vom Wipfel der alten Eiche weht das Ordensbanner in die Lüfte: zwei Kreuze, darüber eine Krone.
1231 war´s. Im Frühling.
Auf dem Wartturm aber steht am Morgen nach vollbrachtem Werk Hermann Balke, der Führer der Ordensritter. Er schaut nach Osten, wo die Sonne aufgehen soll.
Wie unwillig schauern die Blätter der Eiche im Morgenwind zusammen. Da blitzen die blauen Augen auf.
„Schüttle nur Dein Haupt, knorrige Eiche, ob der Fessel, die wir Dir angelegt! Uns ist´s ein Sinnbild für das Joch, das wir den trutzigen Preußen um den Nacken legen werden! Dies Land soll deutsch werden!“
Eben geht die Sonne auf. In ihrem Schein sieht´s aus, als ob die gute alte Eiche vor Freude erglühte. Kein Wunder, denn „deutsch“ und „Eiche“ gehören nun einmal zusammen.
Im nächsten Jahr wurde sie gefällt. Aber was Hermann Balke gesagt, hat sich erfüllt. Wo sie stand, erhob sich bald die deutsche Stadt Thorn...
Zweimal war der Frühling ins Land gezogen, seit der deutsche Ritterorden nach Preußen gekommen war, da herrschte eines Tages geschäftiges Treiben am Ufer der Weichsel, dort, wo Hermann Balke einst seinen Eichenhorst aufgeschlagen hatte.
Auf den Wogen des Flusses schaukelten stattliche Schiffe. Auf Flößen fuhr man allerlei Holzwerk an sie heran, gewaltige Balken, kurze Planken und unbehauene Stämme. Die wurden mit Winden an Bord gezogen und dort zu großen Haufen geschichtet. Dann setzte eine Schar Knechte zu den Schiffen herüber, mit Äxten und Spaten bewaffnet. Ihnen folgten Ordensritter, an der Spitze der Landmeister.
Am Bug des vordersten Schiffes stand Hermann Balke und schaute prüfend umher. Alles, was man brauchte, war an Bord. Da gab es das Zeichen zur Abfahrt. Die Segel blähten sich. Stolz flatterte das Ordensbanner von den Masten herab. Ein leichter Südost trieb die Schiffe durch das rauschende Weichselwasser.
Der Landmeister schritt zum Mast und lehnte sich an ihn. Sinnend schaute er nach dem rechten Ufer hin, wo wechselnde Landschaftsbilder an seinen Augen vorüberzogen.
Meist breiteten sich Laubwälder aus, die eben das erste Grün ansetzten. Wo eine Lichtung war, da äste Wild, das neugierig herüberäugte, um dann mit langen Sätzen im Walde zu verschwinden. Hier schaute der plumpe Kopf eines Elchs durch das Gezweige. Dort wieder im Sumpfland flatterten Scharen von Wasservögeln auf.
Eine Wildnis. Aber was konnte aus dieser Wildnis gemacht werden, wenn deutsche Äxte die Wälder rodeten, wenn der Spaten Gräben zog und die Sümpfe trocken legte, wenn der Pflug seine Furchen zog und deutsche Landsleute ihre Saat in den jungfräulichen Boden streuten!
Freilich mußte, wer das wollte, erst die wilden Preußen verscheuchen.
Aus dem Kulmerland, das Herzog Conrad von Masowien dem Orden zum ewigen Eigentum geschenkt, waren sie glücklich vertrieben und die Burgen, die sie besetzt gehalten, gebrochen. Aber dort hinten der Wald, der das Kulmerland gegen Preußen abgrenzte! Mit seinen undurchdringlichen Gründen und Sümpfen, hinderte er die Ordensritter, landeinwärts vorzugehen.
Versucht hatten sie´s wohl, aber es war ihnen schlecht genug bekommen. Die Dichtungen und Sumpfinseln des weitausgedehnten Waldes, gaben dem Feind willkommene Gelegenheit, aus dem Hinterhalt hervorzubrechen und durch Überraschung den Tod in die Reihen der Ritter zu tragen. Das war die beliebte Kampfesweise der Preußen, der die Ordensleute im Dickicht nicht gewachsen waren. Denn diese brauchten Platz, um sich in Schlachtlinie entfalten zu können. Hier aber wurden sie in kleine Abteilungen aufgelöst und abgedrängt, die vereinzelt der Übermacht nicht gewachsen waren und aufgerieben wurden. Furchtbar gellte dann der Schlachtruf der Preußen durch das Schweigen des Waldes und ihre Keulen schmetterten mit solcher Gewalt auf die Eisenhelme der Ordensleute nieder, daß einer nach dem andern zu Boden sank. Das hatte man nun schon zur Genüge in den zwei Jahren erfahren, seit man den Fuß auf preußischen Boden gesetzt...
Da war dem Landmeister der Gedanke gekommen, zu Wasser zu versuchen, was zu Lande unmöglich schien. Die Wogen der Weichsel sollten die Ritter hineintragen, ins wilde Pruzzenland. Dann dort, wo man landete, schnell ein Stützpunkt geschaffen, von ihm aus weiter und weiter vorgedrungen...
Fanfarenton weckte den Landmeister aus seinem Sinnen.
Er hob das Haupt.
Da – auf Bergeshöhe die Burg Kulm, um die sich die ersten Anfänge einer Stadtanlage herumlegten. Denn zahlreich waren bereits Ansiedler auf den Ruf des Ordens aus Deutschland herbeigeeilt, um des Ordens neuerworbenes Gebiet zu bevölkern. Von der Burg her winkten Ordensritter ihrem Landmeister zu, dessen Weichselfahrt ihnen vorher bekanntgegeben war. Ein tiefer Atemzug hob Hermann Balkes Brust. Gottlob, es ging vorwärts mit deutscher Arbeit, im Lande Preußen!
Und weiter fuhren die Schiffe den Fluß hinab, bis zu der Stelle, wo in früheren Zeiten die alte Nogat sich von der Weichsel abtrennte, um, beim weißen Berge wieder in sie hineinlaufend, ein Werder zu bilden, das die Preußen Quidzin nannten.
Prüfend ließ der Landmeister seine Blicke über die Insel gleiten. Ringsumher Wasser. Wie trefflich ließ sich da Wall und Graben ziehen und ein befestigter Platz gegen feindliche Angriffe sichern! So schien dem Landmeister die Insel geeignet zur Anlage von Burg und Stadt.
Ein Zeichen und die Schiffe hielten. Eilig wurde alles ans Land geschafft. Dann ging man ans Werk. Bald wuchs die wehrhafte Burg empor.
Der Jungfrau Maria wurde sie geweiht. So nannte man sie Marienwerder.
Es stellte sich bald heraus, daß der gewählte Ort wegen seiner niedrigen Lage zu sehr gefährdet war. Die Feinde, die ihn bedrohten, waren zwar nicht die wilden Pruzzen, sondern die wilden Wogen der Weichsel. Wenn der Fluß anschwoll, begrub er die ganze Insel unter seinen Fluten. So tat der Landmeister, als neue Ansiedler aus Sachsen eintrafen, den zweiten kühnen Schritt: er ging ostwärts über die Nogat und errichtete auf einem erhöhtem Platz eine neue Burg.
Um sie herum wurden dann im Herbst desselben Jahres die ersten Anlagen einer Stadt geschaffen. Der Landmeister wies für sie Gebiet an, das umfriedet wurde. Wall und Graben zog man herum und krönte den Wall mit einem Plankenzaun. Eines Tages aber umritt Hermann Balke ein weiteres Stück Land und bestimmte es zum Grundbesitz für das neugeschaffene Gemeinwesen.
Die erste deutsche Stadt im Lande der Preußen war gegründet.
Noch nie hatte der Remter der neuerbauten Burg zu Thorn in seinen Räumen eine so glänzende Schar von Edlen gesehen, als am 28. Dezember 1232.
In der Mitte des Raumes war ein Tisch aufgestellt. An ihm saß in feierlichem Amtsgewand des Ordens schreibkundiger Kanzler. Er breitete eine Pergamentrolle vor sich aus, an der ein großes Wachssiegel hing. Aufmerksam glitten seine Augen Zeile für Zeile über das Geschriebene. Als er zu Ende war, nickte er befriedigt vor sich hin. Alles in Ordnung und zur Untersieglung bereit! Er lehnte sich in den Stuhl zurück, steckte die Gänsefeder hinter das Ohr und harrte, das Antlitz in würdige Falten gelegt, des Augenblicks, da man seine weiteren Dienste beanspruchen würde. Inzwischen ließ er seine Blicke durch den Raum gleiten.
In Gruppen standen hohe Rittergestalten umher. Hier Poppo von Osterna, mit Albrecht von Langenbeck und Dietrich von Bernheim, dem Marschall. Dort die beiden Pfleger Berlewin von Kulm und Ludwig von Quidin. Der weiße Ordensmantel mit dem schwarzen Kreuz, der sie umwallte, kündete, daß sie Ritterbrüder des deutschen Ordens waren. Aber auch andere Ritter waren anwesend, Begleiter des Burggrafen Burchard von Magdeburg, der im Frühling 1232 an der Spitze von 5000 waffenfähigen Pilgerbrüdern und mit einer Schar deutscher Ansiedler nach Preußen gekommen war. Mit ihnen hatte man die neuen Plätze Thorn und Kulm besiedelt.
Alle aber überragten zwei hohe Gestalten, die am Fenster des Remters in eifrigem Gespräch standen, der eine im Eisenkleid, ein bärtiger Mann mit ernsten Zügen, der andere im Ordensmantel, ein Recke mit blitzenden Blauaugen unter dem grauen Haar: Burggraf Burchard von Magdeburg und Hermann Balke, der Landmeister.
Jetzt schreitet der Landmeister hin zu dem Tisch, der in der Mitte des Raumes steht. Der Kanzler erhebt sich. Lautlose Stille tritt ein.
