Im Mittelalter - Ian Mortimer - E-Book
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Im Mittelalter E-Book

Ian Mortimer

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Beschreibung

Stellen Sie sich vor, Sie könnten in der Zeit reisen: Was würden Sie vorfinden, wenn Sie ins 14. Jahrhundert zurückgehen? Was würden Sie sehen, schmecken und hören? Wo würden Sie übernachten? Ian Mortimers große Erzählung über das mittelalterliche England eröffnet uns einen völlig neuen Weg zum Verständnis dieses so fernen wie fremden Zeitalters. Wir bekommen eine Idee davon, welche Vorstellungen die Menschen wirklich prägten, woran sie glaubten, welche Hoffnungen sie beflügelten und welche Ängste sie quälten. Uns wird bewusst, was es heißt, wenn dreißigjährige Frauen schon als »Winterfutter« gelten, erfahren, wie man Krankheiten nach dem Stand der Planeten behandelt und wie viel Spaß eine »Bärenhatz« machen kann – selbst wenn wir heutigen Menschen eine solche Jagd als grausam empfinden. Endlich ein Buch, das zeigt, dass Geschichte nicht nur studiert, sondern auch erlebt werden kann!

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Mehr über unsere Autoren und Bücher:

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Für meine Ehefrau Sophie, ohne die dieses Buch nie geschrieben worden wäre und die ich ohne dieses Buch nie kennengelernt hätte.

Übersetzung aus dem Englischen von Karin Schuler

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage 2014

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ISBN 978-3-492-96643-6

© Ian Mortimer 2008

Die Originalausgabe erschien 2008 bei The Bodley Head, London.

Deutschsprachige Ausgabe:

© 2014 Piper Verlag GmbH, München

Litho: Lorenz & Zeller, Inning am Ammersee

Covergestaltung: Büro Jorge Schmidt, München

Covermotiv: Getty Images; akg-images

Datenkonvertierung: Kösel, Krugzell

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Die Vergangenheit ist ein fremdes Land, dort gelten andere Regeln.

L. P. Hartley, The Go-Between

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Wo beginnt sie, diese Reise zurück in die Vergangenheit? In meiner Jugend, so viel ist klar. Schon sehr früh hat man mir den Eindruck vermittelt, dass die Welt sehr viel mehr ist als das »Hier und Jetzt«. Vielleicht lag es an den Antiquitäten, die mich in den Häusern meiner Großeltern umgaben, jenen dunklen Mahagoni- und Eichentönen, die von einem vornehmeren Lebensstil kündeten, als ich ihn von meinem vorstädtischen Südlondoner Heim her kannte. Eher noch lag es wohl an den Geschichten, die mein Vater, seine Schwestern und ihre Eltern erzählten, wenn wir hin und wieder sonntags zusammen am Mittagstisch saßen. Wenn wir von »uns« sprachen, meinten wir eine jahrhundertealte Familie. Wir unterhielten uns darüber, was »wir« im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert getan hatten, als ob die Familie ein alteingesessenes Unternehmen wäre. Und eigentlich war sie das auch: Meine Vorfahren hatten zwischen 1773 und 1932 einen guten Teil des im Südwesten Englands verkauften Tuchs gereinigt und gefärbt. Vor allem aber hatte mein persönlicher Zugang zur Vergangenheit etwas mit meinem Namen zu tun: Mortimer. Es ist einer der bekanntesten Namen des englischen Mittelalters.

Die Mortimers kamen kurz nach der normannischen Eroberung in den 1070er-Jahren nach England und stiegen schließlich im 15. Jahrhundert sogar bis zur Thronanwartschaft auf, konnten sich aber nicht durchsetzen. Auf dem Weg dorthin beteiligten sie sich an Revolten gegen den König und dann auch wieder an Missionen, um die Königsfamilie vor Rebellen zu schützen. Einer aus der Familie, Roger Mortimer, verführte die Königin, regierte vier Jahre lang zusammen mit ihr im Namen ihres Sohnes und wurde schließlich von ebenjenem Sohn als Verräter gehängt. Der Vater jenes Mortimer hatte die Soldaten angeführt, die 1282 den letzten unabhängigen Fürsten von Wales töteten. Ein weiteres Mitglied der Familie war zu seiner Zeit ein berühmter Meister im Lanzenstechen. Und diese Liste könnte man beliebig verlängern. Heute bin ich mir ganz sicher, dass sie nicht meine Vorfahren in direkter männlicher Linie sind, aber als Junge fühlte ich mich von ihren faszinierenden Lebensläufen persönlich angesprochen, als ob sie tatsächlich meine Urururgroßväter gewesen wären. Im Stillen dehnte ich jenes »wir« unserer Familie auf die letzten 900 Jahre aus. Und dabei fiel mir auf, dass »wir«, da im Allgemeinen auf der Verliererseite der Rebellionen stehend, von modernen Historikern gern die Schuld an allen negativen Aspekten der englischen Geschichte des Mittelalters zugeschoben bekamen. Instinktiv nahm ich eine Gegenposition ein und hinterfragte das Fundament historischer Autorität. Man könnte sagen, dass ich schon mit 13 ein Postmodernist war. Allerdings wollte ich mit meinen Fragen nicht nur einfach die herrschende historische Meinung umstürzen wie so viele kritische Denker der 1980er- und 1990er-Jahre; ich wollte mehr – ich wollte mich auf das wahre Leben dieser mittelalterlichen Menschen einlassen.

Eine Begebenheit ist mir besonders in Erinnerung geblieben, und ich habe oft gesagt, dass sie der Beginn meines Nachdenkens über das Leben in der Vergangenheit war, das letztendlich zu Im Mittelalter führte. Als ich zehn oder elf Jahre alt war, besuchten meine leidgeprüften Eltern mit ihren Söhnen Grosmont Castle an der Grenze zwischen England und Wales. Es war die dritte mittelalterliche Burg, die ich an dem Tag zu sehen bekam, und ich war besonders gespannt darauf. An diesem abgelegenen Ort hatte Henry, der Herzog von Lancaster, Cousin von König Edward III. und der wohl größte Heerführer in vielen Schlachten des 14. Jahrhunderts, das Licht der Welt erblickt. Ich saß auf dem Weg dorthin auf dem Rücksitz, stellte mir die große Halle vor, das Feuer auf der Steinplatte in der Mitte, den Tisch auf dem Podium, überladen mit Fleisch für Lady Lancaster, den Priester neben ihr und die hochschwangere Dame, die sich langsam am Tisch niederlässt, während die Diener durch den mit Binsen ausgelegten Raum huschen. Doch dann war der hübsche, von Bäumen umstandene Platz ein echter Schock für mich. Ich hatte vergessen, dass die Burg eine Ruine, ein zerklüfteter Steinhaufen ist, der abgebrochenen Zähnen in einem Kieferknochen ähnelt, offen den Naturgewalten ausgeliefert. Ich lauschte dem Rauschen des Windes in den Blättern, wo ich doch kurz zuvor noch geglaubt hatte, ich würde Stimmen aus längst vergangener Zeit hören. Als ich dann um die Ruine herumging, ließ alles, was ich auf den Informationstafeln über die Menschen, die hier gelebt hatten, las, sie so tot wirken wie Schmetterlinge, die in Reihen in einem Schaukasten im Museum aufgespießt sind.

In dem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Schmetterlinge sehen lebendig, herumflatternd am schönsten aus. Und auch die Vergangenheit wirkt lebendig am besten. Allzu oft wird sie als tot und begraben dargestellt, als ein Skelett und nicht als das Gesicht der Vorwelt, das die Menschen damals sahen, mit Gesichtszügen voller Angst und Freude. Trotz meiner jungen Jahre spürte ich, was meinen Geschichtsstunden fehlte. In der Schule sollte ich die Vergangenheit objektiv sehen, mich von ihr distanzieren. Wenn aber die Menschen der Vergangenheit einst gelebt hatten, dann sollte ich doch sicher versuchen, mich in sie hineinzuversetzen, sie wie mich als Wesen mit Sehnsüchten und Bedürfnissen zu sehen, um ihnen näherzukommen.

Heute weiß ich, dass sich die meisten Menschen so sehr vom Mittelalter entfernt haben, dass sie gar nicht mit ihren Vorfahren fühlen können; sie sind einfach zu weit weg. In ihren Augen waren diese Vorfahren brutal, primitiv und schmutzig. Wir haben keine Porträts von ihnen wie von den Personen des 16. Jahrhunderts. Wir haben keine persönlichen Briefe oder Artefakte. Ihre Häuser haben sich, wenn sie überhaupt noch stehen, bis zur Unkenntlichkeit verändert. Die Menschen heute haben meist nur noch das eine oder andere archetypische Bild im Kopf – Klöster, Burgen und Ritter. Vor ein paar Jahren habe ich einen historischen Roman besprochen, der im 11. Jahrhundert spielte, in dem aber Bettelmönche als Boten fungierten, Soldaten beim Mittagessen saßen und eine 30-Jährige als »noch jung« beschrieben wurde. Mir wurde nachdrücklich bewusst, dass es in unserer Gesellschaft ganz offensichtlich kaum ein echtes Verständnis für unsere ferne Vergangenheit gibt, wenn einem guten Romanautor, der sich, so ist zu vermuten, doch wenigstens einiges an Hintergrundwissen angelesen hat, nicht klar ist, dass es vor Franziskus und Dominikus keine Bettelmönche gab, dass die mittelalterlichen Essenszeiten sich sehr von unseren unterschieden und dass die Hälfte der Menschen mit 22 schon gestorben war. Wenn man die Leute dazu anhalten wollte, sich mit einer Vision der Vergangenheit zu beschäftigen, wie ich sie auf dem Weg nach Grosmont erlebte, brauchten sie vor allem einen guten Führer, ein Handbuch mit all den Dingen, die sie womöglich vermeiden und umgehen wollten, weil sie gefährlich, tödlich oder einfach unappetitlich waren.

Es dauerte lange, bis ich die Idee zu Im Mittelalter dann auch tatsächlich umsetzte. Am 5. Januar 1995 stellte ich den Plan für das Buch erstmals vor und lernte dabei meine zukünftige Frau kennen. Zwölf Jahre später – in denen wir drei Kinder bekamen und ich drei dicke Biografien wichtiger englischer Persönlichkeiten des Mittelalters schrieb – beschloss ich, dass es an der Zeit sei, endlich zur Feder zu greifen.

Diese zwölf Jahre hatte ich auch genutzt, um mir darüber klar zu werden, wie das Buch aussehen sollte. Bald stand fest, dass ein Geschichtsbuch in Form eines Reiseführers sich auf die Fragen konzentrieren sollte, die sich Menschen heute stellen. Was soll ich anziehen? Was bekomme ich zu essen? Wo kann ich unterkommen? Während ein Historiker üblicherweise nach neuem oder bisher nicht hinreichend ausgewertetem Quellenmaterial sucht und dieses nach neuen Informationen über das Leben in früherer Zeit abklopft, stellt ein Reiseführer einfach auf der Grundlage unserer Erfahrungen mit dem heutigen Lebensstil die Frage, wie wir dort leben könnten. Oft führt das zu ganz neuen Perspektiven. In den 1990er-Jahren überlegte ich, wie die Höflinge es wohl geschafft hatten, dass ihr Atem angenehm frisch roch, oder wie sauber ein Haus sein musste, damit die Nachbarn es annehmbar fanden. Es finden sich wenige direkte Quellen für solche Dinge, aber der Autor eines solchen Führers kann Indizien sammeln und etwa Rechnungen für Gewürze finden, die man verwendete, um den Mund zu »säubern«, und Hinweise darauf, dass man Kochgeschirr mit Stroh und Pottasche scheuerte oder die Binsen aus der Halle kehrte und frische Kräuter zwischen den neuen Binsen ausstreute. Diese Dinge wiederum führen zu neuen Erkenntnissen, die Historiker traditionell nicht in ihre Bücher aufgenommen haben. Sie bringen uns auch an die Schnittstelle von Geschichtsschreibung und Archäologie: In vielen Fällen stellte ich fest, dass Archäologen Antworten auf Fragen hatten, die Historiker für unter ihrer Würde hielten – zum Beispiel bei allem, was mit dem Verrichten der Notdurft zusammenhing.

Viele deutsche Leser werden sich unwillkürlich fragen: In welchem Verhältnis steht das England des 14. Jahrhunderts zum Leben unserer eigenen Vorfahren im 14. Jahrhundert? Nun, manche Dinge sind direkt vergleichbar. Das Bild einer Frau [*], die von einem Mann mit einem Prügel geschlagen wird, stammt aus einer deutschen Handschrift, die heute in der British Library aufbewahrt wird. Ihr langes rosafarbenes Gewand ähnelt dem langen rosafarbenen Gewand auf dem Bild daneben sehr, und dieses kommt aus einer englischen Handschrift und zeigt eine Frau, die einen Mann mit ihrem Spinnrocken schlägt. Auch die Kleider und Schuhe der Männer haben einiges gemeinsam. In anderer Hinsicht allerdings unterschied sich das Leben im mittelalterlichen England sehr von dem in Deutschland. England war im 14. Jahrhundert schon eine zentralisierte Nation, die durch Besteuerung Geld in einem Teil des Landes einnahm, um zugunsten der ganzen Nation in einem anderen Teil aktiv zu werden, und deren Könige dem Parlament Rechenschaft schuldig waren. In dieser Hinsicht war das mittelalterliche England ein Vorläufer des modernen europäischen Staates. Das heutige Deutschland dagegen war im 14. Jahrhundert eine Ansammlung vieler kleiner Herzogtümer, Fürstentümer und anderer Staaten, die alle unter der Herrschaft des gewählten Kaisers des Heiligen Römischen Reiches standen. Es gab kein vergleichbares Parlament, in dem gewählte Repräsentanten der Städte direkt mit dem Kaiser verhandeln konnten und dem gegenüber dieser verantwortlich war.

Ein weiterer großer Unterschied zwischen Deutschland und England im 14. Jahrhundert war der Urbanisierungsgrad. Wie Sie im ersten Kapitel sehen werden, gab es zu dieser Zeit kaum große Städte in England. Nur London mit seinen etwa 40 000 Einwohnern konnte nach mittelalterlichen europäischen Standards als Großstadt gelten. Und nur zwei weitere englische Städte, York und Bristol, hatten über 10 000 Einwohner. Im Heiligen Römischen Reich gab es Köln, Nürnberg und Lübeck mit jeweils mehr als 25 000 Bürgern und dazu mehrere Städte, deren Einwohnerschaft über 10 000 hinausging: im Rheinland Frankfurt, Mainz, Speyer, Worms, Straßburg und Basel, dann die Hafenstädte Bremen und Hamburg im Norden, Münster, Osnabrück, Magdeburg, Augsburg, Erfurt und Ulm im Binnenland und schließlich die Ostseehäfen Rostock, Wismar und Stralsund. Auch Breslau im heutigen Polen könnte man noch nennen. All diese Orte unterhielten Verbindungen zu den großen Märkten in der Champagne (Lagny-sur-Marne, Bar-sur-Aube, Provins und Troyes) im wirtschaftlichen Herzen Europas und zu anderen großen europäischen Städten. Auf dem Festland fanden sich Städte mit mehr als 25 000 Einwohnern in Italien (Florenz, Mailand, Genua, Venedig, Padua, Bologna, Verona, Pavia, Lucca, Rom, Neapel und Palermo), auf der Iberischen Halbinsel (Sevilla, Córdoba, Granada, Barcelona, Valencia und Lissabon), in Frankreich (Paris, Toulouse, Bordeaux, Rouen und Lyon) und in den Niederlanden (Gent und Brügge). Diese Verbindungen führten zu einer stärker kosmopolitisch geprägten Grundeinstellung in der ganzen Region und wirkten bis in die kleineren Städte hinein, etwa durch eine bessere Verfügbarkeit exotischer Handelswaren als in England. Verglichen mit dem mittelalterlichen Deutschland war der größte Teil Englands wirtschaftliche wie kulturelle Provinz.

Für den Adel, die hohen Geistlichen und die bedeutenden Kaufleute, die zwischen beiden Regionen reisten, war die Kultur allerdings eine einheitlich christliche – in Hinblick auf ihre Rechtgläubigkeit ebenso wie auf ihre Zweifel. Weltliche Ritter kamen zusammen und traten auf Turnieren gegeneinander an, nach Regeln, die alle gleichermaßen kannten und akzeptierten. Herrscherfamilien tauschten Bräute untereinander aus; ihre Mitglieder gingen gemeinsam auf Kreuzzüge und bewaffnete Pilgerfahrten nach Osteuropa wie auch in den östlichen Mittelmeerraum. Kirchenleute der ganzen Christenheit trafen sich in den päpstlichen Zentren Rom und Avignon und tauschten Ideen und Neuigkeiten ebenso aus wie religiöse Standpunkte. Die Südeuropäer sahen englische und deutsche Prälaten in einem ähnlichen Licht. Auf dem Konzil von Konstanz 1415, wo der Status Englands als unabhängige kirchliche »Nation« heiß diskutiert wurde, notierte Kardinal Fillastre in seinem Tagebuch, »die englische Nation sollte wieder der deutschen eingegliedert werden, zu der sie eigentlich gehört und mit der sie direkt verbunden ist«. Auf demselben Konzil wurde Jan Hus aus Prag der Häresie angeklagt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt: Er hatte seine Theologie weitgehend von dem Engländer John Wyclif übernommen. In einer Chronik des Konzils beschrieb der Konstanzer Bürger Ulrich von Richental die Ankunft der englischen Lords: Er zählte die Pferde, mit denen die Herren reisten, verzeichnete, wo sie untergebracht wurden, und verwendete ganz offenbar die gleichen hierarchischen Kategorien wie die Engländer selbst. Die mittelalterliche Kultur Europas war enger verwoben und homogener, als wir uns das gemeinhin vorstellen. Fernreisen waren für den normalen Bürger vielleicht schwierig – und für die normale Bürgerin noch schwieriger –, für die Reichen jedoch eine gängige Übung. Unsere moderne Wahrnehmung ist durch das dazwischenliegende Industriezeitalter und unsere Kenntnis um die deutlichen kulturellen Unterschiede, die damals in Europa herrschten, verzerrt. Diese Differenzen erscheinen uns übertrieben groß, weil wir wenig über den internationalen Austausch und unsere gemeinsame kulturelle Prägung vor dem 19. Jahrhundert wissen.

Heute wird (zumindest in der englischsprachigen Welt) viel über den Zweck und die Bedeutung von Geschichte geschrieben. Ob die Beschäftigung mit der Vergangenheit nun als eine Erklärung dafür gerechtfertigt wird, wie die Gesellschaft dorthin gekommen ist, wo sie heute steht, oder als eine Lektion dazu, wie man herrschen soll und wie nicht – jedenfalls präsentieren mehr Historiker denn je zuvor ihre Arbeiten nicht nur als Werke über die Vergangenheit, sondern als Texte, die auch eine Bedeutung für die moderne Gesellschaft haben. Für mich war Im Mittelalter das Buch, mit dessen Hilfe ich entdeckte, warum die Vergangenheit so wichtig ist. Es geht nicht in erster Linie darum, wie man sich im England des 14. Jahrhunderts kleidete oder wie man sprach, nicht einmal darum, was damals wirklich geschah; es geht vielmehr darum, wie es ist, überhaupt in jedem beliebigen Jahrhundert zu leben. Es ist ein Versuch, mit unserer eigenen Zeit zurechtzukommen, indem wir uns anschauen, wie die menschliche Erfahrung in anderen Jahrhunderten aussah. Wer würde schließlich der Meinung eines Mannes über sein eigenes Land trauen, wenn der nie irgendein anderes besucht hat und nie überhaupt auch nur darüber nachgedacht hat, wie das Leben wohl außerhalb seines Heimatlandes aussehen mag? Mit der Zeit ist es das Gleiche. Um unser eigenes Jahrhundert richtig zu verstehen, müssen wir wissen, wie man in vergangenen Jahrhunderten lebte. Und in Deutschland wie in England gab uns das 14. Jahrhundert mit dem Schwarzen Tod einen guten Ausgangspunkt.

EINLEITUNG

Willkommen im mittelalterlichen England

Welche Bilder kommen Ihnen bei dem Wort »Mittelalter« in den Sinn? Ritter und Burgen? Mönche und Klöster? Endlose Wälder, in denen Vogelfreie leben, die sich über die Gesetze der Mächtigen hinwegsetzen? All das sind gängige Vorstellungen, die aber wenig über das Leben der großen Masse der Menschen verraten. Stellen Sie sich vor, Sie könnten in der Zeit reisen: Was würden Sie finden, wenn Sie ins 14. Jahrhundert zurückgingen? Sie stehen an einem Sommermorgen auf einer staubigen Londoner Straße. Ein Diener öffnet einen Fensterladen im Obergeschoss und beginnt, eine Decke auszuklopfen. Ein Hund, der die Packpferde eines Reisenden bewacht, verfällt in lautes Gebell. Die Händler ganz in der Nähe rufen von ihren Marktständen herüber, während zwei Frauen dastehen und plaudern – eine schützt ihre Augen mit der Hand vor der Sonne, die andere hält einen Korb in den Armen. Die Balken der Häuser ragen in die Straße hinein. Gemalte Schilder über den Türen zeigen, was es in den Läden zu kaufen gibt. Plötzlich greift ein Dieb bei den Marktständen nach der Börse eines Kaufmanns, und der rennt laut rufend hinter ihm her. Alle drehen sich nach den beiden um. Und Sie, mitten in diesem Tohuwabohu, wo werden Sie heute Nacht unterkommen? Wie sieht Ihre Kleidung aus? Was werden Sie essen?

Sobald Sie sich vorstellen, dass die Vergangenheit passiert (und nicht schon passiert ist), eröffnet sich ein neuer Weg, Geschichte zu erfassen. Allein schon die Vorstellung, ins Mittelalter zu reisen, erlaubt uns, die Vergangenheit umfassender zu betrachten – mehr über die Probleme zu erfahren, mit denen sich die Engländer damals herumschlagen mussten, die kleinen Freuden ihres Lebens, ihre Eigenarten. Wie eine historische Biografie erlaubt uns auch ein Reiseführer in eine vergangene Zeit, die Bewohner als Menschen zu sehen: Es geht nicht um eine Reihe von Kurven, die Schwankungen beim Ernteertrag oder im Haushaltseinkommen zeigen, sondern um die Frage, wie es ist, in einer anderen Zeit zu leben. Sie können eine erste Ahnung davon bekommen, warum Menschen dies oder jenes taten, und sogar, warum sie Dinge glaubten, die wir einfach unglaublich finden. Diese Einsicht können Sie gewinnen, weil Sie wissen, dass diese Leute Menschen wie Sie und ich sind und einige ihrer Reaktionen schlichtweg natürlich. Mithilfe der Vorstellung, ins Mittelalter zu reisen, lernen Sie nicht nur die Realitäten kennen, die diese Menschen prägten, sondern auch ihr Wesen, ihre Hoffnungen und Ängste, das Drama ihres Lebens. Traditionell haben Schriftsteller dazu auf die Fiktion zurückgreifen müssen, aber es gibt keinen Grund, warum ein Sachbuchautor sein Material nicht ebenso direkt und teilnehmend präsentieren dürfte. Es nimmt den Fakten nichts von ihrer Gültigkeit, wenn man sie ins Präsens statt ins Präteritum setzt.

In mancher Hinsicht ist diese Idee nicht neu. Jahrzehntelang haben Bauforscher Bilder von Burgen und Klöstern in ihrer Blütezeit geschaffen. Ähnlich haben Museumskuratoren alte Häuser und ihre Ausstattung rekonstruiert und sie mit den Möbeln einer vergangenen Zeit gefüllt. Interessierte Zeitgenossen versuchen in Reenactment-Gruppen mithilfe des kühnen praktischen Experiments herauszufinden, wie es sich wohl in einer anderen Zeit lebte. Sie tragen die Kleidung jener fernen Zeit, kochen in einem Kessel auf dem offenen Feuer oder versuchen in schwerer Rüstung ein Schwert zu schwingen, wie man es damals trug. Sie rufen uns ins Gedächtnis, dass Geschichte weit mehr ist als ein rationaler Lernprozess. Um die Vergangenheit wirklich zu verstehen, braucht man nicht nur Wissen, sondern auch Erfahrung und den tief empfundenen Wunsch, eine spirituelle, emotionale, poetische, dramatische und inspirierende Verbindung zu unseren Vorfahren aufzubauen. Es geht um unsere persönlichen Reaktionen auf die Herausforderungen eines Lebens in früheren Jahrhunderten und Kulturen und um unser Verständnis davon, was ein Jahrhundert von einem anderen unterscheidet.

Am nächsten kommen Historiker einer solchen Betrachtung der Geschichte aus erster Hand mithilfe der »virtuellen Geschichte« und ihrer Frage »Was wäre gewesen, wenn …?«. Sie überlegen, was geschehen wäre, wenn sich die Dinge anders entwickelt hätten. Was wäre zum Beispiel gewesen, wenn Hitler 1940 Großbritannien überfallen hätte? Was, wenn die Spanische Armada Erfolg gehabt hätte? Solchen Spekulationen wird natürlich immer entgegengehalten, dass diese Dinge eben nicht geschehen sind (und es deshalb auch keinen Grund gibt, darüber nachzudenken), aber sie haben den großen Vorzug, den Leser direkt zu einem bestimmten Zeitpunkt zu entführen und Ereignisse so zu präsentieren, als spielten sie sich gerade ab. Das kann der Darstellung eine starke Unmittelbarkeit verleihen. Versetzen Sie sich in die Lage des Herzogs von Wellington bei Waterloo oder Nelsons bei Trafalgar: Beide wussten nur zu gut, was im Fall einer Niederlage auf sie zukam – genau wie ihre politischen Herren in England. Sie dachten ganz sicher über eine Vergangenheit nach,die dann nicht stattfand; so bringt uns die Rekonstruktion dessen, was andernfalls passiert wäre, den Entscheidungsträgern näher.

Stellen Sie sich nur einmal vor, dass die Engländer einige – vielleicht viele – Jahre länger die Tyrannenherrschaft Richards II. hätten ertragen müssen, wenn Henry IV. nicht 1399 nach England zurückgekehrt wäre, um ihn abzusetzen. Das hätte wahrscheinlich zur Vernichtung der Lancaster-Dynastie und all ihrer Unterstützer geführt. Im Frühjahr 1399 war diese Aussicht das Politikum schlechthin und einer der Gründe, die Henry dann wirklich zur Rückkehr bewegten. Und sie sorgte dafür, dass er so viele Unterstützer fand. So gesehen ist klar, dass es für ein angemessenes Verständnis der Vergangenheit entscheidend ist, Ereignisse als tatsächlich stattfindend zu sehen, selbst wenn man über die Folgen heute ebenso spekulieren muss wie damals.

Virtuelle Geschichte, wie ich sie oben beschrieben habe, ist nur für das Verständnis politischer Ereignisse von Nutzen. Für die Sozialgeschichte bringt sie relativ wenig. Wir können nicht gewinnbringend darüber spekulieren, was zum Beispiel wohl passiert wäre, wenn der Schwarze Tod nicht nach Europa gekommen wäre; es ging dabei nicht um eine bewusste Entscheidung. Doch wie die Rekonstruktionen typischer mittelalterlicher Häuser geben uns auch virtuelle Zeitreisen ein klareres, vollständigeres Bild vom Leben in einer anderen Zeit. Vor allem ergeben sich so viele Fragen, auf die wir vorher gar nicht gekommen sind und auf die es nicht unbedingt einfache Antworten gibt. Wie grüßen sich die Menschen im Mittelalter? Worüber lachen sie? Wie weit reisen sie? Geschichte aus dem Blickwinkel unserer eigenen Neugier heraus zu schreiben zwingt uns, eine ganze Reihe Fragen zu behandeln, die die traditionellen Geschichtsbücher eher außen vor lassen.

Das mittelalterliche England ist ein kaum überschaubares Ziel für den historischen Reisenden. In den vier Jahrhunderten zwischen der normannischen Eroberung und der Erfindung des Buchdrucks wandelt sich die Gesellschaft gewaltig. Ein normannischer Ritter würde sich bei den Vorbereitungen für eine Schlacht des späten 14. Jahrhunderts ebenso fehl am Platze fühlen wie ein Premierminister des 18. Jahrhunderts in einem Wahlkampf unserer Zeit. Deshalb konzentriert sich dieser Reiseführer auf nur ein Jahrhundert, das 14. Diese Zeit kommt der allgemeinen Vorstellung vom »Mittelalter« mit seinem Rittertum, den Turnieren, der Etikette, Kunst und Architektur wohl am nächsten. Man könnte sie geradezu als den Inbegriff des Mittelalters sehen – sie hat Bürgerkriege, Schlachten gegen die Nachbarländer Schottland und Frankreich, Belagerungen, Geächtete, Mönchtum, Kathedralenbau, Wanderprediger, Flagellanten, Hungersnöte, den letzten Kreuzzug, den großen Bauernaufstand der sogenannten Peasants’ Revolt und (vor allen anderen Dingen) den Schwarzen Tod zu bieten.

Nachdem ich nun betont habe, dass der Schwerpunkt dieses Buchs auf dem England des 14. Jahrhunderts liegt, muss ich das wieder ein bisschen einschränken. Man kann nicht alle Details der Zeit auf der Grundlage von Belegen aus dem 14. Jahrhundert abdecken; manchmal sind die Zeitdokumente enttäuschend unvollständig. Auch können wir nicht immer sicher sein, dass man 1320 etwas genauso machte wie 1390. In manchen Fällen wissen wir sicher, dass sich die Dinge dramatisch änderten: Die ganze Art, Kriege zu führen, wandelte sich im Lauf dieses Jahrhunderts, ebenso wie die Seuchenlage mit der katastrophalen Ankunft der Pest im Jahr 1348. So wurden, wo nötig, Einzelheiten aus dem 15. Jahrhundert herangezogen, um Entwicklungen des ausgehenden 14. Jahrhunderts zu beschreiben, und das 13. Jahrhundert hilft uns, Rückschlüsse auf die erste Hälfte unseres Beobachtungszeitraums zu ziehen. Dieses Verwischen der Zeitgrenzen ist nur nötig, wo es um sehr schwierige Fragen geht. So haben wir zum Beispiel relativ wenige Quellen zu Höflichkeit und Benimmregeln im 14. Jahrhundert, aber verschiedene sehr gute zum frühen 15. Jahrhundert. Da sich gutes Benehmen wohl kaum über Nacht entwickelt hat, habe ich die späteren Belege benutzt, weil sie die umfassendsten und genauesten sind, die uns zur Verfügung stehen.

Für dieses Buch habe ich die verschiedensten Quellentypen herangezogen. Natürlich sind zeitgenössische Primärquellen von entscheidender Bedeutung. Dazu zählen unveröffentlichte wie veröffentlichte Chroniken, Briefe, Haushaltsbücher, Gedichte und Ratgeberliteratur. Buchmalereien zeigen das Alltagsleben, das die Texte oft nicht beschreiben: etwa ob Frauen im Damensitz ritten oder nicht. In den erhaltenen Bauten des 14. Jahrhunderts steht uns in England ein reicher Schatz an architektonischen Belegen zur Verfügung – Häuser ebenso wie Burgen, Kirchen und Klöster –, und die ständig wachsende Literatur über sie liefert zusätzliche Informationen. In manchen Fällen haben wir Dokumente, die den architektonischen Befund ergänzen, wie etwa Baurechnungen und Prüfungsunterlagen. Es gibt eine wachsende Zahl archäologischer Funde, von ausgegrabenen Werkzeugen, Schuhen und Kleidungsstücken bis hin zu den Kernen von Beeren aus mittelalterlichen Latrinen und Fischgräten aus den Feuchtböden alter Teiche. Und wir haben eine Fülle eher typischer archäologischer Artefakte wie Münzen, Keramik und Gegenstände aus Eisen. Ein gutes Museum kann Ihnen ein genaues Bild vom Leben im Mittelalter vermitteln, dem nur durch Ihre eigene Neugier und Vorstellungskraft Grenzen gesetzt sind.

Vor allem aber muss gesagt werden, dass die beste Evidenz für die Frage, wie es war, im 14. Jahrhundert zu leben, eine bewusste Wahrnehmung des Lebens in irgendeiner Zeit ist, und das schließt das Heute ein. Unser einziger Kontext für die Interpretation all der historischen Daten und Fakten, die wir je sammeln können, ist unsere eigene Lebenserfahrung. Wir essen vielleicht anderes, sind größer und leben länger, halten Turniere für unglaublich gefährlich und jedenfalls nicht für simple Sportveranstaltungen, aber wir wissen, was Trauer ist, was Liebe, Furcht, Schmerz, Ehrgeiz, Feindschaft und Hunger bedeuten. Wir sollten immer daran denken, dass das, was wir mit der Vergangenheit gemein haben, ebenso wichtig, real und wesentlich für unser Leben ist wie jene Dinge, in denen wir uns unterscheiden. Stellen Sie sich eine Gruppe Historiker in 700 Jahren vor, die versuchen, ihren Zeitgenossen zu erklären, wie es war, im frühen 21. Jahrhundert zu leben. Vielleicht haben sie ein paar Bücher, auf die sie sich stützen können, ein paar Fotos, vielleicht digitalisierte Filme, die Überreste unserer Häuser und die eine oder andere kommunale Müllkippe, doch vor allem werden sie sich auf die Frage konzentrieren, was es heißt, Mensch zu sein. W. H. Auden hat einmal gesagt, dass man in wenigstens zwei anderen Ländern gelebt haben muss, um sein eigenes Land zu verstehen. Ähnliches kann man von Epochen sagen: Um das eigene Jahrhundert zu verstehen, muss man sich in wenigstens zwei anderen auskennen. Der Schlüssel, um etwas über die Vergangenheit zu erfahren, mag ein verfallenes Gebäude oder ein Archiv sein, doch das Instrument, mit dem wir sie zu erschließen suchen, sind wir selbst – und das wird immer so bleiben.

Die Landschaft – von Feldern, Wäldern und Städten

Große und kleine Städte

Die Kathedrale schiebt sich zuerst in Ihr Blickfeld. Sie wandern die Straße entlang, machen eine Pause unter den Bäumen, und da ist sie – so massig wie prächtig krönt sie den Hügel in der Morgensonne. An der Westseite steht zwar noch ein Holzgerüst, aber dennoch ist sie mit ihrem langen, 25 Meter hohen spitzen Bleidach, den Strebepfeilern und kolossalen Türmen das Wunderwerk der Region schlechthin. Sie wirkt 100-mal größer als jedes andere Gebäude ringsum und stellt die Mauern, die die Stadt umgeben, in den Schatten. Die paar Hundert Häuser in den verschiedensten Schattierungen und Farbtönen erscheinen winzig, kreuz und quer durcheinandergewürfelt wie Kiesel auf dem Grund eines Flusses, der den großen Felsen der Kathedrale umströmt. Die 30 Kirchen wirken im Vergleich dazu bescheiden, obwohl ihre niedrigen, gedrungenen Türme aus der Masse der Dächer herausragen.

Wenn Sie sich der Stadtmauer nähern, sehen Sie das große Torhaus. Zwei jeweils über 15 Meter hohe Rundtürme umrahmen einen gerade neu errichteten Spitzbogen mit einer bemalten Statue des Königs in einer Nische über dem hohen Durchlass. Der Anblick verscheucht alle womöglich aufkommenden Zweifel am Bürgerstolz der Stadt und ihrer Macht. Auf der anderen Seite dieses Tores sind Sie der Jurisdiktion des Bürgermeisters unterworfen. Hier residieren, in der Burg ganz im Nordosten, die Beamten des Königs. Hier herrschen Recht und Ordnung. Die hohe Umfassungsmauer, die Statue des Königs, die großen Rundtürme und – vor allem – die riesige Kathedrale beeindrucken Sie durch ihre schiere Kraft.

Und dann bekommen Sie den Geruch in die Nase. 400 Meter vor dem Stadttor quert die schlammige Straße, auf der Sie gehen, einen Bach. Wenn Sie Ihren Blick über die Ufer schweifen lassen, sehen Sie Müllhaufen, zerbrochenes Geschirr, Tierknochen, Eingeweide, menschliche Exkremente und verwesendes Fleisch im und unter dem Buschwerk. An manchen Stellen gehen die matschigen Bachufer in undurchdringliche Sümpfe voller Abfälle über. An anderen wuchern dickes grünes Gras, Schilf und Gestrüpp auf dem stark gedüngten Boden. Sie beobachten, wie zwei halb nackte Männer ein weiteres Fass mit Fäkalien aus einem Karren heben und es ins Wasser leeren. Ein kleines braunes Schwein wühlt im Müll. Das Rinnsal heißt nicht umsonst Shitbrook.

Das sind die Gegensätze einer mittelalterlichen Stadt. Sie ist so stolz, so erhaben und an manchen Stellen so schön; und doch zeigt sie alle ekelerregenden Züge eines aufgedunsenen Nimmersatts. Die Stadt als Ganzes ist eine Karikatur des menschlichen Körpers: übel riechend, schmutzig, gebieterisch, reich und duldsam. Und wenn Sie die Holzbrücke über den Shitbrook so schnell wie möglich hinter sich lassen und auf das Stadttor zueilen, fallen die Gegensätze noch stärker ins Auge. Eine Handvoll Jungen mit schmutzigen Gesichtern und strubbeligem Haar rennt auf Sie zu, umringt Sie und brüllt: »Sir, braucht Ihr ein Zimmer? Ein Bett für die Nacht? Woher kommt Ihr?« Sie rangeln darum, die Zügel Ihres Pferdes in die Hand zu bekommen, und tun womöglich so, als würden sie Ihren Bruder kennen oder kämen aus derselben Gegend wie Sie. Ihre Kleider sind schmutzig, ihre Füße noch schmutziger, sie stecken in Lederschuhen, die die Steine und den Dreck der Straße schon länger zu spüren bekommen haben als ihre derzeitigen Träger. Willkommen an einem Ort des Stolzes, des Reichtums, der Macht, des Verbrechens, der Gerechtigkeit, der hohen Kunst, des Gestanks und der Bettelei.

Die oben beschriebene Stadt ist Exeter im Südwesten Englands, aber es könnte praktisch jede der 17 Bischofsstädte sein. Und auch über viele andere große Landstädte könnte man Ähnliches sagen, nur dass ihre Kirchen keine Kathedralen, also keine Bischofskirchen sind. Mit jeder Ankunft an einem solchen Ort ist ein Angriff auf die Sinne verbunden. Beim Anblick der großen Kirchen kommen Sie aus dem Staunen gar nicht heraus, und fasziniert betrachten Sie mit weit aufgerissenen Augen den Reichtum und die Buntglasfenster, die Sie dort finden. Der Gestank aus den abwasserverseuchten Bachläufen und Gräben in der Stadt wird Ihnen in die Nase steigen. Nach der natürlichen Ruhe der Landstraße, dem Vogelgezwitscher und dem Rauschen des Windes in den Bäumen muss sich Ihr Gehör erst auf den Lärm der Reisenden und Stadtschreier, die Rufe der Arbeiter und das Läuten der Kirchenglocken einstellen. In jeder Stadt, ob groß oder klein, werden Sie am Markttag oder während des Jahrmarkts von den vielen Menschen hin und her geschubst, die zu diesem Anlass vom Land in die Stadt kommen und es in den Schenken so richtig krachen lassen. Eine englische Stadt des späten 14. Jahrhunderts ist eine ebenso verwirrende wie extreme Erfahrung für die Sinne.

So eine Stadt ist ein einschüchternder Ort. Sie werden schon die ausgedörrten Überreste von Dieben gesehen haben, die man an zugigen Straßenkreuzungen am Galgen hat baumeln lassen. An den Haupttoren regionaler Zentren werden Sie Köpfe und Gliedmaßen von Verrätern ausgestellt finden. Wenn Sie York, die größte Stadt des Nordens, betreten, sehen Sie die schwarz angelaufenen Köpfe von Verbrechern auf Pfählen über den Stadttoren aufgespießt – Vögel haben ihnen die Augen ausgepickt, Beine und Arme hängen an Seilen, jeder Körperteil das Überbleibsel einer verräterischen Intrige, das jetzt mit Maden übersät oder von Fliegen bedeckt ist. Diese Überbleibsel rufen Ihnen die Macht des Königs in Erinnerung, einen größeren und unheilvolleren Schatten jenseits der Autorität des Bürgermeisters und der Räte, der lokalen Herren, Sheriffs und Gerichte.

Dies ist, so könnte man sagen, die Landschaft des mittelalterlichen England schlechthin: ein Ort der Angst und des Verfalls. Doch in dem Moment, in dem Sie den Schatten eines Stadttors queren, erkennen Sie, dass das bei Weitem nicht alles ist. Sobald Sie zum Beispiel in Exeter durch das große Stadttor treten, sehen Sie die breite, stattliche South Street. Hier stehen einige der schönsten Häuser und Gasthöfe, die Giebelseiten ihrer steilen Dächer sauber an der Straße aufgereiht. Zur Rechten sehen Sie die Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit, eines Kults, dem im späten 14. Jahrhundert besondere Verehrung zukommt. Weiter die Straße hinab steht das ansehnliche Stadthaus eines Abts. Zur Linken zieht sich eine Reihe von Kaufmannshäusern hin, manche mit offenen Läden, mit Seidenballen und anderen kostbaren Stoffen in der Auslage der überdachten Ladenfronten. Einen Moment lang bemerken Sie vielleicht die unebene Straße mit ihrem Staub – oder Schlamm, wenn es gerade geregnet hat. Doch bald werden Sie schon wieder durch den Trubel um Sie herum abgelenkt. Ponys und Packpferde, beladen mit Getreide und geführt von Bauern der umliegenden Höfe, trotten durch die Stadt zum Marktplatz. Priester kommen vorbei, in ihren Habit gekleidet, mit Kruzifixen und Rosenkränzen am Gürtel. Vielleicht predigt am Ende der Straße ein Dominikaner in schwarzer Kutte, dem ein kleiner Kreis von Gläubigen lauscht. Landarbeiter treiben ihre Schafe und Rinder auf den Markt oder ziehen mit Eiern, Milch und Käse beladene Karren zu der Ladenzeile, die nicht ohne Grund als Milk Street bekannt ist.

Die Stadt ist so lebendig, so voller geschäftiger Menschen, dass Sie die geköpften Verräter nur allzu bald vergessen haben. Und der Gestank des Shitbrook hängt hier nicht mehr in der Luft; es fällt vielmehr auf, dass in den Straßen überhaupt kein Tierkot zu sehen ist. Schon sehen Sie in der South Street einen Diener, der vor dem Haus seines Herrn Pferdeäpfel zusammenkehrt. Auf Ihrem Weg in die Stadtmitte werden Sie noch mehr Läden entdecken, die eng zusammengedrängt in kleinen, zur Straße hin ausgerichteten Räumen von manchmal nicht einmal vier Quadratmetern Fläche untergebracht sind, aber nie auf ihr unverwechselbares Aushängeschild verzichten, um auch diejenigen, die nicht lesen können, auf ihr Gewerbe aufmerksam zu machen. Manchmal sind es Bilder von den Dingen, die sie verkaufen, etwa ein gemaltes Messer, das auf den Laden eines Scherenschleifers hinweist. Oder es sind dreidimensionale Gegenstände: Ein Scheffel auf einem Pfahl vermeldet, dass es hier frisch gebrautes Ale zu kaufen gibt; ein bandagierter Arm macht auf die Praxis eines Arztes aufmerksam. Am Ende der Smithen Street, die zum Fluss hinunterführt, können Sie das Dröhnen der Hufschmiede hören, die an ihren Essen den Hammer schwingen und mit kehliger Stimme ihren Lehrlingen auftragen, Wasser zu holen oder Kohle heranzuschaffen. Andere Handwerker in derselben Straße bauen Stände auf und hängen Eisenwaren wie Scheren, Binsenlichthalter und Messer auf, um die Aufmerksamkeit der Besucher vom Land zu wecken. Ein Stückchen weiter kommen Sie zur Butchers Row, auch The Shambles genannt, wo die Ladentheken schwer mit Fleisch beladen sind, das hier direkt in der Sonne liegt, während weitere Keulen und ganze Tiere im Schatten weiter hinten im Laden an Haken hängen. Hören Sie den dumpfen Laut, mit dem das Hackmesser auf das Schneidbrett herabsaust, und schauen Sie zu, wie der Metzger in seiner Lederschürze das rote Fleisch auf die Waage hebt und es sorgfältig mit Metallgewichten auswiegt, bis er sicher sein kann, dass zumindest er bei diesem Handel nicht übervorteilt wird.

Hier, inmitten der Läden der Stadt, werden Ihre vorgefassten Meinungen vom mittelalterlichen England erste Risse bekommen. Besuchen Sie das Zentrum jeder beliebigen Stadt, ob groß oder klein, und Sie werden von der außergewöhnlichen Vielfalt der Kleidung überrascht sein, von den in Rostbraun gehüllten Bauern bis hin zu reich gewandeten Kaufleuten und Esquires mit ihren Gattinnen oder sogar hin und wieder einem Ritter oder Adligen. Im grauen Winter verbergen womöglich Reisemäntel die farbenfrohen Gewänder, doch in diesem Sonnenlicht protzen alle mit sattem Rot, strahlendem Gelb und tiefem Blau, je nach gesellschaftlichem Rang auch gern mit Pelz eingefasst. Ähnlich geben die vielen Sprachen und Akzente, die dort zu hören sind, der Stadt ein kosmopolitisches Flair. Ausländische Kaufleute tauchen regelmäßig in größeren Landstädten auf, doch selbst in kleineren Orten hört man neben Englisch auch Französisch auf der Straße und gelegentlich Latein und Kornisch. Durch den Lärm des morgendlichen Gewimmels werden Sie den Stadtschreier hören, der von der Kreuzung im Stadtzentrum aus ruft, oder das Gelächter von Freunden über einen guten Witz. Über alldem erschallen die geübten Rufe der Straßenhändler, die mit großen Tabletts voller Speisen herumlaufen und laut »gekochte Erbsenhülsen« oder »schöne grüne Binsen«, »heiße Schafsfüße« oder »Rindsrippen und allerlei Pastetchen« anbieten.1

Die größten englischen Städte im Jahr 1377 2

Nr.

Ort (Bischofsstädte in Großbuchstaben)

Steuerzahler

Geschätzte

Bevölkerung

1

LONDON

23 314

40 000

2

YORK

7248

12 100

3

Bristol

6345

10 600

4

Coventry

4817

8000

5

NORWICH

3952

6600

6

LINCOLN

3569

5900

7

SALISBURY

3226

5400

8

Lynn

3217

5400

9

Colchester

2955

4900

10

Boston

2871

4800

11

Beverley

2663

4400

12

Newcastle upon Tyne

2647

4400

13

CANTERBURY

2574

4300

14

Bury St. Edmunds

2445

4100

15

Oxford

2357

3900

16

Gloucester

2239

3700

17

Leicester

2101

3500

18

Shrewsbury

2083

3500

19

Great Yarmouth

1941

3200

20

HEREFORD

1903

3200

21

Cambridge

1902

3200

22

ELY

1772

3000

23

Plymouth

ca.1700?

2800

24

EXETER

1560

2600

25

Kingston upon Hull

1557

2600

26

WORCESTER

1557

2600

27

Ipswich

1507

2500

28

Northampton

1477

2500

29

Nottingham

1447

2400

30

WINCHESTER

1440

2400

In Anbetracht des Lärms und des großen, vollen Marktplatzes wird es Sie vielleicht überraschen zu hören, dass nur relativ wenige Menschen wirklich in den Städten Englands wohnen. Im Jahr 1377 umfasst der Mauergürtel Exeters 600 bis 700 Häuser mit etwa 2600 Einwohnern. Damit liegt die Bischofsstadt unter den Gemeinden im ganzen Königreich schon an 24. Stelle. Nur die absolut größte von ihnen – London mit seinen über 40 000 Einwohnern – kann mit Fug und Recht eine Großstadt genannt werden, wie Brügge, Gent, Paris, Venedig, Florenz und Rom auf dem europäischen Festland, die alle über 50 000 Einwohner zählen. Glauben Sie nun aber nicht, dass Städte wie Exeter klein und ruhig seien. Die Gasthäuser tragen beträchtlich zu einer allerdings ständig wechselnden Einwohnerzahl bei. Reisende aller Art – Geistliche, Kaufleute, Boten, Amtsträger des Königs, Richter, Schreiber, Baumeister, Zimmerleute, Maler, Pilger, Wanderprediger und Musiker – findet man jeden Tag in einer solchen Stadt. Dazu treffen Sie sicher Scharen von Einheimischen, die vom Land hereinkommen, um Waren und Dienstleistungen zu kaufen oder ihre Produkte zu den Händlern zu bringen. Wenn man nur an die unglaubliche Vielfalt von Waren und Dienstleistungen denkt, die die Stadt bereitstellt, von Metallarbeiten bis zur Kürschnerei, vom Gericht des Sheriffs und den Büros der Schreiber bis zu den Läden der Apotheker und Gewürzhändler, wird klar, dass die Zahl der Menschen in der Stadt tagsüber wohl zwei- oder sogar dreimal so groß ist wie die eigentliche Einwohnerzahl. Und bei besonderen Anlässen – Jahrmärkten zum Beispiel – sind es oft noch viel mehr.

Die Gesamtzahl von 100 000 Steuerzahlern in den 30 größten Gemeinden deutet darauf hin, dass etwa 170 000 Menschen – zwischen sechs und sieben Prozent der Bevölkerung des Königreichs – in diesen Städten leben. Es gibt in England etwa 200 weitere Marktstädte mit über 400 Einwohnern. Insgesamt wohnen also etwa zwölf Prozent aller Engländer in einer Stadt, und sei es auch nur eine Kleinstadt mit etwa 100 Familien.3 Die Mehrheit lebt auf dem Land und kommt in die nächste Stadt, wenn es nötig ist. Die meisten gehen zu Fuß, tragen, was immer sie gekauft haben, oder treiben das Vieh vor sich her, das sie verkaufen wollen. Es ist dieses zielstrebige Kommen und Gehen der Menschen, diese ständige Bewegung, die eine mittelalterliche Stadt so dynamisch und lebendig wirken lässt.

Stadthäuser

Zu dem breiten Spektrum der Menschen, die in einer Stadt leben, passt auch die große Vielfalt von Gebäuden, die man in ihren Mauern findet. Sie haben schon einige besonders schöne und repräsentative Häuser gesehen, die an den breitesten, besten und saubersten Straßen stehen, also fast immer an jenen, die von den Haupttoren ins Zentrum der Stadt führen. Aber nicht alle Bürger wohnen im Luxus hübscher dreigeschossiger Häuser. Vielleicht sind Ihnen die kleinen, manchmal nicht einmal zwei Meter breiten Gassen aufgefallen. Sie wirken düster wegen der vorkragenden Balken der oberen Stockwerke, die über dem Durchgang näher zusammenrücken, sodass der erste und zweite Stock nur einen Meter Abstand zum Haus gegenüber haben. Die Häuser hier bekommen wenig Licht und haben meist keinen freien Platz ringsum. Einige Gässchen sind kaum mehr als matschige Trampelpfade. Wenn es keine Diener gibt, die sie frei halten, und die Hausbesitzer sie nicht reinigen, dauert es nicht lange, bis sie feucht werden, stinken und insgesamt widerlich aussehen. Laufen Sie mal durch eines davon im Winter, an einem trüben, regnerischen Nachmittag, und der Eindruck von Reichtum und Bürgerstolz wird sich schnell verflüchtigen. Der Regen spritzt in die großen schlammigen Pfützen, durch die Sie waten müssen, und das wegen der finsteren Wolken und der vorkragenden Häuser dämmrige Licht nimmt der Szenerie alle Farben. Dann sehen Sie die Rinnsale zwischen den Kübeln mit Schlachtresten und Küchenabfällen hinter den Häusern, die die Brühe aus verrottenden Nahrungsmitteln auf die Straße spülen. Wenn Sie das nächste Mal hier im aufgewühlten Schlamm vorbeistolpern, wird Ihnen Verwesungsgestank in die Nase steigen.

Diese zwei- und dreigeschossigen Gebäude sind noch lange nicht der Bodensatz in der Hierarchie der Wohnverhältnisse. Wenn Sie ein paar dieser dunklen Wege entlanggehen, fallen Ihnen bestimmt noch schmalere Abzweigungen auf. Die am dichtesten bewohnten Gebiete einer Stadt sind Labyrinthe winziger Gassen und Pfade, manchmal nicht mehr als einen Meter breit. Hier finden Sie die ärmsten Häuser: niedrige, einstöckige Reihen alter Fachwerkbauten ohne richtiges Fundament, in kleine Zimmer unterteilt, die einzeln vermietet werden. Man sieht sofort, dass sie alt sind: Die Fensterläden hängen schief oder sind schon ganz verschwunden. Die Schindeln rutschen vom Dach, das mit Flechten und Moos überzogen oder mit Vogelleim bestrichen ist. Die schmalen Wege und Gassen, die zu ihnen führen, sind kaum mehr als stinkende Abflusskanäle, im Grunde offene Kloaken. Das sind die verfallensten Gebäude der Stadt, doch weil sie nicht an einer Hauptstraße stehen und damit den Bürgerstolz nicht beeinträchtigen (weil Besucher oder reiche Bürger sie nicht zu sehen bekommen), zwingen die Behörden die Eigentümer nicht, sie in Schuss zu halten. Wenn eine Tür offen steht, erkennen Sie vielleicht im Halbdunkel einen einzigen Raum, der in zwei unterschiedlich große Bereiche geteilt ist: In einem schlafen die Kinder, im anderen liegen die Matratzen der Erwachsenen. Dort wird auch gekocht. Oft gibt es keine Toilette, nur einen Eimer (der am Shitbrook geleert wird). Die Mieter dieser Häuser verbringen fast den ganzen Tag außer Haus an ihrem Arbeitsplatz; sie essen auf der Straße und entleeren ihren Darm, wo sich die Möglichkeit bietet, am besten in den städtischen Toiletten auf der Stadtbrücke. Auch ihre Kinder wachsen draußen auf und spielen auf der Straße. Die Bengel, die sich um Sie drängten, als Sie sich dem Stadttor näherten, wohnen in solchen Hütten.

Wenn Sie so durch die Gässchen und Straßen einer mittelalterlichen Stadt streifen, stoßen Sie sicher irgendwann einmal auf eine hohe Mauer. Es ist nicht die große Mauer, die die ganze Siedlung umgibt, sondern eine der verschiedenen Einfriedungen, mit denen Sie rechnen müssen – rund um Klöster zum Beispiel oder zum Schutz der Häuser reicher Ritter, Prälaten und Lords. In den meisten Städten wird der Kathedralenbezirk von einer Mauer umschlossen, mit Toren, die die Menschen hereinlassen, solange es hell ist, und dafür sorgen, dass sie im Dunkeln draußen bleiben. Ähnlich liegen die älteren Klöster, die teilweise auf die sächsische Zeit zurückgehen, oft mitten in der Stadt. Alle Städte haben wenigstens eine ummauerte religiöse Einfriedung, und manche haben mehr als ein Dutzend davon. Deshalb ist Platz selbst in den weitläufigsten Städten Mangelware. Oft nehmen die Klöster und religiösen Bezirke schon ein Drittel der gesamten Fläche innerhalb der Stadtmauern ein. Wenn man noch etwa ein Zehntel für die königliche Burg und ähnlich viel für die Pfarrkirchen dazurechnet, wird klar, dass fast die ganze Bevölkerung in der Hälfte der Stadt unterkommen muss – und die besten Plätze meist schon von den großen Häusern der Reichen besetzt sind. Also müssen die Zuzügler in kleine Mietskasernen gequetscht werden, die anstelle abgerissener Häuser oder an einer Friedhofsmauer entlang gebaut werden. Nur wenige Bewohner dieser Slums verdienen irgendwann einmal genug Geld, um in die Häuser der wohlhabenden Händler und freien Bürger der Stadt zu ziehen.

Gehen Sie zum Marktplatz oder auf die große Marktstraße der Stadt zurück und schauen Sie sich um. Sicher fällt Ihnen auf, dass alle Häuser schmal und hoch gebaut sind. Kaum eines ist breiter als fünf Meter. Die meisten haben drei oder vier Stockwerke mit Fensterläden auf beiden Seiten der nicht verglasten Fenster. Diese Anordnung mit den vielen schmalen, hohen Häusern sorgt dafür, dass möglichst viele Kaufleute eine Front zum wichtigsten Marktplatz hin haben.

Im Erdgeschoss sehen Sie die schwere Haustür aus Eichenholz. Seitlich davon nimmt die Ladenfront den größten Teil des Hauses ein. Nachts und an Sonntagen ist sie geschlossen und wirkt wie eine Holzverschalung vor einem großen Fenster, doch zur Geschäftszeit ist die untere Hälfte heruntergeklappt und bildet eine Auslage, die obere Hälfte ist hochgezogen und abgestützt, um die Waren zu schützen. Dahinter befinden sich manchmal auch Werkstätten – vielleicht ein Kürschner, Goldschmied, Schneider, Schuhmacher oder ein ähnlicher Handwerker. Andere Gewerbe – Metzger und Fischhändler zum Beispiel – arbeiten oft draußen vor ihren Theken und nutzen das Innere ihres Ladens als Lagerraum. Immer aber leben oben über dem Laden die Händler und ihre Familien. Nur die reichsten Kaufleute – jene, die sich auf den Seehandel mit Massenwaren spezialisiert haben – besitzen getrennte Wohn- und Lagerhäuser. Diese enge Beziehung von Wohnen und Arbeiten bedeutet, dass viele Wirtschaftsgebäude einen gewissen Bauschmuck aufweisen: geflieste oder mit Schiefer behängte obere Stockwerke oder vorkragende Balkenköpfe mit Schnitzereien. Manche schmücken sich sogar mit geschnitzten und bemalten Wappenschilden oder -tieren.

Und dann biegen Sie um eine Ecke und sehen ganz andere, größere Häuser, die traufständig zur Straße gebaut sind. Sofort fällt Ihr Blick auf das Torhaus mit dem Spitzbogen und dem steinernen, zinnenbewehrten Turm darüber oder auf das lange Fachwerkhaus mit den großen Erkerfenstern, die auf die Straße vorspringen. Hier stehen die Häuser der reichsten und wichtigsten Bürger. Genauso, wie sich die verschiedenen Händler und Handwerker jeweils zusammenscharen – die Färber an einem Bachlauf, die Tuchhändler in der Cloth Street, die Metzger in der Butchers Row –, lebt auch die Mehrheit der einflussreichsten Bürger zusammen in den breitesten, bekanntesten Straßen. Sie finden hier das Stadthaus eines wichtigen Financiers neben dem eines Ritters oder Erzdiakons. Zu Beginn des Jahrhunderts sind solche Häuser durchaus noch aus Holz, doch immer mehr werden ersetzt, und so sieht man um 1400 meist stolze und stabile Steinbauten mit Kaminen und verglasten Fenstern. Deshalb werden Sie auch, wenn Sie eine Straße mit geräumigen, repräsentativen Stadthäusern entlangblicken, immer eines oder zwei eingerüstet sehen. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass die Gerüste aus zusammengebundenen Stangen aus Erlen- und Eschenholz bestehen und Planken aus Pappelholz tragen, dazu Flaschenzüge, um Steine und Körbe mit Ziegeln hochzuziehen und an Ort und Stelle zu manövrieren. So verschwinden die baufälligen Reste des 13. Jahrhunderts gerade allmählich, und neue, größere Bauten nehmen ihren Platz ein.

Diese Wohnformen – von den Slums mit den einzelnen Zimmern in dunklen Gassen über die hohen Kaufmannshäuser bis zu den großen Steinbauten der Reichen – bilden die Vielfalt der Gebäude und Wohnungen in einer Stadt natürlich nicht vollständig ab. Es gibt außerdem die eleganten Häuser der Kanoniker und anderen Amtsträger im Kathedralenbezirk mit eigenem Skriptorium, Kapelle und Bücherei. In Exeter steht die Königsburg mit dem alten Torhaus (die schon 300 Jahre alt ist, als der Schwarze Prinz sie 1372 besucht). Es gibt das Zunfthaus an der Hauptstraße, den Bischofspalast neben der Kathedrale und das College of the Vicars Choral (der die Messe in der Kathedrale singt) direkt vor den Toren des Kathedralenbezirks. Die besten Gasthäuser mit Schildern über den breiten Torbögen findet man in den großen Straßen. Die Türme der Stadttore bieten auch einigen auserwählten Beamten Unterkunft. Am unteren Ende der Gesellschaft finden manche Besucher ein Dach über dem Kopf, indem sie einen Schlafplatz in den Scheunen und Ställen rings um die Stadt mieten. Viele Häuser sind untervermietet, sodass man in einer Reihe von drei alten Kaufmannshäusern manchmal ein Dutzend arme Familien untergebracht findet. Dann gibt es da noch die Gästehäuser der Klöster und die Hospize. Und wenn man die eigentliche Stadt verlässt und in die Vorstädte geht, hat man den deutlichen Eindruck, dass es dort zwar vielleicht relativ wenige Einwohner gibt, die Gebäude, in denen sie leben, aber vielfältiger sind als in jeder modernen Stadt, selbst wenn diese 20- oder 30-mal so viele Bewohner haben sollte.

Eine letzte Sache noch: Bevor Sie gehen, drehen Sie sich noch einmal um und schauen Sie die Hauptstraße entlang. Ist Ihnen aufgefallen, dass die Straßen praktisch die einzigen öffentlichen Räume sind? Es gibt keine Parks und öffentlichen Gärten, selbst große offene Plätze sind in englischen Städten selten, wenn sie nicht als Marktplatz dienen. Die Straße ist die einzige allen offenstehende Freifläche. Im Zunfthaus treffen sich nur freie Bürger der Stadt, die Pfarrkirchen sind nur für die Mitglieder der Pfarrei gedacht. Wenn sich Menschen in großer Zahl versammeln, treffen sie sich auf den Straßen, oft auf dem Marktplatz oder am Marktkreuz. Dort werden Neuigkeiten vom Stadtschreier ausgerufen, dort treten Jongleure auf, dort sprechen Prediger. Doch das Marktkreuz ist nur der Mittelpunkt in diesem Netzwerk der Gespräche. Klatsch verbreitet sich durch die Männer und Frauen, die sich in den Gassen und Gässchen, den Läden, auf dem Markt oder an den Wasserläufen treffen. Eine mittelalterliche Stadt besteht nicht nur aus Häusern, sondern auch aus den Räumen dazwischen.

London

Eine Reise ins mittelalterliche England ist ohne einen Besuch in London kaum vorstellbar. London ist nicht nur die größte Stadt Englands, sondern auch die reichste, die lebendigste, die schmutzigste, die stinkendste, die mächtigste, die farbenprächtigste, die brutalste und die abwechslungsreichste. Für den größten Teil des Jahrhunderts ist die Nachbarstadt Westminster – mit London durch eine lange, elegante Straße namens The Strand verbunden – auch der ständige Regierungssitz. Um genau zu sein, wird sie zum ständigen Regierungssitz. Noch um 1300 ist die Regierung meist unterwegs, sie folgt dem König auf seinen Reisen durchs Reich. Seit 1337 allerdings siedelt Edward III. seine Beamten zunehmend an einem Ort an, in Westminster. Sein Kanzler, sein Schatzmeister und andere Amtsträger geben ihre Verordnungen und Schreiben in ihren ständigen Büros dort heraus. Nach der letzten Zusammenkunft in York (1335) tagen auch die Parlamente normalerweise in Westminster. Richard II. hält sechs seiner 24 Parlamente an anderen Orten ab (in Gloucester, Northampton, Salisbury, Cambridge, Winchester und Shrewsbury), verstärkt aber damit nur den Eindruck, dass Westminster doch der geeignetste Ort für Parlamentsversammlungen ist, weil die Commons, die Vertreter der niederadligen Ritter, Freibauern und Bürger, dort leichter daran teilnehmen können. All diese Entwicklungen sowie Londons Verbindungen zu europäischen Händlern und Bankhäusern stärken die Position der Hauptstadt. Als wirtschaftliches und politisches Zentrum ist sie am Ende des Jahrhunderts wichtiger als alle anderen Städte Englands zusammen.

Besucher sind von London zunächst einmal überwältigt – fassungslos beim Anblick so vieler Häuser, so vieler Läden, so vieler, manchmal über sechs Meter breiter Straßen und so vieler Märkte. Ihnen fallen die vielen Schwäne auf, die elegant auf dem Fluss dahingleiten, und die weiß gekalkten Bögen der London Bridge. Sie sind fasziniert von den Hunderten kleinen Booten, die die Themse hinauf- und hinabfahren. Tagsüber wirken die Kais sehr geschäftig, denn hier spielt sich der lokale wie der internationale Handel ab. 100-Tonnen-Schiffe können hier anlegen und Kaufleute und Waren aus der Ostsee und dem Mittelmeer mitbringen. Faszinierend sind auch die Menschenmengen. Zu den 40 000 Bewohnern der Hauptstadt kommen Reisende und Geschäftsleute aus allen Winkeln der Christenheit. So viele von ihnen kleiden sich in feinen Samt, Satin und Damast, dass man nur mit offenem Mund über ihren Glanz staunen kann, wenn sie in diesen Laden eilen oder aus jenem herausstolzieren, ihre Diener immer im Schlepptau.

London ist wie jede Stadt ein Ort großer Gegensätze. An den Straßen – selbst an den breitesten – stehen hier und da Bottiche mit fauligem Wasser, die eigentlich dem Löschen von Bränden dienen sollen, aber oft bis zum Rand mit verrottendem Abfall gefüllt sind. Die wenigen Straßen, die tatsächlich eine Art Belag haben, erleichtern den Verkehr kaum, denn sie sind so schlecht gepflastert, dass sich die Pfützen eher länger halten als auf den Staubstraßen. Anderswo bleibt der festgetretene Matsch das ganze Jahr über feucht. Die Ortsansässigen werden Sie darauf hinweisen, wie »übel riechend« dieser Matsch nach jedem Regenguss ist (als würden Sie das nicht selbst merken). Doch das sind nicht einmal die schlimmsten Probleme Londons. Der Gestank und die Verstopfung durch Mist, Gemüseabfälle, Fischreste und Eingeweide von Schlachttieren sind eine gewaltige Herausforderung für die Abfallentsorgung, wie sie keine andere Stadt in England kennt. Mit 40 000 ständigen Bewohnern und manchmal bis zu 100 000 Mündern, die gefüttert, und Därmen, die entleert werden müssen, kann eine Stadt ohne Kanalisation einfach nicht fertigwerden. Sie werden überall Ratten sehen. Die ganze Stadt ist verseucht. Und es gibt so viel Abfall, vor allem in den Gräben der Stadt, dass es auch von Hunden und Schweinen nur so wimmelt. Man startet immer wieder Versuche, die wilden Schweine auszumerzen, aber jeder Versuch zeugt nur davon, dass der vorherige gescheitert ist. Und wenn man schon die Schweine nicht loswird, was ist dann erst mit den Ratten?

Das Grundproblem ist die riesige Größe. London ist eine ummauerte Stadt, die in ihre Vorstädte überquillt. Sie besteht aus über 100 mehr als vollen Pfarreien. Selbst nach der Großen Pest von 1348/1349 – die etwa 200 Bürger pro Tag dahinrafft – strömen ständig Menschen vom Land nach, um ihren Platz einzunehmen. Es gibt also eine nie nachlassende Menge von Gerümpel aus den Wohnungen und eine ständige Nachfrage nach immer mehr Waren. London ist ein wichtiges Produktionszentrum und verbraucht deshalb unter anderem Unmengen von Schlachttieren und Häuten. Die einfachste Art, diese hierher zu bringen, ist der Lebendtransport, aber das heißt, dass inmitten der Wohngebiete Tausende Tiere täglich geschlachtet, gehäutet und verarbeitet werden. Zu Beginn des Jahrhunderts sieht man sogar noch Gerbereien – eine der geruchsintensivsten Arbeiten überhaupt – neben ganz normalen Wohnhäusern. Auch Fellhändler und Walker (die auf die Behandlung roher Wolle spezialisiert sind) üben ihr Handwerk auf der Straße neben Gewürzhändlern und Apothekern aus. Das ist ähnlich absurd wie eine Parfümerie neben einem Fischhändler, nur ungleich schlimmer, denn in der mittelalterlichen Vorstellung ist der Geruch von verwesendem Fleisch eng mit Krankheiten verbunden – und das oft aus gutem Grund. Sie wissen, dass es wirklich ernst wird, wenn die Londoner Behörden wie im Jahr 1355 ein Verbot herausgeben, weitere Fäkalien in den Graben rund um das Fleet Prisonzu werfen, weil man um die Gesundheit der Gefangenen fürchtet.4

Aber es wird besser in London, und das ist vor allem den einander ablösenden Bürgermeistern und Räten zu verdanken, die sich bemühen, die Straßen sauber zu halten. Der erste Schritt ist die Ernennung offizieller Schweinejäger, die vier Pence für jedes Tier bekommen, das sie beseitigen. Ab dem Jahr 1309 drohen allen, die menschliche oder tierische Exkremente auf Straßen und Gassen liegen lassen, Geldstrafen: 40 Pence für das erste Vergehen, 80Pence für den Wiederholungsfall.5 Ein Jahr später dürfen Kürschner und Fellhändler bei Androhung einer Haftstrafe bei Tageslicht keine Pelze mehr in den Hauptstraßen reinigen. Und noch einmal ein Jahr später ist das Häuten toter Pferde innerhalb der Stadtmauern verboten. Von 1357 an gibt es Vorschriften gegen das Lagern von Mist, Körben und leeren Fässern vor den Haustüren sowie gegen das Abladen von Abfällen in der Themse und dem Fluss Fleet, nachdem Letzterer praktisch schon ganz zugemüllt ist. Im Jahr 1371 wird jede Schlachtung großer Tiere (einschließlich Schafe) in der Stadt verboten; von da an müssen sie zum Schlachten zum Stratford Bow oder nach Knightsbridge gebracht werden. Und schließlich legt das Statute of Cambridge 1388 fest, dass jeder, der »Mist, Müll, Eingeweide und anderen Kot« in Gräben, Teiche, Seen oder Flüsse wirft, eine Strafe von 20 Pfund an den König zahlen muss. Mit dieser Gesetzgebung hat sich die Vorstellung einer parlamentarischen Verantwortung für die öffentliche Hygiene endlich durchgesetzt, und das – vor allem für London – gerade noch rechtzeitig.

Vergessen Sie, wenn Sie können, die üblen Gerüche und den alles verstopfenden Abfall der Stadt und konzentrieren Sie sich auf ihre Stärken. Staunen Sie über die vielen Gold- und Silberschmiede, Gewürzhandlungen, Seidengeschäfte. Es gibt Leute, die sagen, dass London eine Großstadt ist, weil man hier jede Medizin bekommt, die man braucht. Es gibt hier sicher mehr Mediziner, Wundärzte und Apotheker als irgendwo sonst in England. Sie werden auch eine kommunale Wasserversorgung – über Rohrleitungen – vorfinden, wenn auch der Druck manchmal schwach ist, weil viel Wasser in Privathäuser abgezweigt wird. Bei besonderen Gelegenheiten fließt auch einmal Wein aus den Rohren – etwa bei der Ankunft des gefangenen französischen Königs 1357 oder 1399 zur Krönungsfeier Henrys IV.

Zehn Orte in London, die man gesehen haben muss

1. London Bridge. Die 19 gewaltigen Bögen, die die Themse überspannen, sind ein Zeugnis der genialen Ingenieurskunst im Königreich. Die Brücke ist achteinhalb Meter breit; zwei Meter auf jeder Seite nehmen Häuser ein, die dann noch einmal mehr als zwei Meter über dem Fluss vorkragen, mit Läden, die sich zur Brücke hin öffnen, und Kaufmannshäusern darüber. In der Mitte befindet sich eine Thomaskapelle und am Südende zur Sicherung der Stadt eine Zugbrücke. Achten Sie beim Gezeitenwechsel auf die Stromschnellen zwischen den Bögen; die Stadtjugend macht sich einen Spaß daraus, sie mit Ruderbooten zu meistern.

2. St Paul’s Cathedral. Diese Kirche, mit deren Bau im 12. Jahrhundert begonnen und die kürzlich (bis 1314) erweitert wurde, zählt zu den beeindruckendsten im ganzen Land. Mit ihrer Länge von etwa 180 Metern ist sie die drittlängste Kirche der Christenheit. Ihr 150 Meter hoher Turm ist der zweithöchste in England, er stellt jenen von Salisbury (123 Meter) in den Schatten und wird nur von dem der Lincoln Cathedral (163 Meter) überragt. Aber vergessen Sie die Statistik; es ist die Schönheit der Kirche – besonders das Rosettenfenster an der Ostfassade und der Kapitelsaal –, die sie unbedingt auf jede Liste Londoner Sehenswürdigkeiten bringt.

3. Der Königspalast im Tower of London. Natürlich kennen Sie den White Tower, das gewaltige Bauwerk von William the Conqueror, doch ein Großteil der Burg, die Sie vor sich sehen – einschließlich des Grabens –, stammt aus dem 13. Jahrhundert. Hier liegt ein weitläufiger königlicher Palast mit einem großen Saal, den königlichen Privatgemächern und vielen weiteren herrschaftlichen Räumen. Außerdem ist hier die königliche Münze untergebracht, ebenso die königliche Bibliothek und die königliche Menagerie. Seit den späten 1330er-Jahren leben hier die Löwen, Leoparden und die anderen Großkatzen, die Edward III. sammelt.

4. London Wall. Alle großen Städte haben eine Stadtmauer, aber die von London ist etwas Besonderes. Sie ist fünfeinhalb Meter hoch und hat nicht weniger als sieben große Tore: Ludgate, Newgate, Aldersgate, Cripplegate, Bishopsgate, Aldgate und Bridgegate (letzteres führt zur London Bridge). Sie garantieren die Sicherheit der Stadt bei Nacht, ihre riesigen Eichentore sind mit schweren Riegeln gesichert. In Kriegszeiten können die Bürger ihre Stadt verteidigen wie eine riesige Burg.

5. Smithfield, direkt vor den Toren der Stadt, beherbergt den größten Fleischmarkt. Natürlich kommen die Menschen hier immer wieder beim Einkaufen zusammen. Noch mehr Menschen versammeln sich allerdings zu dem dreitägigen Jahrmarkt, der jedes Jahr am Bartholomäustag (24. August) stattfindet. Da Smithfield wirklich noch ein Feld ist, bietet es auch einen geeigneten Austragungsort für Lanzenstechen und Turniere.

6. The Strand verläuft von der Brücke über den Fleet, direkt außerhalb des Ludgate, am Nordufer der Themse bis nach Westminster. Diese Straße bietet dem mittelalterlichen Reisenden nicht nur den besten Blick auf den Fluss, sondern auch die prächtigsten Wohngebäude. Verschiedene Bischöfe haben hier ihre Paläste. Am beeindruckendsten ist das Savoy, ein königlicher Palast, in dem Edward III. seine Jugend verbracht hat. Später gibt Edward ihn an seinen Sohn John of Gaunt weiter, unter dessen Ägide er zum schönsten Stadthaus im ganzen Königreich wird. Beim englischen Bauernaufstand, der Peasants’ Revolt (1381), geht er allerdings in Flammen auf, brennt bis auf die Grundmauern nieder und bleibt für den Rest des Jahrhunderts eine schwarze Ruine.

7. Westminster Palace. Der altehrwürdige, im 11. Jahrhundert errichtete große Saal hat schon viele sagenhafte Feste erlebt. Im letzten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts lässt Richard II. den alten Grundriss mit seinen zwei Schiffen durch ein atemberaubendes, alles überspannendes Hammerbalkengewölbe ersetzen, das zu den phantastischsten Leistungen der Zimmermannskunst überhaupt zählt und wenigstens teilweise von dem großen Architekten Henry Yevele entworfen wurde. Auf der anderen Seite des Hofes sehen Sie den ebenfalls von Yevele geplanten, im Jahr 1367 fertiggestellten Glockenturm Edwards III. Die Glocke, die dort hängt, »The Edward« genannt, wiegt etwas mehr als vier Tonnen und ist der Vorgänger von Big Ben. Die Anlage beherbergt auch die wichtigsten Regierungssäle, vor allem die Painted Chamber, die Marcolf Chamber und die White Chamber (Räume, in denen die Kammern des Parlaments zusammentreten), das Schatzamt, die königlichen Gerichte und die königliche Kapelle (St. Stephen’s). Außerdem finden Sie hier die privaten königlichen Wohngemächer, den Prince’s Palace (die Räume des Prince of Wales), den Palast von Königin Eleanor und natürlich vor allem den Privy Palace, wo der König mit seiner Familie und seinen Günstlingen zusammenkommt. Edward II. hält hier eine Kammer für seinen Freund Piers Gaveston frei, Königin Isabella eine für Roger Mortimer.6

8. Die Kirche der Westminster Abbey