Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Eine Auslese renommierter KrimiautorInnen hinterlässt in Iserlohn eine tödliche Spur. Wer Iserlohn für ein gemütliches Städtchen hält, irrt gewaltig. Zwischen Schillerplatz und Alexanderhöhe, Danzturm und Seilersee finden zahlreiche kriminelle Machenschaften statt. Aber auch das ländliche Umfeld bleibt von Morden nicht verschont. Die Kurzkrimis von renommierten Autorinnen und Autoren sind mal bitterböse, mal urkomisch – aber immer mörderisch unterhaltsam. Mit Beiträgen von Uli Aechtner, Raoul Biltgen, Katja Bohnet, Christiane Dieckerhoff, Wulf Dorn, Marlies Ferber, Peter Gerdes, Brigitte Glaser, Peter Godazgar, Maren Graf, Kathrin Heinrichs, Carsten Sebastian Henn, Herbert Knorr, Sandra Lüpkes, Sunil Mann, Rudi Müllenbach, Elke Pistor, Jutta Profijt, Klaus Stickelbroeck, Walter Wehner
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 363
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Dieses Buch enthält fiktive Geschichten. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.
© 2021 Emons Verlag GmbH
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagmotiv: mauritius images/Blickwinkel/Alamy
Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer
Umsetzung: Tobias Doetsch
Lektorat: Christiane Geldmacher, Textsyndikat, Bremberg
E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck
ISBN 978-3-96041-719-4
Kurzkrimis aus dem Sauerland
Originalausgabe
Unser Newsletter informiert Sie
regelmäßig über Neues von emons:
Kostenlos bestellen unter
Liebe Leserinnen und Leser,
im Sommer und im Herbst 2020 sind zwanzig Autorinnen und Autoren des SYNDIKATs, der Vereinigung der deutschsprachigen Krimiautorinnen und -autoren, nach Iserlohn gereist, um zu recherchieren und fiktiven Verbrechen auf die Spur zu kommen. Und sie wurden fündig. Die dunklen Geheimnisse, die unsere Kolleginnen und Kollegen in der schönen Waldstadt entdeckt haben, möchten wir Ihnen in dieser Anthologie zur CRIMINALE 2022 präsentieren.
Die CRIMINALE! Seit über dreißig Jahren veranstaltet das SYNDIKAT dieses größte Krimifestival im deutschsprachigen Raum. Im Mai 2022 wird sie in Iserlohn stattfinden. Bis zu zweihundert Krimiautorinnen und -autoren werden für fünf Tage in die Stadt kommen, um Lesungen abzuhalten, Seminare über das kunstvolle Morden zu besuchen oder selbst zu geben, sich auf der Bühne mit professionellen Ermittlern auszutauschen und dem Publikum das ganze Spektrum der deutschsprachigen Kriminalliteratur vorzustellen. Auch die Geschichten dieser Anthologie.
So lassen Sie sich nun verführen in die chaotische, sinnliche und immer kriminelle Welt unserer Mitglieder, der höchst ehrenwerten Gesellschaft des SYNDIKATs.
Mit mörderischem Gruß
Jens J. Kramer
(Vorsitzender des SYNDIKAT e.
Inhalt
Sunil MannCandy
Klaus StickelbroeckOschis Eleven
Christiane DieckerhoffElisabeth
Brigitte GlaserAge-Otori
Raoul BiltgenDer Schatz von Kissing & Möllmann
Maren GrafMordsgewinn
Elke PistorLandhausener Ackerfrieden
Walter WehnerDas wird nichts
Sandra LüpkesEin Wort mit sieben Buchstaben
Jutta ProfijtDie geilste Sache der Welt
Kathrin HeinrichsFreier Fall
Peter GodazgarIn der Werkstatt
Uli AechtnerSchmückendes Beiwerk
Peter GerdesNazigold in Iserlohn
Wulf DornDer letzte Anruf
Rudi MüllenbachHahnenkampf
Marlies FerberKratzer im Lack
Carsten Sebastian HennIserlohner Pragmatismus
Katja Bohnet
Sunil Mann
Candy
In rasender Geschwindigkeit öffnet und schließt sich der Mund, die kirschroten Lippen unablässig in Bewegung, sie werden geschürzt, gekräuselt, gedehnt, kurz zusammengepresst, verziehen sich zur einen Seite, dann zur anderen, stülpen sich vor, verschwinden nach innen. Andere trainieren morgens den Beckenboden oder absolvieren Rumpfbeugen, Candy hat sich für Frühgymnastik im Kieferbereich entschieden.
Apathisch starrt Rosamunde auf die spinnwebfeinen Speichelfäden in den Mundwinkeln, in einem Zahnzwischenraum steckt ein Bröckchen brombeerfarbenes Granola fest, derweil sich ein endloser Wortschwall aus Candys Mund ergießt. Rosamunde wünscht sich, man könnte irgendwie den Ton ausblenden, so wie in diesen Filmszenen, wenn die Schauspielerin komplett aufgewühlt ist und die Alltagsgeräusche allmählich in ein Rauschen übergehen, bevor beruhigende Musik einsetzt. Doch sie ist nicht im Film, und es gibt keinen Regisseur, der sie mit einer neuen Tonspur erlöst, sie ist gezwungen, sich jeden einzelnen Satz anzuhören.
»… und dann er so: Ey. Und ich so: Hallo, du hier? Verstehst du, Schicksal, das war so krass, unglaublich.«
Sie dehnt die Vokale am Wortende, was sie wie eine grenzdebile Tussi klingen lässt. Was sie auf den ersten Blick auch ist, aber dieses Urteil wäre zu oberflächlich, das weiß Rosamunde aus Erfahrung. Candy mag sich wie jemand geben, die ihr Geburtsdatum als Geheimcode für die Kreditkarte auswählt, aber sie weiß ganz genau, was sie will. Wenn sie sich ein Ziel gesetzt hat, wird sie es auch erreichen, ganz egal, wie skrupellos sie dafür ihre Reize einsetzen muss.
»… und dann, dann zeigt er mir die Kleinen, die waren so schnuckelig, erst vier Wochen alt. Und bei mir gleich so der totale Meltdown, unglaublich …«
Rosamunde starrt auf die zuckenden Lippen. Kirschrot, die Farbe so glänzend und satt, dass sie an den Chevrolet Bel Air ihres Vaters denken muss, Jahrgang 56, der Wagen und der Mann.
Autolack, denkt sie, aber die Farbe ihrer Lippen ist längst nicht das Einzige, das an Candy künstlich wirkt.
Ihr Name ist es auf jeden Fall, sie heißt eigentlich Cornelia, doch für ihre Instagram-Follower ist sie Candy. Die süße, leicht naive Candy, die mit erstauntem Blick durch die Welt trippelt, die so niedlich das Mündchen aufklappt, wenn sie etwas nicht versteht – und sie versteht vieles nicht –, und dazu ihre blonde Lockenmähne schüttelt.
»… ich würde ja echt gerne mal was Karitatives machen, so nebenbei, weißt du, bevor das mit Insta so richtig losgeht. Kranke pflegen, auf einem Bauernhof mithelfen, Suppe für Obdachlose schöpfen oder so, Gutes tun, etwas zurückgeben, ja.«
Rosamunde schaut aus dem Fenster, der Zug erreicht in wenigen Minuten Iserlohn, und der Regen schreibt zitterige Linien auf die Scheiben, Botschaften, die sie nicht entziffern kann.
»Das kann ich total gut, Leuten zuhören, echt, ich könnte in einem Altersheim …«
Rosamunde sieht sich unvermittelt hinüberlangen, ein Griff in die blonden Locken, sieht Candys Gesicht gegen das Glas knallen, immer wieder, hört Knorpel knirschen, sieht das Blut aus ihrer Nase spritzen, ein unwilliger Schrei, ehe sie den Kopf der jungen Frau erneut gegen die Scheibe schmettert, so lange, bis es still ist, endlich Ruhe herrscht.
Doch sie tut es nicht, natürlich nicht, sie hat andere Pläne mit Candy.
»Fahrscheine, bitte.« Der Blick des Kontrolleurs schweift über Rosamunde hinweg und bleibt bei Candy hängen, die mit einem zuckersüßen Lächeln ihre Bahncard präsentiert.
Er prüft erst die Karte, danach – weit eingehender – Candys Oberweite und wünscht endlich einen schönen Tag. Rosamunde, die ihren Ausweis immer noch in der Hand hält, hat er schlicht vergessen.
»Du könntest schwarzfahren, dich beachtet eh kein Schwein.« Candy kichert und schlägt sich im nächsten Moment erschrocken die Hände vor den Mund. »Oh mein Gott, sorry. Das habe ich natürlich nicht so gemeint. Ich bin manchmal so schrecklich. Aber es muss schon hart sein für Frauen über vierzig, nicht? Man nimmt euch einfach nicht mehr wahr.«
Noch einmal sieht Rosamunde, wie sie Candys Gesicht, die Finger tief in ihre Lockenpracht gekrallt, gegen die Scheibe rammt, sieht Blut darüberspritzen, hört den dumpfen Laut, der Candy entfährt. Doch sie lächelt bloß müde.
»Der Lauf der Zeit, dagegen kann man nichts tun«, sagt sie nur, greift nach ihrer Tasche und steht auf.
»Kann man sehr wohl«, hört sie Candy hinter sich widersprechen, während sie auf den Ausstieg zusteuert. »Ist nicht ganz billig, aber es lohnt sich. Auf meinem Blog weise ich auf Treatments hin …«
Ablehnend schüttelt Rosamunde den Kopf, während Candy weiterplappert. Sie hat die Gesichter in den Magazinen und Zeitschriften genau studiert. Noch nie hat sie jemanden entdeckt, der nach einer solchen Behandlung tatsächlich jünger aussieht. Man sieht bloß behandelt aus, für jeden unschwer zu erkennen. Wächserne Gesichter, wie in den Abluftstrahl einer Flugzeugturbine geraten, Lippen, so unförmig aufgebläht, als wären sie mit einem heißen Bügeleisen malträtiert worden, Katzenaugen, die bei jeder unachtsamen Kopfbewegung aus den Höhlen zu ploppen drohen. Und dann das Unbehandelbare: faltige Schildkrötenhälse, in die Perlenketten beim Versuch, das Offensichtliche zu verstecken, Jahresringe gestanzt haben, von Altersflecken und Gicht verunstaltete Hände, verzweifelt unter Handschuhen versteckt, Dekolletés, die an knitterige Zeltblachen erinnern, die bei der Bergtour zuunterst im Rucksack gelegen haben.
Nein, sie wird in Würde altern, dazu hat sich Rosamunde längst entschieden, was auch immer das heißen mag. Dass sie allmählich unsichtbar wird, daran hat sie sich gewöhnt.
Es hat kurz nach ihrem dreiundvierzigsten Geburtstag begonnen. Sie war mit ihrer Mutter in der Konditorei »Spetsmann« verabredet und traf etwas zu früh ein, was seit ein paar Wochen immer häufiger geschah. Dass sie zu früh war. Und während sie auf einer Sitzbank mit bunt gepunktetem Bezug wartete, stellte sie etwas verwirrt fest, dass die Kellnerin sie nicht zur Kenntnis nahm. Weder war sie begrüßt worden, noch hatte man ihr einen Platz zugewiesen. Erst hielt sie es für Unachtsamkeit, so etwas konnte passieren. Aber Rosamunde hatte laut und deutlich gegrüßt, nachdem sie eingetreten war, und das Lokal war am frühen Nachmittag alles andere als voll – abgesehen von einer Gruppe älterer Damen, die so nahtlos in das Café passten, dass man nicht genau feststellen konnte, wo die Einrichtung aufhörte und die Damen anfingen.
Seltsam, dachte sie, verschwendete aber vorerst keinen weiteren Gedanken daran. Rosamunde dachte daran, chinesischen Grüntee und eine Sauerländer Apfeltorte zu bestellen, obschon sie eigentlich die Kalifornische Herrentorte bevorzugte. Aber mit einem einzigen Stück von der könnte man vermutlich den Welthunger für Monate außer Gefecht setzen. Ihr Kalorienzähler auf dem Handy kollabierte auf jeden Fall schon beim Eintippen, ihr Blutzuckerspiegel beschlug vor Entsetzen.
Um deutlich zu machen, dass sie bereit für die Bestellung war, hob sie kurz die Hand, als die Bedienung an ihr vorbeirauschte, doch die Frau schaute nicht einmal in ihre Richtung. Als sie das nächste Mal winkte, reagierte die Kellnerin immer noch nicht. Es war, als wäre Rosamunde gar nicht da. Und dann betrat ihre Mutter die Konditorei und lief einfach an ihrem Tisch vorbei, ohne auch nur einen Blick an sie zu verschwenden.
Mit einem Mal beschlich Rosamunde das unheimliche Gefühl, sie wäre im Begriff, sich aufzulösen, und zwar rasant, als würde sie Stück für Stück mit dem gepunkteten Bezug verschmelzen. Zu einer dieser alten Damen werden, die sich durch nichts mehr vom Hintergrund abhoben und die man erst bei der nächsten Renovierung wiederfinden würde. Erschrocken sprang sie auf, rannte die Treppe hinab zu den Toiletten und überzeugte sich im Spiegel, dass es sie noch gab.
***
Aber eigentlich hätte sie es wissen müssen. Im Büro nimmt sie schon seit Jahren keiner mehr wahr. Nicht nur Norbert. Für Männer hat sie tatsächlich aufgehört zu existieren, als hätte die drohende Menopause auf Kerle dieselbe Wirkung wie Ultraschallgeräte im Garten auf Katzen. Oder Kaiserkronen auf Wühlmäuse. Es kommt Rosamunde vor, als würde ihr Verfallsdatum in Leuchtziffern auf der Stirn blinken, der Stichtag, von dem an sie für den Fortbestand der Gesellschaft nicht mehr von Nutzen sein und auf der Stelle zur Last würde, die man wohl oder übel bis zu ihrem – hoffentlich baldigen – Ende mitzuschleppen hat.
Manchmal ertappt sie sich dabei, wie sie gedankenverloren hinter ihrem Computer sitzt und von dort in Norberts Büro hinüberschaut. Und dann denkt sie, dass sich manche Kreise irgendwann schließen. Als kleines Mädchen hat sie auf ähnliche Weise für Popstars geschwärmt, für Limahl und George Michael, wohl wissend, dass die Herren für sie unerreichbar waren. In vielerlei Hinsicht, wie sie erst Jahre später herausfand.
Nicht, dass Norbert über das Aussehen oder das Charisma eines Popstars verfügt – vielmehr strahlt er solide Gutbürgerlichkeit aus. Womöglich ist er ein bisschen zu bieder, und seinem Kleidungsstil, der sich auf Wildledermokassins und schlecht sitzende Anzüge in Pastellfarben beschränkt, hätte etwas kompromissloser weiblicher Einfluss sicher nicht geschadet. Aber wie damals bei den Popstars hat es sich Rosamunde längst abgeschminkt, jemals eine wichtige Rolle in Norberts Leben zu spielen. Näher als bei der wöchentlichen Teamsitzung, wo sie als Chefsekretärin jeweils direkt neben ihm Platz nimmt, wird sie nie an ihn herankommen, damit hat sie sich abgefunden.
Sie holt sich einen Kaffee am Automaten, den Norbert vor ein paar Jahren gespendet hat, nachdem die Versicherung einen überraschend hohen Umsatz eingefahren hatte. Ein Blick auf die Wermingser Straße, am frühen Morgen ist wenig los in der Fußgängerzone. Die Büros befinden sich in bester Lage, im zweiten Stock eines Wohnhauses, das von Weitem aussieht wie eine üppig mit Sahne dekorierte Torte.
Nach all den Jahren in der Versicherung ist es keine Verliebtheit mehr, die sie Norbert gegenüber empfindet, obwohl es zu Beginn eindeutig eine solche war. Eine im Geheimen glühende Leidenschaft. Immer wieder hat sie sich vorgestellt, wie sie in der Mittagspause hinübergeht und sich lasziv an den Türrahmen lehnt, langsam die Bluse aufknöpft und mit ihrer Zunge die Lippen umspielt. Wie Norbert ihre lustvollen Blicke erwidert, bevor er sich nicht mehr beherrschen kann und kurzerhand aufspringt, sie packt und auf den Schreibtisch wirft, während er ihr gleichzeitig den Rock hochschiebt.
Heute weiß sie, dass er kaum aufblicken würde, selbst wenn sie splitternackt in der Tür stünde. Und falls doch, würde er beschämt erröten und sie fragen, ob es ihr nicht gut ginge, ob sie sich den Nachmittag freinehmen wolle. Sie hat sich im Spiegel überzeugt, wie dämlich es aussieht, wenn man sich mit der Zunge vermeintlich lasziv über die Lippen fährt, überall Speichel und verschmierter Lippenstift, den Wurf auf den Schreibtisch würden weder ihre Bandscheiben noch die Tischplatte verkraften und das Hochschieben des Rocks enthüllte gnadenlos ihre Orangenhaut und die chronisch überforderte figurformende Unterwäsche. Vermutlich würde es Norbert mit seinen dünnen Ärmchen gar nicht erst schaffen, sie überhaupt hochzuheben.
Rosamunde seufzt und nippt an ihrem Kaffee. Nein, es ist kein entfesseltes Begehren, das sie Norbert gegenüber empfindet, nicht mehr. Eher hegt sie mittlerweile mütterliche Gefühle für ihn, aufrichtige Fürsorge, sein Wohlergehen liegt ihr tatsächlich am Herzen.
Ebendieses Wohlergehen ist in letzter Zeit allerdings bedenklich ins Schwanken geraten. Der Grund dafür heißt Candy. Natürlich.
Denn ehrgeizig, wie die kleine Cornelia ist, hat sie sich von der Aushilfskraft Stück für Stück näher ans Chefbüro herangerobbt, Zimmer um Zimmer hat sie abgearbeitet, bis sie endlich Rosamunde gegenüber zu sitzen kam, ein eigener Arbeitsplatz, wo sie die meiste Zeit auf ihrem Handy herumtippt oder Selfies macht. Der arme Norbert hatte nicht den Hauch einer Chance gegen Candy, sie hat alle ihre Reize ausgespielt und dabei schamlos auf das Kindchen-Schema gesetzt: große Augen, großer Mund, große …
Rosamunde entfährt ein unwilliger Laut, sie wirft ihrem Gegenüber einen vernichtenden Blick zu, ehe sie sich wieder setzt. Jetzt ist er ihr verfallen. Der arme Norbert hat ein gebrochenes Herz, denn Candy macht sich selbstverständlich nichts aus ihm, jetzt, da sie hat, was sie wollte.
Rosamunde erträgt es kaum, Norbert so unglücklich zu sehen, das hat er nicht verdient. Aber sie hat einen Plan, einen einfachen, aber effizienten Plan, und wenn alles so läuft, wie sie das vorgesehen hat, wird sie ab Montag nicht nur in absoluter Stille von Hagen nach Iserlohn fahren, auch das Büro wird sie wieder für sich allein haben. Norbert wird noch ein paar Tage oder Wochen trauern, aber er wird darüber hinwegkommen, davon ist sie überzeugt. Allzu sehr kann man ja nicht an etwas hängen, dessen Intelligenzquotient punktemäßig niedriger ist als die Schuhgröße.
»Ey, hast du an die Drinks gedacht?«, will Candy wissen. Sie hat sich einen Kugelschreiber ins Ohr gesteckt und fuhrwerkt damit in ihrem Gehörgang herum.
»Alles unter Kontrolle«, erwidert Rosamunde, obwohl sie viel lieber geantwortet hätte, dass sie selbstverständlich an alles gedacht hat, an jedes Detail, weil das ihr Job ist, weil sie den nicht nur gut macht, sondern auch qualifiziert dazu ist. Anders als andere in diesem Raum. Aber sie sagt nichts.
»Ich wollte nur sichergehen.«
Wieder wallt in Rosamunde der Wunsch auf, aufzuspringen, in Candys blonde Locken zu greifen und den Kopf nach hinten zu reißen, bis es knackt. Doch sie lächelt bloß. Sphinxhaft, wie sie hofft.
***
Das jährliche Mitarbeiteressen der Versicherung findet diesmal im Panoramarestaurant des Danzturms statt. Erst hat Rosamunde an einen Spaziergang gedacht, eine gute halbe Stunde durch den herbstlichen Iserlohner Stadtwald bis zum Fröndenberg, man hätte die Route so planen können, dass die Belegschaft am Rupenteich und am Ballotsbrunnen vorbeigekommen wäre. Teambildung findet nicht nur beim traditionellen Besäufnis am Ende des Anlasses statt, sondern bereits vorher, bei gemeinsamen Unternehmungen. Da gilt es, kollektive Erlebnisse zu generieren, auf die man später im Alltag zurückgreifen kann, das hat Rosamunde bei der letzten Kaderschulung gelernt. So etwas sei hilfreich für den Zusammenhalt und bei der Entwicklung einer entspannten Atmosphäre am Arbeitsplatz.
Und wie entspannt die Atmosphäre vor allem an ihrem Arbeitsplatz von einem Tag auf den anderen sein wird, das können sich die anderen gar nicht vorstellen.
Rosamunde lächelt. Wegen des Regens ist eine spontane Umdisponierung nötig gewesen, man fährt jetzt mit privaten Autos hoch, doch sie selbst ist die Strecke abgelaufen, als sie sich für die Besprechung des Anlasses mit dem Wirt getroffen hat.
Alles kein Problem, hat der gemeint, an demselben Datum würden zwar die »Iserlohner Batikfreunde« ihr fünfzigjähriges Bestehen mit einem Festmenü feiern, doch sie würden oft zwei Gesellschaften am selben Abend bewirten.
Es war ein schöner Nachmittag im Oktober, und die Idee, die sie erst als absurde Phantasie abgetan hatte, hatte sich nach und nach zu einer konkreten Absicht formiert. Noch nie hat sie sich den Wald so genau angesehen wie auf dieser kleinen Wanderung zurück nach Iserlohn, noch nie war sie so aufgeregt gewesen, während sie sich mit dem aufgeschlagenen Büchlein immer tiefer ins Unterholz vorgekämpft hat.
»1908/09 errichtet, wurde der Danzturm nach Ernst Danz benannt, dem wenige Jahre zuvor verstorbenen Ehrenbürger der Stadt Iserlohn. Etwas unüblich finanziert durch einen Basar samt Volksfest, überstand der Turm beide Weltkriege unbeschadet und gilt heute als Wahrzeichen der Stadt.«
Rosamunde sieht von ihren Notizen auf und lässt den Blick über ihre Kolleginnen und Kollegen schweifen, die sie bemüht interessiert anschauen, während sie in Gedanken längst bei Weißwein und Häppchen sind. Aber Hintergrundwissen und manchmal sogar Kultur gehören zu einem solchen Anlass, das hat Rosamunde aus dem Kurs mitgenommen. Weshalb sie für später, nach dem Essen, auch die Volksmusikband Luirlinge engagiert hat, eine Männerformation, die sich selbst als »Die Spatzen aus dem Sauerland« bezeichnet. Sie hat sich die Fotos auf der Website und einige Auftritte auf YouTube angesehen, Spatzen kamen ihr dabei aber nicht unbedingt in den Sinn. Da hätten die Jungs im Naturkundeunterricht echt besser aufpassen müssen.
Wobei sie das Publikum heute wohl nicht mit Gassenhauern wie »Wo bunte Blumen blühen« zum Tanzen animieren werden – oder zum maßlosen Trinken zwingen –, davon ist Rosamunde überzeugt. Dank der mitgebrachten Blasinstrumente sollte aber das spontane Anstimmen eines Trauermarschs kein Problem darstellen.
Rosamundes Blick bleibt kurz am Waldrand hängen, durch die Fensterfront des Restaurants hat man einen beeindruckenden Ausblick auf die Umgebung. Mit einer launigen Floskel beendet sie ihre kurze Rede, nimmt den verhaltenen Applaus entgegen und setzt sich wieder. Die Zehn ist ihre Tischnummer, die sie sich längst gemerkt hat. Die »Iserlohner Batikfreunde« hat man auf der anderen Seite des Restaurants platziert, allesamt tragen sie schreiend bunte T-Shirts, die irgendwie selbst gemacht aussehen, die Reden ziehen sich in die Länge.
Rosamunde versucht, ein paar Worte mit Norbert zu wechseln, der jedoch antwortet einsilbig. Bemitleidenswert sieht er aus, noch blasser als sonst in seinem malvenfarbenen Anzug, er starrt auf sein Gedeck und hebt nur hin und wieder kurz den Kopf, um Candy anzuschauen, die sich den Platz ihm direkt gegenüber geschnappt hat. Der Blick eines auf der Autobahn ausgesetzten Dackels, Rosamunde kann sein Leiden kaum mit ansehen.
»… und er so, echt Wahnsinn, und ich so, krass, dass es so was gibt, ne …« Candy reißt die Kulleraugen auf, wedelt mit den Händen, redet unablässig.
Glücklicherweise taucht jetzt der Kellner auf und nimmt die Bestellungen entgegen.
»Oh mein Gott, ich liebe Pilze«, quietscht Candy. Sie schließt die Augen und greift sich mit dramatischer Geste ans Schlüsselbein.
Ich weiß, denkt Rosamunde. Das morgendliche Gelaber war am Ende doch zu was gut.
»He, Leute, habt ihr das schon gesehen?«, ruft Candy begeistert in die Runde. »Frische Steinpilze aus dem Wald!«
»Woher sollen sie sonst kommen?«, fragt Jan, ein neu eingestellter Mitarbeiter mit rötlichem Haar.
»Was weiß ich?«
»Aus dem Supermarkt vielleicht?«
»Ey echt, Alter, machst du dich etwa lustig über mich?«, fährt sie ihn giftig an. Die anderen grinsen, und Jan schrumpft um ein paar Zentimeter.
»Also ich nehme die frischen Steinpilze auf Nudeln«, teilt Candy dem Kellner mit.
Niemand sonst bestellt vegetarisch, wie Rosamunde mit Erleichterung feststellt, die meisten entscheiden sich für ein Fleischgericht.
Nach der Vorspeise entschuldigt sich Rosamunde und sucht die Toilette auf. Sie setzt sich für ein paar Minuten auf den WC-Deckel, dann holt sie die kleine Papiertüte aus ihrer Tasche, betätigt die Spülung und betritt wieder das Lokal. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass sie jemandem auffallen sollte, geht sie zögernd und sieht sich suchend um. Doch kein Mensch spricht sie an, niemand stellt sich ihr in den Weg, als sie die Küche betritt. Im orangefarbenen Licht der Wärmelampen stehen die Teller fertig angerichtet auf der Durchreiche. Rosamunde bleibt stehen und sondiert die Lage.
»Tisch zehn ist bereit!«, ruft einer der Köche, als eine Kellnerin vorbeihuscht.
Die junge Frau nickt, verschwindet im Gastraum, sie hat Rosamunde keine Sekunde lang angesehen, womöglich hat sie sie nicht einmal bemerkt.
Vorsichtig tritt Rosamunde näher, und sobald sie das Pilzgericht ausgemacht hat, streckt sie den Arm aus und schüttet das fein gemahlene Pulver darüber. Das Ganze dauert keine zwei Sekunden, rasch steckt sie die leere Papiertüte wieder ein und verlässt die Küche, ohne dass sie jemandem aufgefallen wäre.
Erwartungsfroh setzt sie sich wieder an ihren Platz. Keiner scheint sie vermisst zu haben. Candy lamentiert über irgendeinen Lippenstift, den sie sich kürzlich gekauft hat, als am Tisch der Batikfreunde plötzlich Stimmen laut werden.
»Da fehlen Essen!«
»Einen Moment …«, sagt die Kellnerin errötend und überprüft ihren Notizblock.
»Bis der Hauptgang serviert wird, weiß normalerweise eh keiner mehr, was er bestellt hat«, meint eine resolute Dame mit nachsichtigem Lächeln und erhebt sich von ihrem Platz. »Da ist Chaos vorprogrammiert. Trotzdem wären wir Ihnen dankbar, wenn Sie die fehlenden Speisen schnellstmöglich …«
Ihr T-Shirt sieht aus, als hätte ein Dreijähriger grüne und braune Farbe auf dem Stoff verschmiert und dabei einen Anfall von Schüttelfrost erlitten, denkt Rosamunde.
»Wie findest du ihn?«
Rosamunde zuckt zusammen, als ihr Candy den Lippenstift unter die Nase streckt.
»Toll, ganz toll, tolle Farbe.«
»Ja, nicht? Echt toll.« Candy legt den Kopf schief, sodass ihre Locken über die linke Schulter fallen.
In solchen Momenten sieht sie beinahe schwachsinnig aus, stellt Rosamunde fest, während Candy unbekümmert weiterplappert.
Irgendwann schaut Rosamunde zum Batiktisch hinüber. Mittlerweile ist dort wieder Ruhe eingekehrt, die Essen sind alle serviert.
»Unglaublich lecker!«, ruft eine Dame mit himmelblau-zitronengelb verunstaltetem Oberteil und verdreht genüsslich die Augen. »Frische Steinpilze! Müsst ihr unbedingt probieren!«
Zustimmende Laute sind zu hören, und der Teller der Dame wird herumgereicht.
Es dauert eine Ewigkeit, bis der Kellner endlich mit den Essen auftaucht. Er entschuldigt sich und erklärt, dass es am Nebentisch Unstimmigkeiten bei der Bestellung gegeben habe, weshalb man dort einige der eigentlich für diese Gesellschaft bestimmten Speisen serviert habe. Die Batikfreunde würden noch zu einem anderen Anlass in der Stadt erwartet, in der Eile hätte sich keine andere Lösung gefunden. Er hoffe, man verstehe das. Die Küche habe aber selbstverständlich alles noch einmal frisch zubereitet, erklärt er, während er serviert.
Es dauert ein paar Augenblicke, bis Rosamunde begreift, was der Mann gerade gesagt hat. Sie erstarrt, es fühlt sich an, als würde sich ein Eiszapfen durch ihre Innereien bohren. Im nächsten Moment springt sie mit einem Aufschrei auf, doch ihre Knie geben nach, sie taumelt und stürzt, die Stirn knallt auf die Tischkante, ihr wird schwarz vor Augen.
***
Als Rosamunde wieder zu sich kommt, pocht in ihrem Schädel ein unsäglicher Schmerz. Stöhnend schlägt sie die Lider auf, Gesichter beugen sich über sie, Hände fingern an ihr herum, jemand hat ihr eine zusammengerollte Jacke unter den Nacken gestopft. Mühsam richtet sie sich auf und schaut zum Tisch der Batikfreude, er ist leer. Mit einem Wimmern sinkt sie zurück.
»Leute, sie hat total Blutzucker«, hört sie Candy rufen, verschwommen nimmt sie wahr, wie sich die junge Frau neben sie hinkauert.
»Lass uns ein paar Schritte gehen, ja?«, sagt Candy. »Frische Luft tut echt gut.«
Ächzend richtet sich Rosamunde auf, sie ist zu keinem klaren Gedanken fähig, in ihrem Kopf dreht sich alles. In sechs bis vierundzwanzig Stunden wird sich die Wirkung des getrockneten und gemahlenen Knollenblätterpilzes bemerkbar machen, daran erinnert sie sich dumpf. Dann folgen Durchfall, heftige Bauchschmerzen, Erbrechen, bevor die Symptome für zwölf bis vierundzwanzig Stunden abklingen, doch die Schädigung der Leber schreitet trotzdem voran. Am vierten Tag verfärbt sich die Haut gelb, man leidet unter Schüttelfrost und Bewusstseinsstörungen. Von da an dauert es nicht mehr lange, bis …
Rosamunde wimmert erneut. Noch bleibt ihr etwas Zeit, auch wenn ihr im Moment schleierhaft ist, wie sie die Sache zu einem guten Ende bringen soll. Candy hält sie am Arm fest, und willenlos lässt sie sich zur Ausgangstür steuern, während der Rest der Belegschaft verdattert herumsteht und sich vermutlich fragt, ab wann man nach einem solchen Zwischenfall wieder zum Weinglas greifen darf.
Die Luft hilft tatsächlich, schon nach wenigen Minuten fühlt sich Rosamunde besser, ihre Gedanken gewinnen an Klarheit.
»Lass uns auf den Turm steigen«, schlägt Candy vor.
»Auf den Danzturm?« Rosamunde schüttelt den Kopf. »Auf gar keinen Fall. Dazu bin ich noch viel zu wackelig auf den Beinen.«
»Bitte!« Candy wackelt mit dem Kopf und macht auf quengeliges kleines Mädchen. »Ich war noch nie da oben.«
Nachdenklich blickt Rosamunde zum Danzturm hoch. Achtundzwanzig Meter hoch, hundert Treppenstufen, sie hat nicht all ihr Wissen in die Rede einfließen lassen. Rosamunde gibt sich einen Ruck.
Die Aussicht von der Plattform ist großartig, die Lichter von Iserlohn glitzern weit unter ihnen, in der Ferne wären Dortmund, Unna und Hamm zu entdecken, doch dazu ist das Wetter heute zu diesig.
»Was war denn vorhin los mit dir?«, will Candy wissen. »Das war ja voll krass, ey.«
»Ich …« Rosamunde zögert, Panik erfasst sie plötzlich. Die Zeit läuft, sie muss unbedingt in Erfahrung bringen, wo die Batikfreunde hingegangen sind. Ein anonymer Anruf, so etwas in der Art schwebt ihr vor, die Anweisung, sich sofort ins nächste Spital zu begeben.
»In deinem Alter muss man wohl jederzeit mit so etwas rechnen, ne?« Candy hat den neuen Lippenstift aus der Handtasche geholt und schraubt ihn auf. »Da ist der Tod dein ständiger Begleiter, schon krass.«
»Lass uns wieder runtergehen«, meint Rosamunde kurz angebunden.
Hundert Stufen, sie kann es kaum erwarten. Sie verlassen die Plattform, Candy voraus, Rosamunde dicht hinter ihr. Der oberste Treppenabsatz. Ein tragischer Unfall, wird man sagen.
Ein leises Klacken ist zu hören.
»Verfluchte –« Abrupt bleibt Candy stehen und lässt ihren Blick suchend über den Boden schweifen.
»Der Lippenstift war ganz neu!«, jammert sie, weicht zur Seite aus und inspiziert die Stelle hinter ihrer Kollegin. Halb dreht sich Rosamunde zu Candy um, während sie gleichzeitig einen Schritt vorwärts macht, sie spürt etwas Rundliches, das unter ihrer Schuhsohle wegrollt. Ein Schrei entfährt ihr, als sie ausrutscht, das rechte Bein wird nach vorn geschleudert. Hektisch rudern ihre Arme durch die Luft, ehe sie das Gleichgewicht verliert.
***
»Und weißt du, was echt krass ist?« Candy macht eine dramatische Pause. »Die sagen, du kannst mich hören. Jedes Wort. Obschon du seit Wochen einfach daliegst. Der Arzt hat gemeint, ich solle unbedingt jeden Tag herkommen und mit dir reden, das würde dir guttun. Der ist ja so süß, echt, du solltest ihn sehen.« Candy hält inne, gluckst. »Das heißt … Na ja, lassen wir das.«
Eine Kamera klickt, Candy tippt auf ihrem Handy herum. »Ich habe eben ein Foto auf Instagram gepostet, ich hoffe, das ist okay.« Wieder dieses Glucksen. »Du glaubst nicht, wie viele Likes ich für Fotos kriege, auf denen ich neben dir am Bett sitze. Ich wollte ja eh schon lange so etwas machen, unbedingt. Gutes tun, etwas zurückgeben, weißt du noch? Hab ich dir doch erzählt. Lustig, dass es jetzt ausgerechnet du bist, die ich betreue. Meine beste Freundin. Ich habe ja sonst nicht so viele …« Sie macht eine Pause. »Du, weißt du, was auch krass ist?« Sie kichert. »Ich frage halt immer, dabei kannst du gar keine Antwort geben, so doof von mir. Auf jeden Fall: Im Restaurant, beim Mitarbeiteressen, nachdem dich der Krankenwagen … Ich musste dringend zur Toilette und bin irrtümlich in der Küche gelandet. Stell dir vor, da stand noch ein Pilzgericht herum, weil sie ja nach diesem Missverständnis mit den Batikfreunden für uns alles frisch gekocht haben. Auf jeden Fall sehe ich diesen Teller mit Steinpilznudeln unter der Wärmelampe und frage, ob der übrig sei, und der Koch sagt voll Ja. Er war so nett und hat mir alles eingepackt. Ich hab es ins Tiefkühlfach gelegt, für einen besonderen Moment. Frische Steinpilze mit einem guten Glas Wein. Das wird so krass, echt.«
Klaus Stickelbroeck
Oschis Eleven
Von allen speckigen Hinterzimmern in der Altstadt war dieses das trostloseste. Eine fette schwarze Stubenfliege stürzte sich trüb-sonor brummend auf den gelben klebrigen Fliegenfänger, der lockig von der Decke taumelte.
Kralle, der Älteste im Raum, fuhr sich mit der linken Hand übers Kinn. Das quietschte immer ein wenig, denn die war nach einem unglücklichen Tresor-und-Sprengstoff-Zwischenfall in Oer-Erkenschwick aus Gummi. »Wir sollen ein Ding drehen? Mensch, Oschmann. Hier in Iserlohn?«
Auch Hotte und Kucki, die anderen beiden Jungs am Tisch, blickten mich skeptisch an. Die Waldstadt Iserlohn mit der berühmten Dechenhöhle, dem beeindruckenden Danzturm und den ausgedehnten Waldflächen war schön, aber nicht Las Vegas.
Ich erhob mich, trat an die Zimmertür und öffnete sie. Ihr schulterlanges Haar glänzte schwärzer als die Neumondnacht, die Augen stachen seegrasgrün. Der dunkelblaue Einteiler war scharf und eng geschnitten und wollte keine Geheimnisse für sich behalten.
»Hallo zusammen. Ich bin Kitty.«
***
Ich wedelte mit der knallbunten Getränkekarte. »Ich hätte gerne einen Cocktail.«
Sie beugte sich über den Tresen. »Da kämen natürlich mehrere in Frage. Kennen wir uns eigentlich?«
Ich musterte die sportliche Frau mit den pechschwarzen Haaren im knappen roten Top. Da hatte der liebe Gott einen verdammt guten Tag gehabt. »Nicht, dass ich wüsste.«
»Du kommst nicht aus Iserlohn?«
»Ich bin nur vorübergehend in der Stadt.«
Ein Mann am anderen Ende des Tresens winkte wild mit seinem leeren Bierglas.
»Dachte ich mir schon. Ich kenne hier in Iserlohn nämlich jeden. Und alles. Ich heiße Kitty.«
So hatten wir uns kennengelernt. In »Richies Bar« auf der Mendener Straße. Jeden und alles? Das klang interessant. Nach dem dritten Bombay Sugar hatte sie mir erzählt, dass sie an den Wochenenden an der Kasse im Filmpalast am Kurt-Schumacher-Ring arbeitete. Und die bevorstehende Premierengala erwähnt.
***
»Ich steh nicht auf James Bond«, nölte Kucki und strich sich über den Bauchansatz. »Ist mir zu körperlich.«
Hotte hustete. »Im neuen Streifen gibt Margot Robbie das Bond-Girl.«
»Das ist doch die Freundin vom Joker?«, wunderte sich Kralle.
»Die haben sich vor ›Birds of Prey‹ getrennt«, erklärte Kitty.
»Ach?«
»Im letzten Tarantino hat sie mir gar nicht gefallen«, maulte Kralle.
Von Kralle wusste allerdings jeder, dass Filme mit hohem Dialoganteil ihn immer überforderten. Am besten gefielen ihm solche ohne Dialoge. Tierfilme zum Beispiel. Oder Pornos.
»Der letzte Tarantino wurde ja auch schon in den Sechzigern gedreht«, meinte Hotte zu wissen.
Kucki mahnte. »Bringt jetzt nichts durcheinander.«
Ich seufzte. Unsere Truppe war nicht die hellste. Den einen oder anderen hatte der liebe Gott etwas nachlässig kurz vor Feierabend zusammengeschraubt, aber ich wusste, dass ich mich auf die drei Freunde absolut verlassen konnte.
»›For Diamonds Only‹ heißt der neue Streifen.« Ich entrollte ein Filmplakat, das auf dem Tisch lag. »Und ich sage euch, warum.«
»Hoppla«, freute sich Kralle und hätte vor Freude am liebsten in die Hände geklatscht. »Die beiden Dinger würde ich jetzt aber nicht als Diamanten bezeichnen …«
Kitty verdrehte die Augen.
Ich deutete auf den Hals der blonden Schauspielerin. »Im neuen Bond trägt Margot Robbie diese Halskette, die auf mindestens zwei Millionen Euro geschätzt wird. Zur Vorpremiere kommt sie nach Iserlohn und wird wie immer als Promotion-Gag genau diese Kette tragen.«
»Die kommt persönlich?«, war Kralle aus eher unprofessionellen Gründen Feuer und Flamme.
Ich fuhr fort. »Ganz so üppig wird unsere Beute nicht, aber …«
»Wir klauen also … nicht … die Kette?«, fragte Hotte.
Ich schüttelte den Kopf. »Die Security-Leute werden die Diamantenkette keine Sekunde aus den Augen lassen. Sicherheitsmäßig wird sich alles um Margot Robbie und ihre Kette drehen. Und alles andere werden sie vernachlässigen.«
»Zur Vorpremiere wird eine große Benefizgala veranstaltet. Dort wird gespendet. Traditionsgemäß in bar. Und traditionsgemäß sehr viel«, verriet Kitty und gab dem Event eine Hausnummer. »Normalerweise kommt ein hoher fünfstelliger Betrag zusammen.«
»Und …«, fügte ich hinzu, »da habe ich mir gleich ein paar Gedanken gemacht.«
»Das soll aber nicht so eine durchgeplante Nummer werden, wo jeder andauernd auf die Uhr gucken muss, oder?«, befürchtete Kucki Schlimmes.
Ich blickte ihm in die Augen. »Genau so ein Ding wird das. Mit Zeitvergleich und allem.«
»Au Mann.«
»James Bond. Hollywood. Diamanten«, lächelte ich und schlug in die Hände. »Wir sind beim Film. Alles strikt nach Drehbuch.«
***
Zwischen Mesuts weiß glänzenden Kauleisten tanzte ein feuchtfleckiger Zahnstocher. »Die Premierenfeier findet im Foyer des Kinos statt. Erste Etage, direkt vorm Kino 1, wo später der Film gezeigt wird. Dreihundert Personen werden erwartet, es wird rappelvoll. Als Teil des Sicherheitskonzepts dürfen im Parkhaus nebenan nur geladene Personen mit Sonderausweis parken. In der dritten Etage gibt es einen direkten Zugang vom Parkdeck 3 in den Filmpalast.«
»Als geschlossene Fußgängerbrücke?«
»Genau. Mit viel Glas drum rum.«
»Wie viel Security wird eingesetzt?«
»Zwei meiner Männer werden die Kette bewachen, einer im Foyer die Glasbox mit dem Bargeld. Ich stelle einen Fahrer. Den Bodyguard für Margot Robbie mache ich persönlich.«
»Du bist sicher, deine Firma kriegt den Job?«
»Ich habe den Zuschlag schon bekommen, du Honk.«
»Das erleichtert den Job ungemein.«
»Tut es nicht«, knurrte Mesut und wirbelte den Zahnstocher vom linken in den rechten Mundwinkel. »Denn wir beide werden uns über diesen Event nicht noch einmal unterhalten. Du hast mir ein paar Fragen gestellt, und ich habe dir ein paar Antworten gegeben. Bei so einem Ding überprüfen die Bullen als Allererstes immer den Sicherheitsdienst, da steh ich bei denen ganz oben auf der Liste. Meine Jungs sind aber sauber. Und das soll so bleiben. Keine Spur wird von dir zu mir führen. Wenn du an meinen Jungs vorbeiwillst, lass dir was einfallen.«
Ich nickte.
***
Und hatte gar nicht lange überlegen müssen. Vor einiger Zeit hatte ich in Düsseldorf an einem mehrteiligen Tankstellen-Projekt gearbeitet und in einer exklusiven Bar auf der Bahnstraße die aparte Linda kennengelernt.
Linda lächelte interessiert. »Eine Premierengala?«
»Benefiz. James Bond.«
»Kommt James auch?«
»Leider nein.«
»Das ist schade.« Linda zog einen Schmollmund. »Benefiz? Du willst die gespendeten Gelder klauen? Das klingt nach ganz, ganz schlechtem Karma.«
»Der Veranstalter wird versichert sein. Es entsteht quasi kein Schaden. Ich brauche dich und eine Freundin. Hast du da was Vertrauenswürdiges?«
»Meine kleine Schwester, Chi Chi. Aber für eine Vorpremiere brauchen wir was Schickes anzuziehen.«
»Ich gehe mit euch shoppen.«
***
Pawel Zukovsky führte im Norden Dortmunds einen Schrottplatz. Der Pole konnte fast alles besorgen und besaß darüber hinaus eine Schrottpresse, mit der sich wiederum fast alles beseitigen ließ. »Einen Wagen?«
»Einen Transporter. Unauffällig, ausreichend Pferdchen unter der Motorhaube. Der Wagen soll einem Möbelhaus zugeordnet werden, das neben dem Filmpalast liegt.«
Pawel klemmte beide Daumen hinter die Trägergurte seiner ölfleckigen blauen Latzhose. »Ich könnte was Passendes an den Start bringen. Und lackieren. ’ne Aufschrift. Wann soll das Ding starten, Oschi?«
»Nächsten Samstag. Die Vorpremiere vom neuen James-Bond-Film.«
»Spielt da nicht die Freundin vom Joker mit?«
»Sie ist inzwischen seine Ex-Freundin.«
»Das geht manchmal schnell. Wer soll die Kiste später fahren?«
»Hast du einen Vorschlag?«
Pawel nickte über benzinbunt schimmernde Pfützen hinweg ans andere Ende des unbefestigten Hofes, wo seine Tochter an einem alten rubinroten Ford Mustang schraubte. Ihre langen, zur Farbe des Mustangs passenden Haare steckten unter einer schwarzen Baseballkappe. »Sabrina ist gut und hart am Gaspedal. Ein bisschen Spritgeld kann sie eigentlich immer gebrauchen.«
»Dann sollten wir ein paar Details durchsprechen.«
Pawel schob zwei ölverschmierte Finger in seinen Mund, tat einen Pfiff, der bis nach Gelsenkirchen zu hören war, und winkte seine Tochter heran.
***
René Van Damme saß neben mir am Tresen. Mit René und seinem Zwillingsbruder Antoine hatte ich in Belgien und Frankreich ein paar lukrative Bankgeschäfte abgewickelt. René hatte erstklassige Kontakte. Außerdem teilte der Mann aus Malmedy meine Leidenschaft für George Clooney, Brad Pitt, Matt Damon und raffiniert krachige Hollywoodstreifen. Ich erzählte ihm von meinem Iserlohn-Projekt. Über die Gin Tonics hinweg trafen sich unsere Blicke im Spiegel gegenüber.
»Knackiger Plan, keine Schnörkel. Könnte klappen.«
»Wir sind so weit gut aufgestellt.«
René grinste. »Aber du sitzt nicht mit mir an der Bar, um aus dem Nähkästchen zu plaudern.«
Es ist immer ein Vergnügen, mit Profis zusammenzuarbeiten.
Er hob sein Glas. »Dir fehlt noch ein Mitspieler?«
Ich verzog keine Miene.
»Dir … fehlen noch zwei Mitspieler?«
Ich ergriff meinen Gin.
René lächelte. »Mein Bruder und ich.«
»Oschis Eleven.«
Er zählte durch.
Ich stieß mit ihm an. »Mit dir und Antoine sind wir exakt elf. Denn einen klitzekleinen Schnörkel habe ich doch noch eingeplant.«
»Wir sind dabei. Und ich bin jetzt wirklich, wirklich gespannt.«
***
Einen derartigen Presseauftrieb hatte Iserlohn seit 2016 nicht mehr erlebt, seit die Roosters das Viertelfinale der deutschen Eishockeymeisterschaft erreicht hatten.
19:49Uhr.
Ich hockte stilecht im schwarzen Anzug mit Fliege im mit weichen roten Teppichen ausgelegten Foyer des Filmpalastes an der Theke des Kinobistros mit freiem Blick auf das Premierentreiben. Kameramänner filmten, Blitzlicht blitzte, Frauke Ludowig berichtete exklusiv.
Margot Robbie hatte im schwarzen Cocktailkleid atemberaubend ausgesehen und sich, begleitet von Mesut, schon in den Kinosaal zurückgezogen. War das da vorne Til Schweiger? Und da ganz hinten, beim Eingang, das war die Katzenberger, ganz sicher. Irgendwo steckte bestimmt auch Roberto Blanco.
Alle Anwesenden waren dem Anlass entsprechend ge- und verkleidet. Gleich mehrmals gaben sich Sean Connery und Roger Moore die Ehre, aber ich erkannte auch Blofeld, einige Bond-Girls, den Beißer und die beiden durchgeknallten schwulen Killer, Mr. Wint und Mr. Kidd, aus »Diamantenfieber«. Ein massiger, breit gebauter Security-Mann stand mit ernster, entschlossener Miene rechts neben einer großen Glasbox, in der sich inzwischen viele bunte Geldscheine dicht aneinanderdrängelten. Aus den Boxen unter der Decke lieferte eine Bond-CD den passenden Hintergrund, gerade gab sich die bezaubernde Sheena Easton die musikalische Ehre.
In meinem Rücken befand sich der Haupteingang des Filmpalastes. Rechts führte ein Durchgang ins Treppenhaus mit einer separaten Außentoilette und der Rampe zum benachbarten Parkhaus. Geradeaus blieben zwei Kassenbereiche heute unbesetzt. Links davon bot das Kino Popcorn, Champagner und Nachos an. Ich erkannte an einem der Counter Kitty, die mich und Teile des Teams hatte einschleusen können. Gegenüber der Snack-Theke lagen die Großraumtoiletten, noch weiter links führten Treppen hoch zu weiteren Kinos.
Ich spürte ein wohliges Kribbeln im Magen, seit Stunden jagte das treibende James-Bond-Thema durch meinen Kopf.
19:51Uhr.
Im Bereich der Kassen wippte Hotte sich auf den Schuhen abrollend vor und zurück. In seinen Knickerbockern und mit den teuren ledernen Handschuhen sah er aus wie Fröbe in »Goldfinger«. Hotte alias Goldfinger schien sich in genau diesem Moment zu entscheiden, die Außentoilette im Treppenhaus aufsuchen zu wollen. In seiner rechten Hand schaukelte ein zum Outfit passendes hellbraunes Köfferchen.
Linda und Chi Chi sahen in ihren neuen, raffinierten Cocktailkleidern umwerfend aus. Ich seufzte. Sie waren ja auch nicht billig gewesen, die traumhaften Abendkleider. Auf der Igelstraße in Iserlohn waren die beiden Schwestern während unserer Shoppingtour in der exklusiven »Hochzeits-Villa« fündig geworden.
Dass die beiden jungen Frauen – augenscheinlich vom spritzigen Premierenchampagner angeschwipst – jetzt kichernd in ihre Richtung stöckelten, fanden auch die beiden smarten Security-Männer aus Mesuts Sicherheitstruppe spannend, deren Job es war, den Zugang zu einem Nebenraum zu bewachen. Warum auch immer, mochte man sich da fragen.
Antoine, der sich vor einiger Zeit ebenfalls in einen sportlichen dunklen Smoking gezwängt hatte, konnte ich nirgendwo entdecken. Kitty wisperte ihrer Kollegin am Counter etwas ins Ohr und verschwand nach hinten.
Ich war der Libero. Es war angerichtet.
19:52Uhr.
In diesem Moment trat ein Mann mit Connery-Maske neben den Security-Kerl an der Spendenbox. Unauffällig. Von hier aus war nicht zu erkennen, dass der Mann dem Sicherheitsburschen eine Pistolenmündung in die Seite drückte. Ich hielt die Luft an. Connery flüsterte dem Mann etwas ins Ohr. Zögerlich ergriff der Sicherheitsmann die gläserne Box.
Ich sog Luft. Genau das hatte einen der Veranstalter, der ein paar Schritte entfernt stand, aufmerksam werden lassen. Selbst von hier aus konnte ich sein misstrauisches Stirnrunzeln erkennen. Er stieß einen neben sich stehenden Mann an.
»Mist.«
Das schien nicht glattzugehen, mein Magen krampfte. Locker bleiben! Noch lief alles nach Plan, denn der Security-Mann hob mit verkniffenem Blick die Geldbox in eine beigefarbene Stofftasche, die Connery ihm hinhielt.
Der Veranstalter führte sein Mobiltelefon ans Ohr.
»Scheiße«, murmelte ich.
Das mit dem Handy hatte auch Connery bemerkt. Mensch, wie lange dauerte das denn, bis der bräsige Security-Doof endlich die gläserne Box …
»Verdammt!«
Connery hielt plötzlich einen silbernen Colt in seiner Hand. Der würde doch nicht … Ich sprang auf. Im selben Moment jagte die Doppelnull eine Dublette in die Decke, Beton spritzte. Augenblicklich schrien Frauen spitz auf, warfen sich Männer zu Boden. Auf der anderen Seite des Foyers stießen die beiden Security-Kerle Linda und Chi Chi grob von sich. Der kräftigere der beiden schnellte nach vorne.
Connery rannte los, die Stoffasche mit der Rechten fest an sich gepresst, in der Linken die silberne Pistole.
Der Typ, der womöglich Til Schweiger war, stellte sich ihm breitbeinig in den Weg. Connery rammte ihn zur Seite und stürzte Richtung Treppenhaus.
Ich hinterher. Panisch rempelten Menschen mir entgegen, eine junge Frau stolperte, Popcorn prasselte auf meinen Anzug. Ich reckte mich auf die Zehenspitzen und sah, dass Connery zur Außentoilette hastete, die Tür aufriss und hineinstürzte.
»Er ist in die Toilette!«, brüllte jemand.
Anscheinend hatte Connery bemerkt, dass seine Idee, in die Toilette zu flüchten, keine besonders gute gewesen war, denn Sekundenbruchteile später erschien er wieder im Flur. Die dunkelblaue Stofftasche in den Fingern, peste er nach rechts durch den Zugang ins Treppenhaus. Mit meinen Blicken folgte ich ihm durch die Glastür. Zwei Stufen auf einmal nehmend, sah ich ihn die Marmorstufen nach oben springen.
Verdammt. Der athletische Security-Mann war Connery dicht auf den Fersen. Und holte auf. Der quadratische Kerl war topfit und machte mit jedem Schritt Meter gut.
»Mist!«
Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er Connery eingeholt hatte. Der erste Absatz. Jetzt hatte er ihn erreicht. Fast. Denn in diesem Moment wurde das rennende Viereck von einem älteren Mann angerempelt.
»’tschuldigung«, stammelte der Mann, der den Verfolger zur Seite hebelte, entsetzter Blick.
Der Security-Kerl stürzte krachend zu Boden. Besorgt beugte der unselige Alte sich über den Verfolger und versuchte, ihm aufzuhelfen. Ungelenk, mit einer Hand. Mit seiner rechten Hand. Denn seine linke war aus Gummi.
Mehrere Männer und Frauen redeten jetzt mit lauter Stimme auf die aufgebrachte Menschenmenge ein.
»Keine Panik! Bleiben Sie ruhig!«
»Keine Panik!«, rief auch ich.
Die Toilettentür öffnete sich. Goldfinger trat kopfschüttelnd heraus, das hellbraune Köfferchen an sich gedrückt. Unsere Blicke trafen sich. Goldfinger verzog keine Miene. Ich schloss mich ihm an, und wir verließen das Foyer durch den Haupteingang, bevor einer der Verantwortlichen auf die Idee kam, die Eingänge zum Filmpalast zu sichern. Klar, der Täter war ja ins Treppenhaus geflüchtet.
Raus aus dem Kino, nach rechts.
»Raumideen« hieß das Möbelgeschäft neben dem Filmpalast.
»Raumideen« prangte auch in weißen, geschwungenen Lettern auf der Karosserie des dunklen Lieferwagens, der vor dem Geschäft im eingeschränkten Halteverbot parkte.
Der Mann in der Latzhose mit Zollstock, der neben dem Transporter stand, öffnete die Seitentür des Fahrzeugs und kletterte selbst eilig auf den Beifahrersitz. Goldfinger und ich stiegen ein. So viel Geschmeidigkeit hätte man Goldfinger gar nicht zugetraut. Vorne ging die Fahrerin mit den rubinroten Haaren unter der Baseballkappe gut und hart ins Gaspedal.
»Bullen«, knirschte Pawel auf dem Beifahrersitz und zog den Kopf ein, denn auf der nächsten Kreuzung flog uns ein Streifenwagen mit Blaulicht und Horn entgegen.
Die Cops jaulten an uns vorbei. Vermutlich, um Sean Connery festzunehmen, der mit der Stofftasche samt gefüllter Glasbox im Treppenhaus des Kinos die Stufen hochgeflüchtet war.
19:56Uhr.
Ich blickte Goldfinger an und zeigte auf den Koffer. »Sind wir glücklich?«
Goldfinger nickte grinsend.
***
Den abgelegenen Bauernhof im Honsel hatte Kitty für uns als Treffpunkt aufgetan. Pawels Tochter Sabrina setzte den Wagen schwungvoll rückwärts in eine Hofzufahrt.
Hotte Goldfinger ruckelte mit dem Koffer. »Ich würde ja gerne mal nachgucken, wie viel drin ist.«
Mein warnender Blick geriet zur Ohrfeige.
»Is ja gut, keine Fingerabdrücke«, knurrte Hotte und verdrehte die Augen. »War ja nur ein Gedanke, Superhirn!«
