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1174 n. Chr.: Für Henry II Plantagenet, König von England und Herzog der Normandie, läuft es nicht wie gewünscht: Henrys Gemahlin will sich nicht mit dessen Mätressen abfinden, der älteste Sohn und Thronfolger fordert immer vehementer nach eigenen Machtbefugnissen, und zusätzlich hat Henry alle Hände voll zu tun, seine Grenzen gegen drängende Nachbarn zu verteidigen. Um die Feindschaft mit seinem größten Widersacher, dem mächtigen König Louis VII von Frankreich, beizulegen, arrangiert er die Vermählung seines Thronfolgers mit der Tochter des französischen Königs. Doch das Arrangement bringt nicht den erwünschten Frieden, sondern erweist sich sogar als fataler Fehler.
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Veröffentlichungsjahr: 2015
Sabine Keller
Im Namen des Prinzen
Historischer Roman
Imprint
Im Namen des Prinzen
Sabine Keller
published by: epubli GmbH, Berlin
www.epubli.de
Copyright: 2015 Sabine Keller
Coverfoto: Sabine Keller
ISBN:978-3-7375-7632-1
Außerdem von Sabine Keller im Epubli Verlag:
Die Angelsächsin (31922)
Kampf um Englands Krone: Wilhelm der Eroberer (26775)
Weitere Romane sind in Vorbereitung
Facebook: Sabine-Keller-Autorin/269398659903700
https://sabine-keller-autorin.jimdofree.com/
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Historische Zeittafel
Weitere Romane von Sabine Keller
England im Jahre 1174 n. Chr.: Im letzten Licht des Tages trabten zwei Reiter in gemächlichem Tempo den steinigen Weg entlang, auf die Festung des Herzogs von Grantham zu. Die tief stehende Sonne zauberte einen rötlichen Schimmer auf das satte Grün und täuschte ein Gefühl der Wärme vor, obwohl die angenehme Temperatur des Sommertages schon spürbar nachgelassen hatte. Nicht eine einzige Wolke störte die Unendlichkeit des Himmels, dessen violette Färbung über dem Horizont im Westen schon die nahende Dämmerung ankündigte.
Die staubigen Pferde der Männer hoben kaum noch die müden Hufe und prompt stolperte eines über die Wurzel einer großen Eiche, die vom Wegesrand aus ihre ausladenden Äste über den Weg spannte. Erschrocken fuhr der zusammengesunken im Sattel hockende, elegant gekleidete Reiter hoch.
„He, pass doch auf“, schimpfte er und nahm die Zügel kürzer.
Aufgeschreckt durch das Straucheln des Pferdes hob er den Kopf und sah voraus eine mächtige Festung, die auf einer weitläufigen Rodungsfläche am Ufer eines Flusses in Sicht kam. Über der Mauer flappte eine Fahne träge in der leichten Abendbrise und der Reiter richtete seine Aufmerksamkeit auf deren Farbe: Grün, die Farben von Sir Edward de Tourneau, dem Herzog von Grantham. Ja, hier war er richtig, er hatte sein Ziel fast erreicht. Endlich.
Er gähnte herzhaft, dann trieb er seinen Braunen zu einem etwas flotteren Tempo an. „Also los, das kurze Stück werden wir doch wohl auch noch schaffen.“
Mittlerweile tat ihm jeder einzelne Knochen weh, er fühlte sich erschöpft und zerschlagen, aber dort vorne in der Festung wartete ein gutes Mahl und ein weiches, sauberes Nachtlager. Also, je eher er ankam, desto besser.
Erschöpft warf er einen kurzen Blick auf den Ritter neben ihm, der ihn zu seinem Schutz begleitete. Der kannte offenbar keine Müdigkeit, oder der Mann konnte sie nur einfach gut verbergen. Jedenfalls saß der Ritter nach wie vor aufrecht und aufmerksam im Sattel, obwohl er zusätzlich auch noch, schon den ganzen Tag lang, eines dieser bleischweren Kettenhemden trug. Aber das gehörte ja schließlich dessen Job. Der elegant gekleidete Reiter zuckte die Achseln. Der untersetzte, kräftige Ritter neben ihm war an solche Strapazen sicher gewöhnt, ganz im Gegensatz zu ihm selbst. Trotzdem, plötzlich war ihm seine eigene, nachlässige Haltung unangenehm, also richtete er sich ächzend ebenfalls gerade auf.
Ein Stück voraus kam den beiden Reitern ein verspäteter Bauer auf dem Weg entgegen, der mit seinem polternden, leeren Karren eilig nach Hause strebte, nachdem er wohl seine Waren in der Burg abgeliefert hatte. Lebensmittel für das abendliche Mahl vielleicht oder Heu für die herzoglichen Pferde in den Stallungen der Festung, ging es dem vornehm gekleideten Reiter durch den Kopf, als er den gebeugt dahinstapfenden und nicht eben sauberen Mann kurz musterte. Knapp und ein wenig herablassend erwiderte er den ehrerbietigen Gruß des Bauern und richtete seine Aufmerksamkeit dann auf sein eigenes Aussehen.
Schon seit dem frühen Morgen saßen er und sein Begleiter im Sattel und das sah man ihnen und den kräftigen Pferden auch an. Prüfend sah er an sich hinunter, klopfte sich dann den Staub von den Kleidern und zupfte an seinem ledernen, mit Stickereien reich verzierten Wams herum. Immerhin war er ein hoher Beamter und in offizieller Mission unterwegs und da konnte er unmöglich wie ein Landstreicher vor den Herzog treten. Für den Ritt hatte er gezwungenermaßen derbere Kleidung wählen und dabei seine gewohnte Eleganz einschränken müssen, und dann auch noch dieser Staub! Er fühlte sich ebenso verdreckt, wie der hinter ihnen davonfahrende Bauer ausgesehen hatte.
Verärgert fegte der vornehme Reiter noch ein paar Fichtennadeln von seiner Schulter und gab dann dem Ritter die Anweisung, dessen etwas verrutschten Waffenrock mit dem auffälligen Wappen des englischen Königs glatt zu ziehen. Dieses Wappen war sozusagen ihre Visitenkarte. Es waren unsichere Zeiten, die Waffen saßen locker, und wenn man Missverständnisse vermeiden wollte, war es ratsam gleich klarzustellen, auf wessen Seite man stand.
Und es würde wahrscheinlich noch schlimmer werden. Die neuesten Nachrichten aus so ziemlich allen englischen Landesteilen verhießen nichts Gutes und auch vom Festland war wenig Positives zu erfahren. Nach allem, was man so hörte, war der Verrat des Grafen von Leicester bei weitem nicht nur ein lokal begrenztes, englisches Problem.
Graf Robert de Beaumont, Herr der Grafschaft Leicester, hatte im Frühjahr fleißig Intrigen gesponnen, vom Festland aus, unter dem Schutz von König Louis von Frankreich und damit in sicherer Entfernung von seinem eigenen König, Henry II von England. Sein Ziel war, in England einen Bürgerkrieg zwischen den alteingesessenen Angelsachsen und den herrschenden Normannen auszulösen. Einen Krieg, den die Angelsachsen nie würden gewinnen können und der den Normannen, und somit auch ihm selbst, mehr Land, Reichtum und Macht bescheren würde.
Glücklicherweise hatte er keinen Erfolg mit seinem Plan gehabt. Die Machenschaften de Beaumonts konnten rechtzeitig von königstreuen Rittern aufgedeckt werden. Leider war es König Henry jedoch nicht gelungen, den Verräter selbst, der sich beizeiten auf seine Besitzungen in Frankreich abgesetzt hatte, in die Hand zu bekommen. Dort stand er unter dem Schutz von König Louis von Frankreich und war für Henry unerreichbar.
Als Bestrafung für dessen Verrat konnte der Graf also nur geächtet werden, und seine englischen Besitzungen wurden konfisziert. Jetzt gerade wurde dessen Burg und die Stadt Leicester, die sich nicht kampflos ergeben wollten, durch die englischen Truppen belagert.
Normalerweise wäre die Angelegenheit damit erledigt gewesen, denn ohne Rückhalt in England und ohne die reichen Einnahmen der Grafschaft, die jetzt in die Tasche des Königs flossen, waren dem Verräter eigentlich die Möglichkeit zu weiteren Dummheiten genommen. In diesem Fall allerdings lagen die Dinge anders, denn, wie sich mittlerweile herausgestellt hatte, war der Graf selbst gar nicht der Drahtzieher gewesen, sondern nur ein Mittelsmann. Und damit hatten die Probleme für König Henry erst richtig begonnen. Die Gier einer Einzelperson hätte er leicht in den Griff bekommen. So aber war Graf Beaumont nur eine Nebenfigur in einem viel größeren Spiel, einem Spiel um die Krone von England, und dieses Spiel war noch lange nicht zu Ende.
Hier in Mittelengland schien man jedoch von dem drohenden Unheil völlig unbeeindruckt. Die große Festung von Grantham jedenfalls lag ruhig und friedlich in den Flussauen. Nur zwei Wachen konnten die Reiter oben auf den Wehrgängen der herzoglichen Festung ausmachen, die gelangweilt an den Zinnen lehnten und ab und zu einen eher uninteressierten Blick über die Umgebung schweifen ließen. Die beiden Ankömmlinge hatten sie nur kurz gemustert, als ungefährlich eingestuft und dann ignoriert.
„Nanu, der Herzog scheint sich ja sehr sicher zu fühlen!“, meinte der Ritter zu seinem eleganten Begleiter. „Nur zwei Wachen! Und seht Euch nur an, wie nachlässig die traurigen Gestalten da oben herumlungern! Dieser Mangel an Disziplin spricht nicht gerade für den Herzog.“
Bei einer Anlage wie dieser mit solch hohen, massiven Mauern, umgeben von einem breiten Wassergraben mit direkter Verbindung zum Fluss und nur zugänglich über eine einzige Zugbrücke, war eine übermäßig starke Wachmannschaft sicher nicht nötig. Aber ein wenig Vorsicht war wohl auch hier angebracht, zumal der Herzog der Befehlshaber der Truppen war, die gerade Leicester belagerten. Damit stellten er und seine Familie ein lohnendes Ziel für rachedurstige Sympathisanten des Grafen Beaumont dar.
Stattdessen gab es unaufmerksame Wachen, die Brücke war heruntergelassen und das eisenbeschlagene, massive Burgtor dahinter, zwischen den mächtigen, rechteckigen Türmen des Zwingers, stand einladend sperrangelweit offen. Dabei war das übliche geschäftige Treiben des Tages jetzt, kurz vor Dämmerung, sicher für heute schon längst beendet.
„So ein Leichtsinn! Der Herzog hat Glück, dass wir keine Feinde sind, sonst wären wir lange in der Burg, bevor es dieser schlampigen Besatzung gelänge, das Tor zu schließen!“
Beim Näherkommen konnten die Ankömmlinge jetzt durch das Tor hindurch in den Außenhof sehen, in dem nur noch ein einzelner Knecht ein Pferd zum Stall führte. Sonst war niemand zu sehen, keine der üblicherweise an einem herzoglichen Hof befindlichen Edelleute, die gerne den Außenbereich für einen abendlichen Spaziergang nutzten, keine Diener, keine Ritter.
Doch dann, bevor sie das hochgezogene Fallgitter erreichten und in die Burg einreiten konnten, verstellten ihnen urplötzlich zwei Wachen den Weg. Wie aus dem Nichts erschienen, standen die vorher unsichtbaren Ritter vor ihnen, von Kettenhemden und ledernen Brustpanzern geschützt und die Hände wachsam an den Griffen ihrer Schwerter.
„Sieh an, ganz so unvorbereitet, und unvorsichtig, ist Sir Edward wohl doch nicht“, stellte der elegante Reiter fest.
Sein Begleiter nickte zustimmend. „Wahrscheinlich halten sich die Wachen mit Absicht außer Sicht, damit ein Spion der Feinde nicht gleich über die Verteidigungsmöglichkeiten Bescheid weiß. Ein kluger Schachzug. Da haben wir dem Herzog wohl unrecht getan.“
Der Ältere der Wachen, ein krummbeiniger Mann mit angegrautem Bart, trat jetzt einen Schritt vor und hob die Hand. „Halt! Wer seid Ihr?“
Die beiden parierten ihre Pferde in respektvoller Entfernung vor dem Tor und grüßten höflich.
„Ich bin Sir James Witherby, Beamter des Königs, und ich habe Papiere von Richard de Lucy, dem königlichen Justiziar, die ich Sir Edward de Tourneau, Herzog von Grantham, übergeben soll. Mein Begleiter ist Ritter im Dienst des Königs.“
Die Burgritter musterten die beiden Reiter eindringlich. „Ihr habt natürlich entsprechende Papiere, die Eure Worte bekräftigen?“
„Selbstverständlich“, bestätigte Sir James sofort.
„Gut. Dann kommt näher.“
Unter den wachsamen Augen der Wächter, die genauestens jede Bewegung der Reiter beobachteten, trieben sie ihre Pferde wieder an und ritten langsam weiter bis zum Tor. Sir James kramte das verlangte Schriftstück aus einer versteckten Tasche seines Wamses und reichte es dem Wachmann.
Der untersuchte zuerst das Siegel mit dem königlichen Wappen, studierte das Schreiben und nickte schließlich. „Willkommen auf Burg Grantham, Sir James. Ihr könnt weiterreiten.“ Er faltete das Papier wieder zusammen und reichte es zurück. Dann gab er seinem Kollegen einen Wink, trat beiseite und gab den Weg ins Innere der Festung frei. „Im Haupthaus steht selbstverständlich ein Gastzimmer zu Eurer Verfügung und für Euren Begleiter gibt es eine Unterkunft im Quartier der Ritter. Ihr werdet sicher heute Nacht hier bleiben wollen. Der Herzog ist allerdings nicht anwesend, sondern hält sich mit seinem Sohn im Heerlager vor Leicester auf, aber Ihr könnt die Papiere mir übergeben. Ich bin Sir Charles, der Hauptmann der herzoglichen Wachtruppen und habe die nötige Vollmacht.“
Damit trat er auf den königlichen Beamten zu und wollte die Schriftstücke entgegennehmen, doch Sir James schüttelte ablehnend den Kopf.
„Das Nachtlager nehme ich dankend an, doch die Papiere darf ich nur dem Herzog persönlich aushändigen. Ich werde morgen in aller Frühe weiterreiten nach Leicester.“
Der Burgritter zuckte die Achseln. „Wie Ihr wollt. Es wird ein Gästeraum für Euch im Haupthaus vorbereitet und Euer Begleiter bekommt ein Quartier dort drüben im Nebengebäude in der Unterkunft der Burgbelegschaft.“
Mist! Sir James schnaubte ärgerlich. Wenn der Herzog nicht hier war, dann bedeutete das für ihn noch einen Tag im Sattel. Noch ein weiterer anstrengender Ritt! Aber wenigstens nicht heute und das war gut so, denn für diesen Tag reichte es ihm. Überhaupt hatte er die Nase gestrichen voll von diesem Auftrag.
Natürlich hatte er mit der Abwesenheit des Herzogs rechnen müssen. Immerhin hatte dieser das Oberkommando über die Truppen, die seit Anfang Juli die Stadt Leicester mitsamt der dazu gehörigen Burg belagerten. Aber eine Belagerung war keine großartige Sache, das könnte Herzog Edward auch den niederen Adeligen überlassen, die mit ihren Lehnsmännern unter seinem Befehl standen. Im Stillen hatte Sir James gehofft, der Herzog würde die Behaglichkeit seiner Festung einem zugigen Zelt im Heerlager vorziehen und die Aktionen von hier aus dirigieren.
Er selbst hätte es jedenfalls getan, aber leider war Sir Edward aus anderem Holz geschnitzt. Missmutig trieb James Witherby sein müdes Pferd ein letztes Mal für diesen Tag vorwärts und ritt, gefolgt von seinem Ritter in den gepflasterten Eingangsbereich ein. In der Stille der Dämmerung klapperten die Hufeisen der Pferde laut über die Steine und kündigten unüberhörbar die Ankunft der späten Gäste an. Vor dem zweiten Tor, das den Durchgang zum inneren Bereich der Burg bildete, ließ Sir James sich mit steifen Knochen aus dem Sattel rutschen und zog seinen Gürtel zurecht. So lange Ritte war er nicht gewohnt, sein ganzer Körper rebellierte gegen die ungewohnte Anstrengung und er fühlte sich müde und zerschlagen.
Überhaupt, dieser Auftrag war erniedrigend! König Henry hatte wirklich genug Reiter in seinem Dienst, die üblicherweise solche Botenaufträge ausführten, auf dem Festland wie auch hier in England. Wieso also musste er hier in der Gegend herumreiten? Er war schließlich kein gewöhnlicher Bote, kein Laufjunge, sondern ein hoher Beamter! Er unterstand Richard de Lucy, dem königlichen Justiziar, persönlich und verrichtete seine Arbeit üblicherweise von seinem sauberen Arbeitszimmer im Tower von London aus.
Diesmal jedoch hatte der König namentlich ihn benannt, diese Papiere zu überbringen. Streng geheim, hieß es in dem Befehlsschreiben aus der Normandie, wo sich König Henry mit seinem Hof aufhielt. Zu geheim, als dass man sie irgendeinem x-beliebigen Reiter hätte überlassen können. Dazu brauchte er einen absolut loyalen Boten, hatte König Henry geschrieben.
Klar, das Vertrauen des Königs schmeichelte ihm ungemein, ohne Frage. Trotzdem hätte er die Bequemlichkeit seines Arbeitsraumes dieser Tortur entschieden vorgezogen, wenn er eine Wahl gehabt hätte. Aber Befehl war Befehl. Eine Ablehnung war undenkbar, also hatte er sich ein ausdauerndes Pferd aus den königlichen Ställen geben lassen, einen kampfgewohnten Ritter zu seinem Schutz angefordert und war losgeritten.
Und jetzt war er hier in Grantham, in der Burg eines der einflussreichsten Männer Englands. Das Personal jedenfalls war auf Draht, wie es sich für einen herzoglichen Hof geziemte. Unbemerkt von den Ankömmlingen war Ihre Ankunft schon gemeldet worden, und noch bevor Sir James, steif vom langen Reiten, ein wenig ungelenk aus dem Sattel gerutscht war, stand schon ein Stallknecht bereit und übernahm sein Pferd. Neben ihm sprang sein Begleiter energiegeladen mit leichten Bewegungen von seinem großen Rappen und übergab ebenfalls die Zügel an einen Knecht.
Sir James schüttelte verständnislos den Kopf, als er das sah. Wie konnte der Mensch nach solch einem Ritt noch so fit sein?! Er selbst fühlte sich wie durch den Wolf gedreht und ausgespuckt, und dieser Ritter schwebte mitsamt seiner bleischweren Schutzausrüstung geradezu von seinem Pferd! Einen kurzen Moment musterte er sein eigenes, unübersehbares Bäuchlein und überlegte, ob er nicht mehr für seine Fitness tun sollte, doch dann zuckte er die Achseln. Wozu der Aufwand? Jedem das Seine. Er war nun einmal Beamter, also was sollte er mit Muskeln? Die seltenen Gelegenheiten, zu denen er sich tatsächlich einmal körperlich betätigen musste, würde er auch so überleben.
Er schob die lästigen Gedanken kurzerhand beiseite und beschäftigte sich stattdessen mit der momentan vordringlicheren Frage, was hier wohl zum abendlichen Mahl serviert wurde. Er hatte Hunger wie ein Bär! Voller Vorfreude übergab er sein nicht sehr umfangreiches Gepäck einem herbeieilenden Hausdiener und folgte dem Angestellten ins Haupthaus. Für seinen kurzen Aufenthalt war nicht viel Garderobe nötig. Außer seiner Reitkleidung brauchte er nur einmal elegante Kleidung, nämlich heute für das abendliche Mahl in der herzoglichen Festung.
Der Diener führte ihn durch die große Halle, wo sich drei elegant gekleidete Damen zum Gespräch in einem der Fenstererker auf gepolsterten Sesseln niedergelassen hatten und den Gast neugierig musterten. Sir James grüßte höflich und folgte dann seinem Führer, der einer breiten Steintreppe im Hintergrund zustrebte. Auch in dieser Festung befanden sich, wie allgemein üblich, die privaten Gemächer der Hausbewohner und die Räumlichkeiten für Hofmitglieder und Gäste in den oberen Stockwerken. Oben angekommen wandte sich der Diener nach links, einem nur spärlich von ein paar rußenden Fackeln beleuchteten Gang zu – der Flur zur Rechten war wohl dem Hausherrn und seiner Familie vorbehalten – und öffnete schließlich eine leicht knarrende, geschnitzte Tür.
„Euer Gemach, Herr. Es wurde schon vorbereitet.“
Alle Achtung, die Dienerschaft des Herzogs arbeitete tatsächlich schnell, dachte Sir James bei sich und trat neugierig ein. Tatsächlich brannten schon mehrere Kerzen in kunstvollen Leuchtern und verbreiteten ein sanftes, warmes Licht. Durch die Fenstereinsätze aus geschliffenen Hornscheiben drang nur noch wenig Helligkeit des scheidenden Tages in den Raum, da waren zusätzliche Lichtquellen schon angebracht. Ein Krug mit frischem Wasser stand griffbereit auf dem Waschtisch und die fein gewebte Tagesdecke auf dem Bett war einladend zurückgeschlagen.
Wohlgefällig sah er sich um, während der Diener die Taschen mit seiner Kleidung auf einer Truhe ablegte und sich mit einer Verbeugung zurückzog. Zwei mächtige, mit eisernen Nägeln verzierte Truhen für die Kleidung, ein geschnitzter Waschtisch mit Krug und Schale aus Steingut und ein kleiner Schreibtisch mit stoffbezogenem Hocker machten neben dem bequem aussehenden Bett die spärliche Möblierung aus. Eher behaglich und zweckmäßig eingerichtet als luxuriös, so verliehen die edlen Möbel und die reich bestickten Wandteppiche dem Raum doch eine gewisse Eleganz.
Außerdem gab es selbstverständlich den mächtigen Kamin für kalte Tage. Auch um diese Jahreszeit war der Raum recht kühl, trotzdem brannte der Kamin nicht, aber das hatte er nicht anders erwartet, denn das wertvolle Brennholz war für den Winter reserviert. Wirklich warm wurde es in einer Burg sowieso nie. Im Sommer drang die Sonnenwärme kaum durch die dicken Steinmauern mit den nur schmalen Fenstern und im Winter kam auch der Kamin nur dürftig gegen Kälte an, mochte der noch so groß sein und noch so gut befeuert werden.
Die privaten Räume waren üblicherweise klein, um die Wärme wenigstens zeitweise zu halten. Doch schon in geringem Abstand von der Feuerstelle entfernt fühlte man den eisigen Hauch, den die kalten Steinmauern abstrahlten. Außerdem zog es empfindlich durch die Ritzen unter den dicken Eichentüren und auch die Rahmen in den engen Fensteröffnungen waren nicht wirklich dicht.
Abhilfe gegen die Zugluft verschafften üblicherweise wollene Vorhänge und eine entsprechende Kleidung, und auch Sir James war passend ausgerüstet. Er entledigte sich seiner robusten Reitkleidung aus Leder und Leinen, wusch sich kurz und legte elegantere Gewänder für das abendliche Mahl an, ergänzt durch einen gefütterten, kunstvoll bestickten Überwurf. Auch wenn der Hausherr außer Haus war wie in diesem Fall, war es trotzdem selbstverständlich für anwesende Familienangehörige, Gäste und Ritter im Dienst des Burgherrn, sich zum gemeinsamen Mahl angemessen zu kleiden.
Sobald er fertig war, verließ Sir James sein Zimmer und ging hinunter in die große Halle. Die Sonne war inzwischen untergegangen und es war Zeit für die abendliche Zusammenkunft der in der Festung lebenden Ritter und ihrer Damen. Eben noch, bei seinem Eintreffen, war die Halle unmöbliert gewesen. Jetzt standen Tische in der Mitte, die von Hausknechten schnell aus einfachen Böcken und dicken Holzplanken errichtet worden waren. Holzbänke, tagsüber an den Wänden entlang platziert, wurden gerade an die Tische gezogen, als Sir James dazu kam und sich unter einige schon wartende Burgbewohner mischte. Da so ziemlich jeder der Anwesenden Interesse an Neuigkeiten, Klatsch und Tratsch aus London hatte, kam er schnell mit den Leuten ins Gespräch.
Währenddessen wurden im Hintergrund die Speisen aufgetragen. Es gab Fisch aus dem nahen Fluss, Wild, Eier, Hirsegemüse, Zwiebeln und rote Rüben, dazu ofenfrisches Brot, Käse und gekochte Früchte, und natürlich Bier in unbegrenzten Mengen. Ein verführerischer Duft zog durch den großen Raum und Sir James konnte sich endlich zusammen mit den anderen an die Tafel setzen, streng geordnet nach Rang und Herkunft. Sir James, dem hochrangigen Beamten, gebührte ein Ehrenplatz am oberen Ende der Tafel, gleich neben den Sitzplätzen, die dem Hausherrn und dessen Familie vorbehalten waren und heute unbesetzt blieben. Sein Begleiter saß weiter unten bei den Rittern der Burg.
Nach dem anstrengenden Ritt war er entsprechend hungrig, also griff er herzhaft zu und ließ sich die einfachen, aber gut zubereiteten Gerichte schmecken. Genüsslich kauend betrachtete er neugierig die übrigen Anwesenden, deren Stimmen und Gelächter eine fröhliche Stimmung an der Tafel verbreiteten. Es hatte sich eine recht ansehnliche Mannschaft an Rittern, teilweise begleitet von ihren Damen, in der Halle versammelt. Außerdem lebten in der Festung ja auch noch Männer, die nicht adeliger Herkunft waren und daher in der Gesindeunterkunft ihr Mahl einnahmen, und diejenigen, die jetzt gerade Wachdienst hatten. Der Herzog hatte eine eindrucksvolle Anzahl Kämpfer in seiner Burg und war ganz offensichtlich gut auf den Ernstfall vorbereitet.
Das war wohl auch nötig. Zusammen mit Richard de Lucy, dem Justiziar von König Henry II, war Herzog Edward einer der engeren Vertrauten des Königs hier in England. Und momentan war er außerdem der Hauptbefehlshaber über die Truppen, die gerade mit der Belagerung von Leicester beschäftigt waren. Graf Beaumont, der Herr von Leicester, befand sich ja leider nicht selbst in seiner belagerten Burg, sondern in Frankreich bei König Louis. Und von dort aus konnte er durchaus auf den Gedanken kommen, seine Freunde und Anhänger in England zu einem Gegenangriff zu mobilisieren und die Burg des feindlichen Kommandanten angreifen zu lassen. Der Herzog war also durchaus gut beraten, wenn er sich nicht nur auf die Einnahme von Leicester konzentrierte.
Nach dem Mahl nahm Sir James noch eine Weile an den Unterhaltungen der Anwesenden teil, die ihn neugierig über das gesellschaftliche Leben in der Hauptstadt ausfragten. Aber er blieb nicht lange. Es war ein anstrengender Tag gewesen. Ihn zwickte jetzt schon jeder Muskel und morgen stand ihm noch ein weiterer Ritt bevor. Also zog er sich, sobald es der Anstand zuließ, in sein Gemach zurück und ließ sich mit einem zufriedenen Seufzer auf sein angenehm weiches Bett sinken.
Am nächsten Morgen war er beim ersten, noch schwachen Dämmern schon wieder auf den Beinen. Seine wenigen Sachen hatte der Hausdiener mit ein paar Handgriffen zusammengepackt, dann begab sich Sir James zu einem schnellen Frühstück hinunter in die Halle, wo sein Begleiter schon auf ihn wartete. Ein Laufbursche übernahm seine Taschen und brachte sie hinaus in den Stall, wo die Pferde der beiden schon auf Geheiß des Ritters gesattelt wurden.
Zu dieser sehr frühen Stunde waren nur ein paar Ritter anwesend, die wohl bald Wachdienst hatten und Sir James grüßte höflich in die Runde, während er sich an der Tafel niederließ.
„Guten Morgen, die Herren.“
„Gleichfalls, Mylord“, wurde sein Gruß freundlich erwidert. „Was treibt Euch denn so früh schon weiter?“
„Nur ein Botengang, nichts Wichtiges“, antwortete er ausweichend und widmete sich angelegentlich den aufgetragenen Speisen.
Der Frager verstand den Wink und hakte nicht weiter nach. Normalerweise war Sir James einem Plausch nie abgeneigt, aber heute vermied er die Konversation mit den Anwesenden. Über den Grund seiner Reise durfte er sowieso nicht reden. Außerdem hatte er es eilig, denn es wurde schon langsam hell draußen, und er wollte aufbrechen und seinen leidigen Auftrag hinter sich bringen.
Nach einer sättigenden Schale Brei aus Getreide und Milch, verfeinert mit ein wenig Honig und Rosinen, ließen er und sein Begleiter sich noch etwas frisches Brot und Ziegenkäse als Proviant für unterwegs geben. Dann füllten sie ihre Wasserflaschen und ritten los. Die Pferde waren ausgeruht und gut gefüttert und legten ein flottes Tempo vor, also sollten sie am frühen Nachmittag ihr Ziel erreichen, dachte Sir James zufrieden. Sehr gut. In dem Fall konnte er heute noch den Rückweg nach London antreten. Einmal würde er schon noch übernachten müssen, vielleicht in Northampton, bevor er endlich wieder seinem gewohnten luxuriösen Leben nachgehen konnte. Hoffentlich ließ sich dort wenigstens ein gutes, sauberes Wirtshaus finden, in dem er nicht das Lager mit einer Horde Flöhe würde teilen müssen!
Ihr Weg führte sie weitgehend über unbefestigte Wege durch ausgedehnte Wälder, gelegentlich unterbrochen von kleinen Feldern und Viehweiden, wenn eine Bauernsiedlung in der Nähe lag. Befestigte Straßen gab es nur in der Nähe von größeren Städten oder auf den alten Römerstraßen, die noch immer das Land durchzogen. Immerhin hatten sie das Glück, dass es seit einer Weile nicht mehr geregnet hatte, was eigentlich untypisch für die regenreiche Insel war. Das trockene, angenehme Wetter erleichterte ihre Reise ungemein, denn ein tagelanger Ritt in triefender, nasser Kleidung durch knöcheltiefen Matsch und Pfützen war wahrhaftig kein Vergnügen.
Als die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte, legten sie am Rand einer kleinen Lichtung, im kühlen Schatten von Eichen und Buchen, eine kurze Rast ein. Es war recht warm geworden und die verschwitzten Pferde konnten eine Erholungspause gebrauchen. Die Reiter setzten sich im Schatten der Bäume auf einen halb verrotteten Stamm und ließen sich ihren Proviant schmecken, bevor sie sich zur letzten Etappe aufrafften.
Sie mussten noch ein kleines Stück reiten, dann endlich konnten sie von der Kuppe eines Hügels aus in der Ferne die Mauern der Stadt und der Festung von Leicester ausmachen. In flottem Galopp hielten sie darauf zu. Jetzt war es bald geschafft! Sir James war heilfroh, dass er die Papiere ohne Zwischenfälle übergeben konnte. Er kannte den Inhalt nicht und wollte ihn auch nicht wissen, aber es musste sehr wichtig sein und die Verantwortung dafür hatte ihm schon etwas zu schaffen gemacht.
Sir James hätte gerne mit dem Ritter darüber gesprochen, aber der wusste auch nicht mehr als er selbst. Und auch sonst niemand. Er und sein Begleiter hatten selbst das Ziel des Rittes vor Außenstehenden geheim halten müssen. Nicht einmal Gerüchte hatte es gegeben, und das war besonders verdächtig, denn normalerweise war eigentlich immer reichlich Gemunkel über alles und jedes im Umlauf.
Dass es etwas mit der gerade stattfindenden Rebellion von König Henrys ältestem Sohn gegen den eigenen Vater zu tun hatte, war anzunehmen. Möglicherweise, oder sogar wahrscheinlich, würde es auf einen Krieg zwischen dem König und seinem Kronprinzen hinauslaufen. Beaumont, der Graf von Leicester, war ein Sympathisant des Kronprinzen und hatte ja schon versucht, England in einen Bürgerkrieg zu stürzen. Ein geschwächtes Land schwächte auch den König, und der revoltierende Prinz hätte bedeutend leichteres Spiel gehabt. Dieser Plan war fehlgeschlagen, Gott sei Dank, aber das war sicher nicht das einzige Eisen gewesen, dass der Königssohn im Feuer hatte.
Der Empfänger der geheimnisvollen Papiere, Herzog Edward de Tourneau, war ein Vertrauter des Königs und verfügte außerdem über ein beachtliches Heer, deshalb schloss Sir James auf einen Zusammenhang. Was aber genau da vor sich ging, ließ sich nicht einmal erahnen. Es musste allerdings etwas Ernstes, Gefährliches sein, wenn der König so einen Aufwand betrieb.
Doch warum musste der König ausgerechnet ihn mit da hineinziehen! Solche brisanten Angelegenheiten waren wahrhaftig nicht sein Ding. Er war Beamter, kein Krieger, also was gingen ihn die Kampfstrategien des Königs an? Normalerweise war er für die Verwaltung des Landes zuständig. Das war ein verantwortungsvoller Posten, auf den er auch sehr stolz war, denn ein Fehler konnte durchaus ernste Auswirkungen für das ganze Reich nach sich ziehen. Aber dabei ging es wenigstens nicht um Leben und Tod.
Nicht auszudenken, wenn diese Papiere in falsche Hände fallen würden! Schon der bloße Gedanke an die Folgen trieb ihm den Schweiß aus allen Poren. Er wäre nicht in der Lage gewesen, einen Überfall abzuwehren und der Begleitritter zu seinem Schutz war eigentlich nur Augenwischerei. Ein einzelner Mann wäre im Ernstfall kaum eine Hilfe, mochte er ein noch so guter Kämpfer sein.
Aber die unscheinbare Eskorte war natürlich bewusst so klein gehalten worden, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Man musste etwaige neugierige Spione ja nicht auch noch mit der Nase darauf stoßen, dass hier vielleicht etwas Wichtiges transportiert wurde. Der Trick hatte ja auch funktioniert, denn er hatte das Ziel unbehelligt erreicht. Auf einer gerodeten Fläche vor ihnen wimmelten rund um die Stadt Reiter und Fußsoldaten durcheinander, beschäftigt mit irgendwelchen, für Sir James unerfindlichen Tätigkeiten. Etwas weiter entfernt, in sicherer Entfernung von den Waffen der Verteidiger oben auf den Stadtmauern, standen dicht an dicht die Zelte und Hütten des Heerlagers.
Verteidiger wie Belagerer waren Engländer, hier kämpften Nachbarn, Freunde, sogar Verwandte gegeneinander. Weil der König es so wollte. In diesem Fall, weil ein Graf die Fronten gewechselt hatte, aber unter Umständen reichte auch einfach nur ein Streit zwischen benachbarten Adelssitzen aus für einen Kampf gegeneinander. Oder eine unterschiedliche politische oder religiöse Überzeugung. Irgendein Hitzkopf rief seine Männer zu den Waffen, um seine Meinung durchzusetzen, der andere zog nach und schon war ein Krieg im Gange. Für die Untergebenen gehörte der Waffendienst zur Lehnspflicht, niemand konnte sich weigern, auch nicht, wenn man möglicherweise gegen die eigene Verwandtschaft kämpfen musste.
Sir James und sein Begleiter hielten direkt auf das Heerlager zu. Sie sahen sich schon am Ziel, als plötzlich eine Gruppe von bis an die Zähne bewaffneten Reitern aus dem Wald brach und auf sie zuhielt. Der Ritter zog sofort sein Schwert und auch Sir James griff erschrocken nach seinem Dolch, in der Angst, im letzten Augenblick doch noch in einen Hinterhalt von Anhängern Graf Beaumonts geraten zu sein. Aber nach einem Blick auf die Waffenröcke der Reiter war klar, dass sie es nicht mit Feinden zu tun hatten. Die Wappen wiesen sie eindeutig als Männer des Herzogs aus, die zur Absicherung gegen Überraschungsangriffe die Umgebung überwachten.
Erleichtert nahmen sie die Hände von den Waffen und warteten gelassen, bis die Reiter heran waren. Auch diesmal mussten sie sich trotz des königlichen Wappens auf dem Waffenrock von Sir James Begleiter genau ausweisen. Dann wies der Anführer der Truppe einen der Männer an, die Besucher zum Herzog zu geleiten, während sich die anderen wieder in die Deckung des Waldes zurückzogen.
Die Führung durch den Reiter war auch nötig, wie sich schnell herausstellte. Die Prunkzelte der adeligen Teilnehmer an einem Feldzug lagen üblicherweise etwas entfernt von den einfachen Kriegerunterkünften, aber an mehreren Stellen rund um das Kampfgebiet verteilt. Alleine hätten die beiden Ankömmlinge das Zelt des Herzogs im Gewirr des Heerlagers lange suchen müssen. Ihr ortskundiger Führer dagegen führte sie zielsicher auf dem kürzesten Weg quer durch ein wahres Labyrinth aus langen Reihen von Zelten und Hütten verschiedenster Machart bis zu einer sehr gut bewachten Ansammlung eleganter, bunter Prachtzelte. Vor einem davon, über dem die Flagge von Grantham und die des Königs aufgezogen waren, hielt er schließlich sein Pferd an.
Nachdem sie alle von ihren Pferden gestiegen waren, hieß ihr Führer sie warten und sprach kurz mit den Zeltwachen und verschwand dann im Innern. Schließlich kam er zurück, hielt einladend die Zeltklappe zur Seite und forderte Sir James auf einzutreten. Dieser hatte inzwischen die lederne Mappe mit den versiegelten Papieren aus seiner Satteltasche gezogen und trat ein.
Im Innern war es dämmrig, da nur wenig Licht durch die dicht gewebten Tuchwände eindringen konnte. Er wartete einen Augenblick, bis sich seine Augen nach der Helligkeit draußen an das diffuse Licht gewöhnt hatten, dann sah er einige Männer, die an einem grob zusammengezimmerten, von mehreren Kerzen beleuchteten Tisch standen und eine Karte studierten.
Er war dem Herzog schon verschiedentlich in London begegnet, daher hatte er keine Mühe, den Befehlshaber des Heerlagers unter den anderen Männern auszumachen. Sir Edward war groß, mit einem sehr kräftigen, breiten Körperbau und hob sich schon dadurch von den anderen ab. Der schlanke junge Mann im Kettenhemd neben ihm musste sein Sohn und Erbe Sir Robert sein, die Ähnlichkeit war unverkennbar. Er hatte das gleiche volle, dunkle Haar und die hellen Augen seines inzwischen leicht ergrauten Vaters. Der junge Ritter gehörte aus gutem Grund schon zum Führungsstab dazu, denn er war als klug und umsichtig bekannt und er war, trotz seiner jungen Jahre, schon ein sehr guter Kämpfer und Heerführer.
Sir Edward unterbrach jetzt seine Unterhaltung und wandte seine Aufmerksamkeit dem Ankömmling zu, während die anderen weiter über irgendwelche Geländeformationen und deren militärische Vorteile diskutierten. Für Sir James, der trotz seiner Unkenntnis in Kriegsbelangen doch eine gewisse Neugier verspürte und das Gehörte zu verstehen versuchte, ergaben die Worte keinen Sinn. Doch das musste es ja auch nicht, sagte er sich sofort. Er hatte andere Aufgaben und er war froh darüber.
Er beneidete die Männer nicht, die oft genug bei Wind und Wetter ihr Leben für den König riskierten. Fern von ihren Familie und ihren Besitztümern hausten sie in primitiven Heerlagern, während er trocken und sauber in der Sicherheit seines Arbeitszimmers saß und jeden Abend in sein elegantes Haus zu Frau und Kindern zurückkehren konnte.
„James Witherby, es freut mich Euch wiederzusehen“, Sir Edward riss den Besucher aus seinen Überlegungen und kam einen Schritt näher. „Ich muss zugeben, ich bin etwas überrascht, Euch hier im Kampfgebiet zu sehen. Was kann ich für Euch tun?“
„Mylord, ich bin im Auftrag des Königs unterwegs und soll Euch wichtige Papiere übergeben.“
Sir Edward hob erstaunt die Augenbrauen. „Und da kommt Ihr persönlich? Hätte es ein Meldereiter nicht auch getan?“
„Strikte Anweisung des Königs.“ Sir James zuckte ergeben die Achseln. „Glaubt mir, ich hätte gerne auf diesen Ausflug verzichtet. Ich bin Beamter, kein Krieger. Aber ich muss die Unterlagen persönlich an Euch aushändigen.“
„Tatsächlich?“
Neugierig geworden nahm der Herzog das in Leder geschlagene Bündel entgegen. Gut, nach den neuesten Informationen drohte König Henry auf dem Festland ein Krieg, der auch auf England übergreifen konnte und da war Geheimhaltung natürlich angebracht. Aber normalerweise verlangte der Schriftverkehr mit dem König oder seinem Justiziar Richard de Lucy nicht eine derartige Geheimniskrämerei. Herzog Edward kontrollierte das Siegel bevor er es aufbrach, nahm ein Schriftstück heraus und überflog den kurzen Text. Dann sah er ohne eine Miene zu verziehen auf und wandte sich wieder an Sir James.
„Vielen Dank. Es ist keine Antwort nötig, deshalb braucht Ihr nicht warten. Wenn Ihr über Nacht bleiben wollt, lasse ich Euch und Eurem Begleiter ein Zelt zuweisen.“
„Danke, aber ich möchte umgehend wieder aufbrechen, wenn es Euch recht ist. Wir können heute noch ein gutes Stück in Richtung London schaffen.“
„Ganz wie Ihr wünscht. Verzeiht, aber ich habe viel zu tun. Ich komme demnächst nach London zu einer Besprechung mit den Heerführern, die unten an der Küste Truppen aufstellen. Vielleicht haben wir dann Gelegenheit zu einem längeren Gespräch.“
„Ja, vielleicht. Hoffen wir, dass der König die Probleme mit seinem Sohn bald klären kann und die Truppen hier nur eine Vorsichtsmaßnahme bleiben.“
Sir James verbeugte sich und trat hinaus. Auf eine Nacht im Zelt konnte er gut verzichten, so gemütlich fand er brettharte Feldpritschen und kratzende Wolldecken nicht. Erleichtert gab er seinem Begleiter einen kurzen Bericht, dann bestiegen sie ihre Pferde wieder und machten sich auf den Weg nach Hause.
Drinnen im Zelt war Robert, der Sohn des Herzogs, aufmerksam geworden.
„Was gibt es denn?“, wollte er wissen, als sein Vater keine Anstalten machte, von sich aus etwas zu sagen. „Neuigkeiten aus Frankreich?“
„Nein. Ach, es ist nichts von Bedeutung. Nur Verwaltungsangelegenheiten.“ Sir Edward hielt das Schreiben an eine Kerze bis es Feuer fing, und ließ es dann achtlos auf den zertretenen Boden fallen, der vor Kurzem noch eine saftige Viehweide gewesen war. Einen kurzen Moment sah er zu, wie die Flammen über die Schriftzeichen leckten und das Papier schwarz wurde und in sich zusammenfiel. Dann hob er den Kopf und sah in die Runde. „Also, wo waren wir stehen geblieben?“
Sein Sohn wechselte einen erstaunten Blick mit den anderen Anwesenden. Nichts von Bedeutung? König Henry schickte extra einen Beamten statt eines gewöhnlichen Boten, das Schreiben durfte nur persönlich übergeben werden, und dann war es nichts von Bedeutung? Wer sollte das glauben? Aber gut, wenn sein Vater nicht darüber sprechen wollte, oder durfte, dann musste er das akzeptieren. Also fragte er nicht weiter und wandte sich mit den anderen wieder der Karte zu.
Henry II Plantagenet, König von England, Herzog von Aquitaine und der Normandie und Graf von Anjou, hatte sich mit seinem Hofstaat auf dem Festland in der Festung seiner normannischen Hauptstadt Rouen häuslich eingerichtet. Dort war er sicher vor möglichen Übergriffen seiner diversen Feinde, denn sowohl die Stadt als auch seine Burg waren überaus gut befestigt mit Mauern, Wällen, Gräben, Zugbrücken und Fallgitter. Der König hatte keine Kosten und Mühen gescheut, seinen Hauptsitz in eine uneinnehmbare Bastion zu verwandeln. Es gab mehrere Brunnen, die die Versorgung mit Trinkwasser sicherten und König Henry hatte Vorräte in schier unerschöpflichen Mengen einlagern lassen. Außerdem waren neben der kampfgewohnten Burgbesatzung genügend Truppen in der Umgebung stationiert, die ihrem König bei Bedarf in kürzester Zeit zu Hilfe kommen würden.
Nun wartete er in aller Ruhe auf die ersten Aktionen seiner Feinde, und diese Feinde waren zur Abwechslung einmal seine eigene, gegen ihn rebellierende Familie. Nicht, dass er nicht auch so genügend Widersacher gehabt hätte. Irgendjemand wollte immer das eigene Land auf Henrys Kosten vergrößern, oder Rache nehmen für eine alte Geschichte, und jetzt musste auch noch seine Familie den Aufstand proben! Sein Ältester und Thronerbe wollte Regierungsmacht, jetzt sofort, und seine Brüder hatten sich ihm angeschlossen. Der König war erst 40 Jahre alt und der Kronprinz wollte nicht ewig auf sein Erbe nach dem Tod seines Vaters warten müssen.
Mindestens eine gleichberechtigte Mitherrschaft forderte der Thronerbe, doch da spielte König Henry nicht mit. Er war der König, und Herzog, er hatte es nicht nötig irgendetwas zu teilen! Mit niemandem! Sein Sohn, dieser aufmüpfige Flegel, war wohl größenwahnsinnig geworden! Aber sollte er nur kommen, König Henry war vorbereitet.
An einem schönen Tag im Frühsommer rief König Henry einige ausgewählte Mitglieder seines Hofes zur Beratung in sein Arbeitszimmer. Er war es allmählich leid nur herumzusitzen und zu warten, sondern wollte jetzt selbst die Initiative ergreifen und gegen seinen Sohn vorgehen. Aber das musste sorgfältig geplant werden, und dazu brauchte er Informationen. Natürlich hatte der König seine eigenen Zuträger, die überall im Land für ihn spionierten, aber auch seine Aristokraten hatten ihr Netzwerk. Besonders wichtig für König Henry war der immer gut informierte Prior des Klosters draußen zwischen den Hügeln vor der Stadt, Guillaume Bermot, ein Mann mit weitreichenden Kontakten. Dazu kam noch, dass die Menschen Vertrauen zur Kirche hatten und dem Prior gelegentlich auch über eigentlich geheime Vorgänge berichteten, von denen der König auf normalem Wege nie erfahren würde.
Nach und nach traten die Männer in den spärlich eingerichteten Raum und grüßten ehrerbietig. Wie fast immer traf der junge Graf Phillip de Moyens als Letzter ein. Nicht etwa eilig, da die anderen schon versammelt waren und auf ihn warteten, sondern gemessenen Schrittes. Sonst würde er ja ins Schwitzen geraten und das schickte sich nicht für einen edlen Herrn. Allerdings war er immer zum verabredeten Zeitpunkt vor Ort, meist exakt auf den Glockenschlag, denn mit der Pünktlichkeit nahm er es sehr genau. Wenn die anderen Gesprächsteilnehmer übereifrig schon vor der Zeit zusammentrafen, dann war das nicht sein Problem.
„Was mag er wohl diesmal für einen höchst wichtigen Grund für seine Verspätung haben?“, fragte Prior Guillaume leise seinen Nebenmann. Dabei war der Graf auch diesmal wieder nicht wirklich zu spät.
„Wahrscheinlich hat sein Ring nicht zum Wams gepasst und er musste erst einen andern auswählen!“, raunte François Delaborde, König Henrys fähigster Heerführer, mit einem verächtlichen Blick auf die juwelengeschmückten Hände des jungen Grafen, säuerlich zurück. Der Stutzer mit seinem überhöflichen, gezierten Gehabe ging ihm zunehmend auf die Nerven.
König Henry war sowieso schon gereizt, das war ihm anzusehen. Er setzte zu einer Rüge für den Nachzügler an, doch gerade in diesem Moment klang vom Turm der Festungskapelle deutlich hörbar das Stundenläuten herüber und nahm ihm den Wind aus den Segeln. Graf Phillip war durchaus pünktlich eingetroffen, wie immer, also beherrschte König Henry sich, und wandte sich an alle Anwesende. Es gab sowieso Wichtigeres, über das er sich aufregen konnte.
„Ihr wisst alle, dass der Kronprinz sich mit seinem Schwiegervater, König Louis von Frankreich, verbündet hat.“ Aufgebracht tigerte er durch den Raum und fuhr sich mit den Fingern durch sein kurz geschorenes, brandrotes Haar. „Verdammt, was hat der Franzose sich da einzumischen?! Diese lächerliche Rebellion meines Sohnes ist eine reine Familienangelegenheit, das geht Louis überhaupt nichts an!“
Sein rundes, sommersprossiges Gesicht nahm vor Wut die Farbe seiner Haare an, als er am Fenster kurz stoppte und mit der Faust auf eine massive Eichentruhe hieb. Vor sich hin schimpfend nahm er seine Wanderung sofort wieder auf, während seine Berater geduldig warteten, bis er sich wieder beruhigt hatte. Das kannten sie schon. König Henry ging schnell mal in die Luft, aber seine Empörung verging dann auch so schnell wieder, wie sie aufgeflammt war.
Bei Hofe erzählte man sich eine alte Geschichte über des Königs wildes Temperament und schrieb es dem Erbe einer schönen Vorfahrin zu, die angeblich ein Dämon gewesen war. Sie war eine Frau von unbekannter Herkunft gewesen, ohne jegliche politische Bedeutung, und ein nicht näher benannter Urahn Henrys war ihr in blinder Liebe verfallen gewesen, so hieß es. So sehr verfallen, dass er sie gegen alle Sitten und Gepflogenheiten geheiratet hatte. Es war üblich, eine solche Frau als Mätresse zu halten. Eine Heirat jedoch war zu jener Zeit undenkbar gewesen und war es auch heute noch, und doch hatte Henrys Vorfahr sie zur Ehefrau erwählt.
Kein Mann bei Verstand würde so handeln, also steckte eindeutig Hexenwerk dahinter. Die Dämonin hatte ihn mit einem Zauber belegt! Der Beweis dafür ließ nicht lange auf sich warten: Die Schöne weigerte sich hartnäckig, zur heiligen Messe die Kirche zu betreten. Und wenn sie sich doch ausnahmsweise überreden ließ, dann blieb sie nie bis zum Schluss. Schnell tuschelten die Leute über das seltsame Verhalten der Königin, und auch der gottesfürchtige König musste langsam um seinen guten Ruf fürchten. So konnte es nicht weiter gehen, also postierte ihr Ehemann eines Tages vier Wachen neben ihr, die sie in der Kirche unauffällig an ihren Kleidern festhalten sollte. Als sie wie erwartet die Messe vor dem Ende verlassen wollte, wurde sie auf ein Zeichen des Königs daran gehindert. Aber statt sich zu fügen, kreischte und schrie sie wie eine Furie, fuhr schließlich aus ihren Kleidern, entschwand nackt durch ein Kirchenfenster und wurde nie mehr gesehen.
Auch an diesem Morgen mochte der eine oder andere an diese Geschichte denken, als König Henry mit kräftigen Schritten auf seinen leicht gebogenen Beinen fluchend den Raum durchmaß. Dem Grafen Jean de Anotaux jedenfalls glitt ein leises Lächeln über das Gesicht, während die jüngeren Anwesenden angelegentlich ihre Hände oder die gestickten Wandteppiche betrachteten, bis das Feuer verraucht war.
„Nun gut, daran ist wohl nichts mehr zu ändern.“
König Henry blieb schließlich neben einer Gruppe gepolsterter Hocker stehen, atmete tief durch und sah, schon deutlich ruhiger, mit seinen graublauen Augen fast wieder gelassen in die Runde. Er setzte sich jedoch nicht, und auch daran waren die Männer gewohnt. Henry behandelte seinen Körper mit Strenge, er war stolz auf die große Kraft seines breiten, nur mittelgroßen Körpers und wollte auf keinen Fall dick und faul werden. Er setzte sich meist nur zum Essen, speiste und trank maßvoll und war danach sofort wieder auf den Beinen. Für seine Höflinge war diese Marotte ärgerlich, denn natürlich durften sie auch nicht sitzen, solange der König stand, und das konnte bei längeren Besprechungen schon recht anstrengend werden.
Auch jetzt standen sie alle ergeben um die Sitzgruppe herum, während Henry fortfuhr.
„Eigentlich dachte ich, dass ich meinen Ältesten unter Kontrolle habe, weil er nur Titel ohne Bedeutung besitzt und ihm dadurch die Mittel und die Macht für ein Aufmucken fehlen. Das war wohl ein Irrtum. Jetzt hat mein Sohn doch tatsächlich in König Louis einen bereitwilligen Verbündeten und Geldgeber gefunden!“
Das war Henrys eigene Schuld. Im Gegensatz zu England, dessen König Henry war, gehörte die Normandie, Henrys Herzogtum, zu Frankreich und unterstand somit König Louis. In den vergangenen Jahren hatte Henry nun auf dem Festland seinen Einflussbereich und seine Macht stetig weiter ausgebaut, misstrauisch beobachtet von seinem Lehnsherrn König Louis, der langsam seine eigene Macht gefährdet sah. Henry hatte Kriege gegen Feinde und Neider gewonnen, Nachbarn unterworfen oder als Verbündete gewinnen können, und mittlerweile kontrollierte er England, Ostirland, die Normandie, Aquitaine, Anjou und die Bretagne. Er hatte sein Heer vergrößert und Söldner angeworben und war zu einer potenziellen Gefahr für den französischen König geworden. Angestachelt durch den englischen Kronprinzen reagierte König Louis jetzt. Er forderte den Treueeid und die bedingungslose Unterwerfung von Henry in seiner Eigenschaft als Herzog der Normandie. Sehr zur Freude des Kronprinzen, der sich dann auch ein gutes Stück vom Kuchen nehmen würde.
„Vielleicht solltet Ihr König Louis nachgeben. Noch hält sich der Schaden in Grenzen und der Franzose ist kein rachsüchtiger Mann. Über seine Forderungen werdet Ihr Euch sicher einigen können.“ Prior Guillaume setzte auf Diplomatie, wie Henry normalerweise auch. Ein Krieg war immer mit hohen Verlusten verbunden, die Henry gerne zu verhindern suchte. Diesmal jedoch glaubte er nicht mehr an eine friedliche Lösung.
„Prior, Ihr verkennt die Lage. Mit König Louis hätte ich gar kein Problem, wenn mein machtgieriger Sprössling nicht wäre. Louis ist seit jeher mein Lehnsherr hier in Frankreich, ihm würde ich mich unterwerfen. Nun ja, wahrscheinlich, das käme natürlich auf die Bedingungen an. Aber immerhin ist seine Tochter mit meinem Sohn verheiratet und ich denke, mit ihm würde sich auf diplomatischem Wege eine Einigung finden lassen. Leider ist jetzt jedoch mein Sohn als Verbündeter von Louis an den Verhandlungen beteiligt und dessen Forderungen kenne ich ja, die sind schlichtweg unerfüllbar. Ich würde einen guten Teil meiner Herrschaft verlieren, an meinen eigenen Sohn! Nicht nur hier auf dem Festland, sondern auch in England! Nein. Klein beigeben würde mich letztlich vielleicht sogar meinen Thron kosten, das kommt also auf keinen Fall infrage.“
Wenn es um Belange im französischen Raum ging, war Henry seinem Lehnsherrn König Louis Gehorsam schuldig, keine Frage. Dummerweise hatte sich nun aber Henrys rebellierender Thronerbe, der nur mit seinen Brüdern und den paar Kämpfern aus ihren unbedeutenden Ländereien keine Chance gegen den despotischen Vater sah, an seinen Schwiegervater König Louis gewandt und ihn um Unterstützung gebeten. Und diese hatte er auch bereitwillig bekommen.
Nun saß Henry in der Zwickmühle, denn den Forderungen seiner Söhne, allen voran seines Thronerben, würde er nie nachgeben. Es fehlte noch, dass er sich von seinen eigenen Kindern Vorschriften machen ließ! Doch jetzt war plötzlich König Louis der Schutzpatron des Prinzen. Jetzt stellte der die Forderungen, und wenn Henry ablehnte, verweigerte er damit seinem Lehnsherrn den Gehorsam. Und das wiederum würde sich der Franzose sicher nicht gefallen lassen.
Auch diese verfahrene Situation war durch Henrys eigenes Verschulden entstanden. Henry selbst hatte schon vor Jahren seinen ältesten Sohn, der ebenfalls den Namen Henry (der Jüngere) trug, zur Vermeidung von Erbstreitigkeiten zu seinem Mitkönig krönen lassen. Aber nur auf dem Papier. Der Grund war einfach: Henry konnte nicht teilen. Von Kindheit an für ein Leben als Herrscher erzogen, hatte er teilen nie gelernt und er wollte es auch nicht lernen. Er war gerne der Alleinherrscher, ihm gehörte die ungeteilte Macht über seine Ländereien und genau so wollte er es haben. Sogar seine Frau, Königin Eleonore, hatte er von allen Regierungsgeschäften ausgeschlossen, und er dachte nicht im Traum daran, für seinen habgierigen Sohn irgendetwas zu ändern.
Henry hatte dem Kronprinzen nicht mehr gegeben, als den klangvollen Titel des Mitregenten und ein paar unbedeutende Grafschaften, in denen der junge Mann keinen großen Schaden anrichten konnte. Keine Macht, keine Teilhaberschaft an den Einkünften des Königreiches, keine Entscheidungsgewalt ging an den Kronprinzen. Die Regierungsgewalt lag weiter einzig und allein in Henrys Hand.
Natürlich hatte dem Kronprinzen das nicht gefallen, aber anfangs hatte er kein großes Problem daraus gemacht. Der junge Prinz genoss sein Leben in vollen Zügen. Immer auf sein Vergnügen aus, zeigte er wenig Verantwortung oder Pflichtgefühl und regierte seine Grafschaften nach Gutdünken. Über die Folgen machte er sich keine großen Gedanken. Es lief doch alles ganz gut, auch ohne dass er wie sein despotischer Vater ständig nur arbeitete und alles und jeden kontrollierte.
Allerdings war dieses ausschweifende Leben leider sehr kostspielig. Also erhöhte der Prinz die Steuern, zog Gelder von anderen Stellen ab, lebte weiter wie bisher und erhöhte erneut die Steuern. Natürlich wusste der Prinz, dass es nicht ewig so weitergehen konnte, deshalb wandte er sich schließlich an seinen Vater und forderte sein Recht auf Mitherrschaft ein. Und natürlich wollte er sich auch seinen Anteil an den Einnahmen nicht entgehen lassen.
Henrys Reaktion darauf war klar, doch der Prinz gab nicht nach. Unzählige Male hatten sie sich gestritten deswegen, immer wieder, doch Henry war hart geblieben. Das verantwortungslose Verhalten seines Sohnes war ja auch wirklich kein Anreiz, seine Meinung zu ändern. Er vertraute nach wie vor niemandem. Selbst seiner Frau nicht, oder besser: Ihr schon gar nicht, und so fristete sein Sohn, wie auch Königin Eleonore, weiter ein Leben in Bedeutungslosigkeit, geschmückt mit edlen Titeln ohne Wert. Und jetzt versuchte der verärgerte Prinz, diesen Zustand mit Gewalt zu beenden.
„Wenn Ihr Verhandlungen für sinnlos haltet, dann bleibt nur Kampf“, meinte Graf Phillip gleichmütig. Für den unerfahrenen jungen Grafen war das ganze Theater kein ernstes Problem. „Das ist ja nicht weiter dramatisch. Wir alle sind Gefechte gewohnt und entsprechend gut gerüstet für einen Kampf, wir haben genügend geübte Krieger und verlässliche Verbündete. Selbst einen offenen Krieg können wir durchaus gewinnen, wenn wir unsere Möglichkeiten geschickt nutzen. Falls König Louis und Euer Sohn es tatsächlich soweit kommen lassen, und das bleibt noch abzuwarten. Es fragt sich, ob sie den Mut dazu haben.“
Henry betrachte den jungen, geckenhaft gekleideten Aristokraten mit leichtem Kopfschütteln. Er selbst legt keinen Wert auf Äußerlichkeiten und Prunk, trug einfache Kleidung und immer einen kurzen Mantel. Obwohl die Mode am Hofe zurzeit lange Überwürfe vorgab, was ihm prompt den Spitznamen Henry „Kurzmantel“ eingebracht hatte. Der Graf jedoch war immer nach dem allerneuesten Trend und übertrieben erlesen gekleidet. Oder wie weniger wohlmeinende Höflinge dazu sagten: aufgeputzt wie ein Pfau, und er gab sich gerne herablassend, um seine mangelnde Kampferfahrung zu kaschieren.
Aber er war wohlhabend und konnte von seinen beträchtlichen Ländereien viele Kämpfer rekrutieren, und damit war er für Henry ein wichtiger Mann. Da war ein wenig Nachsicht schon angebracht. Schließlich konnte er nicht riskieren, dass der Graf aus beleidigter Eitelkeit die Fronten wechselte und zum Kronprinzen überlief. Er wäre nicht der Erste, der sich von den Versprechungen des Prinzen locken ließ. Außerdem hatte der junge Bursche einen klugen Kopf und manchmal, vielleicht gerade wegen seiner Unerfahrenheit, recht gute Einfälle, auf die die alten Hasen mit ihren eingefahrenen Methoden nie kommen würden.
Francois Delaborde, Henrys oberster Heerführer, kam einer Erwiderung seines Königs mit leicht angesäuerter Miene, aber höflichem Tonfall zuvor. Auch ihm war klar, dass man diesen Mann nicht leichtfertig verprellen durfte.
„Bei allem Respekt vor Eurer Meinung, Sir Phillip, aber wir können nicht einfach mal eben den König von Frankreich angreifen! Wir müssen warten, bis er den ersten Schritt macht, erst dann haben wir das Recht uns zu wehren. Außerdem dürfen wir König Louis auf keinen Fall unterschätzen, auch wenn er sich bisher nicht sehr ehrgeizig gezeigt hat. Er kann ganz Frankreich unter Waffen stellen! Der Franzose hat jetzt die perfekte Gelegenheit, seine Macht zu festigen und er wäre dumm, wenn er den Aufstand des Kronprinzen nicht für seine Zwecke nutzt. Es ist ja bekannt, dass ihm die Normandie zu mächtig geworden ist, nur konnte er bisher nichts dagegen unternehmen. Jetzt aber schon.“
„Bis jetzt hat es noch keine wirklich großen Aktivitäten gegeben, die auf größere militärische Schritte hindeuten“, hielt Baron Pierre Patard dagegen, ein schon älterer, zurückhaltender Mann. „Wir werden immer auf dem Laufenden gehalten von unseren Spionen, die überall entlang der Grenze zwischen der Normandie, dem französischen Kronland und den anderen Nachbarn, und auch in der Nähe von potenziellen Gegnern im eigenen Land postiert sind. Niemand kann sich unserer Grenze auch nur nähern, ohne dass wir sofort davon erfahren.“
„Und wie nennt Ihr dann die Belagerung von Verneuil-sur-Avre, vom Kronprinzen und König Louis sogar persönlich angeführt?“, fragte Francois Delaborde sofort zurück.
„Ach, solche kleineren Übergriffe sind doch nur Spielereien. Die Stadt ist an der Seine strategisch gut gelegen und deshalb ein lohnendes Ziel für jeden Eindringling, aber es ist eben nur eine Stadt. Sollen sie Verneuil doch ruhig einnehmen, die wird dem Prinzen und Louis nichts nutzen.“
Der Heerführer schnaubte verächtlich. „Sie werden Verneuil gar nicht bekommen. Der Versuch alleine ist lächerlich! Für genau solche Fälle wurden die Befestigungsanlagen immer perfekt in Schuss gehalten. Die Mauern sind in tadellosem Zustand, die Brunnen gut gewartet und Vorräte sind immer für mehrere Monate eingelagert.“ Er wandte sich jetzt König Henry zu. „Natürlich sind auch entsprechend gut ausgewählte Leute in dieser Stadt, Männer, auf die Ihr Euch unbedingt verlassen könnt, Majestät. Eure treuen Gefolgsmänner Hugh de Lacy und Hugh de Beauchamp befehligen die Verteidiger und sie haben, wie erwartet, keine größeren Probleme damit, sich die Feinde von Leib zu halten.“
„Davon gehe ich aus.“ Henry kratzte sich gedankenverloren den Bart. „Trotzdem müssen wir die Situation im Auge behalten. Momentan ist ein Eingreifen nicht notwendig, aber bei Bedarf werden wir den Eingeschlossenen sofort zu Hilfe kommen.“
„Aber nicht Ihr persönlich.“ Prior Guillaume erhob sofort Einspruch. „Ihr müsst an Eure eigene Sicherheit denken und dürft nicht leichtsinnig den Schutz der Burg verlassen. Hier in Rouen seid Ihr sicher. Werdet Ihr gefangen, dann ist das unweigerlich das Ende Eurer Herrschaft. Der Kronprinz ist ja schon zum Mitregenten gekrönt und kann die Regierungsmacht jederzeit legal übernehmen, während Ihr auf Nimmerwiedersehen in irgendeinem Kerker verschwinden würdet. Bestenfalls.“
„Richtig, aber meine persönliche Anwesenheit wäre in diesem speziellen Fall auch nicht nötig. Sir Francois ist nicht ohne Grund mein oberster Heerführer, er würde das schon in meinem Sinne erledigen“, gab Henry zurück. „Ich spare mir einen persönlichen Einsatz für einen wichtigeren Grund auf.“
„Wir müssen aber nicht nur die Hauptakteure beobachten“, warf ein anderer Aristokrat mit kratziger Stimme ein. Er hüstelte, griff sich einen Becher Wasser von einem kleinen Beistelltisch und nahm einen Schluck, bevor er weitersprach. „Es gibt genügend Mitläufer, die die Gelegenheit nutzen wollen und sich gegen Euch erheben könnten. Der Graf von Flandern hat den Anfang ja schon gemacht und andere könnten dem Beispiel folgen.“
Besagter Graf von Flandern und dessen Bruder Matthew von Boulogne hatten Henry vor wenigen Jahren erst die Treue geschworen. Doch das hatte sie nicht davon abgehalten, jetzt gegen ihn in den Kampf zu ziehen. Der Graf hatte Ende Juni in einer schnellen, unerwarteten Attacke die Stadt Aumâle eingenommen, und, von seinem Erfolg angestachelt, hatte er sich danach die Burg von Driencourt vorgenommen. Und sich daran die Zähne ausgebissen.
„Aumâle kann ich mir später leicht zurückholen, wenn die dringenderen Probleme aus der Welt geschafft sind“, meinte Henry leichthin. „Und die Belagerung von Driencourt hat er ja nicht lange durchgehalten. Zum Glück ist der Graf von Flandern nicht der fähige Heerführer, für den er sich selbst hält.“
„Der Flame hat weder die Fähigkeiten noch die nötige Geduld. Es war zu erwarten, dass er bald mit ziemlicher Wut im Bauch weiterziehen würde.“Francois Delaborde sprach aus, was alle dachten. „Ich wundere mich nur, warum er sich von seinem nächsten Ziel, Arques, auch nach nur kurzem Angriff wieder zurückgezogen hat.“
„Vielleicht hat die heftige Gegenwehr der Städter den Feigling erschreckt“, warf Graf Phillip ein und strich sorgfältig eine Falte auf seinem goldbestickten Wams glatt.
„Und dann beendet er gleich den ganzen Feldzug und kehrt mit eingezogenem Schwanz nach Flandern zurück? Wegen der Gegenwehr einer einzigen Stadt?“ Der Heerführer verzog das wettergegerbte Gesicht. „Verzeiht, Sir Phillip, aber das glaubt Ihr doch selber nicht!“
Prior Guillaume hob die Hand und stoppte den Disput. „Die Erklärung ist einfach: Aberglaube ist schuld. Ein Mönch aus der Gegend von Arques war letztens zu Gast bei uns im Kloster und hat davon erzählt.“
„Wie bitte, Aberglaube?“, fragte König Henry verwirrt.
„Nun, wie Ihr wisst, hat Euch der Graf von Flandern vor fünf Jahren die Treue geschworen, ebenso wie dessen Bruder, Matthew von Boulogne. Letzterer ist beim Angriff auf Arques getötet worden, und, wie es der Teufel will, fiel er genau am Jahrestag seines Eides.“
Francois Delaborde pfiff leise durch die Zähne. Er wusste aus Erfahrung, wie nachhaltig solche dummen Zufälle einen Feldzug beeinflussen konnten. Nicht nur der flämische Graf war ein abergläubischer Mensch, diese Eigenschaft teilte er mit den meisten Kämpfern in so ziemlich jedem Heer.
„Wie mir berichtet wurde, sah der Graf in diesem Unglück einen Wink des Himmels, ein böses Omen, sozusagen als Strafe für den Eidbruch. Er zögerte, was natürlich nicht unbemerkt geblieben war, und schon hatte sich Unruhe im Heer ausgebreitet. Die Männer erwarteten schon fast weitere himmlische Strafen, wenn sie den Angriff fortführen würden, sozusagen gegen den Willen Gottes. Dieses Risiko war dann wohl auch dem Grafen zu hoch. Jedenfalls gab er den Angriff auf und zog sich nach Flandern zurück.“
„Das war es also.“ Henry nickte verstehend. „Von mir aus soll er ziehen, ich werde ihn nicht verfolgen lassen. Die Schmach der Niederlage ist Strafe genug.“
„Ein Widersacher weniger. Für den Kronprinzen ist das auf jeden Fall ein herber Rückschlag.“ Baron Pierre Patard brachte die Sache kurz und knapp auf den Punkt.
„Und man kann das Geschehene so auslegen, dass sogar Gott auf Eurer Seite ist, Majestät“, fügte Prior Guillaume lächelnd hinzu. „Wirklich nicht schlecht. Jetzt muss sich das nur noch herumsprechen.“
„Nur keine Angst, dafür werde ich schon sorgen.“ Henry grinste breit. Alles in allem lief es in Frankreich recht gut für ihn. „Ich denke, ich habe die Situation im Griff, und soweit ich es überblicken kann, drohen im Augenblick keine wirklich großen Aktionen vonseiten der Rebellen oder Louis. Aber an anderer Stelle müssen wir wachsam sein, nämlich in England.“
„Das glaube ich nicht.“ Graf Phillip schüttelte den Kopf. „Nach dem verpatzten Versuch Anfang des Jahres, als der Kronprinz versuchte, über diesen Graf Beaumont in England eine zweite Front aufzubauen, hat er sicher genug.“
„So sehe ich das auch“, stimmte der Prior zu. „Es gibt keinerlei Berichte oder auch nur Gerüchte über Maßnahmen des Kronprinzen auf der Insel.“
„Ich weiß nicht recht.“ Heerführer Delaborde bezweifelte, dass der Prinz so schnell aufgab. „Er muss ja nicht persönlich die Hand im Spiel haben, für so etwas hat er schließlich seine Leute. Der Prinz kann sehr charmant sein, freigiebig und lebenslustig ist er sowieso und er weiß, wie man Freunde gewinnt. Das kommt ihm jetzt zugute, denn so kann er genug Anhänger gewinnen, die unauffällig für ihn um Verbündete werben, oder Intrigen spinnen. Wie dieser Robert de Beaumont, der Graf von Leicester. Dem wäre es im Frühjahr doch fast gelungen, einen Bürgerkrieg in England anzuzetteln, ohne dass wir auch nur das Geringste geahnt hatten.“
Das stimmte. De Beaumont selbst war, um keinen Verdacht zu erregen, demonstrativ auf dem Festland mit dem Kronprinzen unterwegs gewesen, hatte Burgen belagert und auch das Vergnügen nicht zu kurz kommen lassen. Währenddessen waren dessen Vasallen an den verschiedensten Stellen aktiv gewesen und hatten Unfrieden gestiftet, wo sie nur konnten. Und sie hatten ihre Arbeit gut gemacht, sehr gut sogar.
„Ja, das war haarscharf.“ Henry erinnerte sich ungerne daran, dass sein Sohn ihn mit dieser geheimen Aktion tatsächlich fast übertölpelt hatte. „Eines muss ich meinem Sohn und dem Grafen lassen, sie sind wirklich sehr geschickt vorgegangen. Beide sind in dieser Sache nie persönlich in Erscheinung getreten und gaben nur mündliche Befehle, nirgendwo fand sich eine Unterschrift oder ein Siegel. Ich habe eine ganze Weile gebraucht, bis ich endlich Beweise finden und den Grafen als Mitstreiter meines Sohnes entlarven konnte.“
Sobald König Henry der Verrat des Grafen klar geworden war, hatte er zurückgeschlagen. Er hatte dessen gesamte Grafschaft Leicester besetzen lassen und wollte auch die Hauptstadt samt des Grafen Burg mit einem schnellen Angriff übernehmen. Das hatte leider nicht wie gewünscht funktioniert, es gab Widerstand und aus dem Angriff wurde eine Belagerung, und aus König Henrys Strafmaßnahme war inzwischen eine längere Geschichte geworden.
Dass die Besatzung von de Beaumonts Burg Widerstand leisten würde, war zu erwarten gewesen, doch die Bürger der angrenzenden Stadt standen ebenfalls zu ihrem Grafen und verweigerten die Übergabe. Wohl auch deshalb, weil der Graf bekanntermaßen kein sehr umgänglicher Mann war und die Bürger dessen Rache fürchteten. Kaum waren die ersten anrückenden Truppen in Sicht gekommen, waren sämtliche Stadttore verrammelt worden. Alle Verhandlungsversuche waren abgewiesen worden und die logische Folge davon war eine Belagerung der Stadt und der Burg.
„Graf Beaumont hat seine Strafe bekommen“, sagte Baron Patard. „Er ist seine Grafschaft los und außerdem geächtet. Er mag auf König Louis Hoheitsgebiet auch noch Ländereien haben, aber wenigstens in England hat er keinen Rückzugsort mehr, von dem aus er gegen uns opponieren kann.“
„Nur ist er leider nicht der Einzige, der Schaden anrichten kann. Irgendjemand ist noch immer tätig auf der Insel“, hielt der Prior dagegen. „Jedenfalls hat König William von Schottland im Auftrag des Kronprinzen Besuch bekommen. Das erzählte mir ein schottischer Pilger vor einigen Tagen.“
Henry wusste das schon länger, sein Netzwerk funktionierte auch nicht schlecht.
