Kampf um Englands Krone: Wilhelm, der Eroberer - Sabine Keller - E-Book

Kampf um Englands Krone: Wilhelm, der Eroberer E-Book

Sabine Keller

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Beschreibung

Der kinderlose englische König, Edward der Bekenner, bestimmt schon frühzeitig Herzog Wilhelm von Normandie zu seinem Thronfolger, weil er Kämpfe um seine Nachfolge vermeiden möchte. Nur leider erreicht er damit genau das Gegenteil. Mit der Ernennung eines Normannen stößt er die alteingesessenen, angelsächsischen Aristokraten kräftig vor den Kopf. Aber noch ist König Edward nicht tot und solange gibt es eine Chance, dass er seine Meinung ändert. Also werden eifrig Intrigen gesponnen und Komplotte geschmiedet, immer in der Hoffnung, später den eigenen Favoriten auf dem Thron zu sehen. Herzog Wilhelm ahnt nichts von den Hintergedanken der Engländer. Während er auf sein Erbe wartet, ist er zu Hause in der Normandie ständig in Kriege verwickelt. Als Nachfahre der kriegerischen Wikinger scheut er keinen Kampf. Aber er weiß auch, mit wem er sich besser nicht anlegen sollte. Mit seinem mächtigen Nachbarn, dem Grafen von Flandern, möchte er eine friedliche Verbindung eingehen und hält um die Hand von dessen Tochter Matilda an. König Edward erkrankt schließlich und auf dem Totenbett übergibt er die Krone überraschend nicht Herzog Wilhelm, sondern seinem Schwager Graf Harold. Der fackelt nicht lange und lässt sich umgehend krönen. Wilhelm, der sich unverhofft um sein Königreich gebracht sieht, will nicht kampflos verzichten und führt sein Heer nach England, um sich die Krone mit Gewalt zu holen. 1066, in der legendären Schlacht von Hastings, kämpfen die beiden Armeen um den Thron von England.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Sabine Keller

Kampf um Englands Krone:

Imprint

Kampf um Englands Krone: Wilhelm der Eroberer

Sabine Keller

published by: epubli GmbH, Berlin

www.epubli.de

Copyright: 2012 Sabine Keller

Umschlagfoto: Sabine Keller

ISBN:978-3-8442-2677-5

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Außerdem von dieser Autorin:

Im Namen des Prinzen, Die Angelsächsin

 

Website: https://sabine-keller-autorin.jimdofree.com

 

 

Inhalt

Die Schlacht

Der Rat tagt

Der Thronerbe

Verleumdung

Die Revolte

Godwins Vertreibung

Verwandtschaftsbesuch

Godwins Rückkehr

Versöhnung

Nachbarschaftsstreit

Hochzeit

König Henri

Edwards Herrschaft

Wilhelm und England

Anfang vom Ende

Der König ist tot, es lebe der König

Vorbereitungen

Tostigs Verbündete

Vergeltung

Stamford Bridge

Die Invasion

Hastings

König Wilhelm

Nachspann

 

Die Schlacht

Hastings, Südengland, 1066 n. Ch. Signalhörner gellten durch die gleißende Spätsommerhitze und der Gestank von Schweiß, Blut und Tod lag schwer in der staubigen Luft. Der Lärm über dem sonnendurchglühten Schlachtfeld war unbeschreiblich. Durchdringende Schlachtrufe, raue Todesschreie und das Stöhnen ungezählter Verwundeter vereinigten sich mit den schaurigen Geräuschen auf Widerstand treffender Waffen zu einem infernalischen Getöse. Lange, zweischneidige Schwerter trafen mit hellem Klirren auf eisenverstärkte Schilde, begleitet von den wütenden Rufen der Kämpfer. Rasiermesserscharfe Streitäxte spalteten mit dumpfen Lauten selbst stabile Helme und die darunter befindlichen Köpfe gleich mit. Dazwischen zischten zahllose Pfeile und Speere durch die Luft und bohrten sich in zuckende, schreiende Körper.

Wilhelm, Herzog der Normandie, saß bewegungslos auf seinem kräftigen Streitross und betrachtete mit grimmiger Miene die undurchdringliche, in der Sonne gleißende Wand aus Schilden und Waffen oben auf der Kuppe des Hügels vor ihm. Caldbec Hill nannten die einheimischen Engländer die Erhebung, die normalerweise allenfalls von ein paar Schafen bevölkert wurde. Jetzt jedoch hatte das englische Heer dort Stellung bezogen und machte Front gegen Wilhelms eroberungswillige Soldaten. Seite an Seite und Schild neben Schild standen die feindlichen Krieger lückenlos dort oben entlang der Kammlinie und bildeten eine an die sechshundert Meter lange, scheinbar unzerstörbare Kette aus Schilden und Speeren.

Schon seit dem Morgen stürmten Wilhelms Normannen unermüdlich, aber erfolglos gegen diese Verteidigungslinie an. Gewaltige Wellen aus tausenden heranstürmenden, Waffen schwingenden normannischen Kämpfern brandeten wieder und wieder gegen den Hügel, doch bisher war es ihnen nicht gelungen, auch nur eine einzige nennenswerte Bresche in den gegnerischen Schildwall zu brechen. Hinter ihren Schilden gut geschützt, ließen die Engländer Wilhelms Männer einfach gegen ihre vorgestreckten Speere anrennen und wer das überlebte, sah sich den mörderischen Streitäxten und Schwertern der englischen Kämpfer ausgesetzt. Immer mehr Normannen, die selbst nur wenige wirksame Hiebe gegen die gut geschützten Engländer anbringen konnten, fanden an diesem menschlichen Verteidigungswall den Tod.

Der englische König war wirklich ein kluger Taktiker, das musste Wilhelm ihm lassen, und wider Willen verspürte er eine gewisse Achtung für den Feind. Auf dem zwar nicht sonderlich hohen, aber recht schroffen Caldbec Hill ganz in der Nähe der Hafenstadt Hastings hatte der Engländer einen strategisch fast perfekten Standort für seine Truppen gewählt. Wilhelms Kämpfer waren den Gegnern an sich eigentlich haushoch überlegen, doch wenn Wilhelm nicht aufpasste, konnte er sich trotz seiner kampfgewohnten und wesentlich besser ausgerüsteten Krieger leicht die Zähne an dieser Stellung ausbeißen. In diesem hügeligen Gelände war nicht einmal die schlagkräftige normannische Kavallerie, die den Engländern fehlte, ein Vorteil für ihn. Die Pferde konnte ihre Schnelligkeit und Kraft auf dem unebenen Untergrund nicht voll entfalten und hatten außerdem Mühe mit der steilen Böschung, über der sich die Engländer verschanzt hatten.

Hier zwischen den Hügeln hatten die Verteidiger wirklich sämtliche Vorteile auf ihrer Seite und mit Sicherheit hatte der englische König bei der sorgfältigen Wahl des Kampfplatzes genau das beabsichtigt. Wilhelm war bekannt, dass die englischen Truppen gerade erst aus dem Norden des Landes von einem blutigen Gefecht gegen die Wikinger zurückgekehrt waren. Gegen das geschwächte, dezimierte Heer der Engländer, das außerdem noch größtenteils aus ungeübten Bauern und Bürgern bestand, hätte er mit seinen kriegsgewohnten Normannen und den ebenso fähigen Hilfstruppen auf freiem Feld leichtes Spiel gehabt. Aber seine Hoffnungen auf einen leichten Sieg waren schnell verflogen, denn leider war sich der englische König der Schwäche seines Heeres bewusst und hatte ihm mit seiner klugen Kampfstrategie einen gehörigen Strich durch die Rechnung gemacht.

Und dann war da noch ein zweites Problem, das Wilhelm zu schaffen machte. Wie er durch seine Späher erfahren hatte, war für die Gegner ausgeruhte Verstärkung im Anmarsch, und wenn die erst einmal hier war, würde er seine Normandie wahrscheinlich nicht mehr lebend wiedersehen! Er verdrängte die aufkommenden Gedanken an seine Heimat sofort wieder. Jetzt musste er sich auf die Schlacht konzentrieren, denn, wenn er die gewinnen wollte, musste er unbedingt diesen verdammten Hügel einnehmen, und zwar vor dem Eintreffen der gegnerischen Verstärkung, koste es, was es wolle!

Ärgerlich ließ er seinen Blick über den Hügel schweifen, über die zusammenschmelzende Zahl seiner Truppen, über die blutigen Körper der toten und sterbenden Krieger. Die Eroberung Englands gestaltete sich wesentlich schwieriger, als er sich das erhofft hatte. Genau betrachtet hatte er schon unverschämtes Glück gehabt, dass er mit seinen Truppen überhaupt soweit gekommen war. Das verdankte er dem norwegischen König, der ihm ungewollt in die Hände gespielt hatte. Kurz vor Wilhelms Landung an der südlichen Küste, hatte der Norweger nämlich mit seinem Wikingerheer einen überraschenden Einfall oben in Nordengland durchgeführt und dort eine Stadt nach der anderen eingenommen.

Der englische König, der von Wilhelms Invasionsplänen wusste und mit seinem Heer schon an der Kanalküste bereitstand, hatte seine Truppen daraufhin gezwungenermaßen abziehen und nach Norden führen müssen, der aktuellen Gefahr entgegen. Die Schlacht musste sehr heftig gewesen sein und die Soldaten, die Wilhelm jetzt auf dem Hügel sah, waren nur noch ein Rest der ursprünglichen englischen Armee, aufgestockt mit hastig zusammengerufenen Bauern. Zu seinem Glück, denn gegen das vollständige und ausgeruhte englische Heer hätte er sehr schlechte Karten gehabt.

Aber auch so hatten seine Krieger alle Mühe mit den Engländern, die, auch wenn sie abgekämpft oder unerfahren waren, immerhin mehrere tausend Mann zählten. Es war weit nach Mittag, der Kampf dauerte jetzt schon Stunden und es zeigte sich nicht der kleinste Fortschritt. Der englische Schildwall wich und wankte nicht, egal, welche Taktik Wilhelm auch immer anwandte. Natürlich waren auch aufseiten der Engländer viele Männer gefallen, doch die entstehenden Lücken in der Mauer der Verteidiger wurden augenblicklich durch nachrückende Kämpfer aus den hinteren Reihen ersetzt, bevor die Angreifer einen Vorteil daraus ziehen konnten. Der Hügel war nach wie vor fest in englischer Hand und es sah absolut nicht danach aus, als ob sich daran bald etwas ändern würde.

Weithin sichtbar wehte die Standarte des Königs im leichten Wind über der Kuppe, höhnisch winkend, wie es Wilhelm in seiner ohnmächtigen Wut vorkam. Mittlerweile bedeckten unzählige Tote den steilen, vom Blut der vielen Gefallenen verfärbten Hang des Hügels, und die meisten davon waren Wilhelms Krieger. Wenn er nicht schleunigst einen Weg fand, die Verteidigungskette zu durchbrechen, dann war eine Niederlage absehbar. Und das, obwohl der englische König nicht einmal seine ganze Armee zur Verfügung hatte! Sollten die Engländer etwa die Schlacht gewinnen? Das durfte nicht sein! Er, Wilhelm, war doch im Recht, die Krone England gehörte rechtmäßig ihm! Er kämpfte sogar mit dem Segen des Papstes und unter dessen geweihtem Banner, also warum verhalf Gott ihm nicht endlich zum Sieg? Sollte dieser englische Thronräuber etwa ungestraft davon kommen? Wilhelm spürte, wie seine Wut stieg bei diesem Gedanken. Niemals! Dieser wortbrüchige Intrigant durfte die gestohlene Krone einfach nicht behalten, dafür würde Wilhelm schon sorgen und wenn es das Letzte war, was er in seinem Leben tat!

Entschlossen gab er neue Befehle und warf jetzt auch die letzten Reserven in den Kampf. Er hatte die Kampfesweise des Gegners genau beobachtet und dabei war ihm etwas aufgefallen, was ihm vielleicht helfen konnte. Die englischen Truppen hatten einen großen Fehler und das war die mangelnde Disziplin der ungeübten Bauernkämpfer. Eben erst hatte ein Teil des englischen Flügels den Schildwall gegen alle Vernunft und sicherlich auch gegen die strikte Order ihrer Anführer verlassen und diese Dummheit hatten sie prompt mit dem Leben bezahlt.

Die Ursache war eine bretonische Hilfstruppe aus Wilhelms Heer gewesen, die nach einem blutig abgewehrten Angriff in Panik verfallen war. Der Anblick der zurückweichenden Feinde hatte die Engländer alle Vorsicht vergessen lassen. Ihre Anführer, die die Gefahr erkannten, hatten die unerfahrenen Burschen noch mit deutlich hörbaren Hornsignalen zurückhalten wollen, doch die erregten Männer hörten nicht. Wie in einem Blutrausch waren sie den fliehenden Bretonen johlend und lachend bis ins Tal hinunter gefolgt und hatten sie tatsächlich bis in den Sumpf treiben können, der sich dort am Fuß des Hügels ausbreitete. Aber weiter kamen sie nicht. Plötzlich sahen sie sich auf allen Seiten von Normannen umgeben, die den bedrängten Bretonen natürlich sofort zu Hilfe kamen. Ohne die Deckung des Schildwalles und von ihren Leuten abgeschnitten starben sie so schnell, dass den meisten ihr tödlicher Fehler gar nicht bewusst wurde.

Wilhelm erkannte die Chance, die in dieser Disziplinlosigkeit lag, sofort. Nur die relativ wenigen Söldner unter den Gegnern, die als Wachtruppen im Dienste der verschiedenen Adeligen Englands standen, waren gut ausgebildet und gehorchten den Befehlen ihrer Anführer bedingungslos. Alle anderen jedoch, und damit der Großteil der Männer, reagierten impulsiv und stimmungsabhängig. Und das gedachte Wilhelm zu seinen Gunsten zu verwenden. Die Engländer hatten sich von den zurückweichenden Feinden dazu verleiten lassen, ihre sichere Deckung zu verlassen, und was einmal geschehen war, konnte vielleicht auch mit Absicht gezielt ausgelöst werden. Einen Versuch war es jedenfalls wert.

Ein kurzer Wink an den Hornträger und schon klang ein Signal auf, das die obersten Anführer von Wilhelms Divisionen zur Besprechung rief. Sofort lösten sich mehrere Reiter aus ihren Kampfeinheiten, galoppierten heran und gruppierten sich neugierig um Wilhelm, der ungeduldig wartete, bis alle eingetroffen waren. Dann erklärte er ihnen in kurzen Zügen, was er vorhatte. Kleinere Gruppen von Reitern sollten die Engländer an verschiedenen Stellen angreifen, dann eine aufkommende Panik vortäuschen und Hals über Kopf fliehen. Wenn es gelang, die Verteidiger zum Verfolgen der vermeintlich verängstigten Feinde zu reizen, dann sollten die Reiter, sobald sie den Talboden und die dort im Gebüsch versteckt wartende Verstärkung erreichten, umdrehen, die Verfolger mit ihren schnellen Pferden umgehen und ihnen den Rückweg abschneiden. Der Rest wäre dann ein Kinderspiel.

Der Plan fand sofort allgemeine Zustimmung. Ohne weitere Diskussionen begaben sich die Truppenführer zurück zu ihren Abteilungen und wählten die besten Reiter für dieses Manöver aus. Mit genauen Instruktionen versehen stürzten sich die Krieger in den Kampf. Und die neue Taktik funktionierte tatsächlich! Während oben am Kamm des Hügels das Schlachten weiterging und vornehmlich die angreifenden Normannen samt ihren Verbündeten ihre Leben ließen, traf es hier unten im Tal jetzt immer öfter Gruppen von Engländern, die sich zu einem Ausfall hinreißen ließen. Gegen die kraftvolle Reiterei der Normannen hatten die ungeübten Bauern nicht die Spur einer Chance und auch die im Sog mitgetriebenen Söldner konnten trotz ihrer Kampffähigkeiten dem massiven Ansturm von Gegnern wenig entgegensetzen. Sie alle wurden gnadenlos niedergemetzelt. Nur Einzelnen gelang mit knapper Not die Flucht zurück in die Sicherheit der eigenen Reihen.

Wilhelm triumphierte. Jetzt endlich hatten auch die Engländer größere Verluste zu beklagen! Stellenweise lagen die Leichen so dicht, dass das zertretene und längst nicht mehr grüne Gras kaum mehr zu sehen war. Trotzdem gab Wilhelm sich keinen Illusionen hin. Gut, die List zeigte Erfolg, aber ob das für einen Sieg reichen würde, war eher fraglich. Er brauchte eine deutliche Bresche im Schildwall, damit seine Krieger durchbrechen und den Hügel einnehmen konnten. Und auf kurz oder lang würden auch die unerfahrenen Bauern mitbekommen, was gespielt wurde und nicht mehr auf eine fingierte Flucht der Normannen hereinfallen. Früh genug, um Wilhelms Sieg zu verhindern?

Wilhelm betrachtete das Gemetzel mit grimmiger Wut. Tausende von Männern hatten heute schon ihr Leben verloren, und es würden noch weitere dazu kommen! Wie, zum Teufel, hatte es nur dazu kommen können? Würde er siegen und den englischen Thron besteigen können? Noch vor nicht einmal einem Jahr hatte seine Zukunft glasklar vor ihm gelegen. Eine friedliche Zukunft, was England betraf. Und doch befand er sich jetzt mit seinem gesamten Heer und allen Kriegern seiner Verbündeten, deren er habhaft werden konnte, hier auf der britischen Insel mitten in einer blutigen Schlacht um Englands Krone!

Seine Gedanken schweiften fünfzehn Jahre zurück, bis zu der Zeit, als die ersten Steine ins Rollen gebracht wurden.

 

Der Rat tagt

London, März 1051. Stimmengewirr drang aus der großen, karg eingerichteten Halle des königlichen Palastes. Edward der Bekenner, König von England, hatte für heute die gesetzgebende Versammlung, die Witenagemot, einberufen, und die Mitglieder des Hohen Rates warteten bereits ungeduldig auf das Erscheinen des Königs und seiner Gemahlin Königin Edith.

Der Winter hatte das Land noch fest in seinem eisigen Griff, daher hatten sich die Männer in kleineren Gruppen vor dem gewaltigen Kamin zusammengefunden, der die eine kurze Seite des Raumes fast vollständig einnahm. Trotz des hell lodernden Feuers war es kalt in der Palasthalle, denn der eisige Wind fand immer einen Weg durch die Fugen und Spalten des groben Gemäuers und alle Anwesenden trugen dicke, zum Teil pelzgefütterte Umhänge. König Edward ließ sich Zeit mit seinem Erscheinen und solange verkürzten sich die ehrenwerten Herren die Wartezeit mit tiefrotem Wein vom Festland, den Hausdiener auf der langen Eichenholztafel in der Mitte des Raumes bereitgestellt hatten.

Zwischen die vorwiegend weltlich gekleideten Männer, die anhand ihrer edlen Kleidung sofort als Angehörige der Aristokratie zu erkennen waren, hatten sich auch einige Bischöfe gemischt, als Vertreter der Kirche. Sie alle gehörten zu den führenden Köpfen Englands. Kaum eine Regierungsentscheidung wurde ohne vorhergehende Beratung mit ihnen getroffen, und gerade heute standen einige besondere Entscheidungen an, die für die Zukunft Englands von eminenter Bedeutung waren.

Deshalb waren die Mitglieder der Ratsversammlung, die Witan, besonders zeitig eingetroffen und diskutierten schon heftig miteinander. Wie eigentlich immer, so waren sie auch heute wieder alles andere als einer Meinung. Zu unterschiedlich waren die Ansichten der verschiedenen Interessengruppen, denn hier trafen sich Männer der Kirche mit Gelehrten, Heeresführern und Landesfürsten. Und jeder von ihnen betrachtete naturgemäß jedes Problem aus gänzlich anderen Blickwinkeln.

„Graf Godwin von Wessex ist ja noch nicht anwesend", stellte Robert of Jumièges, der Bischof von London, verwundert fest und konnte seine Freude darüber nicht verhehlen. „Das ist ungewöhnlich. Er ist doch immer einer der Ersten, sonst könnte er ja etwas verpassen! Wisst Ihr etwas über sein Verbleiben, Graf Leofric?"

Sein Gegenüber, Herr über die Grafschaft Mercia, nahm erst einen tiefen Schluck aus seinem Weinbecher und schüttelte dann den Kopf. „Ihr freut Euch zu früh, Bischof Robert“, erwiderte er gemächlich. „Ich hörte, er hat vor der Versammlung eine private Unterredung mit dem König. Er wird sicher gleich kommen.“

Die Antwort kam ein wenig hämisch, denn der angelsächsische Graf mochte den fragenden Bischof, einen ehrgeizigen, normannischen Emporkömmling, nicht besonders. Der Kirchenvertreter, momentaner Favorit des Königs unter den Höflingen, galt als neidisch und intrigant, und jeder wusste von der Rivalität zwischen ihm und Graf Godwin um die Gunst des Königs.

Godwin war das Oberhaupt der einflussreichsten Sippe des Landes. Fast ganz Südengland unterstand ihm oder einem seiner Söhne. Von ihnen kam ein guter Teil der Steuern und von ihnen würde im Kriegsfalle auch ein Hauptteil der Truppen gestellt. Die Schlagkraft von Godwins Kriegern war gewaltig und der Graf könnte damit durchaus auch dem König gefährlich werden, falls es je zu einem Machtkampf kommen sollte. Aber das war eher unwahrscheinlich, denn Godwin war außerdem der Schwiegervater des Königs. Eine Hochzeit war eine allgemein übliche Maßnahme, wenn man sich das Wohlwollen eines potenziellen Gegners sichern wollte und so hatte König Edward, eben um einen Machtkampf mit dem mächtigen Fürsten von vorneherein auszuschließen, die Tochter des Grafen, Lady Edith, zur Frau genommen.

Seiner gehobenen Stellung entsprechend hatte die Meinung des Grafen ziemliches Gewicht bei allen Entscheidungen des Rates. Auch jetzt noch, obwohl sein Ansehen bei Hofe in letzter Zeit ziemlich gelitten hatte, und das hatte er vor allem Robert of Jumièges und dessen Machenschaften zu verdanken. Der strebsame Bischof, der seinen eigenen, von langer Hand vorbereiteten Aufstieg durch den großen Einfluss des mächtigen Grafen gefährdet sah, war nicht dumm und wusste, wie er vorzugehen hatte. Hier eine unauffällige Bemerkung über die allzu große, gefährliche Macht Godwins, vielleicht während einer gemeinsamen Jagd in den königlichen Forsten so ganz nebenbei eingeschoben. Dort ein kleiner Hinweis beim abendlichen Mahl, wie sehr der König doch unter Godwins Fuchtel stehe. Langsam aber sicher hatte er den Unmut des Königs geschürt und den Rivalen bei jeder sich bietenden Gelegenheit mehr in Misskredit gebracht, während er sich selbst zum Favoriten hoch schmeichelte.

Und heute nun war endlich der große Tag, auf den der berechnende Bischof seit Jahren hingearbeitet hatte. Endlich war es soweit! Heute sollten, nein mussten, seine Bemühungen Früchte tragen! Jetzt konnte er die Position bekommen, die er immer erstrebt hatte, die höchste Position der englischen Kirche überhaupt. Den König hatte er längst eingewickelt. Nur einige der Grafen, die seinen wahren Charakter durchschaut hatten, und vor allem Godwin als Mächtigster seiner Kontrahenten, könnte seinen Triumph vielleicht noch verhindern und erfolgreich Widerspruch einlegen. Bischof Robert konnte nur hoffen, dass seine Intrigen die gewünschte Wirkung zeigten und der Einfluss Godwins auf den König schon genügend geschwächt war.

Die Tür öffnete sich und unterbrach die hoffnungsvollen Gedanken des Bischofs. Der König schritt mit seiner Frau in den Raum und tatsächlich war sein Schwiegervater Godwin dabei. Sofort trat Ruhe ein und die Witan grüßten ehrerbietig. Das königliche Paar nickte den Anwesenden freundlich zu und nahm dann auf den beiden einzigen gepolsterten Lehnstühlen am Kopf der Tafel Platz. Holz kratzte lautstark über die groben Steinplatten des Bodens, als die zahlreichen Ratsmitglieder folgten und sich mit Graf Godwin auf den einfacheren Hockern an den Seiten der Tafel niederließen.

König Edward ließ den Blick langsam über die Würdenträger seines Landes schweifen und musterte die Grafen und Bischöfe, den wettergegerbten Leiter der Streitkräfte, die blassen Gelehrten und Beamten des Hofes. Dann kam er ohne Umschweife zur Sache.

„Wie ich sehe, sind die ehrenwerten Witan meinem Aufruf zu dieser Versammlung vollzählig gefolgt. Daraus schließe ich, dass Euch allen die Wichtigkeit der Entscheidungen, die heute getroffen werden müssen, bewusst ist. Verschiedene Entwicklungen auf französischem Hoheitsgebiet machen sofortige Maßnahmen unsererseits unumgänglich. Aber zuerst sollten wir uns einer anderen Angelegenheit zuwenden, die unser Land direkt betrifft: Im letzten Oktober verstarb das Oberhaupt der Kirche Englands, Erzbischof Eadsige von Canterbury. Dann starb im Januar auch noch der nachgeordnete Erzbischof Aelfric von York. Das ist Euch bekannt. Seitdem ist die Kirche unseres Landes ohne Führung, und mir, als König von Gottes Gnaden, obliegt die Ernennung der Nachfolger. Ich habe damit bis jetzt gezögert, weil die Königin nicht einer Meinung mit mir war und ich diese wichtige Entscheidung nicht leichtfertig gegen ihre Empfehlung treffen wollte. Aber jetzt habe ich meine Wahl getroffen."

Edward sah kurz auf die unbewegte Miene seiner um vieles jüngeren Frau und fuhr fort: „Die Königin vertritt die Interessen der Mönche von Christ Church, dem Kloster von Canterbury, die einfach den gläubigsten der amtierenden Bischöfe zum neuen Oberhaupt erwählen wollten. Aber der Erzbischof von Canterbury muss mehr sein, als gläubig. Das Oberhaupt unserer Kirche ist gleichzeitig auch ein Staatsmann, ein Botschafter Englands, der in der Lage sein muss, in meinem Auftrag englische Interessen bei unseren Verbündeten und auch bei unseren Feinden zu vertreten. Er muss diplomatisch, aber bestimmt auftreten können. Und diese vielfältigen Voraussetzungen erfüllt der Bischof von London, Robert of Jumièges. Als Bischof unserer Hauptstadt und Mitglied des Hofes kennt er sich mit den Staatsangelegenheiten bestens aus und deshalb wird er die Nachfolge des verstorbenen Eadsige antreten und das Amt des Erzbischofs von Canterbury übernehmen.“

Der bestimmte Tonfall des Königs unterband jeden Widerspruch. Die Anwesenden wechselten betroffene Blicke. Nach ihrer Meinung war das eine glatte Fehlentscheidung, da waren sie sich sogar ausnahmsweise einig. Dieser intrigante Günstling als Oberhaupt der englischen Kirche, das musste doch zu einem Desaster führen! Wie konnte der König nur derart blind gegen den wahren Charakter seines neuen Favoriten sein! Es gab verschiedene Kandidaten, die alle wesentlich besser geeignet wären, als ausgerechnet dieser hinterlistige Höfling. Stigand, der Bischof von Winchester beispielsweise war ein sehr fähiger und ehrenhafter Mann. Doch solche Gedanken waren sinnlos, vielleicht sogar gefährlich. In diesem Fall würde Edward keine Einmischung vonseiten der Witan dulden, daran bestand kein Zweifel. Natürlich musste der Papst in Rom die Wahl noch bestätigen, aber in Unkenntnis der Sachlage und auf die Empfehlung des Königs hin würde er das arglos tun.

„Majestät, wäre es nicht besser ..." wagte Graf Godwin als Einziger noch einen Einwand.

Bischof Robert hielt gespannt, und auch ein wenig beklommen, den Atem an. Jetzt würde sich zeigen, ob seine Strategie die Richtige war. Hatte Godwin noch genug Einfluss, seinen Plänen in die Quere zu kommen? Nein, seine Besorgnis war unbegründet. Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte Edward den Widerspruch des alten Grafen sehr ernst genommen, aber jetzt ließ er den Mann nicht einmal aussprechen.

„Ich bin sicher, dass Ihr gute Gründe für einen anderen Anwärter habt, Graf Godwin. Mein Entschluss steht jedoch fest.“

Godwin sah das schnelle, hämische Grinsen auf dem Gesicht des neu ernannten Erzbischofs und presste die Lippen zusammen. Diese Entscheidung würde mit Sicherheit Probleme für ihn bringen, unausweichlich, denn mit seiner Ernennung hatte Bischof Robert jetzt die Macht, offen gegen ihn anzugehen. Auch seine Stellung als Schwiegervater des Königs würde ihn auf die Dauer nicht gegen bösartige Intrigen schützen.

König Edward war sich im Klaren darüber, dass er den Grafen durch die unhöfliche Unterbrechung vor den Kopf stieß, aber nach seiner Meinung war es an der Zeit, seine königliche Allmacht zu demonstrieren. Er war der König, hatte er es nötig, die Zustimmung seines Schwiegervaters bei seinen Entscheidungen einzuholen? Ohne dass es ihm bewusst war, zeigten die ständigen Einflüsterungen seines Favoriten Wirkung.

Nur war der Schwiegervater genau genommen tatsächlich ein Mann, auf dessen Unterstützung er angewiesen war. Seine Herrschaft beruhte auf der Treue seiner Lords. Nur durch deren Steuern und durch die Gewissheit, dass er jederzeit Truppen in den Grafschaften ausheben konnte, war der König handlungsfähig. Seine eigenen, nicht sehr großen königlichen Wachtruppen waren alleine nicht in der Lage irgendetwas zu bewirken, wenn die Fürsten nicht mitzogen, und Edward wusste das nur zu genau.

Graf Godwin war der einflussreichste der Lords und eine Zurechtweisung vor allen Anwesenden hätte bei einem Mann von weniger ausgeglichenem Charakter zu einem herben Rückschlag auf den König führen können. Es könnte ihm sogar den Thron kosten, aber glücklicherweise war Godwin ein gutmütiger Mann und er war seinem König bekanntermaßen absolut treu ergeben. Die Herrschaft über die südlichen Grafschaften genügte dem Grafen und er hatte nicht den Ehrgeiz, auch noch Herr über England zu werden, obwohl er durchaus die finanziellen und auch militärischen Möglichkeiten dazu hätte.

Allerdings hatte Edward, der auf Godwins Treue baute, eines nicht bedacht: Selbst Godwins Geduld hatte seine Grenzen. Solange die Intrigen des Bischofs und die wachsende Missgunst des Königs nur Godwin persönlich betrafen, war dieser bereit, zurückzustecken. Doch sollten sich die Ungerechtigkeiten irgendwann gegen seine Familie oder gegen seine Untergebenen ausweiten, dann könnte aus dem friedlichen Schwiegervater leicht ein ernsthafter Gegner werden!

Der König ahnte nichts von Godwins steigendem Unmut und er wusste auch nichts von den bösartigen Plänen des zukünftigen Erzbischofs. Keine Vorahnung warnte ihn vor dem drohenden Verhängnis, das er soeben durch sein Verhalten in dieser Angelegenheit ausgelöst hatte. Arglos und erleichtert über den relativ geringen Widerstand fuhr er fort.

„Spearhavoc, Abt und Bischof von Abingdon, wird Bischof Roberts Nachfolger in London“, sprach Edward weiter. „Und dessen Amt in Abingdon übernimmt mein Verwandter Rothulf, der bisher als Bischof in Skandinavien tätig war. Zum Erzbischof von York berufe ich Cynsige, meinen königlichen Sekretär. Erzbischof Robert wird, sobald er in Rom vom Papst das Pallium in Empfang genommen hat, in Canterbury die entsprechenden Weihungen der Genannten vornehmen.“

Damit hatte Edward die wichtigsten kirchlichen Positionen des Landes ausnahmslos mit seinen Anhängern besetzt. Ihre geistlichen Fähigkeiten waren bei der Wahl des Königs offensichtlich weniger ausschlaggebend als ihre Königstreue, aber, und das war der Sinn der Sache, Edward hatte damit seinen Einfluss auf die Kirche schlagartig kräftig gesteigert. Dazu kam noch, dass mit Robert of Jumièges jetzt nicht länger ein alteingesessener Angelsachse, sondern ein Ausländer, ein Normanne, das Oberhaupt der englischen Kirche war und sowohl die Bischöfe unter den Witan als auch verschiedenen Grafen sahen das mit Skepsis. Der zunehmende normannische Einfluss in ihrem Land ging vielen gegen den Strich.

Die Witan tuschelten miteinander und König Edward konnte die schlechte Stimmung deutlich spüren, doch er schob sein aufkeimendes Mitgefühl sofort zur Seite. Darauf wollte er keine Rücksicht nehmen. Diesmal nicht! Für ihn standen andere Probleme im Vordergrund. Zwar trug er die Krone, im Grund genommen waren jedoch die Kirche und die Grafen die eigentlichen Herren des Landes. Wenn Edward also trotzdem nach seinen eigenen Vorstellungen regieren wollte, brauchte er entsprechend viele Parteigänger in einflussreichen Stellungen, die nach seinen Wünschen stimmten. Deshalb strebte er natürlich danach, alle frei werdenden hohen Posten möglichst mit seinen Anhängern zu besetzten. Er konnte ja nicht ahnen, dass er letztlich gerade dadurch sein Königreich aufs Spiel setzte.

„Nun gut. Wenden wir uns also dem eigentlichen Anlass unseres Treffens zu, den Staatsangelegenheiten. Die Entwicklungen in Frankreich gehen in eine Richtung, die ein Problem für England werden könnten. Wir müssen dringend Maßnahmen zu unserem Schutz ergreifen. Aber hören wir uns zunächst den Bericht des Befehlshabers unserer Streitmacht an.“

Edward warf dem Mann einen auffordernden Blick zu und der drahtige, schon etwas ältere Aristokrat ergriff das Wort.

„Seit der Herzog der Normandie, der junge Wilhelm, die Volljährigkeit erreicht und die Erbschaft seines Vaters angetreten hat, konnte die Normandie zunehmend an Bedeutung gewinnen. Als Protegé von König Henri von Frankreich wird er trotz seines jugendlichen Alters langsam, aber stetig, eine ernst zu nehmende Größe.“

Der befehlsgewohnten Stimme des Kommandanten konnte sich niemand entziehen und die verprellten Anwesenden wandten ihm schließlich ihre volle Aufmerksamkeit zu.

„Herzog Wilhelm hat offensichtlich nicht nur den Titel seines Vaters geerbt, sondern auch dessen Machthunger und die kämpferische Natur. Er hat mit seinen Truppen bereits mehrere Revolten von Lords, die seine Oberherrschaft nicht anerkennen wollten, erfolgreich niedergeschlagen und er unterhält neben seinem schlagkräftigen Heer eine gut ausgerüstete und stetig wachsende Flotte, die zunehmend auch eine Bedrohung für Englands Küsten wird. Mittlerweile ist Wilhelms Bedeutung schon so stark, dass er jetzt auch als ernsthafter Vertragspartner für das mächtige Flandern infrage kommt. Wilhelm strebt schon länger eine Verbindung an und wirbt, wie Ihr sicher wisst, um die Hand von Matilda, der Tochter von Herzog Baldwin von Flandern. Bisher zwar erfolglos, aber Wilhelm ist als sehr hartnäckig bekannt und in dieser Angelegenheit ist das letzte Wort sicher noch nicht gesprochen. Nun könnte aber eine Alliance dieser beiden Parteien für uns eine echte Gefahr werden, wenn wir nicht bei Zeiten entsprechende Vorkehrungen treffen.“

„Könnte! Warum macht Ihr jetzt schon die Pferde scheu?", warf Graf Leofric von Mercia ein. „Warten wir doch einfach ab. Noch gibt es keine Hochzeit und kein Bündnis, also besteht auch noch keine Gefahr. Außerdem bezweifle ich, dass es jemand tatsächlich wagen würde, England ernsthaft anzugreifen. Wir haben eine sehr große Streitmacht zur Verfügung, wenn wir die Truppen von ganz England ausheben, und das können wir im Ernstfall recht schnell. Auch die Normandie und Flandern zusammen können uns nicht viel anhaben."

„Wenn Ihr Euch damit nur nicht täuscht“, gab der Heerführer zurück. „Herzog Wilhelms Flotte allein ist jetzt schon größer als unsere. Und auch wenn sein Heer vielleicht nicht stark genug ist für eine Invasion, so kann er doch jederzeit kleinere Raubzüge auf unsere wohlhabenden Küstenstädte starten.“

„Das tun die Wikinger doch schon seit Jahren, ohne dass wir deshalb groß etwas unternommen hätten! Weshalb also jetzt plötzlich diese Aufregung?“, wollte Graf Siward wissen. Ihm unterstand die nördlichste Grafschaft Northumbria und er hatte besonders unter den ungebetenen Besuchen der grausamen Wikinger zu leiden.

„Mein lieber Graf, ihr solltet eigentlich wissen, dass die Wikingerbanden kein feindliches Heer sind, sondern bloße Piraten. Sie sind mit ihren paar Schiffen auf Beute aus und wollen lediglich plündern, nicht erobern. Schnell zuschlagen und sofort wieder verschwinden ist ihre Devise. Außerdem handeln diese Männer aus eigenem Antrieb, nicht im Namen ihrer Könige. Wir haben Abkommen mit den Königen von Norwegen und Dänemark.“

„Ja, ich weiß, und trotzdem kann, oder will, keiner von beiden die mordenden Horden zurückhalten. Wer sagt uns denn, dass Herzog Wilhelm seine Normannen besser in der Hand hat? Da können wir uns Verhandlungen doch gleich sparen.“

„Ich sehe auch keinen Sinn in Verhandlungen und Verträgen“, stimmte der Heerleiter zu. „Aber wenn wir überhaupt nichts unternehmen, wird uns das als Feigheit und Schwäche ausgelegt. Und für einen machthungrigen Kriegerführer wie Herzog Wilhelm wäre das geradezu eine Einladung, nicht nur die Küste zu plündern, sondern gleich das ganze Land einzunehmen.“

„Und was schwebt Euch als Gegenmaßnahme vor, wenn Ihr doch Friedensabkommen offensichtlich von vorneherein ablehnt?“, fragte König Edward.

„Na, das ist doch klar! Vergrößert die Flotte! Stellt gut ausgebildete Truppen auf, die ständig kampfbereit zur Verfügung stehen und nicht erst bei Bedarf ausgehoben werden müssen, und dann auch noch hauptsächlich aus Bauern bestehen! Lasst Waffen und Rüstungen herstellen! Nur so können wir unsere gierigen Nachbarn auf Dauer abschrecken!“

Bischof Stigand schnaubte abfällig und schüttelte den Kopf. „Das ist dummes Zeug! Da gibt es doch wohl genügend andere Wege. Wer soll die Felder bestellen und das Land ernähren, wenn unsere Männer ständig beim Heer sind und üben, wie man sich am besten die Köpfe einschlägt? Ich finde, wenn wir Feindseligkeiten mit ein wenig diplomatischem Geschick vermeiden können, dann sollten wir das auch tun!“

„Das ist auch meine Meinung.“ Graf Godwin nickte dem Bischof zu. Als Herr über Südengland hatte er gute Gründe für eine freundschaftliche, politische Lösung, denn eine Invasion von Frankreich aus würde zuerst die Ländereien seiner Sippe treffen. „Statt die Normandie und Flandern als mögliche Gegner zu betrachten, sollten wir sie lieber zu unseren Verbündeten machen. Wir können solch mächtige Partner auch im Kampf gegen die ständigen Wikingerraubzüge ganz gut gebrauchen.“

„Ja, verhandeln wir doch mit Wilhelm und Baldwin. Auch die beiden können von einem Bündnis nur profitieren“, hieb Harold, Graf von East Anglia und Godwins zweitältester Sohn, in die gleiche Kerbe.

„In solchen Fällen ist eine Hochzeit zwischen den Verhandlungsparteien immer eine sehr gute Lösung. Vielleicht sollten wir einmal in dieser Richtung nachdenken.“ Der Vorschlag von Bischof Stigand erntete zustimmendes Gemurmel. Die wenigsten Witan sahen Vorteile in einer kostspieligen militärischen Aufrüstung.

„Sehr viele Möglichkeiten gibt es da zurzeit nicht“, meinte Graf Leofric. „Was Herzog Baldwin betrifft, so verhandelt Wilhelm ja schon wegen dessen Tochter. Gut, Baldwin hat dieser Verbindung noch nicht zugesagt, also könnten wir uns theoretisch einmischen und eigenes Interesse bekunden. Nur wäre es mehr als unklug von uns Wilhelm in die Quere zu kommen, besonders da wir ja auch ihn als Verbündeten gewinnen wollen. Ansonsten bleibt eigentlich nur noch Judith, Baldwins junge Halbschwester. Man könnte ihm die Vermählung von Judith mit einem hohen englischen Adeligen vorschlagen.“

„Habt Ihr da jemanden Bestimmten im Auge?“, wollte Edward sofort wissen.

„Nun, Sir Godwin ist der Bedeutendste unter uns, vielleicht käme einer seiner Söhne infrage? Sein Sohn Tostig ist doch noch unverheiratet.“

Edward wiegte nachdenklich den Kopf. Man musste Flandern schon eine hochgestellte Persönlichkeit anbieten, soweit hatte Leofric recht. Die Königin hatte Edward bisher keine eigenen Nachkommen geschenkt, für die er Heiratsverträge hätte aushandeln können, also musste er sich gezwungenermaßen bei seinen Lords nach brauchbaren Kandidaten umsehen. Durch eine Vermählung von Tostig mit Judith würde sich Flandern mit England verbinden, aber, und das fand Edward im Augenblick nicht besonders erstrebenswert, auch mit der Godwinsippe. Eine verwandtschaftliche Verbindung von Godwins Familie mit dem Fürsten von Flandern würde den für Edwards Geschmack sowieso schon viel zu starken Einfluss Godwins noch mehr ausweiten. Südengland war dichter besiedelt als der raue Norden des Landes und damit unterstanden Godwin und seinen Söhnen gut die Hälfte aller wehrfähigen Männer ganz Englands, und dieses Wissen hing wie ein Damoklesschwert über Edward.

Sicher, in der Vergangenheit hatte sich der Graf seinem König gegenüber immer als absolut treu erwiesen, trotz der neuerlichen Meinungsverschiedenheiten. Nur gab es dafür keine Garantie, Schwiegervater oder nicht. Falls es je zu einer ernsthaften Auseinandersetzung kommen würde, hätte Edward schon jetzt einen schweren Stand und dann war es fraglich, auf wessen Seite sich Flandern stellen würde.

Edward seufzte. Keiner konnte in die Zukunft sehen und jetzt, in diesem Augenblick, war ein Flandern ohne Friedenspakt mit England das weitaus größere Risiko. Er warf seiner Frau einen fragenden Blick zu. Immerhin ging es hier um ihren Bruder.

Die Königin nickte ihm zu. „Eine Hochzeit ist wohl wirklich der beste Weg. Nur müssen die Beteiligten natürlich erst zustimmen.“

„Graf Godwin, was meint Ihr dazu? Würde Euer Sohn einwilligen?“, wandte Edward sich an den Vater Tostigs.

Der Graf musste nicht lange überlegen, er war sich über die Vorteile für seine Sippe durchaus im Klaren. Außerdem konnte Tostig, der als Dritter in der Erbfolge weder Land noch Titel hatte, auf diese Weise ohne großen Aufwand zu Ansehen kommen. Er würde sicher keine Einwände haben.

„Ich denke schon. Aber Ihr wisst ja, Tostig hat keinen eigenen Besitz und Graf Baldwin wird kaum eine Vermählung seiner Schwester mit einem landlosen Lord gutheißen.“ Der alte Fuchs hatte die Situation sofort erkannt und klopfte kräftig auf den Busch. Der König brauchte ihn, oder besser seinen Sohn, denn die Auswahl an möglichen Vermählungskandidaten war nicht besonders groß. Aber ohne angemessen großen Grundbesitz lief da nichts und damit bot sich hier die perfekte Gelegenheit für Tostig, doch noch an Ländereien zu kommen.

Edward reagierte auch sofort wie gewünscht. „Ihr habt natürlich recht, wir werden Herzog Baldwin schon eine ansprechende Hochzeitsgabe bieten müssen. Irgendein unbedeutendes Landgut reicht da nicht, deshalb verspreche ich Tostig die nächste frei werdende Grafschaft.“ Godwin wollte sich schon im Stillen zu seinem geglückten Schachzug gratulieren, doch König Edward ließ sich nicht so leicht ausmanövrieren und schränkte die Zusage ein. „Natürlich nur, falls der Vertrag zustande kommt. Sind mit dieser Lösung alle einverstanden?“

Der König blickte fragend in die Runde und registrierte das allgemeine Nicken. Da waren sich doch tatsächlich einmal alle einig. Der Heerleiter war ein kluger Mann, der letztendlich die Vorteile eines Bündnisses auch aus militärischer Sicht nicht leugnen konnte und auch Erzbischof Robert erhob keine Einwände. Er hatte seine eigenen Pläne, und diese Hochzeit würde den gut geplanten Niedergang des Hauses Godwin auch nicht aufhalten.

„Gut, damit ist das geklärt. Ich werde später mit den Beteiligten über die Einzelheiten sprechen und Unterhändler für die Verhandlung mit Herzog Baldwin bestimmen. Und nun zu Herzog Wilhelm. Wie sollen wir bei ihm vorgehen? Er hat keine Schwester und, vorausgesetzt alles läuft nach seinen Wünschen, hat er auch seine zukünftige Frau schon gewählt."

„Da bleibt wohl nur ein Friedenspakt, mit gegenseitigem Austausch von Geiseln zur Absicherung“, meinte Graf Harold, Godwins zweiter Sohn. „Fragt sich nur, ob ihm das ausreichen wird. Durch kriegerische Maßnahmen kann er weitaus mehr gewinnen."

„Das habt ihr richtig erkannt“, stimmte der Führer der Streitkräfte zu. „Ich denke, Herzog Wilhelm ist eine weit größere Gefahr als Flandern. Er ist jung und ehrgeizig und ständig damit beschäftigt, seine Macht und seine Ländereien zu erweitern. Und damit ist er sehr erfolgreich. Seine Normannen sind sehr gute Kämpfer, hart und furchtlos, und Wilhelm weiß das zu nutzen. Trotz seines Alters ist er schon ein sehr erfolgreicher Heerführer. Falls er irgendwann Lust verspürt unsere Insel einzunehmen, haben wir ein Problem, denn die Fähigkeiten dazu hat er. Und selbst wenn wir dann ein Bündnis haben, bezweifle ich doch sehr, dass ein machthungriger Mann wie er auf Geiseln Rücksicht nehmen würde. Was gelten ein paar Bauernopfer, wenn es darum geht, ein ganzes Land zu bekommen? Nein, da müssen wir uns schon etwas anderes einfallen lassen!“

„Aber das Verhältnis zwischen England und der Normandie war immer sehr gut, außerdem ist der Herzog mit der königlichen Familie verwandt.“ Bischof Stigand konnte den Gedankengängen des alten Kämpfers nicht folgen. „Er hat keinerlei Grund für Feindseligkeiten!“

„Bischof, für Machthunger braucht man keinen Grund“, gab der Heerführer leicht gereizt zurück. Diese Kirchenleute hatten doch wirklich keine Ahnung, was in der Welt vorging! „Und seine Verwandtschaft ist eher noch ein Anreiz. Er könnte auf den Gedanken kommen, dass er sowieso einen Anspruch auf den Thron hat!“

„Genau genommen hat er den tatsächlich“, bemerkte Edward.

Seine Ehe mit Königin Edith war bisher kinderlos geblieben und Edward war inzwischen Ende vierzig. Es war kaum zu erwarten, dass er doch noch Erben bekommen würde. Und ohne direkte Nachkommen rückten damit seine entfernteren Verwandten als Thronanwärter nach.

„Wenn ich es mir recht überlege“, fuhr er nachdenklich fort, „eigentlich ist es sowieso langsam an der Zeit, dass ich einen Nachfolger bestimme und Wilhelm wäre als mein Erbe nicht einmal die schlechteste Wahl. Nicht dass ich vorhätte, schon zu sterben, aber man weiß ja nie und einen Krieg um die Erbschaft möchte ich ganz gerne vermeiden! Nach allem, was ich höre, regiert Wilhelm seine Ländereien gnadenlos und ohne Kompromisse, und er erstickt jegliche Widerstände sofort schon im Ansatz, aber das ist in einem Land, in dem Nachkommen der Wikinger leben, wohl auch nötig. Sicher ist er recht hart, doch meiner Ansicht nach würde er durchaus einen fähigen König abgeben und das kann ich von den wenigsten meiner sonstigen Verwandten sagen. Warum also nicht Wilhelm als Thronfolger benennen? Dann ist uns seine Unterstützung auf jeden Fall sicher."

„Das ist doch hoffentlich nicht Euer Ernst!“, fuhr Graf Godwin erschrocken auf. „Ihr könnt doch keinen Normannen auf den englischen Thron setzen! Unser Herrscher darf nur ein Angelsachse sein!“ Er schickte einen giftigen Seitenblick zum neu ernannten normannischen Erzbischof Robert. „Diese Wikingernachkommen haben sowieso schon viel zu viel Einfluss in unserem Land.“

Diese Bemerkung war nicht sehr taktvoll, denn der König war selbst auch ein halber Normanne, aber Godwin hatte von je her eine starke Abneigung gegen die Männer aus dem Norden und damit stand er nicht alleine. Die grausamen, kriegerischen Barbaren aus Norwegen und Dänemark hatten England in der Vergangenheit hart zugesetzt und taten es heute noch immer. Irgendwann in der Vorzeit war es den Nordmännern gelungen sich auf dem Festland, im Gebiet der Normandie einzunisten, daher kam auch der Name der Region. Natürlich waren ihre Nachfahren heute Untertanen des Königs von Frankreich, aber nach Godwins Meinung waren die Normannen trotzdem Barbaren geblieben. Sie konnten und wollten nichts anderes als kämpfen! Herzog Wilhelm war doch der lebende Beweis dafür. Er war bisher noch keinem Gefecht aus dem Wege gegangen, wenn es darum ging, seine Macht zu vergrößern! An diplomatische Lösungen dachte der gierige Kerl nur, falls er dabei mehr gewinnen konnte. Ein solcher Mann als Herrscher über die friedliebenden Bewohner Englands war einfach undenkbar!

Allerdings spielte in diesem speziellen Fall bei Godwins Einspruch noch ein Hintergedanke mit. Als Schwiegervater des Königs gehörte auch seine Familie in gewissem Sinne zur Verwandtschaft des Königs und Godwin hätte natürlich ganz gerne einen seiner eigenen Söhne auf dem Thron gesehen. Der Älteste, Swegn hatte keinen guten Charakter und der eher leichtfertige Tostig käme auch weniger infrage, aber Harold entwickelte sich ganz im Sinne seines Vaters. Und jetzt sah Godwin seine hochstrebenden Zukunftspläne in Gefahr.

„Wenn es nach der Verwandtschaft geht, dann können einige Männer höhere Ansprüche geltend machen. Herzog Wilhelm ist schließlich nur ein Bastard“, wandte Erzbischof Robert geringschätzig ein. „Ja, stimmt schon, Majestät, Eure Mutter war eine Schwester von Wilhelms Großvater, aber Wilhelms Eltern haben vor Gott in Sünde gelebt, sie waren nicht verheiratet!“

Edward zuckt die Achseln. Solche Feinheiten interessierten ihn im Augenblick wenig. Und mit Normannen hatte er sowieso kein Problem, schließlich hatte er selbst den einen oder anderen Nordländer zwischen seinen Vorfahren. „Verheiratet oder nicht, es gab keine andere, rechtmäßige Ehefrau und damit auch keine anderen Söhne. Und Wilhelm war immerhin legitim genug, die Erbschaft seines Vaters anzutreten, ohne dass sein König, Henri von Frankreich, Einspruch erhoben hat. Außerdem gibt es noch einige andere Gründe, die für ihn sprechen.“

Siward, Graf von Northumberland, verstand, worauf sein König hinaus wollte und nickte. „Herzog Wilhelm weiß zu kämpfen und er würde dann schon aus eigenem Interesse darüber wachen, dass niemand versucht, England zu erobern. Nehmt doch nur die kriegslüsternen nordischen Könige, die haben doch ständig ein Auge auf uns und warten nur auf eine günstige Gelegenheit, Verträge hin oder her. Unter Wilhelms Schutz wären wir sicher und Ihr könntet in Ruhe und Frieden bis zu Eurem Tode regieren.“

„Richtig. Wenn ich dagegen einen angelsächsischen Nachfolger bestimme, fehlt uns die Kampfkraft zusätzlicher Truppen vom Kontinent. Und ich möchte mein Leben nicht mit ständigen Kriegen verbringen. England hat in der Vergangenheit genug mitgemacht. Überdies bin ich Wilhelm sowieso noch etwas schuldig, denn seine Familie hat mir damals beholfen, den Thron meines Vaters Aethelred von den eingedrungenen Wikingern und ihrem selbst ernannten König Cnut zurückzuerobern. Ohne die tatkräftige Unterstützung der Normannen wäre ich jetzt nicht König.“

„Es gibt doch sicher andere Wege, Eure Dankbarkeit zu zeigen und einen Pakt mit ihm einzugehen. Ohne ihn gleich als Thronfolger zu benennen!“ Nicht nur Godwin hatte Bedenken, Graf Leofric dachte ähnlich. „Er ist und bleibt ein Ausländer, da können wir England doch gleich den mordenden Wikingern überlassen! Wo ist da der Unterschied?“

„Ihr könnt Herzog Wilhelm doch nicht mit diesen Barbarenhorden aus dem Norden vergleichen!“, entrüstete sich Bischof Stigand. „Wir haben oft genug Wikingerraubzüge erlebt und wir alle kennen die Folgen zu Genüge. Jedes Mal blieben nur Leichen und verbranntes Land zurück! Sie schlachten aus reiner Freude am Töten jeden ab, den sie erwischen können, auch Frauen und Kinder! Herzog Wilhelm dagegen ist ein ehrenhafter Aristokrat, egal wo seine Vorfahren herstammen!“

Jetzt mischte sich die Königin in die Debatte ein, die den veralteten Ansichten ihres Vaters auch nicht zustimmen konnte. „Ich muss Bischof Stigand recht geben. Herzog Wilhelm ist vielleicht ein Kriegerführer, trotzdem hat er sich bisher als umsichtiger Mann gezeigt. Ehrgeizig ist er unbestritten, ja, aber ohne unnötige Grausamkeit. Und warum müssen wir unbedingt einen angelsächsischen König haben? Schließlich leben oben in Northumbria doch ebenfalls viele Nachfahren von Wikingern und auch sonst vereinigen sich hier in England die unterschiedlichsten Volksstämme. Was England in erster Linie benötigt ist ein starker Herrscher. Er muss die einzelnen Grafschaften zusammenhalten und außerdem Schottland und Wales in Schach halten können und dazu ist Wilhelm sicherlich der richtige Mann.“

Die Witan diskutierten noch eine Weile mit dem Herrscherpaar, dann stimmten sie letztendlich widerstrebend der Benennung Herzog Wilhelms zum Thronerben zu. Sie waren nicht wirklich überzeugt und es gab einige, die nach wie vor Vorbehalte gegen diese Entscheidung hatten, aber momentan konnte keiner von ihnen eine bessere Lösung vorschlagen. Ein Pakt mit dem Herrn der Normandie war unvermeidlich. Sie mussten handeln, und politische Versprechen waren billig. Das wussten auch die Ratsmitglieder und so gaben sich selbst die Zweifler nach einer Weile geschlagen.

Bis zu Edward Tod floss noch viel Wasser die Themse hinunter. Der König war noch nicht alt, er war gesund und kräftig und er konnte durchaus auch noch eigene Nachkommen bekommen. Auf jeden Fall war noch genug Zeit, es würde sich schon eine Möglichkeit finden, wie man diesen Normannen später doch noch ausbooten konnte.

Natürlich musste diese Entscheidung für eine offizielle Gültigkeit mit einem feierlichen Eid der einflussreichsten Männer Englands besiegelt werden. Schließlich musste sich ein zukünftiger König der Unterstützung seiner Untergebenen sicher sein können. Zumindest theoretisch. Ein wackelnder Thron war schließlich kein Anreiz, und wenn der Pakt funktionieren sollte, durften sie Wilhelm keinen Grund zum Misstrauen geben. Also schworen Bischof Stigand, momentan noch oberster Kirchenvertreter bis Roberts Berufung zum Erzbischof durch den Papst bestätigt wurde, und die wichtigsten Grafen, nämlich Godwin von Wessex, Siward von Northumbria und Leofric von Mercia feierlich, dass sie Herzog Wilhelm nach König Edwards Tod als ihren Herrscher anerkennen würden.

So weit, so gut. Nun musste der noch ahnungslose Wilhelm von seiner Ernennung als Thronfolger von England in Kenntnis gesetzt werden. Bei einem so wichtigen Anlass kam natürlich nicht infrage, einfach nur einen Boten mit einer Nachricht in die Normandie zu schicken. Was war bedeutungsvoller als die Krone Englands? Jedes Land, das etwas auf sich hielt, würde bei solchen Gelegenheiten selbstverständlich einen angesehenen Repräsentanten des Landes mit angemessen großer und reich ausgestatteter Begleitmannschaft als Botschafter aussenden, der persönlich bei Wilhelm vorsprach. Mit dieser ehrenvollen Aufgabe betraut zu werden war eine große Auszeichnung, denn dieser Mann vertrat immerhin den König und das ganze Land. Dafür kamen mehrere hochgestellte Persönlichkeiten in Betracht und die Ratsmitglieder taten sich schwer damit, eine Wahl zu treffen. Selbst bei solchen Fragen war viel Diplomatie im Spiel. Einem bestimmten Edelmann den Vorzug zu geben bedeutete gleichzeitig eine Ablehnung der Anderen und man wollte schließlich keinen der hohen Herren beleidigen.

Zu guter Letzt einigten sich die Witan auf Robert of Jumièges. Als zukünftiges Oberhaupt der englischen Kirche war er allein schon durch sein Amt der optimale Botschafter, außerdem musste seine Ernennung erst von Papst Leo IX bestätigt werden und dafür musste der Bischof persönlich nach Rom reisen und das Pallium, das Zeichen für sein neues Amt, entgegennehmen. Auf seiner Reise nach Italien lag die Normandie sozusagen am Wege.

Damit waren die vordringlichsten Angelegenheiten geklärt und man konnte sich den weniger dringenden, wenn auch nicht weniger wichtigen Dingen zuwenden. Es gab noch genügend offene Fragen zu klären und so verging noch einige Zeit, bis Edward die Versammlung endlich auflöste und sich mit seiner Frau zurückzog. Einige der Anwesenden blieben noch und diskutierten über dies und das, doch die Meisten hatten für diesen Tag genug geredet. Während sie sich hier in London am Hofe aufhielten, waren ihre eigenen Angelegenheiten liegen geblieben. Besonders die Grafen der weiter entfernten Grafschaften ließen sich mit dem Wissen um eine entsprechend lange Heimreise umgehend ihre Pferde oder Kutschen samt dem schon vorbereiteten Gepäck aus den Festungsställen bringen, riefen ihr Gefolge aus den Gesinderäumlichkeiten zusammen und verließen den Hof. Inzwischen war der Vormittag vorbei. Der vom Fluss herüberkriechende Nebel hatte sich weitgehend verzogen und vereinzelte Sonnenstrahlen bahnten sich einen Weg durch den wolkenverhangenen Himmel. Ein guter Tag für eine Reise. Es regnete tatsächlich einmal nicht und so würden sie heute noch ein gutes Stück Weg zurücklegen können.

Der sehr zufriedene neue Erzbischof Robert of Jumièges hatte schon ungeduldig auf die Schlussworte des Königs gewartet. Umgehend verließ er nach dem Treffen den Hof und begab sich eilig auf seinen Wohnsitz. Er hatte mit seiner Ernennung gerechnet und auch schon erste Vorbereitungen für seine Reise nach Rom und für seinen zügigen Umzug von London in die Residenz von Canterbury getroffen. So schnell wie nur möglich wollte er sein neues Amt antreten. Nicht zuletzt, weil er darauf brannte, in seinem Streit mit Erzfeind Graf Godwin endlich zum entscheidenden Schlag auszuholen.

Wenn nur der lästige Auftrag, in der Normandie bei Herzog Wilhelm vorzusprechen, nicht wäre! Natürlich war es eine Ehre für ihn, sicher, aber im Augenblick kam ihm die Auszeichnung eher ungelegen. Der Umweg passte überhaupt nicht in seine Pläne, denn dieser Besuch war mit einem längeren Aufenthalt in Wilhelms Hauptstadt Rouen verbunden. Die Höflichkeit gebot es, Gäste je nach ihrer Bedeutung für eine angemessene Zeit zu beherbergen und standesgemäß zu unterhalten und Robert konnte eine solche Einladung Wilhelms unmöglich ablehnen. Auch brauchte er für diesen Anlass neben seiner Reisekleidung und dem Amtsgewand noch zusätzlich entsprechend festliche Kleidung in ausreichender Menge, die wiederum transportiert werden musste. Und er würde jetzt in seiner Eigenschaft als Botschafter mit einer wesentlich größeren Truppe reisen müssen, als er das geplant hatte und all das brauchte zusätzlich Zeit. Aber gut, bald war er einer der mächtigsten Männer Englands und derartige Aufträge waren eben die Nachteile, die das so sehnsüchtig angestrebte Amt mit sich brachte! Damit würde er wohl oder übel leben müssen.

Ganz wie befürchtet und wie es sich für einen königlichen Botschafter geziemte, gab Edward ihm tatsächlich eine stattliche Eskorte aus Angehörigen der englischen Aristokratie mit. Außerdem stellte er ihm eine gut ausgebildete Wachmannschaft zur Seite, die nicht nur die Reisenden, sondern vor allem auch die reichen Gastgeschenke von König Edward an den Herrn der Normandie bewachen sollte. Es dauerte eine gute Weile, bis die hohen Herrschaften in seiner Begleitung ihre Festgarderobe zusammengepackt hatten und reisefertig waren, und als sich der zukünftige Erzbischof endlich mit seinem lästigen Tross im Hafen von London einschiffen konnte, war seine Laune trotz seines Triumphes nicht mehr sehr gut.

 

 

Der Thronerbe

Normandie, Frühjahr 1051. Widerwillig und erst in letzter Minute ging der Erzbischof an Bord des großen Seglers, der ihn und sein Gefolge in die Normandie bringen würde. Er hasste Schiffe und er hasste das Meer. Starben nicht Jahr für Jahr ganze Schiffsmannschaften samt ihren Passagieren den grausamen Tod des Ertrinkens? Er fühlte sich so hilflos auf dem Wasser, der Natur ausgeliefert. Hier galt seine Herkunft, auf die er sich so viel einbildete, nichts, Macht oder Reichtum hatte keinen Einfluss. Das Meer riss Aristokraten und gemeines Volk gleichermaßen in ein nasses Grab. An Tagen wie heute fragte er sich jedes Mal, welcher Teufel ihn damals geritten hatte, als er die Entscheidung traf ausgerechnet in England, auf einer Insel, eine Karriere anzustreben! Ihm wurde schon übel, wenn er die träge im Hafen dümpelnden Nussschalen nur ansah. Doch diesmal hatte er Glück. Das Meer war für die frühe Jahreszeit erstaunlich ruhig und er verbrachte die Überfahrt halbwegs angenehm unter Deck und beruhigte seinen rebellierenden Magen und seine Angst mit einigen Glas Wein.

Seinem Befehl gemäß strebte der Segler auf kürzestem Wege den nächstgelegenen Hafen an der normannischen Küste an, und sobald die ersten Leinen vertäut waren, ging der Erzbischof sofort an Land. Endlich wieder auf festem Boden atmete er tief durch und schickte als Erstes einen Boten zur Hauptstadt Rouen voraus, der den Herzog von seiner Ankunft in Kenntnis setzen sollte. Dann wartete er ungeduldig in einem einfachen Schankhaus, bis seine Begleiter, die Pferde, Packtiere und das umfangreiche Gepäck endlich ausgeladen waren. Das Ganze dauerte länger als er angenommen hatte und er sah sich schließlich gezwungen, mit seinen Leuten über Nacht in der Hafenstadt zu bleiben.

In einem Hafen kamen ständig Reisende an, und da die Segler von Wetterlage und Gezeiten abhängig waren, mussten nicht wenige davon auch dort übernachten. Es gab also genügend Schankhäuser mit Gastzimmern, falls man die winzigen, primitiven Verschläge so nennen wollte. Wirklich nicht das, was ein Mitglied der Hocharistokratie als angemessene Unterkunft bezeichnet hätte! In den Holzbauten gab es keine Kamine, es zog durch alle Ritzen und was die Sauberkeit betraf, so wollte der Erzbischof darüber lieber gar nicht erst nachdenken. Aber ihm und seinem Gefolge blieb leider keine andere Wahl! Zähneknirschend fügte er sich in das Unvermeidliche. Nach einem einfachen, aber ausgiebigen Mahl zog er sich in seine Kammer zurück und ließ sich vorsichtig auf dem harten Strohlager nieder. Immerhin war das Stroh frisch, dafür hatte sein Kammerdiener natürlich gesorgt. Auch die grobe, wollene Decke war frisch gewaschen, wie der Wirt seinem hohen Gast nachdrücklich versichert hatte, doch den Fähigkeiten einer Hafenwäscherin brachte der angehende Erzbischof wenig Vertrauen entgegen. Mit spitzen Fingern schob er die Decke beiseite und zog seinen Umhang über sich. Das Kleidungsstück würde reichen müssen, schließlich wollte er sich ja keine Wanzen oder Läuse einfangen!

Als er am nächsten Morgen unausgeschlafen und mit steifen Knochen zum Frühstück erschien, war seine Stimmung nicht besonders gut. Hastig schlang er sein Essen hinunter, trieb seine Begleiter zur Eile und wartete, ungeduldig mit den Fingern auf den zernarbten, fleckigen Holztisch klopfend, bis auch der letzte Nachzügler bereit war und er endlich das Zeichen zum Aufbruch geben konnte.

Froh, das Wirtshaus und die laute, schmutzige Hafensiedlung hinter sich lassen zu können, lenkte Erzbischof Robert sein Pferd an der Spitze seiner Eskorte aus der Stadt hinaus. Sobald er aber die steinigen Pfade sah, über die sein weiterer Weg führen würde, sank seine Laune vollends auf den Nullpunkt. So hatte er sich sein neues Amt nicht vorgestellt! Warum musste König Edward ausgerechnet ihn zu diesem Herzog schicken! Auf dem direkten Weg nach Rom hätte er die bequemen alten Römerstraßen benutzen können, gut befestigt und breit, mit halbwegs annehmbaren Gasthäusern unterwegs. Stattdessen ritt er hier mitten durch die unwegsame Wildnis! Wirklich, so ehrenvoll seine Aufgabe als Botschafter auch war, auf diesen strapaziösen Umweg seiner Reise hätte er nur zu gerne verzichtet. Hoffentlich schickte ihm Herzog Wilhelm bald eine Delegation entgegen, dann konnte er unterwegs wenigstens mit angemessenen Nachtquartieren rechnen. Wilhelm hatte überall im Lande Festungen und hohen Gästen wie ihm stand selbstverständlich eine Unterkunft in den Häusern des Herzogs zu!

Grimmig schlug er die Kapuze seines pelzgefütterten, reich besticken Umhanges hoch zum Schutz gegen den kalten Westwind und trieb sein Pferd an. Je schneller er es hinter sich brachte, desto besser!

Er brauchte nicht lange auf eine Reaktion Herzog Wilhelms auf den vorausgeschickten Boten zu warten. Viel schneller als erwartet traf er auf die ersehnte normannische Abordnung, angeführt von Wilhelms engstem Berater, Freund und Namensvetter Wilhelm Fitz Osbern. Offensichtlich waren dem Herrn der Normandie schon vor Ankunft des Boten Gerüchte über seine Ernennung zum Thronfolger von England zu Ohren gekommen. Die reich aufgeputzte und stark bewaffnete Eskorte hatte bei der Schnelligkeit bis zum Zusammentreffen eindeutig schon auf Abruf bereitgestanden, also hatte Wilhelm mit Besuch gerechnet. Dieser Herzog musste über ein ausgezeichnetes Netz an Spitzeln in England verfügen!

Jetzt ging die Reise für den englischen Botschafter deutlich angenehmer weiter. In allen Ehren wurde er nach Rouen geleitet, wo Wilhelm ihn in seiner gewaltigen Burg erwartete. Neugierig betrachtete der Erzbischof den Hauptsitz des Herzogs, als die Truppe sich endlich dem Burgtor näherte. Die Anlage glich mehr einer Kriegsfestung, als einem herzoglichen Palast, aber das hatte Robert erwartet. Solche stark befestigten Burgen mit hohen Steinmauern, Wehrgängen, mit Zinnen bewehrten Türmen, Erdwällen und Wassergräben waren auf dem Festland allgemein üblich. Ganz im Gegensatz zu England. Für die friedliebende Bevölkerung der Insel waren derartige Verteidigungsanlagen von eher untergeordneter Bedeutung. Man zog es vor, sich friedlich zu einigen. Hier auf dem Festland jedoch wehte ein rauerer Wind. Nachbarn waren nicht durch das schützende Meer voneinander getrennt, sondern die Besitzungen grenzten unmittelbar aneinander und Grenzstreitigkeiten und Eroberungsversuche waren fast an der Tagesordnung.

Selbst von normannischer Abstammung kannte Erzbischof Robert solche Burgen natürlich und er wunderte sich auch nicht weiter über die starke Besatzung an Kriegern, die die ankommende Reitertruppe von den Wehrgängen herab eingehend musterten. Wer in Frankreich, oder generell auf dem Festland, als Herrscher eines Landstriches seinen Besitz und nicht zuletzt sein Leben behalten wollte, für den waren sichere Festungen unabdingbar. Das galt besonders für Wilhelm, der des Öfteren in Kämpfe verwickelt war, und auch wenn momentan Ruhe herrschte, so waren weitere Gefechte gegen drängende Nachbarn schon wieder absehbar.

Erzbischof Robert war gespannt auf den Mann, den Edward zum zukünftigen König bestimmt hatte. Er persönlich hatte keine besonders hohe Meinung von dem kriegerischen jungen Herzog, diesem Bastard aus einer unstandesgemäßen Verbindung. Für ihn, selbst aus alteingesessenem aristokratischen Hause, war der Herr der Normandie nicht einmal ein gleichwertiges Mitglied des Adels, sondern nur ein unehelicher Gernegroß mit hochtrabenden Ambitionen. Und für den französischen Adel wohl auch, denn seinen fragwürdigen Anspruch auf den Herzogtitel hatte Wilhelm mit Gewalt durchsetzten müssen. Mit seinen erst dreiundzwanzig Jahren hatte der Bursche schon mehr Gefechte hinter sich, als König Edward wohl in seinem ganzen Leben führen würde!

Der Erzbischof hatte genug über den Werdegang des Herzogs gehört, um sich ein Bild über dessen Charakter machen zu können. Seit dem frühen Tod des Vaters hatte der damals noch minderjährige Wilhelm um sein Erbe kämpfen müssen. Immer wieder hatte es Gefechte gegeben, gegen die eigenen normannischen Lords, aber auch gegen die Herren benachbarter Grafschaften, die den jungen Erben gerne aus dem Wege räumen und sich selbst den Herzogtitel aneignen wollten. Wilhelm war ein Kämpfer, er hatte sich allen Schwierigkeiten gestellt und würde auch in Zukunft nie klein beigegeben. Er überstand Gefechte und verschiedene Anschläge auf sein Leben und war mit jedem Jahr gnadenloser und härter geworden.

Früher, zu Lebzeiten des alten Herzogs, war Wilhelm als dessen Sohn und damit als vollwertiges Mitglied der Hocharistokratie anerkannt und mit entsprechender Ehrerbietung behandelt worden. Doch, wie sich herausstellte, nur auf Druck des mächtigen Herzogs, der keinerlei Aufsässigkeiten gegen seinen Sohn geduldet hatte. Mit dem Tod des Vaters war damit schlagartig Schluss. Von da an war er nur noch der Bastard eines toten Adeligen, ein Niemand, ohne jegliche Ansprüche. Doch er ließ sich von den normannischen Lords nicht einschüchtern. Die Krieger seines Vaters standen treu zu ihm und so nahm er den Kampf auf. Wer sich nicht freiwillig unterordnete, den zwang er dazu.

Gerade neunzehn geworden kam es dann zu seiner ersten großen Schlacht. Einer von Wilhelms Lords, ein gewisser Guy von Burgund, hatte gegen die aufgezwungene, harte und kompromisslose Herrschaft des jungen Wilhelm revoltiert. Er hatte ein Heer aufgestellt und gegen den Normannen geführt. Bis dahin hatte Wilhelm sich erfolgreich alleine durchsetzen können, doch für einen Aufstand dieser Größenordnung fehlte es ihm an Erfahrung und an Männern. Auf Anraten seines Vormundes hatte er bei seinem König, Henri I von Frankreich, vorgesprochen und diesen um Unterstützung gebeten.

König Henri zog es im Allgemeinen vor, sich aus den internen Kämpfen seines Adels herauszuhalten und keine Partei zu ergreifen. So hatte er es bisher auch mit Wilhelm gehalten. Ihm konnte es schließlich egal sein, wer in diesem rauen, aufmüpfigen Landstrich herrschte, solange die Steuereinnahmen stimmten und sich niemand gegen seine Oberherrschaft wandte. Aber auf die direkte Bitte des jungen Mannes hin und zu einer Entscheidung gezwungen, hatte er dann nach reiflicher Überlegung doch beschlossen, Partei zu ergreifen und Wilhelm die erbetene Hilfe zu gewähren.

Erzbischof Robert überlegte kurz, welche Beweggründe der französische König wohl dafür gehabt haben mochte. Warum hatte er diesen unehelichen Herzogsabkömmling unterstützt und nicht stattdessen Lord Guy von Burgund? Mit seiner Entscheidung hatte König Henri automatisch Wilhelms Anspruch auf den Herzogtitel offiziell anerkannt und niemand gab einem Bastard einfach so ein ganzes Herzogtum, ohne sich das vorher genau überlegt zu haben! Hatte er angenommen, den jungen, unerfahrenen Wilhelm leichter lenken zu können? Oder drohte Guy von Burgund zu mächtig und damit gefährlich zu werden und brauchte einen Dämpfer?

Wie auch immer, irgendeinen Vorteil musste der König gesehen haben, jedenfalls hatte er Truppen in die Normandie geschickt, die mit Wilhelm in die Schlacht gezogen waren. In der Ebene von Val-ès-Dunes waren die beiden Armeen aufeinandergestoßen und Wilhelm, der es sich nicht hatte nehmen lassen, persönlich an diesem grausamen Gemetzel teilzunehmen, hatte das gegnerische Heer gnadenlos vernichtet. Wilhelm hätte sich mit diesem Erfolg zufriedengeben können, doch das tat er nicht. Einmal in Fahrt hatte er beschlossen, ein für alle Mal reinen Tisch zu machen. Kaum zurück in Rouen hatte er sofort Jagd auf alle seine Widersacher im Herzogtum gemacht und jeder, der sich ihm nicht bedingungslos unterwarf, war auf nimmer Wiedersehen in seinen Kerkern verschwunden. Danach hatte keiner der normannischen Lords mehr gewagt, das Wort gegen Wilhelm zu erheben, geschweige denn zu den Waffen zu greifen.

Seine untergebenen Lords hatte er auf diese Weise einschüchtern können, die Nachbarn allerdings nicht. Auch das Wissen, dass König Henri jetzt hinter dem jungen Herzog stand, hielt nicht alle Neider von dessen Grenzen fern. Wie Erzbischof Robert gehört hatte, zeigte besonders Geoffrey Martel, der mächtige Herzog von Anjou, damals wie heute deutliches Interesse an der Normandie. In den vier Jahren seit der Schlacht gegen Guy von Burgund hatte er sich stetig näher an Wilhelms Grenzen herangearbeitet. Die Grafschaft Touraine hatte Martel schon eingenommen und jetzt standen dessen Truppen in Maine, dem südlichen Nachbarn der Normandie, und lieferten sich Gefechte mit dem Lord von Bellême. Noch war Wilhelm nicht selbst betroffen, aber das war nur eine Frage der Zeit, und entsprechende Vorbereitungen für Gegenmaßnahmen waren längst angelaufen.

Erzbischof Robert war heilfroh, dass sein Besuch in eine relativ friedliche Zeitspanne fiel. Er hätte wenig Lust gehabt, den Herzog auf irgendeinem Schlachtfeld zu suchen und dabei womöglich noch seinen eigenen Kopf zu riskieren! Die sichere und komfortable Festung von Rouen war da doch eher nach seinem Geschmack und er sah sich wohlgefällig um, während er im weiten, sauber gefegten Burghof vom Pferd stieg und mit der Gesandtschaft auf das fahnengeschmückte Portal zu schritt. Wilhelm war natürlich schon von Roberts Eintreffen informiert und begrüßte den englischen Botschafter und seine Begleiter persönlich in der pompösen Halle der Burg.