Im Schatten der Drachenflamme - Roukeiya Peters - E-Book

Im Schatten der Drachenflamme E-Book

Roukeiya Peters

0,0
8,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Die Vergangenheit ruht nicht – sie brennt   In Edinburgh bleiben die Aufträge für die Hüterin magischer Kreaturen aus. Maisie droht, den letzten Ort zu verlieren, der sie noch mit ihrer Familie verbindet. Doch dann erreicht sie ein Hilferuf: Die abgeschiedene Akademie Flora Noctis wird von einem Drachen heimgesucht. Gelingt es Maisie, die Angriffe aufzuklären, könnte das ihre Rettung sein. Gemeinsam mit ihrem Blauspitzdrachen macht sie sich auf den Weg zu der Akademie, die sie eigentlich nie wieder betreten wollte.  Kaum angekommen, gerät sie in ein Netz aus Intrigen, dunklen Geheimnissen und Erinnerungsfetzen, die ein düsteres Bild zeichnen. Alte Wunden reißen auf, als sie ihren einstigen Freund Noah wiedertrifft, der ihr nun mit unverhohlener Abneigung begegnet. Während Maisie versucht, die Wahrheit ans Licht zu bringen, wird ihr klar, dass ihre eigene Vergangenheit untrennbar mit den Ereignissen verwoben ist.  Doch wem kann sie vertrauen, wenn nicht einmal sich selbst? 

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 594

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Im Schatten der Drachenflamme

Roukeiya Peters

Copyright © 2026 by

Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

www.drachenmond.de

E–Mail: [email protected]

Lektorat: Sarah Nierwitzki – Wortkosmos

Korrektorat: Lillith Korn

Layout Ebook: Stephan Bellem

Satz: Maria Schwamborn & Astrid Behrendt

Umschlag– und Farbschnittdesign: Giessel Design

Bildmaterial: Shutterstock

Druck: Booksfactory

ISBN 978-3-69130-081-9

Alle Rechte vorbehalten

Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von §44b UrhG ausdrücklich vor.

Inhalt

1. Maisie

2. Maisie

3. Maisie

4. Maisie

5. Maisie

6. Noah

7. Maisie

8. Maisie

9. Noah

10. Noah

11. Maisie

12. Noah

13. Maisie

14. Noah

15. Maisie

16. Maisie

17. Noah

18. Maisie

19. Maisie

20. Maisie

21. Maisie

22. Noah

23. Maisie

24. Noah

25. Maisie

26. Maisie

27. Noah

28. Maisie

29. Noah

30. Maisie

31. Noah

32. Maisie

33. Maisie

34. Noah

35. Maisie

36. Maisie

37. Noah

38. Maisie

39. Noah

40. Maisie

41. Maisie

42. Noah

43. Maisie

44. Noah

45. Maisie

46. Noah

47. Maisie

48. Noah

49. Maisie

50. Noah

51. Maisie

52. Maisie

53. Noah

54. Maisie

55. Maisie

56. Noah

57. Maisie

58. Maisie

59. Noah

60. Maisie

61. Noah

62. Noah

63. Maisie

Epilog

Danksagung

Drachenpost

Für Jaslin

weil Heimat manchmal kein Ort ist

Kapitel1

Maisie

Ich muss dich rausschmeißen, Maisie.« Mister Fillers Worte brannten sich heiß und unnachgiebig in ihre Haut. Ihr Vermieter sah sie ernst an.

Das durfte nicht passieren. Unter keinen Umständen.

In ihr staute sich Angst zu einem lebendigen Turm aus Dunkelheit. Maisie atmete aus, als sie merkte, dass sie die ganze Zeit über die Luft angehalten hatte. Sie musste sich zusammenreißen, durfte nicht vor dem Mann zusammenbrechen.

»Das geht nicht«, erwiderte sie leise.

»Du hast deine Miete seit drei Monaten nicht gezahlt«, führte er aus und verschränkte die Arme vor der Brust. »Es tut mir ja leid für dich, aber ich brauche das Geld.«

Maisie ließ ihren Blick durch das Büro schweifen. Über die Papiertürme, unzählige Klebezettel, den verstaubten Globus, die offenen Seiten des Lexikons, das über wandelnde Baumwesen berichtete, die ihre Eltern zuletzt erforscht hatten, bis eine Lawine ihre Körper eingehüllt hatte und nichts mehr von ihnen geblieben war als das hier.

Der Raum wirkte vielmehr wie ein Museum als ihr Arbeitsplatz. Sie selbst besaß einzig den Schreibtisch am Fenster, einer, der ihr einst zugewiesen worden war, der Rest des Raumes gehörte der Vergangenheit an, die Maisie nicht anrührte. Er gehörte zu der Geschichte ihrer Eltern, es waren ihre Forschungen, ihre Fortschritte, ihr Vermächtnis. Alles, was nach ihrem Tod übrig geblieben war.

Nichts davon würde sie anrühren, eher würde sie ihre eigenen Akten verbrennen und die Asche aus dem Fenster werfen.

»Ich schwöre Ihnen, ich treibe das Geld auf, ich zahle die Miete«, versprach sie mit zitternder Stimme.

Mister Filler runzelte die Stirn. Diesmal war es sein Blick, der durch den Raum glitt.

Er betrachtete alles, was ihr geblieben war. Ihr Heiligtum war genau hier aufgebahrt. Offen und zugänglich für alle und damit so fragil.

Maisie wollte nichts davon verlieren. Konnte nichts davon verlieren. Sie brauchte diese Gegenstände wie die Luft zum Atmen, wie die Drachen das Feuer, wie … wie ihre Eltern einst die Forschung.

»Maisie …«, murmelte ihr Vermieter, sichtbar unschlüssig, was er tun sollte. Mister Filler hatte ihre Eltern gekannt, beizeiten hatten sie sogar ein paar Ales in der Bar um die Ecke getrunken und lautstark die Fußballspieler im TV bejubelt.

»Ich verspreche es, Mister Filler, ich besorge das Geld.« Sie hatte keinen blassen Schimmer, wie sie das anstellen sollte, denn ihre Auftragslage war spärlich. Was der Grund dafür war, warum sie ihre Miete nicht bezahlen hatte können, aber sie würde einen ganzen Monat nichts essen, auf Strom und Wasser verzichten, wenn sie nur dieses Büro behalten durfte.

Und solange Gemorvyn etwas zu futtern bekam. Der kleine Drache saß neben ihr auf dem Schreibtisch und bedachte Mister Filler mit seinem süßesten Blick, den es in der Drachenwelt gab, und als er den Kopf schief legte, stöhnte der Vermieter schließlich auf.

»Na schön.« Mit gehobenem Zeigefinger deutete er tadelnd auf Maisie. »Du hast sechs Wochen Zeit, mir die gesamte Summe zu überweisen, dann ist alles vergessen. Und ich möchte, dass du fortan deine Miete regelmäßig zahlst, hast du das verstanden?«

Maisie nickte erleichtert. Für diesen Augenblick konnte sie wieder atmen – zumindest, bis sie realisierte, dass der drohende Verlust nicht vorüber war, nur aufgeschoben. Das Problem existierte noch immer: Sie hatte kein Geld. »Natürlich. Ich werde alles daransetzen. Danke, Mister Filler!«

Dieser seufzte. »Ich kann nicht noch eine Ausnahme machen, okay?«

»Sicher«, erwiderte Maisie und schluckte. Sie musste sich etwas überlegen. Möglicherweise könnte sie den Leuten anbieten, ihre Keller und Dachböden zu kontrollieren und dafür zu sorgen, dass sie vor den üblichen Kreaturen geschützt waren. Sie könnte aber auch ihren Umkreis erweitern, weiter raus aus Edinburgh gehen. Je ländlicher es wurde, umso eher schlichen sich die magischen Kreaturen in die Häuser und Gärten der Menschen und sorgten für Ärger. Maisie wollte sowohl den Kreaturen als auch ihren Auftraggebern helfen. Manchmal steckte mehr hinter einer verirrten Kreatur in einem Gebäude. Es waren die Gegebenheiten der Umgebung, die sie dazu zwangen. In der Vergangenheit hatte Maisie deshalb schon ein paar Geschöpfe umsiedeln müssen.

Mister Filler besah den kleinen Drachen, der seine dunklen Flügel ausstreckte und zufrieden gähnte. Ihr Vermieter schüttelte den Kopf, nuschelte: »Tschüss«, ehe er sich aus dem Staub machte und Maisie mit einem unlösbaren Problem zurückließ.

Wie sollte sie bei der schlechten Auftragslage so viel Geld verdienen?

Maisie aktualisierte ihr Mail-Postfach, doch außer dem Angebot des Instituts, für das ihre Eltern damals gearbeitet hatten, blieb es leer. Der Auftrag würde sie für unbestimmte Zeit in die Ferne führen und ihr zwar ein gutes Gehalt verschaffen, aber im Jobangebot stand nichts von einer Vorauszahlung, die sie aus der Misere retten könnte. Außerdem konnte sich Maisie einfach nicht vorstellen, Edinburgh für so eine lange Zeit, und dann vermutlich genauso wie ihre Eltern, immer wieder zu verlassen.

Doch Plakate, Homepage, Flyer, all das sorgte nicht für mehr verirrte Kreaturen in Edinburgh, derer sie sich annehmen konnte. Und die ihr genug Geld in die Kasse brachten.

Während Gemorvyn sie mit seinen gelben Augen beobachtete, fuhr sie mit ihren Fingern über das Holz ihres Schreibtischs. Es fühlte sich an, es wäre erst gestern gewesen, als ihr Vater ihn mit ihr gemeinsam aufgebaut hatte. Sie war sieben Jahre alt gewesen und hatte sich geweigert, die Nachmittage bei ihrer Großmutter Annie zu verbringen. Also hatte ihr Vater ihr kurzerhand einen eigenen Schreibtisch gekauft, damit sie mit ihnen gemeinsam hatte forschen können. Zumindest hatten sie ihr damit das Gefühl gegeben.

Meistens hatte Maisie die Unterschiedlichkeit und Komplexität von Mandalas erforscht, während sich ihre Eltern um Zentauren, kleine gemeine Veilchenwespen oder Eishörner in Alaska gekümmert hatten. Aber sie waren zusammen gewesen.

Gemorvyn gab ein schnatterndes Geräusch von sich. Er streckte seine Flügel aus, verdeckte den Computerbildschirm absichtlich und gab seinen hellbeigen Bauch preis. Maisie lächelte und kraulte ebendiesen, was der kleine Blauspitzdrache mit einem dumpfen Seufzen willkommen hieß.

»Was sollen wir tun, Gem?«, fragte sie nachdenklich. Sie musste dieses Geld auftreiben, aber sie hatte niemanden, den sie um Hilfe bitten konnte. Vielleicht konnte sie einen Kredit bei der Bank aufnehmen? Sie hatte immerhin noch die Eigentumswohnung ihrer Eltern vorzuweisen.

Maisie schüttelte den Kopf. Keine Bank der Welt würde ihr einen Kredit geben, wenn sie schon nicht in der Lage war, die Miete zu zahlen. Wie sollte sie dann die Raten begleichen?

Maisie ging zum kleinen Kühlschrank, um Gemorvyn ein paar Happen Fisch herauszuholen. Als der Drache sah, wie sie die Dose hinausnahm, kreischte er auf und krallte sich an den Schreibtischrand. Maisie warf ihm eine Sardelle zu, danach schmiss sie eine weitere ein paar Meter weiter weg. Gemorvyn flog blitzschnell zu seiner Beute und verschlang die kleinen Fische an einem Stück.

Als Maisie die Dose zurücklegte, saß der blauschwarze Drache am Fenster und betrachtete die untergehende Sonne. Goldenes Licht umhüllte Edinburgh, ließ die Stadt friedlich daliegen, während sich Maisie verloren fühlte. Dieses Büro zu verlieren, bedeutete, einen Teil ihrer selbst zurückzulassen. Das Lachen, die Faszination in den Augen ihrer Eltern und die Liebe zum Detail an jeder Wand, die sie mit ihren eigenen Händen, ihren Gedanken und Ideen geschmückt hatten.

Sie konnte es nicht verändern oder gar verlieren.

»Ich muss mir einen neuen Job suchen«, flüsterte Maisie, als sie über die Dächer Edinburghs sah. Diese sieben Worte schmeckten wie Betrug auf ihrer Zunge.

Kapitel2

Maisie

Gemorvyn flog bereits in die Nacht, als Maisie zwei Briefe aus ihrem Briefkasten fischte.

Mit flauem Gefühl verstaute sie beide in ihrer Tasche und hoffte, dass es keine Rechnungen waren. Auszuschließen war es jedoch nicht.

Als Kind hatte sie ihre Eltern auf zahlreichen Aufträgen um und in Edinburgh begleitet. Genug magische Kreaturen, denen sie hatte helfen können und deren Beseitigung aus Wohnhäusern Geld eingetrieben hatte. Heute gab es immer weniger magische Tiere in der Stadt und wenn, waren es stets die gleichen. Es war nicht sonderlich spannend, aber Maisie war dankbar um jeden Auftrag, um über die Runden zu kommen. Erst vorgestern hatte sie Funkenweber aus einem Gebäude in Bruntsfield entfernt und anschließend in einen passenden Waldabschnitt umgesiedelt. Dabei achtete Maisie stets darauf, dass es der richtige Lebensraum für die entsprechenden Geschöpfe war und sowohl diese als auch die Menschen geschützt wurden. Funkenweber waren kleine leuchtende glühwürmchenähnliche Kreaturen, die sich in einen Keller verirrt und in dem Wohnhaus für Aufruhr gesorgt hatten.

Die Mieter waren von süßen Stimmen angelockt worden, die sie in einen tiefen Schlaf versetzt hatten. Während sich die Funkenweber an toten Hautzellen gelabt hatten, wurden sie von einem gehörlosen Mieter gefunden, der Maisie sofort kontaktierte.

Seit sie denken konnte, trieb Maisie die Liebe und Faszination für die magischen Wesen an, weshalb ihr früh klar gewesen war, dass sie diese schützen wollte. Um die Kreaturen zu studieren, hatte sie fast vier Jahre an der Westküste Schottlands auf der Halbinsel Knoydart verbracht. Die Abgeschiedenheit der Gegend lud zahlreiche Geschöpfe ein, Heimat zu finden. Neben ihrem Studium hatte sie Gemorvyn mithilfe der ansässigen Professoren trainiert und ihn zu einer Spürnase erster Klasse ausgebildet.

Der Drache war ihr kleiner fliegender Detektiv und hatte sie bereits bei zahlreichen Fällen unterstützt.

Und trotzdem war heute einer der Tage, an denen sie bereute, dass sie den Forschungsauftrag nicht angenommen hatte, der ihr an der Uni angeboten worden war. Zu sehr hatte sie sich in die Vorstellung verliebt, das Büro ihrer Eltern mit Leben zu füllen und die Kreaturen in ihrer Heimatstadt Edinburgh zu schützen. Stattdessen war sie zu einer Kammerjägerin mutiert und traf auf die immer gleichen magischen Geschöpfe, die sich in die Stadt verirrten. Das allein wäre keine Katastrophe gewesen, allerdings taten sie es seit einigen Monaten deutlich seltener und ohne Aufträge gab es kein Geld.

Das Leben, das sie als Hüterin führte, war ein anderes, als ihre Eltern es ausgelebt hatten. Durch ihre Flexibilität hatte es ihnen nie an Geld gefehlt. Die ersten Lebensjahre hatte Maisie zwar mit ihrem Vater und ihrer Mutter in diesem Büro verbracht, aber als sie elf geworden war, hatten ihre Eltern wieder einen Forschungsauftrag angenommen, wie sie es vor ihrer Geburt schon getan hatten.

Immer, wenn sie in ihre Heimat zurückgekehrt waren, hatten sie gemeinsam auf dem Holzboden des riesigen Büros gesessen und ihre Erkenntnisse präsentiert. Maisie liebte es, die Geschichten zu hören, gleichzeitig hatte sie ihre Eltern stets schmerzlich vermisst. Ralph und Laura Williams verwandelten sich vor ihren Augen zu einem Forscherpaar, zu dem Maisie nur noch gehört hatte, wenn sie gemeinsam auf dem Dielenboden gesessen hatten und ihre dreimonatige Pause in Edinburgh verbracht hatten.

Während ihrer Abwesenheit wohnte sie bei ihrer Großmutter, die nichts von den Reisen ihrer Eltern hielt und ihr riet, einen anderen Weg einzuschlagen. Dabei war Maisie den magischen Wesen bereits verfallen. Spätestens, nachdem sie Gemorvyn fiebrig und unterernährt sowie allem Anschein nach mutterseelenallein im Wald gefunden hatten, war sie hoffnungslos verloren gewesen.

Entgegen ihrer Erwartung war Gem klein geblieben, obwohl seine Rasse, die Blauspitzdrachen, zu den großen ihrer Art zählte. Er trug alle Merkmale dieser Rasse, außer dieser Ausnahme.

Gemorvyn war anscheinend ein seltenes und ganz besonderes Exemplar. Derzeit war er der einzig bekannte Zwergblauspitzdrache. Selbst dort, wo er gefunden worden war, hatten ihre Eltern und eine kleine Forschergruppe keine weiteren Hinweise und Sichtungen auf seine Spezies gefunden.

Zu Hause angekommen zog Maisie die zwei Briefe aus der Tasche, die danach auf der Küchentheke landeten.

Gemorvyn machte es sich währenddessen auf seinem Plüschbett auf dem Sofa gemütlich und drehte sich auf den Rücken. Seine blauschwarzen Flügel umschlangen seinen kleinen Körper, als wäre er eine Fledermaus.

Erst jetzt bemerkte Maisie den vertrauten Stempel der Flora Noctis Academy auf einem der Briefe.

Sie kniff die Augen zusammen. Was wollten sie von ihr? Im Alter von vierzehn Jahren hatte sie die Akademie für magisch Begabte besucht, aber nachdem sie regelmäßig krank gewesen war und sie sich auf der Akademie unwohl gefühlt hatte, da ihre eigene magische Quelle noch unbekannt gewesen war, hatten ihre Eltern sie abgeholt, damit sie zu Hause an ihren Fähigkeiten hatte trainieren können. Sie hatte keine guten Erinnerungen an die Akademie. Vielleicht war es eine Befragung, zehn Jahre nach ihrem Weggang. Aber wieso ging dieser Brief an ihre Geschäftsadresse und nicht an ihre private Anschrift?

Mit einem Briefmesser schnitt sie den Umschlag auf und überflog die Buchstaben mit einem mulmigen Gefühl. Wieder und wieder las sie den Text, als würden sich die Buchstaben bewegen und einen wirren alphabetischen Strudel bilden.

Sehr geehrte Miss Williams,

auf der Suche nach einem versierten Hüter von magischen Kreaturen sind wir durch unsere Partnerin die Magica University of Knoydart auf Sie aufmerksam geworden.

Die Universität hat in höchsten Tönen über Ihre außerordentliche Expertise über Drachen berichtet.

Aufgrund Ihrer Fähigkeiten und unseres Vertrauens in Sie als ehemalige Studentin unserer Akademie, möchten wir Ihnen ein Jobangebot unterbreiten.

Seit einigen Monaten wird die Flora Noctis Academy von einem aggressiven Drachen heimgesucht, der für Angst und Schrecken unter den Studierenden und der Belegschaft sorgt. Die Kreatur greift regelmäßig unseren Westturm an, der aufgrund dessen vor dem endgültigen Verfall steht, und droht weitere Teile des Gebäudes zu zerstören.

Um unsere Studierenden zu schützen, brauchen wir Unterstützung von jemandem, der sich dem annimmt und somit für Sicherheit sorgt.

Nach unserem Wissensstand haben Sie nicht nur tiefgehende Kenntnisse über Drachen, sondern pflegen ebenfalls einen. Wir glauben, dass durch die Nahbarkeit und Anwesenheit eines Drachen die Ängste der Studierenden abgebaut werden können. Zusätzlich kennen Sie das Akademiegelände und auch das Umland, sodass wir hoffen, mit Ihnen einen zügigen und zufriedenstellenden Erfolg erreichen zu können.

Folgendes ist unsererseits gewünscht:

– Regelmäßige Berichte über den Fortschritt

– Offene Kommunikation und Transparenz

– Interesse und Kenntnisse an und von verschiedenen Drachen und die damit verbundene Risikobereitschaft

– Flexibilität

– Bereitschaft, mit Studierenden Kontakt aufzunehmen und Ängste abzubauen

– Maximale Dauer des Einsatzes: vier Monate

Im Gegenzug für Ihre Unterstützung bieten wir Ihnen Folgendes:

– Vorauszahlung von 3500 Pfund

– Einen Stundenlohn von 150 Pfund bei einer Arbeitszeit von 8Stunden pro Tag an 5 Tagen in der Woche

– Bei erfolgreichem Abschluss des Auftrags eine Summe von 15000Pfund

– Bonuszahlung in den ersten 2 Monaten, je früher der Auftrag abgeschlossen wird, bis zu Verfünffachung der Abschlusssumme möglich

– Eine Übernachtungspauschale von 85 Pfund pro Nacht, die über die gesamte Dauer gezahlt wird

– Flexible Arbeitszeiten

– Interne Unterstützung

– Raum und Zeit, eine adäquate Lösung zu finden

Selbstverständlich stellen wir eine angemessene Unterkunft und die Verpflegung während Ihres gesamten Aufenthalts.

Wir hoffen, wir haben Ihr Interesse geweckt, sollten wir allerdings innerhalb der nächsten 14 Tage nichts von Ihnen gehört haben, sehen wir unser Angebot als abgelehnt an.

Wir würden es sehr begrüßen, Sie als Hüterin an der Flora Noctis Academy begrüßen zu dürfen.

Mit freundlichen Grüßen

Bonnie Elrick

(Dekanin)

Sie legte den Brief auf die Küchentheke und sah zum Drachen, dessen Brustkorb sich langsam hob und senkte.

Ein Jobangebot.

Ein Jobangebot, das so verlockend klang, dass sie aus dem Häuschen wäre, wenn es in der Nähe von Edinburgh gewesen wäre oder eben überall außer an der Flora Noctis Academy.

Dort, wo sie sich einsam gefühlt hatte. Wo Maisie jemand gewesen war, über den sie getuschelt hatten, die ausgegrenzt worden war, weil sie anders war und ihre Magie so blass, dass man sie kaum wahrnahm.

Ihr einziger Lichtblick waren Noah und Greer gewesen, die sich ihr angenommen hatten. Allerdings hatte sie nach ihrem Weggang nichts mehr von den beiden gehört. Vielleicht war es doch mehr Mitleid als Freundschaft gewesen, aber Maisie glaubte nicht daran. Es hatte sich zu echt angefühlt, so echt, dass es ihr Herz brechen würde, wenn sie erfahren würde, dass es nur ein scheinheiliges Spiel gewesen war.

Mit diesem Brief kam schlagartig alles zurück. Das dumpfe Gefühl, das sich in ihr Herz bohrte, die Leere, die in ihren Gedanken herrschte, das Unwohlsein, das an ihren Gliedern zog, wenn sie im Unterricht saß. Das Gefühl, nicht gut, nicht talentiert genug zu sein, um an der Flora Noctis zu sein. Und das Tuscheln der Studierenden, die das ebenfalls von ihr gedacht hatten.

Maisie setzte sich schwer atmend zu Gemorvyn auf die Couch, schloss die Augen, versuchte, sich zu beruhigen.

Selbst als sie die zwei parallel verlaufenden Kämme ihres Drachen spürte, der seinen Kopf unter ihre Hand quetschte, behielt sie die Lider geschlossen und konzentrierte sich auf das Hier und Jetzt. Konzentrierte sich auf Gems Haut unter ihrer Handfläche, roch den Lavendel ihres Aroma-Diffusors. Sie war in Sicherheit.

Sie öffnete die Augen und fing Gemorvyns Blick ein, dessen gelben Iriden sie sorgenvoll betrachteten, sodass es aussah, als würde sich ein Wirbelsturm aus Sandkörnern bilden.

»Es ist ein Auftrag von der Flora Noctis Academy. Ein großer, interessanter Auftrag. Wir würden nach Elgol zurückkehren.« Ob er sich darüber freuen würde? Es war die Rückkehr in das Gebiet, in dem er geboren worden war. Auf dem Heimweg nach Edinburgh hatte sie das kleine hilfsbedürftige Geschöpf aufgelesen. Gemeinsam hatten sie hier geheilt.

Gemorvyn legte den Kopf schief.

»Möchtest du dorthin zurück?«, fragte Maisie in der Hoffnung, er könnte ihr bei der Entscheidung behilflich sein.

Aber der Drache blieb stumm und aufmerksam.

Seufzend lehnte sie sich gegen die Couch und las sich noch einmal den Brief durch. Dieser Auftrag könnte ihr möglicherweise die Summe einbringen, die Büroräumlichkeiten zu retten und ihr sogar die nächsten Mieten bezahlen.

Maisie stand auf, nahm eine Tasse aus dem Schrank und goss sich stilles Wasser ein. Während sie die Tasse mit ihrer Handfläche bedeckte, griff sie nach ihrem Sieb und dem losen schwarzen Tee. Die Magie kribbelte in ihrer Hand, erhitzte sich und entlud sich spielend in die Tasse. Noch bevor das blubbernde Wasser gegen ihre Handfläche spritzte, zog sie diese weg und befüllte das Sieb mit dem Tee, ehe sie es in die Tasse stellte.

Ein paar Alltagsspielereien, die ihr mit ihrer Magie zur Verfügung standen. Ihre Feuermagie hatte sich erst entfaltet, als sie von Miss Bonar, ihrer Privatlehrerin in Edinburgh, unterrichtet worden war.

Anscheinend hatte sich selbst ihre Magie zu unwohl auf der Flora Noctis Academy gefühlt, um sich zu zeigen.

Und nun wägte sie ab, wieder dorthin zu gehen.

Nicht als Studentin, sondern als Hüterin magischer Kreaturen.

Sie sah auf ihren Tee und entschied, dass sie etwas Stärkeres nötig hatte.

* * *

»Wo ist Gemorvyn?«, fragte Agnes sofort, nachdem sie ihr Ale auf den Tisch gestellt hatte und in die Sitzbank vor Maisie reingerutscht war. Normalerweise war Gem bei ihren regelmäßigen Treffen dabei, doch meistens trafen sie sich zum Spazieren oder bei einem von ihnen zu Hause. Für dieses heutige spontane Treffen war Agnes aber auf die Idee gekommen, den Geheimtipp eines Freundes auszuprobieren. Der alternative Pub am Stadtrand, der ausnahmslos aus Möbeln aus Haushaltsauflösungen oder Auktionen bestand.

»In den Pub wollte ich ihn dann doch nicht mitnehmen«, erwiderte Maisie. Wo es ihr möglich war, hatte sie den Drachen dabei, an die Blicke hatte sie sich längst gewöhnt.

Magische Kreaturen waren den Schotten nicht unbekannt, sie wussten, sie waren nicht allein und es gab genug unter ihnen, die selbst die Magie ihrer Urahnen in sich trugen. Die meisten ignorierten sie geflissentlich oder hatten keine Ahnung, dass da mehr in ihnen schlummerte. Doch ein paar wussten ganz genau von ihrer magischen Abstammung. Sie genossen das Privileg, Akademien zu besuchen, um ihre Magie zu beherrschen.

Eine wie die Flora Noctis. Maisie hatte sich vor dem Treffen mit Agnes einen Eindruck von der Akademie verschafft und im Internet nach Artikeln gesucht, die von den Angriffen berichteten. Doch nichts. Es war nichts zu finden. Eine Akademie wurde angegriffen und niemand berichtete darüber. So wie damals jeder Konflikt unter den Teppich gekehrt worden war.

Vermutlich wollten sie niemanden verschrecken. Ein Drache, der eine Akademie angriff, sprach natürlich nicht gerade für die Sicherheit der Studierenden. Hauptsache, die Fassade war unangetastet. Dieses Detail machte sie wütend, dennoch … Das Angebot war verlockend und das Geld brauchte sie so dringend wie Bienen den Blumennektar.

Eine Überraschung gab es jedoch: Sie war auf der Homepage darauf gestoßen, dass Noah, ihr ehemaliger Schulfreund, vor ein paar Monaten als Professor an der Akademie angefangen hatte. Niemals hätte sie gedacht, sie würden sich dort noch einmal sehen.

Die Druckbuchstaben des Briefs hatten sich in ihr Gehirn gebrannt.

Die Universität hat in höchsten Tönen über Ihre außerordentliche Expertise über Drachen berichtet.

Aufgrund Ihrer Fähigkeiten und unseres Vertrauens in Sie als ehemalige Studentin unserer Akademie möchten wir Ihnen ein Jobangebot unterbreiten.

»Also, wo drückt der Schuh?«, fragte ihre Freundin und nippte an ihrem Ale.

»Ich habe einen großen Auftrag bekommen«, erklärte Maisie nüchtern und schob ihr den Brief rüber.

Agnes riss ihre Augen auf. »Tatsächlich?« Sie griff nach dem Brief, öffnete ihn und runzelte die Stirn. Sie sah über ihn hinweg. »Eine leere Seite? Ist das ein Scherz oder so?« Sie faltete ihn wieder zusammen und sah sich um, als ob Maisie irgendwo eine Kamera versteckt hätte.

Maisie zog die Augenbrauen zusammen und öffnete den Brief wieder. Alles ganz normal. Da dämmerte es ihr. Natürlich waren sie sichergegangen, so viel zur perfekten Fassade. »Er ist offensichtlich verzaubert. Nur ich kann ihn lesen«, erklärte sie.

Agnes nickte. Sie hatte durch das Studium an der Magica Erfahrungen mit Magie. »Verstehe! Also?« Sie sah sich verstohlen um und neigte sich zu ihr. »Hat irgendjemand seine gefährlichen Haustiere freigelassen und du musst sie einfangen oder so?«

Maisie zog ihre Augenbrauen hoch. »Nein. Aber du bist merkwürdig präzise.«

Ihr Gegenüber zuckte mit den Schultern. »So stelle ich mir das Leben einer Hüterin in einer Großstadt irgendwie vor.« Während Maisie sich an der Magica University of Knoydart den Lehren über magische Kreaturen hingegeben hatte, hatte sich Agnes der Heilung magischer Krankheiten versprochen. Heute praktizierte sie in einer Praxis und war Ansprechpartnerin für magische Verletzungen. Es gab Leute, die für ihre Expertise einige Meilen fuhren. Außer die Freundschaft zu einer Hüterin von magischen Kreaturen hatte Agnes keinerlei Berührungspunkte mit der Arbeit.

Verdenken konnte Maisie ihr das Bild daher nicht. Sie seufzte. »Ich müsste dafür nach Skye, vermutlich für ein paar Wochen, vielleicht auch Monate. Sie geben mir maximal vier Monate Zeit, bin ich schneller, kriege ich mehr Geld.« Wenn sie den Job annahm, machte sich Maisie keine großen Hoffnungen, zügig an den Drachen zu kommen. Selbst dann würde ihr das Geld helfen. Wichtiger wäre es ihr mit dem nötigen Fingerspitzengefühl vorzugehen. Kein Drache griff grundlos an. Es war nicht das Risiko, das sie bei dem Auftrag einging, das ihr eine Gänsehaut bereitete, sondern die lange Zeit, die sie nicht hier wäre. Nach ihrem Abschluss hatte sie Edinburgh nur für Kurzausflüge verlassen.

»Oh.« Agnes blickte auf den Tisch. »Das ist weit weg.«

Maisie nickte bekümmert. »Deshalb werde ich es nicht annehmen.«

Agnes runzelte die Stirn und sah auf. »Würde dich der Auftrag aus deiner finanziellen Misere retten?«

Wieder nickte Maisie.

»Klingt der Auftrag gut?«

»Es geht um einen Drachen«, antwortete Maisie, als würde das alles erklären.

Und Agnes verstand, denn sie nickte nur und leerte ihr Ale zur Hälfte. »Warum willst du nicht gehen?« Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, ahnte ihre Freundin, was sie erwidern würde.

Maisie zeichnete Kreise auf den Holztisch, der aussah, als käme er mitten aus einer Schulaula. Jahreszahlen, Gedanken, Buchstaben, die durch ein Plus verbunden wurden, waren darauf gemalt. Erinnerungen, schmerzende Gedanken, Hoffnungen.

All das trug auch Maisie in sich. Nicht so offensichtlich wie dieser Tisch, aber doch in ihr eingraviert. »Edinburgh ist mein Zuhause.«

Agnes zog die Augenbrauen hoch. »Das ist eine lausige Antwort.«

»Ich kann nicht gehen«, erwiderte Maisie, spürte, wie der Druck in ihr stieg, fühlte sich unwohl in ihrer Haut.

»Ist es wegen mir?«, fragte ihre Freundin geradeheraus, doch in ihren Augen sah Maisie den Schmerz.

Agnes Vater, der sie allein großgezogen hatte, war vor wenigen Jahren gestorben, während sie beide in Knoydart studiert hatten. Kurz darauf hatte ihr damaliger Freund sie verlassen und Maisie und Agnes hatten sich in ihrer Trauer gefunden.

Maisie, die ihre Eltern nur ein Jahr vorher verloren hatte, wusste, wie sich die frisch aufklaffende Wunde des Todes anfühlte. Kannte das Gefühl, zu ertrinken, obwohl da kein Wasser war.

»Ich werde dich hier nicht allein lassen, Agnes. Wir sind gemeinsam hierhergekommen, um einen Neustart nach dem Abschluss zu wagen. Ich werde die Büroräume irgendwie anders retten können.«

Agnes erstarrte für einen Augenblick, ehe sie die Stirn runzelte. »Warte. Die Büroräume retten? Was ist passiert?«

Sie seufzte. »Ich bin pleite. Ich habe die Miete drei Monate nicht mehr bezahlt und Filler wird mich rausschmeißen, wenn ich die Miete nicht auftreiben kann. Er braucht das Geld.«

»Maisie! Ich weiß, es ist finanziell schwierig für dich, aber … pleite? Du hast kein Wort darüber verloren.«

Maisie griff nach ihrem Ale und trank einen großen Schluck.

»Ich kann ja verstehen, dass man nicht damit hausieren geht, aber wir sind doch Freundinnen. Ich hätte dir helfen können«, führte Agnes aus.

»Ich wollte nicht, dass du mir überhaupt jemals helfen musst«, gab Maisie zu. »Nicht dabei.«

»Ich weiß, dir sind diese Räumlichkeiten wichtig, aber vielleicht ist es an der Zei–«

»Nein.« Maisie presste die Lippen so fest zusammen, dass ihr Kiefer unangenehm zog.

Agnes schüttelte den Kopf. »Dann musst du gehen. Du wirst dich nicht von mir aufhalten lassen, okay? Ich sehe doch, dass du hier nicht glücklich bist. Du langweilst dich und noch dazu bist du drauf und dran, das zu verlieren, was du nicht loslassen willst. Sei vernünftig. Da ist ein Job, der dir helfen könnte und auf den du anscheinend Lust hast. Was ist das Problem? Wirklich nur die Zeit, die du nicht hier bist?«

»Die Flora und ich haben eine Vergangenheit. Ich war ein Schuljahr dort und die Erinnerungen daran sind nicht die Schönsten.« Außer, wenn sie an die Zeit mit Greer und Noah dachte. Sie waren ihr einziger Halt in der schweren Zeit gewesen.

»Verstehe«, erwiderte Agnes und griff nach Maisies Hand. »Aber heute bist du eine selbstbewusste Frau und Hüterin, die weiß, was sie kann, und sich von niemandem unterkriegen lässt. Du würdest nicht als Studentin zurückkehren, sondern als Hüterin. Als die beste Hüterin, die es überhaupt gibt.«

Maisie entfuhr ein Lachen. »Jetzt übertreibst du aber.«

»Nein, ganz und gar nicht«, antwortete Agnes völlig überzeugt. »Du bist wunderbar. Und das Wichtigste: Du kannst jederzeit gehen. Wenn du dich dort wirklich weiterhin unwohl fühlen solltest, packst du deinen Kram, schnappst dir Gemorvyn und verlässt die Insel.«

Sie hatte recht, trotzdem hatte sie das Gefühl, ihren Wurzeln entrissen zu werden. »Ich möchte die Räume aber nicht so lange allein lassen … und dich.«

»Und wenn ich dir verspreche, regelmäßig nach dem Rechten zu sehen und durchzulüften?« Agnes sah sie fragend an. In ihren großen blauen Augen lag Hoffnung.

»Das ändert nichts daran, dass ich das Gefühl habe, dich im Stich zu lassen.«

»Maisie. Ich bin erwachsen und du hast mich nicht dazu gezwungen, nach Edinburgh zu ziehen. Ich bin hier sehr glücklich und sehe, dass du es nicht bist. Und außerdem … muss ich dir noch etwas beichten.«

Maisie lehnte sich zurück und betrachtete sie erwartungsvoll.

Agnes’ Finger glitten nervös über das beschlagene Glas ihres Ales. »Ich habe jemanden kennengelernt. Schon vor einer Weile.« Sie lächelte. »Wir mögen uns und treffen uns regelmäßig. Wir haben es noch nicht ausgesprochen, aber manchmal muss man Dinge nicht aussprechen, manchmal passiert es einfach. In zwei Wochen hat seine Mutter Geburtstag und ich werde ihn begleiten.«

Maisie ließ die Worte wirken. Sie freute sich, doch gleichzeitig spürte sie eine Schwere in ihrem Magen. Warum hatte Agnes den Eindruck, sie könnte mit ihr zwar Schmerz, aber keine Freude teilen? Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter.

»Du lernst bald seine Mutter kennen, aber ihr habt nicht darüber gesprochen, ob ihr ein Paar seid?«, fragte Maisie mit einem Lächeln, das ihr mehr als schwerfiel.

Agnes lächelte ebenso, aber ehrlicher. »Wir haben es einfach noch nicht ausgesprochen, aber es fühlt sich gut und richtig mit ihm an.« Sie legte den Kopf schief. »Vielleicht sind wir beide auch ein bisschen verpeilt.«

Nun musste Maisie wirklich lachen und die Schwere in ihrem Magen löste sich mit einem leichten Brennen auf. »Klingt, als hättet ihr euch gefunden. Wie heißt er?«

»Travis. Ich habe ihn im Supermarkt kennengelernt, als ich ihm die letzten Flaschen Dr. Pepper vor der Nase weggeschnappt habe.«

Dass sie dieses grässliche Getränk beide mochten, konnte nur bedeuten, dass sie sich gefunden hatten. »Und dann habt ihr euch eine Flasche auf dem Parkplatz geteilt?«

Agnes sah sie erschrocken an. »Ich teile doch nicht mein Dr. Pepper.«

»Stimmt, wo kämen wir denn da hin.« Maisie nahm einen tiefen Atemzug. »Wieso hast du mir nichts gesagt? Ich freue mich für dich. Wirklich. Aber warum hast du mir nichts von ihm erzählt?«

Agnes zögerte. »Ich wollte dich nicht verletzen. Es tut mir leid. Ich weiß, dass du momentan nicht genau weißt, wie alles weitergehen soll, und dass du dir das hier so nicht vorgestellt hast. Und bei mir … da läuft es so, wie ich es mir gewünscht habe. Ich wollte nicht, dass du das Gefühl hast, du wärst allein, nur weil ich jemanden an meiner Seite habe.«

Maisie verzog das Gesicht. »Ich hätte mich für dich gefreut, wie auch jetzt.« In ihr wurde es still. Das Gefühl, ausgeschlossen worden zu sein, schlängelte sich wie Gift in ihr Herz. Sie wusste, dass Agnes es nicht böse gemeint hatte, doch der Grund für ihre Geheimniskrämerei zeigte ihr etwas auf, das ihr wehtat. »Ich glaube, ich brauche einen Moment.«

Ohne zu zögern, stand sie auf und drängelte sich zum WC durch. Dort lehnte sie sich auf den Waschbeckenrand vor dem schlecht beleuchteten Spiegel und schloss für einen Moment die Augen. Die Musik drang zu ihr hindurch, der Beat pochte so schnell wie ihr vergiftetes Herz.

In Maisies Leben lief in letzter Zeit alles drunter und drüber und anscheinend so sehr, dass Agnes ein schlechtes Gewissen bekommen hatte, als sie noch weiteres Glück erfahren hatte. Glück, welches sie mehr als verdiente.

Aber es änderte nichts daran, dass sich Maisie unfassbar blöd fühlte. Und ausgegrenzt. Als wäre sie jemand, auf den andere hinabsahen und sich kopfschüttelnd fragten, wie lange sie noch ihre Zeit verschwenden würde. Jemand, der nicht eingesehen hatte, dass ihr Traum schon längst verloren war.

Sie fühlte sich wie eine Versagerin.

Aber Maisie wusste, dieses Wort passte nicht zu ihr. Vielleicht war sie träge geworden, hatte sich dem Alltagstrott hingegeben, die Wellen des Lebens genommen, wie sie kamen, war immer wieder auch an Land gespült worden, um zu rasten. Es hatte Höhen und Tiefen in ihrem Leben gegeben. Nachdem sie allerdings vor einigen Monaten endgültig ins Meer getrieben worden war, schwamm sie in einem unruhigen Gewässer, das sie wiederholt in die Tiefe zog. Unfähig dazu, das Ufer wieder zu erreichen und den Wellen nach kurzer Erholung an Land zu trotzen.

Sie sah in den Spiegel, fühlte sich wie die schlechteste Version ihrer selbst. Es war keine Zeit, um sich zu bemitleiden. Da waren Menschen, die ihre Expertise wollten, Optionen, die ihr das Gehen erleichterten, und sie würde es schaffen, und wenn nicht, wenn die dunklen Erinnerungen sie übermannen würden, konnte sie jederzeit gehen, genau wie Agnes ihr es gesagt hatte.

Aber Maisie würde dieses unruhige Meer nun verlassen, würde an das Ufer schwimmen und sich sortieren.

Da war ein Drache, verzweifelt genug, um eine ganze Akademie anzugreifen. Und sie war in der Lage, zu helfen.

Dieses Gefühl bestärkte sie, zu gehen. Denn so, wie sie momentan ihr Leben gestaltete, hatte sie Angst, nie wieder sie selbst zu sein.

Kapitel3

Maisie

Gemorvyn kaute auf Trockenfisch herum, während Maisie ihre Recherchen zum wiederholten Male durchlas. Der Zug fuhr geradewegs nach Malliag, an die Westküste Schottlands, wo sie die Fähre nach Skye nehmen würde, um dort von jemandem Fremden abgeholt zu werden. Das letzte Mal, als sie zur Flora Noctis Academy gefahren war, hatten ihre Eltern sie mit dem Auto gebracht. Sie konnte sich jedoch kaum daran erinnern.

Die Landschaft zog an ihr vorbei, während sie ihr Wissen auffrischte. Sie hatte keinen Schimmer, welcher Art von Drachen sie begegnen würde. Dekanin Elrick hatte ihr dazu keine Informationen geben können. Doch egal, welche Art es war, es gab einen Grund dafür, warum er die Akademie regelmäßig aufsuchte.

Maisie betrachtete die Bilder, die die Dekanin ihr auf Nachfrage per E-Mail zugesendet hatte, nachdem sie noch einmal über die Bezahlung gesprochen hatten. Denn eins war sicher: Maisie wollte mit gutem Gewissen nach Edinburgh zurückkommen.

Die Flora Noctis Academy hatte ihr zugesichert, während ihres gesamten Aufenthaltes die Miete für die Büroräumlichkeiten zu übernehmen, und der Vorschuss war hoch genug, um Filler zufriedenzustellen.

Maisie wusste nicht genau, ob sie sich über dieses Angebot freuen oder Angst bekommen sollte. Wie groß musste die Verzweiflung der Akademie sein, wenn diese sie derart gut bezahlte?

Sie versuchte, nicht lange darüber nachzudenken, weshalb sie sich den Recherchen hingab. Die Bilder zeigten einige zerstörte Dachzinnen eines Turms und ein paar kaputte Fenster. Für einen Drachenangriff eine überschaubare Zerstörung. Was hatte die Kreatur gestoppt? Und warum nur kam sie immer wieder? Für Maisie war eine Sache deutlich: Die Flora Noctis Academy hatte irgendetwas, was der Drache haben wollte.

Aber was war es? Ein Gebiet, ein Gegenstand, ein Mensch? Das würde sie nur herausfinden, wenn sie vor Ort war.

Gemorvyn sprang von dem Tisch auf den Sitz, streckte sich und rollte sich ein, bis nichts mehr von ihm zu sehen war, außer seinen Flügeln und zwei winzige Kämme auf seinem Kopf. Die Flora Noctis hatte ihnen ein ganzes Abteil reserviert und Maisie war dankbar um die Ruhe.

Es kostete sie immer Energie, in der Fremde auszukommen, und nun erwartete sie eine ganze Akademie. Und ein Drache, von dem sie nicht wusste, ob er sie das Leben kosten könnte, wenn sie sich ihm näherte.

* * *

Es war der Anblick von Gemorvyn, der ihr Herz zum Schmelzen brachte, und die Bestätigung, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Der Drache flog über der Fähre und genoss den aufkommenden Wind. Immer wieder sah er zu ihr, manchmal glaubte Maisie, dass er nach unten blickte, um einen Fisch zu erhaschen, doch er blieb im Gleitflug. Seine Schwingen hatte er ausgestreckt und ließ sich mittragen. Brauchte immer nur wenige Flügelschläge, um die Flugkurve zu korrigieren. Er sah frei aus. Friedlich. Zu lange waren sie beide im Chaos versunken, hatten verzweifelt Halt gesucht.

Das Gespräch mit Agnes hatte ihr schmerzhaft aufgezeigt, wie es um sie stand. Ihre Freundin hatte es sich nicht nehmen lassen, einige Tage später ein Erste-Hilfe-Buch für Drachenverletzungen, hilfreichen Salben und Verbänden vorbeizubringen, und ihr eindringlich geraten, lebendig wiederzukommen. Sie waren im Guten auseinandergegangen und Maisie freute sich, Travis und Agnes nach ihrer Rückkehr zu treffen und ihnen von ihren Erlebnissen zu berichten.

Mit jedem Schritt weg von Edinburgh fühlte sie sich freier, was vermutlich auch daran lag, dass sich ihre finanziellen Sorgen in Luft aufgelöst hatten. Nun musste sie nur noch ihren Job erledigen. Maisie war jedoch guter Dinge. Seit sie Gemorvyn an ihrer Seite hatte, interessierte sie sich für Drachen. Sie waren majestätische Wesen mit einer unermesslichen Magie.

Es wurde gemunkelt, dass Drachenmagie genauso schnell tötete wie das Drachenfeuer. Doch wie sie genau funktionierte, war ein noch unerforschtes Gebiet. Das Risiko, dabei zu sterben, war zu hoch und die Drachen nur schwer auffindbar. Mit Gemorvyn hatte sie die besten Voraussetzungen, sie zu erforschen, aber es war offensichtlich, dass er anders war als gewöhnliche Drachen.

Während ihrer Studienzeit in Knoydart hatte sie Gemorvyn im Training genau beobachtet, doch von Drachenmagie waren lediglich seine Tränen gezeichnet. Und das auch nicht durchweg. Einige seiner Tränen heilten Wunden und leichte Infektionen, die anderen hatten keine Auswirkungen. Maisie glaubte, die heilenden Tränen kamen mit gewissen Emotionen, die Gemorvyn in dem Moment spürte.

Das Drachenfeuer war eine ganz andere Sache. Manchmal glaubte Maisie, etwas in seiner Brust glimmen zu sehen. Doch außer Rauch schaffte es Gemorvyn nicht, eine Flamme zu speien. Bei einem ausgewachsenen Drachen musste sich Maisie auf alles gefasst machen. Wenn sie allerdings die Lösung in der Akademie fand, dann war sie sich sicher, sie könnte das Problem sogar lösen, ohne in eine direkte Konfrontation mit dem Drachen zu gehen.

Maisie schloss die Augen und atmete die Meeresluft ein. Ruhe legte sich wie eine Decke über sie, während die Wellen gegen den Schiffsrumpf schlugen. Die Fähre gab einen tiefen Ton von sich und ehe Maisie die Augen öffnete, spürte sie die Krallen ihres Drachen auf ihrer Schulter.

»Wir sind fast da«, erklärte sie ihm. Nur noch eine Autofahrt entfernt von Elgol, dort im Nichts, befand sich die Flora Noctis Academy. Ihr neues Zuhause, zumindest vorübergehend.

In Armadale stand ein Taxifahrer für sie bereit, der ihr den riesigen Koffer abnahm.

»Die Straßen sind heute frei, wir sollten gut durchkommen«, erklärte er und fädelte sich in den Verkehr ein.

»Nach Elgol fahren vermutlich nicht viele«, meinte Maisie und betrachtete die grünen Hügel, die an ihnen vorbeizogen.

Der Fahrer lachte. »Die Leute sind überall auf Skye.« Danach ließ er sich es nicht nehmen und erzählte von seinen skurrilsten Touristenbegegnungen, bis er irgendwann bei seiner Familie landete, von denen viele Musiker waren und durch die Welt reisten. Doch am liebsten waren sie hier auf der Isle of Skye.

Eine einzige verschlungene Straße führte nach Elgol, begleitet von einem Saxofonsolo aus dem Radio und dem enthusiastischen Taxifahrer, der die Karriere seines musikalischen Bruders aus vollem Herzen unterstützte. Der Stolz in seinen Augen war unverkennbar und zauberte Maisie ein Lächeln auf die Lippen.

Die Farben der Hügel wandelten sich allmählich von Grün zu Gelb, selten sah Maisie Schafe oder Kühe auf der Weide. Ein langgestreckter See fand sich inmitten dieser Naturgewalt, umzingelt von einer Bergkette, die sich wie eine Mauer vor dem weiten Meer aufbäumte. Gebilde aus Grüngelb und an den Spitzen bereits weiß funkelnd.

Maisie lehnte sich gegen die Kopfstütze und ließ ihre Gedanken schweifen, während sie sich ihrem Ziel näherten.

Als die Straßen enger wurden, nichts mehr außer das Grüngelb der Wiese zu sehen war und der Nebel immer näher zu ihnen kroch, wusste Maisie, sie würden bald da sein.

Gemorvyn sprang auf ihren Schoß und stellte sich auf, um hinauszusehen. Er kreischte leise.

Es sah wunderschön aus, mystisch, fast so, als könnte sie die Magie in der Sphäre mit ihren bloßen Händen berühren.

»Wir sind in Elgol, Ma’am.«

Es sah aus, als würden sie geradewegs auf das Ende der Welt zufahren. Nur noch das graue Meer vor ihnen. Rechts lag eine kleine Ausbuchtung der Insel, die fast gänzlich vom Nebel verschlungen wurde.

Der Fahrer fuhr zum Hafen hinunter und hielt an. »Bis hierhin begleite ich Sie.«

Maisie stutzte. Panik wollte in ihr ausbrechen, aber sie hielt sie in Schach. Durchatmen. »Und wie geht es weiter?« Sie hatte keine Ahnung mehr, wie sie mit ihren Eltern dorthingekommen war.

»Sehen Sie das dort, Ma’am?« Er deutete auf die zerklüfteten Berge, die über dem Meer aufragten und nahezu im Nebel versanken. »Inmitten der Gebirgskluften versteckt sich die Flora Noctis Academy. Mitch wird sie mit dem Motorboot übersetzen, dort werden sie am Ufer in Empfang genommen.«

Gemorvyn stampfte ungeduldig auf ihren Oberschenkeln, während das wunderschöne Panorama ein merkwürdiges Gefühl in ihr hinterließ. Der Anblick kam ihr vertraut vor, vielleicht hatte sie vor Jahren genauso hier gestanden und das gegenüberliegende Ufer betrachtet, sie wusste es nicht mehr genau.

Sie stiegen aus und der Taxifahrer half ihr mit ihrem ganzen Gepäck zum Kapitän, der bereits auf sie wartete und zwischendurch einen Blick auf Gemorvyn warf, der durch die Luft sauste, als wäre er mehrere Tage nicht draußen gewesen. Er war aufgeregt und Maisie fragte sich, ob er die Nähe des Drachen vielleicht schon bemerkte.

Dass die Akademie in einem Tal zwischen riesigen Gebirgen lag, war die perfekte Lage für Drachen. Das Gebiet war eine reine Einladung für die Geschöpfe, sie aufzusuchen. Zwischen Gebirgen sollten Drachen liegen, keine Akademien.

Die Überfahrt dorthin dauerte nicht lang, doch die Kälte fraß sich in ihre Knochen, der Wind peitschte ihr ins Gesicht, drängte sich in ihre Glieder und entfachte ihre Feuermagie, die Wärme brachte. Gemorvyn schien das alles nichts auszumachen, er flog durch die Lüfte, als wäre der Wind ein Spielzeug.

Als sie das Ufer erreichten, stand eine Frau mit erwartungsvoller Miene da und musterte Maisie, während Mitch ihr aus dem Boot half.

»Schön, dass Sie da sind«, sagte die Frau und reichte ihr die Hand. »Ich bin Lori, die Hausdame.«

»Maisie, schön, Sie kennenzulernen.«

Lori sah sich das Gepäck an und nickte Mitch zu. »Danke!«

Der Kapitän nahm seine Mütze ab und machte eine halbe Verbeugung. »Für Sie immer, Lori.« Er blickte zu Maisie. »Genießen Sie Ihre Zeit.«

Ehe Maisie sich bedanken konnte, schmiss er den lauten Motor an.

»Kümmern wir uns darum«, hörte sie Lori sagen, die ihre Koffer erwartungsvoll ansah und in die Hände klatschte.

Gemorvyn kreischte auf und landete wieder auf Maisies Schulter.

Lori wich erschrocken zurück, legte eine Hand auf ihr Herz und lachte dann auf. »Stimmt, Sie haben den Drachen dabei, wie konnte ich das nur vergessen.«

»Entschul–« Nun war es Maisie, die erschrocken verstummte, als ihr orangener Koffer auf zwei Stoffbeinen an ihr vorbeiwatschelte und ihr kleiner schwarzer Koffer auf winzigen Beinen hinterherrannte. Mit großen Augen folgte sie dem wildgewordenen Gepäck. »Das haben Sie gezaubert?«

Lori zuckte mit den Schultern und lächelte. »Lust auf einen Spaziergang?«

Während Gemorvyn zustimmend kreischte, schüttelte Maisie mit dem Kopf. »Ehrlicherweise nicht. Eine warme Dusche wäre ein Traum.«

Lori lachte. »Wir haben es nicht weit, danach kann Ihr Traum in Erfüllung gehen.«

Maisie ließ ihren Blick schweifen, als sie den Koffern folgten. Weit und breit schwarzes Gestein, aus dem ab und an ein grüner Halm ragte. Eine Menge Geröll und Nebel, der sich über den Weg schlängelte und sich alles einzuverleiben schien. Nichts, aber auch gar nichts, deutete hier auf eine gut besuchte Akademie hin. Und so langsam zweifelte sie an Loris Worten, dass sie nicht lange unterwegs wären.

Vermutlich nichts als eine leere Floskel.

Sie musterte Lori von der Seite. Mit ihren langen Beinen war sie Maisie mit ihrer Schrittlänge um einiges voraus, aber dank ihrer Sportleggins machte sie vielleicht auch einen viel sportlicheren Eindruck. Es würde ihr definitiv einige Sympathiepunkte einbringen, wenn sie diese rein aus Gemütlichkeit tragen würde.

An Gemorvyns starrer Körperhaltung auf ihrer Schulter erkannte sie, dass er genauso wachsam war wie sie.

Fast fühlte sie sich, als würde Lori sie in eine Falle locken, und als die Koffer hinter einer kleinen Öffnung einer Höhle verschwanden, wäre Maisie gern umgedreht, um wieder nach Hause unter die Leute in Edinburgh zu verschwinden.

Doch wenn sie an ihr Zuhause, an die Heimat ihres Herzens dachte, wusste sie, wofür sie das hier tat.

Sie folgte Lori wortlos in die Dunkelheit der Höhle und es dauerte nur einen Augenblick, bis sie den Halt verlor und fiel.

Kapitel4

Maisie

Gemorvyn krallte sich an ihrer Schulter fest und ließ schließlich los, als Maisie unsanft auf die Wiese fiel.

Lori hielt ihr die Hand hin. »Eine Vorwarnung wäre wohl angebracht gewesen, Entschuldigung. Ich bin es nicht gewohnt, Leute vom Ufer abzuholen. Normalerweise macht das Sawyer. Er war heute jedoch anderweitig beschäftigt. Die Studierenden kommen über einen anderen Weg hierher, aber das wissen Sie ja.«

Das sollte sie. Allerdings klaffte dort, wo diese Erinnerung sein müsste, ein schwarzes Loch. Ihre Zeit an der Akademie war von Nebel umschlossen. Kein dichter, aber doch an einigen Stellen undurchdringlich. Da waren Erinnerungen, manche deutlicher als andere. Und da waren Momente, die ganz offensichtlich vollends vergessen waren. Wie zum Beispiel ihre damalige Ankunft.

Hinter Lori erstreckte sich ein nachtblaues Schloss. Auf den ersten Blick erkannte Maisie die drei Türme wieder, in denen sie sich früher vor den Musterungen der anderen versteckt hatten. Der rechte vordere Turm sah allerdings nicht mehr so wohlbehalten aus, vermutlich, weil er vom Drachen angegriffen worden war. Die Turmspitze war begehbar, das Dach wurde von dunklen Bögen gehalten und die Loggia ließ zu, dass jeder von dort aus einen wunderbaren Ausblick genoss. Nur, dass es ihr früher als Studentin nicht erlaubt gewesen war, die Loggia des Turms zu betreten, da es zu gefährlich gewesen wäre ohne eine Aufsicht.

Maisie erinnerte sich dunkel daran, gemeinsam mit ihren Freunden versucht zu haben, diese Regel zu brechen, aber sie waren nicht weit vorgedrungen. Die magische Versieglung der Tür hatte ihren kläglichen Versuch sogar auffliegen lassen.

Maisie kam nicht umhin, daran zu denken, wie schön der Ausblick von dort aus wäre. So nah bei den Sternen. Gemorvyn würde es lieben.

Die Umgebung hob sich erheblich von ihrem Pfad durch die Schluchten ab. Die Gebirgskette, die sie passiert hatten, erschien durch das flache Gebiet, in dem sich die Akademie befand, meilenweit von ihnen entfernt. Das Schloss war umgeben von beige-braunem Kies und Schotter. Davor erstreckte sich eine breite Wiese, die an allen Seiten zu einem Wald grenzte. Doch Maisie erinnerte sich, dass die Akademie nicht vollends von einem Wald umgeben war. Denn während sich die Gebirgskette in der Ferne in den Himmel reckte, trafen die Wellen des Atlantiks an der anderen Schlossseite auf das Ufer.

»Es ist wunderschön, nicht wahr?« Loris Stimme holte Maisie wieder zurück.

»In der Tat. Wie ist das möglich? Eben waren wir doch noch in Elgol.« Sie sah nach oben, irgendwo mussten sie heruntergefallen sein.

»Es ist ein Flip«, erklärte Lori und setzte sich in Bewegung. Maisies Koffer waren ihr schon längst fortgelaufen.

»Ein Flip?«, fragte sie verwirrt. »Eine Verschiebung von Zeit und Ort?« Maisie hatte davon gelesen, aber es noch nie am eigenen Leib erlebt.

Lori nickte anerkennend. »Ein Portal, das die Zeit hierhin überbrückt hat. Wir befinden uns nun auf der anderen Seite des Berges.«

»Ein magischer Ort«, erwiderte Maisie leise. Trotz der Schönheit fühlte sie das Ziehen in ihrem Magen. Sie wusste, es war die Oberfläche, die glänzte.

»Das ist er«, stimmte Lori zu. Sie liefen auf das Schloss zu, das Maisie noch immer den Atem raubte.

»Wann war der Drache das letzte Mal hier?« Gemorvyn flog dicht bei ihr und schien die Umgebung auszuspähen. Er würde sich schnell an sie gewöhnen. Schneller, als sie es tat.

Das Schloss wirkte in der breiten Fläche so schutzlos. Einzig die Bäume des Waldes, der sich zu den Seiten des prachtvollen Gebäudes erstreckte, schienen eine Art Schutzwall darzubieten. Zwei kleine Gruppen Studierender überquerten einen Kiesweg, der aus dem Wald über die Wiese zum Schloss führte. Sie trugen die Uniform der Flora Noctis, ein dunkelrotes Oberteil und eine dunkelgraue Hose oder einen Rock. Ein silbernes Wappen war auf der linken Seite auf Brusthöhe eingestickt.

»Chan eil Eagal o’n Fhìrinn«, murmelte Maisie, als sie die Studierenden beobachtete. »Keine Furcht vor der Wahrheit.«

»Oh, Sie erinnern sich noch an das gälische Motto der Akademie«, bemerkte Lori beeindruckt. »Ich halte mich da eher einfach an das Englische.«

Maisie lächelte leicht. Fast wäre ihr rausgerutscht, dass sie sich oft an Unnützes erinnerte, aber sie wollte nicht respektlos erscheinen. »Können Sie mir was zum Drachen sagen?«, wiederholte sie ihre Frage.

»Ich kann mich an den letzten Angriff kaum erinnern«, erklärte Lori und zuckte mit den Schultern. »Ich muss zugeben, ich habe einen recht guten Schlaf.«

Maisie runzelte die Stirn. Wenn Lori nicht gerade mithilfe von Medikamenten oder in einem schallisolierten Raum schlief, konnte sie sich kaum vorstellen, dass sie einen Drachenangriff nicht mitbekam. Es wäre etwas anderes, wenn der Drache täglich käme, durch die Regelmäßigkeit könnte eine Gewöhnung eintreten. Die Frage war nur, gab es einen plausiblen Grund oder warum log die Hausdame sie an?

Als Maisie Loris Blick zum riesigen runden Eingang folgte, sah sie, dass sie bereits erwartet wurden.

Lori setzte sich in Bewegung. »Kommen Sie, ich stelle Ihnen die Dekanin vor.«

Ihre feuerroten Haare stachen vor der dunkelblauen Fassade der Akademiemauern hervor. Ein edler grauer Hosenanzug umschmeichelte die langen Beine der Dekanin.

Maisie hatte sich Bonnie Elrick älter vorgestellt, so wie der Dekan es gewesen war, als sie hier auf die Akademie gegangen war, doch sie wurde eines Besseren belehrt. Keine einzige graue Strähne war in ihrem roten Haar zu sehen, was auch gefärbt sein konnte, allerdings hatte sie ein recht junges Gesicht und so wache Augen, dass Maisie glaubte, ihr würde nichts, aber auch gar nichts entgehen.

»Hallo Miss Williams! Es ist so schön, Sie hier zu wissen«, erklärte die Dekanin und reichte ihr die Hand. »Und das muss Gemorvyn sein.« Interessiert musterte sie den Drachen, der ihnen folgte. Ihre blauen Augen leuchteten vor Faszination.

Gem landete auf Maisies Schulter und kroch ihr in den Nacken, wo er nur spärlich von ihren blonden Haaren verdeckt wurde. Maisie versuchte, die Irritation darüber zu verstecken. Normalerweise war Gemorvyn ein sehr neugieriger Drache. So schüchtern kannte sie ihn gar nicht. Möglicherweise spürte er ihr Unbehagen.

»Danke für die Einladung, Dekanin Elrick. Es freut mich, Sie kennenzulernen. Gemorvyn ist noch etwas zurückhaltend.«

»Den Studierenden wird die Anwesenheit eines Drachen guttun, so können einige ihre Angst abbauen.« Sie deutete auf die nachtblauen Mauern. »Wie ist ihr erster Eindruck? Hat sich viel verändert, seitdem sie die Akademie das letzte Mal besucht haben?«

»Das, was ich bisher sehe, ist ein wunderschönes Schloss, das der Zeit keinen Abbruch getan hat. Und ein Turm, der zwar beschädigt ist, aber für einen Drachenangriff wirklich gut davongekommen ist.«

»Unsere Mauern sind sehr stabil«, erklärte die Dekanin stolz.

»Ich werde mal nachsehen, ob das Gepäck am richtigen Platz ist«, meinte Lori und nickte Maisie freundlich zu. »Ich wünsche Ihnen ein gutes Ankommen.«

»Danke für Ihre Begleitung!«, beeilte sich Maisie zu sagen, diese schien es plötzlich eilig zu haben.

»Lori hat immer furchtbar viel zu tun.« Die Dekanin musterte Maisie. »Als Hüterin kennen Sie sich sicher mit einigen Kreaturen aus, nicht wahr?«

»Es ist mein Job, die meisten magischen Tierwesen zu kennen, aber auch ich werde beizeiten überrascht. Das macht den Job besonders reizvoll«, führte Maisie aus. Gem kletterte zurück auf ihre Schulter und beäugte die Dekanin.

Elrick lachte leise. »Allerdings, die Natur treibt gern ihre Spielchen.« Sie deutete in das Schloss. »Kommen Sie. Ich zeige Ihnen Ihre Bleibe.«

Das Gebäude war von innen genauso schön, wie Maisie es in Erinnerung hatte. Breite Türen, Kronleuchter, ein roter Teppich, der sich an die Marmorstufen schmiegte und ein Gefühl von Wärme und Eleganz vermittelte. Mauern aus hellem Sandstein und viele kleine verschachtelte Ecken und Räume, in denen sich die Studierenden zurückziehen konnten.

Überall nahm sie das Knistern der Magie wahr. Es fühlte sich an wie ein leichtes Prickeln auf ihrer Haut.

Während die Dekanin Maisie in Small Talk verwickelte, beobachtete sie die tanzenden Flammen der Fackeln, die im Korridor Licht spendeten. Es war kein Feuer, sondern tänzelnde Magie. Ein Zauber, der die Flammen nachahmte, aber niemals dieselbe zerstörerische Eigenschaft hätte. Maisie erkannte es an den Funken, die immer wieder hin und her sprangen, stets im gleichen Muster.

»Gefällt es Ihnen?«, fragte die Dekanin und riss Maisie damit wieder zurück ins Gespräch.

»Es ist ganz wundervoll.«

Elrick lächelte schmal und blieb vor einem Turmeingang stehen. »Wir sind gleich da.« Sie ging voraus in den engen Gang, nahm die geschwungene Treppe nach oben und hielt vor einer runden Holztür. »Da sind wir.« Elrick schloss die Tür auf und Maisie folgte ihr in das Zimmer. Gemorvyn kreischte leise, als sie hineingingen.

Maisie trat an Elrick vorbei und staunte über das geräumige Zimmer, in dessen Mitte eine metallische Wendeltreppe nach oben führte. Licht stahl sich durch ein riesiges Panoramafenster.

»Es lässt sich nur an der Seite öffnen, falls Sie mal Luft reinlassen möchten oder Gemorvyn eine Runde fliegen mag.«

Maisie nickte und ließ ihren Blick über das helle Mobiliar gleiten. Eine gemütliche Sitzecke am Fenster mit einem Buchregal, einem kleinen Kühlschrank und daneben eine Theke. Eine Kommode auf der anderen Seite. Nur wenige Schritte entfernt ein riesiges Himmelbett, ein Mädchentraum erfüllte sich und für einen winzigen Augenblick fühlte sie sich wie eine Prinzessin mit ihrem eigenen Drachen in einem Turm.

»Was ist dort oben?«, fragte sie.

»Die Turmspitze. Aber wir haben daraus unter aufwendigen Baumaßnahmen ein Bad errichtet.«

Maisie lächelte. »Sie lassen mich sicherlich auch hier oben hausen, damit ich nah beim Drachen bin, Dekanin Elrick.«

Das entlockte ihr ein Lachen. »Hoffen wir, dass es hilft. Das Fenster könnte Ihnen dabei ein zuverlässiger Partner sein.« Die Dekanin trat zur Scheibe und tippte drauf. Auf einer Seite öffnete sich eine Karte des Gebiets. »Sie werden merken, dass die Flora voller Zauber ist. Sie sind beschenkt, Miss Williams. Nutzen Sie die Magie, die Ihnen hier zur Verfügung steht.« Elrick lächelte und deutete zur Tür. »In drei Stunden gibt es Abendessen, Lori wird Sie abholen. Machen Sie es sich gemütlich und richten Sie sich ein. Morgen können wir über den Auftrag sprechen. Willkommen an der Flora Noctis.«

Kapitel5

Maisie

Maisie sah Gemorvyn dabei zu, wie er Runden über das Waldgebiet flog. Ihre Koffer waren ausgepackt und die Kleidung einsortiert. Die Aussicht war atemberaubend. Geradeaus sah sie über den Wald, links war das Meer. Es war wunderschön und … einsam.

Das letzte Mal hatte sie die Akademie kränklich und fast fliehend verlassen. Die Erinnerungen an ihren Weggang waren verschwommen, nur Bruchstücke bahnten sich den Weg in ihr Bewusstsein. Kämpften sich zu ihr hindurch, nur um wieder im Nebel zu verschwinden.

Aber Noah und Greer hatte sie nie vergessen. Sie freute sich darauf, heute zumindest einem von ihnen zu begegnen. Sicher wusste Noah über ihre Ankunft Bescheid.

Maisie hatte so viele Fragen. Dass sie sich ausgerechnet an der Akademie wiedertreffen würden, hätte sie niemals erwartet. Hätte sie die Wahl gehabt, wäre sie auch nicht hier, aber für die Wirkstätte ihrer Eltern musste sie das hier durchziehen. Gleichzeitig freute sich Maisie auf die Herausforderung.

Sie verfolgte jeden Flügelschlag Gemorvyns. Bei dem wunderschönen, beinahe friedlichen Anblick hatte sie den Wunsch, Agnes zu schreiben. Und genau das hatte sie versucht, nur um festzustellen, dass sie hier völlig abgeschnitten vom Netz war. Vermutlich aufgrund einer magischen Barriere.

Maisie hätte gern zuvor gewusst, dass sie den Rest der Welt nicht mehr erreichen konnte, so hätte sie sich anders vorbereitet. Möglicherweise gab es jedoch einen Ort in diesem Schloss, an dem sie Netz hatte. Die Magieschwingungen waren so präsent, dass es doch ein Leichtes sein sollte, eine Stelle zu schaffen, wo sie mit der Außenwelt in Kontakt treten konnte. Wenn Lori sie abholte, würde sie danach fragen. Und bald war es auch so weit.

Die Sonne ging allmählich unter und Gemorvyn kehrte in das Turmzimmer zurück. Er fühlte sich wohl. Maisie erkannte es an dem Glanz seiner Schuppen, die mehr leuchteten, wenn er glücklich war.

Mit seinen gelben Augen musterte er sie neugierig, als würde er wissen wollen, wie es ihr ging. Mit Sicherheit spürte er ihre Nervosität. Sie strich sanft über seinen Rücken und atmete langsam ein und aus. Sie hatten immer noch sich. Egal, was passierte.

Als Lori kurze Zeit später klopfte, fühlte sie sich gewappnet. Sie hatte einen Auftrag und sie würde ihn erledigen. Dafür musste sie mit offenen Augen durch die Akademie gehen. Was gab es hier, das ein ausgewachsener Drache gern hätte? Wieso war die Akademie interessant für dieses Wesen?

»Und gefällt es Ihnen?«, fragte Lori, als Maisie ihr in den Speisesaal folgte. »Ihr Zimmer?«, konkretisierte sie, als sie nicht antwortete.

»Es ist viel mehr, als ich erwartet habe. Herzlichen Dank.« Sie durchquerten einen langen Korridor, bis sie einen Raum betraten, der einer Cafeteria glich. Sie versuchte, Antworten innerhalb des Schlosses zu finden, die für einen Drachen von Interesse wären, um in den Kampf zu ziehen. Antworten, die auf dem Weg lagen. Dafür musste sie aufmerksam sein. Alles war neu und zugleich mit alten Erinnerungen gepflastert, die wie harter Stein aufeinandertrafen. Und das nervöse Prickeln, Noah wiederzusehen, war präsent wie nie zuvor. Wie würde ihr alter Freund reagieren? Vielleicht freute er sich überhaupt nicht. Schließlich hatte er nie auf ihre Briefe reagiert.

Maisie richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Cafeteria. Eine Essensausgabe auf der einen Seite mit der Möglichkeit, sich an einem Salatbuffet, zahlreichen Suppen, süßem und salzigem Gebäck zu bedienen. Die meisten Studierenden waren bereits fertig und schienen ihre Freizeit anderweitig zu genießen. Die Flora war keine besonders große Akademie und hatte ein strenges Bewerbungsverfahren. Sie suchten sich die vielversprechendsten Studierenden aus und das machte sich im Schloss bemerkbar. Es war nirgendwo voll. Die Studierenden konnten sich ausbreiten und fanden Orte der Ruhe.

Lori erklärte ihr das System der Cafeteria, doch das Gefühl, beobachtet zu werden, legte sich wie ein Schleier über Maisie und lenkte sie ab. Sie sah sich um und bemerkte die Blicke der anderen Erwachsenen, die an einer langen Tafel gemeinsam aßen. Es waren interessierte Blicke. Nichts Ungewöhnliches, besonders mit einem Drachen auf dem Arm, der sich ein Brötchen aus einem der Regale klaubte, als sie daran vorbeiging.

Doch dann sah sie ihn und ihr Herz blieb für einen eiskalten Moment stehen, ehe es schneller weiterschlug. Sie hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit diesem Ausdruck, nicht mit dieser Körpersprache, die ihr deutlich mitteilte, wie unerwünscht sie war.

Am Rand des Tisches saß Noah. Seine tiefschwarzen Augen glichen kaum den warmen blauen Iriden, die sie gekannt hatte.

Verstohlen und mit unverhohlener Abneigung betrachtete er sie. Alles an ihm wirkte angespannt. Maisie erschauderte bei dem Anblick.

Sie hatte sich nicht persönlich verabschiedet, aber sie hatte gewartet. Auf ihn, auf Greer. Alles, was sie an jenem Tag zurückgelassen hatte, war ein Brief, in dem sie erklärt hatte, dass sie die Flora verließ.

Sie waren bloß Jugendliche gewesen, sie konnte sich nicht vorstellen, dass Noah ihr das bis heute übelnahm. Doch ohne Zweifel nahm er ihr etwas übel und sie wusste nicht, was es sonst sein sollte. Maisie kam sich plötzlich naiv vor. Noah hatte ihr nie zurückgeschrieben, sie hätte sich denken können, dass er sich nicht freuen würde.

»Hören Sie mir noch zu?«, fragte Lori und riss sie aus ihren Gedanken.

»Entschuldige, ich war abgelenkt«, gab sie zu.

Lori lächelte. »Schon gut.« Geduldig wiederholte sie alles, doch Maisies Gedanken hingen an dem Mann, der, noch bevor sie den Tisch überhaupt erreichten, aufstand und die Cafeteria verließ. Und damit auch einen Teil ihrer Hoffnung mitnahm, hier weniger einsam zu sein.

* * *

»Also als ich mal in Knoydart war, wurde ich von einem Wolf angegriffen!«, meinte Albert. Inzwischen wusste Maisie, dass er bereits seit acht Jahren an der Akademie lehrte und sich bestens mit Pflanzen auskannte. Das machte die beiden zu Verbündeten, denn Tiere und Pflanzen passten thematisch perfekt zueinander, sodass es gut sein konnte, dass sie auf seine Hilfe angewiesen sein würde, um das Tier mithilfe eines Krauts zu besänftigen. Albert war ein netter älterer Herr und er war witzig. Zumindest hielt er sich dafür.

»Von einem Wolf«, wiederholte Irina, die Professorin für Englisch, langsam. »Sicher, dass es kein Hund war?«

»Vermutlich war es ein Dachshund«, nahm Effie an und lächelte Maisie von der Seite an. Effie war ihr von allen am sympathischsten. Sie interessierten sich beide für Legenden und Mythen und liebten Rätsel.

»Nun ja«, erwiderte Albert. »Wissen werden wir das wohl nie. Aber Maisie, sagen Sie, was ist denn Ihre verrückteste Geschichte aus Knoydart?«

»Du kannst mich immer noch duzen, Albert«, antwortete Maisie mit einem Lächeln. Sie hatten sich bereits dreimal im Verlauf des Gesprächs darauf geeinigt. »Knoydart ist allgemein ein interessantes Gebiet für uns Hüter. Es ist kaum bewohnt und dadurch reich an Tierarten.«