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Temeswar, Ende der 70er Jahre im rumänischen Banat. Zufällig beobachtet der junge Christian Hügel ein geheimes Treffen in einer Hotellobby, das sein Leben verändern soll. Kramer, der geheimnisvolle Geschäftsmann aus dem Westen, übt mit seinen Geschichten und Geschenken aus einer anderen, fremden Welt eine besondere Faszination auf Christian aus. Angetan vom cleveren Auftreten des jungen Christian lässt er diesen an seiner Welt teilhaben und rückt ihn damit auch ins Visier der rumänischen Geheimpolizei Securitate, die sich den Jungen zu Nutze machen will, um Kramers Machenschaften das Handwerk zu legen. Als der Niedergang des Kommunismus und der Zerfall der alten Ordnung zunehmend Fahrt gewinnen und schließlich im Prozess um die Ceausescus gipfeln, spitzt sich auch die Lage um Kramer, Christian und seine große Liebe Meline dramatisch zu. Die Zukunft aller steht auf dem Spiel und im Ringen um das eigene Schicksal verschwimmen die Grenzen zwischen Freund und Feind.
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Seitenzahl: 155
Veröffentlichungsjahr: 2013
www.tredition.de
Wilfried Hackbeil
Im Schatten der Freiheit
-Temeswar-
Ein Drama in 5 Akten
www.tredition.de
© 2013 Wilfried Hackbeil
Umschlaggestaltung, Illustration: Patrick Kobielski Lektorat, Korrektorat: Marcus Schulz
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN: 978-3-8495-3860-6
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhalt
Prolog
1. Akt
1. Szene
2. Szene
2. Akt
1. Szene
2. Szene
3. Akt
1. Szene
2. Szene
4. Akt
1. Szene
2. Szene
5. Akt
1. Szene
2. Szene
Epilog
Zusatzinformationen
Es heißt, man stirbt zweimal. Einmal, wenn der letzte Atem unserem Körper entweicht und ein weiteres Mal, wenn unser Name zum letzten Mal genannt wird.
Die erste Generation erntete den Tod, die zweite die Not, die dritte das Brot.
Die Personen
Christian Hügel: Hauptcharakter, zu Beginn etwa 12 Jahre alt.
Rudolph Kramer: Geschäftsmann aus Westdeutschland, nimmt sich Christian an.
Meline Fischer: Schulfreundin und Christians Angebetete.
Joseph Hügel: Christians Vater, arbeitet als Architekt.
Margret Hügel: Christians Mutter, Hausfrau.
George Andriuta: Kramers rechte Hand, erledigt für ihn alle unangenehmen Geschäfte.
Michael Dorin: Ein weiterer Helfer Kramers.
Gabriel Stoica: Christians rumänischer Freund, besucht die gleiche deutschsprachige Schule.
Laszlo Szabics: Christians ungarischer Freund. Besucht ebenfalls die deutsche Schule.
Ioan Mihail Pace: Generalleutnant der Securitate, flieht Ende der 70er Jahre in den Westen.
Mihai Romanescu: Nachfolger Paces bei der rumänischen Securitate. Ermittelt gegen Kramer.
Rumänischer Beamte Dobre: Ausführende Hand Romanescus.
Rumänischer Beamte Marica: Ebenfalls Mitarbeiter Romanescus.
Stephan Kronental: Lehrer an einem deutschen Lyzeum in Temeswar.
Jugoslawe 1 und 2: Betreiben Schwarzmarkthandel in den Straßen.
Ein Beamter
Diverse Demonstranten
Ein Student
Diverse Arbeiter
Elena und Nicolae Ceausescu
Ankläger
Richter
Verteidiger Exekutionsoffizier
Ein Hotelpage Krankenschwester Sora
Frau Dr. Schullerer
Anmerkungen:
Die Aufteilung der Bühne in eine linke und rechte Seite zieht ein Verharren der Schauspieler auf der jeweils nicht im Rampenlicht stehenden Seite nach sich.
Bei den eingeblendeten Telefongesprächen Ceausescus im vierten Akt verharren die Schauspieler im Gerichtssaal und spielen nach Ende der Tonaufnahmen weiter. Während der Demonstrationen verharren sie ebenfalls.
Das vorliegende Gerichtsprotokoll wurde vom Autor sinngemäß übersetzt und nur leicht gekürzt.
Ort der Handlung: Temeswar, Hauptstadt des Banats.
Zeit: Ende der 70er Jahre bis 1990.
Ein junger Mann betritt im Scheinwerferlicht die Vorderseite der Bühne, suchend. Er geht auf und ab, der hintere Teil liegt im Dunkeln. Eine alte Frauenstimme ist zu hören.
ALTE FRAUENSTIMME: Ich sehe etwas, ich sehe etwas! Du wirst nicht sehr alt werden, kleiner Mann. Das Böse kommt über dich. Das Böse verleitet dich zu falschen Entscheidungen.
Der junge Mann bleibt kurz stehen, irrt dann weiter umher, noch immer suchend, wird dann augenscheinlich fündig. Er kniet nieder, buddelt im Boden, findet eine Kiste und öffnet sie. Behutsam nimmt er einen Brief aus ihr heraus. Eine weitere Stimme ertönt.
KRAMERS STIMME: Hallo, mein Junge. Wenn Du das hier liest, ist es schon eine Weile her, dass wir uns gesehen haben. Ich kann nicht sagen wie lange und ich weiß auch nicht, wie es Dir ergangen ist. Du weißt ebenfalls nicht, wo und ob ich noch bin. Du sollst aber wissen, wie sehr ich Dich lieb gewonnen habe in all den Jahren, in denen wir uns gekannt haben. Du sollst wissen, dass ich immer alles für Dich tun würde…
Der Junge hört auf zu lesen und senkt seine Arme, er nimmt einige weitere Gegenstände aus der gefundenen Kiste und betrachtet diese für einen kurzen Augenblick. Das Scheinwerferlicht erlischt, der Junge ist nicht mehr zu sehen. Im Dunkeln ertönt wieder eine Frauenstimme.
ALTE FRAUENSTIMME: Ja, das Böse, das Böse kommt über dich. Viele falsche Entscheidungen. Jede Zeit ist einmal vorbei. Ich kann nichts dafür, ich bin nur eine alte Zigeunerin. Es tut mir leid, kleiner Mann.
Der Ort, Temeswar, die Hauptstadt des Banats. Wir befinden uns im Rumänien Ende der 70er Jahre.
Die Bühne wird hell, auf der linken Bühnenseite sehen wir einen Teil der Hotellobby des stadtbekannten Hotels Continental. Zwei große Aschenbecher, eine dunkelgrüne Couch, hier und da weinrote Vorhänge, karierter Teppichboden sowie zwei Sessel bilden das Inventar. Zigarrenqualm liegt in der Luft. Zwei Tischlampen leuchten schwach durch ihre dunkelgelben Schirme. Die Abenddämmerung hat eingesetzt.
Auf der rechten Bühnenseite sehen wir den an das Hotel angrenzenden Stadtpark sowie eine Parkbank, zwei Mülleimer, diverse Sträucher. Das Hotel ist durch einen kleinen Zaun oder eine kleine Wand von dem Park getrennt. Die Mütter der Nachbarschaft beginnen ihre Kinder zum Abendessen zu rufen, mit Stimmen, nah und fern, dringend und zärtlich.
In der Hotellounge sitzen Herr Kramer und Ioan Mihail Pace, Generalleutnant der rumänischen Securitate sowie stellvertretender Chef des Auslandsgeheimdienstes, und führen ein vertrauliches Gespräch.
KRAMER: Der Asylantrag wurde genehmigt. Bist du dir ganz sicher, dass du es tun willst?
PACE: Ja, ich war mir noch nie so sicher. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen.
KRAMER: Ioan, es wird sehr gefährlich werden. Du wirst dich nie wieder sicher fühlen können. Nirgendwo. Ich hoffe, du hast das bedacht.
PACE: Das habe ich. Ich habe schon viel auf dem Gewissen. Was ich aber jetzt organisieren soll, geht zu weit. Damit könnte ich nicht leben. Ich bin ein Familienvater, was soll ich meiner Tochter erzählen?
KRAMER: Was hat Ceausescu nun wieder vor?
PACE: Die Ermordung von Noël Bernard, dem Leiter der rumänischen Abteilung beim Radio Freies Europa.
KRAMER: In München?
PACE: Ja, ich soll zwei Leute auf ihn ansetzen. Um sicher zu gehen. Kritische Worte hat er nicht gerne, wie du weißt. Bernard hat es wohl übertrieben.
Rechte Seite, der Park. Es sind drei Kinder zu sehen. Christian, Laszlo und Gabriel. Sie treffen sich vor einer Parkbank, nachdem sie im Park umhergezogen waren.
LASZLO: Salut, Chris. Hatte keinen Erfolg. Und du?
CHRISTIAN: Ich habe immerhin zwei Dosen gefunden. Eine Bitburger und eine Topstar. Was immer das auch ist. Ich glaube, auch so etwas wie Cola.
LASZLO: Oh, da wird uns Gabriel sicher gleich mächtig aufziehen.
CHRISTIAN: Willst du meine Bitburger-Dose haben? Die habe ich schon. Dann stehst du nicht ganz mit leeren Händen da.
LASZLO: Ja, gut. Danke. Ist wohl nicht so viel los im Hotel. Oder weshalb haben wir so wenig gefunden?
CHRISTIAN: Wahrscheinlich hoher Besuch.
LASZLO: Schau mal, wenn ich schon keine Dosen gefunden habe.
CHRISTIAN: Was ist das?
LASZLO: Hier, eine Rama-Schachtel. Rama macht das Frühstück gut, steht da drauf. Seit 1924. Mit den Vitaminen A, D und E. Und eine Frau ist abgebildet. Und Brot, Honig, Gemüse und ein Apfel. Was die alles haben zum Frühstück…
CHRISTIAN: …haben die Jugoslawen auch…
LASZLO (sieht die Schachtel weiterhin an): …nur wir nicht. Was das für eine Verpackung hier ist, weiß ich aber nicht.
CHRISTIAN: Sardines à la tomate. Das ist Fisch. Aus Spanien.
LASZLO: Die Ausländer packen ihre Fischkonserven in buntes Papier?
CHRISTIAN: Sieht aber gut aus. Was machst du damit?
LASZLO: Weiß nicht, anschauen.
CHRISTIAN: Ich habe auch noch was gefunden. Ein Rexona-Spray.
LASZLO: Rexona? Prima, die werfen wir wieder ins Feuer.
CHRISTIAN: Nein, dieses Mal nicht. So eine habe ich noch nie gesehen. Ich behalte sie.
LASZLO: Hast du schon gehört, Costel hat Puma-Schuhe bekommen. Jetzt läuft er uns beim Spielen allen davon.
CHRISTIAN: Eine Jeansjacke und eine Jeanshose hat er auch schon. Und seine Mutter Fa-Seife.
LASZLO: Und er wird im Bus deshalb niemals kontrolliert.
Gabriel kommt hinzu.
GABRIEL: Und wie viele habt Ihr? Ich habe fünf, eine Pepsi, eine Fanta, eine Warsteiner, Tuborg und eine Schwipp-Schwapp! Wer hat mehr?
CHRISTIAN: Wir haben nicht so viel Erfolg gehabt.
LASZLO: Ja, war ein schlechter Tag.
GABRIEL: Ach nein, Ihr habt nicht richtig gesucht. Ihr müsst in den Büschen nachsehen, nicht in den Mülleimern. Die Ausländer werfen die Dosen in die Büsche. Die suchen sich keinen Mülleimer.
LASZLO: Beim nächsten Mal dann.
GABRIEL: Seht nur, diese Pepsi-Dose habe ich noch nicht.
CHRISTIAN: Die kenne ich aber. Ist aus Wien.
GABRIEL: Ist viel blauer als meine anderen, sehr schön.
CHRISTIAN: Ciprian hat schon eine Cola getrunken und sein Vater Becks.
LASZLO: Ich gehe nach Hause, es ist schon spät. Was ist mit euch?
GABRIEL: Ich komme auch mit, ich höre schon meine Mutter. Die hat eine Stimme.
LASZLO: Du, Chris?
CHRISTIAN: Nein, ich suche noch weiter in den Büschen.
GABRIEL: Kommst du morgen zum Markt?
CHRISTIAN: Ja, ich komme.
LASZLO: Und zur Schule?
CHRISTIAN: Vielleicht.
GABRIEL: Bis morgen. Ciao.
LASZLO: Ciao.
CHRISTIAN: Ciao, Ciao.
Christian zieht nach wie vor auf der Suche nach leeren Getränkedosen durch den Park.
KRAMER: Und was ist der offizielle Grund deiner Deutschlandreise?
PACE: Eurem Kanzler einen Brief zukommen zu lassen und Verhandlungen mit einer Flugzeugfirma zu führen.
KRAMER: Wann genau triffst du ein?
Christian kommt nun an einem gekippten Fenster vorbei, das zur Hotellobby führt. Überrascht davon, deutsche Stimmen zu hören, bleibt er vor dem Fenster stehen und belauscht das Gespräch.
PACE: Heute in einer Woche, am 24. Juli. Ich fahre am frühen Morgen mit dem ersten Zug los. Am späten Abend, so gegen 23 Uhr, sollte ich dann in München sein. Falls es keine Verspätungen gibt. Am nächsten Morgen fahre ich dann weiter nach Bonn.
KRAMER: Gut, gut. Dann gebe ich in der amerikanischen Botschaft Bescheid. Die werden dann alles für die Weiterreise vorbereiten. Hast du dir das aber auch wirklich gut überlegt?
Christian steigt über den kleinen Zaun und schleicht sich ans Fenster. Er versucht einen Blick in das Hotelinnere zu werfen.
PACE: Natürlich. Es war noch nie so einfach. Jetzt, da mein Asylantrag bei den Amerikanern genehmigt wurde und Ceausescus Vertrauen in mich so groß ist, wie nie zuvor.
KRAMER: Wie kannst du nur so ruhig bleiben?
PACE: Es muss klappen! Es ist alles so lange geplant und hundertfach durchdacht. Es klappt, ich weiß es einfach.
KRAMER: Das wird für einen unglaublichen Wirbel unter den kommunistischen Staaten sorgen. Ceausescu wird alles dransetzen, dich zu töten.
PACE: Sehr gewiss wird er das tun. Ich mache mir aber nicht meinetwegen Sorgen, sondern wegen meiner Tochter.
KRAMER: Konntest du sie nicht mitnehmen?
PACE (schüttelt den Kopf): Nein, in all den Jahren nicht ein einziges Mal.
KRAMER: Und du willst dich trotzdem absetzen?
PACE: Da sieht man, zu was man in diesem Land gezwungen wird. Was man hier tun muss. (Pause) Ich liebe sie so sehr. (Pause) Sie ist mittlerweile erwachsen, steht auf eigenen Beinen und wird bald heiraten. Das macht es einfacher für mich.
KRAMER: Weiß sie davon?
PACE: Natürlich nicht. Ich hoffe, das schützt sie. Ich hoffe, sie lassen sie in Ruhe.
In diesem Augenblick drückt Christian die Dose zu fest, die er noch immer in der Hand hält. Die Dose gibt ein Knacken von sich. Herr Kramer scheint das Geräusch gehört zu haben, nach kurzem Zögern tut er aber so, als ob nichts gewesen wäre. Der Junge schleicht sich langsam von dem Fenster fort und sucht weiter im Park nach Dosen. In einer hinteren Ecke scheint er etwas gesehen zu haben.
KRAMER: Das wünsche ich ihr und dir.
PACE: Wer weiß von unserem Treffen?
KRAMER: Niemand. (Pause) Natürlich niemand. Hier im Hotel sind wir sicher.
PACE: Mein Verschwinden wird der Anfang vom Ende für Ceausescu sein, dafür werde ich sorgen. Ich habe so viele Informationen gesammelt, die werde ich im Westen publik machen. Sein Ansehen wird darunter sehr leiden.
KRAMER: Ich werde es hautnah mitverfolgen…
PACE: …und hoffentlich weiterhin einen Teil dazu beitragen.
KRAMER: Ich oder mein Nachfolger, je nachdem wie lange es noch dauern wird.
PACE: Falls du mich brauchen solltest, ich werde jederzeit für dich da sein.
KRAMER: Danke.
PACE: Noch etwas, nimm dich vor meinem Nachfolger in acht, der wird es sicher auf dich abgesehen haben.
KRAMER: Davon gehe ich aus.
PACE: Wem von meinen Leuten du trauen kannst, weißt du bereits. Ich nehme an, daran wird sich nach meinem Verschwinden nichts ändern.
KRAMER: Wir werden sehen.
PACE: Also gut, mein Freund. Ich danke dir nochmals für deine Hilfe. Wir bleiben in Kontakt.
KRAMER: Ich begleite dich zur Tür.
Die beiden Männer stehen auf und gehen zum Hoteleingang im vorderen Bereich der Bühne.
KRAMER: Leb wohl, mein Freund.
PACE: Bis bald, gefällt mir besser.
KRAMER: Gute Nacht.
PACE: Gute Nacht.
Kramer blickt dem abgehenden Pace noch wenige Sekunden hinterher, dreht sich dann um und geht in den naheliegenden Park. Christian kramt in einem Gebüsch herum und zieht eine Dose hervor. Als er sich aufrichtet, steht Herr Kramer direkt hinter ihm. Er erschrickt.
KRAMER: Sprichst du deutsch?
CHRISTIAN (rumänisch): Eu nu înţeleg. (Ich verstehe nicht.)
KRAMER: Du sprichst also kein deutsch?
CHRISTIAN (rumänisch): Nu. Nu înţeleg limba germană. (Nein. Ich verstehe kein deutsch.)
KRAMER (rumänisch, gebrochen): Ai auzit convorbirea noastră de mai înainte? (Hast du unser Gespräch vorhin gehört?)
Kramer zeigt auf das Fenster.
CHRISTIAN (rumänisch): Am auzit voci. Dar nu am inţeles nici un cuvînt. (Ich habe Stimmen gehört. Ich habe aber kein Wort verstanden.)
KRAMER (rumänisch, gebrochen): Oameni mai in vîrstă nu ar trebui minţiţi. (Ältere Menschen soll man nicht anlügen.)
CHRISTIAN (rumänisch): De ce aş minţi? (Warum sollte ich lügen?)
KRAMER (deutsch): Ja, warum solltest du lügen? (Pause, rumänisch) Ce faci tu aici? (Was machst du hier?)
CHRISTIAN (rumänisch): Eu strîng cutii goale. Astăzi am găsit numai o cutie Bitburger si una Topstar. Ambele le am deja. Prietenii mei au găsit cutii mai bune. Ei au mai mult noroc ca mine. (Ich sammle leere Dosen. Heute habe ich aber nur eine Bitburger und eine Topstar gefunden. Beide habe ich aber leider schon. Meine Freunde haben bessere gefunden. Die hatten mehr Glück als ich.)
KRAMER (deutsch): Du sammelst Dosen? (Pause, rumänisch) Si dece in mod special aici? (Und wieso ausgerechnet hier?)
CHRISTIAN (rumänisch): Pentru că găsesc aici cîteva. Cele din vest le aruncă aici în faţa hotelului in coşul de gunoi. (Weil ich hier welche finde. Die aus dem Westen schmeissen sie hier vor dem Hotel in die Mülleimer.)
KRAMER (rumänisch): Bine înţeles. Tu esti un tînăr deştept. Cum te chiamă. (Selbstverständlich. Du bist ein schlauer Junge. Wie heißt du?)
CHRISTIAN: Bogdan Bitea.
KRAMER (rumänisch): Atunci bine Bogdan. Ascultă mâ bine. Mergi acasa. Tu ai un domiciliu nu? (Also gut, Bogdan. Höre mir jetzt genau zu. Geh nach Hause. Du hast doch ein Zuhause, nicht wahr?)
CHRISTIAN (rumänisch): Da am. Ce gândiţi Dumneavoastra. Merg deja. Dumneavoastră vreti să vă scăpăţi de mine. (Ja, habe ich. Was denken Sie denn? Ich gehe ja schon, Sie wollen mich doch nur loswerden.)
KRAMER (zu sich selbst, deutsch): Natürlich hast du ein Zuhause. Wie komme ich nur auf solch eine Idee. (dann zu Christian, rumänisch) Dacă ai auzit ceva nu trebuie să spui nimănui despre acest lucru. Ar putea fi foarte periculos pentru tine si familia ta. Ai inţeles? (Falls du doch etwas gehört haben solltest, darfst du niemanden etwas darüber erzählen. Das könnte für dich und auch für deine Familie sehr gefährlich werden. Hast du verstanden?)
CHRISTIAN (rumänisch): Da, eu am înţeles. (Ja, habe ich.)
KRAMER (rumänisch): Atunci bine, salut si vai de tine dacă m-ai minţit. (Also gut, Salut, und wehe, wenn Du mich belogen hast.) (zu sich selbst, deutsch) Ja, wehe wenn du mich belogen hast.
CHRISTIAN: Salut.
Christian dreht sich mehrmals um, bis Herr Kramer nicht mehr zu sehen ist. Er wandert für einen Augenblick durch den Park, geht dann zu einem Gebüsch in der rechten Ecke der Bühne und legt sich schlafen. Die Bühne liegt jetzt im Dunkeln.
Der Morgen bricht an, es wird hell. Die Parkbank ist verschwunden und wo diese stand, befindet sich jetzt das Klassenzimmer des Lenau Lyzeums. Im Hintergrund sehen wir ein Portrait des Diktators Ceausescu. Christian tritt hinter dem Gebüsch hervor, zieht sich seine Schuluniform an, verbirgt die anderen Kleider wieder im Gebüsch und geht zur Klasse. Gabriel, Laszlo und Meline betreten aus dem Hintergrunddas Klassenzimmer und setzen sich ordentlich und gerade auf ihre Plätze. Der Lehrer, Herr Kronental, betritt das Klassenzimmer von vorne rechts. Die Kinder stehen auf.
KINDER: Guten Morgen, Herr Lehrer.
KRONENTAL: Guten Morgen, Kinder. Ihr könnt anfangen.
Die Kinder fangen an, die rumänische Nationalhymne zu singen.
KINDER: Te slăvim, Românie, pământ părintesc… (Dich rühmen wir, Rumänien, väterliche Erde…)
KRONENTAL: …nein, nein, das ist die falsche Hymne. Kinder, wir haben doch seit diesem Jahr eine neue. Diese solltet ihr bis heute auswendig lernen.
Die Kinder sehen sich an. Fangen dann wieder an zu singen.
KINDER: Trei culori cunosc pe lume, amintind de-un brav popor… (Drei Farben kenne ich auf Erden, die an ein mutiges Volk erinnern…)
KRONENTAL: …Schon gut, schon gut, ihr könnt euch wieder setzen. Ich habe genug gehört. (Pause) Ich kenne auch drei Farben…Nun, wer kann mir sagen, wo das Banat liegt, in dem wir leben?
Meline hebt Ihre rechte Hand, Zeige- und Mittelfinger ausgestreckt.
MELINE: Das Banat ist ein Gebiet zwischen der Marosch, Theiß und Donau. Heute ist das Banat aufgeteilt auf die Länder Jugoslawien, Ungarn und Rumänien. Rumänien hat den größten Anteil.
KRONENTAL (sieht zur Tür): Richtig, sie haben den größten Anteil. Die Hauptstadt des Banats, Temeswar, liegt im jetzigen Rumänien. Aus Dankbarkeit über die Aufnahme, haben die meisten Banater Schwaben und auch Siebenbürger Sachsen ihren Besitz, ihr Haus und Hof, dem Staat abgetreten. Wer kann mir nun sagen, wann diese Aufteilung stattgefunden hat? (Meline hebt wieder ihre Hand) Meline?
MELINE: Nach dem Ersten Weltkrieg und nach dem Zusammenbruch der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Man nahm keine Rücksicht auf die etwa zwei Millionen Deutschen. Durch den Friedensvertrag von Trianon wurde das Banat dreigeteilt: Der östliche Teil mit Temeswar fiel an Rumänien, der westliche Teil kam zu Jugoslawien und einige Dörfer südlich von Szegedin blieben bei Ungarn.
KRONENTAL: Gut, noch eine letzte Frage. Wie kam es überhaupt zu der Ansiedlung von Deutschen im Banat?
MELINE: Durch die Wiener Hofkammer. Es wurde eine aktive Siedlungspolitik betrieben. Steuerkräftige Siedler sollten durch die drei Schwabenzüge angezogen werden und Stabilität schaffen. Dadurch hat sich das Banat im 18. Jahrhundert zu einem wichtigen Wirtschaftsraum entwickelt. Wanderungsströme vieler Völker aus West- und Mitteleuropa liefen hier zusammen und prägten den Charakter des Banats. Die drei Siedlungsperioden waren in den Jahren 1722 bis 1726, 1763 bis 1772 sowie 1782 bis 1786, wobei der zweite Schwabenzug den Höhepunkt darstellte. Die meisten Menschen kamen aus der Pfalz, aus Schwaben, dem Rhein- und Mainfranken-Gebiet sowie aus dem Elsaß.
KRONENTAL: Das war alles richtig, Meline. Bringe mir nachher dein Notenbuch, du bekommst eine 10. Nun muss ich euch leider auch etwas über unser Land erzählen, zu dem wir nun seit 1920 gehören. Rumänien ist eines der reichsten Länder auf der ganzen Welt. Wenn nicht sogar das reichste. Die Industrie und Landwirtschaft blüht in unserem Land, das solltet Ihr wissen. Steinkohleindustrie, Braunkohleindustrie, Förderung von Uranerz, Erdöl, Erdgas, selbst Ölschiefer fördern wir. Wir haben natürlich
