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30 Fragen, die die Welt bedeuten- "Emils Welt". Diese kuriose Mischung aus Videothek, Bibliothek und Literaturklub mitten im Herzen einer Großstadt wird von Emil betrieben, der mit seinen Stammgästen über Filmklassiker, den Kanon der Literatur und über das Leben im Allgemeinen philosophiert. Im Kreise seiner Gäste und Freunde sinniert der allmählich alternde Emil nostalgisch über den Stellenwert von Film und Literatur in unserer Gesellschaft. Eines Morgens heftet er schließlich 30 Fragen an die Wand, von deren Beantwortung er die Schenkung seines geliebten Geschäfts abhängig machen will. Seine schockierten Stammgäste versuchen sogleich, Emil von der Geschäftsaufgabe abzubringen und ihn zur Zurückziehung seiner Fragen zu bewegen. Durch einen unvorhergesehenen Zwischenfall rückt "Emils Welt" kurzfristig in den Hintergrund. Dennoch verstreicht unaufhaltsam die verbleibende Zeit, um die subjektiven und schwierigen Fragen Emils zu beantworten oder diesen doch noch zur Fortführung seines Geschäfts zu bewegen.
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Seitenzahl: 90
Veröffentlichungsjahr: 2015
Wilfried Hackbeil
Emils Welt
Ein Drama in drei Akten
© 2015 Wilfried Hackbeil
Umschlag, Illustration: Patrick Kobielski
Lektorat, Korrektorat: Marcus Schulz
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback 978-3-7323-2432-3
Hardcover 978-3-7323-2433-0
e-Book 978-3-7323-2434-7
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Die Personen:
EMIL
ULRICH
HANNAH
THORBEN
ANTON
KATJA
SVEN
CHRISTINA
MELANIE
DER VATER
„Die Frage, ob wir einen solchen Katalog benötigen, ist mir unverständlich, denn der Verzicht auf einen Kanon würde den Rückfall in die Barbarei bedeuten. Ein Streit darüber, wie der Kanon aussehen sollte, kann dagegen sehr nützlich sein.“
Marcel Reich-Ranicki, zur Frage ob wir einen Literaturkanon benötigen.
„Wie für jede Form der Kunst gilt auch für das Kino: Wenn ich mehr weiß, fühle ich mich nicht nur schlauer, ich habe auch mehr Vergnügen an der Sache. Filmklassiker zu sehen, ist alles andere als langweilig. Eher überraschend. Je mehr ich über die Geschichte des Kinos weiß, umso mehr kann ich das Kino von heute genießen.“
Iris Berben, Präsidentin der Deutschen Filmakademie.
Erster Akt
Erste Szene
Auf der rechten Bühnenseite befindet sich eine klapprige, alte Eingangstür mit Holzgitter. Auf der linken Seite eine Sitzecke mit einem Fernseher und einem Videorekorder. Zwischen den beiden Seiten stehen unzählige Regale mit Videofilmen, Büchern, Gemälden sowie Musikplatten. An der Rückwand eine Theke, auf der eine Kaffeemaschine, die gängigsten Getränke und die Kasse stehen.
Emil Fischer, mittleren Alters und der Besitzer des Kunstladens „Emils Welt“, schließt die Eingangstür auf und tritt ein. Er streift sich über seine Schultern, macht das Licht an und verharrt einen Augenblick. Anschließend geht er hinter die Theke, legt seinen Mantel ab, richtet alles für den Verkauf und den Verleih her und macht die Kaffeemaschine sowie den alten Schallplattenspieler an. Ein Lied aus den 80ern ertönt, möglicherweise etwas von Kenny Loggins, Robin Zander oder Huey Lewis & the News. Anschließend schlendert er wieder zu der Eingangstür und dreht das Schild „Geschlossen“ um. Gleichen Schrittes geht er wieder hinter dieTheke, nimmt ein großes Blatt hervor und hängt dieses an die Wand. Er betrachtet es für einen kurzen Augenblick, dreht sich wieder um und sieht zur Eingangstür. Ulrich, einer seiner Stammgäste, tritt auf.
ULRICH: Guten Morgen, Emil.
EMIL: Guten Morgen, Ulrich. Wie hat dir der Film gefallen?
ULRICH: Habe ihn mir noch nicht angesehen. Ich fürchte, ich werde ihn noch einen Tag behalten müssen. Gut für dich!
EMIL: Was ist passiert? Hast du jemand kennen gelernt?
ULRICH: Kennen gelernt? Natürlich nicht. Nein, ich will erst das Stück lesen, bevor ich mir den Film anschaue.
EMIL: Ulrich, bei Theaterverfilmungen muss man vorher nicht unbedingt das Stück gelesen haben.
ULRICH: Ich wollte mir trotzdem erst einmal selbst ein Bild machen.
EMIL: Ich bin mir sicher, Marlon Brando übernimmt das gerne für dich.
ULRICH: Ja, ja, ich weiß. Und Vivian Leigh und Karl Malden ebenfalls. Ich freue mich schon.
Thorben, gefolgt von einem Jugendlichen, betritt auf der rechten Seite die Bühne.
THORBEN: Guten Morgen.
EMIL: Guten Morgen, Thorben.
THORBEN: Er ist mir wieder nachgelaufen, ich kann nichts dafür!
EMIL: Sei doch nicht so. Wie ist dein Name?
SVEN: Ich heiße Sven.
EMIL: Hat dir Die Katze auf dem heißen Blechdach gefallen, Sven?
SVEN: Es war der beste Film, den ich bisher gesehen habe. Paul Newman ist herausragend.
EMIL: Was möchtest du denn heute sehen?
SVEN: Ich weiß nicht. Heute ist mir eher nach lesen.
THORBEN: Oh, sehr löblich. Gibt es My Private Idaho auch als Buch?
EMIL: Da hätte ich was für dich.
Emil geht zu einem Bücherregal, das zwischen den Videofilmen postiert ist.
EMIL: Die Glasmenagerie, ebenfalls von Tennessee Williams. Du kannst auch hier lesen, wenn du magst.
SVEN: Das werde ich auch, danke.
Sven nimmt das Buch und setzt sich in die Leseecke am linken, hinteren Bühnenrand. Anton und seine etwas jüngere Freundin Katja betreten die Bühne und legen ebenfalls ihre Mäntel ab.
EMIL: Hallo ihr beiden.
ANTON: Guten Tag zusammen.
KATJA: Hallo Emil.
THORBEN: Das ist ja beängstigend, der Professor ist auch schon so früh hier? Obwohl, Professor Humbert musste mit seiner Lolita sicher auch früh aufstehen.
ANTON: Toller Wink und so unauffällig.
KATJA: Wäre das schön, noch mal so jung zu sein.
Hannah betritt die Bühne.
THORBEN: Oh, du Fröhliche. Das ist ja eine Überraschung. Was ist denn heute nur los?
HANNAH: Hallo Leute.
EMIL: Hallo Hannah.
ANTON: Wie laufen die Vorbereitungen zu deiner Vernissage?
HANNAH: Etwas schleppend, aber gestern habe ich wieder ein Bild verkauft. Wenn es so weiter geht, habe ich bald keine Bilder mehr, die ich ausstellen könnte.
EMIL: Das hört sich doch gut an, es freut mich für dich, Hannah.
HANNAH: Danke Emil. Vielleicht muss ich sogar die Bilder wieder mitnehmen, die ich hier ausgestellt habe.
EMIL: Natürlich. Das verstehe ich.
KATJA: Und welches hast du gestern verkauft?
HANNAH: Das große. Von dem du sagtest, es könnte auch von Manet stammen. Ich fühle mich noch immer geehrt.
ANATON: Hat sich der Verkauf wenigstens gelohnt?
HANNAH: Ich kann beinahe eine Monatsmiete davon zahlen. Das ist doch nicht schlecht für drei Monate Arbeit.
THORBEN: Du malst Blumen und Gärten?
HANNAH: Manet und nicht Monet. „Portrait der Eltern“. Schon mal was davon gehört?
THORBEN: Nein, das hört sich aber mindestens genauso spannend an.
HANNAH: Du Banause! Selbst die Bilder, die ich hier ausgestellt habe, hast du niemals angesehen.
THORBEN: Ich verstehe nichts von Malerei.
HANNAH: Mit verstehen hat das nichts zu tun, eher mit Interesse.
THORBEN: Tut mir leid.
HANNAH: Schon gut. Emil, in der Schellingstraße…
Katja geht zur Theke, dabei bemerkt sie das Blatt Papier an der Wand.
KATJA (laut): …Was ist denn das? Was hängt denn hier an der Wand?
ULRICH: Was ist was?
KATJA: Na, diese Fragen von Emil.
Die Gäste gehen alle etwas näher hin und betrachten das Blatt Papier.
KATJA: 15 Fragen zum Thema Film. Nennen wir sie „Rosebud“. Wer sie beantworten kann, darf „Emils Welt“ sein Eigen nennen.
ANTON: Was ist los?
THORBEN: Wie?
ULRICH: Was?
HANNAH: Sein Eigen?
KATJA: Frage Nummer 1: Die Geburtsstunde des Method Acting im amerikanischen Film der 50er Jahre?
Alle sehen Emil an.
ANTON: Emil, was soll das?
HANNAH: Und der Gewinner bekommt den Laden geschenkt?
KATJA: So steht es hier.
ANTON: Bist du jetzt verrückt geworden?
EMIL: Keine Sorge, ich habe mir das gut überlegt.
KATJA: Schön, der Laden gehört bald mir.
HANNAH: Oh nein, das wäre furchtbar.
ULRICH: Aber warum in Gottes Namen möchtest du deinen Laden verschenken? Was sollen wir dann nur machen?
EMIL: Übermorgen um 12 Uhr mittags wird der Gewinner bekannt gegeben. Ich bitte euch, mir kurz vorher eure Antworten zu überreichen.
THORBEN: Zwei Tage? Das ist aber kurz.
EMIL: Man sollte die Filme eben bereits kennen. Ist doch sicher kein Problem für dich.
ANTON: Emil, aber warum denn das auf einmal?
ULRICH: Zahlen wir dir zu wenig? Willst du die Preise erhöhen?
EMIL: Nein, ich habe die Hoffnung aufgegeben. (Pause) Wie ihr wisst, ging es mir nie ums Geld. Davon hatte ich schon immer genug.
KATJA: Super! Ist doch toll! Da habe ich bald meinen eigenen Laden. Diese Antwort weiß ich bereits.
ANTON: Wenn, dann wäre es immer noch unser Laden, oder etwa nicht?
KATJA: Ja, natürlich, das meinte ich doch.
ANTON: Da seht ihr nun selbst, was für eine ich mir da geangelt habe.
THORBEN: Wenn man nur aufs Alter schaut.
KATJA: Das ist ja nett, Thorben. Also, ich lese weiter.
HANNAH: Nein, ich werde die Fragen vorlesen.
Hannah geht zur Pinwand.
ULRICH: Und wie genau läuft das ab? Ich meine, äh, ich finde es natürlich auch sehr schade, dass du diese Liste da überhaupt gemacht hast, das steht außer Frage.
EMIL: Danke. Ich weiß das zu schätzen!
ULRICH (betroffen): Tut mir leid, ich glaube aber Katja hat noch blöder reagiert.
EMIL: Also, ich habe die Antworten verschlossen in meinem Schrank unter der Theke aufbewahrt. Ich werde nichts daran ändern. Wer die meisten Punkte erzielt, bekommt von mir die Besitzurkunde und den Schlüssel. So einfach.
ANTON: Verrückt!
ULRICH: Das kann man wohl sagen.
KATJA: Unglaublich.
HANNAH (nimmt den Zettel in die Hand): Ruhe jetzt, ich lese nun vor: 15 Fragen zu Rosebud:
1. Die Geburtsstunde des Method Acting im amerikanischen Film der 50er Jahre?
2. In welchem Film wird dieser Auszug aus einer Ballade von Bert Brecht zitiert: “Jeden Morgen, mein Brot zu verdienen, fahre ich zum Markt, wo Lügen gekauft werden. Hoffnungsvoll reihe ich mich ein unter die Verkäufer.“
3. Bei welchem Regisseur erscheint das Absurde stets normal und das Normale absurd?
4. Wer wurde „Der Meister der Filmkunst“ oder auch „Der Vater des Films“ genannt?
5. In welchem Film wird der Hauptdarsteller gefoltert, während er die Frage: „Sind sie in Sicherheit?“, beantworten soll?
6. „Wait a minute, wait a minute. You ain’t heard nothin’ yet”. Aus welchem Film stammt dieses Zitat?
7. In welchem Jugendfilm, der in einem Internat spielt, wird Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ aufgeführt?
8. Das imponierendste Filmdebüt eines Regisseurs und Schauspielers zugleich? Wie heißt der Film?
9. Der erfolgreichste und am höchsten ausgezeichnete „Coming of Age“ Film aller Zeiten?
10. „All right, Mr. DeMille, I’m ready for my close-up.“ Wer sagt diesen Satz und wie heißt der Film?
11. Wer drehte den ersten Langfilm in Hollywood und wurde später der bekannteste Regisseur historischer und religiöser Monumentalfilme?
12. Manhattan in den 70er Jahren, Bergman, Kierkegaard, Psychoanalytiker! Wer bin ich?
13. Die angeblich beste Fortsetzung aller Zeiten?
14. Der erste männliche Hollywood Star, der tragisch jung starb, unheimlich beliebt war, aber genauso schnell wieder vergessen wurde.
15. Zwei Drehbücher, die von ihren jeweiligen Hauptdarsteller geschrieben wurden und überaus erfolgreich waren. Welche Filme könnten gemeint sein?
Stille.
KATJA: Tut mir leid… aber… also, ich weiß nicht, was sind das denn für Fragen?
ULRICH: Ich mache mir Sorgen um dich.
EMIL: Ich konnte mir doch keine Fragen ausdenken, die innerhalb von ein paar Minuten im Internet, oder was es heutzutage sonst noch alles gibt, nachgeschlagen werden können. Geschweige denn in zwei Tagen.
KATJA: Ja, aber äh, was, gibt es nicht mehrere Lösungen? Ich meine schon.
EMIL: Vielleicht. Für mich natürlich nur eine. Aber es ist ja auch mein Laden, wenn keiner darauf kommt, gewinnt der, der am nächsten dran ist. Das können wir dann zusammen diskutieren.
HANNAH: Komisch. Ich habe das Gefühl, es wird der gewinnen, der dich am besten kennt.
EMIL: Da habe ich bis dahin immer Gesellschaft, nicht wahr?
HANNAH: Nummer 8: Das imponierendste Filmdebüt eines Regisseurs und Schauspielers?
KATJA: Halleluja! Viiieel Spaß, Leute!
HANNAH: Das ist ja mehr als nur subjektiv.
Alle durcheinander.
ULRICH: Das finde ich auch.
ANTON: Naja, mir fällt schon was ein.
KATJA: Also, es muss was älteres sein.
THORBEN: Mel Brooks?!
Ratlose Blicke.
KATJA: Ja, ich glaube ich weiß es.
HANNAH: Wie schön für dich.
