Im Schatten der schönen Schwester - Viola Maybach - E-Book

Im Schatten der schönen Schwester E-Book

Viola Maybach

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Beschreibung

Viola Maybach hat sich mit der reizvollen Serie "Der kleine Fürst" in die Herzen der Leserinnen und Leser geschrieben. Alles beginnt mit einem Schicksalsschlag: Das Fürstenpaar Leopold und Elisabeth von Sternberg kommt bei einem Hubschrauberunglück ums Leben. Ihr einziger Sohn, der 15jährige Christian von Sternberg, den jeder seit frühesten Kinderzeiten "Der kleine Fürst" nennt, wird mit Erreichen der Volljährigkeit die fürstlichen Geschicke übernehmen müssen. "Der kleine Fürst" ist vom heutigen Romanmarkt nicht mehr wegzudenken. Prinzessin Desiree von Lenau nippte an ihrem Champagner, während sie den Tanzenden zusah. Es war ein schönes Bild, das sich ihren Augen bot: Festlich gekleidete Paare bewegten sich zu einem langsamen Walzer elegant über das spiegelblanke Parkett des alten Ballsaals von Schloss Valsheim. Wenn sie die Augen ein wenig zusammenkniff, sah sie ein Gemälde mit lauter verwischten Konturen vor sich. Wirklich sehr schön. Es wurde der achtzigste Geburtstag der Fürstin Tatjana von Valsheim gefeiert, Desiree gehörte mit ihrer Schwester Ludmila und ihren Eltern zu den handverlesenen Gästen. Eine leise Stimme riss sie aus ihren Gedanken. »Du hast überhaupt noch nicht getanzt, Desiree, so lange ich hier bin. Ich übrigens auch nicht. Wollen wir es beim nächsten Walzer zusammen versuchen?« Mit einem Lächeln auf den Lippen drehte sie sich zu Graf Philipp zu Rothleben um, denn er war es, der sie angesprochen hatte. »Hallo, Phil«, sagte sie. »Ich habe dich schon gesucht, bist du später gekommen?« Er nickte. Seine Stimme wurde noch leiser, als er hinzusetzte: »Eigentlich hätte ich mich gern gedrückt, du weißt ja, dass Tanzveranstaltungen nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen ge­hören, aber meine Eltern meinten, die alte Fürstin wäre tödlich beleidigt, wenn ich ohne triftigen Grund ihrem Geburtstagsball fernbliebe – und ein triftiger Grund ist mir leider nicht eingefallen.« »Ich tanze gern mit dir«, erwiderte sie mit liebevollem Lächeln. Philipp war ihr bester Freund und Vertrauter. Mit ihm konnte sie über alles reden, so wie er ihr anvertraute, was ihn bewegte. Deshalb wuss­te sie auch, warum er »Tanzveranstaltungen«

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Der kleine Fürst – 420 –

Im Schatten der schönen Schwester

Viola Maybach

Prinzessin Desiree von Lenau nippte an ihrem Champagner, während sie den Tanzenden zusah. Es war ein schönes Bild, das sich ihren Augen bot: Festlich gekleidete Paare bewegten sich zu einem langsamen Walzer elegant über das spiegelblanke Parkett des alten Ballsaals von Schloss Valsheim. Wenn sie die Augen ein wenig zusammenkniff, sah sie ein Gemälde mit lauter verwischten Konturen vor sich. Wirklich sehr schön. Es wurde der achtzigste Geburtstag der Fürstin Tatjana von Valsheim gefeiert, Desiree gehörte mit ihrer Schwester Ludmila und ihren Eltern zu den handverlesenen Gästen.

Eine leise Stimme riss sie aus ihren Gedanken. »Du hast überhaupt noch nicht getanzt, Desiree, so lange ich hier bin. Ich übrigens auch nicht. Wollen wir es beim nächsten Walzer zusammen versuchen?«

Mit einem Lächeln auf den Lippen drehte sie sich zu Graf Philipp zu Rothleben um, denn er war es, der sie angesprochen hatte. »Hallo, Phil«, sagte sie. »Ich habe dich schon gesucht, bist du später gekommen?«

Er nickte. Seine Stimme wurde noch leiser, als er hinzusetzte: »Eigentlich hätte ich mich gern gedrückt, du weißt ja, dass Tanzveranstaltungen nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen ge­hören, aber meine Eltern meinten, die alte Fürstin wäre tödlich beleidigt, wenn ich ohne triftigen Grund ihrem Geburtstagsball fernbliebe – und ein triftiger Grund ist mir leider nicht eingefallen.«

»Ich tanze gern mit dir«, erwiderte sie mit liebevollem Lächeln. Philipp war ihr bester Freund und Vertrauter. Mit ihm konnte sie über alles reden, so wie er ihr anvertraute, was ihn bewegte. Deshalb wuss­te sie auch, warum er »Tanzveranstaltungen« nicht liebte: Philipp hatte vor einigen Jahren Kinderlähmung bekommen. Der Kunst der Ärzte war es zu verdanken, dass davon nichts zurückgeblieben war außer einer Schwächung und leichten Verkürzung seines rechten Beins, die man, wenn es ihm gut ging, überhaupt nicht bemerkte. War er jedoch müde, dann hinkte er leicht. Tanzen ermüdete ihn besonders schnell. Einmal hatte er ihr gestanden, dass er seine Behinderung nirgends so deutlich spürte wie in einem Tanzsaal. Kein Wunder also, dass er Bälle seit seiner Krankheit mied, wo es nur möglich war. Dabei war er vorher ein sehr guter Sportler gewesen und obwohl er weiterhin ritt, schwamm und sich beim Krafttraining quälte, konnte er an seine früheren Leis­tungen natürlich nicht mehr anknüpfen.

Die Musik endete. Philipp verbeugte sich leicht vor Desiree, bevor er ihr seinen Arm reichte. »Dann wollen wir mal«, sagte er.

Er war ein gut aussehender Mann mit den dichten blonden Haaren, den klugen grauen Augen und seinem etwas kantigen, sehr einprägsamen Gesicht, aber seine Behinderung hatte Falten um seinen Mund gegraben, und sein früheres übermütiges Temperament hatte er verloren. Er war ruhig geworden, wirkte oft in sich gekehrt und traurig und hatte den Anschluss an seinen früheren Freundeskreis verloren. Desiree wusste, dass das mehr an Philipp als an seinen Freunden lag: Er hatte panische Angst davor, dass jemand ihn bemitleiden könnte, und bevor das passierte, zog er sich lieber gleich ganz zurück.

Nur mit ihr traf er sich regelmäßig, und dann konnte es passieren, dass der alte Philipp zum Vorschein kam: der junge, temperamentvolle Mann, der Geschichten erzählen konnte wie kein Zweiter, der immer Ideen hatte, was sie unternehmen sollten und der manchmal, trotz seiner fünfundzwanzig Jahre, anderen auch gern noch einen Streich spielte. Aber es war selten geworden, dass sie diesen Philipp zu Gesicht bekam, und nichts bedauerte sie mehr als das.

»Bist du mit Absicht später gekommen?«, fragte sie, als die Musik wieder einsetzte. Sie tanzten gut zusammen, das war schon immer so gewesen. Wenn sie merkte, dass Philipp müde wurde und Schwierigkeiten mit seinem Bein bekam, stützte sie ihn, so dass er sich weniger anstrengen musste. Sie hoffte immer, dass er es nicht merkte.

»Ja, natürlich. Je kürzer ich hier bin, desto weniger muss ich tanzen«, erklärte er. »Aber ein paar Pflichttänze muss ich natürlich absolvieren, das lässt sich ja nicht ändern.«

»Deine Eltern habe ich auch noch nicht gesehen«, wunderte sich Desiree.

»Die sind auch gar nicht da – deshalb musste ich doch die Einladung annehmen, sozusagen als Repräsentant der Familie«, erklärte er. »Basti hat sich rechtzeitig gedrückt, da blieb nur noch ich übrig.« Philipp hatte einen jüngeren Bruder, Sebastian, mit dem er zusammenwohnte. »Da vorn ist übrigens deine Schwester. Mit wem tanzt sie denn da?«

»Keine Ahnung«, antwortete Desiree. »Ich glaube, sie hat bisher keinen Tanz ausgelassen, wie üblich. Die Männer reißen sich um sie, du kennst das doch.«

Er betrachtete sie nachdenklich. »Ja, allerdings«, bestätigte er. »Ich mag deine Schwester ja auch, obwohl sie mir ein bisschen zu aufgedreht und eingenommen von sich selbst ist. Aber eins werde ich nie begreifen: Warum hat sie solchen Erfolg bei Männern? Ich finde dich viel schöner als sie.«

Desiree errötete. »Unsinn«, wies sie ihn zurecht. »Ich bin in unserer Familie die graue Maus, wie du weißt.«

»Du bist nicht grau!«, protestierte er. »Nur weil du dich nicht so in den Vordergrund spielst wie Ludmila, heißt das ja noch lange nicht …«

»Nicht so laut!«, bat sie. »Es muss doch nicht jeder hören, worüber wir uns unterhalten.«

»Entschuldigung«, murmelte er, »aber das Thema bringt mich wirklich auf die Palme, Desiree.«

Sie lächelte. »Ja, ich weiß«, sagte sie heiter. »Mich nicht. Mir ist es ganz lieb so, weil es mir nämlich nicht liegt, im Mittelpunkt zu stehen. Ich fühle mich sehr wohl in meiner Haut, Philipp, und ich brauche es für mein Selbstbewusstsein auch nicht, dass ich an jedem Finger zehn Verehrer habe.«

»Ja, in dem Punkt bist du anders als ich«, erwiderte er, und plötzlich waren seine Augen wieder traurig. »Ich fände nichts schöner, als wenn mir die Frauen wieder nachliefen wie damals, als ich noch …, noch nicht krank gewesen war. Manchmal denke ich, ich werde nie da­rüber hinwegkommen.«

»Das ist ja auch schwer«, erwiderte sie ruhig. »Aber ich weiß, dass du dich eines Tages zurücklehnen und feststellen wirst: So wie es ist, ist es gut. Das weiß ich so sicher, als wäre es schon passiert.«

»Du magst ja sehr klug sein, Desiree, aber allwissend bist du nicht. In diesem Punkt jedenfalls irrst du dich, fürchte ich.«

»Lass uns nicht streiten«, sagte sie sanft. »Der Tag wird kommen, glaub mir das. Schon jetzt ist es nämlich so, dass du nicht nur etwas verloren, sondern auch etwas gewonnen hast – auch wenn du selbst das natürlich nicht so siehst.«

»Gewonnen?« Er ließ ein kurzes unfrohes Lachen hören. »Und was sollte das sein?«

»Du warst immer sehr charmant und attraktiv«, antwortete Desiree, »aber zugleich auch unreif und ein bisschen oberflächlich. Das bist du jetzt nicht mehr. Du weißt, wie gern ich dich habe, und ich liebe es, mit dir herumzualbern, was du ja in letzter Zeit nicht mehr so oft tust. Das fehlt mir manchmal, weil ich gerne mit dir zusammen lache. Aber im Großen und Ganzen finde ich die Gespräche, die wir jetzt führen, schöner als unsere früheren, weil es um wirklich wichtige Themen geht. Dein Horizont hat sich erweitert, Philipp, das musst du doch gemerkt haben!«

Ihre Ausführungen hatten ihn so unvorbereitet getroffen, dass er ihr die Erwiderung schuldig blieb. Aber sie merkte daran, wie heftig er sie plötzlich herumschwenkte, dass ihre Worte bei ihm angekommen waren, und das war das Wichtigste. Sie hatte ihm das schon vor längerer Zeit sagen wollen, doch war ihr die Gelegenheit dazu nie günstig erschienen.

Er hatte sich verausgabt, das merkte sie wenig später, und so schlug sie von sich aus vor: »Wollen wir eine Pause machen? Mir ist schrecklich warm, und Durst habe ich auch.«

Er nickte dankbar und als er sie von der Tanzfläche führte, sagte er leise: »Danke, Desiree – ich würde gern bei Gelegenheit noch einmal darüber reden.«

Sie strahlte ihn an. »Mit Vergnügen!«

Er blieb noch eine Weile bei ihr, dann murmelte er, er müsse nun wohl endlich seine Pflichttänze hinter sich bringen. Kurz darauf sah sie ihn mit dem achtzigjährigen Geburtstagskind tanzen – und dann kam ein groß gewachsener Mann mit braunen Haaren auf sie zu und fragte: »Darf ich Sie um den nächs­ten Tanz bitten?«

Sie kannte ihn nicht, fand ihn aber auf Anhieb sympathisch. Er war um einiges älter als sie, und sie erinnerte sich, dass sie ihn zuvor mit einer blonden Frau hatte reden sehen. »Gern«, antwortete sie.

»Ich sollte mich vielleicht vorstellen«, sagte er und nannte ihr dann seinen Namen: »Friedrich von Kant.«

»Ach«, rief Desiree, nachdem sie sich ebenfalls vorgestellt hatte, »Sie sind Baron von Kant? Das heißt, Sie wohnen auf Schloss Sternberg?«

»So ist es«, lächelte Baron Friedrich. »Und ich wusste schon vorher, wer Sie sind, weil meine Frau und ich nämlich mit Ihren Eltern gesprochen haben. Wir kennen uns ja von früher, haben uns dann aber aus den Augen verloren.«

»Trotzdem haben sie öfter von Ihnen gesprochen«, berichtete Desiree. »Besonders …« Sie stockte und fuhr dann leiser fort: »Besonders nach dem tragischen Unglücksfall des Fürstenpaares. Das ganze Land hat Anteil genommen, als Fürstin Elisabeth und Fürst Leopold ums Leben gekommen sind.«

»Ja, es war eine schwere Zeit – und natürlich wirken diese beiden Todesfälle nach und werden es noch lange tun«, erklärte der Baron. »Elisabeth war die Lieblingsschwester meiner Frau, sie fehlt ihr unendlich. Und was unseren Neffen Christian angeht, Lisas und Leos Sohn – für ihn war der Verlust seiner Eltern eine Tragödie, die man kaum beschreiben kann.«

»Er lebt jetzt in Ihrer Familie, nicht wahr?«

Der Baron nickte. »Wir wohnen ja schon lange auf Sternberg, Chris und unsere beiden Kinder sind ohnehin wie Geschwister aufgewachsen. So konnte er wenigstens an dem Ort bleiben, der ihm von Kindesbeinen an vertraut ist. Das hat ihm geholfen, auch wenn dieser Ort voller Erinnerungen ist, die ihn auf Schritt und Tritt verfolgen. Aber er ist ein großartiger Junge, der sein Schicksal mit viel Würde und Reife trägt.«

»Wie alt ist er jetzt?«

»Fünfzehn.«

»Und Ihre Kinder?«

»Anna ist dreizehn, Konrad drei Jahre älter. Neuerdings vertragen sie sich sogar, weil Konrad sich zum Glück verliebt hat. Diese Liebe übt einen beruhigenden Einfluss auf sein aufbrausendes Temperament aus.«

»Wird Christian immer noch ›der kleine Fürst‹ genannt?«, erkundigte sich Desiree.

»Aber ja!« Baron Friedrich lächelte. »Es ist ein Kosename, den die Bevölkerung ihm gegeben hat, und ich glaube, er hört ihn nicht ungern. Wenn er volljährig ist, wird er ihn sicher verlieren, dann wird er ja der nächste Fürst von Sternberg sein.«

»Ich kenne von Sternberg nur Bilder«, stellte Desiree fest, »dabei gilt es als eines der schönsten Schlösser des Landes.«

»Oh, das ist es ganz sicher! Wir haben Ihre Eltern schon gefragt, ob sie nicht Lust hätten, uns zu besuchen – zusammen mit Ihnen und Ihrer Schwester. Am nächsten Wochenende werden wir ohnehin einige Gäste haben, es würde uns freuen, wenn Sie ebenfalls kommen könnten. Ich glaube, Ihre Eltern sind nicht abgeneigt, unsere Einladung anzunehmen.«

»Ach, das wäre schön!«, rief Desiree. Ihre Augen strahlten. Sie ahnte nicht, wie sehr sie sich dadurch veränderte. Baron Friedrich je­denfalls stellte erstaunt fest, dass die junge Frau, mit der er über

die Tanzfläche glitt, ausnehmend

hübsch war. Er hatte sie zunächst zwar außerordentlich sympathisch, aber ein wenig unscheinbar gefunden, doch davon konnte jetzt keine Rede mehr sein. Sieh mal einer an, dachte er, sie muss nur ein bisschen aus sich herausgehen, dann kommt eine ganz andere Desiree zum Vorschein.

»Haben Sie nicht eben mit Philipp zu Rothleben getanzt?«, erkundigte er sich.

»Ja«, sagte sie erstaunt. »Sie kennen ihn?«

»Gut sogar.«

»Er ist mein bester Freund«, erklärte Desiree. »Ich mag ihn schrecklich gern.«

»Dann bringen Sie ihn doch mit«, sagte Friedrich. »Oder nein, warten Sie, ich werde ihn selbst einladen. Sobald er hört, dass Sie auch kommen, wird er sicherlich nicht absagen, was meinen Sie?«

»Wenn er es versucht, werde ich ihm aber was erzählen!«, sagte Desiree mit blitzenden Augen.

»Bisher ist er nie gekommen, wenn wir ihn eingeladen haben«, berichtete der Baron. »Und ich kann wohl sagen, dass wir das schon oft getan haben.«

Desiree reckte sich ein wenig in die Höhe. »Dieses Mal kommt er!«, versicherte sie.

Friedrich von Kant zweifelte keine Sekunde, dass sie mit ihrer Vorhersage Recht behalten würde.

*

»Du kommst spät, Max!«, sagte Fürstin Tatjana von Valsheim mit mildem Tadel in der Stimme, als sich ein groß gewachsener Mann

zu ihr hinunterbeugte, sie liebevoll auf beide Wangen küsste und ihr herzlich zum Geburtstag gratulierte. Graf Maximilian von Stellenburg hatte dichte schwarze Haare, ebensolche Augen und ein scharf geschnittenes Gesicht mit hohen Wangenknochen und einer ziemlich großen, sehr geraden Nase.

»Ich weiß, Oma«, erwiderte er, gab sich aber nicht einmal die Mühe, Bedauern zu heucheln. »Aber es ließ sich nicht ändern. Außerdem kennst du mich doch, ich kann diese Art von Feiern nicht ausstehen. Freu dich also lieber, dass ich überhaupt gekommen bin.«

»Du bist unverbesserlich!«, lächelte sie, weit davon entfernt, ihm böse zu sein. Er war ihr Lieblingsenkel, er hatte sich ihr gegenüber schon immer mehr herausnehmen dürfen als andere, was in der Familie gelegentlich für heftige Verstimmung sorgte. »Immer zieht sie Max vor«, war eine viel gehörte Klage.

»Bin ich«, gab er zu. »Immerhin scheinen sich deine Gäste zu amüsieren. Gelangweilt sehen sie jedenfalls nicht aus.«

»Na, hör mal!«, sagte sie mit gespielter Entrüstung. »Auf meinen Festen langweilt sich niemand!«

»Bist du sicher?«, neckte er. »Möchtest du übrigens mit mir tanzen?«

»Auf jeden Fall!«, erklärte sie. »Aber nur langsamen Walzer, ich bin schon ein bisschen müde.«