Im Schatten des Feindes - J. Mine Henniger - E-Book

Im Schatten des Feindes E-Book

J. Mine Henniger

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Beschreibung

Sei stark, überlebe und komm zu mir zurück. In einer Welt, in der die Nacht von Vampiren beherrscht wird, kämpfen die Brüder Benjamin und Christopher gegen die bissige Bedrohung. Doch als ein unerwarteter Angriff in der Akademie der Jäger Benjamin schwer verletzt, gerät ihr Leben aus den Fugen. Noch dazu kehrt Christopher sterbend ins Schloss zurück. Um seinen Bruder zu retten, trifft Ben eine verzweifelte Entscheidung. Während er ein neues Leben auf der Flucht beginnt, begibt sich Christopher auf die Suche nach der Wahrheit über Benjamins Schicksal. Dabei entdeckt er dunkle Geheimnisse des Vorstands, die das Gleichgewicht zwischen Menschen und Vampiren gefährden. In einem Wettlauf gegen die Zeit müssen die Brüder entscheiden, was sie bereit sind zu opfern, um die Wahrheit ans Licht zu bringen und ihre Welt zu retten. Werden sie sich wiederfinden oder werden ihre Unterschiede sie für immer trennen?

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Realm & Rune Verlag

Heimat phantastischer Geschichten und

spannender Geschichte!

www.realm-and-rune.de

Insta/TikTok: @realm_and_rune

 

ISBN 978-3-69026-008-4

© 2025 Realm & Rune Verlag

Idee & Text: J. Mine Henniger

Lektorat & Korrektorat: Tintenschwert, www.tintenschwert.de

Cover: Luise Deckert, www.luise-deckert.de

Illustration: Lisa Hiltmann, @liney222

Kontakt: An der Obstwiese 9, 50171 Kerpen, [email protected]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für alle, die sich auch gefragt haben,

warum ein Vampir glitzert und nicht einfach...

blass und bedrohlich bleibt.

Dieses Buch enthält nur funkelfreie Monster.

 

Kapitel 1

Benjamin

Es scheint wieder so einfach.

Leise schleichen wir uns durch diese Hütte, die im Dickicht des Waldes, unscheinbar und klein, nur darauf wartet, entdeckt zu werden. Morsche Dielen knarzen unter unseren Füßen. Im Inneren riecht es modrig, die Stoffmöbel, die mich an die Achtziger erinnern, sind schon grün von Moos. Vergessen, von den Menschen zurückgelassen. Ein perfekter Unterschlupf für Vampire.

Vampire mögen es ruhig, kalt und dunkel. Und hausen recht spärlich. Tagsüber bietet sich die Vampirjagd am besten an, denn dann schlafen sie und sind angreifbar. Aber nicht dumm. Unter jeder Diele könnte sich eine Falle befinden. Langsam bewegen wir uns in die Richtung einer steinernen Bodenklappe. Typisch für diese Waldhütten sind die großräumigen, in Stein geschlagenen Keller, um Vorräte vor Tieren und Räubern zu schützen. Und genau hier vermuten wir ihn. Vorsichtig öffnen wir die Klappe einen Spalt breit und ich linse in den Raum. Ein Sarg! Vorsichtig stoße ich die Luke auf. Wir müssen so geräuschlos wie möglich sein, damit wir den Vampir nicht wecken. Am Sarg angekommen, greife ich nach dem Holzpfahl in meiner Tasche, bereit dazu, ihn dem Vampir direkt ins Herz zu rammen. Ich schaue zu meinem Begleiter, der ebenfalls Blickkontakt zu mir sucht, um sicher zu sein, dass ich bereit bin. Dann nicke ich und er stößt den schweren Deckel der Holzkiste hinunter. Ich stoße zu.

Halte inne. Der Sarg ist leer. Wo ist er?!

Mit einem lauten Knall fällt die Kellertür ins Schloss und es wird dunkel. Sofort zücke ich meine Taschenlampe und schalte sie ein. Plötzlich blicke ich in ein männliches, faltiges Gesicht, das ein breites Grinsen trägt und mir seine scharfkantigen Eckzähne präsentiert. Ich stehe für einen kurzen Moment wie gelähmt da, sein Antlitz hypnotisiert mich. Doch mein Partner entschärft die Situation, bevor der Vampir meinem Hals zu nahekommt. Mit Schwung wirbelt er mit einer Keule herum und erwischt den Untoten direkt am Kopf. Dieser schreit vor Schmerz auf und landet auf den Boden. Erst jetzt kann ich meiner Starre entkommen und greife hinter mich, um nach meinem Stahlseil zu fassen. Der Vampir, kochend vor Wut, geht sofort auf meinen Partner los, der wieder mit der Keule schwingt, den Untoten aber nicht mehr trifft. Er ist zu schnell für ihn. Eilig laufe ich auf die Gestalt zu, die meinen Begleiter in eine Ecke gezwängt hat, und hole mit dem Seil aus. Der Vampir ergreift seine Kehle und würgt ihn, schiebt ihn dabei an der Wand nach oben und bleckt seine scharfen Fangzähne, jederzeit dazu bereit, zuzubeißen.

»Ben!«, schreit mein Partner nach mir. Er gibt mir Zeichen, dass ich ihm das Seil zuwerfen soll. Ich zögere nicht und gebe ihm das andere Ende in die Hände. Schnell tritt er gegen den Vampir und erwischt ihn genau an seiner sensibelsten Stelle. Dieser lässt ihn, nicht aus Schmerz, sondern aus Schreck, fallen. Schnurstracks huscht er am Vampir vorbei und umwickelt ihn im Handumdrehen. Dann ziehe ich an und der Vampir fällt japsend auf den Rücken. Er versucht, sich aus der Umklammerung zu winden – erfolglos.

»Wartet nur …«, droht er plötzlich. »Ich krieg euch. Dann werdet ihr euch wünschen, nie in meine Nähe gekommen zu sein!« Ich seufze gelangweilt, ergreife den Holzpflock, hole aus und stoße ihn dem Vampir direkt in die Brust, mitten ins Herz. Auch wenn der Kerl absolut kein Herz haben kann.

Den Körper des erschlafften Vampirs heben wir zurück in den Sarg. Obendrauf kommt der massive Holzdeckel. Prompt streicht mein Partner das Holz mit einer schnell brennbaren Paste ein. Ich greife in meinen Rucksack und entzünde ein Streichholz. Dieses lege ich auf der Kiste ab, die sofort Feuer fängt. Wenn es eines gibt, das für Vampire schlimmer als die Sonne ist, ist es heißes, zehrendes Feuer.

»Du wärst eben draufgegangen, wenn ich dich nicht gerettet hätte«, neckt mich mein Partner, Christopher, der mich zurück zur Bodenklappe drängt. »Sich in seinen Augen zu verlieren, ist ein schlimmer, tödlicher Fehler.«

»Keine Angst, kleiner Bruder. Ein Vampir wäre das Letzte, das mich tötet.«

 

Kapitel 2

Christopher

Benjamin verhält sich oft wie Vampirjäger Nummer Eins, als wäre er van Helsing persönlich. Aber in Wirklichkeit braucht er mich. Wir brauchen einander, um gegen diese Plage der Vampire anzukommen. Zurück an der frischen Luft echauffiert er sich künstlich.

»Es ist unglaublich. Dieser Blutsauger soll zwölf Menschen ermordet und leergesaugt haben. Wir haben keine zehn Minuten gebraucht, um uns seiner zu entledigen.«

»Logisch. Er greift seine Opfer auch nachts an, wenn sie schlafen. Oder hypnotisiert sie. Bevor sie realisieren, dass sie gerade leergesaugt werden, ist es schon zu spät. Was glaubst du, wieso wir tagsüber Särge aufbrechen und Brustkörbe pfählen? Dann sind sie am verwundbarsten, da sie, auf Teufel komm raus, das Sonnenlicht meiden«, muss ich ihm erklären. Natürlich weiß er das selbst, doch seine Prahlerei kann ich manchmal nicht ertragen. Soll er froh sein, dass sich der Kerl so schnell hat einfangen und aufspießen lassen. Die Hütte brennt innerhalb weniger Minuten ab. Nachdem sich der Rauch verzogen hat, und die Luke zwischen den glimmenden Überresten sichtbar wird, steigen wir erneut in den Keller hinunter. Schweißtreibende Hitze quillt uns entgegen. Wenn Vampire verbrennen, hinterlassen sie etwas, damit wir beweisen können, dass sie tot sind. Ihre Eckzähne. Diese scharfen Teile überstehen jede Art von Katastrophe. Das Erdloch ist völlig verrußt und verqualmt. Schritt für Schritt taste ich mich voran, bis ich einen Pflock entdecke, der auf dem Boden glüht. Nicht weit von ihm: Die Zähne. Benjamin ist mir gefolgt und packt die beiden Beißerchen in einen kleinen Stoffbeutel. Den verstaut er in seinem langen, schwarzen Mantel. Auch den Pflock hebt er mit zwei Fingern auf, obwohl dieser noch glüht.

»Was willst du damit?«, will ich wissen.

»Ein Andenken. Ich wäre ja fast gestorben.« Er zwinkert.

 

Glücklicherweise schaffen wir es bis zur Dämmerung zurück in unseren Unterschlupf, eine Einrichtung der Jäger. Überall sind diese Bunker verteilt, damit wir nachts Zuflucht finden, wenn wir nicht in einem der Haupthäuser unterkommen. In diesen Bunkern können Vampire unseren Geruch nicht wahrnehmen, damit sind wir für zwei, drei Nächte geschützt, bevor der Geruch unseres Blutes durch die Tore weicht und sie anlockt. In den Haupthäusern stehen jederzeit Vampirjäger bereit, die das Haus und ihre Insassen beschützen. Wie Vampire schlafen sie tagsüber, um in der Nacht kampfbereit zu sein. Die Jäger schützen ihr Zuhause. Doch unser Zuhause ist weit weg und befindet sich in einem riesigen Schloss, welches nahezu eintausend Schlafzimmer hat, täglich warme Mahlzeiten und frische Kleidung. Das Beste daran ist, dass man sich für eine kurze Zeit wieder wie ein Mensch fühlt. Bis zum nächsten Auftrag.

»Chris?« Ich liege in diesem verflucht harten Bett und bin schon am Dösen, als Ben laut nach mir fragt. »Christopher?«, wiederholt er meinen Namen. Ich gebe bloß einen grummeligen Ton von mir, der ihm sagt, dass ich zwar wach bin, aber dass er mich nervt. »Ich höre eine schreiende Frau.«

 

So schnell wie noch nie ziehen wir uns die Hosen und Shirts an, gleich darüber unsere Mäntel, die unser Repertoire an Pfählen, Ketten und anderen Waffen beinhalten. Benjamin reißt die Tür auf und wartet einen Moment, dann geht er in die Nacht hinaus. Ich folge ihm, verschließe fest die Tore zum Bunker und lausche dabei. Ich höre keine schreiende Frau. Aber sicher wie sich Ben ist, geht er in den Wald hinein. Er lauscht der Stille. Als ich etwas zu Ben sagen will, flattern aufgeregte Vögel aus den Baumkronen. Sofort laufen wir beide in die Richtung, aus der das Flattergeräusch kam. Wir landen auf einer Waldlichtung, auf welche der helle Vollmond sein Licht wirft. Benjamin starrt auf die Dame, die er schreien gehört hat. Mein Blick hängt eher an den blutrünstigen Vampir, der sie im Arm hält und aussaugt. Die Frau ist kreidebleich, ihr Lippen weiß, ihre Augen aufgerissen und ihr Blick ist erstarrt, voller Panik und Angst. Der Vampir hört auf zu trinken und schaut auf. Seine stechend weißen Augen starren uns an. Plötzlich grinst er und ich erblicke seine scharfkantigen Fangzähne. Sein ganzes Gesicht ist blutverschmiert. Selbst an seinen kurzen, dunklen Haaren klebt das Blut, ich sehe es schimmern. Schon lässt er den Körper der Frau unsanft auf den Waldboden fallen und richtet sich auf.

Sekundenlang stehen wir beide ihm gegenüber, doch anstatt uns anzugreifen, beobachtet er uns. Benjamin bewegt sich. Genau in diesem Moment will ich nach seinem Ärmel greifen, doch er zückt einen Pflock und läuft auf ihn zu. Der Vampir stößt ihn mit Leichtigkeit von sich, Ben schlägt mit den Rücken am Waldboden auf. Er schnappt nach Luft und bleibt liegen. Der Blick des Untoten zuckt zu mir, sein dummes Grinsen trägt er immer noch auf den Lippen. Unseren Gesetze zuliebe gehe ich einen Schritt zurück und greife nicht an. Als er merkt, dass er diesen Kampf gewonnen hat, zieht der Vampir sich rückwärts in die Dunkelheit zurück. Erst, als er außer Sichtweite ist, eile ich zu Benjamin. Er hustet und keucht, scheinbar ist ihm die Luft weggeblieben.

»Was hast du dir dabei gedacht?«, tadle ich ihn, während ich ihm aufhelfe. »Die Regeln sind doch eindeutig.«

»Manchmal wünsche ich mir die Zeit zurück, in der wir auf jeden Vampir, der uns über den Weg lief, Jagd machen durften«, beschwert er sich und klopft sich dabei Laub und Dreck vom Mantel. Vor einigen Jahren stellte unser Vorstand drei Listen zusammen. Diese Listen erfassten alle bekannten Vampire in unserer Region und darüber hinaus. Die weiße Liste umfasst dabei alle Vampire, die sich zwischen die Menschen gemischt und humanisiert haben. Das bedeutet, dass diese Vampire kein Blut trinken und ihre übernatürlichen Kräfte dadurch hergaben. Die gegenteilige schwarze Liste umfasst alle Vampire, die Blut trinken. Und auf der roten Liste stehen jene, die für ihren Blutdurst töten. Wenn wir einen Vampir entdecken, können wir nicht gleich sagen, zu welcher Liste er gehört, deshalb dürfen wir seit Erstellung dieser nur noch im Auftrag agieren. Oder eben zur Selbstverteidigung.

»Du weißt, dass es jetzt Ärger geben wird?« Benjamin schaut mich an und rauft sich die Haare. Er weiß es und er kann es kaum erwarten.

 

Kapitel 3

Benjamin

Chris lädt die Tote auf seinen Rücken, um sie an einen anderen Ort zu bringen. Sie sollte möglichst gänzlich verschwinden, damit die Menschen nicht in Panik geraten, wenn sie eine blutleere Leiche sehen. Christopher versteckt die Frau in einer Felsspalte an einem Abhang. Jetzt wirkt es so, als wäre sie vom Hang gestürzt und hätte sich in der Felsspalte das Genick gebrochen. Schauerlich, ihr kalter, verstörter Blick. Was sie im letzten Lebensmoment dachte? Hatte sie große Angst? Hatte es wehgetan? War ihr Tod warm oder kalt? Wartet dort jemand nach dem Licht?

Der Tod begleitet uns ständig. Eigentlich wurden wir darauf trainiert, uns nicht unseren Gefühlen hinzugeben. Aber manchmal steigt mir das Bedauern aus der Magengrube die Speiseröhre hoch. Gerade dann, wenn man eine wunderschöne junge Frau so grässlich und lieblos in die Wildnis wirft. Das hat mit unserer Vergangenheit zu tun. Vampirjäger wird man aus einem bestimmten Grund und dann gibt es kein Zurück mehr, allein der Tod selbst entlässt einen Jäger aus seiner Aufgabe. Wir hatten nichts mehr zu verlieren.

Die Sonne geht schon auf, als wir den Bunker erreichen. Chris blinzelt mich träge an, seine Augenhöhlen sind mit schwarzen Augenringen versehen.

»Wir sollten nach Hause gehen, unser Auftrag ist erfüllt.« Chris gähnt, während er mir diesen Vorschlag unterbreitet. Skeptisch schiebe ich eine Augenbraue nach oben, er rührt sich aber keinen Zentimeter.

»Wenn du meinst«, winke ich ab. Es würde genau bis Sonnenuntergang dauern, bis wir wieder zuhause im Schloss sind, allerdings ist Chris müde und mir schmerzen die Rippen bei jedem Schritt. Unabhängig davon, dass ich es für eine schlechte Idee halte, machen wir uns auf den Heimweg. Der Weg ist lang, quer durch Wälder, Wiesen und Dörfer. Den größten Teil der Strecke legen wir zu Fuß zurück, nur wenige Stationen bereisen wir mit dem Bus. Je näher wir dem Schloss kommen, desto menschenleerer wird unsere Umgebung. Die letzte Hürde ist ein Berg, den wir besteigen müssen. Hoch oben befinden sich die kalten grauen Mauern unserer Unterkunft, versteckt im leuchtend grünen Dickicht des Waldes. Jedes Mal überkommt mich ein schauerliches Gefühl, sobald wir am Fuß des Berges stehen. Ich erinnere mich an den Tag, an dem wir zum ersten Mal hier standen und staunten. Und jedes Mal sagt mir meine innere Stimme, dass ich sofort kehrtmachen sollte. Chris geht voraus und zieht sich an den Baumstämmen entlang nach oben. Eine Straße führt nicht hinauf. Der Aufstieg ist jedes Mal wieder mühsam, doch mittlerweile haben wir einen Weg gefunden, der zwar irre lang ist, dafür aber wenig Kraft kostet. In Situationen wie diesen sind wir dankbar darüber. Die Sonne sinkt und taucht uns in ein dunkles Orange. Völlig außer Atem erreichen wir das Tor des Prachtbaus, vor dem zwei Vampirjäger zur Wache stehen. Es ist verschlossen, die dicke Holztür gibt keinen Blick auf den Innenhof frei. Ich weiß, dass dahinter ein Stahlgitter den Eingang schützt. Nicht notwendig, denn welcher Vampir wäre so wahnsinnig und würde in das Lager von hunderten Vampirjägern eindringen wollen?

Ich trete bis auf einige Meter an die Wache heran. Er begutachtet mich von oben bis unten. Dabei umrundet er mich wie ein Geier, um sicherzustellen, dass ich nicht verletzt bin. Dasselbe wiederholt er mit meinem Bruder.

»Name! Nummer! Auftrag!«, blafft er mir entgegen, als er wieder vor mir steht – so wie immer.

»Benjamin Harms. Nummer 308. Auftrag erfolgreich ausgeführt.« Dabei ziehe ich den kleinen Beutel aus meinem Umhang, in dem die Zähne sind. Er würdigt diese keines Blickes. Er weiß genau, dass wir nicht zurückkehren würden, wenn der Auftrag gescheitert wäre.

»Marke«, weist er mich an. Wir alle tragen Erkennungsmarken, so ähnlich wie Soldaten. Doch bei uns steht nur Name und Nummer drauf, keine Blutgruppe, Konfession oder Impfstatus. Außerdem sind sie aus reinem Silber. Dieses Metall können Vampire nicht ertragen, und zumindest die originale Marke eines Jägers nicht nutzen, um Einlass zu bekommen. Damit er mir also Glauben schenken kann, dass ich auch wirklich Ich bin, fummle ich die Marke aus einer anderen Jackeninnentasche und reiche sie ihm. Er nimmt sie entgegen und wirft einen kurzen Blick darauf, bevor er sie mir rasch zurückgibt und mich passieren lässt. Dasselbe Spiel durchläuft Chris.

»Christopher Harms. Nummer 309. Auftrag erfolgreich ausgeführt.« Chris trägt die Marke jederzeit um den Hals, weshalb er nur an der Kette zieht und sie der Wache zeigt. Er schaut gar nicht so genau darauf und lässt ihn gehen. Das Holztor wird entriegelt und aufgestoßen, das Stahlgitter hängt auf halbmast. Es ist gerade so viel Platz, dass wir nicht mit den Köpfen anstoßen. Langsam laufe ich neben Chris her, hinter uns wird das Tor wieder geschlossen und das Gitter heruntergelassen, damit keiner ungewollt eindringen kann. Doch selbst wenn, hinter dem Tor, hier im Vorhof, sind viele kampfbereite Vampirjäger postiert. Keiner würde in den Schlossinnenhof gelangen. Wir überqueren den Vorhof, schreiten direkt in den Innenhof und laufen die lange Steintreppe nach oben zur Eingangstür hinauf. Eine weitere Wache kontrolliert unsere Marken und Unversehrtheit, lässt uns dann hinein.

Wir stolpern in die Eingangshalle des Schlosses und uns empfängt ein lautstarker Trubel. Nicht unseretwegen. Ein Thema regt die hiesigen Jäger auf. Aufgeregt beraten sie sich in Grüppchen und diskutieren lautstark. Es herrscht ein wildes Durcheinander, sodass wir gar nicht mitbekommen, um was es geht. Viel zu müde, um uns die Mühe zu machen, pressen wir uns durch die Masse. Als wir fast an der breiten Treppe angekommen sind, um nach oben in unser Zimmer zu gehen, schneidet uns Simon Payne den Weg ab. Dem schmalen Briten mit lockigem orangefarbenem Schopf brennt die Hitze im Gesicht. Er ist eine legendäre Tratschtante und weiß immer den neusten Klatsch, bevor der Vorstand überhaupt etwas Offizielles von sich gibt. »Es ist eine Gruppierung Vampire aufgetaucht. Sie waren bisher nicht registriert, aber gehören zur roten Liste – Code Red Vampire. Der Vorstand hat bereits bekannt gegeben, dass es sich um eine besonders mordlustige und kampffreudige Art handelt. Bisher wurden 27 von ihnen entdeckt, damit sind auch 27 Aufträge erstellt worden. Morgen Abend werden sie vergeben.« Unsere Gesichter geben ihm zu verstehen, dass es uns nicht im Geringsten interessiert – obwohl das nicht stimmt. Nur, damit er wieder geht. Simon huscht schon weiter, um seine Neuigkeiten zu verbreiten.

»27 Vampire unbekannter Herkunft mit plötzlichem Erscheinen? Aus welchem Loch sind die bitte gekrochen?«, regt Chris sich auf, wie alle anderen hier. Ich zucke mit den Schultern. Es ist untypisch, dass Vampire, die auf die rote Liste gehören, plötzlich auftauchen. Im Jäger-Jargon werden die Untoten generell als Level B bezeichnet und vom Vorstand auf die schwarze Liste gesetzt. Level B Vampire stehen unter dauerhafter Beobachtung, auf ihr Verhalten wird nur intuitiv reagiert. Entsagen sie ihrem Blutdurst für ein Jahr, rutschen sie automatisch auf die weiße Liste und werden weniger kontrolliert. Töten sie, werden sie sofort als Code Red eingestuft und auf der roten Liste eingeordnet. Diese neue Vampirgruppe weckt die Neugier in mir und lässt meine Augen glitzern.

»Du willst so einen Auftrag, stimmt’s?« Chris stößt mich neckend in die Seite, doch ich zucke zusammen. Die Rippen bereiten mir weiterhin höllische Schmerzen.

»Natürlich will ich so einen Auftrag«, erkläre ich trotzig und verschränke die Arme. Ich brenne für Herausforderungen! Doch Chris muss lächeln und dabei den Kopf schütteln.

»Wir gehen wegen dir irgendwann mal drauf«, neckt er und kichert in sich hinein. Ich lächle ihn traurig an. Wir beide vermuten, dass er damit richtig liegt. Unser Zimmer befindet sich im fünften Stock. Die Stufen scheinen gar nicht mehr aufzuhören. Umso erleichterter bin ich, als wir unseren Flügel betreten und unser Zimmer suchen. Leider ist Privatsphäre hier kein großes Thema, doch ich habe das Glück mit meinem Bruder in einem Zimmer schlafen zu dürfen. Wir belegen ein Vierbettzimmer, sind die meiste Zeit jedoch allein. Einer von unseren Mitbewohnern pendelt hauptsächlich zwischen Haupthäusern und Bunkern hin und her, erhält laut Simon seine Aufträge per Post. Der andere, wir nennen ihn Pitch, ist seit einer Weile verschwunden. Ehrlich gesagt haben wir uns nie gefragt, wo er ist.

Christopher zieht an seiner Kette, wo er nicht nur seine Marke befestigt hat, sondern auch den Schlüssel für das Zimmer. Im Nu hat er die Tür geöffnet und wir können uns endlich unserer dreckigen Klamotten entledigen. Sämtliche Waffen lege ich auf meiner Kommode ab, jedes Teil dorthin, wo es hingehört. Der Holzpflock, Handschellen, eine dicke Kette, ein Seil und meine Notlösung für alle Fälle: ein Holzkreuz. Nicht dafür gedacht, einen Vampir vom Leib zu halten – das interessiert sie nicht – sondern für das letzte Stoßgebet gen Himmel. Die Vampirzähne lagere ich sicher in einer verschließbaren Schatulle, um sie später in die Caninus-Halle zu bringen. Dort werden alle Überbleibsel toter Untoter gesammelt. Zu guter Letzt halte ich den angekokelten Pfahl in der Hand. Meine leere Tasche lasse ich fallen, den schmutzigen Mantel werfe ich in den Wäschekorb, wo sich nach und nach unsere Kleidung sammelt. Ich weiß nicht so richtig wohin mit dem Stück Holz, welches eigentlich unseren Erfolg repräsentiert. Während ich das Kohlestück drehe und betrachte, bäumt sich eine tiefe Traurigkeit in meiner Magengrube auf. Macht uns das Auslöschen einer Spezies zu besseren Wesen, als diese blutsaugenden Drecksäcke es sind?

 

Ich schlief schnell ein und verpasste das Frühstück. Christopher kommt über den Flur geschlendert, als ich das Zimmer verlassen will. Ein Zwerg huscht durch die Gänge und hält einige Briefe in der Hand. Mit seinen wulstigen Fingern blättert er durch den Stapel in seinem Arm.

»Harms, Christopher«, nuschelt er und reicht meinem Bruder einen rosafarbenen Umschlag. Schamesröte steigt ihm ins Gesicht. Dass er eine Verehrerin hat, ist mir bekannt. Es ist lustig mit anzusehen, wie peinlich es ihm ist. Bevor ich über ihn lachen kann, nuschelt der Gnom meinen Namen und überreicht mir meinen Umschlag. Schwarz wie die Nacht, silberne Schrift. Ich streiche über die Buchstaben, die eindeutig Benjamin Harms darstellen. Ein schwarzer Briefumschlag kommt hier nur von einer Instanz. Dem Vorstand. Und das bedeutet meistens Ärger.

Vorsichtig ziehe ich am schwarzen Umschlag und öffne den Brief, um das mit blauer Tinte beschriebene, weiße Papier herauszuziehen. Ich überfliege ihn bloß, da ich schon weiß, was drinsteht. »Was will der Vorstand von dir?«, möchte mein Bruder wissen und greift nach dem Brief. Ich entziehe ihn ihm.

»Was wohl? Sie haben den Regelverstoß bemerkt, so gesehen sind es sogar drei Verstöße gewesen. Ich soll schnellstmöglich vor den Vorstand treten und Rechenschaft leisten.« Ich schlucke. Auch wenn mich der Vorstand wahrscheinlich nicht gleich rauswerfen wird, ahne ich, dass mein Handeln nicht ungestraft bleibt.

»Drei Verstöße?«, Christopher scheint kurz zu überlegen. Ich lese den Brief genauer durch.

»Der mitgenommene Holzpflock … Verlassen des Bunkers mitten in der Nacht, zu Vollmond … Angriff eines Vampirs ohne Auftrag.« Chris sieht mich an. Er wundert sich, wieso der zweite Verstoß nur mich betrifft. Wahrscheinlich, weil ich als Erster rausmarschiert bin. Vor dem Vorstand bleibt nichts geheim.

»Du solltest gleich hingehen, bevor die Strafen härter werden«, rät mir mein Bruder. Da hat er recht. Sofort mache ich mich auf, um mich dem Vorstand zu stellen, und vor allem meinen Strafen. Ich habe Mist gebaut und nun muss ich dafür geradestehen. Allerdings nervt es mich tierisch, dass der Vorstand immer alles zu wissen scheint. Ich durchquere das gesamte Schloss, um zu jener Treppe zu gelangen, die in den obersten Turm führt, wo sich der Vorstand zu eigentlich jeder Zeit aufhält.

Der Vampirjäger-Vorstand besteht aus drei alten Käuzen, welche die Vampirjagd zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Sie schufen eine Grundlage, alle Vampire in der Nähe zu katalogisieren und zu beurteilen. Unsere Listen: Rot, Weiß und Schwarz. Außerdem haben sie den Unterricht für Vampirjäger ins Leben gerufen, damit wir auf Vampire vorbereitet werden und sie mit diversen Techniken bekämpfen können. Denn schließlich sind wir immer noch Menschen und kämen ohne Weiteres niemals gegen die unglaubliche Kraft eines Vampirs an. Aber so kamen auch die ganzen Regeln, die zu unserem Schutz da sind. Und dennoch halte ich sie für unnötig und betrachte sie eher als nett gemeinte Hinweise. Das ist wohl auch mein Problem.

Ich stehe vor einer Holztür, die mich vom Vorstand trennt. Mutig klopfe ich an, dann werde ich schon beim Namen hereingerufen und öffne das Portal zur Hölle. Ich trete in den großen Raum, über mir strahlt ein Kronleuchter. Drei Schreibtische sind im Halbkreis aufgestellt. Auf ihnen stapeln sich Akten und Dokumente. Nur an zweien der Plätze ist eine Schreibtischlampe an. Dort arbeiten die drei Vorstandsmitglieder, doch sie legen Stifte und Brillen nieder, als ich vor ihnen stehe.

»Benjamin Harms, wir haben Sie erwartet«, begrüßt mich Magnus Tertiusero. »Im Vorfeld möchten wir Ihnen gratulieren. Wir verfolgen selten solch perfekte Beseitigungen, wie die Ihren und die Ihres Partners. Aber das entlässt Sie nicht aus Ihren Strafen. Ist Ihnen überhaupt nicht klar, wie gefährlich Ihr Wagnis war? Nicht nur Ihretwegen.« Christopher in Gefahr gebracht zu haben, war nie meine Absicht. Vorstand Magnus führt mir mein Handeln wieder vor Augen. Nichts geht mir über die Sicherheit meines Bruders, ich würde ihn immer beschützen.

»Christopher ist stark und wir sind ein super Team. Ich weiß genau, dass wir immer wieder nach Hause zurückkehren werden. Beide oder niemand.«

Curt Secundero übernimmt das Wort. »Das ist nicht das erste Vergehen, Benjamin«, ermahnt er mich. »Um ehrlich zu sein, vernehmen wir nach jedem zweiten Auftrag Verstöße von Ihnen. Bis jetzt ließen wir dies durchgehen, da Sie Ihre Aufträge immer zu unserer Zufriedenheit ausführen. Doch nun haben Sie nicht nur sich, sondern auch Ihren Partner in Gefahr gebracht. Benjamin«, fährt er freundschaftlich fort, »Sie können froh sein, dass Christopher so vernünftig war und den Vampir nicht angegriffen hat. Denn bei ihm handelte es sich um einen Code Red.« Sein ausdrucksstarker Blick zeigt nicht nur Sorge, sondern auch Enttäuschung. »Sie müssen lernen, sich zu zügeln. Nicht jeder Vampir spielt in Ihrer Liga.« Vorstand Magnus nickt zustimmend, dabei bohrt sich sein Blick in mein Gesicht. »Wir haben uns dazu entschieden, Ihnen eine Ausgehsperre zu verhängen.« Schon plustere ich mich auf.

»Hausarrest?« Ich bin fassungslos. Aber das würde ja auch bedeuten …

»Zusätzlich eine Auftragssperre. Sie werden eine Weile hierbleiben.« Franziskus Primisero, der Älteste, mischt sich ins Gespräch ein. Mein Kopf läuft rot an. Das kann doch wohl nicht deren Ernst sein!

»Aber – Franziskus, ich flehe Euch an …«, versuche ich ihn zu überreden. Doch diese Diskussion habe ich schon verloren, bevor sie beginnt. Franziskus schüttelt nur den Kopf und bedeutet mir, ruhig zu sein und die Bestrafung hinzunehmen. Ich halte den Mund, brenne aber innerlich.

»Damit Ihnen nicht langweilig wird«, schaltet sich Magnus wieder ein, »bekommen Sie einen eigenen Lehrling, um den Sie sich kümmern sollen. Er ist noch jung und zieht bald hier ein. Zeigen Sie ihm alles, was er wissen muss. Sein Leben liegt in Ihren Händen.« Das hat mir gerade noch gefehlt. Ich kann kaum Verantwortung für mich übernehmen, da soll ich auf das Leben eines anderen aufpassen? Auf Mitmenschen achten ist eher Christophers Stärke. Ich bin ein Einzelgänger, deshalb bringe ich Christopher immer in solche Lagen, wie beim letzten Mal. Der arme Junge wird unter meinen Fittichen draufgehen.

 

Betrübt schlürfe ich in den Speisesaal, um mir wenigstens einen Snack holen zu können. Das Abendessen lässt leider eine Weile auf sich warten. Und eigentlich will ich nicht daran teilnehmen, wenn sie heute Abend die 27 Aufträge verteilen. Ich weiß, dass es mich wütend machen wird. Ich brenne für solch einen Job. Es fuchst mich tierisch, zu wissen, dass ich, während sich diverse Jäger ins Getümmel stürzen dürfen, ein Baby bemuttern muss. Etwas Gutes hat es ja, denn so ist Christopher sicher.

Ich bekomme einige Reste vom Mittagessen. Betrübt stochere ich im Gemüse herum und denke darüber nach, was die alten Käuze mir gesagt haben. Natürlich will ich Christopher nicht in Gefahr bringen, doch mein Temperament einem Vampir gegenüber kann ich nicht zügeln. Schon gar nicht, wenn er vor uns steht und uns angrinst, nachdem er eine junge Frau blutleer ausgesaugt hat. Diese Wesen sind scheußlich, abartig. Ich würde am liebsten in ihre Nester einfallen und sie alle töten, wenn ich könnte!

Christopher kommt zu meinem Platz und setzt sich mir gegenüber. Er berührt meine Hand, da merke ich, wie fest ich die Gabel umschlinge und wie hart ich damit auf den Holztisch presse. Ihre Zinken sitzen tief im Material. »Das Gespräch lief nicht gut«, schlussfolgert mein Bruder. Ich lasse von der Gabel und seufze.

»Ich habe eine Weile Hausarrest.« Natürlich weiß Chris sofort, was das bedeutet. Aber ich kann ihm ansehen, dass er unglaublich erleichtert ist. Er sagt nichts weiter dazu, deshalb informiere ich ihn über meinen zukünftigen Schützling.

»Ich bekomme einen Protegé. Mathis lautet sein Name und er ist blutjunge achtzehn Jahre alt. Vermutlich kein Gramm Muskelmasse am Körper und noch nie in seinem Leben gegen einen Vampir gekämpft.«

Christopher schmunzelt darüber und legt seine Hand auf meine Schulter. »Genau das Richtige für dich!«

Chris verschwindet mit einem breiten Grinsen und lässt mich allein zurück. Ich stochere nur weiter im Essen herum, bis ich aufstehe und es wegbringe. Die restliche Zeit verbringe ich im Hof. Für mich heißt Hausarrest ja nicht gleich Hausarrest. Erst als es dunkel wird, gehe ich wieder ins Schloss und ins Zimmer zurück. Christopher kommt gerade aus dem Badezimmer. Ich sollte mich mal waschen.

»Kommst du mit zum Abendessen oder schmollst du hier weiter?«, neckt er mich, ich knurre ihn an. »Beruhig dich, es gibt Schlimmeres.« Christopher zieht sich ein langes schwarzes Shirt über und geht Richtung Tür. Bevor er sie aufstößt, dreht er sich noch einmal zu mir herum und hebt die Augenbrauen. »Was ist jetzt?«

Ich seufze und laufe ihm nach. Beim Abendessen sind nahezu alle Vampirjäger anwesend, die zurzeit im Hause sind. Christophers Kumpel und dessen Partnerin sitzen an einem Tisch und unterhalten sich. Mein Bruder setzt sich dazu und begrüßt die beiden, die gerade von einer Mission zurückkamen und noch in ihrer Reisekleidung stecken.

»Hallo Charlotte, hi Frederick«, gebe ich von mir, als ich mich hinsetze.

»Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?«, fragt Charlotte. Eine hinreißende Jägerin mit langen, dunkelroten Locken, charmant und freundlich. Aber immer in Kombination mit ihrem Partner Frederick. Niemand weiß, ob oder was zwischen den beiden läuft.

»Wieso? Alles ist okay.« Schon grinst Christopher und erzählt ihnen die Wahrheit.

»Ben hat Hausarrest.«

»Ausgehsperre!«, berichtige ich ihn. Ich bin kein Kind, das Omas Vase zerbrochen hat.

»Und eine Auftragssperre noch dazu.« Wenigstens erwähnt er meine baldige Aufgabe hier nicht. Charlotte wirft mir einen mitleidigen Blick zu, der etwas zu groß geratene, schlanke Frederick ist da ganz bei ihr. Freddie ist von Natur aus weißblond, obwohl ein tiefschwarzer Bart und ebenso dunkle Augenbrauen sein Gesicht tapezieren.

»Lasst das.« Ein Hauch von Flehen schwingt in meiner Stimme mit. Christopher wird es wohl jedem hier erzählen, sodass ich in einigen Tagen Lachnummer des Schlosses sein werde. Während ich mich in Grund und Boden schäme, erzählt Chris alles über unsere Mission und was dabei schieflief. Irgendwann verschränkt Charlotte ihre Arme.

»Hätte ich auch so gemacht. Dass sie dich dafür bestrafen, ist nicht nachzuvollziehen.« Sie streicht sich durch die Haare.

Freddie schaltet sich ein: »Ich würde mich aber hüten, einen Code Red anzugreifen. Sei froh, dass sie dich nicht rausgeworfen haben.«

Die beiden ähneln uns ein wenig. Würde ich mit unserer Geschichte durch das Schloss laufen, bekäme ich überall ähnliche Antworten. Die eine Hälfte findet die Strafen gerechtfertigt, die andere Hälfte hätte es ebenso gemacht. Viktor Komarow, besser bekannt als die Stechmücke, wird unwillkürlich ins Gespräch verwickelt, als er an uns vorbeiläuft. Er schlägt sich auf meine Seite. Der vierzigjährige Russe gehört zu den ältesten und erfahrensten Jägern. Und obwohl bei seinem Regelbruch sein Partner ums Leben kam, versicherte er mir einmal, er würde es immer wieder tun.

»Diese Blutsauger verdienen alle den Tod, egal auf welcher Liste sie stehen mögen!«, sind seine Worte. Das ist alles, was er sagt, bevor er weiterzieht. Auch er ist scharf auf einen der 27 Aufträge. Wenn er könnte, würde er sie alle erledigen, doch selbst die Stechmücke kommt irgendwann an ihre Grenzen.

Nach dem üppigen Abendessen kommen zwei Vorstände in den Saal und positionieren sich auf einer Erhöhung, um zu uns zu sprechen. Franziskus tritt vor und augenblicklich wird es still.

»Geehrte Vampirjäger, Ihnen sind mit Gewissheit bereits Informationen zu Ohren gekommen, dass eine Gruppe bösartiger Vampire entdeckt wurde. Wir stufen sie als Code Red in die rote Liste ein, vermuten jedoch, dass es sich um eine weitaus schlimmere Spezies handelt. Nur die besttrainierten Jäger werden ausgesandt, um diese Art zu beseitigen, bevor sie großen Schaden anrichten.« Curt hält eine lange Liste in der Hand, von der er vorliest. Dieses Mal werden die Aufträge feierlich vergeben. Drei Zwerge laufen dabei durch die Massen und verteilen Holzpfähle an die genannten auserwählten Jäger. »Charlotte Fey mit Frederick Sotov«, schallt Franziskus Stimme durch den Speisesaal. Freddy seufzt. Schließlich sind sie gerade erst zurückgekommen.

»Simon Payne mit Roman Kowak.« Obwohl die beiden am anderen Ende des Saals sitzen, höre ich ihren Highfive laut und deutlich. So geht es eine Weile, bis zum letzten Auftrag. Als Komarow seinen Namen für den 27. Auftrag hört, fällt ihm so ein großer Stein vom Herzen, dass er vor Rachelust auf den Tisch schlägt. »Da! Diese chudovishche werden ihres Lebens nicht mehr froh!« Und dann höre ich ihn, diesen Namen, der eigentlich gar nicht genannt werden sollte, nicht genannt werden durfte. Und wir beide erstarren zu Eis.

» … mit Christopher Harms.«

 

Kapitel 4

Christopher

Ich sehe einem geschockten Benjamin in die Augen und blinzle den genervten Viktor an, der nicht sonderlich scharf auf Begleitung ist. Zögerlich nehme ich den Holzpflock entgegen und umklammere ihn fest.

»Das ist so nicht in Ordnung!«, flucht mein Bruder und steht auf, um sich den Vorstand vorzuknöpfen. Doch ich ergreife seine Hand und zerre ihn zurück auf seinen Platz. Benjamin funkelt mich böse an. »Wir sind doch nicht aus irgendeinem Grund ein Team. Nur wir beide harmonieren perfekt miteinander, danach hat man uns doch ausgesucht.« Wenn ein Vampirjäger fertig ausgebildet ist, legt dieser eine Prüfung ab. Nach den Kriterien und Ergebnissen dieser Prüfung wird jedem ein Partner zugeteilt, oder einem ausgelernten Jäger ein Neuer, wenn dem Vorherigen etwas zugestoßen ist. Uns verbindet allein schon die Tatsache, dass wir Brüder sind.

»Entspann dich. Viktor ist kein Neuling und hat viel Erfahrung. In null Komma nichts sind wir zurück.« Zwar will ich Ben damit beruhigen, weiß aber, dass es nicht um Viktor geht. Er ist sauer, weil ich gehen darf und er hierbleiben muss.

»Na schön, Harms-Bruder, dann schlaf dich mal gut aus, morgen Mittag ziehen wir beide los. Do Swidanja.« Sein russischer Akzent klingelt in meinen Ohren. Viktor ist einer der Menschen, die mich mehr ängstigen als ein Vampir.

 

Ich mache mich auf den Weg zurück ins Zimmer, wo ich mich gleich zur Ruhe begeben will. Doch Ben lässt nicht von mir ab.

»Was, wenn dir etwas passiert? Dann bin ich hier und werde es nicht erfahren! Und was noch schlimmer ist, ich kann dir nicht helfen.« Das geht ununterbrochen so weiter, bis wir beide vor der Tür zum Zimmer stehen. Dann seufze ich und drehe mich zu ihm um. Seine kurzen dunkelblonden Haare stehen wild von seinem Kopf ab, durch das beständige Haareraufen, dass er seit einer Stunde nicht lassen kann.

»Du machst dir Sorgen, das ist mir schon klar. Wäre es umgekehrt, würde ich aber nicht so einen Aufstand machen, obwohl du wesentlich risikofreudiger und kampflustiger bist als ich. Ich werde schon nichts Unüberlegtes tun, dafür habe ich ja die Stechmücke dabei.« Meine Worte beruhigen ihn nur bedingt, schaffen es aber, dass er die Klappe hält. Damit falle ich endlich ins Bett.

Doch mein Herz klopft aufgeregt gegen meine Rippen und lässt mich nicht einschlafen. Das erste Mal ohne Benjamin ist schon schlimm genug, doch es ist auch das erste Mal, dass ich einen Vampir von der roten Liste pfählen soll. Was das alles schlimmer macht? Wir wissen weder, wo sie herkommen, noch, was sie plötzlich hier wollen. Am meistens Sorge bereitet mir der Fakt, dass Viktors seinen Partner auf dem Gewissen hat. Simon hat viele Theorien dazu. Ich empfinde ein gewisses Unwohlsein, ausgerechnet mit der Stechmücke gehen zu müssen. Und ich weiß, dass Ben das auch nicht möchte. Aber wir können uns nicht gegen die Entscheidung des Vorstands wenden. Als wir hierherkamen und unseren Schwur leisteten, haben wir versprochen, dem Vampirjägervorstand treu ergeben zu sein und jeden Auftrag für sie zu erfüllen. Bisher gab es für uns noch nie ein Problem, dass uns vor die Entscheidung stellte; unser Partner oder die Vampirjäger. Ich hoffe, so weit wird es nicht kommen. Diese Gedanken bringen mich zum Einschlafen, doch meine Träume werden geplagt von grausamen Ereignissen.

 

Schweißgebadet wache ich auf. Die helle Sonne scheint ins Zimmer, Benjamin ist bereits weg, wahrscheinlich frühstückt er im Moment oder befindet sich in der Trainingshalle, um sich fit zu halten. Oder, was mir im Moment wahrscheinlicher scheint, er lenkt sich von der Tatsache ab, mir heute dabei zuzusehen, wie ich den Auftrag entgegennehme, den er gerne gehabt hätte.

Ein wildes Klopfen lockt mich aus dem Bett und lässt mich die Zimmertür öffnen. Viktor steht vor meiner Tür und schaut hinunter zu meinen Füßen. Der Russe mustert mich, bevor er direkt in meine Augen schaut. Seine Augen passen nicht zu seiner Gestalt. Das Braun strahlt Wärme aus, die am Rest des Mannes nicht zu finden ist.

»Was ist los? Wir müssten schon längst unseren Auftrag abholen und du bist noch nicht fertig? Kto uspel, tot i s"yel – Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Beeil dich, pozhaluysta.« Ich bin wortlos. Viktor sieht nicht mal startklar aus. Zumindest hätte er sich ordentlich rasieren können, stattdessen zieht er los wie ein Penner. Wenn Viktor anfängt, Russisch zu sprechen, jagt er mir Angst ein. Es klingt nicht nur bedrohlich, sondern mordlustig. Doch er dreht sich einfach weg und stapft davon.

Ich zögere nicht weiter und ziehe mich an. Dann packe ich meine Sachen in einen Rucksack. Vermutlich wird unser Auftrag ein wenig länger dauern als sonst. Eilig husche ich durch die Flure, hinauf in den Turm zum Vorstand. Viktor erwartet mich. »Endlich!«

Dann öffnet er die Tür und tritt vor den Vorstand. Die drei Mitglieder sitzen an ihren Plätzen. Magnus steht auf, hält dabei einen schwarzen Umschlag in den Händen. Viktor nimmt diesen entgegen und verbeugt sich kurz.

»Seid stark, überlebt und kommt zu uns zurück.« Wie oft ich diesen Spruch nicht schon gehört habe. Es klingt wie ein Segen, ist aber nicht der richtige Ausdruck in Anbetracht dessen, was wir hier tun. Wir beide verbeugen uns vor Magnus und verlassen dann das Zimmer. Freudig strahlend steigt Viktor die Treppen hinunter und öffnet dabei den Brief.

»Ha!«, ruft er aus. »Schau, Zugtickets.« Der Russe hält mir die beiden Scheine vor die Nase. Ich nehme sie entgegen und begutachte die Tickets.

»Russland?«

»Ja, meine Heimat. Die, der Stechmücke höchstpersönlich.« Er grinst. »Es wundert mich nicht, dass sie uns ausgerechnet dort hinschicken.« Mich wundert es schon. Was gibt es denn in Russland, was einen Vampir anlockt? Die eisige Kälte wird es kaum sein.

Startklar gehen wir beide nach draußen. Dort wartet Ben und lächelt gezwungen, als er mich mit Viktor die Treppen hinabsteigen sieht. Ich spüre seinen Zorn und die darin mitschwingende Besorgnis. Als ich vor ihm stehe, schließt er mich in seine Arme.

»Sei stark, überlebe und komm zu mir zurück«, flüstert er mir sacht ins Ohr. Benjamin gibt nun mein Leben in Viktors Hände. Und das missfällt ihm, weil er keine Kontrolle über die Situation hat. Er lässt mich los und lächelt mich aufmunternd an. »Ich vermute, ihr werdet länger weg sein?« Ich nicke bloß. Viktor ist es, der die große Nachricht verkündet, dass unsere Reise nach Russland geht. »Lass von dir hören, ja? Wenn ihr im Bunker angekommen seid, schick mir einen Brief. Alle drei Tage möchte ich wissen, ob es euch beiden gut geht. Ich schwöre, sonst komme ...«

»Beruhige dich doch!«, unterbreche ich ihn sofort. »Es ist nicht das erste Mal, dass ich auf Vampirjagd gehe. Ich weiß, dass es das erste Mal ohne dich ist, dennoch musst du Vertrauen in mich und, vor allen Dingen, in Viktor haben. Du bekommst deine Briefe, aber wage es nicht, dort hinzukommen und mich zu holen. Wir werden schon bald wieder da sein«, versuche ich meinen Bruder zu beruhigen. Ich weiß, dass er mich beschützen will. Aber Ben kann nicht für immer alles kontrollieren.

»Ich bringe ihn dir zurück«, mischt sich Viktor ein. Damit muss sich mein Bruder zufriedengeben.

Viktor eilt voraus und gibt den wachenden Vampirjägern die Anweisung, das Tor zu öffnen. Dann kehre ich Benjamin den Rücken und laufe dem Russen nach, der schon das Tor durchschritten hat. Angespannt sehe ich einen Moment zurück, bevor das Tor wieder in Schloss und Riegel fällt und Ben zurückbleibt. Eine Weile gehen wir schweigend nebeneinander her, denn ich habe Viktor nichts zu sagen. Wir haben immerhin nichts miteinander zu tun. Am Ende ist er es, der das Schweigen bricht.

»Sibirien birgt Eiseskälte. Kein Mensch begibt sich freiwillig in diese vereiste Landschaft, dennoch gibt es einige Dörfer, deren Bewohner irgendwie mit dieser Kälte klarkommen. Dagegen ist der russische Winter ein Nichts. Da Vampire noch lange nicht so ein extremes Kälteempfinden haben wie wir Menschen, verschlägt es sie gerne in diese Regionen. Zumindest für ein paar Wochen. Dann kommen sie wieder. Wir sollen sie vernichten, bevor das geschieht.«

»Sie? Es sind mehrere?« Viktor holt den Auftrag aus dem schwarzen Umschlag heraus und gibt ihn mir.

»Nicht für uns. Die anderen Jäger verlassen den Zug früher als wir und werden sich den übrigen Problemen widmen. Entgegen meinem Ruf, der mir wohl vorauseilt, werde ich mich nicht in einen Kampf stürzen. Wenn dir was passiert, bin ich spätestens zu meiner Rückkehr tot.« Dabei lacht er spöttisch auf, wird aber gleich wieder still. »Ich denke nicht, dass uns Schwierigkeiten drohen. Zuerst müssen wir herausfinden, wohin es sie in dieser Eiswüste zieht.« Ich bin froh, dass er genau weiß, was er tut. Kaum zu glauben, dass er Schuld am Tod seines Partners hat. Ich nehme mir vor, ihn nicht darauf anzusprechen, obwohl mich die Wahrheit interessiert.

Wir gehen zum Bahnhof und treffen auf andere Jäger. Auch Charlotte und Frederick sitzen am Rand und sortieren ihr Handgepäck. Sie sehen müde aus. Als Charlottes Blick mich trifft, lächelt sie und winkt mich zu sich. Die Stechmücke folgt mir auf Schritt und Tritt.

»Wo geht’s hin, Chris? Wir haben Benjamin beim Frühstück vermisst. Ich hoffe, er nimmt es sich nicht zu sehr zu Herzen.«

»Er wird es überstehen, wir fahren direkt nach Russland.« Charlotte sieht Viktor an und lächelt. Er erwidert nichts, schaut die beiden nicht einmal an. Er begutachtet die Jäger am Bahnhof stillschweigend, bis der Zug einfährt.

»Komm mit malen’kiy pryzhok, wir gehen.« Viktor geht voraus und sichert sich die beste Sitzgelegenheit. Ich weiß zwar nicht, womit er mich eben betitelt hat, aber ich folge ihm trotzdem. Unerwarteterweise hält er mir einen Platz neben sich frei. »Was ist? Setz dich einfach.«

Wortlos nehme ich ihm gegenüber Platz und schaue aus dem Fenster, hinauf zum Berg. Hinter den dichten Bäumen verbirgt sich unser Zuhause. Ich denke an Benjamin und stelle mir vor, wie er in diesem Moment irgendetwas vor Wut zerlegt. Wut und Angst, ich könnte nicht zurückkehren. Doch diese Gedanken schwinden genauso schnell wie der Berg, der sich bald im Horizont verliert.

 

Kapitel 5

Benjamin

Das Schloss war nie leerer. Und ich nie einsamer. Zwar sind noch keine zwei Tage vergangen, seit Christopher zusammen mit der Stechmücke den Abstieg antrat, dennoch werde ich stündlich unruhiger und weiß mich kaum zu beschäftigen. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, so lange im Schloss gewesen zu sein. Und ich habe keine Ahnung, wie lange dieser Hausarrest bestehen bleiben wird. Es gibt etwas, dass meine Laune zusätzlich verschlimmert: Mathis’ Ankunft wurde heute angekündigt. Generell habe ich nichts dagegen, einen jungen Vampirjäger auszubilden. Aber ich erinnere mich oft an meine Lehre und wie furchtbar sie war. Körperlich und psychisch war diese Zeit die nervenaufreibendste meines Lebens. Und das, obwohl ich weitaus schlimmere Situationen bewältigte. Niemand konnte mir damals helfen, außer Christopher. Ich bin mir nicht sicher, ob ich Mathis eine solche Rolle bieten kann. Ich bin ein schlechter Menschenversteher.

»Harms!«, ruft es. Ich drehe mich um und kann niemanden entdecken. Die raue männliche Stimme wiederholt sich. Irgendwann stelle ich fest, dass die Rufe von unten kommen. Ich schaue auf einen Zwerg hinab, der gerade Luft holt, um mich erneut anzuschreien.

»Ja, verdammt! Was?!« Der Zwerg läuft rot an und erstickt den dritten Ruf. Er räuspert sich und kramt in seiner Tasche herum, gibt mir dann eine Notiz des Vorstands. Kaum lässt er das Papier los, verdünnisiert er sich. Ich falte den schwarzen Zettel mit silberner Schrift auseinander. Allein eine vierstellige Zahl ist zu lesen. Gleich ist mir bewusst, dass dies das Zimmer von Mathis sein muss. Ein Seufzen flieht mir über die Lippen. Na, dann werde ich ihn wohl mal begrüßen.

Auf den Weg zum Zimmer überkommen mich Erinnerungen an unsere Ankunft hier. Chris und ich töteten einen Vampir, woraufhin sich der Vorstand der Vampirjäger mit uns in Verbindung setzte. Sie konnten sich nicht erklären, wie wir nahezu ohne Equipment einen Untoten der roten Liste zur Strecke bringen konnten. Sie boten uns einen Platz als Vampirjäger an, inklusive Vorzügen, Regeln und Strafen. Der erste Tag hier im Schloss war der schönste Moment seit einer halben Ewigkeit. Plötzlich fühlten wir uns mit unserer Wut und Verzweiflung nicht mehr allein. Und endlich klärte uns jemand über diese Wesen auf, die so Schreckliches tun. Mich interessieren Mathis’ Beweggründe. Denn das Jägersein kostet den Rest an Menschlichkeit, die nach einem Aufeinandertreffen mit einem Vampir übrigbleibt.

Vor Zimmer Nummer 4011 bleibe ich stehen. Die Tür steht weit offen. Ich entdecke einen jungen Mann, kreidebleich mit zittrigen Händen. Er sortiert einige Pullover um, faltet diverse Kleidungsstücke neu und stöbert durch das Fach der Unterwäsche. Ich weiß gleich, dass das ein Tick sein muss. Seine schwarzen, viel zu langen Haare hängen ihm wirr ins Gesicht. Selbst sein Shirt hängt müde an ihm herunter, als hätte er schon tagelang keinen Bissen herunterbekommen. Ich vermute, dass das Aufeinandertreffen mit seinem ersten Vampir noch nicht lange her ist.

Zart klopfe ich an seine Zimmertür, leise aber gewissenhaft. Tief erschrocken fährt er herum und stößt dabei eine Tischlampe um.

»Oh, entschuldige. Ich wollte dich nicht erschrecken«, beruhige ich ihn. Er benötigt einen Moment, bis er begreift, dass ich ihm nichts Böses will.

»Sie sind Benjamin Harms.« Seine zittrige Stimme stottert herum.

»Sag Benjamin, wir sind hier eine Familie. Darf ich reinkommen?« Mathis nickt und räumt die neu gefaltete Kleidung in den Schrank. Ich sehe mich um. Drei der Betten sind leer. Es ist ungewöhnlich, dass ein Neuling allein in einem Zimmer zurückgelassen wird. Gerade jetzt, wo so viele Jäger abwesend sind.

»Ich habe es mir anders vorgestellt.« Mathis lenkt meine Aufmerksamkeit zurück auf sich.

»Was meinst du?« Ich hätte die Frage nicht stellen müssen.

»Ich dachte, ich lande in einem Keller, irgendwo im Nirgendwo. Und werde von herzlosen Henkern zu Tode trainiert.« Ich lache laut. Etwas Ähnliches habe ich mir auch vorgestellt. Wenn man bedenkt, dass wir oftmals in Bunkern leben, stimmt es sogar. Mathis kratzt sich nervös am Kopf, nachdem ich bis auf das Lachen keine Reaktion von mir gebe. Sein Zittern flaut nicht ab.

»Sag mal, soll ich dich zur Krankenstation bringen? Dein Körper bebt unaufhörlich.«

»Das hört einfach nicht auf, seitdem sie den Check-up durchgezogen haben. Der Arzt hat mir versichert, dass es in den nächsten Minuten aufhört, aber ich bibbere hier schon seit…« Er schaut auf seine Armbanduhr. »…drei Stunden. Es ist unerträglich.« Ich kann ihm nachempfinden. Christopher musste mich aufs Zimmer tragen lassen, als ich nur noch am Boden gekauert und vor Schmerz geschrien habe. Der Arzt spritzt seinen Patienten ein Mittel, das die Wachsamkeit, die Stärke und die Gefühle für eine kurze Zeit verzehnfacht. Daraufhin legt der Patient einen Psycho-Test ab, den er mit einer gewissen Punktzahl bestehen muss. Aufgrund dieses Werts wird der Patient einem anderen zugewiesen. Erst dann kann er sich als Jäger bezeichnen. Wenn man neu ist, ist man niemals allein. Da wird mir klar, weshalb Mathis mir aufs Auge gedrückt wurde. Im Moment könnte er einen Freund gut gebrauchen.

»Ich rede ziemlich viel, oder? Ich war in meinem Freundeskreis bekannt dafür, anderen auf die Nerven zu gehen. Du kannst dich jederzeit verdrücken, ich komme damit klar«, reißt Mathis mich aus meinen Gedanken. Anstatt ihm zu widersprechen, was ich hätte tun sollen, wechsle ich das Thema.

»Ich zeige dir das Schloss, okay? Vielleicht kommt dein Körper dann wieder zur Ruhe.« Der Junge nickt, wobei ihm wieder Strähnen ins Gesicht fallen. Er stöhnt und wühlt in seiner Hosentasche. Mit der anderen Hand knetet er sich durch die Haare, windet einen Zopf und knotet sich die Strähnen zu einem lockeren Dutt zusammen. Schweigend gibt er mir zu verstehen, dass er fertig sei. Also treten wir aus seinem Zimmer.

»Lass uns runtergehen, ich erkläre dir alles. Dein Zimmer findest du ganz leicht wieder, die Riesenzahl hat einen ganz logischen Aufbau. Die Vier, in deinem Fall, steht für das Stockwerk. Die Null für die Ebene. Sobald du im Stockwerk Treppen besteigst, ändert sich diese Zahl. Die anderen beiden Ziffern sind die Zimmernummer. Drei Stockwerke sind allein für nächtigende Jäger gedacht, aber bisher waren nie alle gleichzeitig belegt. Aktuell sind wir nicht viele, eine auserwählte Gruppe Jäger kümmert sich gerade um einen Spezialauftrag, andere sind in Bunkern untergebracht. Das sind kleine Unterschlupfe während der Reisen, die wir in Kauf nehmen müssen. Dort sind wir stets gut versorgt. Natürlich ist es hier am wohnlichsten.« Am Fußende der Treppe biegen wir rechts in den Speisesaal ein. »Frühstück gibt es von sechs bis neun, reichlich und endlos. Mittagessen bei Bedarf, Abendessen ebenfalls von sechs bis neun. Man könnte durchaus so dick wie eine Kugel werden. Aber ich kann dir versprechen, dass es nicht dazu kommen wird. Die meiste Zeit verbringen Jäger in Ausbildung mit ihrem Training.« Ich drehe mich wieder um, achte jedoch darauf, dass Mathis mir folgen kann. »In den ersten beiden Stockwerken befinden sich Schulungsräume. Die sind langweilig und öde. Lieber zeige ich dir unseren Fitnessraum. Und das Dojo.«

Ich bringe den sich dauernd umschauenden jungen Mann in die Trainingseinheiten. Zunächst durchkreuzen wir ein Studio voller Fitnessgeräte, Hantelbanken und Laufbänder. Dann zeige ich ihm das bereits erwähnte Dojo. Der große Saal ist mit grünen Matten gepolstert, die Wand wird von einer dämonischen Zeichnung verziert. Ein Monster mit spitzen Fangzähnen und einer lüsternen roten Zunge schaut mit einem eisigen Blick in den Raum hinein. Man kann nur erahnen, dass es sich hierbei um eine künstlerisch gestaltete Vampirbestie handelt. Doch Mathis bleibt wie erstarrt vor der Zeichnung stehen. Im ersten Moment denke ich mir nichts dabei, denn ich ignoriere das Bild schon lange. Mir wird erst bewusst, dass Mathis’ Zusammentreffen mit einem Vampir noch nicht sehr lange her gewesen ist, als seine zittrigen Hände ruhig werden und sich verspannen. »Weißt du was? Wir verschwinden besser von hier …«

Doch Mathis rührt sich nicht. Nicht einmal, als ich ruhig auf ihn einrede. Ich versuche, mich an ihm vorbeizuschieben, um den Blickkontakt zu unterbrechen. Der kalte, leere Blick des Jungen verstört selbst mich. Ich erwartete Furcht, Wut, Fassungslosigkeit, Trauer oder tiefe Verletzungen. Aber er scheint gar nichts zu fühlen. Weil ich Angst habe, dass er sich darin verlieren könnte, packe ihn an den Beinen und schwinge ihn über die Schulter. Sofort bringe ich ihn aus der Halle. In der Umkleide setze ich ihn in die Gemeinschaftsdusche und schalte eiskaltes Wasser an, das ihn wie ein Regenschauer übergießt. Erst nach ein paar Sekunden, als seine Wäsche schon durchgeweicht ist, kommt er zu sich und schreit aus voller Kehle.

 

Eingepackt in drei Kilo Handtücher, natürlich auf meinen beharrlichen Rat, sich die nassen Klamotten auszuziehen, bibbert Mathis vor sich her. Währenddessen plündere ich die Spinde, um Kleidung in seiner Größe zu finden. Es dauert nicht lange, und ich finde im Schrank von Luca Nowak einen schwarzen Judo-Gi und Unterwäsche. Ich habe ihn schon ewig nicht mehr gesehen, er wird nichts dagegen haben. Die Sachen bringe ich Mathis, der zunehmend Farbe im Gesicht zurückbekommt. Er zögert nicht und steigt in die bequeme Kleidung. Danach bringe ich ihn zurück in den Speisesaal. Wir machen Halt an der Kaffeeecke, wo ein großer Automat steht, der sämtliche Kaffeespezialitäten zaubert, aber auch heißes Wasser ausgibt, womit ich Mathis einen Tee aufgieße. Dankend nimmt er diesen entgegen und wärmt sich an der Kräutermischung. Wir nehmen uns einen Platz an der Heizung. Seitdem wir sein Zimmer verlassen haben, hat Mathis kein Wort über die Lippen gebracht.

»Erzähl mir von deinen Freunden, Mathis«, fordere ich ihn auf. Es ist bereits viel zu spät, um ihn davon zu überzeugen, dass er so viel reden darf, wie er will, ohne mich zu nerven.

»Was willst du wissen? Sie sind jetzt nicht mehr Teil meines Lebens.« Schleunigst gebe ich ihm zu wissen, dass er mir dennoch alles erzählen sollte. Seiner Aussage nach könnte seine Begegnung mit seinen Freunden zu tun haben. Um ihm zu zeigen, dass er mich weder nervt noch mich nicht interessiert, beginne ich die Unterhaltung.

»Aber sie waren Teil deines Lebens. Egal was passiert ist, sie leben in dir weiter. Ich bin mir sicher, ihr habt eine schöne Zeit miteinander verbracht.« Mathis starrt auf die Tasse und fährt mit den Fingern über den Henkel.

»Meine Freunde waren immer sehr gesellig. Alkohol, Drogen und Ärger mit der Polizei… dabei waren wir erst fünfzehn, sechzehn Jahre alt. Der eine rebellischer als der andere.« Ich lege den Kopf schief. Unter einer schönen Zeit habe ich mir etwas anderes vorgestellt. Gespannt höre ich ihm zu. »Diese Tage sind schon lange vorbei. Ich bin achtzehn, wollte an die Universität und studieren. Hatte mein Leben im Griff. Der letzte Abend mit den Jungs sollte mit in einem Blutbad enden. Keiner hatte eine Chance. Ich kann ihre erstickten Schreie immer noch hören. Wie sie flehten, ich soll ihnen helfen.«

»Mathis!« Ich schnippe kräftig mit den Fingern vor seinem Gesicht. »Ganz ruhig, okay? Du musst nicht über deine Begegnung sprechen, wenn es noch nicht der richtige Zeitpunkt ist. Ich wollte dich garantiert nicht dazu drängen. Dafür haben wir Seelsorger hier. Und du wirst auch keine zweite Begegnung haben, solange dir das Ereignis so tief in den Knochen liegt.« Mathis atmet langsam ein und wieder aus, bringt sich selbst allmählich zur Ruhe.

»Wir haben Smileys ausprobiert, Alkohol getrunken… ein letztes Mal auf den Putz hauen, bevor ich das Studium ernsthaft anpacke und durchziehe. Ich kann mich kaum daran erinnern, was überhaupt passiert ist. Tagelang hat man mich in Untersuchungshaft gesperrt. Ich hatte der Polizei fast geglaubt, dass ich im Rausch meinen Freunden die Kehle aufgeschnitten hätte. Aber schau mich an! Ich bin nur ein Hänfling, meine Freunde sportlich aktiv.«

Mathis breitet die Arme aus, schiebt die Ärmel hoch und präsentiert mir seine Muskeln. Ich reagiere nicht auf diese Geste, immerhin habe ich ihn nackt gesehen. Trotzdem erwartet er eine Reaktion. Ich runzle die Stirn und schaue ihm in die Augen. Sie glitzern, den Tränen bedrohlich nahe.

»Erst als eine, sie nannten es Sonderuntersuchung, stattfand, hat sich jemand für meine Version des Abends interessiert. Und hat mich nicht beschuldigt, diesen Massenmord begangen zu haben.« Er lächelt betrübt. »Es stellte sich heraus, dass ich mich mit einem Vampirjäger unterhielt, der mir etwas verabreichte, damit ich mich an den Vorfall erinnern konnte. Ich wünschte, er hätte es nicht getan. Das Blutbad dauerte keine zehn Minuten. Ich war gelähmt vor Schock, meine Freunde haben sich mit Händen und Füßen gewehrt. Als sich keiner mehr rührte, drehte sich das aschfahle Gesicht zu mir. Sein blutverschmiertes Grinsen und die grellweiß leuchtenden Augen jagen mir auch jetzt noch Angst ein. Das war das Letzte, an das ich mich erinnere. Danach wurde ich ohnmächtig. Ich habe nicht verstanden, warum er mich lebend zurückgelassen hat, warum er mir nicht ein Haar krümmte, aber sieben jungen, starken Männern das Blut aussaugte. Auch nach der Sonderuntersuchung nicht. Allein eine Adresse hinterließ er mir, mit dem Versprechen, dass man mir dort helfen könne.« Mathis wirren Erzählungen kann ich kaum folgen, doch bin mir sicher, dass ich sie verstanden habe.

»Vampire verhalten sich immer sehr ähnlich. Du warst kein Zufallsopfer. Der Untote hatte dich sehr wahrscheinlich schon einige Tage lang im Auge, ohne dass du es gemerkt hast. Er studiert dich, deine Reaktionen, dein Umfeld.« Ich versuche, leichte Worte zu wählen. Mir wird jetzt erst bewusst, dass er eine schlimme Zeit durchgestanden haben muss, kurz bevor er hier eintraf. »In einer Gruppe lassen sie meistens Überlebende zurück. Niemand hinterfragt einen rätselhaften Mord, wenn es einen potentiellen Mörder gibt. Dein Glück war einfach, dass du der highste warst. Der Vampir hat dich verschont, weil du zugedröhnt und er davon überzeugt war, dass du dich nicht an ihn erinnern wirst. Aber wahrscheinlich ist er mittlerweile einem Jäger zum Opfer gefallen.« Mathis verzieht keine Miene, schon die ganze Zeit über ist er verflucht gelassen. In seinen Augen spiegeln sich nicht einmal Rache oder Schadenfreude. Eher Erleichterung.

»Ich habe lange gedacht, dass ich es wirklich getan habe… dass ich die Stärke gehabt haben könnte, ihnen an die Gurgel zu gehen. Ich war wütend, dass mich ein Vampir ausnutzte. Ist das nicht ein Zeichen von Schwäche? Ich hätte mit ihnen am Boden liegen müssen.« Meine Augenbraue zuckt wild nach oben. Ich ahne, wohin dieses Gespräch führt. Diese Gefühle treten nach einer Begegnung nicht selten auf.

»Niemand hätte sterben dürfen. Jedenfalls nicht, weil eine Kreatur glaubt, Gott spielen zu dürfen. Weder Mensch noch Vampir haben das Recht, Unverschuldete aus dem Leben zu reißen.« Mein Blick trifft seine ausdruckslosen Augen. »So, wie du dich jetzt fühlst, haben sich schon viele vor dir gefühlt. Der Moment, wenn man glaubt, man könnte alle töten.« Kaum habe ich es ausgesprochen, blitzt ein scharfer Schimmer in seinen Iriden auf. Dieser verfliegt jedoch gleich und verwandelt sich in glitzernden Schmerz. Mathis erkennt das erste Mal, dass es ihm auf eine ganz bizarre Art gefallen hätte, seinen Freunden etwas angetan zu haben. Der Schmerz in seinen Augen wird immer größer, bis ihn die Tränen davon erlösen. Das bringt meinen neuen Schützling einen Schritt weiter zurück ins Leben.

 

Kapitel 6

Christopher

Viktor spricht schon seit Stunden kein Wort, weder zu mir noch zu anderen. Der Russe sitzt bloß mit verschränkten Armen und einem zerknirschten Blick in seinem Sitz. Ich glaube, er hat sich nicht mal einen Millimeter bewegt. Vielleicht schläft er mit offenen Augen? Der Zug hat sich während der Reise ordentlich geleert. Mittlerweile befindet sich kaum eine Seele in unserem Abteil und der Zug koppelt nach und nach Waggons ab. Bis nach Russland ist es ein weiter Weg, wobei die Zugfahrt das kleinere Übel darstellt. Ich bekomme Magenkrämpfe, wenn ich daran denke, zusammen mit der Stechmücke durch die kalte Eiswüste zu stapfen, auf der Suche nach Vampiren, deren Gefährlichkeit wir noch nicht einzuschätzen vermögen. Dafür ist Viktor viel zu entspannt, nahezu unbeeindruckt. Er benimmt sich so wie Benjamin, auch wenn er nicht im Geringsten einen Ersatz für ihn darstellt. Ob sich mein Begleiter dasselbe denkt? Es muss tierisch nerven, keinen festen Partner zu haben. Ich frage mich, warum er nie wieder einen neuen Partner zugesprochen bekam. Unter uns Jägern gibt es Einzelgänger und Gruppen, wir agieren nicht immer nur zu zweit. Allein würde ich mich niemals einem Vampir stellen wollen. Ob die Stechmücke anders darüber denkt? Ist es ihm lieber, die Untoten allein zu jagen, mit der Gefahr, zu sterben, ohne dass ihm jemand helfen kann?

»Was ist?« Komarows bedrohlicher Akzent weckt mich aus meinen Gedanken. Ich bemerke, dass ich ihn anstarre.

»Nichts, ich habe geträumt. Viktor, kann ich dich etwas fragen?« Er zuckt mit den Schultern, ein Nein war das jedenfalls nicht. Ich halte inne. Plötzlich steigt die Befürchtung in mir auf, ihn mit der folgenden Frage einzuschüchtern. Viktor scheint nicht die Art Mensch zu sein, die gern über Gefühle spricht. Also rudere ich schleunigst zurück. Da er nun jedoch eine Frage erwartet, quetsche ich den ersten Gedanken aus meinem Mund, der mir kommt. »Kennst du dich in diesem Teil Russlands aus?« Überrascht hebt er eine Augenbraue.

»Sicher nicht. Weißt du überhaupt, wie groß das Land ist? Es braucht mehr als ein Leben, um jeden Ort zu kennen. Wenn man nicht vorher erfroren ist.«

Hitze steigt mir ins Gesicht. Was für eine peinliche Frage. Danke, Gehirn! Verlegen schaue ich aus dem Fenster. Die Sonne bahnt sich ihren Weg zurück zum Horizont und unser Zug wird langsamer. Noch ein Halt, dann sind wir am Ziel. Das rumpelnde Geräusch des entkoppelten Waggons steigert meine Nervosität - ein Gefühl, das ich schon lange nicht mehr spürte. Mag es an Viktor Komarow liegen, oder daran, dass wir auf dem Weg in eiskaltes, unbekanntes Terrain sind.

»Mir ist bewusst, dass du dir Sorgen machst. Nichts raubt einem mehr die Nerven als der falsche Partner. Aber du wirst schon damit klarkommen. Diese Situation habt ihr euch selbst zuzuschreiben.« Viktor lehnt sich zurück in den Sitz, als wir in einen Tunnel einfahren. Das dunkle Flimmerlicht im Abteil lässt ihn noch bedrohlicher wirken. Diese Behauptung lasse ich jedoch nicht auf mir sitzen.

»Benjamins Instinkt lügt nie. Ich hatte zu keiner Zeit das Gefühl, in Gefahr zu sein. Und trotzdem hätte ich ihn beschützt!«

»Beruhige dich wieder, malen’kiy pryzhok